Die fetten Frauen
Alina schläft. Wir haben den ganzen Abend gemütlich gecoucht (O-Ton einer Siebzehnjährigen) und einen unsäglich kitschigen Liebesfilm konsumiert. Junges Mädchen trifft jungen Mann, der mit einem anderen jungen Mädchen unglücklich verlobt ist, dessen Vater mit der Mutter des jungen Mannes früher ein Verhältnis hatte, sie dann aber an den Vater des anderen jungen Mädchens... und so weiter.
Danach hat Alina gegähnt, die Füße von meinem Schoß genommen und lauthals geschworen, »so einen elenden Kack« nie, nie, niemals mehr anzugucken. »Übermorgen kommt wieder einer«, habe ich lapidar mitgeteilt. »Übermorgen? Mist, da bin ich auf Elenas Bdayparty! Kannste mir's aufnehmen?«
Alles ist ruhig, nur mein Gehirn nicht. Es arbeitet sich an einem doppelten Schuldgefühl ab, dem Kalorienexzess von heute Mittag und der immer noch ungeschriebenen Rhabarberkolumne. Ich schalte den Computer ein.
Das Internet ist eine Ansammlung von Gehirnschrott, unter dem bisweilen etwas Nützliches hervorschaut und gerettet werden möchte. Eine Idee, ein Rat, eine Inspiration. Ich frage mich seit Jahren, was die Psychopathen gemacht haben, als es noch kein Internet gab. Es können doch nicht alle in die Politik und ins Showgeschäft gegangen sein, oder?
Automatisch öffnet sich Facebook als Startseite. Nein, ich bin kein Facebookjunkie! Angemeldet habe ich mich eigentlich nur, um ein mütterliches Auge auf Alina werfen zu können, die inzwischen über 836 »Freunde« verfügt, eine Zahl, die selbst für mein sehr kommunikatives Mädchen entschieden zu hoch ist. Von Zeit zu Zeit schaue ich mir diese »Freunde« genauer an und überlege, ob der achtzehnjährige Tommy nicht vielleicht doch ein vierzigjähriger Thomas ist, der sich dank digitaler Verjüngung an meine Kleine heranpirschen möchte.
Vor drei Monaten hat mir Alina gestanden, dass sie Facebook »voll öde« findet. »Ich bin ehrlich gesagt nur noch dabei, um auf dich aufzupassen, Mum. Du glaubst ja gar nicht, wieviel Heiratsschwindler sich dort rumtreiben und ältere alleinstehende Frauen anflirten!«
Gutes Kind. Es ist immer wieder rührend, wie die Kinder ihre Eltern davor bewahren, Dummheiten zu machen.
Ich kann sie aber beruhigen. Ganze 24 Freunde (ohne Anführungszeichen!) habe ich bisher sammeln können, ehemalige Klassenkameradinnen vor allem, meine Mutter natürlich (die aber nur ins Internet geht, wenn im Fernsehen Fußball kommt und Papa unansprechbar ist), Ella, meine Freundin Margot, die jetzt in Australien lebt... garantiert kein Heiratsschwindler darunter, nicht einmal ein Fußfetischist, was so ziemlich das Mindeste sein dürfte, wie mir alle meine Freunde bestätigen.
Natürlich ist gerade niemand »on«, was bei nur 24 Freunden nicht selten vorkommt. Außerdem ist es gleich elf. Ob ich... Warum nicht! Ich tippe »Thea Braake« ins Suchfenster. Ein Treffer. Gut, dass sie nicht Gaby Müller heißt. Aha, über 600 Freunde, auch ein kommunikatives Kind. Ihr Porträtfoto ist sichtlich nicht das aktuellste, auch Frau Braake beliebt also ein wenig zu schummeln und ist nicht so uneitel wie sie sich gibt. Mal schauen, welche Seiten sie besonders mag... nun, es sind eine Menge. Ökologische-Nachhaltigkeits-Seiten, ein paar anspruchsvolle Schriftsteller, fette Frauen...
Fette Frauen? Tatsächlich, eine solche Seite existiert und Thea Braake ist nicht nur »Fan«, sie steht sogar im Impressum! Es ist also ihre Seite. Ausgerechnet! Thea Braake und fett! Vielleicht war sie betrunken und wollte eigentlich »Magere Frauen« schreiben und jetzt kann man das nicht mehr korrigieren. Immerhin mögen über 200 Personen diese Seite...
Ein Foto, »die Fetten Frauen« genannt, darauf – nichts als Frauen mit Traumfiguren! Naja, Traumfiguren! Bei der hier stoßen die Knochen erkennbar gegen die Haut und die da, die ganz links, schaut so verhungert, dass man ihr spontan ein paar Karotten spendieren möchte. Hasenzähne hat sie auch.
Die Seite scheint noch ziemlich neu zu sein, es gibt kaum Einträge. Der erste ist »Manifest!« betitelt, ich kichere. Irgendwie pubertär, das Ganze.
»MANIFEST! Wir, die fetten Frauen, erklären uns hiermit solidarisch mit allen anderen fetten Frauen! Um eine fette Frau zu sein, muss man nicht fett sein! Es genügt Normalgewicht, die Diätindustrie mit ihren Handlangern, den Frauenzeitschriften, macht uns dennoch ein schlechtes Gewissen und erklärt uns zu plumpen, willensschwachen Lebewesen, die nicht dem Schönheitsideal einiger magersüchtiger Supermodels entsprechen! Was man damit erreichen möchte? Ist doch klar – Profit!!! Jahr für Jahr sinkt die willkürliche Grenze des »gesunden Gewichts« und erhöht sich folglich die »Zielgruppe« für unsinnige Schlankheitspräparate, lächerliche Diäten und angebliche Tipps zur »gesunden Ernährung«. Selbst wenn alle Frauen so lange hungern würden, bis sie nur noch Striche in der Landschaft wären, hätte der Terror kein Ende! Dann würde man uns weismachen wollen, solange wir überhaupt sichtbar wären, wären wir auch FETT! Und genau das ist es doch! Sie wollen, dass wir unsichtbar sind! Immer funktionieren, schön konsumieren, unser schlechtes Gewissen kultivieren und nicht aufmucken, wenn sie uns im Berufsleben wieder einmal benachteiligen, uns zu Gebär- und Kochmaschinen degradieren!
Alle ihr fetten Frauen da draußen, reiht euch ein! Sagt NEIN!!! Empört euch, steht auf und legt diesen Verbrechern das Handwerk! Denn es sind Verbrecher! Essstörungen bei jungen Mädchen nehmen rasant zu! Mit ihren sogenannten Schlankheitspillen vergiftet die Diätindustrie Zigtausende von Frauen! Das muss endlich aufhören!!!
Darum: Werdet Fan dieser Seite, unterschreibt das Manifest, verweigert euch! Seid FETT! Seid stolz auf eure Pfunde, eure Kurven, eure Weiblichkeit!
P.S.: Auch Männer sind herzlich eingeladen, uns zu mögen. Manche von uns mögen nämlich auch Männer. Kaum zu glauben, aber wahr!«
Wow! Wer das wohl geschrieben hat? Thea, nehme ich an, das traue ich ihr zu. Und während sich die Constanze Corzelli in mir empört, nickt Paula Pfaff bedächtig, bewegt den Mauszeiger über den »Gefällt mir«-Button und...
»Tu's nicht!« zischt Constanze. »Warum nicht?« entgegnet Paula. »Weil du davon lebst, du dumme Kuh, dass Frauen sich für FETT halten!« »Sie sind es aber meistens gar nicht«, schießt Paula zurück, »okay, sie sind vielleicht ein wenig... normalgewichtig.« »Normalgewichtig?« Constanze lässt ein höhnisches Lachen hören. »So wie du etwa? Du WURST? Heute schon mal kritisch in den Spiegel geschaut? Auf die Waage gestellt? Traust dich wohl nicht, was?«
Ich lache schnippisch zurück. »Hab ich nicht nötig! Die fetten Frauen hier haben Recht! Fett zu sein ist nichts weiter als eine Behauptung von Männern und Geschäftemachern! Und wir dummen Gänse machen mit!« Constanze überlegt und sagt dann etwas versöhnlicher: »Na ja, mag sein. Aber du musst doch zugeben, dass man davon gut leben kann, ja? Und es schadet doch niemandem! Nimm nur mal den Rhabarber! Der ist so gesund! Und er schmeckt sogar! Man muss nur dran glauben.«
Paula nickt. »Ja, stimmt. Rhabarber schmeckt. Mit sehr viel Zucker! Mit leckeren Erdbeeren gemischt! Als Konfitüre! Aber so ziemlich alles schmeckt, wenn man ein Kilo Zucker dran kippt! Sogar Lebertran schmeckt dann!«
Ein paar Sekunden lang ist es ruhig, Constanze hat es tatsächlich die Sprache verschlagen. »Wir wollen uns nicht streiten«, sagt sie dann sanft, »meinetwegen kannst du den Button anklicken, es ändert ja sowieso nichts. Das hier ist ein Ansammlung von Blaustrümpfen, liegengebliebener weiblicher Restware auf dem großen Heiratsmarkt, verbitterte Rippengestelle und unförmige Tonnen. Klick doch! Zeig doch der ganzen Welt, dass du genauso eine bist wie die!«
Das ist zuviel! Ich klicke und bin fortan ein Fan der fetten Frauen. »Pff«, macht Constanze. »Und morgen sitzt du wieder im Büro und schreibst an deiner blöden Kolumne!«
»Hey«, entgegne ich, »das bist DU!« Constanze lacht, höhnischer als zuvor. »ICH? Schätzchen, es tut mir leid, aber ICH bin DU! Schon vergessen?«
Es klopft an die Tür und bevor ich »Herein« sagen kann, seht Alina mit verschlafenen Augen im Zimmer.
»Sag mal, mit wem schreist du da eigentlich rum?« Sie nähert sich interessiert dem Computer. »Skypst du etwa? Mit einem Typen von Facebook? Wenn er Geld von dir will, geh sofort off!«
Hm. Vielleicht wäre ein Heiratsschwindler jetzt genau das, was ich brauche.