Jekyll & Hyde, Light-Version
Die nächsten Tage meide ich das Café Meier. Zu viel zu tun. Meine Kolumne hat eine Flut an Leserinnenzuschriften ausgelöst, überwiegend zustimmende Kommentare, einige haben sogar angeregt, eine Gegenseite zu den »fetten Frauen« bei Facebook einzurichten, »Die glücklichen Frauen«. Gestern in der Redaktionskonferenz hat Milkers mein Engagement hervorgehoben, »das nenne ich noch Verbundenheit zum Arbeitgeber!«. Es war mir so peinlich, dass ich einen Hustenanfall simulierte, um aufs Klo gehen zu können, wo ich abwartete, bis der Trubel vorbei war. Ella hat mir später erzählt, Milkers habe meinen Abgang als »vorbildliche Bescheidenheit« interpretiert.
Ich sollte mir ein paar Tage Urlaub nehmen. Der Frühling steht vor der Tür, er ist ein frecher Junge, klingelt und sucht schleunigst das Weite. Als ich die Tür öffne, schneit es. Ibiza soll gerade herrlich sein, sagt Heike von der Reiseseite. Aber für Heike ist gerade alles herrlich, sogar am Südpol würde sie sofort in ihren Bikini springen. Denn sie ist frisch verliebt, wie sie mir glücklich zuraunt, als wir mittags in der Kaffeeküche sitzen und uns eine Scheibe Schwarzbrot teilen.
Nein, nein, beteuert Heike, sie tue es nicht ihrer Figur wegen. Hätte ich nicht in meiner Kolumne geschrieben, Schwarzbrot sei gesund? Hm... da muss ich mal nachschauen.
»Meine Figur interessiert mich nicht mehr!« behauptet Heike, »Ich glaube, ich hab grade den Mann fürs Leben gefunden! Stell dir das mal vor!«
Ich stelle es mir vor und bemühe mich, kein düsteres Gesicht zu machen.
»... und weißt du was? Er liebt mich so wie ich bin!«
Sie kneift sich in den Bauch und ein kleines Fetthügelchen wölbt sich zwischen ihren Fingern.
»Behalte das für dich, das ist geschäftsschädigend«, entgegne ich lächelnd. »Wo kämen wir denn hin, wenn die Frauen plötzlich nur noch Männer fänden, die keine Zwillingsschwester von Heidi Klum als Gefährtin wollen.«
Heike lacht. »Och, ich glaube, die Heidi würde meinem Richard nur Angst machen. Er liebt mich, weil ich so normal bin, sagt er.«
Verrückter Kerl, denke ich, sage es aber nicht. Stimmt schon. Heike ist normal. So normal wie ein Märztag, der sich nicht entscheiden kann, ob er noch Winter oder schon Frühling sein soll. So normal wie ein Mittagsschläfchen, nachdem du eine große Portion Nudeln gegessen hast und furchtbar müde geworden ist. So normal... dass es gar nicht mehr auffällt, wie unnormal das eigentlich ist.
Meinen Sündenfall im Café Meier habe ich übrigens durch drei Tage Milchdiät ungeschehen gemacht. Morgens ein Joghurt, mittags ein Joghurt, abends ein großes Glas Milch – und noch ein Joghurt.
»Du hast doch nicht etwa einen Kerl kennengelernt?« fragt mein Töchterlein misstrauisch, als ich schon wieder auf die kleinere Hälfte der Pizza verzichte und stattdessen meinen Joghurt löffele.
»Nein, ich war schon seit Tagen nicht mehr bei Facebook«, beruhige ich sie, »die Herren Heiratsschwindler müssen sich andere Opfer suchen.«
Alina schüttelt den Kopf. »Nicht alle Männer sind Heiratsschwindler«, belehrt sie mich und stopft ein ungeheures Stück Pizza in sich hinein. Mit vollem Mund fährt sie fort: »Und außerdem verstehe ich nicht, warum du unbedingt abnehmen willst, wenn es nicht um einen Kerl geht. Oder benehmen sich Frauen so, wenn sie in die Wechseljahre kommen?«
Die Natur hat schon gewusst, warum sie es Müttern normalerweise instinktiv verbietet, ihre altklugen Töchter zu erschlagen. Die Menschheit wäre sonst längst ausgestorben.
»Ich bin nicht in den Wechseljahren!« entrüste ich mich und vergesse, den Löffel abzulecken. »Joghurt ist gesund! Würde dir auch nichts schaden. Rhabarberjoghurt zum Beispiel!«
Sofort verzieht Alina das Gesicht. »Wenn du mir das antust, Mum, lasse ich dich entmündigen! Kennst du übrigens den Witz von den Nonnen und dem Rhabarber?«
Jetzt verziehe ich das Gesicht. »Nein, ich kenne nur den von den Nonnen und den Bananen, den von den Nonnen und den Salatgurken und den von den Nonnen und...«
»... den Selleriestangen, ja, ja. Dann kennst du im Grunde auch den von den Nonnen und dem Rhabarber.« Alina lässt das letzte Stück ihrer Mahlzeit in sich verschwinden, es wird den Körper wie alles andere folgenlos durchqueren und schließlich verlassen, ohne auch nur ein Nanogramm Fett als Abschiedsgruß an die Oberschenkel zu tackern. Dieses Kind wird mir immer ein Rätsel bleiben.
Aber vielleicht hat meine Kleine tatsächlich den Nagel auf den Kopf getroffen und ich nähere mich unerbittlich jenen schrecklichen Jahren, in denen »vögeln« der falsche Plural von »Vogel« oder einfach nur ein Tippfehler ist und nichts mehr sonst. Sofort werde ich panisch. Wechseljahre! Gut, das heißt nicht zwingend, dass man keinen Sex mehr hat. Den habe ich auch so nicht. Ja, ich weiß, ich bin keine normale Frau (Heike fällt mir wieder ein, wie sie mit ihrem normalen Richard einen normalen Abend vor dem Fernseher verbringt und dann in einem normalen Beischlaf einen normalen Orgasmus erleidet und danach normal einschläft). Ich besitze nicht einmal alle Utensilien, die eine Frau für gewöhnlich in ihre Handtasche packt, kein I-Phone, keine Goldene Kreditkarte, nicht einmal einen Reisedildo.
Vielleicht sind es diese Gedanken, vielleicht sehne ich mich gerade tatsächlich nach einem starken, behaarten Arm, auch wenn er einem Heiratsschwindler gehört. Jedenfalls setze ich mich vor den Computer und logge mich bei Facebook ein. Aha, jemand macht mir eine Freundschaftsanfrage. Thea! Es überläuft mich kalt (wenigstens bekomme ich keine Hitzewallung, sonst wäre ich tatsächlich in den Wechseljahren). Sie hat eine Notiz dazugeschrieben: »Danke für deinen Mut, dass du unsere Seite der fetten Frauen magst. Deine Kollegin war ja nicht sehr amused...«
Ignorieren. Einfach so tun, als hätte es keine Anfrage gegeben. Ich habe ein schlechtes Gewissen, ich fühle mich wie eine Verräterin. Thea ist doch eigentlich sehr nett, ich habe sie ins offene Messer laufen lassen. Wahrscheinlich ist über die »fetten Frauen« inzwischen längst ein Shitstorm hereingebrochen, so nennt man das heute, wenn Leute anonym mobben.
Meine Hand zittert, als ich die Seite aufrufe. Es gibt nur einen neuen Eintrag seit meinem letzten Besuch:
»Liebe Fans dieser Seite! Hinter uns liegen turbulente Tage. Constanze Corzelli, von ihren bedauernswerten Opfern CC genannt, hat sich herabgelassen, die Hatz auf uns zu eröffnen! Gut so! Wir haben die Hasskommentare, die uns seither erreichten, zwar inzwischen gelöscht, aber nicht um zu zensieren! Nein, wir werden eine eigene Seite ins Netz stellen, um zu dokumentieren, mit welch blindwütigem Zorn unsere Feindinnen inzwischen agieren! Natürlich haben wir auch eure ermunternden und kämpferischen Kommentare, all die positiven Beistandserklärungen hier entfernt. Man soll uns nicht nachsagen, parteiisch zu sein! Wir sind objektiv. Wir wollen die Diskussion. Vielleicht wäre Frau Corzelli gut beraten gewesen, sich HIER zu äußern! Aber sie hat es vorgezogen, in ihrem Blatt über uns herzuziehen, in ihrem gewohnt blumigen und herzzerreißenden Stil. Das sagt viel aus über die Souveränität dieser Dame, die ganz tief in ihrem Herzen (oder dem, was sie Herz nennt...) weiß, dass wir Recht haben! Ja, wir haben Recht, aber wir sind nicht rechthaberisch! Wir streiten weiter für das Recht der Frauen auf ein Glück, das nicht von der Anzeige einer Waage abhängt! Auf ein Glück, das ihr zugute kommt und nicht ein paar notgeilen Typen, die sich an Modelmaßen hochziehen! Ihr fetten Frauen da draußen, unterstützt uns weiter! Es lohnt sich!«
Ich weiß nicht, warum, aber ich drücke den »Gefällt mir« - Button. Und nehme mit dem nächsten Klick Theas Freundschaftsangebot an. Die Constanze Corzelli in mir beginnt zu grummeln, aber ich ignoriere das einfach.
Vielleicht muss ich nur akzeptieren, dass ich ein gespaltenes Wesen bin. Na und? Wer ist das nicht? Mal ehrlich, meine Damen...
Huch! Rechts unten auf der Facebook-Seite ploppt das Chatfenster auf. Das ist mir nicht mehr passiert, seit Alina online von mir wissen wollte, wann endlich das Mittagsessen fertig ist. Diesmal ist es Thea.
Thea: Na du Mutige? Finde ich unheimlich couragiert von dir, dass du den Beitrag eben geliked hast. Ich hoffe, du kriegst keine Probleme auf der Arbeit deswegen.
Paula: Keine Angst, das wagen die nicht. Schlechte Presse...
Thea: Na dann... Hab dich im Café Meier vermisst. Stress?
Paula: Jep.
Thea: Morgen? Gegen eins?
Paula: Hm, mal sehen. Kann dir nichts versprechen.
Thea: Freu mich, wenns klappt! Bis denne, ich geh mal in die Heia :D
Paula: Ja, ich auch! Schlaf gut!
Schlaf gut! Wie soll man da gut schlafen?