Fehdehandschuh
Redaktionsschluss. Das klingt wie »Jüngstes Gericht« und »Überfall der Killerameisen« zusammen. Es herrscht helle Aufregung vor den Monitoren, man starrt entsetzt auf weiße Flächen, die nach Buchstaben gieren. Punkt acht Uhr, normalerweise kocht man sich erst einmal einen Kaffee, tauscht sich über die neuesten Klamotten aus oder gießt die Blumen. Jetzt sitzt sogar die Hungerbühler vor ihrem Computer und transpiriert, als bekäme sie es bezahlt. Dieses Bild baut mich sofort auf, ich habe es auch bitter nötig.
Rhabarber, Rhabarber. Ich rufe meine Kolumnenmaske auf, wo mich Ludwigs Foto schon erwartungsvoll angrinst und »Schreib mir endlich einen Text!« fordert. Die ersten zwanzig Zeilen gehen auch flott von der Hand, der Rhabarber im Wandel der Zeiten, der Rhabarber als natürliches Abführmittel, kein Obst, sondern Gemüse. Aber dann. Was, bei Gott, kann man mit Rhabarber anstellen, ohne Zucker zu verwenden? Als natürliches Brechmittel will ich ihn lieber nicht empfehlen.
»Mach doch wieder Kuchen!« sagt Ella, die mir über die Schulter schaut, etwas, das ich besonders liebe. Na, die hat gut reden! Ella schreibt alle zwei Wochen die Partnerschaftsberatungsseite voll, was ihr keine Schwierigkeiten bereitet. Immerhin kann sie auf gut einhundert turbulente Männerbeziehungen zurückblicken, mehr Tragödien als Ella erlebt hat, konnte sogar Shakespeare nicht schreiben.
»Kuchen? Ich muss schon bei dem Gedanken an Rhabarberkuchen kotzen!«
Ella merkt sogleich, dass ich nicht die beste Laune habe und verdrückt sich. Rhabarber, Rhabarber! Mir steht der Kopf nicht nach Rhabarber! Die fetten Frauen von Facebook gehen mir nicht aus dem Kopf, das heißt... sie gehen gerade Constanze Corzelli nicht aus dem Kopf. Diese krummen, saftlosen Rhabarberstangen! Diese verschrumpelten... und dann passiert es.
Während Paula Pfaff Blut und Wasser schwitzt und den Rhabarber als Obst und Gemüse gleichermaßen verflucht, hat sich Constanze Corzelli auf ihre optimale Betriebstemperatur erhitzt. Keine Diättipps heute! Keinen Rhabarberkuchen! Alles löschen, auch Ludwigs verlogenes Bildchen! Stattdessen beginnt Constanze wie von Furien getrieben zu tippen.
»Liebe Leserinnen! Seit nun genau zehn Jahren – ja, Sie haben richtig gelesen! - hilft Ihnen unsere Zeitschrift bei einem der drängendsten Probleme, mit denen Frauen konfrontiert werden. Warum sehe ich nicht so aus, wie ich aussehen möchte? Warum leide ich jeden Tag bei jedem Bissen, weil er mich weiter von der Frau entfernt, die ich sein will? Schlank und schön, gesund und begehrenswert... Gesunde Ernährung, das haben wir uns zum Ziel gesetzt! Gesunde Ernährung, die gleichzeitig den Körper in jene Proportionen zurückbringt, die nicht nur Ärzte gerne sehen, sondern auch Männer... Gut, man kann das kritisieren! Aber machen wir es wirklich für die Männer? Machen wir es nicht viel mehr für uns selbst? Natürlich ist es so! Jede Frau möchte im Spiegel die Frau erblicken, die sie tief in ihrem Inneren ist – und die sie auch in ihrem Äußeren sein sollte. Diese Entscheidung trifft man selbst – und man kann sich auch anders entscheiden. Auch dicke Frauen können glücklich sein! Nur: Warum sind es so wenige?
Was aber gar nicht geht: Wenn Frauen, die uns kritisieren, damit anfangen, uns zu verleumden! Wenn unser legitimer Wunsch, gesund und schlank zu sein, lächerlich gemacht wird. Das ist intolerant! Zufällig stieß ich neulich bei Facebook auf eine Seite, die sich »Die fetten Frauen« nennt. Merkwürdig nur, dass die Frauen, die hinter dieser Seite stehen, alles andere sind als »fett«. Sie sind viel mehr – mager. Verhärmt. Unzufrieden. In einem »Manifest« beleidigen sie UNS ALLE, sie nennen uns abwechselnd Opfer und Verbrecher, sie diskreditieren damit die Arbeit, für die ich seit zehn Jahren meinen Namen und mein Gesicht hergebe. Meine Arbeit am gesunden Körper und an der gesunden Seele! Meine Arbeit für Sie, liebe Leserinnen!
Verstehen Sie mich nicht falsch: Jeder Mensch hat das Recht auf eine eigene Meinung! Jeder Mensch hat zudem das Recht, diese Meinung öffentlich zu äußern! Aber sehen Sie sich diese Frauen an! Schon aus ihren Mienen spricht die Missgunst! Nein, diese Frauen sind nicht »fett«, aber sie sind dennoch mit sich selbst nicht im Reinen. Das ist schlimm. Nur, was verleitet sie dazu, die wirklich Leidenden, die übergewichtigen Frauen, so zu verführen? Was berechtigt sie, UNS, die wir nichts weiter wollen als gesunde und glückliche Leserinnen, auf diese gemeine Weise zu diskreditieren?
Nein, damit bin ich nicht einverstanden. Seit zehn Jahren erlebe ich, wie sehr meine kleine, bescheidene Kolumne Ihnen, liebe Leserinnen, hilft. Sie schreiben mir Briefe – und ich beantworte jeden! Sie machen mir Mut auch dann, wenn sie selbst mutlos sind. Was Sie am wenigsten brauchen, sind die schlechten Ratschläge schlechtgelaunter Frauen. Ist es nicht so? Keine Angst, liebe Leserinnen, am Ende werden wir siegen. Diese Kolumne wird nun zehn Jahr alt, sie wird langsam erwachsen. Und sie wird sich weiterhin für Sie einsetzen, ICH werde mich für SIE einsetzen, mit all meiner Kraft und meiner Erfahrung. Niemand wird das Band, das längst zwischen uns geknüpft ist, zerstören können. Am allerwenigsten ein paar magere Frauen, die gerne »fett« wären, aber noch nicht einmal das auf die Reihe kriegen.
Bis zum nächsten Mal, Ihre Constanze Corzelli, CC für Ihre Freundinnen.«
Geschafft! Constanze Corzelli zwingt den rechten Zeigefinger von Paula Pfaff, den Artikel in der Maske zu speichern. Achtzig Zeilen Wahrheit! Sie möchte schreien vor Freude, doch der Mund von Paula Pfaff bleibt zu. Er öffnet sich erst, als die Redakteurin merkt, dass wieder Ella hinter ihr steht und mitliest.
»Super! Und diese Tussen gibt es wirklich? Das ist doch die Höhe! Aber denen hast du es gegeben!«
Ich erwache wie aus einem Traum. Was ist los? Wer hat das geschrieben? Egal, ich kann es ja noch löschen... Ella klopft mir auf die Schultern. »Das musste einfach mal gesagt werden! Was meinst du, was ich mir manchmal von meinen Ex-Studienkolleginnen anhören muss, wenn sie erfahren, für wen ich was arbeite! Diese Sozialpädagoginnen und Betriebswirtinnen, dabei möchte ich wetten, die lesen auch unsere Zeitschrift, wenn es niemand merkt.«
Ich nicke geistesabwesend. Eigentlich hat Ella Recht. Wir haben es nicht verdient, als Verbrecher bezeichnet zu werden, selbst wenn man über Sinn und Unsinn von Diäten streiten kann. Aber diese fetten Frauen streiten ja nicht, sie verurteilen uns!
Und außerdem, ganz ehrlich: Die Vorstellung, mich jetzt doch wieder über den Rhabarber auslassen zu müssen, jagt mir einen kalten Schauer über den Rücken.