3
Er wollte kein Risiko eingehen und verzichtete
darauf, ein Streichholz anzuzünden, um auf die Uhr zu sehen.
Stoisch lehnte Tristan sich in einer etwas bequemeren Position
gegen die Pförtnerloge in der Eingangshalle. Und wartete.
Um ihn herum lag der unfertige Bastion-Klub in
tiefer Stille. Und Leere. Draußen wehte ein bitterkalter Wind, der
den Schneeregen heftig gegen die Fenster schlagen ließ. Es musste
bereits nach zehn sein; bei derartig frostigen Wetterverhältnissen
würde der Einbrecher kaum länger als bis Mitternacht auf sich
warten lassen.
Bis vor Kurzem war Tristan solches Warten -
reglos im Dunkeln zu verharren - gewohnt gewesen, sei es um einen
Verbindungsmann
zu treffen oder um irgendwelche obskuren Handlungen zu beobachten;
er hatte noch nicht verlernt, wie man sich die Zeit recht mühelos
vertrieb. Wie man seinen Geist bewusst vom Körper trennte und
völlig reglos wartete - jederzeit bereit, unvermittelt in die
Gegenwart zurückzukehren, wenn die geschärften und konzentrierten
Sinne auch nur die kleinste Bewegung vermeldeten -, während die
Gedanken, die einen gleichwohl wach und beschäftigt hielten,
zugleich ganz woanders waren.
Doch heute Abend war er alles andere als
glücklich mit der Richtung, die seine Gedanken ganz unwillkürlich
einschlugen. Leonora Carling stellte eine unfehlbare
Ablenkungsquelle dar; er hatte die meiste Zeit des Tages damit
zugebracht, sich selbst einzureden, wie überaus unklug es war, die
sinnlichen Reaktionen, die er in ihr auslöste - und sie im Gegenzug
in ihm, nur noch um ein Vielfaches stärker -, weiterhin zu
forcieren.
Ihm war durchaus bewusst, dass sie diese Signale
nicht richtig zu deuten wusste. Dass sie die Gefahr nicht erkannte,
obwohl sie so feinfühlig darauf reagierte. Normalerweise hätte so
viel Unschuld seiner Lust eher Abbruch getan; doch aus irgendeinem
unerfindlichen Grund wurde sein Appetit bei ihr nur noch mehr
angeregt.
Ihre ungeheure Anziehungskraft stellte eine
unerwartete Komplikation dar, die er zurzeit wahrhaftig nicht
gebrauchen konnte. Er musste sich eine Ehefrau suchen, und zwar
schleunigst; eine sanfte, verträgliche, fügsame Frau, die ihm
keinen Moment lang Kopfzerbrechen bereiten würde, die seine
Haushalte in die Hand nahm, seine ältlichen Anverwandten in Schach
hielt und sich ansonsten darauf beschränkte, ihm Kinder zu schenken
und diese großzuziehen. Er erwartete gar nicht, dass sie viel Zeit
mit ihm verbringen würde; er war so lange auf sich allein gestellt
gewesen, dass er diesen Zustand inzwischen regelrecht zu schätzen
gelernt hatte.
In Anbetracht der knappen Gnadenfrist aus dem
unsäglichen Testament seines Großonkels, die beharrlich, Minute für
Minute, verstrich, durfte er es keineswegs zulassen, sich von
seiner Suche
abbringen zu lassen - schon gar nicht von einer unabhängigen,
willensstarken, kratzbürstigen Furie, die vermutlich freiwillig
unvermählt geblieben war und die nicht nur eine spitze Zunge besaß,
sondern obendrein - wann immer sie sich entschloss, davon Gebrauch
zu machen - eine eiskalte Arroganz.
Er hatte keinerlei Anlass, irgendeinen Gedanken
an sie zu verschwenden.
Und doch konnte er es nicht lassen.
Er entlastete einen Moment lang seine Schulter,
um sich dann erneut anzulehnen. Er war in letzter Zeit so damit
beschäftigt gewesen, sein unerwartetes Erbe angemessen zu verwalten
und sich an die Horde älterer Damen zu gewöhnen, die ihm tagtäglich
um die Beine lief und nicht nur seine Häuser in Anspruch nahm,
sondern überdies sein Leben erheblich verkomplizierte, ganz zu
schweigen von dem lastenden Problem, eine Ehefrau zu finden, dass
er sich um eine Geliebte oder anderweitige sexuelle Betätigungen
kaum Gedanken gemacht hatte.
Was, rückwirkend betrachtet, wohl nicht gerade
besonders klug gewesen war.
Sein Zusammenstoß mit Leonora hatte Funken
geschlagen, die auf trockenes Holz gefallen waren. Und ihre
nachfolgenden Begegnungen hatten nicht dazu gedient, die Flammen zu
ersticken. Leonoras kühle Arroganz kam einer schamlosen
Herausforderung gleich, auf die er instinktiv reagierte.
Seine List von heute Morgen, sie durch eine
kleine sinnliche Ablenkung von dem Einbrecher abzubringen, war,
wenn auch taktisch einwandfrei, persönlich überaus riskant gewesen.
Obwohl ihm dies sehr wohl bewusst war, hatte er kaltblütig nach der
einen Waffe gegriffen, die ihm den größten Erfolg versprach; denn
sein oberstes Ziel war es, ihre Gedanken von dem mutmaßlichen
Einbrecher weg auf ein anderes Objekt zu lenken.
Draußen heulte der Wind. Er richtete sich erneut
auf, streckte sich lautlos und ließ sich wieder gegen die Wand
sinken.
Zum großen Vorteil aller war er zu alt, zu weise
und vor allem
zu erfahren, um sich von seinen Trieben steuern zu lassen. Er
hatte sich einen Plan zurechtgelegt, wie er weiter mit Leonora
verfahren wollte. Da er nun einmal in diese mysteriöse Situation
hineingestolpert war, die, gleichgültig was ihr Onkel und ihr
Bruder dachten, eindeutig eine Bedrohung für Leonora darstellte,
und da er zudem die nötige Ausbildung und Erfahrung mitbrachte, war
es für ihn nicht mehr als logisch, ja, nicht mehr als recht, die
Situation zu entschärfen und die Bedrohung zu beseitigen. War dies
erst einmal geschehen, würde er sie ein für alle Mal in Ruhe
lassen.
Ein entferntes Kratzen von Metall gegen Stein
drang zu ihm herüber. Seine Sinne wurden hellwach, suchten nach
weiteren Hinweisen darauf, dass der Einbrecher nun zugegen
war.
Etwas früher als erwartet; aber um wen es sich
bei dem Einbrecher auch immer handelte, er war mit ziemlicher
Sicherheit ein Amateur.
Tristan war gegen acht Uhr zum Montrose Place
zurückgekehrt und durch die schmale Gasse hinter dem Haus und den
hinteren Garten über den Kücheneingang ins Gebäude gelangt. Ihm war
aufgefallen, dass die Arbeiter nur ein paar vereinzelte Werkzeuge
in einer Ecke liegen gelassen hatten. Die Seitentür war unberührt,
der Schlüssel steckte noch immer gerade und beweglich im Schloss.
Nachdem alle Vorkehrungen getroffen waren, hatte er sich zur
Pförtnerloge hinaufbegeben und die Tür, die zur Küchentreppe
führte, mit einem Ziegelstein leicht offen gestellt.
Die Pförtnerloge bot uneingeschränkte Sicht auf
den gesamten Flur, die Treppe, die nach oben führte, sowie die Tür
zum Untergeschoss. Niemand konnte vom Erdgeschoss oder den oberen
Stockwerken her ins Untergeschoss gelangen, ohne dass er ihn
bemerkte.
Nicht, dass Tristan ernsthaft mit diesem
Szenario rechnete; er wollte lediglich sicherstellen, dass der
Einbrecher unten absolut ungestört blieb. Er wäre jede Wette
eingegangen, dass dieser sogenannte »Einbrecher« sich im Keller zu
schaffen machen würde; Tristan war daran gelegen, dass der
Eindringling bereits in seine
Arbeit vertieft war, wenn er ihn überraschte. Er wollte den Beweis
dafür, dass seine Vermutungen stimmten. Im Anschluss hatte er vor,
den »Einbrecher« einem Verhör zu unterziehen.
Er konnte sich kaum vorstellen, was ein
wirklicher Einbrecher aus einem leeren Haus hätte stehlen
wollen.
Plötzlich vernahm Tristan das sanfte Klopfen
einer Ledersohle auf Stein. Abrupt wandte er sich der Eingangstür
zu.
Aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz schien jemand
auf diesem Wege eindringen zu wollen. Ein vager Schatten erschien
hinter der geschliffenen Glasscheibe der Eingangstür. Lautlos glitt
er aus der Pförtnerloge hinaus und verschmolz mit den Schatten der
Eingangshalle.
Leonora steckte den schweren Schlüssel ins
Schloss und blickte hinunter auf ihre Begleitung.
Sie hatte sich beizeiten in ihr Schlafzimmer
zurückgezogen, um angeblich früh zu Bett zu gehen. Dann hatte sie
geduldig gewartet, bis es elf Uhr schlug - in der Hoffnung, die
Straßen müssten nun ausgestorben sein -, um leise die Treppe
hinunterzuschleichen, wobei sie sorgsam darauf geachtet hatte, der
Bibliothek nicht zu nahe zu kommen, wo Humphrey und Jeremy noch
immer über ihren schweren Wälzern brüteten. Sie hatte sich ihren
Mantel übergeworfen und war zur Haustür hinausgeschlüpft.
Ein Mitglied ihres Haushalts hatte sich jedoch
nicht so leicht überlisten lassen.
Henrietta sah sie mit offenem Maul
erwartungsvoll an, bereit, ihrer Herrin überallhin zu folgen. Hätte
Leonora versucht, sie im Hausflur zurückzulassen, während sie sich
zu später Stunde allein hinausbegab, hätte der Hund unweigerlich
gejault.
Leonora sah die Hündin strafend an.
»Erpresserin.« Ihr Flüstern verlor sich im Heulen des Windes. »Aber
denk daran«, fuhr sie fort - weniger, um Henrietta zu belehren, als
vielmehr, um sich selbst Mut zu machen -, »wir wollen lediglich
sehen, was er tut. Du musst mucksmäuschenstill sein.«
Henrietta betrachtete die Tür und stupste mit
ihrer Schnauze dagegen.
Leonora drehte den Schlüssel herum und stellte
mit Genugtuung fest, dass das Schloss problemlos nachgab. Sie zog
den Schlüssel heraus und steckte ihn wieder ein, dann zog sie ihren
Mantel enger um sich. Sie packte Henrietta am Halsband, griff nach
dem Türknauf und drehte ihn herum.
Die Tür sprang auf. Leonora öffnete sie gerade
so weit, dass sie und Henrietta hindurchschlüpfen konnten, dann
schwang sie herum, um die Tür hinter sich zu schließen. Der Wind
schlug ihr heftig entgegen; sie musste Henrietta loslassen und
beide Hände nehmen, um die Tür - möglichst leise - wieder zu
schließen.
Es gelang ihr. Sie stieß innerlich einen Seufzer
der Erleichterung aus, bevor sie sich dem Raum zuwandte.
Der Flur war in unheilvolles Schwarz getaucht.
Sie blieb einen Moment lang stehen, während sich ihre Augen an die
Dunkelheit gewöhnten und sie zugleich ein Eindruck von Leere
überkam - die seltsame Leere eines vertrauten Ortes, dem man sein
komplettes Mobiliar genommen hatte.
Sie vernahm ein leises, klickendes
Geräusch.
Henrietta setzte sich kerzengrade auf die
Hinterläufe und winselte kaum hörbar - nicht vor Angst, sondern vor
Erregung.
Leonora starrte ihren Hund an.
Sie spürte eine Bewegung im Raum.
Ihre Nackenhaare sträubten sich; ihr Herz machte
einen Satz. Sie atmete instinktiv ein …
Und fühlte eine harte Handfläche über ihrem
Mund.
Ein eiserner Griff umfasste ihre Taille.
Sie wurde rücklings gegen einen Körper aus
Granit gepresst.
Seine ungeheure Stärke übermannte sie, unterwarf
sie.
Mühelos.
Ein dunkler Kopf beugte sich zu ihr herab.
Eine Stimme, erfüllt von kaum gezügelter Wut,
zischte ihr ins Ohr: »Was zum Teufel tun Sie
hier?«
Tristan traute seinen Augen nicht.
Ihre waren vor Schreck weit aufgerissen, das
konnte er trotz der Dunkelheit erkennen. Er fühlte ihren heftig
pochenden, rasenden Puls und die Panik, die sie urplötzlich erfasst
hatte.
Er war sich absolut sicher, dass der Schreck
keineswegs der einzige Grund war. Er spürte seine eigene Reaktion
ebenso deutlich.
Und wies sie entschlossen in ihre
Schranken.
Er hob den Kopf und horchte auf seine Sinne,
doch er konnte keine weitere Bewegung im Hause wahrnehmen. Hier in
der leeren Eingangshalle konnte er nicht mit ihr sprechen, nicht
einmal flüstern; das allerkleinste Geräusch würde an den nackten,
polierten Oberflächen abprallen und nachhallen.
Er schlang seinen Arm fester um ihre Taille und
hob sie hoch, um sie in das kleine Empfangszimmer zu tragen,
welches sie für Damengespräche vorgesehen hatten. Er staunte einen
Moment lang über die Weitsicht ihrer Planung. Um den Türknauf zu
betätigen, musste er seine Hand von ihrem Gesicht nehmen. Als sie
drinnen waren, schloss er hinter ihnen die Tür.
Er hielt sie noch immer im Arm; ihre Beine
baumelten in der Luft, ihr Körper war gegen den seinen
gepresst.
Sie wand sich, zischte. »Lassen Sie mich
runter!«
Er überlegte einen Moment, dann gab er
widerwillig nach. Es war leichter, mit ihr zu reden, wenn er ihr
dabei ins Gesicht sehen konnte. Sie weiterhin festzuhalten, während
sich ihr zappelndes Hinterteil gegen ihn drückte, bedeutete nur
unnötige Qual.
In dem Augenblick, als ihre Füße den Boden
berührten, wirbelte sie herum.
Und kollidierte mit seinem erhobenen
Zeigefinger, der geradewegs auf ihre Nase gerichtet war. »Ich habe
Ihnen keineswegs von dieser Sache erzählt, damit sie des Nachts
hier hereinspazieren und sich selbst ins Getümmel stürzen!«
Sie sah ihn erschrocken an; ihre Augen wanderten
zu seinem Gesicht. Sie war sprachlos - gewiss hatte noch kein Mann
es je gewagt, so mit ihr zu sprechen. Er nutzte die Gelegenheit, um
die Initiative
zu ergreifen. »Habe ich nicht gesagt, Sie sollen die Sache
mir überlassen.« Er sprach mit einem
tiefen, doch nicht weniger wütenden Flüstern - leise genug, dass
kein Laut nach außen drang.
Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.
»Ich weiß sehr gut, was Sie gesagt haben, aber dies hier ist
eindeutig mein Problem.«
»Es ist doch wohl mein
Haus, in das hier eingebrochen wird, und außerdem …«
»Außerdem«, fuhr sie in leisem Ton, aber mit
hocherhobenem Kinn fort, als hätte sie ihn gar nicht gehört, »sind
Sie schließlich ein Earl. Ich hatte also
guten Grund anzunehmen, dass Sie heute Abend Ihren
gesellschaftlichen Pflichten nachkommen müssten.«
Dieser Seitenhieb befeuerte seine Wut nur noch
mehr. Er sprach mit zusammengebissenen Zähnen. »Ich bin keineswegs
freiwillig Earl geworden und gehe meinen gesellschaftlichen
Pflichten, so gut ich kann, aus dem Weg. Doch das tut hier nichts
zur Sache. Sie sind eine Frau. Ein
Weibsbild. Sie haben hier nichts verloren. Schon gar nicht in
meiner Gegenwart.«
Ihr blieb der Mund offen stehen, während er sie
am Ellenbogen packte und sie zur Tür drehte.
»Ich werde nicht …!«
»Seien Sie still.« Er schob sie vor sich her.
»Das werden Sie sehr wohl. Ich werde Sie nämlich höchstpersönlich
zur Tür geleiten; und Sie werden sich auf direktem Wege nach Hause
begeben und schön brav dort bleiben - komme, was da wolle!«
Sie stemmte ihre Absätze in den Boden. »Und was,
wenn er da draußen irgendwo lauert?«
Er hielt inne, sah sie an. Er bemerkte, wie ihr
Blick starr auf die Dunkelheit jenseits der Eingangstür gerichtet
war, hinter der sich der dicht bewachsene Garten befand. Seine
Gedanken gingen den gleichen Weg wie ihre.
»Verdammt!« Er ließ sie los und schob einen noch
derberen Fluch hinterher.
Sie sah ihn an; er sah sie an.
Die Eingangstür hatte er nicht überprüft;
womöglich hatte der Möchtegern-Einbrecher auch einen Abdruck von
ihrem Schlüssel genommen. Er konnte jetzt nicht nachsehen, ohne ein
Streichholz anzuzünden, und das Risiko war ihm zu groß. Unabhängig
davon war es nicht allzu abwegig, dass der sogenannte »Einbrecher«
einen Blick auf die Vorderseite des Hauses warf, bevor er sich über
die rückwärtige Gasse in den hinteren Garten schlich. Schlimm
genug, dass sie auf ihrem Weg hierher den Einbrecher hätte
vertreiben oder, schlimmer noch, ihm in die Arme laufen können. Sie
jetzt da hinauszuschicken, wäre reiner Irrsinn.
Der Täter hatte bereits bewiesen, dass er vor
Gewalt nicht zurückschreckte.
Tristan atmete tief ein. Und nickte knapp. »Dann
müssen Sie hierbleiben, bis alles vorüber ist.«
Er hatte das Gefühl, ihre Erleichterung zu
spüren, konnte sich aber in der Dunkelheit nicht sicher sein.
Sie neigte hochmütig den Kopf. »Wie ich bereits
sagte, das Haus mag zwar Ihnen gehören, aber der Einbrecher ist
eindeutig mein Problem.«
Er konnte sich ein widerwilliges Knurren nicht
verkneifen. »Darüber lässt sich streiten.« Einbrecher waren seiner
Definition nach eindeutig kein weibliches
Problem, sie hatte immerhin einen Onkel und einen Bruder …
»Schließlich ist es mein
Haus - beziehungsweise das meines Onkels -, zu dem sich der
Einbrecher Zutritt verschaffen will. Das wissen Sie ebenso gut wie
ich.«
Darüber ließ sich in der Tat nicht
streiten.
Sie vernahmen ein dumpfes Scharren - es kam von
der Tür. Ein neuerliches »Verdammt!« erschien ihm ein wenig
überflüssig; stattdessen öffnete er mit einem vielsagenden Blick
die Tür. Und schloss sie wieder, nachdem ein struppiges Etwas
hindurchgetrottet war. »Mussten Sie Ihren Hund unbedingt
mitbringen?«
»Ich hatte keine andere Wahl.«
Die Hündin blickte zu ihm auf und setzte sich
dann mit einer
Unschuldsmine vor ihn, so als wollte sie ihm sagen, dass er ihre Anwesenheit doch wohl am allerbesten
verstehen müsste.
Er unterdrückte ein empörtes Knurren. »Setzen
Sie sich.« Er deutete auf den Platz in der Fensternische, die
einzige Sitzgelegenheit in dem ansonsten leeren Raum; zum Glück
waren die Fensterläden geschlossen. Während sie sich bereitwillig
setzte, sagte er: »Ich werde die Tür einen Spaltbreit öffnen, damit
wir etwas hören.«
Er sah Probleme auf sich zukommen, wenn er sie
hier allein ließe und zu seinem Posten im Flur zurückkehrte. Was
ihn am meisten beschäftigte, war die Frage, was wohl passieren
würde, wenn der Einbrecher tatsächlich in Erscheinung trat; würde
sie sich still verhalten oder herausgestürmt kommen? Wenn Tristan
hier im Raum bliebe, wusste er zumindest, wo sie sich befand -
nämlich hinter ihm.
Er öffnete die Tür und ließ sie leicht offen
stehen. Der Wolfshund ließ sich zu Leonoras Füßen niedersinken und
beäugte beiläufig den Türspalt. Tristan lehnte sich neben der Tür
gegen die Wand und ließ seinen Blick in den dunklen Flur
gleiten.
Seine Gedanken wanderten zu der Stelle zurück,
an der Leonora sie unterbrochen hatte. Er war instinktiv davon
überzeugt, dass Frauen, und zwar insbesondere Frauen wie Leonora,
keinerlei Gefahr ausgesetzt werden durften und sich keinesfalls an
gefährlichen Unternehmungen beteiligen sollten. Ihm war durchaus
bewusst, dass derartige Instinkte aus Zeiten herrührten, in denen
Frauen noch beschützt werden mussten, um dem Mann die
Nachkommenschaft zu sichern; nichtsdestoweniger hatten diese alten
Grundsätze für ihn nach wie vor Gültigkeit. Es ärgerte ihn, dass
sie hierhergekommen war, dass sie sich hergewagt hatte, obwohl sie
damit ihrem Onkel und ihrem Bruder wenn schon nicht
zuwiderhandelte, so doch zumindest ihre rechtmäßige Autorität
umwanderte und untergrub …
Er sah zu ihr hinüber und spürte, wie sein
Kiefer sich unwillkürlich anspannte. Vermutlich benahm sie sich
andauernd so.
Aber er hatte keinerlei Recht dazu, über sie
oder Sir Humphrey und Jeremy zu urteilen. Wenn er die drei richtig
einschätzte, hatten weder Sir Humphrey noch Jeremy das Zeug dazu,
Leonora unter Kontrolle zu halten. Sie versuchten es nicht einmal.
Ob Leonora sich ihnen in der Vergangenheit widersetzt und ihre
Zustimmung erzwungen hatte, ob es den beiden schlichtweg nicht
wichtig genug war oder ob sie gar auf Leonoras eigensinniges
Streben nach Unabhängigkeit bewusst Rücksicht nahmen, Tristan
vermochte es nicht zu sagen.
Ungeachtet dessen hielt er die Situation für
unangemessen, gewissermaßen aus dem Gleichgewicht geraten.
Keineswegs so, wie sie sein sollte.
Die Minuten verstrichen, dehnten sich zu einer
halben Stunde.
Es musste etwa gegen Mitternacht sein, als
Tristan plötzlich ein metallisches Kratzen vernahm - ein Schlüssel,
der in das alte Schloss der Seitentür gesteckt wurde.
Der Jagdhund hob seinen Kopf.
Leonora richtete sich auf, gewarnt durch die
unerwartete Bewegung ihres Hundes und die plötzliche Anspannung
Trenthams, der sich bis dahin entspannt gegen die Wand gelehnt
hatte. Ihr waren seine flüchtigen Blicke, sein Stirnrunzeln, seine
Verärgerung keineswegs entgangen, doch sie hatte sich geschworen,
diese beharrlich zu ignorieren. Sie wollte herausfinden, welches
Motiv dieser Einbrecher hatte, und gemeinsam würden sie den Ganoven
vielleicht sogar stellen können.
Sie verspürte eine plötzliche Erregung, die sich
schlagartig verstärkte, als Trentham ihr mit einem Wink zu
verstehen gab, sich nicht von der Stelle zu rühren und Henrietta
sicher zurückzuhalten, während er selbst wie ein Phantom zur Tür
hinausschlüpfte.
Er bewegte sich vollkommen lautlos - hätte sie
ihn nicht beobachtet, wäre es ihr so vorgekommen, als hätte er sich
einfach in Luft aufgelöst.
Sie stand unvermittelt auf und folgte ihm ebenso
geräuschlos; sie war dankbar, dass die Arbeiter überall schützende
Decken ausgelegt
hatten, welche die Geräusche von Henriettas Pfoten dämpften, als
diese ihr auf dem Fuß folgte.
Leonora erreichte die Tür und spähte hindurch.
Sie sah, wie Trentham im Schatten bei der Küchentreppe Deckung
suchte. Sie zog ihren Mantel fester um sich und kniff angestrengt
die Augen zusammen; die Tür nach unten schien leicht offen zu
stehen.
»Au! Uff!«
Es folgten zahlreiche Flüche.
»He! Loslassen!«
»Was zum Teufel hast du hier
verloren, du alter Schwachkopf?«
Beide Stimmen kamen von unten.
Ehe sie sichs versah, war Trentham die Treppe
hinuntergeglitten. Sie raffte ihre Röcke und rannte ihm
hinterher.
Von der Treppe war nichts weiter zu erkennen als
ein schwarzes Loch. Ohne groß nachzudenken, stürmte sie mit
klappernden Absätzen die steinernen Stufen hinunter. Hinter ihr
bellte Henrietta kurz auf und verfiel dann in finsteres
Knurren.
Auf halber Höhe blieb Leonora stehen, stützte
sich auf das Geländer und spähte hinab in die Küche. Sie sah zwei
Männer - der eine groß und in einen Mantel gehüllt, der andere
klein, aber kräftig und deutlich älter -, die an der Stelle, wo
normalerweise der Küchentisch gestanden hätte, heftig miteinander
rangen.
Henriettas Knurren ließ beide erstarren.
Der größere Mann sah auf.
Im gleichen Moment wie Leonora bemerkte auch er,
dass Trentham sich ihm näherte.
Mit größtem Krafteinsatz zog der größere den
älteren Mann herum und schleuderte ihn Trentham entgegen.
Der Alte verlor das Gleichgewicht und taumelte
zurück.
Trentham hatte zwei Möglichkeiten; er konnte
beiseitetreten und den alten Mann auf den Steinboden stürzen lassen
oder aber ihn auffangen. Leonora beobachtete von oben, wie er
blitzschnell eine Entscheidung traf, stehen blieb und den alten
Mann mit seinem
Körper abfing. Er hielt ihn fest und hätte ihn sicher auf die Füße
gestellt, um dem anderen Mann nachzusetzen, der sich in einen engen
Gang geflüchtet hatte, doch der Alte wehrte sich, rang mit ihm
…
»Halt still!«
Sein Befehl klang hart. Der alte Mann wurde mit
einem Mal starr und gehorchte.
Trentham ließ ihn leicht schwankend stehen und
machte sich an die Verfolgung …
Doch zu spät.
Als Trentham den Gang erreichte, vernahm Leonora
das Schlagen einer Tür. Kurz darauf hörte sie, wie er
fluchte.
Leonora stürzte die Treppe hinunter, an dem
alten Mann vorbei zu den Fenstern am gegenüberliegenden Ende der
Küche, von wo aus sie den Weg zum Hintertor überblicken
konnte.
Der groß gewachsene Mann - es konnte nur ihr
»Einbrecher« sein - tauchte von der Seite her auf und rannte den
Weg hinunter. Einen kurzen Moment lang erhellte das schwache
Mondlicht seine Silhouette; Leonora versuchte mit weit
aufgerissenen Augen jedes Detail in sich aufzunehmen, dann
verschwand er hinter der Hecke des Gemüsegartens. Dahinter befand
sich ein Tor, welches in die rückwärtig gelegene Gasse
führte.
Innerlich seufzend trat sie einen Schritt
zurück, führte sich die Szene erneut vor Augen und prägte sich
alles genau ein.
Wieder schlug eine Tür; im nächsten Moment
erschien Trentham hinter dem Haus. Die Hände in die Hüfte gestützt,
ließ er seinen Blick über den Garten schweifen.
Sie klopfte an die Scheibe; als er sich
umwandte, deutete sie auf den Weg. Er drehte sich wieder um, trat
die Stufen hinunter und ging - nicht länger laufend - mit großen
Schritten in Richtung Tor.
Ihr »Einbrecher« war entkommen.
Leonora wandte sich dem älteren Mann zu, der
sich inzwischen auf die Treppe gesetzt hatte und immer noch
schnaufend nach Atem rang. »Was tun Sie hier?«
Er fing an zu reden, doch anstatt ihre Frage zu
beantworten, faselte er viel unverständliches Zeug daher, gespickt
mit Entschuldigungen, jedoch ohne jeglichen Informationsgehalt. Er
trug einen uralten Filzmantel, dazu gleichermaßen uralte,
abgetragene Stiefel sowie verschlissene Fausthandschuhe; es ging
ein Geruch von Dreck und fauliger Erde von ihm aus, der sich
deutlich vom Geruch der frisch gestrichenen Küche abhob.
Leonora verschränkte die Arme und tippte
ungeduldig mit dem Schuh auf den Boden, während sie auf ihn
hinabsah. »Warum sind Sie in dieses Haus eingebrochen?«
Er stotterte, stockte und druckste nur weiter
herum.
Sie war quasi mit ihrer Geduld am Ende, als
Trentham über den dunklen Seitenkorridor zurückkam.
Er wirkte entnervt. »Er war so gewitzt, gleich
beide Schlüssel mitzunehmen.«
Sein Kommentar war an niemanden im Speziellen
gerichtet; Leonora wurde klar, dass der Mann bei seiner Flucht die
Seitentür hinter sich abgeschlossen haben musste. Während Trentham
die Hände in den Taschen versenkte, stehen blieb und den alten Mann
eingehend musterte, fragte sich Leonora, wie er wohl trotz der
verriegelten Tür nach draußen gelangt war.
Henrietta hatte sich etwa einen Meter vor dem
alten Mann niedergelassen; er beäugte sie misstrauisch.
Dann begann Trentham mit seinem Verhör.
Mithilfe einiger wohlformulierter Fragen fand er
heraus, dass der Alte ein Stadtstreicher war, der normalerweise im
nahe gelegenen Park übernachtete. Doch die heutige Nacht war so rau
und stürmisch geworden, dass er nach einem Unterschlupf gesucht
hatte; er wusste, dass dieses Haus leer stand, weshalb er
hierhergekommen war. Er hatte die Fenster untersucht und
festgestellt, dass eines der Schlösser defekt war.
Von Trentham, der wie ein rachsüchtiger Gott
über ihm schwebte, und Henrietta, deren offenes Maul zwei Reihen
spitzer Zähne erkennen ließ, in die Enge getrieben, sah sich der
alte Kauz
offenbar genötigt, mit der Sprache herauszurücken. Leonora
unterdrückte ein empörtes Schnauben; anscheinend hatten ihre
eigenen Einschüchterungsversuche ihre Wirkung verfehlt.
»Ich hatte wirklich nichts Schlimmes im Sinn,
Sir. Wollte mir nur ein trockenes Plätzchen zum Schlafen
suchen.«
Trentham sah dem alten Mann einen Moment lang
tief in die Augen, dann nickte er. »Na schön. Eine Frage noch. Wo
genau ist der andere Mann über sie gestolpert?«
»Dort drüben.« Der Alte wies auf das andere Ende
der Küche. »Je weiter vom Fenster weg, desto wärmer. Der Bast… Der
Mistkerl hat mich da herausgezerrt. Ich glaub, er wollte mich vor
die Tür setzen.«
Der Alte hatte bei seinen Worten auf eine kleine
Speisekammer gezeigt.
Leonora sah Trentham an. »Die Kellerräume
dahinter grenzen an die Grundmauern unseres Hauses.«
Er nickte und wandte sich wieder dem Alten zu.
»Ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Wir haben erst Mitte
Februar; die Nächte werden wohl noch einige Wochen so frostig
bleiben.« Er sah sich um. »Es gibt genügend Lappen und Decken hier,
mit denen Sie sich zudecken können. Sie dürfen heute Nacht
hierbleiben.« Sein Blick wanderte zurück zu dem älteren Mann.
»Gasthorpe, unser zukünftiger Majordomus, wird morgen hier
einziehen. Er wird Bettdecken mitbringen und das Haus bewohnbar
machen. Die Schlafzimmer des Hauspersonals befinden sich jedoch im
Dachgeschoss.«
Tristan machte eine kurze Pause, dann fuhr er
fort: »Angesichts unseres nächtlichen Besuchers wäre es mir recht,
wenn jemand hier unten schliefe. Wenn Sie sich dazu bereiterklären,
für uns den Nachtwächter zu spielen, können Sie ab sofort
rechtmäßig hier übernachten. Ich werde allen Bediensteten die
Anweisung erteilen, sie wie ein gewöhnliches Mitglied des Haushalts
zu behandeln. Sie hätten es immerhin warm und trocken. Wir würden
eine Klingel anbringen, sodass Sie im Falle eines erneuten
Einbruchs nichts
weiter tun müssten, als zu läuten. Gasthorpe und seine
Angestellten würden sich dann um den Eindringling kümmern.«
Der alte Mann blinzelte ihn an, so als könne er
den Vorschlag nicht so recht begreifen, als hätte er das Gefühl zu
träumen.
Ohne sich sein Mitgefühl in irgendeiner Weise
anmerken zu lassen, fragte Tristan den Alten: »In welchem Regiment
haben Sie gedient?«
Er beobachtete, wie der Mann die Schultern
zurückzog und den Kopf hob.
»Neuntes. Nach La Coruña wurde ich wegen
Dienstunfähigkeit entlassen.«
Tristan nickte. »Wie so viele andere auch. Nicht
gerade eines unserer glorreichsten Gefechte. Wir können von Glück
reden, dass wir selbst lebend da herausgekommen sind.«
Die wässrigblauen Augen des Mannes weiteten
sich. »Sie waren dort?«
»Das war ich.«
»Ja.« Der alte Mann nickte. »Dann wissen Sie,
wie es dort war.«
Tristan wartete einen Moment ab, dann fragte er:
»Nun, werden Sie es tun?«
»Nachts für Sie Wache schieben?« Der alte Mann
blickte zu ihm auf, dann nickte er erneut. »Jawohl, ich werd es
machen.« Er sah sich um. »Wird sicher seltsam sein, nach all den
Jahren, aber …« Er zuckte die Schultern und erhob sich von den
Stufen.
Er nickte Leonora respektvoll zu, dann trat er
an ihr vorbei und betrachtete die Küche plötzlich mit ganz anderen
Augen.
»Wie lautet Ihr Name?«
»Biggs, Sir. Joshua Biggs.«
Tristan fasste Leonora am Arm und zog sie zur
Treppe. »Sie stehen mit sofortiger Wirkung im Dienst, Biggs, aber
heute Nacht werden Sie wohl kaum mit weiteren Störungen zu rechnen
haben.«
Der alte Mann blickte auf und hob die Hand zum
Salut. »Jawohl, Sir. Und sollte doch etwas sein, bin ich zur
Stelle.«
Völlig fasziniert von diesem Wortwechsel, kehrte
Leonora erst wieder in die Gegenwart zurück, als sie oben in der
Eingangshalle angekommen waren. »Glauben Sie, der Mann, der
entkommen ist, war unser Einbrecher?«
»Ich glaube kaum, dass es mehr als einen Mann oder sagen wir besser eine Gruppe von Männern gibt, die sich Zutritt zu
Ihrem Haus verschaffen will.«
»Eine Gruppe von Männern?« Sie sah Trentham an
und verfluchte die Dunkelheit, die seinen Gesichtsausdruck
verhüllte. »Glauben Sie das wirklich?«
Er antwortete nicht sofort; sie konnte seinen
nachdenklichen Gesichtsausdruck beinahe spüren, wenn sie ihn schon
nicht sehen konnte.
Sie erreichten den Eingang. Ohne Leonoras Arm
loszulassen, öffnete er die Tür. Als sie mit Henrietta im
Schlepptau hinaustraten, suchte er ihren Blick. Schwaches Mondlicht
umfing sie.
»Sie haben ihn beobachtet. Wie viel konnten Sie
erkennen?«
Als sie einen Augenblick zögerte, um ihre
Gedanken zu ordnen, forderte er sie auf: »Beschreiben Sie
ihn.«
Er gab ihren Ellenbogen frei und bot ihr
stattdessen seinen Arm. Ohne darüber nachzudenken, legte sie ihre
Hand auf seinen Ärmel und trat mit ihm gemeinsam die Stufen
hinunter. Während sie den Weg zum Tor entlanggingen, dachte sie
angestrengt nach. »Er war groß - das haben Sie ja selbst gesehen.
Ich hatte außerdem den Eindruck, dass er noch recht jung war.« Sie
sah zu Trentham auf. »Jünger als Sie.«
Er nickte. »Fahren Sie fort.« »Er war mindestens
so groß wie Jeremy, aber nicht viel größer. Und eher schlank als
kräftig. Er hatte einen schlaksigen und zugleich eleganten Gang,
wie junge Männer ihn manchmal haben, und er konnte sehr gut
rennen.«
»Besondere Merkmale?«
»Dunkle Haare.« Wieder sah sie zu Trentham auf.
»Ich würde sagen, noch dunkler als Ihre, vielleicht schwarz. Was
sein Gesicht
angeht …« Sie sah wieder geradeaus, den Moment vor Augen, als sie
kurz sein Gesicht gesehen hatte. »Feine Gesichtszüge. Nicht
unbedingt aristokratisch, aber auch nicht gewöhnlich.«
Sie suchte Trenthams Blick. »Zweifellos ein
Gentleman von gutem Stand.«
Er widersprach ihr nicht, schien sogar nicht
einmal überrascht.
Als sie den Gehweg erreichten, erfasste sie von
der Straße her ein scharfer Wind; Trentham zog sie näher an sich
heran - in den schützenden Windschatten seiner Schultern. Mit
gesenkten Köpfen schritten sie zügig hinüber zum Haus der
Carlings.
Sie hätte darauf bestehen sollen, dass er sie am
Eingangstor allein ließ, aber er schwang das Gitter weit auf und
zog sie mit einer solchen Selbstverständlichkeit hindurch, dass ihr
der Gedanke, welche Schwierigkeiten sich ergeben mochten, wenn man
sie vor der Haustür zusammen sah, erst viel zu spät kam.
Doch wie üblich hatte der Garten beruhigende
Wirkung auf sie; er gab ihr das Gefühl, dass alle Bedenken
unberechtigt waren. Wie aufgestellte Staubwedel säumten zahlreiche
feingliedrige Pflanzen den Weg, und hier und da reckte eine
exotische Blume ihren Kopf weit in die Höhe. Diverse Büsche zierten
die Beete, und vereinzelte Bäume verliehen dem eleganten Konzept
einige kunstvolle Akzente. Trotz der Jahreszeit lugten an manchen
Stellen sternförmige, weiße Blüten unter dem schützenden,
tiefgrünen Blattwerk hervor.
Obwohl die Nacht ihre eisigen Finger nach dem
gewundenen Pfad ausstreckte, konnte der wütende Wind nur den oberen
Rand der Mauer erreichen und nur die obersten Zweige der Bäume
schütteln.
Am Boden herrschte Stille, Ruhe. Wie immer hatte
Leonora das Gefühl, dass dieser Garten lebendig war, dass er
geduldig und gutmütig die Nacht hindurch wachte.
Als sie die letzte Biegung des Weges erreicht
hatten, blickte sie zum Haus; durch die Büsche und Zweige hindurch
entdeckte sie
Licht hinter den Fenstern der Bibliothek. Der Raum grenzte ans
Haus Nummer sechzehn und war zu weit entfernt, als dass Humphrey
und Jeremy ihre Schritte im Kies hätten hören können und aufgrund
dessen aus dem Fenster sehen würden.
Eine lautstarke Auseinandersetzung vor der
Eingangstür wäre ihnen hingegen kaum entgangen.
Sie warf einen Blick zu Trentham und sah, dass
er die beleuchteten Fenster ebenfalls bemerkt hatte. Sie blieb
stehen und entzog ihm ihre Hand, während sie sich ihm zuwandte.
»Ich werde Sie hier verlassen.«
Er sah sie an, sagte jedoch nichts.
Aus seiner Sicht gab es drei Möglichkeiten. Er
konnte ihren Wunsch akzeptieren, sich umdrehen und von dannen
ziehen; oder er konnte ihren Arm nehmen, sie zur Tür geleiten und
mit einigen angemessenen und wohlüberlegten Erklärungen der Obhut
ihres Onkels und ihres Bruders übergeben.
Beide Möglichkeiten erschienen ihm überaus
feige. Die erste, weil er ihr damit willfährig den Schutz
vorenthielt, den sie durchaus benötigte, und sich zudem
stillschweigend aus der Verantwortung zog, was er in seinem ganzen
Leben noch nie getan hatte. Die zweite, weil er genau wusste, dass
weder Sir Humphrey noch Jeremy - mochte er ihre Empörung auch noch
so sehr anstacheln - in der Lage wären, Leonora länger als einen
Tag im Zaume zu halten.
Insofern blieb ihm nur die dritte
Möglichkeit.
Er sah ihr fest in die Augen und ließ seine
Stimme, gestützt von seinen aufrichtigen Gefühlen, bewusst hart
klingen. »Sich persönlich auf Einbrecherjagd zu begeben, war extrem
leichtsinnig von Ihnen.«
Ihr Kinn schnellte hoch; ihre Augen blitzten.
»Das mag schon sein, aber wenn ich es nicht getan hätte, dann
wüssten wir jetzt nicht einmal, wie er aussieht. Sie haben ihn schließlich nicht gesehen, ich war es.«
»Und was glauben Sie«, sein eisiger Tonfall
klang so, als würde
er mit einem übermäßig leichtsinnigen Untergebenen reden, »wäre
wohl passiert, wenn ich nicht da gewesen wäre?«
Seine eigene Antwort auf diese Frage durchbohrte
ihn hart und scharf wie ein Messer; bis zu diesem Moment hatte er
sich dieses Szenario nicht vorstellen mögen. Seine Augen wurden
schmal, während echte Wut in ihm hochkochte. In einer bewusst
einschüchternden Geste trat er näher an sie heran. »Lassen Sie mich
eine Vermutung anstellen - korrigieren Sie mich, wenn ich
falschliege. Sie hätten den Kampf in der Küche gehört und wären
Hals über Kopf die Treppe hinuntergestürzt - mitten hinein ins
Geschehen. Sprich, in die Schlägerei. Und was dann?« Er trat noch
näher an sie heran; sie wich leicht zurück. Dann straffte sie ihren
Rücken und hob ihren Kopf noch etwas höher. Sie hielt seinem Blick
herausfordernd stand.
Er ließ seinen Kopf ein wenig sinken, brachte
sein Gesicht auf ihre Augenhöhe; sein Blick hielt den ihren
gebannt. Er knurrte sie an: »Ganz davon abgesehen, was dann wohl
mit Biggs geschehen wäre - wir wissen ja, was mit Stolemore
passiert ist -, was … was genau, glauben
Sie, hätte er wohl mit Ihnen
gemacht?«
Seine Stimme war nicht lauter geworden, dafür
aber tiefer, rauer, kraftvoller; während er die Worte aussprach,
wurde ihm erst vollständig bewusst, welcher Gefahr sie sich
tatsächlich ausgesetzt hatte.
Ihr Rücken war kerzengerade, ihr Blick eisig,
als sie ihm ihre Antwort entgegenschleuderte. »Nichts.«
Er kniff die Augen zusammen. »Nichts?«
»Ich hätte Henrietta auf ihn gehetzt.«
Die Worte ließen ihn zögern. Er warf einen Blick
auf den Jagdhund, der sich mit einem tiefen Seufzer
niederließ.
»Wie gesagt, diese Möchtegern-Eindringlinge sind
mein Problem. Und ich bin durchaus willens
und in der Lage, die Probleme, die mich selbst betreffen, auch
selbst zu lösen.«
Tristans Blick wanderte von dem Hund zurück zu
ihr. »Sie hatten aber gar nicht vorgehabt, Henrietta
mitzunehmen.«
Leonora widerstand dem Drang, ihren Blick
abzuwenden. »Was aber nichts daran ändert, dass ich sie dabeihatte.
Ich war keinen Augenblick lang in Gefahr.«
Irgendetwas in ihm rührte sich - es lauerte
hinter seiner Fassade, hinter seinen Augen. »Nur weil Sie Henrietta
bei sich haben, droht Ihnen also keine Gefahr?«
Seine Stimme hatte sich verändert; sie klang
kalt, hart und zugleich ausdruckslos, so als wäre all die
Leidenschaft, die einen Moment zuvor darin mitgeschwungen war,
plötzlich verdrängt, unterdrückt worden.
Sie ging seine Worte im Kopf noch einmal durch,
zögerte, konnte jedoch keinen Grund erkennen, warum sie dem nicht
zustimmen sollte. »Ganz richtig«, erwiderte sie nickend.
»Falsch.«
Sie hatte vergessen, wie schnell er sich bewegen
konnte, wie hilflos sie sich ihm gegenüber plötzlich fühlen
konnte.
Denn vollkommen wehrlos wurde sie in seine Arme
gerissen, hart gegen seinen Körper gepresst und rücksichtslos
geküsst.
Der Impuls, sich zu wehren, flackerte kurz auf,
wurde jedoch im Keim erstickt und überschwemmt von einer
übermächtigen Welle an Gefühlen - den ihren wie den seinen.
Zwischen ihnen flammte etwas auf - nicht Wut,
nicht Empörung, eher so etwas wie hemmungslose Neugier.
Ihre Hände packten seinen Mantel, klammerten
sich daran fest, suchten Halt, während ein Strudel von Empfindungen
sie erfasste, sie umfing, sie unweigerlich fortriss. Es waren nicht
allein seine Arme, die sie gefangen hielten, sondern der
übermächtige Sog ihrer eigenen Faszination; die Bewegung seiner
Lippen, kühl und fest auf den ihren; der Druck seiner Hände, die
ihre Oberarme kneteten, in dem rastlosen Verlangen weiterzuwandern,
zu entdecken, zu berühren, sie noch näher heranzuziehen.
Wirbelnde Erregung durchfuhr ihre Glieder,
aufregende Sinnesreize durchzuckten jede Faser ihres Körpers,
steigerten ihre Faszination. Sie war durchaus schon geküsst worden,
doch nie zuvor
in dieser Art und Weise. Nie waren ihre Lust und ihr Verlangen von
einer so unbedeutenden Zärtlichkeit derart in Aufruhr versetzt
worden.
Seine Lippen drängten beharrlich, unermüdlich
weiter, bis ihr Mund dem unbarmherzigen Druck nachgab und sich
öffnete.
Ihre gesamte Welt erbebte, als er ihre Lippen
auseinanderdrängte und seine Zunge hindurchschlüpfen ließ, um der
ihren zu begegnen.
Er ignorierte ihre plötzliche Anspannung,
liebkoste sie weiter, forschte immer tiefer. Etwas in ihr geriet in
Wallung, bäumte sich auf, riss sich los. Eine neue Empfindung
schoss durch ihre Adern, durchflutete ihren Körper - heiß, glühend
und strahlend.
Ein weiterer Blitzschlag, ein weiterer Angriff
auf ihre Sinne. Sie wollte nach Luft schnappen, doch er presste sie
fester an sich; sein eiserner Griff hielt sie umschlungen und
lenkte sie ab, während sein Kuss immer intensiver wurde.
Als ihr Verstand allmählich zurückkehrte, war
sie bereits viel zu gefesselt, viel zu fasziniert von den ihr
unbekannten Freuden, als dass sie sich ihnen hätte entziehen
wollen.
Tristan spürte dies - spürte es mit jeder Faser
seines Körpers - und musste sich zwingen, seinem Hunger nicht
freien Lauf zu lassen. Sie war gewiss schon geküsst worden, doch er
hätte seinen nicht gerade unbedeutenden Ruf darauf verwettet, dass
sie sich noch keinem Mann in dieser Weise geöffnet hatte.
Sie und ihr Mund gehörten nun ihm, und er genoss
diese Tatsache, kostete sie so weit aus, wie die Grenzen eines
Kusses es eben zuließen.
Es war natürlich völliger Irrsinn. Das war ihm
inzwischen bewusst, doch in jenem hitzigen Moment, als sie ihren
Schutz leichtfertig ihrem Hund anvertraut hatte - der im Übrigen,
während er den zarten Mund seiner Herrin ausplünderte, geduldig
danebensaß und wartete -, hatte Tristan einfach nur rot gesehen.
Ihm war nicht bewusst gewesen, wie sehr dieser natürliche Reflex in
Wirklichkeit seiner unterdrückten Lust zuzuschreiben war.
Jetzt wusste er es.
Er hatte sie geküsst, um ihr ihre Schwäche
vorzuführen.
Und hatte zugleich seine eigene entblößt.
Er war hungrig, nein, ausgehungert; und wie es
das Schicksal wollte, erging es ihr genauso. Und nun standen sie
hier, in der Stille des Gartens, eng ineinanderverschlungen,
genossen den Moment, gaben und nahmen. Für sie war dies alles
Neuland, doch das verlieh dem Ganzen nur noch eine besondere Würze,
einen feinen Zauber - zu wissen, dass er es war, der sie auf diese
neuen, unbekannten Pfade führte.
In Welten, die sie noch nie zuvor betreten
hatte.
Ihre Wärme, ihre geschmeidige Stärke, ihre
aufreizend weiblichen Kurven, die sich gegen seinen Körper drückten
- kurz, die Tatsache, sie fest umschlossen in seinen Armen zu
halten, drang tief und unerbittlich in sein Bewusstsein vor.
Bis ihm nach und nach überdeutlich wurde, was er
eigentlich wollte und welche Büchse der Pandora er damit geöffnet
hatte.
Leonora klammerte sich an ihn, während der Kuss
fortdauerte, sich ausdehnte und vertiefte, neue Horizonte eröffnete
und ihre Sinne schulte.
Ein Teil ihres verwirrten Verstandes war
zweifelsfrei davon überzeugt, dass ihr keinerlei Gefahr drohte,
dass sie in Trenthams Armen sicher war.
Dass sie diesen Kuss und alles, was damit
zusammenhing, beruhigt zulassen konnte - vielleicht nicht, ohne es
hinterher zu bereuen, aber zumindest ohne ein Risiko dabei
einzugehen.
Dass sie diese kurze, intensive Leidenschaft,
die er ihr darbot, auskosten und den Moment genießen konnte; dass
sie ihr ausgehungertes Verlangen zumindest in gewissem Maße
befriedigen und sich selbst eingestehen konnte, dass sie noch
weitaus mehr wollte - und das alles in der Gewissheit, am Ende
bedingungslos zurücktreten zu können und zu dürfen. Sie selbst
bleiben zu können - zurückgezogen und sicher.
Und allein.
Daher machte sie keinerlei Anstalten, sich ihm
zu entziehen.
Bis Henrietta winselte.
Trentham hob unvermittelt den Kopf. Er warf
einen Blick auf den Hund, ließ sie jedoch nicht los.
Sie spürte, wie sie rot wurde, und war
ausnahmsweise dankbar für die Dunkelheit. Sie schob ihn von sich
und fühlte seine harte Brust wie warmen Fels unter ihren Händen.
Sein nachdenklicher Blick durchforschte die Dunkelheit, während er
seine Umarmung allmählich löste.
Sie räusperte sich, trat zurück und befreite
sich aus seinen Armen, sodass sich ein sicherer Abstand ergab. »Ihr
ist kalt.«
»Kalt?«
»Sie hat sehr feines Fell, keinen dichten
Pelz.«
Er sah ihr in die Augen; sie hielt seinem Blick
stand und war mit einem Mal peinlich verlegen. Wie verabschiedete
man sich von einem Gentleman, der einen gerade …
Sie sah Henrietta an und schnippte mit dem
Finger. »Ich werde sie besser reinbringen. Gute Nacht.«
Während sie sich abwandte und auf die
Eingangstreppe zuschritt, sagte er kein Wort. Dann spürte sie
plötzlich eine Bewegung.
»Einen Moment noch.«
Sie drehte sich um und sah ihn mit hochgezogenen
Brauen an, so hochmütig sie nur konnte.
Sein Gesicht wurde hart. »Den Schlüssel.« Er
streckte seine Hand aus. »Den Haustürschlüssel meines
Hauses.«
Hitze schoss ihr erneut ins Gesicht. Sie griff
in die Tasche und nahm den Schlüssel heraus. »Ich habe dem alten Mr
Morrissey häufig einen Besuch abgestattet. Es fiel ihm schwer, über
seine Einnahmen und Ausgaben ordentlich Buch zu führen.«
Er nahm ihr den Schlüssel ab und wog ihn in der
Hand.
Sie sah zu ihm auf; er begegnete ihrem
Blick.
Einen Augenblick später sagte er sehr leise:
»Gehen Sie rein.«
Es war zu dunkel, um seinen Gesichtsausdruck
lesen zu können,
doch ihre instinktive Vorsicht gebot ihr, seiner Aufforderung
Folge zu leisten. Den Kopf neigend, wandte sie sich der Treppe zu.
Sie ging hinauf, öffnete die Tür, die noch immer angelehnt war,
schlüpfte hindurch und schloss sie leise hinter sich - die ganze
Zeit spürte sie seinen Blick auf sich ruhen.
Tristan, umzingelt von schwankenden Farnwedeln,
ließ den Schlüssel in seiner Manteltasche verschwinden und
beobachtete, wie ihre Silhouette im Haus verschwand. Er fluchte
leise, wandte sich ab und schritt durch die tiefe Nacht
davon.