Das Schicksal zählt keine Kalorien


Ich habe Recht behalten: Das Café Meier ist leer bis auf eine hagere Frau in der Ecke, die gerade herzhaft in ein belegtes Brötchen beißt, als ich reinkomme und meinen Stammplatz am Fenster ansteuere. Die Angestellten aus den umliegenden Büros sind schon gegangen, die älteren Damen noch nicht eingetroffen, um sich bei ihren Kaffeekränzchen lautstark auszutauschen. Elvira, die Bedienung, schlurft müde herbei, dreißig Arbeitsjahre haben sie plattfüßig werden lassen, ich öffne den Mund, um meinen täglichen Salat zu bestellen, aber Elvira winkt ab und sagt: »Salat, alles klar.« Ich nicke, als hätte sie »Gleich geht’s zum Galgen« gesagt.

Ja, ich bin dumm, ich weiß das selber! Keine Diät der Welt wird mein Bindegewebe dazu überreden können, doch bitte schön nicht zu erschlaffen. Kein Idealgewicht mich davor bewahren, dass die Fettpölsterchen durch faltige Haut ersetzt werden. Wie wird das enden? Mit einem Botoxdepot hinter der Stirnhaut, ein paar routinierten Chirurgenschnitten in mein Fleisch, immer weiteren Kleidern, die mir wenigstens die Illusion lassen, den Hauch einer Taille haben zu können. Und für wen das alles? Für die anderen. Für Männer, die mich nicht begehren und die ich nicht mehr begehre, für Frauen, die neidisch werden und ein schlechtes Gewissen haben sollen. Irre.

Elvira serviert den Salat. Er sieht aus wie immer: liebevoll zubereitet – und trostlos. Grüne Blätter über einem Häufchen Mais und drei versprengten Erbsen, ein Stück Tomate versteckt sich unter einem halben Ei, das mir warnend »Vorsicht, ich bin eine Cholesterinbombe!« entgegen schreit. Zu spät. Ich ersteche es mit der Gabel und stecke es in den Mund, kaue langsam.

Die hagere Frau hat inzwischen ihr Brötchen aufgegessen und spült mit Cappuccino nach. Cappuccino! Geschäumte Milch! Zucker! Na, sie kann es sich leisten, dafür hat sie weniger Busen als ich. Sie winkt Elvira zu sich, die setzt ihre Plattfüße in Bewegung. Ob ich mir auch eine Arbeit suchen sollte, bei der ich den ganzen Tag auf den Beinen bin? Lenk nicht ab, Paula. Was dir fehlt, ist Sport. Dabei bin ich stolze Besitzerin eines Abonnements im angesagtesten Fitnessstudio der Stadt! Ich weiß auch, wie man hinkommt, aber ich war schon lange nicht mehr dort. Einen deprimierenderen Ort kann ich mir nicht vorstellen. Sollten Fitnessstudios nicht dazu da sein, Menschen fit zu machen? Unter ihrem Gewicht ächzende arme Menschen wie mich? Sollten sie. Und wer lungert dort stattdessen rum? Junge Dinger mit Modelmaßen, muskelbepackte Typen, die auf junge Dinger mit Modelmaßen stehen, die ihrerseits auf muskelbepackte Typen stehen, die auf... und so weiter. Ein Teufelskreis.

Elvira und die Hagere reden leise miteinander. Schaut die Hagere nicht zu mir rüber? Reden die etwa über mich? Über das arme Hascherl, das lustlos in seinem Salat blättert und gerade überlegt, ob es mal so richtig über die Stränge schlagen und die Scheibe Weißbrot verlangen soll, die eigentlich zum Salat gehört? Elvira lässt sie seit Jahren automatisch weg, weil sie genau weiß, dass ich sie nicht anrühre. Weißbrot, oh mein Gott!

Nein, den Mut bringe ich einfach nicht auf. Elvira schlurft an mir vorbei Richtung Kuchentheke, sie beugt sich hinunter zur – Schwarzwälderkirschtorte! Sie schneidet ein großzügiges Stück ab, legt es auf einen Teller, schlurft zurück in den Gastraum, wieder an mir vorbei – oh, ich glaube die Köstlichkeit zu riechen! - und stellt die kulinarische Todsünde vor die Hagere. Deren Gesicht mutiert augenblicklich zu einem Honigkuchen. Ich hasse hagere Frauen!

Sie scheint keine Leserin meiner Kolumne zu sein, sonst wüsste sie, was sie gerade ihrem Körper antut. Sie überschwemmt ihn mit Fett, Kohlehydraten und Cholesterin, sie bringt ihre Körperzellen in unfassbare Bedrängnis, sie verplempert drei Minuten Lebenszeit, die ihr der gerechte Schöpfer am Ende gnadenlos abziehen wird. Und warum? Genuss! Damit sie das Teufelszeug hemmungslos in ihr Honigkuchengesicht schaufeln kann!

Wie kann ein erwachsener Mensch nur so unvernünftig sein! Wenn sie wenigstens ein schlechtes Gewissen hätte! Aber nein, sie scheint es tatsächlich zu genießen! Ob ich eine Bürgerinitiative starten sollte, die das Genießen in Cafés verbieten will? Mit dem Rauchen hat es ja auch geklappt. Wer partout nicht auf seine Schwarzwälderkirsch verzichten möchte, soll sie gefälligst draußen vor der Tür verzehren! Bei Wind und Wetter! Mit einem schlechten Gewissen! Und aus einem versteckten Lautsprecher liest eine anklagende Stimme meine Kolumnen vor!

Reg dich ab, Paula. Widme dich deinem Salat, er kann doch nichts dafür. Er gibt sich solche Mühe, deine eh schon miserable Laune noch schlechter werden zu lassen. Und es gelingt ihm. Braver Salat. Blöder Salat. Ich werde dich am Leben lassen, wenigstens deine grünen Blätter. Vielleicht sammelt sie Elvira in einer großen Tüte und gibt sie später den Kaninchen.

Ich trinke meinen unglaublich gesunden grünen Tee aus und begebe mich in die sanitäre Einrichtung. Okay, ich könnte auch Toilette oder gar Klo sagen, aber meine Laune ist mittlerweile so schlecht, dass ich nicht auch noch sprachlich ordinär werden möchte. Der Spiegel. Ich werde in das Glas schauen und meinen Lippenstift nachziehen müssen. Mir muss das unfassbare Kunststück gelingen, dabei die tiefen Falten auf meiner Stirn zu übersehen, gar nicht zu reden von den Mundwinkeln, die inzwischen selbst dann herunterhängen, wenn ich zu lächeln versuche.

»Sieht aber noch gut aus!«

Die Hagere. Hab sie gar nicht kommen hören, was kein Wunder ist. So wenig wie die wiegt, schwebt sie fast über den Boden und die Tür zu den sanitären Anlagen ist gefährlich lautlos.

Will die mich etwa anmachen? So sieht sie nämlich aus. Kurze dunkle Haare, das Gesicht nicht uneben, aber eher maskulin. Jeansanzug. Oder macht sie sich über mich lustig?

Gott sei Dank gibt es hier zwei Spiegel. Sie parkt ihr Gesicht im zweiten und zieht ihre Lippen nach. Lila. Aha. Ich enthalte mich jeglichen Kommentars und ordne meine Haare.

»Also ich finde, für einen kleinen Snack ist das Café Meier ideal. Kommen Sie oft hierher?«

Kleiner Snack? Die hat in zehn Minuten mehr vertilgt als ich am ganzen Tag! Und was geht es die an, wie oft ich hier bin? Ich brumme etwas Undeutliches, das wie »jaja« klingt und schiebe ein etwas verständlicheres »Kommt drauf an« nach.

»Auf was?« fragt sie lachend und schaut zu mir rüber.

»Wie ich es zeitlich gebacken kriege mit der Mittagspause«, antworte ich und prüfe noch einmal den korrekten Sitz des Lippenstifts.

»Arbeiten Sie hier in der Nähe?«

Mensch, ist die neugierig!

»Direkt gegenüber«, sage ich knapp und wende mich zum Gehen. Ob ich »Auf Wiedersehen« sagen soll? Sie ist schneller.

»Aha, beim Feind also!«

Aha? Ich schicke ihr meinen durchdringendsten Hexenblick hinüber. Konkurrenz! Drei Straßen weiter residiert die Redaktion von Frau mit Verstand. Eigentlich beackern sie die gleichen Themen wie wir, nur streuen sie mehr Fremdwörter in ihre Artikel ein und nennen das dann »intellektuell«. Da hat Prinz Harry »eine potente Aversion gegen Erwerbsarbeit« - bei uns ist er einfach nur ein fauler Partylöwe. Frauen mit Übergewicht sind »adipös«, was mich immer an einen Sportartikelhersteller erinnert, und wenn für uns eine Sache klar wie Kloßbrühe ist, dann für Frau mit Verstand natürlich »unbezweifelbar evident«.

Eigentlich verirrt sich keine der Redakteurinnen unseres Konkurrenzblattes ins Café Meier. Die trinken ihre Latten stilecht »chez Albert«, einem aufgepimpten Laden, in den wir wiederum niemals auch nur eine Zehe setzen würden. Jetzt ist es also passiert. Zum ersten Mal stehe ich einer dieser bildungsbeflissenen Schnepfen gegenüber, vor den Spiegeln auf dem Damenklo und denke: Genau. So habe ich mir die immer vorgestellt. Wahrscheinlich hat sie sich das fünfte Klavierkonzert von Rachmaninow als Klingelton aufs Handy geladen.

»Feind?« wiederhole ich das F-Wort lauernd. Wir schießen uns gegenseitig Pfeile in die Augen, sehr lange, mindestens zehn Sekunden, wie in Western, kurz bevor die Colts sprechen. Wenn sie jetzt eine dumme Bemerkung macht, freut sich ihr Schönheitschirurg über ein gebrochenes Nasenbein. Schönheitschirurg? Entweder hat sie keinen oder einen entsetzlichen Stümper, dieses potthässliche Mannweib.

»Naja«, lächelt sie nun und entspannt sich ein wenig, »nicht direkt Feind. Aber mal ehrlich: Das Frauenbild, das sie da liebevoll aufpäppeln, ist doch von vorgestern. Vor allem diese Schlankheitshysterie.«

Sie hat natürlich Recht, aber das würde ich niemals zugeben. Wir produzieren eben Träume, wir vermitteln Werte, wir geben unseren Leserinnen Halt in einer haltlosen Welt. Klingt doch gut, oder? Unsinn klingt meistens gut.

»Keine Journalistin?« frage ich nach.

Sie schüttelt resolut den Kopf. »Um Himmelswillen! Ich bin Gymnasiallehrerin für Deutsch und Sozialkunde, Thea Braake, angenehm.« Sie hält mir ihre Schüttelhand hin, ich nehme sie. »Paula Pfaff... Sekretärin.« Und dann lachen wir beide los, völlig ohne Grund.

»Darf ich dich zu einem Espresso einladen, Paula?«

Hm, Zeit habe ich eigentlich keine. Andererseits könnte man das hier als eine missionarische Tätigkeit verstehen. Die Errettung einer armen, Frau im Spiegel der Welt – losen Seele, die, ganz nebenbei, sicherlich Dutzende von jungen Mädchen unterrichtet, alle potentielle Leserinnen unseres Blattes.

Also sage ich, als wir wieder im Gastraum sind, »gerne« und wir setzen uns an Theas Tisch. Elvira wird herbeigerufen und mit der Beschaffung der Espressos (die schwindsüchtigen Weiber von Frau mit Verstand würden jetzt »Espressi« korrigieren) beauftragt. »Aber mit einer Extraportion Zucker, bitte!« schärft Thea der Serviererin ein. Mir läuft es kalt über den Rücken.

Und wieso duzen wir uns eigentlich schon? Keine Ahnung.