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Er wollte kein Risiko eingehen und verzichtete darauf, ein Streichholz anzuzünden, um auf die Uhr zu sehen. Stoisch lehnte Tristan sich in einer etwas bequemeren Position gegen die Pförtnerloge in der Eingangshalle. Und wartete.
Um ihn herum lag der unfertige Bastion-Klub in tiefer Stille. Und Leere. Draußen wehte ein bitterkalter Wind, der den Schneeregen heftig gegen die Fenster schlagen ließ. Es musste bereits nach zehn sein; bei derartig frostigen Wetterverhältnissen würde der Einbrecher kaum länger als bis Mitternacht auf sich warten lassen.
Bis vor Kurzem war Tristan solches Warten - reglos im Dunkeln zu verharren - gewohnt gewesen, sei es um einen Verbindungsmann zu treffen oder um irgendwelche obskuren Handlungen zu beobachten; er hatte noch nicht verlernt, wie man sich die Zeit recht mühelos vertrieb. Wie man seinen Geist bewusst vom Körper trennte und völlig reglos wartete - jederzeit bereit, unvermittelt in die Gegenwart zurückzukehren, wenn die geschärften und konzentrierten Sinne auch nur die kleinste Bewegung vermeldeten -, während die Gedanken, die einen gleichwohl wach und beschäftigt hielten, zugleich ganz woanders waren.
Doch heute Abend war er alles andere als glücklich mit der Richtung, die seine Gedanken ganz unwillkürlich einschlugen. Leonora Carling stellte eine unfehlbare Ablenkungsquelle dar; er hatte die meiste Zeit des Tages damit zugebracht, sich selbst einzureden, wie überaus unklug es war, die sinnlichen Reaktionen, die er in ihr auslöste - und sie im Gegenzug in ihm, nur noch um ein Vielfaches stärker -, weiterhin zu forcieren.
Ihm war durchaus bewusst, dass sie diese Signale nicht richtig zu deuten wusste. Dass sie die Gefahr nicht erkannte, obwohl sie so feinfühlig darauf reagierte. Normalerweise hätte so viel Unschuld seiner Lust eher Abbruch getan; doch aus irgendeinem unerfindlichen Grund wurde sein Appetit bei ihr nur noch mehr angeregt.
Ihre ungeheure Anziehungskraft stellte eine unerwartete Komplikation dar, die er zurzeit wahrhaftig nicht gebrauchen konnte. Er musste sich eine Ehefrau suchen, und zwar schleunigst; eine sanfte, verträgliche, fügsame Frau, die ihm keinen Moment lang Kopfzerbrechen bereiten würde, die seine Haushalte in die Hand nahm, seine ältlichen Anverwandten in Schach hielt und sich ansonsten darauf beschränkte, ihm Kinder zu schenken und diese großzuziehen. Er erwartete gar nicht, dass sie viel Zeit mit ihm verbringen würde; er war so lange auf sich allein gestellt gewesen, dass er diesen Zustand inzwischen regelrecht zu schätzen gelernt hatte.
In Anbetracht der knappen Gnadenfrist aus dem unsäglichen Testament seines Großonkels, die beharrlich, Minute für Minute, verstrich, durfte er es keineswegs zulassen, sich von seiner Suche abbringen zu lassen - schon gar nicht von einer unabhängigen, willensstarken, kratzbürstigen Furie, die vermutlich freiwillig unvermählt geblieben war und die nicht nur eine spitze Zunge besaß, sondern obendrein - wann immer sie sich entschloss, davon Gebrauch zu machen - eine eiskalte Arroganz.
Er hatte keinerlei Anlass, irgendeinen Gedanken an sie zu verschwenden.
Und doch konnte er es nicht lassen.
Er entlastete einen Moment lang seine Schulter, um sich dann erneut anzulehnen. Er war in letzter Zeit so damit beschäftigt gewesen, sein unerwartetes Erbe angemessen zu verwalten und sich an die Horde älterer Damen zu gewöhnen, die ihm tagtäglich um die Beine lief und nicht nur seine Häuser in Anspruch nahm, sondern überdies sein Leben erheblich verkomplizierte, ganz zu schweigen von dem lastenden Problem, eine Ehefrau zu finden, dass er sich um eine Geliebte oder anderweitige sexuelle Betätigungen kaum Gedanken gemacht hatte.
Was, rückwirkend betrachtet, wohl nicht gerade besonders klug gewesen war.
Sein Zusammenstoß mit Leonora hatte Funken geschlagen, die auf trockenes Holz gefallen waren. Und ihre nachfolgenden Begegnungen hatten nicht dazu gedient, die Flammen zu ersticken. Leonoras kühle Arroganz kam einer schamlosen Herausforderung gleich, auf die er instinktiv reagierte.
Seine List von heute Morgen, sie durch eine kleine sinnliche Ablenkung von dem Einbrecher abzubringen, war, wenn auch taktisch einwandfrei, persönlich überaus riskant gewesen. Obwohl ihm dies sehr wohl bewusst war, hatte er kaltblütig nach der einen Waffe gegriffen, die ihm den größten Erfolg versprach; denn sein oberstes Ziel war es, ihre Gedanken von dem mutmaßlichen Einbrecher weg auf ein anderes Objekt zu lenken.
Draußen heulte der Wind. Er richtete sich erneut auf, streckte sich lautlos und ließ sich wieder gegen die Wand sinken.
Zum großen Vorteil aller war er zu alt, zu weise und vor allem zu erfahren, um sich von seinen Trieben steuern zu lassen. Er hatte sich einen Plan zurechtgelegt, wie er weiter mit Leonora verfahren wollte. Da er nun einmal in diese mysteriöse Situation hineingestolpert war, die, gleichgültig was ihr Onkel und ihr Bruder dachten, eindeutig eine Bedrohung für Leonora darstellte, und da er zudem die nötige Ausbildung und Erfahrung mitbrachte, war es für ihn nicht mehr als logisch, ja, nicht mehr als recht, die Situation zu entschärfen und die Bedrohung zu beseitigen. War dies erst einmal geschehen, würde er sie ein für alle Mal in Ruhe lassen.
Ein entferntes Kratzen von Metall gegen Stein drang zu ihm herüber. Seine Sinne wurden hellwach, suchten nach weiteren Hinweisen darauf, dass der Einbrecher nun zugegen war.
Etwas früher als erwartet; aber um wen es sich bei dem Einbrecher auch immer handelte, er war mit ziemlicher Sicherheit ein Amateur.
Tristan war gegen acht Uhr zum Montrose Place zurückgekehrt und durch die schmale Gasse hinter dem Haus und den hinteren Garten über den Kücheneingang ins Gebäude gelangt. Ihm war aufgefallen, dass die Arbeiter nur ein paar vereinzelte Werkzeuge in einer Ecke liegen gelassen hatten. Die Seitentür war unberührt, der Schlüssel steckte noch immer gerade und beweglich im Schloss. Nachdem alle Vorkehrungen getroffen waren, hatte er sich zur Pförtnerloge hinaufbegeben und die Tür, die zur Küchentreppe führte, mit einem Ziegelstein leicht offen gestellt.
Die Pförtnerloge bot uneingeschränkte Sicht auf den gesamten Flur, die Treppe, die nach oben führte, sowie die Tür zum Untergeschoss. Niemand konnte vom Erdgeschoss oder den oberen Stockwerken her ins Untergeschoss gelangen, ohne dass er ihn bemerkte.
Nicht, dass Tristan ernsthaft mit diesem Szenario rechnete; er wollte lediglich sicherstellen, dass der Einbrecher unten absolut ungestört blieb. Er wäre jede Wette eingegangen, dass dieser sogenannte »Einbrecher« sich im Keller zu schaffen machen würde; Tristan war daran gelegen, dass der Eindringling bereits in seine Arbeit vertieft war, wenn er ihn überraschte. Er wollte den Beweis dafür, dass seine Vermutungen stimmten. Im Anschluss hatte er vor, den »Einbrecher« einem Verhör zu unterziehen.
Er konnte sich kaum vorstellen, was ein wirklicher Einbrecher aus einem leeren Haus hätte stehlen wollen.
Plötzlich vernahm Tristan das sanfte Klopfen einer Ledersohle auf Stein. Abrupt wandte er sich der Eingangstür zu.
Aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz schien jemand auf diesem Wege eindringen zu wollen. Ein vager Schatten erschien hinter der geschliffenen Glasscheibe der Eingangstür. Lautlos glitt er aus der Pförtnerloge hinaus und verschmolz mit den Schatten der Eingangshalle.
 
Leonora steckte den schweren Schlüssel ins Schloss und blickte hinunter auf ihre Begleitung.
Sie hatte sich beizeiten in ihr Schlafzimmer zurückgezogen, um angeblich früh zu Bett zu gehen. Dann hatte sie geduldig gewartet, bis es elf Uhr schlug - in der Hoffnung, die Straßen müssten nun ausgestorben sein -, um leise die Treppe hinunterzuschleichen, wobei sie sorgsam darauf geachtet hatte, der Bibliothek nicht zu nahe zu kommen, wo Humphrey und Jeremy noch immer über ihren schweren Wälzern brüteten. Sie hatte sich ihren Mantel übergeworfen und war zur Haustür hinausgeschlüpft.
Ein Mitglied ihres Haushalts hatte sich jedoch nicht so leicht überlisten lassen.
Henrietta sah sie mit offenem Maul erwartungsvoll an, bereit, ihrer Herrin überallhin zu folgen. Hätte Leonora versucht, sie im Hausflur zurückzulassen, während sie sich zu später Stunde allein hinausbegab, hätte der Hund unweigerlich gejault.
Leonora sah die Hündin strafend an. »Erpresserin.« Ihr Flüstern verlor sich im Heulen des Windes. »Aber denk daran«, fuhr sie fort - weniger, um Henrietta zu belehren, als vielmehr, um sich selbst Mut zu machen -, »wir wollen lediglich sehen, was er tut. Du musst mucksmäuschenstill sein.«
Henrietta betrachtete die Tür und stupste mit ihrer Schnauze dagegen.
Leonora drehte den Schlüssel herum und stellte mit Genugtuung fest, dass das Schloss problemlos nachgab. Sie zog den Schlüssel heraus und steckte ihn wieder ein, dann zog sie ihren Mantel enger um sich. Sie packte Henrietta am Halsband, griff nach dem Türknauf und drehte ihn herum.
Die Tür sprang auf. Leonora öffnete sie gerade so weit, dass sie und Henrietta hindurchschlüpfen konnten, dann schwang sie herum, um die Tür hinter sich zu schließen. Der Wind schlug ihr heftig entgegen; sie musste Henrietta loslassen und beide Hände nehmen, um die Tür - möglichst leise - wieder zu schließen.
Es gelang ihr. Sie stieß innerlich einen Seufzer der Erleichterung aus, bevor sie sich dem Raum zuwandte.
Der Flur war in unheilvolles Schwarz getaucht. Sie blieb einen Moment lang stehen, während sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnten und sie zugleich ein Eindruck von Leere überkam - die seltsame Leere eines vertrauten Ortes, dem man sein komplettes Mobiliar genommen hatte.
Sie vernahm ein leises, klickendes Geräusch.
Henrietta setzte sich kerzengrade auf die Hinterläufe und winselte kaum hörbar - nicht vor Angst, sondern vor Erregung.
Leonora starrte ihren Hund an.
Sie spürte eine Bewegung im Raum.
Ihre Nackenhaare sträubten sich; ihr Herz machte einen Satz. Sie atmete instinktiv ein …
Und fühlte eine harte Handfläche über ihrem Mund.
Ein eiserner Griff umfasste ihre Taille.
Sie wurde rücklings gegen einen Körper aus Granit gepresst.
Seine ungeheure Stärke übermannte sie, unterwarf sie.
Mühelos.
Ein dunkler Kopf beugte sich zu ihr herab.
Eine Stimme, erfüllt von kaum gezügelter Wut, zischte ihr ins Ohr: »Was zum Teufel tun Sie hier?«
Tristan traute seinen Augen nicht.
Ihre waren vor Schreck weit aufgerissen, das konnte er trotz der Dunkelheit erkennen. Er fühlte ihren heftig pochenden, rasenden Puls und die Panik, die sie urplötzlich erfasst hatte.
Er war sich absolut sicher, dass der Schreck keineswegs der einzige Grund war. Er spürte seine eigene Reaktion ebenso deutlich.
Und wies sie entschlossen in ihre Schranken.
Er hob den Kopf und horchte auf seine Sinne, doch er konnte keine weitere Bewegung im Hause wahrnehmen. Hier in der leeren Eingangshalle konnte er nicht mit ihr sprechen, nicht einmal flüstern; das allerkleinste Geräusch würde an den nackten, polierten Oberflächen abprallen und nachhallen.
Er schlang seinen Arm fester um ihre Taille und hob sie hoch, um sie in das kleine Empfangszimmer zu tragen, welches sie für Damengespräche vorgesehen hatten. Er staunte einen Moment lang über die Weitsicht ihrer Planung. Um den Türknauf zu betätigen, musste er seine Hand von ihrem Gesicht nehmen. Als sie drinnen waren, schloss er hinter ihnen die Tür.
Er hielt sie noch immer im Arm; ihre Beine baumelten in der Luft, ihr Körper war gegen den seinen gepresst.
Sie wand sich, zischte. »Lassen Sie mich runter!«
Er überlegte einen Moment, dann gab er widerwillig nach. Es war leichter, mit ihr zu reden, wenn er ihr dabei ins Gesicht sehen konnte. Sie weiterhin festzuhalten, während sich ihr zappelndes Hinterteil gegen ihn drückte, bedeutete nur unnötige Qual.
In dem Augenblick, als ihre Füße den Boden berührten, wirbelte sie herum.
Und kollidierte mit seinem erhobenen Zeigefinger, der geradewegs auf ihre Nase gerichtet war. »Ich habe Ihnen keineswegs von dieser Sache erzählt, damit sie des Nachts hier hereinspazieren und sich selbst ins Getümmel stürzen!«
Sie sah ihn erschrocken an; ihre Augen wanderten zu seinem Gesicht. Sie war sprachlos - gewiss hatte noch kein Mann es je gewagt, so mit ihr zu sprechen. Er nutzte die Gelegenheit, um die Initiative zu ergreifen. »Habe ich nicht gesagt, Sie sollen die Sache mir überlassen.« Er sprach mit einem tiefen, doch nicht weniger wütenden Flüstern - leise genug, dass kein Laut nach außen drang.
Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. »Ich weiß sehr gut, was Sie gesagt haben, aber dies hier ist eindeutig mein Problem.«
»Es ist doch wohl mein Haus, in das hier eingebrochen wird, und außerdem …«
»Außerdem«, fuhr sie in leisem Ton, aber mit hocherhobenem Kinn fort, als hätte sie ihn gar nicht gehört, »sind Sie schließlich ein Earl. Ich hatte also guten Grund anzunehmen, dass Sie heute Abend Ihren gesellschaftlichen Pflichten nachkommen müssten.«
Dieser Seitenhieb befeuerte seine Wut nur noch mehr. Er sprach mit zusammengebissenen Zähnen. »Ich bin keineswegs freiwillig Earl geworden und gehe meinen gesellschaftlichen Pflichten, so gut ich kann, aus dem Weg. Doch das tut hier nichts zur Sache. Sie sind eine Frau. Ein Weibsbild. Sie haben hier nichts verloren. Schon gar nicht in meiner Gegenwart.«
Ihr blieb der Mund offen stehen, während er sie am Ellenbogen packte und sie zur Tür drehte.
»Ich werde nicht …!«
»Seien Sie still.« Er schob sie vor sich her. »Das werden Sie sehr wohl. Ich werde Sie nämlich höchstpersönlich zur Tür geleiten; und Sie werden sich auf direktem Wege nach Hause begeben und schön brav dort bleiben - komme, was da wolle!«
Sie stemmte ihre Absätze in den Boden. »Und was, wenn er da draußen irgendwo lauert?«
Er hielt inne, sah sie an. Er bemerkte, wie ihr Blick starr auf die Dunkelheit jenseits der Eingangstür gerichtet war, hinter der sich der dicht bewachsene Garten befand. Seine Gedanken gingen den gleichen Weg wie ihre.
»Verdammt!« Er ließ sie los und schob einen noch derberen Fluch hinterher.
Sie sah ihn an; er sah sie an.
Die Eingangstür hatte er nicht überprüft; womöglich hatte der Möchtegern-Einbrecher auch einen Abdruck von ihrem Schlüssel genommen. Er konnte jetzt nicht nachsehen, ohne ein Streichholz anzuzünden, und das Risiko war ihm zu groß. Unabhängig davon war es nicht allzu abwegig, dass der sogenannte »Einbrecher« einen Blick auf die Vorderseite des Hauses warf, bevor er sich über die rückwärtige Gasse in den hinteren Garten schlich. Schlimm genug, dass sie auf ihrem Weg hierher den Einbrecher hätte vertreiben oder, schlimmer noch, ihm in die Arme laufen können. Sie jetzt da hinauszuschicken, wäre reiner Irrsinn.
Der Täter hatte bereits bewiesen, dass er vor Gewalt nicht zurückschreckte.
Tristan atmete tief ein. Und nickte knapp. »Dann müssen Sie hierbleiben, bis alles vorüber ist.«
Er hatte das Gefühl, ihre Erleichterung zu spüren, konnte sich aber in der Dunkelheit nicht sicher sein.
Sie neigte hochmütig den Kopf. »Wie ich bereits sagte, das Haus mag zwar Ihnen gehören, aber der Einbrecher ist eindeutig mein Problem.«
Er konnte sich ein widerwilliges Knurren nicht verkneifen. »Darüber lässt sich streiten.« Einbrecher waren seiner Definition nach eindeutig kein weibliches Problem, sie hatte immerhin einen Onkel und einen Bruder …
»Schließlich ist es mein Haus - beziehungsweise das meines Onkels -, zu dem sich der Einbrecher Zutritt verschaffen will. Das wissen Sie ebenso gut wie ich.«
Darüber ließ sich in der Tat nicht streiten.
Sie vernahmen ein dumpfes Scharren - es kam von der Tür. Ein neuerliches »Verdammt!« erschien ihm ein wenig überflüssig; stattdessen öffnete er mit einem vielsagenden Blick die Tür. Und schloss sie wieder, nachdem ein struppiges Etwas hindurchgetrottet war. »Mussten Sie Ihren Hund unbedingt mitbringen?«
»Ich hatte keine andere Wahl.«
Die Hündin blickte zu ihm auf und setzte sich dann mit einer Unschuldsmine vor ihn, so als wollte sie ihm sagen, dass er ihre Anwesenheit doch wohl am allerbesten verstehen müsste.
Er unterdrückte ein empörtes Knurren. »Setzen Sie sich.« Er deutete auf den Platz in der Fensternische, die einzige Sitzgelegenheit in dem ansonsten leeren Raum; zum Glück waren die Fensterläden geschlossen. Während sie sich bereitwillig setzte, sagte er: »Ich werde die Tür einen Spaltbreit öffnen, damit wir etwas hören.«
Er sah Probleme auf sich zukommen, wenn er sie hier allein ließe und zu seinem Posten im Flur zurückkehrte. Was ihn am meisten beschäftigte, war die Frage, was wohl passieren würde, wenn der Einbrecher tatsächlich in Erscheinung trat; würde sie sich still verhalten oder herausgestürmt kommen? Wenn Tristan hier im Raum bliebe, wusste er zumindest, wo sie sich befand - nämlich hinter ihm.
Er öffnete die Tür und ließ sie leicht offen stehen. Der Wolfshund ließ sich zu Leonoras Füßen niedersinken und beäugte beiläufig den Türspalt. Tristan lehnte sich neben der Tür gegen die Wand und ließ seinen Blick in den dunklen Flur gleiten.
Seine Gedanken wanderten zu der Stelle zurück, an der Leonora sie unterbrochen hatte. Er war instinktiv davon überzeugt, dass Frauen, und zwar insbesondere Frauen wie Leonora, keinerlei Gefahr ausgesetzt werden durften und sich keinesfalls an gefährlichen Unternehmungen beteiligen sollten. Ihm war durchaus bewusst, dass derartige Instinkte aus Zeiten herrührten, in denen Frauen noch beschützt werden mussten, um dem Mann die Nachkommenschaft zu sichern; nichtsdestoweniger hatten diese alten Grundsätze für ihn nach wie vor Gültigkeit. Es ärgerte ihn, dass sie hierhergekommen war, dass sie sich hergewagt hatte, obwohl sie damit ihrem Onkel und ihrem Bruder wenn schon nicht zuwiderhandelte, so doch zumindest ihre rechtmäßige Autorität umwanderte und untergrub …
Er sah zu ihr hinüber und spürte, wie sein Kiefer sich unwillkürlich anspannte. Vermutlich benahm sie sich andauernd so.
Aber er hatte keinerlei Recht dazu, über sie oder Sir Humphrey und Jeremy zu urteilen. Wenn er die drei richtig einschätzte, hatten weder Sir Humphrey noch Jeremy das Zeug dazu, Leonora unter Kontrolle zu halten. Sie versuchten es nicht einmal. Ob Leonora sich ihnen in der Vergangenheit widersetzt und ihre Zustimmung erzwungen hatte, ob es den beiden schlichtweg nicht wichtig genug war oder ob sie gar auf Leonoras eigensinniges Streben nach Unabhängigkeit bewusst Rücksicht nahmen, Tristan vermochte es nicht zu sagen.
Ungeachtet dessen hielt er die Situation für unangemessen, gewissermaßen aus dem Gleichgewicht geraten. Keineswegs so, wie sie sein sollte.
Die Minuten verstrichen, dehnten sich zu einer halben Stunde.
Es musste etwa gegen Mitternacht sein, als Tristan plötzlich ein metallisches Kratzen vernahm - ein Schlüssel, der in das alte Schloss der Seitentür gesteckt wurde.
Der Jagdhund hob seinen Kopf.
Leonora richtete sich auf, gewarnt durch die unerwartete Bewegung ihres Hundes und die plötzliche Anspannung Trenthams, der sich bis dahin entspannt gegen die Wand gelehnt hatte. Ihr waren seine flüchtigen Blicke, sein Stirnrunzeln, seine Verärgerung keineswegs entgangen, doch sie hatte sich geschworen, diese beharrlich zu ignorieren. Sie wollte herausfinden, welches Motiv dieser Einbrecher hatte, und gemeinsam würden sie den Ganoven vielleicht sogar stellen können.
Sie verspürte eine plötzliche Erregung, die sich schlagartig verstärkte, als Trentham ihr mit einem Wink zu verstehen gab, sich nicht von der Stelle zu rühren und Henrietta sicher zurückzuhalten, während er selbst wie ein Phantom zur Tür hinausschlüpfte.
Er bewegte sich vollkommen lautlos - hätte sie ihn nicht beobachtet, wäre es ihr so vorgekommen, als hätte er sich einfach in Luft aufgelöst.
Sie stand unvermittelt auf und folgte ihm ebenso geräuschlos; sie war dankbar, dass die Arbeiter überall schützende Decken ausgelegt hatten, welche die Geräusche von Henriettas Pfoten dämpften, als diese ihr auf dem Fuß folgte.
Leonora erreichte die Tür und spähte hindurch. Sie sah, wie Trentham im Schatten bei der Küchentreppe Deckung suchte. Sie zog ihren Mantel fester um sich und kniff angestrengt die Augen zusammen; die Tür nach unten schien leicht offen zu stehen.
»Au! Uff!«
Es folgten zahlreiche Flüche.
»He! Loslassen!«
»Was zum Teufel hast du hier verloren, du alter Schwachkopf?«
Beide Stimmen kamen von unten.
Ehe sie sichs versah, war Trentham die Treppe hinuntergeglitten. Sie raffte ihre Röcke und rannte ihm hinterher.
Von der Treppe war nichts weiter zu erkennen als ein schwarzes Loch. Ohne groß nachzudenken, stürmte sie mit klappernden Absätzen die steinernen Stufen hinunter. Hinter ihr bellte Henrietta kurz auf und verfiel dann in finsteres Knurren.
Auf halber Höhe blieb Leonora stehen, stützte sich auf das Geländer und spähte hinab in die Küche. Sie sah zwei Männer - der eine groß und in einen Mantel gehüllt, der andere klein, aber kräftig und deutlich älter -, die an der Stelle, wo normalerweise der Küchentisch gestanden hätte, heftig miteinander rangen.
Henriettas Knurren ließ beide erstarren.
Der größere Mann sah auf.
Im gleichen Moment wie Leonora bemerkte auch er, dass Trentham sich ihm näherte.
Mit größtem Krafteinsatz zog der größere den älteren Mann herum und schleuderte ihn Trentham entgegen.
Der Alte verlor das Gleichgewicht und taumelte zurück.
Trentham hatte zwei Möglichkeiten; er konnte beiseitetreten und den alten Mann auf den Steinboden stürzen lassen oder aber ihn auffangen. Leonora beobachtete von oben, wie er blitzschnell eine Entscheidung traf, stehen blieb und den alten Mann mit seinem Körper abfing. Er hielt ihn fest und hätte ihn sicher auf die Füße gestellt, um dem anderen Mann nachzusetzen, der sich in einen engen Gang geflüchtet hatte, doch der Alte wehrte sich, rang mit ihm …
»Halt still!«
Sein Befehl klang hart. Der alte Mann wurde mit einem Mal starr und gehorchte.
Trentham ließ ihn leicht schwankend stehen und machte sich an die Verfolgung …
Doch zu spät.
Als Trentham den Gang erreichte, vernahm Leonora das Schlagen einer Tür. Kurz darauf hörte sie, wie er fluchte.
Leonora stürzte die Treppe hinunter, an dem alten Mann vorbei zu den Fenstern am gegenüberliegenden Ende der Küche, von wo aus sie den Weg zum Hintertor überblicken konnte.
Der groß gewachsene Mann - es konnte nur ihr »Einbrecher« sein - tauchte von der Seite her auf und rannte den Weg hinunter. Einen kurzen Moment lang erhellte das schwache Mondlicht seine Silhouette; Leonora versuchte mit weit aufgerissenen Augen jedes Detail in sich aufzunehmen, dann verschwand er hinter der Hecke des Gemüsegartens. Dahinter befand sich ein Tor, welches in die rückwärtig gelegene Gasse führte.
Innerlich seufzend trat sie einen Schritt zurück, führte sich die Szene erneut vor Augen und prägte sich alles genau ein.
Wieder schlug eine Tür; im nächsten Moment erschien Trentham hinter dem Haus. Die Hände in die Hüfte gestützt, ließ er seinen Blick über den Garten schweifen.
Sie klopfte an die Scheibe; als er sich umwandte, deutete sie auf den Weg. Er drehte sich wieder um, trat die Stufen hinunter und ging - nicht länger laufend - mit großen Schritten in Richtung Tor.
Ihr »Einbrecher« war entkommen.
Leonora wandte sich dem älteren Mann zu, der sich inzwischen auf die Treppe gesetzt hatte und immer noch schnaufend nach Atem rang. »Was tun Sie hier?«
Er fing an zu reden, doch anstatt ihre Frage zu beantworten, faselte er viel unverständliches Zeug daher, gespickt mit Entschuldigungen, jedoch ohne jeglichen Informationsgehalt. Er trug einen uralten Filzmantel, dazu gleichermaßen uralte, abgetragene Stiefel sowie verschlissene Fausthandschuhe; es ging ein Geruch von Dreck und fauliger Erde von ihm aus, der sich deutlich vom Geruch der frisch gestrichenen Küche abhob.
Leonora verschränkte die Arme und tippte ungeduldig mit dem Schuh auf den Boden, während sie auf ihn hinabsah. »Warum sind Sie in dieses Haus eingebrochen?«
Er stotterte, stockte und druckste nur weiter herum.
Sie war quasi mit ihrer Geduld am Ende, als Trentham über den dunklen Seitenkorridor zurückkam.
Er wirkte entnervt. »Er war so gewitzt, gleich beide Schlüssel mitzunehmen.«
Sein Kommentar war an niemanden im Speziellen gerichtet; Leonora wurde klar, dass der Mann bei seiner Flucht die Seitentür hinter sich abgeschlossen haben musste. Während Trentham die Hände in den Taschen versenkte, stehen blieb und den alten Mann eingehend musterte, fragte sich Leonora, wie er wohl trotz der verriegelten Tür nach draußen gelangt war.
Henrietta hatte sich etwa einen Meter vor dem alten Mann niedergelassen; er beäugte sie misstrauisch.
Dann begann Trentham mit seinem Verhör.
Mithilfe einiger wohlformulierter Fragen fand er heraus, dass der Alte ein Stadtstreicher war, der normalerweise im nahe gelegenen Park übernachtete. Doch die heutige Nacht war so rau und stürmisch geworden, dass er nach einem Unterschlupf gesucht hatte; er wusste, dass dieses Haus leer stand, weshalb er hierhergekommen war. Er hatte die Fenster untersucht und festgestellt, dass eines der Schlösser defekt war.
Von Trentham, der wie ein rachsüchtiger Gott über ihm schwebte, und Henrietta, deren offenes Maul zwei Reihen spitzer Zähne erkennen ließ, in die Enge getrieben, sah sich der alte Kauz offenbar genötigt, mit der Sprache herauszurücken. Leonora unterdrückte ein empörtes Schnauben; anscheinend hatten ihre eigenen Einschüchterungsversuche ihre Wirkung verfehlt.
»Ich hatte wirklich nichts Schlimmes im Sinn, Sir. Wollte mir nur ein trockenes Plätzchen zum Schlafen suchen.«
Trentham sah dem alten Mann einen Moment lang tief in die Augen, dann nickte er. »Na schön. Eine Frage noch. Wo genau ist der andere Mann über sie gestolpert?«
»Dort drüben.« Der Alte wies auf das andere Ende der Küche. »Je weiter vom Fenster weg, desto wärmer. Der Bast… Der Mistkerl hat mich da herausgezerrt. Ich glaub, er wollte mich vor die Tür setzen.«
Der Alte hatte bei seinen Worten auf eine kleine Speisekammer gezeigt.
Leonora sah Trentham an. »Die Kellerräume dahinter grenzen an die Grundmauern unseres Hauses.«
Er nickte und wandte sich wieder dem Alten zu. »Ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Wir haben erst Mitte Februar; die Nächte werden wohl noch einige Wochen so frostig bleiben.« Er sah sich um. »Es gibt genügend Lappen und Decken hier, mit denen Sie sich zudecken können. Sie dürfen heute Nacht hierbleiben.« Sein Blick wanderte zurück zu dem älteren Mann. »Gasthorpe, unser zukünftiger Majordomus, wird morgen hier einziehen. Er wird Bettdecken mitbringen und das Haus bewohnbar machen. Die Schlafzimmer des Hauspersonals befinden sich jedoch im Dachgeschoss.«
Tristan machte eine kurze Pause, dann fuhr er fort: »Angesichts unseres nächtlichen Besuchers wäre es mir recht, wenn jemand hier unten schliefe. Wenn Sie sich dazu bereiterklären, für uns den Nachtwächter zu spielen, können Sie ab sofort rechtmäßig hier übernachten. Ich werde allen Bediensteten die Anweisung erteilen, sie wie ein gewöhnliches Mitglied des Haushalts zu behandeln. Sie hätten es immerhin warm und trocken. Wir würden eine Klingel anbringen, sodass Sie im Falle eines erneuten Einbruchs nichts weiter tun müssten, als zu läuten. Gasthorpe und seine Angestellten würden sich dann um den Eindringling kümmern.«
Der alte Mann blinzelte ihn an, so als könne er den Vorschlag nicht so recht begreifen, als hätte er das Gefühl zu träumen.
Ohne sich sein Mitgefühl in irgendeiner Weise anmerken zu lassen, fragte Tristan den Alten: »In welchem Regiment haben Sie gedient?«
Er beobachtete, wie der Mann die Schultern zurückzog und den Kopf hob.
»Neuntes. Nach La Coruña wurde ich wegen Dienstunfähigkeit entlassen.«
Tristan nickte. »Wie so viele andere auch. Nicht gerade eines unserer glorreichsten Gefechte. Wir können von Glück reden, dass wir selbst lebend da herausgekommen sind.«
Die wässrigblauen Augen des Mannes weiteten sich. »Sie waren dort?«
»Das war ich.«
»Ja.« Der alte Mann nickte. »Dann wissen Sie, wie es dort war.«
Tristan wartete einen Moment ab, dann fragte er: »Nun, werden Sie es tun?«
»Nachts für Sie Wache schieben?« Der alte Mann blickte zu ihm auf, dann nickte er erneut. »Jawohl, ich werd es machen.« Er sah sich um. »Wird sicher seltsam sein, nach all den Jahren, aber …« Er zuckte die Schultern und erhob sich von den Stufen.
Er nickte Leonora respektvoll zu, dann trat er an ihr vorbei und betrachtete die Küche plötzlich mit ganz anderen Augen.
»Wie lautet Ihr Name?«
»Biggs, Sir. Joshua Biggs.«
Tristan fasste Leonora am Arm und zog sie zur Treppe. »Sie stehen mit sofortiger Wirkung im Dienst, Biggs, aber heute Nacht werden Sie wohl kaum mit weiteren Störungen zu rechnen haben.«
Der alte Mann blickte auf und hob die Hand zum Salut. »Jawohl, Sir. Und sollte doch etwas sein, bin ich zur Stelle.«
Völlig fasziniert von diesem Wortwechsel, kehrte Leonora erst wieder in die Gegenwart zurück, als sie oben in der Eingangshalle angekommen waren. »Glauben Sie, der Mann, der entkommen ist, war unser Einbrecher?«
»Ich glaube kaum, dass es mehr als einen Mann oder sagen wir besser eine Gruppe von Männern gibt, die sich Zutritt zu Ihrem Haus verschaffen will.«
»Eine Gruppe von Männern?« Sie sah Trentham an und verfluchte die Dunkelheit, die seinen Gesichtsausdruck verhüllte. »Glauben Sie das wirklich?«
Er antwortete nicht sofort; sie konnte seinen nachdenklichen Gesichtsausdruck beinahe spüren, wenn sie ihn schon nicht sehen konnte.
Sie erreichten den Eingang. Ohne Leonoras Arm loszulassen, öffnete er die Tür. Als sie mit Henrietta im Schlepptau hinaustraten, suchte er ihren Blick. Schwaches Mondlicht umfing sie.
»Sie haben ihn beobachtet. Wie viel konnten Sie erkennen?«
Als sie einen Augenblick zögerte, um ihre Gedanken zu ordnen, forderte er sie auf: »Beschreiben Sie ihn.«
Er gab ihren Ellenbogen frei und bot ihr stattdessen seinen Arm. Ohne darüber nachzudenken, legte sie ihre Hand auf seinen Ärmel und trat mit ihm gemeinsam die Stufen hinunter. Während sie den Weg zum Tor entlanggingen, dachte sie angestrengt nach. »Er war groß - das haben Sie ja selbst gesehen. Ich hatte außerdem den Eindruck, dass er noch recht jung war.« Sie sah zu Trentham auf. »Jünger als Sie.«
Er nickte. »Fahren Sie fort.« »Er war mindestens so groß wie Jeremy, aber nicht viel größer. Und eher schlank als kräftig. Er hatte einen schlaksigen und zugleich eleganten Gang, wie junge Männer ihn manchmal haben, und er konnte sehr gut rennen.«
»Besondere Merkmale?«
»Dunkle Haare.« Wieder sah sie zu Trentham auf. »Ich würde sagen, noch dunkler als Ihre, vielleicht schwarz. Was sein Gesicht angeht …« Sie sah wieder geradeaus, den Moment vor Augen, als sie kurz sein Gesicht gesehen hatte. »Feine Gesichtszüge. Nicht unbedingt aristokratisch, aber auch nicht gewöhnlich.«
Sie suchte Trenthams Blick. »Zweifellos ein Gentleman von gutem Stand.«
Er widersprach ihr nicht, schien sogar nicht einmal überrascht.
Als sie den Gehweg erreichten, erfasste sie von der Straße her ein scharfer Wind; Trentham zog sie näher an sich heran - in den schützenden Windschatten seiner Schultern. Mit gesenkten Köpfen schritten sie zügig hinüber zum Haus der Carlings.
Sie hätte darauf bestehen sollen, dass er sie am Eingangstor allein ließ, aber er schwang das Gitter weit auf und zog sie mit einer solchen Selbstverständlichkeit hindurch, dass ihr der Gedanke, welche Schwierigkeiten sich ergeben mochten, wenn man sie vor der Haustür zusammen sah, erst viel zu spät kam.
Doch wie üblich hatte der Garten beruhigende Wirkung auf sie; er gab ihr das Gefühl, dass alle Bedenken unberechtigt waren. Wie aufgestellte Staubwedel säumten zahlreiche feingliedrige Pflanzen den Weg, und hier und da reckte eine exotische Blume ihren Kopf weit in die Höhe. Diverse Büsche zierten die Beete, und vereinzelte Bäume verliehen dem eleganten Konzept einige kunstvolle Akzente. Trotz der Jahreszeit lugten an manchen Stellen sternförmige, weiße Blüten unter dem schützenden, tiefgrünen Blattwerk hervor.
Obwohl die Nacht ihre eisigen Finger nach dem gewundenen Pfad ausstreckte, konnte der wütende Wind nur den oberen Rand der Mauer erreichen und nur die obersten Zweige der Bäume schütteln.
Am Boden herrschte Stille, Ruhe. Wie immer hatte Leonora das Gefühl, dass dieser Garten lebendig war, dass er geduldig und gutmütig die Nacht hindurch wachte.
Als sie die letzte Biegung des Weges erreicht hatten, blickte sie zum Haus; durch die Büsche und Zweige hindurch entdeckte sie Licht hinter den Fenstern der Bibliothek. Der Raum grenzte ans Haus Nummer sechzehn und war zu weit entfernt, als dass Humphrey und Jeremy ihre Schritte im Kies hätten hören können und aufgrund dessen aus dem Fenster sehen würden.
Eine lautstarke Auseinandersetzung vor der Eingangstür wäre ihnen hingegen kaum entgangen.
Sie warf einen Blick zu Trentham und sah, dass er die beleuchteten Fenster ebenfalls bemerkt hatte. Sie blieb stehen und entzog ihm ihre Hand, während sie sich ihm zuwandte. »Ich werde Sie hier verlassen.«
Er sah sie an, sagte jedoch nichts.
Aus seiner Sicht gab es drei Möglichkeiten. Er konnte ihren Wunsch akzeptieren, sich umdrehen und von dannen ziehen; oder er konnte ihren Arm nehmen, sie zur Tür geleiten und mit einigen angemessenen und wohlüberlegten Erklärungen der Obhut ihres Onkels und ihres Bruders übergeben.
Beide Möglichkeiten erschienen ihm überaus feige. Die erste, weil er ihr damit willfährig den Schutz vorenthielt, den sie durchaus benötigte, und sich zudem stillschweigend aus der Verantwortung zog, was er in seinem ganzen Leben noch nie getan hatte. Die zweite, weil er genau wusste, dass weder Sir Humphrey noch Jeremy - mochte er ihre Empörung auch noch so sehr anstacheln - in der Lage wären, Leonora länger als einen Tag im Zaume zu halten.
Insofern blieb ihm nur die dritte Möglichkeit.
Er sah ihr fest in die Augen und ließ seine Stimme, gestützt von seinen aufrichtigen Gefühlen, bewusst hart klingen. »Sich persönlich auf Einbrecherjagd zu begeben, war extrem leichtsinnig von Ihnen.«
Ihr Kinn schnellte hoch; ihre Augen blitzten. »Das mag schon sein, aber wenn ich es nicht getan hätte, dann wüssten wir jetzt nicht einmal, wie er aussieht. Sie haben ihn schließlich nicht gesehen, ich war es.«
»Und was glauben Sie«, sein eisiger Tonfall klang so, als würde er mit einem übermäßig leichtsinnigen Untergebenen reden, »wäre wohl passiert, wenn ich nicht da gewesen wäre?«
Seine eigene Antwort auf diese Frage durchbohrte ihn hart und scharf wie ein Messer; bis zu diesem Moment hatte er sich dieses Szenario nicht vorstellen mögen. Seine Augen wurden schmal, während echte Wut in ihm hochkochte. In einer bewusst einschüchternden Geste trat er näher an sie heran. »Lassen Sie mich eine Vermutung anstellen - korrigieren Sie mich, wenn ich falschliege. Sie hätten den Kampf in der Küche gehört und wären Hals über Kopf die Treppe hinuntergestürzt - mitten hinein ins Geschehen. Sprich, in die Schlägerei. Und was dann?« Er trat noch näher an sie heran; sie wich leicht zurück. Dann straffte sie ihren Rücken und hob ihren Kopf noch etwas höher. Sie hielt seinem Blick herausfordernd stand.
Er ließ seinen Kopf ein wenig sinken, brachte sein Gesicht auf ihre Augenhöhe; sein Blick hielt den ihren gebannt. Er knurrte sie an: »Ganz davon abgesehen, was dann wohl mit Biggs geschehen wäre - wir wissen ja, was mit Stolemore passiert ist -, was … was genau, glauben Sie, hätte er wohl mit Ihnen gemacht?«
Seine Stimme war nicht lauter geworden, dafür aber tiefer, rauer, kraftvoller; während er die Worte aussprach, wurde ihm erst vollständig bewusst, welcher Gefahr sie sich tatsächlich ausgesetzt hatte.
Ihr Rücken war kerzengerade, ihr Blick eisig, als sie ihm ihre Antwort entgegenschleuderte. »Nichts.«
Er kniff die Augen zusammen. »Nichts?«
»Ich hätte Henrietta auf ihn gehetzt.«
Die Worte ließen ihn zögern. Er warf einen Blick auf den Jagdhund, der sich mit einem tiefen Seufzer niederließ.
»Wie gesagt, diese Möchtegern-Eindringlinge sind mein Problem. Und ich bin durchaus willens und in der Lage, die Probleme, die mich selbst betreffen, auch selbst zu lösen.«
Tristans Blick wanderte von dem Hund zurück zu ihr. »Sie hatten aber gar nicht vorgehabt, Henrietta mitzunehmen.«
Leonora widerstand dem Drang, ihren Blick abzuwenden. »Was aber nichts daran ändert, dass ich sie dabeihatte. Ich war keinen Augenblick lang in Gefahr.«
Irgendetwas in ihm rührte sich - es lauerte hinter seiner Fassade, hinter seinen Augen. »Nur weil Sie Henrietta bei sich haben, droht Ihnen also keine Gefahr?«
Seine Stimme hatte sich verändert; sie klang kalt, hart und zugleich ausdruckslos, so als wäre all die Leidenschaft, die einen Moment zuvor darin mitgeschwungen war, plötzlich verdrängt, unterdrückt worden.
Sie ging seine Worte im Kopf noch einmal durch, zögerte, konnte jedoch keinen Grund erkennen, warum sie dem nicht zustimmen sollte. »Ganz richtig«, erwiderte sie nickend.
»Falsch.«
Sie hatte vergessen, wie schnell er sich bewegen konnte, wie hilflos sie sich ihm gegenüber plötzlich fühlen konnte.
Denn vollkommen wehrlos wurde sie in seine Arme gerissen, hart gegen seinen Körper gepresst und rücksichtslos geküsst.
Der Impuls, sich zu wehren, flackerte kurz auf, wurde jedoch im Keim erstickt und überschwemmt von einer übermächtigen Welle an Gefühlen - den ihren wie den seinen.
Zwischen ihnen flammte etwas auf - nicht Wut, nicht Empörung, eher so etwas wie hemmungslose Neugier.
Ihre Hände packten seinen Mantel, klammerten sich daran fest, suchten Halt, während ein Strudel von Empfindungen sie erfasste, sie umfing, sie unweigerlich fortriss. Es waren nicht allein seine Arme, die sie gefangen hielten, sondern der übermächtige Sog ihrer eigenen Faszination; die Bewegung seiner Lippen, kühl und fest auf den ihren; der Druck seiner Hände, die ihre Oberarme kneteten, in dem rastlosen Verlangen weiterzuwandern, zu entdecken, zu berühren, sie noch näher heranzuziehen.
Wirbelnde Erregung durchfuhr ihre Glieder, aufregende Sinnesreize durchzuckten jede Faser ihres Körpers, steigerten ihre Faszination. Sie war durchaus schon geküsst worden, doch nie zuvor in dieser Art und Weise. Nie waren ihre Lust und ihr Verlangen von einer so unbedeutenden Zärtlichkeit derart in Aufruhr versetzt worden.
Seine Lippen drängten beharrlich, unermüdlich weiter, bis ihr Mund dem unbarmherzigen Druck nachgab und sich öffnete.
Ihre gesamte Welt erbebte, als er ihre Lippen auseinanderdrängte und seine Zunge hindurchschlüpfen ließ, um der ihren zu begegnen.
Er ignorierte ihre plötzliche Anspannung, liebkoste sie weiter, forschte immer tiefer. Etwas in ihr geriet in Wallung, bäumte sich auf, riss sich los. Eine neue Empfindung schoss durch ihre Adern, durchflutete ihren Körper - heiß, glühend und strahlend.
Ein weiterer Blitzschlag, ein weiterer Angriff auf ihre Sinne. Sie wollte nach Luft schnappen, doch er presste sie fester an sich; sein eiserner Griff hielt sie umschlungen und lenkte sie ab, während sein Kuss immer intensiver wurde.
Als ihr Verstand allmählich zurückkehrte, war sie bereits viel zu gefesselt, viel zu fasziniert von den ihr unbekannten Freuden, als dass sie sich ihnen hätte entziehen wollen.
Tristan spürte dies - spürte es mit jeder Faser seines Körpers - und musste sich zwingen, seinem Hunger nicht freien Lauf zu lassen. Sie war gewiss schon geküsst worden, doch er hätte seinen nicht gerade unbedeutenden Ruf darauf verwettet, dass sie sich noch keinem Mann in dieser Weise geöffnet hatte.
Sie und ihr Mund gehörten nun ihm, und er genoss diese Tatsache, kostete sie so weit aus, wie die Grenzen eines Kusses es eben zuließen.
Es war natürlich völliger Irrsinn. Das war ihm inzwischen bewusst, doch in jenem hitzigen Moment, als sie ihren Schutz leichtfertig ihrem Hund anvertraut hatte - der im Übrigen, während er den zarten Mund seiner Herrin ausplünderte, geduldig danebensaß und wartete -, hatte Tristan einfach nur rot gesehen. Ihm war nicht bewusst gewesen, wie sehr dieser natürliche Reflex in Wirklichkeit seiner unterdrückten Lust zuzuschreiben war.
Jetzt wusste er es.
Er hatte sie geküsst, um ihr ihre Schwäche vorzuführen.
Und hatte zugleich seine eigene entblößt.
Er war hungrig, nein, ausgehungert; und wie es das Schicksal wollte, erging es ihr genauso. Und nun standen sie hier, in der Stille des Gartens, eng ineinanderverschlungen, genossen den Moment, gaben und nahmen. Für sie war dies alles Neuland, doch das verlieh dem Ganzen nur noch eine besondere Würze, einen feinen Zauber - zu wissen, dass er es war, der sie auf diese neuen, unbekannten Pfade führte.
In Welten, die sie noch nie zuvor betreten hatte.
Ihre Wärme, ihre geschmeidige Stärke, ihre aufreizend weiblichen Kurven, die sich gegen seinen Körper drückten - kurz, die Tatsache, sie fest umschlossen in seinen Armen zu halten, drang tief und unerbittlich in sein Bewusstsein vor.
Bis ihm nach und nach überdeutlich wurde, was er eigentlich wollte und welche Büchse der Pandora er damit geöffnet hatte.
Leonora klammerte sich an ihn, während der Kuss fortdauerte, sich ausdehnte und vertiefte, neue Horizonte eröffnete und ihre Sinne schulte.
Ein Teil ihres verwirrten Verstandes war zweifelsfrei davon überzeugt, dass ihr keinerlei Gefahr drohte, dass sie in Trenthams Armen sicher war.
Dass sie diesen Kuss und alles, was damit zusammenhing, beruhigt zulassen konnte - vielleicht nicht, ohne es hinterher zu bereuen, aber zumindest ohne ein Risiko dabei einzugehen.
Dass sie diese kurze, intensive Leidenschaft, die er ihr darbot, auskosten und den Moment genießen konnte; dass sie ihr ausgehungertes Verlangen zumindest in gewissem Maße befriedigen und sich selbst eingestehen konnte, dass sie noch weitaus mehr wollte - und das alles in der Gewissheit, am Ende bedingungslos zurücktreten zu können und zu dürfen. Sie selbst bleiben zu können - zurückgezogen und sicher.
Und allein.
Daher machte sie keinerlei Anstalten, sich ihm zu entziehen.
Bis Henrietta winselte.
Trentham hob unvermittelt den Kopf. Er warf einen Blick auf den Hund, ließ sie jedoch nicht los.
Sie spürte, wie sie rot wurde, und war ausnahmsweise dankbar für die Dunkelheit. Sie schob ihn von sich und fühlte seine harte Brust wie warmen Fels unter ihren Händen. Sein nachdenklicher Blick durchforschte die Dunkelheit, während er seine Umarmung allmählich löste.
Sie räusperte sich, trat zurück und befreite sich aus seinen Armen, sodass sich ein sicherer Abstand ergab. »Ihr ist kalt.«
»Kalt?«
»Sie hat sehr feines Fell, keinen dichten Pelz.«
Er sah ihr in die Augen; sie hielt seinem Blick stand und war mit einem Mal peinlich verlegen. Wie verabschiedete man sich von einem Gentleman, der einen gerade …
Sie sah Henrietta an und schnippte mit dem Finger. »Ich werde sie besser reinbringen. Gute Nacht.«
Während sie sich abwandte und auf die Eingangstreppe zuschritt, sagte er kein Wort. Dann spürte sie plötzlich eine Bewegung.
»Einen Moment noch.«
Sie drehte sich um und sah ihn mit hochgezogenen Brauen an, so hochmütig sie nur konnte.
Sein Gesicht wurde hart. »Den Schlüssel.« Er streckte seine Hand aus. »Den Haustürschlüssel meines Hauses.«
Hitze schoss ihr erneut ins Gesicht. Sie griff in die Tasche und nahm den Schlüssel heraus. »Ich habe dem alten Mr Morrissey häufig einen Besuch abgestattet. Es fiel ihm schwer, über seine Einnahmen und Ausgaben ordentlich Buch zu führen.«
Er nahm ihr den Schlüssel ab und wog ihn in der Hand.
Sie sah zu ihm auf; er begegnete ihrem Blick.
Einen Augenblick später sagte er sehr leise: »Gehen Sie rein.«
Es war zu dunkel, um seinen Gesichtsausdruck lesen zu können, doch ihre instinktive Vorsicht gebot ihr, seiner Aufforderung Folge zu leisten. Den Kopf neigend, wandte sie sich der Treppe zu. Sie ging hinauf, öffnete die Tür, die noch immer angelehnt war, schlüpfte hindurch und schloss sie leise hinter sich - die ganze Zeit spürte sie seinen Blick auf sich ruhen.
Tristan, umzingelt von schwankenden Farnwedeln, ließ den Schlüssel in seiner Manteltasche verschwinden und beobachtete, wie ihre Silhouette im Haus verschwand. Er fluchte leise, wandte sich ab und schritt durch die tiefe Nacht davon.