Ein Tag im Leben der Paula – Constanze - Sabine



Auch wenn man mit einem Mal zu dritt in einem einzigen Gehirn sitzt (ziemlich eng!), geht das Leben weiter wie gewöhnlich. Am Morgen steht Paula Pfaff noch schlaftrunken auf und bringt sich mit zwei Tassen Kaffee in Schwung. Sie ertappt sich dabei, den Süßstoff durch Zucker zu ersetzen. Zucker! Danach frühstückt sie gemütlich mit dem Töchterlein, dessen Alarmglocken zu schrillen beginnen, als das Muttertier um das Nutellaglas bittet.

»Nur mal probieren – ich streiche das Zeug auch ganz dünn auf mein Knäckebrot.«

Alina schaut Paula aufmerksam zu, wie sie hineinbeißt und genüsslich kaut. »Schmeckt's?« »Hmmmm.« »Du weißt aber schon, was da alles drin ist?« »Hmmmm.« »Irgendwo habe ich gelesen, Nutella wäre bei Frauen in der Menopause Gift. Ich glaube, es war in deiner Kolumne.« Paula schüttelt den Kopf. Paula hat keine Kolumne. Constanze hat eine. Constanze liegt gefesselt und geknebelt in einer dunklen Abstellkammer des Gedächtnisses.

Aber nicht mehr lange. Kaum hat Paula ihr Töchterlein vor der Schule abgesetzt, befreit sich Constanze aus ihrem Verlies und denkt: Oh mein Gott, ich habe heute Morgen ein Nutellabrot gegessen! Das ist Gift für Frauen in der Menopause! Die noch immer vorhandene und deshalb nicht verschnürte Paula ruft dazwischen: Ich bin noch nicht in der Menopause! Ach?, zickt Constanze nur und bringt Paula für die nächsten Stunden zum Schweigen.

Sie betritt das Redaktionsgebäude, den Fahrstuhl lässt sie links liegen. Constanze ist stinksauer. Nur weil Paula auf ihre alten Tage völlig die Kontrolle über ihren Willen und ihren Körper (oder das, was davon übrig ist) verliert, muss sie jetzt Treppen steigen! Na warte! An ihrem Schreibtisch gelandet (völlig außer Puste), fährt Constanze sogleich den Rechner hoch. Rhabarberjoghurt! Wer hätte gedacht, dass ein Menschenhirn zu solchem Sadismus fähig sein könnte? Nächste Woche werden Millionen von Frauen ihren Tag mit einem Säureschock beginnen. Die Mundwinkel werden sich krümmen, die Gesichtsmuskeln entgleisen, aber der Verstand (oder das, was davon übrig ist) wird beruhigend verkünden: Es ist gesund. Es macht dich schlank und begehrenswert. Die Männer werden Schlange stehen.

Ja, werden sie auch. An den Schaltern der Fluggesellschaften und der Deutschen Bahn. Sie wollen dieses Land der rhabarbergeschädigten Frauen fluchtartig verlassen. Constanze grinst. Gut so!

Ab und zu, wenn sie einen Schreibkrampf in die Finger kriegt, schaut sich Constanze um. Ella, die Arme. Seit Tagen sitzt das arme Ding traurig an seinem Tisch, die Gedanken weit weg bei einem Typen, der inzwischen längst im Paradies der idealgewichtigen Frauen wildert. Vor ihr liegt eine prallgefüllte Bäckertüte. Sie scheint niemals leer zu werden, obwohl Ellas Hand von Zeit zu Zeit hineingreift, mit einem Stück Zimtkuchen, Puddingschnecke oder Marzipanblätterteig herauskommt und das Zeug gedankenverloren in den Mund befördert, wo es noch gedankenverlorener zerkaut und geschluckt wird. Männer!, denkt Constanze. Ohne Männer wäre das Leben... irgendwie unvollständig und ich meinen Job los. Sie hat das Buch dieser Schriftstellerin gelesen – heißt sie nicht Louise Krämer? - »Frauenroman« heißt es, in dem eine Welt ganz ohne Männer beschrieben wird. Schön. Es ist eine Welt ohne Rhabarber und Bäckertüten, die niemals leer werden. Eine Welt ohne Pfunde, die wie Tumore wuchern. Eine Welt – ohne Constanze Corzelli, denn in einer Welt ohne Männer braucht man keine Diät.

Dann naht die Mittagspause. Paula nimmt den Knebel aus dem Mund und steckt ihn Constanze in den ihren. Die wehrt sich dagegen, doch umsonst. Hilflos muss sie mit ansehen, wie Paula, diese Tonne auf zwei Beinen, zum Café Meier aufbricht. Und sie benutzt den Fahrstuhl! Vorher hat sie Ella, die immer noch mit ihrer Bäckertüte beschäftigt ist, tröstend übers Haar gestrichen und ein paar aufmunternde Worte hinterlassen.

Im Café Meier wartet schon Thea auf die neue Freundin. Küsschen links, Küsschen rechts. Elvira, das alte Servierfräulein, versteht die Welt nicht mehr. Irgendetwas ist passiert. Die Pfaff lässt den Salat Salat sein und bestellt stattdessen eine Gulaschsuppe mit Weißbrot. Zwei Scheiben, bitte! Und die Eiskarte! Oder wollen wir heute einen kleinen Gruß des Konditors zum Nachtisch verputzen? Einen dieser cremigen Cupcakes?

»Du siehst super aus!« sagt Thea. »Mindestens... fünf Jahre jünger! Du strahlst richtig!«

Paula hört es gerne und strahlt noch mehr. Sie nippt an ihrem Cappuccino und badet die Zunge in der bittersüßen Köstlichkeit.

»Mir geht’s auch prima«, bestätigt sie.

Noch. Nach einer Stunde nämlich ist die Mittagspause vorbei. Die beiden Frauen verabschieden sich, Küsschen links, Küsschen rechts. Paula überquert die Straße und während sie das tut, packt sie eine harte Hand von hinten und steckt ihr einen Knebel in den Mund. Constanze, die sich von dem ihren befreit hat. Constanze, die den Aufzug links liegen lässt, wieder stinksauer ist – und völlig außer Puste, als sie die Redaktionsräume betritt. Sie geht an Ellas Schreibtisch vorbei, dessen Besitzerin ihre Mittagspause damit verbracht hat, zwei Puddingstückchen, einen besonders widerwärtigen Schokoklops sowie zwei Nougat-Marzipan-Hörnchen auf den Weg der Verdauung zu schicken.

»Reiß dich zusammen!« zischt Constanze der Freundin zu. »So schwere Knochen hast selbst du nicht, dass damit 80 Kilo zu erklären wären!«

»82«, schluchzt Ella und greift abermals in die Bäckertüte.

»Frag den Hausmeister, ob er dir einen stabileren Stuhl besorgen kann. Sonst gibt es hier in den nächsten Tagen eine Katastrophe.«

Wieder an ihrem Schreibtisch, überlegt sich Constanze die nächste Gemeinheit. Die Spinat-Sauerkraut-Diät! Auf der Stelle wird es Constanze übel. Oder doch Paula? Egal. Spinat: igitt. Sauerkraut: igitt. Spinat-Sauerkraut: herrlich! Schön durchmischt, von Ludwig ansprechend fotografiert, im Hintergrund eine süße kleine Katze, die sich übergibt. Äh, nein, die neidisch auf die Pracht schaut und denkt: Und ich muss wieder den Rest vom Fisch runterwürgen.

So vergeht der Arbeitstag. Feierabend. Ella ist bereits gegangen, wahrscheinlich in die Bäckerei, um ihre Tüte neu befüllen zu lassen. Constanze verlässt das Haus – sie stellt den linken Fuß auf die erste Treppenstufe, da geschieht es schon wieder. Paula hat sich angeschlichen und stopft Constanze den Knebel zwischen die Zähne. Dann nimmt Paula ihren Fuß von der Stufe, dreht sich um und geht zum Fahrstuhl.

Sie holt Alina aus der Schule ab, muss eine halbe Stunde warten, weil Alina schnell noch Björn Tschüss sagen will, Björn mit der süßen Skaterfrisur, Björn, der Bauchlose, Björn, der jeden Morgen eine Stunde braucht, um seine Pickel abzudecken. Aber sonst sieht er richtig knackig aus.

Daheim, endlich. Heute gibt es Spaghetti Carbonara, Alina hat sie sich gewünscht.

Speckwürfel! Parmesan! Sahne! Teigwaren! Eier! Und weil man stilecht italienisch essen soll, gibt es als Nachtisch nichts Geringeres als – Tiramisu! Gut, nicht selbstgemacht, sondern gestern vorsichtshalber aus der Tiefkühltruhe des Supermarktes gezogen. Schmeckt trotzdem lecker!

Alina hat sich inzwischen an die Launen älterer Menschen gewöhnt. Sie sind halt so. Jahrelang erzählen sie einem etwas von Kaloriensparen und den Tücken des Zuckers, dann machen sie einen Schwenk um 180 Grad und schlemmen bis sie platzen. Mama ist mit Männern durch, so viel steht fest. Sie hat resigniert und ersetzt Männer ab sofort durch Mascarpone. Soll sie. Wer weiß, wie schrullig man selber im Alter einmal sein wird. Außerdem schnarcht Mascarpone nicht. Es liegt einem nur schwer im Magen.

Es ist später Abend geworden. Ruhig. Ruhig? Nur äußerlich? Im Gehirn einer Frau kommt es zu Tumulten. Constanze hat den Knebel aus ihrem Mund gespuckt und jetzt schimpft sie auf Paula ein, die ihrerseits auf Constanze einschimpft.

Du Vielfraß! Du Menschenquälerin! Stell dich sofort auf die Waage und schäm dich! Tu ich nicht! Die Waage ist eh kaputt! Du wirst als Fettfleck enden! Na und? Lieber ein Fettfleck als... ein Trauerkloß. Minutenlang geht das so, immer lauter streiten sich die Damen in diesem armen Kopf. So laut, dass schließlich Sabine erwacht, Sabine Müller. Sie schaltet den Computer ein und ruft ihre Facebookseite auf. Sabine Müller hat inzwischen 207 Freunde, fünf davon sind unzweifelhaft Heiratsschwindler, Männer, die sich »Sigurd von Kraminski« nennen und wahrscheinlich Horst Pischikowski heißen. Egal. Man kann mit ihnen folgenlos flirten und ihre Betteleien, doch endlich mal ein Foto von sich zu zeigen, kaltlächelnd ignorieren.

Aber deshalb ist Sabine nicht zu Facebook gegangen. Sie stopft Paula und Constanze Knebel in den Mund, verfrachtet sie in die Abstellkammer und sperrt die Tür ab. So.

Längst ist aus der Seite der fetten Frauen eine Constanze-Corzelli-Hassseite geworden. Immer wenn die Wellen allzu hoch werden, schaltet sich Sabine Müller, die Ärztin, ein und glättet sie wieder. Natürlich ist Constanze Corelli eine Witzfigur, schreibt sie, aber das solle doch bitte nicht dazu führen, lebensmitteltechnisch über die Stränge zu schlagen. Gesunde Ernährung müsse nicht gleich zur Selbstkasteiung ausarten, manchmal dürfe man sich ruhig etwas Kalorienreiches gönnen. Ansonsten: immer in Maßen essen. Nicht an die Figur denken, sondern an das eigene Wohlbefinden.

Das kommt an. Sabine Müller ist eine Autorität, ihre Beiträge erhalten Likes im dreistelligen Bereich. So wünscht man sich eine Ärztin! Immer verständnisvoll, aber zugleich auf das Wohl ihrer Patientinnen bedacht! Sogar Paula würde den Daumen heben, aber sie kann nicht. Sie liegt neben Constanze in der Abstellkammer, die beiden können sich nicht rühren – und das ist auch gut so. Sie würden sich sonst zerfleischen.

Dann ist es Zeit, den Tag zu beenden und ins Bett zu gehen. Alle drei Frauen im Kopf sind müde geworden. Paula schleicht sich auf Zehenspitzen an Alinas Zimmer vorbei, Alina schläft schon (Alina schläft nicht. Sie simst unter der Bettdecke mit Björn). Endlich im Bett! Satt. Mit leicht schlechtem Gewissen. Egal. Wieder ein turbulenter Tag, den man abhaken kann. Morgen folgt der nächste.