19
»Mir ist das alles nach wie vor ein großes Rätsel. Ich kann mir keinen Reim darauf machen. Wenn Sie in irgendeiner Weise Licht in die Sache bringen könnten, wäre ich Ihnen ausgesprochen dankbar.« Jonathon ließ seinen Kopf auf der Lehne des Ruhebetts ruhen.
»Fangen Sie doch ganz am Anfang an«, riet Tristan. Sie hatten sich alle um Jonathon herum versammelt - auf Stühlen und Sesseln oder gegen den Kamin gelehnt - und warteten gespannt ab. »Wie haben Sie das erste Mal von der Sache mit Cedric Carling erfahren?«
Jonathons Blick verschwamm, er starrte in die Ferne. »Von A.J., an ihrem Totenbett.«
Tristan, wie jeder andere im Raum, blinzelte ihn überrascht an. »Ihrem Totenbett?«
Jonathon blickte seine Zuhörer an. »Oh, ich dachte, das wäre Ihnen bekannt. A.J. Carruther war meine Tante.«
»A.J. Carruther war eine Pflanzenkundlerin?«, Humphreys ungläubiger Ton war kaum zu überhören.
Jonathon nickte ein wenig finster. »Ja, das war sie durchaus. Und genau deshalb hat sie es vorgezogen, im entfernten nördlichen Teil Yorkshires zu leben. Sie hatte ihr Cottage, konnte ungestört Kräuter züchten, ihre Experimente durchführen und wurde von niemandem behelligt. Sie hielt mit vielen anderen renommierten Botanikern Briefkontakt und arbeitete häufig mit ihnen zusammen, doch sie alle kannten sie nur als A.J. Carruther.«
Humphrey runzelte die Stirn. »Verstehe.«
»Eine Frage«, warf Leonora ein. »Wusste Cedric Carling, unser Cousin, dass er es mit einer Frau zu tun hatte?«
»Das kann ich Ihnen beim besten Willen nicht sagen«, erwiderte Jonathon. »Aber wie ich A.J. kenne, würde ich es eher bezweifeln.«
»Wie also haben Sie von Cedric Carling oder von dieser ganzen Geschichte erfahren?«
»A.J. hatte Carlings Namen über die Jahre bereits häufiger erwähnt, allerdings nur als einen Kollegen unter vielen. Von dieser bestimmten Sache habe ich erst wenige Tage vor ihrem Tod erfahren. Ihr Zustand hatte sich über Monate hinweg verschlechtert, insofern kam ihr Tod keineswegs überraschend. Doch die Geschichte, die sie mir an jenem Tag erzählte …Nun, A.J. stand kurz davor, diese Welt zu verlassen, ich wusste nicht, wie weit ich ihren Worten Glauben schenken konnte.«
Jonathon holte Luft. »Sie erzählte mir, sie und Carling hätten sich zu einer Zusammenarbeit entschlossen, um eine Salbe zu entwickeln, von deren Nutzen sie beide absolut überzeugt waren; A.J. hatte sich in ihren Forschungen schon immer bewusst auf nützliche Dinge konzentriert. Sie hatten offenbar über zwei Jahre lang recht hartnäckig an dieser Salbe gearbeitet und von vornherein ein feierliches und verbindliches Abkommen geschlossen, dass alle etwaigen Erträge aus dieser Entdeckung gleichmäßig aufzuteilen wären. Sie hatten sogar ein rechtskräftiges Dokument aufsetzen lassen. A.J. sagte, ich würde es bei ihren Unterlagen finden, und dem war auch so. Doch was sie mir am dringendsten mitzuteilen wünschte, war die Tatsache, dass ihre Mühen Früchte getragen hatten. Die Salbe wirkte. Sie hatten ihr Ziel etwa zwei Monate zuvor erreicht, doch danach hatte sie nichts mehr von Carling gehört. Sie wartete einige Zeit ab, dann wandte sie sich an verschiedene andere Kollegen, die sie in London kannte, und erfuhr so von seinem Tod.«
Jonathon hielt kurz inne, um ihre Gesichter zu studieren, dann fuhr er fort. »Sie war zu diesem Zeitpunkt bereits zu alt und zu schwach, um selbst etwas unternehmen zu können; außerdem ging sie davon aus, dass Cedrics Erben einige Zeit benötigen würden, um dessen Hinterlassenschaft zu sichten und sich hinsichtlich dieser Sache an sie - beziehungsweise ihre Erben - zu wenden. Sie wollte, dass ich, wenn der Moment käme, darauf vorbereitet wäre und zumindest wüsste, worum es geht.«
Er atmete schwer ein. »Kurz darauf starb sie und hinterließ mir all ihre Tagebücher und Aufzeichnungen. Ich habe sie selbstverständlich aufbewahrt. Aber dann kam eines zum anderen, ich stand kurz vor meinem Abschluss und wurde hinsichtlich dieser Entdeckung von niemandem kontaktiert, sodass ich die ganze Sache mehr oder minder vergaß; zumindest bis zum vergangenen Oktober.«
»Und was geschah da?«, fragte Tristan.
»Ich bewahrte ihre Tagebücher in meiner Wohnung auf, und eines Tages fing ich an, darin zu lesen. Und erst zu diesem Zeitpunkt wurde mir bewusst, dass sie womöglich recht hatte; dass diese Entdeckung, die sie mit Cedric Carling gemacht hatte, tatsächlich von großem Nutzen seine könnte.« Jonathon verlagerte mühevoll sein Gewicht. »Ich bin kein Kräuterkundler, aber anscheinend war diese Salbe dazu gedacht, Blut schneller gerinnen zu lassen, insbesondere um offene Wunden zu schließen.« Er blickte Tristan an. »Ich könnte mir vorstellen, dass eine solche Salbe von recht konkretem Nutzen sein könnte.«
Tristan starrte ihn an, wohlwissend, dass Charles und Deverell dasselbe taten. Sie alle durchlebten in diesem Moment erneut jenen finsteren Tag, jenes furchtbare Gemetzel auf dem Schlachtfeld von Waterloo. »Eine Salbe, die Blut gerinnen lässt.« Tristan spürte, wie seine Züge sich verhärteten. »Die wäre in der Tat nützlich.«
»Wir hätten Pringle hierbehalten sollen.«
»Wir können ihn noch früh genug um seine Meinung bitten«, gab Tristan zurück. »Lasst uns die Geschichte erst einmal zu Ende hören. Es gibt vieles, was wir noch nicht wissen; etwa, wer dieser Mountford ist.«
»Mountford?« Jonathon sah ihn verständnislos an.
Tristan machte eine abweisende Geste. »Wer auch immer das sein mag, wir werden noch auf ihn zu sprechen kommen. Was geschah als Nächstes?«
»Nun, ich wäre gerne umgehend nach London gereist, um der Sache nachzugehen, doch ich steckte mitten in den Abschlussprüfungen und konnte York nicht verlassen. Die Entdeckung hatte bereits zwei Jahre lang ungenutzt herumgelegen, daher kam ich zu dem Schluss, dass sie auch noch ein wenig länger warten könnte, bis ich meine Lehrzeit hinter mich gebracht hätte und mich ihr in angemessener Weise widmen könnte. Und so wollte ich es denn auch handhaben. Ich habe das Ganze mit meinem ehemaligen Arbeitgeber, Mr Mountgate, sowie mit A.J.s ehemaligem Anwalt, Mr Aldford, besprochen.«
»Mountford«, warf Deverell ein.
Alle blickten ihn an.
Er verzog das Gesicht. »Mountgate plus Aldford ergibt Mountford.«
»Grundgütiger!« Leonora sah Jonathon an. »Wem haben Sie noch davon erzählt?«
»Niemandem.« Er blinzelte, dann verbesserte er sich. »Zumindest nicht sofort.«
»Was meinen Sie damit?«, fragte Tristan.
»Die einzige Person, der ich noch davon erzählt habe, ist Duke, Marmaduke Martinbury. Er ist mein Cousin und A.J.s anderer Erbe, ihr zweiter Neffe. Ihre gesamten Tagebücher, Notizen und Arbeitsutensilien hat sie mir hinterlassen - Duke hat nie auch nur das geringste Interesse für ihre Arbeit gezeigt -, doch ihr gesamtes Vermögen wurde gleichmäßig zwischen uns beiden aufgeteilt. Und natürlich war die Entdeckung an sich ein Teil dieses Vermögens. Aldford hielt es für seine Pflicht, Duke davon in Kenntnis zu setzen, daher sandte er ihm einen Brief.«
»Hat Duke darauf geantwortet?«
»Nicht schriftlich.« Jonathons Lippen wirkten angespannt. »Er besuchte mich persönlich, um sich über die Angelegenheit zu informieren.« Er schwieg einen Moment lang, dann fuhr er fort: »Duke ist so etwas wie das schwarze Schaf der Familie, schon von jeher. Soweit ich weiß, hat er keinen festen Wohnsitz, sondern ist immer dort anzutreffen, wo gerade ein Pferderennen oder ein Jahrmarkt stattfindet.
Anscheinend erreichte ihn das Schreiben sofort; vermutlich, weil er mal wieder knapp bei Kasse war und sich daher in dem Haus seiner Tante in Derby aufhielt. Duke wollte von mir wissen, wann er mit seinem Teil des Ertrags rechnen könne. Ich sah es als meine Pflicht an, ihm alles zu erklären. Immerhin gehörte A.J.s Entdeckung auch zur Hälfte ihm.« Jonathon schwieg, dann fügte er hinzu: »Obwohl er sich so widerwärtig verhielt wie eh und je, schien ihn jene Hinterlassenschaft, nachdem ich ihm alles erklärt hatte, nicht mehr sonderlich zu interessieren.«
»Beschreiben Sie uns Duke.«
Jonathon hatte Tristans Tonfall bemerkt und blickte ihn an. »Schlanker als ich und ein wenig größer. Dunkles Haar, eigentlich schwarz. Dunkle Augen, helle Haut.«
Leonora betrachtete Jonathons Gesicht; sie veränderte im Geiste einige Details und nickte dann entschlossen. »Er ist es.«
Tristan sah sie an. »Bist du dir sicher?«
Sie erwiderte seinen Blick. »Wie viele schlanke, große, schwarzhaarige junge Männer mit«, sie wies auf Jonathon, »einer solchen Nase kommen wohl deiner Ansicht nach in dieser Geschichte vor?«
Seine Lippen zuckten, wurden jedoch sofort wieder ernst. Er neigte den Kopf. »Also ist Duke unser Mountford. Das erklärt so manches.«
»Mir leider nicht«, erwiderte Jonathon.
»Das wird sich rasch ändern«, versicherte ihm Tristan. »Doch beenden Sie zunächst Ihren Bericht. Was geschah dann?«
»Zunächst einmal gar nichts. Ich machte meinen Abschluss und schmiedete gerade Pläne, nach London zu reisen, als mir Mr Aldford Miss Carlings Brief zukommen ließ. Es erschien mir offensichtlich, dass die Erben von Mr Carling weniger wussten als ich selbst, daher beschloss ich, vorzeitig nach London zu reisen …« Jonathon stutzte; er blickte Tristan verwirrt an. »Die Schwestern erzählten mir, Sie hätten jemanden geschickt, um nach mir zu suchen. Wie konnten sie wissen, dass ich in London war? Und noch dazu verletzt?«
Tristan weihte ihn mit knappen Worten ein, beginnend bei den ersten seltsamen Zwischenfällen am Montrose Place bis hin zu der Erkenntnis, dass die Zusammenarbeit zwischen A.J. Carruther und Cedric wohl den Schlüssel zu Mountfords mysteriösem Interesse darstellte; zuletzt erklärte er Jonathon, wie sie ihm nachgespürt und ihn schließlich gefunden hatten.
Jonathon starrte ihn benommen an. »Duke?« Er runzelte die Stirn. »Er ist zwar das schwarze Schaf der Familie, aber bei seiner bösen Art und seiner Neigung zu Brutalität handelt es sich doch weitgehend um eine tyrannische Fassade. Ich hätte schwören können, dass sich dahinter eher ein Feigling verbirgt. Einiges von dem, was Sie mir erzählen, würde ich ihm durchaus zutrauen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er mich kaltblütig zu Tode prügeln lassen würde.«
Charles lächelte jenes fatale Lächeln, das er, ebenso wie Tristan und Deverell, sicher in seinem Repertoire führte. »Duke selbst möglicherweise nicht; doch die Leute, mit denen er allem Anschein nach Umgang pflegt, hegten gewiss keinerlei Skrupel, Sie kurzerhand auszuschalten, als Sie ihnen in die Quere zu kommen drohten.«
»Wenn Ihre Einschätzung stimmt«, setzte Deverell hinzu, »hat Duke wahrscheinlich Mühe, ihren Erwartungen gerecht zu werden. Das würde durchaus ins Bild passen.«
»Er hat so einen Handlanger«, sagte Jonathon. »Ich meine, Duke hat so eine Art … Domestiken, könnte man vielleicht sagen. Sein persönlicher Diener. Cummings.«
»Unter diesem Namen hat er sich mir auch vorgestellt.« Deverell zog die Brauen hoch. »Scheinbar ebenso gescheit wie sein Herr.«
»Nun!«, sagte Charles und stieß sich vom Kamin ab. »Wie packen wir es an?«
Er sah Tristan erwartungsvoll an; alle sahen Tristan an. Er lächelte - wenn auch alles andere als freundlich - und erhob sich. »Ich denke, wir haben erst einmal genug gehört.« Er blickte Charles und Deverell an, während er sich die Ärmel zurechtzog. »Ich finde, es ist an der Zeit, Duke in unsere Runde einzuladen. Wollen doch mal hören, was er dazu zu sagen hat.«
Charles’ Grinsen war absolut diabolisch. »Dann nichts wie los.«
»Genau.« Deverell hatte sich bereits an Tristans Fersen geheftet, als dieser sich der Tür zuwandte.
»Moment mal!« Leonora betrachtete die schwarze Tasche, die neben der Chaiselongue stand, dann richtete sie ihren Blick auf Jonathon. »Bitte sagen Sie uns, dass Sie A.J.s Tagebücher sowie Cedrics Briefe in dieser Tasche mit sich herumtragen.«
Jonathon grinste, wenn auch etwas ungleichmäßig. Er nickte. »Ein unwahrscheinlicher Glücksfall, aber ja, ich habe alles da drin.«
Tristan drehte sich um. »Richtig, diesen Punkt hatten wir ja noch gar nicht behandelt. Wie sind Sie diesen Kerlen überhaupt in die Finger geraten, und warum haben sie die Briefe und Tagebücher nicht an sich gebracht?«
Jonathon blickte zu ihm auf. »Da es an jenem Tag außergewöhnlich kalt war, hatte die Postkutsche nur wenige Fahrgäste, und wir erreichten London daher vor der Zeit.« Er wandte seinen Blick zu Leonora. »Ich habe keine Ahnung, woher sie überhaupt wussten, dass ich mich in der Kutsche befand …«
»Sie haben Sie gewiss bereits in York beschatten lassen«, mutmaßte Deverell. »Ich nehme an, Sie haben Ihren Zeitplan nicht sofort umgeworfen, nachdem Sie Leonoras Brief erhalten haben. Sie sind gewiss nicht auf der Stelle losgestürmt?«
»Nein. Es dauerte zwei Tage, bis ich alles organisiert hatte, um die Reise vorziehen zu können.« Jonathon ließ sich auf das Ruhebett zurücksinken. »Sobald ich aus der Kutsche trat, erhielt ich eine Nachricht, in der ein Mr Simmons darum bat, mich um sechs Uhr abends an der Ecke Dragon Yard und Old Montague Street zu treffen, um eine Angelegenheit von gemeinsamem Interesse zu besprechen. Der Brief war wohlformuliert und fein säuberlich auf hochwertigem Papier geschrieben. Ich war der Ansicht, der Brief müsse von Ihnen, den Carlings, stammen und würde auf diese Entdeckung Bezug nehmen. Ich habe nicht groß darüber nachgedacht; woher hätten Sie schon wissen sollen, dass ich mich in jener Kutsche befand, doch zu diesem Zeitpunkt schien mir alles zusammenzupassen.
Besagte Straßenecke liegt nur wenige Minuten von der Poststation entfernt. Wäre die Kutsche zur vorgesehenen Zeit angekommen, hätte ich keine Gelegenheit mehr gehabt, mir vor dem Treffen noch eine Unterkunft zu suchen, aber so hatte ich noch eine gute Stunde Zeit, um mir ein ordentliches Zimmer zu beschaffen, meine Tasche abzustellen und mich dann in aller Ruhe zum Treffpunkt zu begeben.«
Tristans verstörendes Lächeln wollte nicht weichen. »Die Kerle gingen also davon aus, dass Sie die Papiere nicht bei sich hatten. Sie haben Sie gewiss durchsucht.«
Jonathon nickte. »Sie haben meinen Mantel vollständig auseinandergenommen.«
»Und nachdem sie nichts fanden, wollten sie Sie kurzerhand loswerden und ließen Sie halb tot in der Gosse liegen. Nur haben sie dabei versäumt, die Ankunftszeit der Postkutsche zu überprüfen. Ts, ts. Überaus nachlässig.« Charles schlenderte zur Tür. »Gehen wir?«
»Und ob.« Tristan machte auf dem Absatz kehrt und eilte zur Tür. »Lasst uns diesen Mountford endlich schnappen.«
Leonora sah zu, wie sich die Tür hinter ihnen schloss.
Humphrey räusperte sich; er suchte Jonathons Blick und wies auf die Tasche. »Dürfen wir?«
Jonathon machte eine einladende Geste. »Selbstverständlich.«
 
Leonora war hin und her gerissen.
Jonathon war offensichtlich geschwächt, die vielen Anstrengungen und seine Verletzungen setzten ihm zu. Sie drängte ihn, sich zurückzulehnen und ein wenig zu ruhen. Auf ihren Vorschlag hin zogen sich Humphrey und Jeremy mitsamt der schwarzen Tasche in die Bibliothek zurück.
Sie schloss die Salontür hinter sich und blieb im Flur stehen. Ein Teil von ihr drängte danach, ihrem Bruder und ihrem Onkel in die Bibliothek zu folgen, ihnen zur Hand zu gehen und an der wissenschaftlichen Begeisterung teilzuhaben, nun endlich das Geheimnis um Cedrics und A.J.s Entdeckung lüften zu können.
Der überwiegende Teil von ihr fühlte sich allerdings von einem weitaus handfesteren Abenteuer angezogen - nämlich der Jagd.
Ihr Gewissenskonflikt dauerte ganze zehn Sekunden, bevor sie entschlossen auf die Haustür zusteuerte. Sie trat hinaus und lehnte die Tür hinter sich an. Die Dämmerung war bereits hereingebrochen, der Garten lag in abendlichem Dunkel. Am Kopf der Eingangstreppe zögerte sie einen Augenblick. Sie fragte sich, ob sie Henrietta mitnehmen sollte. Doch ihr Hund befand sich noch immer in der Küche des benachbarten Klubs; sie hatte keine Zeit, ihn zu holen. Sie blickte hinüber zum Haus Nummer sechzehn, doch der Eingang war im Vergleich zu ihrem Haus näher zur Straße gelegen, daher konnte sie ihn nicht einsehen.
Begib dich niemals in Gefahr.
Drei Männer bildeten ihre Vorhut; wie viel Gefahr konnte ihr schon drohen?
Sie ging hastig die Eingangstreppe hinunter und eilte den Weg entlang.
Sie wollten, so nahm Leonora jedenfalls an, Mountford aus seinem Versteck hervorzerren; nach all der Zeit war sie neugierig, mit was für einem Mann sie es eigentlich zu tun hatten, was für ein Mensch er war. Jonathons Beschreibung war zwiespältig; ja, Mountford - Duke - war durchaus ein brutaler Fiesling, aber er war kein Mörder.
Ihren eigenen Erfahrungen nach zu urteilen, war er allerdings ziemlich brutal …
Sie näherte sich der Eingangstür des Nachbarhauses mit angemessener Vorsicht.
Diese stand leicht offen. Leonora lauschte angestrengt, doch sie vernahm nicht das leiseste Geräusch.
Sie spähte durch den Spalt.
Schwaches Mondlicht ließ ihren Schatten tief in den Flur hineinfallen. Der Mann, der im Durchgang zum Küchentrakt stand, wurde auf sie aufmerksam und wandte sich zu ihr um.
Es war Deverell. Er bedeutete ihr, sich absolut still zu verhalten und im Flur zurückzubleiben, während er sich umdrehte und in der Dunkelheit verschwand.
Leonora zögerte nur eine Sekunde lang; sie würde durchaus zurückbleiben, allerdings nicht so weit zurück.
Ihre leichten Pantoffeln machten auf den Fliesen keinerlei Geräusch; sie glitt lautlos durch den Flur und folgte Deverell.
Die Treppe, die ins Untergeschoss und zur Küche führte, lag unmittelbar hinter der Durchgangstür zum Flur. Von ihrem letzten Besuch, als sie mit Tristan durchs Haus gegangen war, wusste sie, dass am Ende der von einem Absatz unterbrochenen Treppe ein langer Korridor lag. Die beiden Türen zur Küche und zur Spülküche lagen auf der linken Seite, auf der rechten befand sich die Speisekammer und dahinter ein lang gestreckter Keller.
Von diesen Kellerräumen aus grub Duke sich beharrlich durch.
Leonora blieb oben an der Treppe stehen, lehnte sich über das Geländer und spähte nach unten; sie konnte erkennen, wie sich die Männer - drei massive Schatten - langsam durch das Halbdunkel bewegten. Von irgendwoher drang ihnen ein schwacher Lichtschein entgegen. Als sie sich aus ihrem Sichtfeld herausbewegten, schlich Leonora die Treppe hinunter. Auf dem Treppenabsatz blieb sie stehen. Von hier aus konnte sie den vor ihr liegenden Korridor komplett überblicken. Zwei Türen führten vom Korridor in den Keller. Die vordere von ihnen stand ein Stück auf; aus dem Spalt drang Licht.
Schwächer noch als der Lichtschein - mehr ein Hauch denn ein hörbarer Laut - drang ein zartes Kratzgeräusch zu ihr herauf.
Tristan, Charles und Deverell versammelten sich vor der Tür. Obwohl sie ihre Bewegungen erkennen konnte und daraus schloss, dass sie miteinander redeten, hörte sie nicht das Geringste.
Dann wandte sich Tristan der Kellertür zu, stieß sie weit auf und ging hinein.
Charles und Deverell folgten ihm.
Für den Bruchteil einer Sekunde herrschte Stille.
»He!«
»Was …?«
Schläge. Poltern. Abgerissene Schreie und Flüche. Es war mehr als nur ein kleines Handgemenge.
Mit wie vielen Männern mochten sie es wohl zu tun haben? Leonora war von zweien ausgegangen: Duke und seinem Helfershelfer; aber es klang nach deutlich mehr …
Ein furchtbarer Bums erschütterte die Wände.
Sie atmete erschrocken ein und starrte ins Dunkel. Das Licht war erloschen.
Sie konnte einen Schemen ausmachen, der durch die hintere Kellertür am Ende des Ganges hinausstürzte. Er drehte sich um, warf die Tür hinter sich zu und fummelte an ihr herum. Sie erkannte das kratzende Geräusch eines schweren alten Eisenschlosses, das sich schwergängig verriegelte.
Der Mann drehte sich abrupt um und rannte wie ein Irrer mit wirrem Haar und wehendem Mantel den Gang entlang in Richtung Treppe.
Erschrocken und vor stummer Erkenntnis wie erstarrt - denn dieser Mann war kein anderer als Duke Martinbury selbst - rang Leonora nach Atem. Sie wollte sich zwingen, ihre Röcke zu raffen, um sich im nächsten Moment umzudrehen und zu fliehen, doch Duke hatte sie offenbar noch gar nicht entdeckt; vor der vorderen Kellertür, die nun weit geöffnet war, kam er abrupt zum Stehen.
Er machte einen Schritt hinein, griff nach der Türklinke und zog sie mit einem Knall zu. Er hielt sie fest und fummelte hektisch daran herum.
Durch die plötzliche Stille hindurch vernahm Leonora ein verräterisches Kratzen und dann ein dumpfes Klacken, als der Riegel ins Schloss sprang.
Mit bebender Brust trat Duke einen Schritt zurück. Über seiner geschlossenen Faust schimmerte die Klinge eines Messers.
Ein Schlag traf die Tür, dann wurde an der Klinke gerüttelt.
Durch die schweren Bretter hindurch erklang ein gedämpfter Fluch.
»Ha! Hab ich euch!« Mit glühendem Gesicht wandte er sich um.
Und entdeckte sie.
Leonora wirbelte herum und rannte los.
Sie war nicht annähernd schnell genug.
Am Kopf der Treppe hatte er sie eingeholt. Seine Finger gruben sich schmerzhaft in ihre Arme, dann drehte er sie herum und schleuderte sie gegen die Wand.
»Miststück!«
Das Wort klang wie ein bösartiges Fauchen.
Während sie in sein totenbleiches Gesicht starrte, das unmittelbar vor ihrem schwebte, hatte sie nicht mehr als eine Sekunde Zeit, um einen Entschluss zu treffen.
Seltsamerweise reichte diese eine Sekunde aus; länger brauchte sie nicht, um auf ihr Gefühl zu hören und die Entscheidung von ihrem Verstand absegnen zu lassen. Sie musste Duke nur für eine Weile ablenken, dann würde Tristan sie schon retten.
Sie blinzelte Duke an. Sie ließ sich ein wenig zusammensinken, gab ihre starre Haltung auf. Versuchte, so gut es ging, Miss Timmins’ vages Verhalten zu imitieren. »Ach, herrje, Sie müssen Mr Martinbury sein?«
Er blinzelte sie an, seine Augen funkelten grimmig. Er schüttelte sie. »Woher wissen Sie das?«
»Nun …« Sie ließ ihre Stimme abreißen und starrte ihn mit weit geöffneten Augen an. »Sie sind doch dieser Mr Martinbury, der mit A.J. Carruther verwandt ist, nicht wahr?«
Bei all seinen Nachforschungen hatte Duke es sicherlich versäumt, in Erfahrung zu bringen, was für eine Art von Frau sie war; sie war überzeugt davon, dass ihm dieser Gedanke niemals gekommen wäre.
»Ja. So ist es.« Er hielt ihren Arm fest gepackt und schob sie vor sich her in den Flur. »Und ich bin hier, um mir etwas zurückzuholen, was meiner Tante gehörte und nun mir.«
Er machte keine Anstalten, sein Messer - eine Art Dolch - wegzustecken. Eine hektische Anspannung kennzeichnete seine gesamte Haltung; sein Verhalten wirkte erzwungen und verkrampft.
Sie klappte ihren Kiefer herunter und ließ den Mund offen stehen in der Absicht, möglichst dumm zu erscheinen. »Oh! Meinen Sie etwa diese Formel?«
Sie musste ihn irgendwie aus diesem Haus herausbekommen und ihn am besten nach nebenan in ihr Haus locken. Und sie wollte ihn davon überzeugen, dass er sie - hilflos und harmlos wie sie war - ohne Bedenken loslassen konnte. Denn wenn Tristan und die anderen in diesem Moment die Treppe hinaufkämen … Duke Martinbury hatte einen Dolch in der einen und sie in der anderen Hand, und dies war nun gewiss keine Konstellation, die den drei Männern besonders dienlich wäre.
Er betrachtete sie aus zusammengekniffenen Augen. »Was wissen Sie über die Formel? Haben Sie sie gefunden?«
»Oh, ich glaube schon. Ich meine, die beiden hätten da so was erwähnt. Mein Onkel, wissen Sie, und mein Bruder haben sich nämlich mit den Tagebüchern meines verstorbenen Cousins, Cedric Carling, beschäftigt, und ich glaube, sie ließen vor ein paar Stunden so etwas fallen, wie … sie hätten das Rätsel endlich gelöst!«
Während ihrer unschuldigen kleinen Ansprache hatte sie sich ganz allmählich auf die Haustür zubewegt - und er mit ihr.
Sie räusperte sich. »Mir scheint, hier muss ein unglückliches Missverständnis vorliegen.« Mit einer vagen Geste tat sie die Geschehnisse im Untergeschoss leichtfertig ab. »Aber ich bin mir sicher, wenn Sie erst einmal mit meinem Onkel und meinem Bruder gesprochen haben, werden sie Ihnen besagte Formel gewiss mit dem größten Vergnügen zukommen lassen, immerhin sind Sie A.J. Carruthers rechtmäßiger Erbe.«
Sie traten hinaus ins Mondlicht, das den Eingangsbereich erhellte; er starrte sie an.
Sie versuchte, möglichst ausdruckslos zu erscheinen und nicht offenkundig auf seine Bedrohung zu reagieren. Die Hand, die das Messer hielt, zitterte; er wirkte verunsichert, aus dem Konzept gebracht und sichtbar bemüht, einen Entschluss zu fassen.
Sein Blick wanderte hinüber zum Haus der Carlings. »Ja«, hauchte er ihr zu, »Ihrem Onkel und Ihrem Bruder ist viel an Ihnen gelegen, nicht wahr?«
»O ja.« Sie raffte ihre Röcke und schritt scheinbar seelenruhig die Stufen hinunter; er gab ihren Arm noch immer nicht frei, folgte jedoch bereitwillig ihren Schritten. »Nun, ich führe ja bereits seit über zehn Jahren ihren Haushalt, wissen Sie. Ohne mich wären sie wahrhaftig aufgeschmissen …«
Sie setzte ihre völlig inhaltsleere Plauderei beharrlich fort, während sie die kurze Wegstrecke zum Tor von Nummer vierzehn zurücklegten und hindurchtraten. Er ging schweigend neben ihr her und hielt ihren Arm gepackt; er wirkte nervös und angespannt und fuhr immer wieder erschrocken zusammen; wäre er eine Frau gewesen, hätte sie ihm krankhafte Hysterie attestiert.
Als sie die Eingangstreppe erreichten, zog er sie unsanft an sich heran. Er hielt ihr den Dolch unter die Nase. »Ihre Bediensteten brauchen hiervon nichts zu erfahren.«
Sie blickte den Dolch an, dann riss sie die Augen weit auf und starrte ihn verständnislos an. »Die Tür ist nur angelehnt, wir brauchen sie also gar nicht zu stören.«
Seine Anspannung ließ ein wenig nach. »Gut.« Er schob sie die Stufen hinauf. Währenddessen gab er sich die größte Mühe, in alle Richtungen gleichzeitig zu schauen.
Leonora griff nach dem Türknauf; sie warf einen Seitenblick auf Dukes bleiches, verkniffenes Gesicht und fragte sich, ob es wirklich klug war, sich blind auf Tristan zu verlassen …
Sie atmete entschlossen ein, hob den Kopf und öffnete die Tür. Sie hoffte inständig, Castor möge ausnahmsweise fernbleiben.
Duke trat mit ihr zusammen ein und blieb dicht an ihrer Seite. Sein Griff lockerte sich ein wenig, während sein Blick über die leere Eingangshalle huschte.
Sie schloss leise die Tür und erklärte ihm in einem leichten, unbeschwerten Konversationston: »Mein Onkel und mein Bruder befinden sich gewiss in der Bibliothek. Hier entlang.«
Seine Hand hielt ihren Arm noch immer gepackt, und sein Blick wanderte unstet hin und her, doch er folgte ihr widerspruchslos durch die Eingangshalle und in den Korridor, der zur Bibliothek führte.
Leonora dachte fieberhaft nach, welche Worte sie wohl am besten wählen sollte. Dukes Nerven waren bis aufs Äußerste gespannt, und sie konnten jeden Moment reißen. Gott allein wusste, wozu er dann fähig wäre. Sie hatte es nicht gewagt, einen Blick zurückzuwerfen, um zu sehen, ob Tristan und die anderen ihnen bereits folgten, aber womöglich dauerte es länger, ein schweres altes Schloss zu knacken als ein modernes.
Sie hatte nicht das Gefühl, die falsche Entscheidung getroffen zu haben; Tristan würde sie, Onkel Humphrey und Jeremy retten, und zwar bald. Und bis dahin musste sie dafür sorgen, dass ihnen allen - Jeremy, Onkel Humphrey und ihr - nichts geschah.
Bis jetzt war ihre Rechnung aufgegangen; sie hatte keine zündendere Idee, als in derselben Weise fortzufahren.
Sie öffnete die Tür zur Bibliothek und schwebte hinein. »Onkel Humphrey, Jeremy, wir haben Besuch.«
Duke hielt mit ihr Schritt und stieß zugleich die Tür hinter ihnen zu.
Sie fluchte innerlich - wann würde er sie nur endlich loslassen? - und behielt ihren dümmlich-naiven Gesichtsausdruck konsequent bei. »Ich bin nebenan Mr Martinbury begegnet; er ist anscheinend auf der Suche nach dieser Formel von Cousin Cedric. Er ist der Meinung, dass sie ihm gehört, und ich habe ihm gesagt, dass ihr gewiss nichts dagegen hättet, sie ihm mitzuteilen …?«
Sie verlieh ihrer Stimme einen Tonfall von tiefer Hilflosigkeit, während sie zugleich all ihre Absicht in ihren Blick legte. Wenn es irgendjemanden gab, der allein mithilfe geschriebener Worte einen anderen Menschen ablenken und verwirren konnte, so waren es ihr Bruder und ihr Onkel.
Beide saßen an ihren üblichen Plätzen; sie hatten bei ihren Worten aufgeblickt und waren sogleich erstarrt.
Jeremy begegnete ihrem Blick und wusste ihn richtig zu deuten. Sein Schreibtisch war mit zahllosen Aufzeichnungen nur so überschwemmt; er machte Anstalten aufzustehen.
Duke reagierte panisch. »Halt!« Seine Finger umklammerten Leonoras Arm; er zog sie ruckartig zu sich heran, sodass sie das Gleichgewicht verlor und gegen ihn taumelte. Er hielt ihr den Dolch vors Gesicht.
»Keine vorschnellen Handlungen!« Er blickte hektisch von Jeremy zu Humphrey. »Ich will die Formel. Geben Sie sie mir, und ihr wird nichts geschehen.«
Sie fühlte, wie seine Brust sich hob, während er schwer einatmete.
»Ich will niemandem etwas antun, doch wenn es sein muss, werde ich das. Ich will diese Formel.«
Der Anblick des Messers hatte Jeremy und Humphrey zutiefst schockiert; Dukes lauter werdende Stimme jagte Leonora Angst ein.
»Also, nun hören Sie mal!« Humphrey rappelte sich mühsam aus seinem Sessel auf, ohne das Tagebuch zu beachten, das von seinem Schoß zu Boden glitt. »Sie können doch nicht einfach so hier hereinkommen und …«
»Halt die Klappe!« Duke wand sich unruhig hin und her. Sein Blick zuckte immer wieder zu Jeremys Schreibtisch hinüber.
Leonora konnte nicht umhin, das Messer anzustarren, das vor ihrer Nase hin und her tänzelte.
»Hören Sie, Sie können die Formel haben.« Jeremy trat um den Schreibtisch herum. »Sie ist hier.« Er deutete auf die verstreuten Papiere. »Wenn Sie nur …«
»Bleib stehen! Noch einen Schritt mehr und ich schlitze ihr die Wange auf!«
Jeremy wurde bleich. Er erstarrte.
Leonora versuchte krampfhaft, sich nicht vorzustellen, wie sich die Klinge in ihre Wange grub. Sie schloss für einen kurzen Moment die Augen. Sie musste nachdenken. Sie musste sich etwas überlegen … irgendetwas, wie sie die Situation unter Kontrolle bringen konnte … wie sie Jeremy und Onkel Humphrey schützen konnte …
Sie öffnete die Augen und richtete den Blick auf ihren Bruder. »Komm nicht näher!« Ihre Stimme klang schwach und zittrig, überhaupt nicht nach ihr selbst. »Sonst wird er euch womöglich einsperren, und dann wäre ich ganz allein mit ihm!«
Duke trat einige Schritte zur Seite und zerrte sie mit sich, sodass er Humphrey und Jeremy zwar weiterhin im Blick behielt, jedoch nicht mehr unmittelbar vor der Tür stand. »Perfekt«, zischte er. »Wenn ich euch beide einsperre, so wie ich die anderen eingesperrt habe, dann kann ich mir die Formel schnappen und mich aus dem Staub machen.«
Jeremy starrte Leonora an. »Red keinen Unsinn, Schwester.« Die Worte kamen von Herzen. Dann blickte er Duke an. »Außerdem könnte er uns gar nicht einsperren. Dies hier ist der einzige Raum auf der Etage, der sich abschließen lässt.«
»Ganz richtig!«, schnaubte Humphrey. »Ein völlig unsinniger Gedanke.«
»Nein, nein«, wimmerte sie und hoffte inständig, dass Duke ihr Schauspiel nicht durchschauen würde. »Er könnte euch wohl in der Besenkammer auf dem Gang einschließen. Ihr würdet beide hineinpassen.«
Der Blick, den Jeremy ihr zuwarf, sprühte vor Zorn. »Du Närrin!«
Er spielte ihr mit seiner Reaktion in die Hände. Duke, der nervös von einem Bein aufs andere tänzelte, sprang dankbar darauf an. »Ihr beide - los!« Er wedelte mit der Klinge. »Du«, er deutete auf Jeremy. »Schnapp dir den Alten und schaff ihn zur Tür. Du willst doch wohl nicht, dass das hübsche Gesicht deiner Schwester eine hässliche Narbe bekommt, oder?«
Mit einem letzten wütenden Blick auf Leonora begab sich Jeremy an Humphreys Seite und nahm seinen Arm. Er half ihm zur Tür.
»Halt.« Duke wirbelte sie herum, sodass sie direkt hinter den beiden standen und die Tür ansahen. »Kein Lärm, keine dummen Ideen. Du öffnest jetzt die Tür, gehst mit ihm rüber zur Besenkammer, machst sie auf, und ihr geht hinein. Dann machst du die Tür leise hinter euch zu. Und denk dran, ich habe alles im Blick, und mein Messer sitzt direkt an der Kehle deiner Schwester.«
Sie sah, wie Jeremy nach Luft rang, dann trat er gemeinsam mit Humphrey aus dem Raum und folgte gewissenhaft Dukes Anweisungen. Als sie die Besenkammer betraten, die der Bibliothek auf der anderen Seite des breiten Korridors gegenüberlag, ging Duke vorsichtig einen Schritt vorwärts; er ließ seinen Blick den Gang hinunter zur Eingangshalle wandern; es war niemand in Sicht.
Dann schloss sich die Tür zur Besenkammer, und Duke gab Leonora einen Ruck und trat mit ihr hinaus auf den Korridor. Der Schlüssel steckte im Schloss. Ohne Leonora loszulassen, drehte er ihn herum.
»Großartig!« Er wandte sich ihr zu; in seinen Augen lag ein fiebriges Glühen. »Jetzt kannst du mir diese Formel besorgen, und dann mache ich mich davon.«
Er stieß sie zurück in die Bibliothek; dann schloss er die Tür und schob Leonora hinüber zum Schreibtisch. »Also, wo ist sie?«
Sie spreizte ihre Finger und schob die Aufzeichnungen wild hin und her, sodass die geringe Ordnung, die hier geherrscht haben mochte, gänzlich zunichtegemacht wurde. »Er hat gesagt, dass sie hier irgendwo …«
»Dann finde sie, verdammt noch mal!« Duke ließ sie los und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar.
Leonora verbarg ihre plötzliche Erleichterung hinter einem angestrengt suchenden Blick. Während sie sich allmählich um den Schreibtisch herumbewegte, schob und sortierte sie die Zettel hin und her. »Wenn mein Bruder sagt, dass sie hier ist, dann ist sie es auch …« Sie kramte weiter hektisch in dem Papier herum, wie sie es bei vielen der älteren Damen gesehen hatte, denen sie im Laufe der Zeit zur Hand gegangen war. Und ganz allmählich, Zettel für Zettel, hatte sie sich zur anderen Seite des Schreibtisches vorgearbeitet.
»Könnte es dieser hier sein?« Sie stand Duke nun gegenüber; sie griff nach einem Zettel, blinzelte das Papier an, dann schüttelte sie den Kopf. »Nein. Aber sie muss hier irgendwo sein … Vielleicht der hier?«
Sie bemerkte, dass Duke zitterte, und machte den Fehler aufzublicken. Er begegnete ihrem Blick. Las darin …
Sein Ausdruck wurde leer, dann legte sich eine unbeschreibliche Wut über seine Züge. »Du. Du …!«
Er stürzte sich auf sie.
Sie wich ihm aus.
»Das alles war nur ein Trick, nicht wahr? Ich werd dir helfen …«
Doch zunächst einmal musste er sie erwischen. Leonora sparte sich jede weitere Diskussion. Sie konzentrierte sich darauf, ihm auszuweichen, stürzte sich bald in diese Richtung, bald in die andere. Der Schreibtisch war zu breit, als dass er sich darüber beugen und sie packen konnte.
»Arrgh!« Er warf sich der Länge nach über den Schreibtisch, um sie zu erwischen.
Kreischend wich sie ihm aus. Sie warf einen flüchtigen Blick zur Tür, doch er hatte sich bereits wieder aufgerappelt; sein Gesicht war zu einer wütenden Maske verzogen.
Er sprang auf sie zu. Sie floh.
Runde um Runde.
Die Tür ging auf.
Sie raste um den Schreibtisch herum und flüchtete sich in die Arme der großen Gestalt, die in diesem Moment den Raum betrat.
Tristan fing sie auf, umfasste ihre Hände und schob sie hinter sich.
»Raus.«
Ein einzelnes Wort, doch sein Ton ließ keinen Widerspruch zu. Tristan sah sie nicht an. Atemlos folgte sie seinem Blick hinüber zu Duke, der sich schwer atmend auf der ihnen abgewandten Seite des Schreibtisches aufstützte. Noch immer hielt er seinen Dolch in der Hand.
»Sofort.«
Eine Warnung. Sie trat einige Schritte zurück, dann wirbelte sie herum. Er konnte ihre Ablenkung jetzt nicht gebrauchen.
Sie rannte auf den Gang, um Hilfe zu holen, doch Charles und Deverell warteten bereits im Halbschatten vor der Tür.
Charles griff an ihr vorbei nach der Tür und zog sie hinter ihr zu. Dann lehnte er sich lässig gegen den Türrahmen und grinste sie geradezu resigniert an.
Deverell, der ein ebenso wölfisches Lächeln auf den Lippen hatte, lehnte sich entspannt gegen die Korridorwand.
Sie starrte die beiden fassungslos an, wies auf die Bibliothek. »Mountford hat einen Dolch!«
Deverell zog die Brauen hoch. »Nur einen?«
»Ähm, ja …« Hinter der Bibliothekstür ertönte ein dumpfer Schlag. Leonora wirbelte erschrocken herum und starrte die Tür an, zumindest den kleinen Teil davon, den sie über Charles’ Schulter hinweg erspähen konnte. Sie funkelte ihn böse an. »Warum helfen Sie ihm nicht?«
»Wem? Mountford?«
»Nein! Tristan!«
Charles verzog das Gesicht. »Ich bezweifle doch stark, dass er unsere Hilfe braucht.« Er warf Deverell einen Blick zu.
Dieser erwiderte seine Grimasse. »Bedauerlicherweise.« Das Wort »schade« schwebte greifbar im Raum.
Von drinnen ertönten Schläge und Ächzen, dann hörte man, wie jemand überaus hart zu Boden stürzte.
Leonora zuckte zusammen.
Einen Augenblick lang herrschte Stille, dann veränderte sich Charles’ Gesichtsausdruck, und er stieß sich von der Tür ab.
Diese öffnete sich. Tristan erschien im Türrahmen.
Sein Blick fiel auf Leonora, dann wanderte er weiter zu Charles und Deverell. »Er gehört euch.« Er ergriff Leonoras Arm und schob sie den Gang hinunter. »Wenn ihr uns kurz entschuldigen würdet?«
Eine rein rhetorische Frage; Charles und Deverell glitten bereits an ihm vorbei in die Bibliothek.
Leonoras Herz pochte wie wild; es hatte sich noch nicht wieder beruhigt. Sie musterte Tristan - zumindest das, was sie von ihm erkennen konnte, während er sie den Gang entlangzerrte. Seine Züge wirkten hart und irgendwie verbissen. »Hat er dich verletzt?«
Sie hatte Mühe, einen Anflug von Panik aus ihrer Stimme zu verbannen. Ein Dolch konnte einen Menschen tödlich verwunden.
Er blitzte sie aus schmalen Augen an; sein Kiefer schien sich noch zu verhärten. »Natürlich nicht.«
Er klang beleidigt. Sie sah ihn forschend an. »Geht es dir gut?«
Seine Augen funkelten böse. »Nein!«
Sie hatten die Eingangshalle erreicht; Tristan riss die Tür zum Frühstückszimmer auf und schob sie hinein. Er folgte ihr auf dem Fuß und schloss unsanft die Tür. »Also! Nun hilf mir mal auf die Sprünge. Was sagte ich noch gleich, und zwar gestern erst, wenn ich mich recht entsinne, was du auf gar keinen Fall niemals tun dürftest?«
Sie blinzelte ihn an und begegnete seiner beinahe ungezügelten Wut mit ihrem gewohnt ruhigen Blick. »Du sagtest, ich solle mich niemals in Gefahr begeben.«
»Begib dich niemals in Gefahr.« Er trat näher an sie heran in der bewussten Absicht, sie einzuschüchtern. »Ganz richtig. Also«, seine Brust schwoll unter seinem tiefen Atemzug an, er spürte, wie ihm der Geduldsfaden riss, »was zum Teufel hast du dir dabei gedacht, uns nach nebenan zu folgen?«
Seine Stimme wurde nicht lauter, sondern vielmehr tiefer. Er verlieh jedem seiner Worte eine beißende Kraft, sodass sein Satz die Luft durchschnitt wie ein Peitschenhieb. Und ebenso sehr schmerzte.
»Ich …«
»Wenn das ein Beispiel dafür sein sollte, wie du mir in Zukunft gehorchen willst, wie du dich trotz meiner eindeutigen Warnung aufführen willst, dann lass dir gesagt sein, dass ich diese Art von Verhalten nicht billige!« Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar.
»Wenn …«
»Gott! Ich bin um mindestens zehn Jahre gealtert, als Deverell mir sagte, er hätte dich da oben gesehen. Und dann mussten wir erst mal Mountfords Helfer überwältigen, ehe wir uns an die Schlösser machen konnten, und die waren obendrein auch noch uralt und eingerostet! Ich kann mich nicht erinnern, in meinem ganzen Leben schon jemals so verzweifelt gewesen zu sein!«
»Ich verst…«
»Nein, du verstehst überhaupt nichts!« Sein Blick durchbohrte sie. »Und glaube nur nicht, dass dies etwas an meiner Entscheidung ändert. Ich werde dich nämlich heiraten, und dieser Entschluss ist endgültig
Er unterstrich seine Auffassung von »endgültig« mit einer scharfen Handbewegung. »Aber da ich mich offenbar nicht darauf verlassen kann, dass du auf meine Worte oder zumindest auf deinen gesunden Menschenverstand hörst - mit dem Gott dich nicht umsonst gesegnet hat und den du zu meiner Erleichterung ruhig ab und zu mal benutzen könntest -, stell dich ruhig schon mal darauf ein, dass ich dir auf Mallingham einen gottverdammten Turm errichten und dich darin einsperren werde!«
Als er innehielt, um nach Atem zu ringen, bemerkte er, dass ihre Augen merkwürdig funkelten. Warnend.
»Wenn du dann fertig wärst?« Ihre Stimme war um ein Vielfaches eisiger als seine.
Als er ihr nicht sofort antwortete, fuhr sie fort. »Nur zu deiner Information, du liegst mit deiner Einschätzung der Situation vollkommen falsch.« Sie hob ihr Kinn und sah ihn herausfordernd an. »Ich habe mich nicht in Gefahr begeben, nicht einmal ansatzweise!« Ihre Augen blitzten gefährlich; sie hob einen Finger, um zu verhindern, dass er ihr ins Wort fiel.
»Es verhält sich nämlich folgendermaßen. Ich bin dir, St. Austell und Deverell gefolgt, drei Herren mit beachtlicher Erfahrung und ebenso beachtlichen Fähigkeiten, und zwar in ein Haus, das unseren Erwartungen nach zwei weitaus weniger befähigte Männer beherbergte.« Sie durchbohrte ihn mit ihrem Blick, seinen Widerspruch geradezu herausfordernd. »Keiner von uns hat mit einer wirklichen Gefahr gerechnet. Aber wie es nun einmal ist, hat sich das Schicksal eingemischt und die Situation unerwartet zu einer Gefahr werden lassen.
Und ganz davon abgesehen«, ihr Blick war allen seinen Zornesblicken mühelos gewachsen, »was du hier die ganze Zeit so hartnäckig übersiehst, ist meiner Ansicht nach der entscheidende Punkt!« Ihre Hände flogen nach oben. »Ich habe dir vertraut!«
Sie wandte sich ab und ging einige Schritte umher; dann wirbelte sie herum und bohrte ihren Finger in seine Brust. »Ich habe darauf vertraut, dass du dich befreien, mir folgen und mich retten würdest - und genau das hast du getan. Ich habe darauf vertraut, dass du mich in Sicherheit bringen würdest, und du bist erschienen und hast Mountford überwältigt. Aber in deiner verblendeten männlichen Art bist du natürlich zu stur, um das einzusehen!«
Er griff nach ihrem Finger. Sie blickte ihm tief in die Augen. Ihr Kinn war starr. »Ich habe dir vertraut, und du hast mich nicht im Stich gelassen. Ich habe alles … Wir haben alles richtig gemacht.«
Sie hielt seinem Blick stand; ein sanftes Leuchten trat in ihre blauen Augen. »Ich will dir eine Warnung erteilen«, sagte sie mit leiser Stimme. »Verdirb es nicht.«
Wenn er während seiner langen beruflichen Laufbahn eines gelernt hatte, dann im rechten Moment den Rückzug anzutreten.
»Oh.« Er sah sie forschend an; mit einem Nicken gab er ihren Finger frei. »Verstehe. Das war mir nicht klar.«
»Ha!« Sie ließ ihre Hand sinken. »Solange es dir jetzt klar ist …«
»Ja.« Eine Welle der Euphorie stieg in ihm auf; sie drohte über ihm zusammenzuschlagen und ihn davonzureißen. »Mir wird gerade so einiges klar …«
Sie beobachtete ihn, nicht sicher, wie sie seinen Tonfall einschätzen sollte.
Er zögerte einen Moment, dann fragte er sie: »Du hattest also wirklich die Absicht, mir dein Leben anzuvertrauen?«
Ihre Augen funkelten nun deutlich, jedoch nicht vor Zorn. Sie lächelte. »Ja, ganz und gar. Wenn ich nicht mein ganzes Vertrauen in dich hätte setzen können, dann weiß ich nicht, was ich getan hätte.«
Sie begab sich in seine Arme, er umfing sie. Sie legte ihren Kopf in den Nacken und blickte ihm ins Gesicht. »Aber da ich dich in meinem Leben habe, fiel mir die Entscheidung leicht.« Sie schob ihre Arme nach oben und legte sie um seine Schultern. Sie sah ihm tief in die Augen. »Es ist alles in bester Ordnung.«
Er blickte sie forschend an und nickte. »In der Tat.« Während er den Kopf senkte, um sie zu küssen, überprüfte sein analytischer Verstand sicherheitshalber noch einmal, ob in ihrer kleinen Welt tatsächlich alles in bester Ordnung war, und blieb an einem Punkt hängen.
Er stutzte, hob die Lider und wartete ab, bis sie selbiges tat. Er runzelte die Stirn. »Ich nehme an, Jonathon Martinbury ist immer noch im Salon, aber was ist mit deinem Onkel und deinem Bruder?«
Sie riss erschrocken die Augen auf; leises Entsetzen breitete sich über ihre Züge. »Oh, um Gottes willen!«