Was reimt sich auf Rasmus?


»Na, wie war's?«

»Supi«, sage ich und streiche Nutella auf mein Knäckebrot. Alina legt den Kopf schief. Das hat sie von ihrem Vater und das heißt »Ich glaub dir kein Wort«. In den letzten Monaten unserer Ehe kannte ich meinen Ex praktisch nur mit schiefgelegtem Kopf.

»Du siehst irgendwie komisch aus«, sagt Alina.

»Das ist die neue Frisur«, halte ich dagegen.

»Nö. Die ist auch gar nicht wirklich neu, so läufst du immer rum. Du siehst innerlich komisch aus.«

Mein Gott, mein Töchterlein wird psychologisch! Hoffentlich studiert sie das mal nicht.

»Ach, und das siehst du von außen?« Ich beiße herzhaft die halbe Knäckebrotscheibe weg, der Kaulärm ist ohrenbetäubend.

»Bist du etwa verknallt? Kenne ich ihn?«

»Nein!« sage ich viel zu laut. Mein Kopf beginnt sofort zu brummen.

»Aha, ich kenne ihn also nicht, aber du bist verliebt?«

»Nein!« (noch lauter) »Ich bin nicht verknallt und außerdem kenne ich ihn selber kaum.«

»Neuer Arbeitskollege?« Unfassbar, was für ein schlaues Kind ich auf die Welt gebracht und großgezogen habe.

»Ja.«

»Wie heißt er? Wie sieht er aus? Hat er Interesse? Ist er solo? Wann lerne ich ihn kennen? Willst du ein Kind von ihm?« Zu viele Fragen. Eine Antwort.

»Er heißt Rasmus.«

Alinas Mund formt ein entsetztes »O«.

»Rasmus? Du weißt aber schon, was sich darauf reimt?«

»Ich schon! Aber du solltest es noch nicht wissen!«

»Mensch Mum, ich bin siebzehn!«

Stimmt. Wir reden nicht drüber, aber tief in meinem Innersten weiß ich natürlich, dass mein Baby längst kein Baby mehr ist, sondern durchaus weiß, wie man Babys macht. Auch schon praktisch. Im Moment ist das Leben eine große Übungs- und Lehrwerkstatt für sie. Sie sucht sich gerade das passende Werkzeug namens Mann.

Wir beenden unser Frühstück und machen uns auf den Weg. »Heute Abend koche ich«, verkündet Alina, kurz bevor wir die Schule erreicht haben. Diese Ankündigung ist so sensationell, dass ich beinahe die Kontrolle über den Wagen verliere und ein Stück über den Bürgersteig brettere.

»Freut mich. Was gibt’s?«

»Überraschung. Du magst doch Lauchauflauf, oder?«

Lauchauflauf. Versuchen Sie mal, dieses Wort dreimal hintereinander auszusprechen. Was ist nur mit meiner Tochter los? Ich mache mir ernstlich Sorgen.

Ich sollte mir lieber über etwas anderes Sorgen machen. Darüber zum Beispiel, dass ich im Treppenhaus zwei Minuten stehenbleibe und mich nicht entscheiden kann, ob ich den Fahrstuhl benutzen soll oder nicht. Die beiden Seelen in meiner Brust. Sabine Müller gar nicht gerechnet.

Ich entscheide mich schließlich für die Treppe. Schaffe es schnaufend ins Büro und bewundere als erstes Daniela Hungerbühlers tarnfarbenen Kampfanzug, der wie Gummi an ihrem Körper sitzt. Natürlich trägt sie High Heels dazu, ein arger Stilbruch.

»Du siehst heute komisch aus. Warst du beim Friseur?«

Jetzt fängt Ella auch noch damit an! »Ja! Und jetzt sag noch, ich würde innerlich komisch aussehen!« Ohne eine Antwort abzuwarten, rausche ich ab in meinen Verschlag. »Ui«, höre ich es in meinem Rücken, »du bist aber heute gut drauf. Viel Spaß bei der Redaktionskonferenz.«

Oh nein, Redaktionskonferenz! Hatte ich völlig verdrängt. Die Aussicht, dass auch Rasmus Borcherts dort anwesend sein wird, versetzt mich abwechselnd in Verzücken und Panik. Wieder die zwei Seelen. Ob das Treppensteigen eben figurmäßig etwas gebracht hat? Wenigstens fünf Gramm von meinen 2000 zusätzlichen weggeschmolzen? Und wo?`An den Nasenflügeln? Ich bin total verrückt.

Immerhin habe ich mich, so gut es mir möglich war, aufgebrezelt. Ich trage einen engen, meine zugegeben nicht sehr appetitlichen Knie umspielenden cremefarbenen Rock und darüber eine weiße Rüschenbluse, unter der sich der ebenfalls cremefarbene BH leicht abzeichnet. Dazu weiße Slipper. Besonders stilsicher mag das vielleicht nicht sein, aber es schmeichelt meiner Figur und macht mich sportlich. Hoffe ich wenigstens.

Als ich den Redaktionsraum betrete, sind alle anderen schon da. Milkers sitzt am Kopfende und schaut in die Runde. Rasmus? Sitzt neben der Hungerbühler, sie unterhalten sich angeregt. Muss jetzt nicht sein. Ich setze mich neben Ella, die sofort ein Stück von mir abrückt.

»Entschuldige«, flüstere ich ihr zu, »gestern bisschen spät geworden. Weiberabend.«

»Und wie war's?« Sie rückt wieder heran.

»Supi«, antworte ich. »Wir waren in einem vegetarischen Restaurant und anschließend in einer vegetarischen Bar, wo es leckere Gemüsecocktails gibt.«

Ella zwinkert mir zu. Mein Gott, ich kann nicht einmal mehr meine Lieblingskollegin anlügen, ohne dass sie es merkt.

Rasmus quatscht noch immer mit der Hungerbühler. Sie lächeln sich an, die Brüste der Hungerbühler strecken sich Rasmus entgegen und schreien »Nimm uns!« Wenn sie jetzt noch das Becken hebt, stehe ich auf und bringe sie um.

»Guten Morgen, meine Damen und Herren«, beginnt Milkers endlich und bringt die beiden Turteltäubchen zum Schweigen. Herr Chefredakteur, ich liebe dich.

Alles verläuft so wie immer. Wir besprechen das letzte Heft und die Reaktionen darauf, planen das neue und motivieren uns gegenseitig. Zunächst klagt Milkers natürlich wieder über den Anzeigen- und Abonnentenrückgang.

»Wir müssen uns den modernen Gepflogenheiten anpassen. Soziale Netzwerke, unmittelbarer Kontakt zu unseren Leserinnen und Lesern. Flagge zeigen. Auch durchaus so etwas wie eine Streitkultur entwickeln.«

Wieso sieht er mich dabei an? Alle anderen merken es auch und schauen mich jetzt ebenfalls an.

»Ich erwähne bloß den Shitstorm gegen Constanze Corzelli auf Facebook.«

Woher weiß er das? Woher weiß Milkers überhaupt, was Facebook ist? Vor kurzem noch hat er das Internet mit dem Browser verwechselt und den Briefträger bedauert, weil der jetzt auch E-Mails austragen muss. Aha, ich ahne es. Rasmus.

»Aber wir müssen das zu unseren Gunsten ausnutzen, wenn uns die Konkurrenz nicht überholen soll. Noch sind wir das führende Frauenmagazin der Republik! Herr Borcherts? Darf ich bitten.«

Rasmus erhebt sich, es ist mucksmäuschenstill im Raum. Neben mir streicht sich Ella instinktiv über ihren Rock. Ich hasse das.

»Ja, Herr Milkers... Meine Damen.... meine Herren... soziale Netzwerke. Einige von Ihnen sind bei Facebook, wie festzustellen ich mir erlaubt habe.«

Boah, wie der redet! Theologe!

»Aber Sie sind dort als Privatpersonen, nicht als Repräsentanten der Zeitschrift. Die, nebenbei, gar nicht bei Facebook ist.«

Ein leicht tadelnder Blick zu Milkers hin? Rasmus traut sich was, das muss man ihm lassen.

»Nun, was nicht ist, kann man leicht ändern. Ich werde in den nächsten Tagen eine Fanseite unserer Zeitschrift auf Facebook installieren. Aktuelle Informationen für die Leserschaft und direkten Kontakt zu Ihnen, den Redakteurinnen und Redakteuren. Außerdem planen wir, Herr Chefredakteur Milkers und ich, die Einrichtung eines Blogs, um gewisse Themen zu vertiefen und die Leserbindung zu intensivieren. Mit einigen der Anwesenden habe ich dabei etwas Besonderes vor« - jetzt bäumt sich diese Kuh von Hungerbühler tatsächlich auf und reckt ihr Becken in die Höhe! Na warte, du royales Miststück! - »was, das werde ich dann in Einzelgesprächen erläutern. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.«

Artig klopfen wir auf die Tischplatte. Milkers erklärt die Redaktionskonferenz für beendet, wir begeben uns zurück an unsere Arbeitsplätze. Bis auf Rasmus und die Hungerbühler. Sie bleiben sitzen und setzen ihre offenbar sehr angeregte Unterhaltung fort. Ich koche. Vor Wut natürlich.

Aber hey, was soll das? Die Hungerbühler ist zwei Jahre jünger als ich, zwischen uns steht also fast eine Generation... Und wenn er lieber mit jungen Dingern ins Bett hüpfen möchte – bitte sehr! Vielleicht zieht sie dann ja eine Tarnkappe an.