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Es war keineswegs das erste Mal in seiner
Karriere, dass er einen taktischen Fehler begangen hatte. Er musste
sich darüber hinwegsetzen, die ganze Sache ignorieren und seinen
Plan, diese unglückselige Frau zu retten, unbeirrt weiterverfolgen;
danach konnte er sich endlich seinem eigenen nervenaufreibenden
Problem widmen, nämlich eine angemessene Gattin zu finden.
Als er am nächsten Morgen den Weg zum Haus der
Carlings entlangschritt, sagte er sich diese Litanei im Geiste
immer wieder auf, gestützt von der strengen Ermahnung, dass eine
streitsüchtige, eigensinnige und entschlossen unabhängige Frau im
vorgerückten Alter die allerletzte sei, die er als Gattin in
Betracht ziehen sollte.
Auch wenn sie nach Ambrosia geschmeckt und sich
in seinen Armen so verführerisch angefühlt hatte.
Wie alt war sie überhaupt?
Er näherte sich der Eingangstreppe und
verdrängte die Frage aus seinem Kopf. Wenn dieser Vormittag
tatsächlich so abliefe, wie er es sich vorstellte, dann tat er
besser daran, sich eng an seinen Plan zu halten.
Am Fuß der Treppe blieb er stehen und blickte
hinauf zur Tür. Er hatte sich die ganze Nacht über von einer Seite
auf die andere gewälzt, und zwar nicht nur aufgrund der
unweigerlichen Folgen
dieses unglückseligen Kusses, sondern vor allem, weil sein
Gewissen ihn angesichts der übrigen Ereignisse des vergangenen
Abends nicht hatte schlafen lassen. Was auch immer hinter dieser
ganzen »Einbrecher«-Geschichte steckte, die Angelegenheit war in
jedem Fall ernst. So viel verriet ihm seine Erfahrung; sein
Instinkt bestätigte es. Auch wenn er keineswegs vorhatte, Leonora
mit dem Problem allein zu lassen, war er ebenso wenig gewillt, Sir
Humphrey und Jeremy weiterhin über das Ausmaß der Gefahr im
Unklaren zu lassen.
Er war mit der festen Absicht hergekommen, den
beiden die Situation in aller Deutlichkeit darzulegen. Es war
immerhin deren gutes Recht, Leonora zu beschützen; waren seine
Absichten auch noch so ehrenhaft, Tristan konnte diese
Beschützerrolle nicht einfach an sich reißen, während er die beiden
Männer außen vor ließ.
Mit gestrafften Schultern stieg er die Treppe
hinauf.
Der uralte Butler öffnete ihm.
»Guten Morgen.« Er lächelte ihn mit seinem
sprühenden Charme an. »Ich würde gerne mit Sir Humphrey und mit Mr
Carling sprechen, sofern es den Herren gerade recht ist.«
Die starre Haltung des Butlers entspannte sich
ein wenig; er zog die Haustür weit auf. »Wenn Sie solange im
Frühstückszimmer warten möchten. Ich werde mich erkundigen.«
Tristan wartete in der Mitte des Raumes und
hoffte inständig, dass Leonora von seiner Ankunft nichts
mitbekommen hatte. Er würde sein Ziel gewiss leichter erreichen,
wenn er mit den beiden Gentlemen allein sprach - ohne die störende
Gegenwart einer Frau, die überdies den Hauptgegenstand ihrer
Unterhaltung darstellen sollte.
Der Butler kehrte zurück und führte ihn in die
Bibliothek. Als er eintrat, waren nur Sir Humphrey und Jeremy
anwesend; er seufzte innerlich vor Erleichterung.
»Trentham! Herzlich willkommen!« Sir Humphrey
saß wieder in demselben Sessel beim Kamin und hatte - Tristan war
sich dessen relativ sicher - dasselbe schwere Buch auf dem Schoß
wie zuvor;
er wies einladend auf die Chaiselongue. »Setzen Sie sich, setzen
Sie sich. Und verraten Sie uns, was wir für Sie tun können.«
Jeremy blickte ebenfalls auf und nickte ihm zur
Begrüßung zu. Tristan hatte den Eindruck, dass auf Jeremys
Schreibtisch ebenfalls alles unverändert war, außer vielleicht der
Buchseite, die er gerade studierte.
Jeremy bemerkte seinen Blick und lächelte. »Eine
kleine Pause würde mir sicher ganz gut tun.« Er deutete auf den
Band vor ihm. »Diese alte sumerische Schrift zu entziffern, ist
verteufelt anstrengend für die Augen.«
Humphrey schnaubte verächtlich. »Nichts im
Vergleich zu dem hier!« Er wies auf das Buch in seinem Schoß.
»Hundert Jahre später, aber keinen Deut lesbarer. Die hätten lieber
mal ordentliche Federkiele verwenden sollen …« Er unterbrach sich
und schenkte Tristan ein einnehmendes Lächeln. »Aber Sie sind
gewiss nicht hergekommen, um sich unser Klagen anzuhören. Sie
dürfen uns gar nicht erst in Fahrt kommen lassen, ansonsten können
wir nämlich stundenlang über Manuskripte reden.«
Das wollte Tristan sich lieber nicht
ausmalen.
»Nun!« Humphrey schlug den Wälzer auf seinem
Schoß zu. »Wie können wir Ihnen helfen, hm?«
»Es geht mir weniger um Ihre Hilfe.« Er tastete
sich vorsichtig heran, unsicher, wie er am besten vorgehen sollte.
»Ich wollte Ihnen mitteilen, dass letzte Nacht in meinem Haus
nebenan eingebrochen wurde.«
»Grundgütiger!« Humphrey zeigte sich mindestens
so erschrocken, wie Tristan es sich erhofft hätte. »Dieses
Lumpenpack! Die werden doch wahrhaftig immer dreister in letzter
Zeit.«
»Durchaus.« Tristan zügelte ihn, bevor Humphrey
das Gespräch an sich reißen konnte. »Aber diesmal hatten die
Arbeiter zuvor bemerkt, dass man sich am Haus zu schaffen gemacht
hatte. Deshalb stellten wir einen Wachposten auf. Der Verbrecher
kam zurück und ist ins Haus eingedrungen; wir hätten ihn gefasst,
doch es gab unerwartete Komplikationen. Er konnte
unglücklicherweise entkommen,
allerdings sieht es so aus, als handele es sich hierbei nicht um
einen … nun, sagen wir, typischen Ganoven der Unterschicht. Es
deutet vielmehr alles darauf hin, dass wir es mit einem Gentleman
zu tun haben.«
»Ein Gentleman?« Humphrey war über die Maßen
erstaunt. »Ein Gentleman, der in Häuser
einbricht?«
»Es sieht ganz danach aus.«
»Welchen Grund könnte ein Gentleman dafür
haben?« Jeremy sah Tristan skeptisch an. »Das ergibt doch keinerlei
Sinn.«
Jeremys Tonfall klang abweisend; Tristan
unterdrückte seinen Unmut. »Richtig. Noch erstaunlicher erscheint
mir, dass der Einbrecher in ein leer stehendes Haus eingedrungen
ist.« Er blickte erst zu Humphrey, dann zu Jeremy. »In dem Haus
gibt es nicht das Geringste zu holen - und die tagtägliche
Anwesenheit der Handwerker sowie die herumliegenden Werkzeuge
machen diese Tatsache überdeutlich.«
Sowohl Humphrey als auch Jeremy sahen mit jedem
Wort verwirrter aus, so als ginge die ganze Angelegenheit völlig
über ihren Verstand. Tristan hatte allerdings reichlich Erfahrung
mit Täuschungsversuchen aller Art; allmählich kam ihm der Verdacht,
dass er es hierbei mit einer einstudierten Nummer zu tun hatte.
Sein Ton wurde schärfer. »Ich habe die Vermutung, dass der
Einbruchsversuch nebenan mit den zwei Einbruchsversuchen hier in
Zusammenhang stehen könnte.«
Der Gesichtsausdruck der beiden Männer blieb
leer und ausdruckslos. Zu ausdruckslos. Sie
verstanden ganz genau, wovon er sprach, aber sie verweigerten ihm
standhaft jedwede Reaktion.
Tristan schwieg, bis sich die Stille unangenehm
dehnte. Schließlich räusperte sich Jeremy. »In welcher
Weise?«
Tristan war kurz davor aufzugeben; nur die in
ihm aufkeimende Wut und seine unerschütterliche Absicht, die beiden
Männer nicht ohne Weiteres ihrer Pflicht zu entbinden und ihren
bequemen Rückzug in tote Welten kommentarlos zu akzeptieren, mit
der Folge, dass Leonora mit ihrem Problem allein dastände, brachten
Tristan dazu, sich nach vorn zu beugen und, die Blicke der beiden
Männer kreuzend, beharrlich weiterzureden. »Angenommen, dieser
Einbrecher ist kein gewöhnlicher Dieb - und es deutet alles darauf
hin -, sondern vielmehr jemand, der hinter etwas ganz Speziellem
her ist - vielleicht einem Gegenstand, der für ihn von besonderem
Wert ist. Wenn sich dieser Gegenstand hier
befände, in diesem Haus, dann …«
Die Tür ging auf.
Leonora trat ein. Sie suchte seinen Blick und
strahlte ihn an. »Mylord! Welch eine Freude, Sie
wiederzusehen!«
Tristan stand auf und erwiderte ihren Blick. Sie
war alles andere als erfreut; sie war panisch. Während sie auf ihn
zukam, musste er einsehen, dass die Situation sich bisher recht
unbefriedigend entwickelt hatte; verärgert nutzte er den winzigen
Vorteil, der ihm blieb, und streckte ihr die Hand hin.
Sie starrte sie kurz an, zögerte aber nur einen
kurzen Augenblick, ehe sie nachgab und ihm ihre Finger reichte. Er
verneigte sich; sie knickste. Die Finger in seiner Hand zitterten
leicht.
Nachdem sie die Höflichkeitsbezeugungen hinter
sich gebracht hatten, zog er Leonora mit sich hinüber zur
Chaiselongue. Sie hatte keine andere Wahl, als sich neben ihn zu
setzen. Während sie sich starr und angespannt auf den Damast sinken
ließ, bemerkte Humphrey erklärend: »Trentham hat uns gerade
berichtet, dass letzte Nacht nebenan eingebrochen wurde. Der
Missetäter konnte leider entkommen.«
»Tatsächlich?« Während Tristan sich hinsetzte,
wandte sie sich ihm zu und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen
an.
Er begegnete ihrem Blick. »Tatsächlich.« Sein
ironischer Tonfall entging ihr keineswegs. »Meine Vermutung war,
dass der Einbruch nebenan womöglich mit den versuchten Einbrüchen
hier in Verbindung stehen könnte.«
Sie musste zu demselben Schluss gekommen sein,
dessen war er sich sicher.
»Ich sehe da noch immer keine Verbindung.«
Jeremy stützte sich
auf sein Buch und sah Tristan mit festem, wenn auch nach wie vor
abwehrendem Blick an. »Ich meine, Einbrecher versuchen ihr Glück
doch wohl überall, oder nicht?«
Tristan nickte. »Deshalb ist es ja auch umso
erstaunlicher, dass unser ›Einbrecher‹ hier - und ich denke, wir
können davon ausgehen, dass es sich um denselben Mann oder um
dieselbe Bande handelt wie zuvor - sein Glück erneut am Montrose
Place versucht hat, obwohl er hier bislang keinen Erfolg erzielen
konnte.«
»Hm. Nun, vielleicht ist ihm das ja eine Lehre,
und er verschwindet ein für alle Mal; immerhin weiß er jetzt, dass
er in keines der Häuser hineinkommt.« Humphrey hob hoffnungsvoll
die Brauen.
Tristan zügelte seine Wut. »Allein die Tatsache,
dass er es bereits dreimal versucht hat, deutet darauf hin, dass er
keineswegs vorhat zu verschwinden. Dass er im Gegenteil das, wonach
er sucht, um jeden Preis bekommen will.«
»Ja, aber genau das ist doch der Punkt.« Jeremy
lehnte sich zurück und spreizte die Hände. »Was in aller Welt
sollte er denn hier suchen?«
»Das«, entgegnete Tristan, »ist genau die
Frage.«
Doch sämtliche Vorschläge seinerseits, das
Interesse des Diebes könne mit den wissenschaftlichen Forschungen
der beiden Männer, mit irgendwelchen versteckten oder offenkundigen
Resultaten oder vielleicht mit einem unerwartet wertvollen Buch
zusammenhängen, wurde von den beiden verständnislos abgewehrt. Die
einzige Mutmaßung, die von Humphreys und Jeremys Seite kam, war
die, dass der Einbrecher womöglich hinter Leonoras Schmuck her sei,
doch Tristan hielt dies für unwahrscheinlich; ihrem
Gesichtsausdruck nach zu urteilen, teilte Leonora seine
Meinung.
Es war überdeutlich, dass die beiden Männer
keinerlei Interesse daran zeigten, das Rätsel um die Einbrüche zu
lösen; dass sie vielmehr glaubten, das Problem nur hartnäckig genug
ignorieren zu müssen, um es für immer zu verbannen.
Zumindest aus ihrem Sichtfeld.
Tristan konnte ihre Haltung nicht gutheißen,
doch er kannte
Menschen von ihrem Schlage nur allzu genau. Sie waren
selbstsüchtig und so sehr in ihre eigenen Angelegenheiten vertieft,
dass sie alles andere vehement von sich stießen. Im Laufe der Jahre
hatten die beiden gelernt, alle äußeren Angelegenheiten getrost
Leonora zu überlassen; sie hatte sich immer bereitwillig um alles
gekümmert, und inzwischen galten ihre Mühen als selbstverständlich.
Während die beiden Männer sich in ihre akademische Welt flüchteten,
durfte Leonora sich mit der realen Welt herumschlagen.
Ein Gefühl der Bewunderung - das er nur
widerwillig zuließ, weil er gerade dies nun wahrhaftig nicht empfinden wollte -, gepaart mit einer tieferen
Einsicht und der nagenden Überzeugung, dass sie etwas Besseres
verdiente, keimte in ihm empor und drang bis in jeden kleinsten
Winkel vor.
Bei Humphrey und Jeremy würde er keinen Schritt
weiterkommen; diese Niederlage musste er sich eingestehen. Er nahm
ihnen aber zumindest das Versprechen ab, sich die Sache noch einmal
durch den Kopf gehen zu lassen und ihm umgehend Bescheid zu geben,
wenn ihnen irgendetwas einfiele, das für den Einbrecher von
Interesse sein mochte.
Er suchte Leonoras Blick und stand auf. Ihre
Anspannung war ihm die ganze Zeit über bewusst gewesen; sie hatte
ihn wie ein Habicht beobachtet, allzeit bereit, eine etwaige
Bemerkung, welche ihre nächtlichen Aktivitäten in irgendeiner Weise
preisgegeben hätte, abzuwehren oder zu entschärfen.
Er sah ihr vielsagend in die Augen; sie verstand
und erhob sich ebenfalls.
»Ich werde Lord Trentham zur Tür
geleiten.«
Sir Humphrey und Jeremy verabschiedeten ihn
freundlich lächelnd. Tristan folgte Leonora zur Tür und wandte sich
an der Schwelle noch einmal um.
Beide Männer blickten nach unten und widmeten
sich schon wieder der Vergangenheit.
Er sah Leonora an. Ihr Ausdruck verriet, dass
sie seine Beobachtung durchschaut hatte. Sie zog eine Augenbraue
hoch, scheinbar
amüsiert darüber, dass er geglaubt hatte, mit seiner Predigt etwas
bewirken zu können.
Tristan spürte, wie seine Züge sich verhärteten.
Er bedeutete ihr weiterzugehen und zog die Tür hinter sich
zu.
Er folgte ihr in die Eingangshalle. Vor der
Salontür berührte er ihren Arm.
Als sie sich zu ihm umdrehte, suchte er ihren
Blick. »Lassen Sie uns ein wenig im Garten spazieren gehen.« Da sie
nicht sofort antwortete, setzte er hinzu: »Ich würde gern mit Ihnen
reden.«
Sie zögerte kurz, dann neigte sie zustimmend den
Kopf. Sie führte ihn durch den Salon - wo, wie ihm auffiel,
dieselbe Stickarbeit noch immer unberührt an ihrem Platz lag - und
durch die Verandatüren hindurch nach draußen auf den Rasen.
Mit hocherhobenem Haupt stolzierte sie weiter;
er begab sich an ihre Seite. Ohne ein Wort zu sagen. Er wartete
darauf, dass sie ihn fragen würde, worüber er mit ihr reden wolle;
in der Zwischenzeit suchte er nach einer wirksamen Strategie, um
sie davon zu überzeugen, das Problem mit dem mysteriösen Einbrecher
ihm zu überlassen.
Der Rasen war üppig gewachsen und sorgsam
gepflegt; die umliegenden Beete waren übersät mit allerlei
ungewöhnlichen Pflanzen, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Der
verstorbene Cedric Carling war offenbar nicht nur ein
Pflanzenkenner, sondern auch ein Pflanzensammler gewesen … »Wie
lange ist es her, dass Ihr Cousin Cedric verstarb?«
Sie sah zu ihm auf. »Mehr als zwei Jahre.« Sie
schwieg einen Moment, dann fuhr sie fort: »Ich kann mir nicht
vorstellen, dass seine Unterlagen irgendetwas Wertvolles enthalten,
sonst hätten wir es längst mitbekommen.«
»Vermutlich.« Nach seiner schleppenden
Unterredung mit Humphrey und Jeffrey bildete ihr offener Scharfsinn
eine erfrischende Abwechslung.
Sie hatten das seitliche Ende des Rasens
erreicht; Leonora blieb vor einer Sonnenuhr stehen, die am Rande
eines breiten Beets auf
einem Sockel stand. Er blieb seitlich hinter Leonora stehen. Er
beobachtete sie, wie sie ihre Hand ausstreckte und mit dem
Zeigefinger langsam über die gravierte Bronzescheibe fuhr.
»Danke, dass Sie meine gestrige Anwesenheit in
Ihrem Haus nicht erwähnt haben.« Ihre Stimme war leise, aber klar;
ihr Blick ruhte auf der Sonnenuhr. »Oder den Zwischenfall vor dem
Haus.«
Sie atmete tief ein, hob den Kopf.
Bevor sie noch mehr sagen konnte - etwa
behaupten, der Kuss hätte ihr nichts bedeutet, er sei nur ein
dummer Fehler gewesen oder irgendwelchen anderen Unsinn, der ihn
dazu verleiten würde, sie vom Gegenteil zu überzeugen -, hob
Tristan seine Hand, legte ihr einen Finger in den Nacken und fuhr
langsam und bestimmt mit der Fingerspitze ihre Wirbelsäule hinunter
bis zur Taille.
Ihr Atem stockte, dann fuhr sie herum und
starrte ihn aus weit aufgerissenen, veilchenblauen Augen an.
Er hielt ihren Blick gebannt. »Was gestern Abend
passiert ist, insbesondere vor Ihrem Haus, wird unter uns
bleiben.«
Als sie ihn weiterhin forschend ansah, fügte er
erläuternd hinzu: »Sie zu küssen und dann aller Welt davon zu
erzählen, widerspricht meinem Verhaltenskodex und ist zudem nicht
mein Stil.«
Er sah, wie ihre Augen aufblitzten; sah, wie sie
einen Moment lang versucht war, schnippisch nachzuhaken, was denn wohl sein Stil wäre, doch eine intuitive
Vorsicht gemahnte sie, ihre Zunge im Zaum zu halten. Sie hob ihr
Kinn und neigte hochmütig den Kopf, während sie sich wieder von ihm
abwandte.
Die Situation lief Gefahr, unangenehm zu werden,
und Tristan hatte immer noch keine geeignete Taktik entwickelt, um
sie von dem Einbrecherproblem abzulenken. Während sein Verstand
fieberhaft arbeitete, schweifte sein Blick an ihr vorbei - hinüber
zu dem Haus jenseits der Gartenmauer, das sich, ebenso wie die
Nummer zwölf, eine Seitenwand mit dem Haus der Carlings
teilte.
»Wer wohnt dort drüben?«
Leonora blickte auf und folgte seinem Blick.
»Die alte Miss Timmins.«
»Lebt sie allein?«
»Mit ihrem Hausmädchen.«
Er sah Leonora in die Augen, die bereits
nachdenklich funkelten. »Ich würde die Dame gern kennenlernen.
Wären Sie so freundlich, uns einander vorzustellen?«
Sie kam seinem Wunsch mit Freuden nach; nicht
nur, um der beklemmenden Situation im Garten zu entrinnen - ihr
rasender Puls war noch immer nicht zur Ruhe gekommen -, sondern
auch, um sich munter in weitere Ermittlungen zu stürzen. Und zwar
an Trenthams Seite.
Warum sie seine Gegenwart so anregend fand,
vermochte sie selbst nicht zu sagen. Sie wusste nicht einmal, ob
sie seine Gesellschaft gutheißen konnte. Oder ob ihre Tante Mildred
- ganz zu schweigen von ihrer Tante Gertie - dies tun würde, wenn
sie nur davon wüsste. Schließlich war er ein Mann vom Militär.
Breitschultrige Männer in prächtigen Uniformen mochten vielleicht
jungen Mädchen den Kopf verdrehen, doch vollendete Damen, wie sie
selbst, sollten wohl vernünftig genug sein, um den charmanten
Avancen derartiger Männer zu widerstehen. Es handelte sich
unweigerlich um Zweitgeborene oder gar Söhne von Zweitgeborenen,
die sich über den Umweg einer vorteilhaften Ehe Zugang zur oberen
Gesellschaftsschicht verschaffen wollten. Trentham hingegen war
selbst ein Earl …
Sie stutzte innerlich. Vermutlich war er damit
von dem allgemeinen Verbot ausgeklammert.
Wie dem auch sei … Während sie an seiner Seite
zügig den Gehweg entlangschritt, während ihre behandschuhte Hand
auf seinem Arm ruhte, das Gefühl seiner Stärke sie fesselte und
sich eine Art Jagdinstinkt in ihren Adern ausbreitete, konnte kein
Zweifel daran bestehen, dass sie sich um ein Vielfaches lebendiger
fühlte, wann immer sie in seiner Nähe war.
Als sie zufällig mitbekommen hatte, dass er sich
in ihrem Haus befand, war sie zunächst panisch geworden. Sie war
sich absolut sicher
gewesen, dass er ihr Fehlverhalten bezüglich ihres unerlaubten
Eindringens ins Nachbarhaus anprangern wollte. Und, schlimmer noch,
womöglich - in welcher Art auch immer - auf ihr kleines
Techtelmechtel vor dem Haus anspielen würde. Stattdessen hatte er
nicht die geringste Anspielung darauf gemacht, dass sie an den
Ereignissen der vergangenen Nacht beteiligt gewesen war; obwohl er
ihre Nervosität bemerkt haben musste, hatte er nicht das Geringste
gesagt oder getan, um sie in Verlegenheit zu bringen.
Sie hatte weitaus Schlimmeres erwartet … von
einem Mann vom Militär.
Sie erreichten das Eingangstor, das zu Miss
Timmins’ Haus führte; Trentham schob es weit auf, und sie traten
hindurch. Seite an Seite schritten sie den Weg entlang und stiegen
schließlich die Stufen zu dem bescheidenen Seiteneingang hinauf.
Leonora betätigte die Klingelschnur und hörte, wie es drinnen
läutete. Das Haus war kleiner als ihr eigenes, von seiner Bauweise
her eher mit der Nummer zwölf vergleichbar.
Man hörte das Trappeln von hastig näher
kommenden Schritten, dann wurden mehrere Riegel zurückgezogen. Die
Tür öffnete sich einen Spaltbreit und ließ das liebenswürdige
Gesicht des Hausmädchens erkennen.
»Guten Morgen, Daisy. Ich weiß, es ist noch
recht früh, aber wenn Miss Timmins ein paar Minuten Zeit hätte,
würde ich ihr gern den Earl of Trentham, unseren neuen Nachbarn
vorstellen.«
Daisys Augen weiteten sich überrascht, als ihr
Blick auf den Mann an Leonoras Seite fiel, dessen imposante Gestalt
das Sonnenlicht verdunkelte. »Oh, aber selbstverständlich, Miss.
Ich bin mir sicher, dass sie Sie empfangen wird. Sie weiß doch
immer gern über alles Bescheid.« Daisy machte die Tür weit auf und
winkte die beiden herein. »Wenn Sie nur kurz im Frühstückszimmer
warten möchten. Ich werde ihr sagen, dass Sie hier sind.«
Leonora ging voraus und setzte sich auf ein
niedriges Sofa.
Trentham blieb stehen. Er ging rastlos auf und
ab. Inspizierte die Fenster.
Die Schlösser.
Leonora runzelte die Stirn. »Was …«
Sie unterbrach sich, da Daisy in diesem Moment
zurückgeeilt kam.
»Sie sagt, es sei ihr ein Vergnügen, Sie zu
empfangen.« Sie knickste vor Trentham. »Wenn Sie mir bitte folgen
möchten. Ich werde Sie zu ihr bringen.«
Sie folgten Daisy die Treppe hinauf; Leonora
bemerkte, wie Trenthams Blick nach links und rechts schweifte.
Hätte sie es nicht besser gewusst, hätte sie geglaubt, er selbst
wäre ein Einbrecher, der sich nach geeigneten
Einstiegsmöglichkeiten umsah …
»Oh.« Am Kopf der Treppe wandte Leonora sich um.
»Sie meinen doch nicht etwa, der Einbrecher könnte es als Nächstes
hier versuchen?«, fragte sie flüsternd.
Er runzelte die Stirn und bedeutete ihr
weiterzugehen. Daisy war bereits vorweggeeilt; Leonora drehte sich
rasch um und hatte Mühe, sie wieder einzuholen. Trentham hingegen
musste lediglich größere Schritte machen. Dicht von ihm gefolgt,
betrat Leonora Miss Timmins’ kleinen Salon.
»Leonora, meine Liebe.« Miss Timmins’ Stimme
klang zittrig. »Wie nett, dass Sie bei mir vorbeischauen.«
Miss Timmins war alt und gebrechlich und setzte
nur selten einen Fuß vor die Tür. Leonora besuchte sie häufig. Im
Laufe des vergangenen Jahres war ihr aufgefallen, dass das Leuchten
in ihren alten blauen Augen allmählich verlosch, ähnlich einer
Kerze, die langsam herunterbrannte.
Leonora lächelte sie an und drückte ihre
knorrige Hand, dann trat sie einen Schritt zurück. »Ich möchte
Ihnen den Earl of Trentham vorstellen. Er und seine Freunde haben
das Haus Nummer zwölf, direkt neben unserem, gekauft.«
Die alte Dame mit den ordentlich gekämmten
grauen Locken und der Perlenkette wirkte ein wenig entrückt, als
sie Trentham befangen die Hand reichte und einen leisen Gruß
murmelte.
Trentham verneigte sich. »Wie geht es Ihnen,
Miss Timmins. Ich
hoffe, Sie haben die langen kalten Monate bislang gut
überstanden?«
Miss Timmins wirkte nervös, doch sie ließ
Trenthams Hand nicht los. »Danke, durchaus.« Sie schien geradezu
fasziniert von seinen Augen. Nach einer kurzen Pause sprach sie
weiter. »Es war ein entsetzlich harter Winter.«
»Sehr viel mehr Schneeregen als üblich.«
Trentham lächelte sie charmant an. »Dürfen wir uns setzen?«
»Oh! Aber natürlich. Bitte!« Miss Timmins lehnte
sich vor. »Ich habe gehört, sie waren beim Militär. Sagen Sie,
Mylord, haben Sie Waterloo miterlebt?«
Leonora ließ sich in einen Sessel sinken und
beobachtete fasziniert, wie Trentham - ein Mann vom Militär, wie er
es selbst zugab - die alte Miss Timmins umgarnte, die sich in
männlicher Gesellschaft normalerweise nicht sonderlich wohlfühlte.
Doch Trentham schien sehr genau zu wissen, welche Worte er wählen
musste, welche Gesprächsthemen einer älteren Dame angemessen
erschienen. Welche Art von Tratsch sie ganz besonders
amüsierte.
Daisy servierte ihnen Tee; während Leonora daran
nippte, überlegte sie, welches Ziel er wohl verfolgte.
Die Frage wurde ihr beantwortet, als Trentham
seine Tasse beiseitestellte und eine ernstere Miene aufsetzte. »Ich
muss gestehen, ich hatte noch einen weiteren Grund, sie
aufzusuchen, als den, ihre Bekanntschaft zu machen.« Er blickte
Miss Timmins in die Augen. »Es hat hier in letzter Zeit einige
Vorfälle gegeben; Einbrecher haben versucht, sich verschiedentlich
Zutritt zu verschaffen.«
»Ach du lieber Himmel!« Miss Timmins stellte
ihre Tasse klappernd auf den Unterteller. »Ich muss Daisy dringend
darauf hinweisen, dass sie alle Türen ordentlich verriegelt.«
»Was das anbelangt, würde ich gerne - wenn es
Ihnen recht ist? - einmal einen Blick ins Erdgeschoss sowie ins
Untergeschoss werfen, um sicherzustellen, dass die Einbrecher
nirgendwo ein leichtes Spiel haben. Ich würde sehr viel beruhigter
schlafen, wenn
ich wüsste, dass ihr Haus gut gesichert ist, zumal Sie und Daisy
ganz allein hier leben.«
Miss Timmins blinzelte und lächelte ihn
strahlend an. »Aber selbstverständlich, mein Lieber. Das ist
wirklich sehr aufmerksam von Ihnen.«
Nach einigen abschließenden Bemerkungen
allgemeinerer Natur erhob Trentham sich. Leonora folgte seinem
Beispiel. Sie verabschiedeten sich von Miss Timmins, die zugleich
Daisy davon in Kenntnis setzte, dass Seine Lordschaft, der Earl,
sich noch ein wenig umsehen werde, um sich davon zu überzeugen,
dass das Haus auch vollkommen sicher sei.
Daisy strahlte ihn ebenfalls an.
Trentham versicherte Miss Timmins zum Abschluss,
dass er sich auch um etwaige Reparaturen kümmern würde, sollte
tatsächlich eines der Schlösser nicht hundertprozentig in Ordnung
sein - sie solle sich auf gar keinen Fall um irgendetwas Gedanken
machen.
Dem Ausdruck in Miss Timmins’ ältlichen Augen
nach zu urteilen, als sie Trenthams Hand drückte, hatte Seine
Lordschaft die alte Dame im Sturm erobert.
Daisy war bereits vorausgeeilt, als Leonora am
Kopf der Treppe besorgt stehen blieb und gezielt Trenthams Blick
suchte. »Ich hoffe, Sie haben vor, Ihr Versprechen auch zu
halten.«
Sein Blick war gelassen und blieb es auch.
Schließlich erwiderte er: »Durchaus.« Einen Moment lang sah er sie
forschend an, dann fuhr er fort. »Ich habe jedes meiner Worte ernst
gemeint.« Er trat an ihr vorbei die Treppe hinunter. »Ich werde in
der Tat ruhiger schlafen, wenn ich weiß, dass niemand hier
hereinkommt.«
Sie sah ihm stirnrunzelnd nach - dieser Mann war
ein wahres Mysterium; dann folgte sie ihm die Treppe
hinunter.
Sie schlenderte ihm müßig hinterher, während
Trentham systematisch jedes Fenster und jede Tür im Erdgeschoss
überprüfte. Dann ging er hinunter ins Untergeschoss und tat dort
das Gleiche. Sein Vorgehen war gründlich und - soweit sie das
beurteilen konnte
- überaus professionell, so als wäre die Aufgabe, Gebäude vor
Eindringlingen zu sichern, ein fester Bestandteil seiner ehemaligen
Pflichten gewesen. Es fiel ihr zunehmend schwerer, ihn als
gewöhnlichen »Mann vom Militär« abzutun.
Schließlich nickte er Daisy beruhigend zu. »Es
sieht besser aus, als ich erwartet hätte. Hatte Miss Timmins schon
immer Angst vor Einbrechern?«
»O ja, Mylord, Sir. Schon seit ich hier bin und
mich um ihren Haushalt kümmere, und das sind jetzt bald sechs
Jahre.«
»Wenn Sie jedes Schloss gewissenhaft abschließen
und jeden Riegel vorschieben, dann sind Sie hier so sicher, wie man
es nur sein kann.«
Sie ließen eine dankbare und beruhigte Daisy an
der Haustür zurück und gingen langsam den Weg entlang zum Tor. Dort
angekommen blickte Leonora, die in der Zwischenzeit ihren eigenen
Gedanken nachgegangen war, zu Trentham auf. »Ist das Haus
tatsächlich sicher?«
Er sah sie an und hielt ihr das Tor auf. »So
sicher, wie ein Haus eben sein kann. Wenn jemand unbedingt
hineinkommen will, wird er einen Weg finden.« Seite an Seite gingen
sie den Gehweg entlang. »Er könnte zum Beispiel Gewalt anwenden -
ein Fenster einschlagen oder eine Tür eintreten - und auf diese
Weise in das Haus eindringen, aber ich halte es für
unwahrscheinlich, dass sich unser
Einbrecher derart grob verhalten wird. Wenn wir mit unserer
Vermutung richtigliegen und er sich Zugang zu Ihrem Haus
verschaffen will, dann muss er, um sich von Nummer sechzehn aus
durch die Kellerwände zu graben, mehrere Nächte ungestört arbeiten
können. Und das kann er nicht, wenn er sich dabei zu auffällig
verhält.«
»Das heißt, solange Daisy sorgfältig achtgibt,
dürfte nichts passieren.«
Als er nichts erwiderte, sah sie zu ihm auf. Er
spürte ihren Blick, begegnete ihm. Und zog eine Grimasse. »Bevor
wir hineingegangen sind, habe ich mich gefragt, ob man nicht
irgendwie eine männliche
Arbeitskraft in den Haushalt einschleusen könnte, zumindest bis
wir den Einbrecher dingfest gemacht haben. Aber sie hat Angst vor
Männern, nicht wahr?«
»Ja.« Leonora war erstaunt, dass er dies bemerkt
hatte. »Sie sind der erste Mann, den ich kenne, mit dem sie
freiwillig über mehr als nur die banalsten Gemeinplätze gesprochen
hat.«
Er nickte und sah zu Boden. »Ein Mann im Haus
wäre für sie nur eine zusätzliche Belastung, daher ist es umso
beruhigender, dass wenigstens die Schlösser in einem einwandfreien
Zustand sind. Wir werden uns auf sie verlassen müssen.«
»Und alles daransetzen, den Einbrecher so bald
wie möglich zu schnappen.«
Ihre Stimme war voller Entschlossenheit.
Sie waren am Tor von Nummer vierzehn angekommen.
Tristan blieb stehen und richtete seinen Blick wieder auf Leonora.
»Ich nehme an, es hat wenig Sinn, weiter darauf zu beharren, dass
Sie den Einbrecher mir überlassen.«
Ihre veilchenblauen Augen wirkten unnachgiebig.
»Nicht den geringsten.«
Er atmete aus, während er seinen Blick die
Straße hinunterwandern ließ. Er war durchaus bereit, für einen
guten Zweck zu lügen. Er war ebenso bereit, eine Ablenkungstaktik
zu wagen, die überaus riskant war. Bevor Leonora ihm entwischen
konnte, ergriff er ihre Hand. Er wandte sich ihr zu und sah sie
eindringlich an. Ohne seinen Blick von ihr lösen, suchten seine
Finger nach der Öffnung ihrer Handschuhe und schoben sie weit
auseinander, dann führte er ihr entblößtes Handgelenk an seine
Lippen.
Er spürte, wie sie ein Zittern erfasste,
beobachtete, wie ihr Kinn sich hob, ihre Augen sich
verdunkelten.
Er lächelte kalkuliert, absichtsvoll. Und
verkündete leise: »Was zwischen uns ist, wird auch zwischen uns
bleiben, aber es ist keineswegs verschwunden.«
Ihre Lippen waren fest aufeinandergepresst; sie
zerrte an ihrem Handgelenk, doch anstatt ihren Bestrebungen
nachzugeben, massierte
er mit seinem Daumen langsam die Stelle, die er gerade geküsst
hatte.
Ihr Atem stockte, dann fauchte sie ihn an. »Ich
bin an keiner Tändelei interessiert.«
Er sah ihr tief in die Augen und zog eine Braue
hoch. »Das bin ich ebenso wenig wie Sie.« Er war vielmehr daran
interessiert, sie abzulenken. Es war für sie beide das Beste, wenn
sie sich statt auf den Einbrecher auf ihn
konzentrierte. »Unserer Bekanntschaft zuliebe« - meines
Seelenfriedens zuliebe - »bin ich gewillt, Ihnen ein Geschäft
vorzuschlagen.«
Ihre Augen funkelten misstrauisch. »Was für ein
Geschäft?«
Er wählte seine Worte mit Bedacht. »Wenn Sie mir
versprechen, nichts weiter zu tun, als Augen und Ohren
offenzuhalten, als wachsam zu sein und mir das Gehörte und Gesehene
mitzuteilen, sobald ich das nächste Mal bei Ihnen vorbeischaue,
dann bin ich meinerseits bereit, alle neu gewonnenen Informationen
mit Ihnen zu teilen.«
Ihre Haltung war abwehrend und herablassend.
»Und was, wenn sie keine neuen Informationen zu bieten
haben?«
Die Form seiner Lippen veränderte sich kaum, und
doch ließ er seine Maske für einen Moment fallen und zeigte ihr
sein wahres Ich. »Ich garantiere Ihnen - das werde ich.« Seine
Stimme klang leise, fast bedrohlich; fesselnd.
Wieder hob er langsam und absichtsvoll ihre
Hand.
Er hielt ihren Blick gebannt, küsste zugleich
ihr Handgelenk.
»Nehmen Sie meinen Vorschlag an?«
Sie zwinkerte, konzentrierte sich auf seine
Augen; dann hob sich ihre Brust in einem tiefen Atemzug. Sie
nickte. »Einverstanden.«
Er gab ihr Handgelenk frei; sie entriss es ihm
hastig.
»Unter einer Bedingung.«
Ihre Herablassung gekonnt erwidernd, zog er die
Brauen hoch. »Und die wäre?«
»Ich werde nichts weiter unternehmen, als Augen
und Ohren offen zu halten, sofern Sie sich im Gegenzug umgehend hierher begeben
und mir Bericht erstatten, sobald Sie
etwas Neues in Erfahrung gebracht haben.«
Er sah ihr tief in die Augen und dachte nach.
Seine Lippen entspannten sich. »Ich werde Ihnen jede Neuigkeit
mitteilen, sobald ich kann.«
Sie war zufrieden und schien selbst darüber
erstaunt. Er unterdrückte ein Grinsen und verneigte sich. »Einen
schönen Tag noch, Miss Carling.«
»Einen schönen Tag, Mylord.«
Mehrere Tage verstrichen.
Leonora hielt Augen und Ohren offen, doch nichts
geschah. Sie war mit ihrem Abkommen zufrieden; im Grunde konnte sie
ohnehin nicht viel mehr tun, und der Gedanke, dass Trentham
geradezu darauf bestanden hatte, selbst einzuschreiten, wenn etwas
passieren sollte, war unerwartet beruhigend. Sie war es gewohnt,
auf sich selbst gestellt zu sein; sie mied die Hilfe anderer sogar
regelrecht, da diese ihr zumeist doch nur in die Quere kamen. Doch
Trentham wirkte überaus kompetent; mit ihm zusammen - da war sie
sich sicher - würde sie die Sache mit den Einbrüchen aufklären
können.
Nach und nach traf nebenan das Hauspersonal ein;
wie Toby pflichtgetreu übermittelte, schaute Trentham regelmäßig
dort vorbei, doch bei den Carlings ließ er sich nicht
blicken.
Das Einzige, was ihren Seelenfrieden zurzeit ein
wenig aus dem Gleichgewicht brachte, war die Erinnerung an jenen
nächtlichen Kuss. Sie hatte versucht, ihn einfach zu vergessen, ihn
aus dem Gedächtnis zu verbannen, ihn als beiderseitigen Fehltritt
abzutun, doch das heftige Pulsrasen, das sie jedes Mal erfasste,
wenn er in ihre Nähe trat, war weitaus schwerer zu ignorieren. Und
sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie den Kommentar deuten
sollte, dass das, was zwischen ihnen gewesen war, keineswegs
verschwunden war.
Wollte er damit etwa andeuten, dass er die Sache
noch weiter verfolgen wollte?
Er hatte gleichwohl behauptet, dass er nicht
mehr an einer Tändelei interessiert sei als sie selbst. Seiner
ehemaligen Tätigkeit zum Trotz war sie zunehmend davon überzeugt,
seinen Worten trauen zu können. Sein taktvoller Umgang mit dem
ehemaligen Soldaten Biggs, seine Diskretion bezüglich ihres
nächtlichen Abenteuers und sein unvergleichbar charmanter Umgang
mit Miss Timmins hatten ihre Vorurteile in weiten Teilen
zerstreut.
Vielleicht war Trentham ja die sprichwörtliche
Ausnahme, welche die Regel bestätigte - ein Mann vom Militär, dem
man vertrauen konnte, zumindest was gewisse Angelegenheiten
betraf.
Dennoch war sie sich keineswegs sicher, dass er
ihr ausnahmslos jede seiner Entdeckungen mitteilen würde. Sie hätte
ihm nichtsdestotrotz noch ein paar Tage Aufschub gewährt, wäre da
nicht plötzlich dieser Beobachter aufgetaucht.
Zuerst war es nicht mehr als eine Ahnung, eine
eigentümliche Vorwarnung ihrer Sinne, das unheimliche Gefühl,
beobachtet zu werden. Und zwar nicht nur vorn auf der Straße,
sondern auch im hinteren Garten; und das machte sie nervös. Der
erste körperliche Übergriff hatte damals im vorderen Garten
stattgefunden; seitdem ging sie dort nicht mehr spazieren.
Sie machte es sich zur Gewohnheit, wann immer
sie das Haus verließ, Henrietta mitzunehmen oder - sofern dies
nicht möglich war - einen Diener.
Mit der Zeit hätten sich ihre Nerven sicherlich
beruhigt, sich entspannt.
Doch eines Spätnachmittags im Februar, als sie
im Garten spazieren ging und es bereits dämmrig wurde, bemerkte sie
im unteren Teil des Gartens, jenseits der Hecke, die das längliche
Grundstück in zwei Bereiche teilte, einen Mann. Umrahmt von dem
mittig gelegenen Heckenbogen stand zwischen den Gemüsebeeten eine
schlanke, in einen Mantel gehüllte, dunkle Gestalt … und
beobachtete sie.
Leonora war wie erstarrt. Es war nicht derselbe
Mann, der sich ihr im Januar zweimal genähert hatte - das erste Mal
beim Eingangstor,
das zweite Mal auf der Straße. Jener Mann war kleiner,
schmächtiger gewesen; sie hatte sich gegen ihn wehren und sich
losreißen können.
Der Mann, der sie nun beobachtete, kam ihr
weitaus bedrohlicher vor. Er stand völlig still und reglos da, doch
es war die Ruhe eines lauernden Raubtiers. Nicht mehr als ein Stück
Rasen trennte sie beide voneinander. Leonora musste sich zwingen,
sich nicht an die Kehle zu fassen, musste den Instinkt
unterdrücken, sich umzudrehen und zu fliehen, die Überzeugung
verleugnen, dass, wenn sie dies täte, er sich unvermittelt auf sie
stürzen würde.
Henrietta kam herangetrottet; sie entdeckte den
Mann, gab ein finsteres Knurren von sich. Ihr drohendes Grollen
dauerte an und nahm beständig zu. Mit gesträubtem Nackenfell trat
der große Jagdhund schützend zwischen seine Herrin und den
Mann.
Dieser blieb einen Augenblick lang regungslos
stehen, dann drehte er sich abrupt um. Mit wehendem Mantel entfloh
er Leonoras Gesichtsfeld.
Unangenehm pochenden Herzens sah Leonora ihre
Hündin an. Henrietta blieb wachsam, ihre Sinne geschärft. Dann
hörte Leonora einen dumpfen Aufprall, die Hündin bellte kurz auf
und trat dann den Rückweg zur Terrassentür an.
Leonora lief ein eiskalter Schauer über den
Rücken; während sie mit weit aufgerissenen Augen die Dunkelheit
absuchte, hastete sie zurück zum Haus.
Am nächsten Morgen um elf Uhr - dem
frühestmöglichen Zeitpunkt für einen Höflichkeitsbesuch - klingelte
Leonora an der Haustür eines eleganten Hauses in der Green Street,
von dem ihr der Straßenfeger versichert hatte, dass es dem Earl of
Trentham gehöre.
Ein imponierender und doch freundlich wirkender
Butler öffnete ihr die Tür. »Ja bitte, Madam?«
Sie richtete sich kerzengerade auf. »Guten
Morgen. Ich bin Miss Carling vom Montrose Place. Ich würde gerne
mit Lord Trentham sprechen, wenn es möglich wäre.«
Der Butler schien aufrichtig bestürzt.
»Bedauere, Seine Lordschaft ist nicht zugegen.«
»Oh.« Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie war
davon ausgegangen, dass Trentham, wie die meisten Männer von Stand,
vor Mittag keinen Fuß aus dem Haus setzte. Ein Moment verstrich,
ohne dass ihr eine sinnvolle Alternative einfiel, dann blickte sie
den Butler an. »Wird er in nächster Zeit zurückerwartet?«
»Ich nehme an, dass er innerhalb der nächsten
Stunde wieder hier sein wird.« Scheinbar stand ihr die
Entschlossenheit ins Gesicht geschrieben; der Butler zog die Tür
weit auf. »Wenn Sie auf ihn warten möchten?«
»Herzlichen Dank.« Sie ließ ihre Anerkennung in
den Worten mitschwingen. Der Butler wirkte überaus mitfühlend. Sie
trat über die Schwelle in die große Eingangshalle und war auf der
Stelle beeindruckt von ihrer hellen und luftigen Atmosphäre, die
von der eleganten Einrichtung wirkungsvoll unterstrichen wurde. Als
der Butler die Tür wieder geschlossen hatte, wandte sie sich ihm
zu.
Er lächelte aufmunternd. »Wenn Sie mir bitte
folgen möchten, Miss?«
Unsinnigerweise beruhigt, neigte Leonora den
Kopf und folgte ihm den Gang hinunter.
Tristan kehrte kurz nach Mittag in die Green
Street zurück - kein bisschen schlauer, jedoch umso besorgter. Er
stieg die Eingangsstufen hinauf und zog seinen Schlüssel aus der
Tasche, um sich selbst einzulassen; er hatte sich noch nicht daran
gewöhnen können zu warten, bis Havers ihm die Tür öffnete und ihm
Stock und Mantel abnahm - Handgriffe, die er ganz gut allein
bewältigen konnte.
Er stellte seinen Stock in den
Garderobenständer, warf den Mantel über einen Stuhl und machte sich
leisen Schrittes auf den Weg zu seinem Arbeitszimmer in der
Hoffnung, sich unbeachtet an den Bögen des Frühstückszimmers
vorbeischleichen zu können und seinen alten Cousinen zu entgehen.
Eine zugegebenermaßen schwache Hoffnung, denn was sie auch immer
taten, seine Cousinen hatten
die unheimliche Gabe, sein Vorbeihuschen fast immer zu bemerken
und im rechten Moment aufzublicken, um ihn überfallen zu
können.
Unglücklicherweise war dies der einzige Weg zu
seinem Arbeitszimmer; sein Großonkel, der dieses Haus hatte umbauen
lassen, war - dessen war sich Tristan inzwischen sicher - offenbar
ein Meister der Selbstgeißelung gewesen.
Der helle Raum, der als Frühstückszimmer diente,
war an das Haupthaus angebaut worden. Er lag einige Stufen
niedriger als der Korridor und war durch drei hohe Bögen von diesem
abgegrenzt. Unter zweien dieser Bögen standen üppige
Blumenarrangements, doch der dritte diente als Durchgang und bot
dementsprechend keinerlei Deckung.
Leise wie ein Dieb schlich er sich an den ersten
Bogen heran und blieb außer Sichtweite stehen, um zu lauschen. Ein
Wirrwarr weiblicher Stimmen drang zu ihm herüber; die Stimmen kamen
vom anderen Ende des Raumes, wo eine Sitzgruppe am Fenster,
bestehend aus mehreren Stühlen und zwei Chaiselonguen, morgens in
sanftes Licht getaucht wurde. Es dauerte einen Moment, ehe er die
verschiedenen Stimmen zuordnen konnte. Er erkannte Ethelreda,
Millicent, Flora, Constance, Helen und, ja genau, Edith ebenfalls.
Alle sechs. Sie plauderten angeregt über Knoten - französische
Knoten? Was sollte das sein? - und über Grund-irgendwas und
Blattstiche …
Es ging um Stickerei.
Er runzelte die Stirn. Sie alle stickten wie die
Besessenen, allerdings war dieses der einzige Bereich, in dem ein
echtes Konkurrenzdenken zwischen ihnen herrschte. Er hatte noch nie
miterlebt, dass sie ihr gemeinsames Interesse offen diskutiert
hätten, schon gar nicht mit solcher Leidenschaft.
Plötzlich vernahm er eine weitere Stimme und
seine Verwunderung war perfekt.
»Ich habe es noch nie geschafft, die Fäden so
gleichmäßig zum Liegen zu bringen.«
Leonora.
»Ach, Liebes, Sie müssen ganz einfach …«
Der Rest von Ethelredas Ratschlag entging
Tristans Aufmerksamkeit; er war viel zu sehr damit beschäftigt,
sich über den Grund von Leonoras Anwesenheit Gedanken zu
machen.
Die Diskussion dauerte an, und Leonora bat die
älteren Damen um Rat, den diese ihr mit größter Begeisterung
erteilten.
Er erinnerte sich lebhaft an das verwahrloste
Stickzeug, das im Salon am Montrose Place achtlos herumgelegen
hatte. Leonora mochte vielleicht kein Talent fürs Sticken haben,
doch er hätte wetten können, dass sie auch ebenso wenig Interesse
dafür zeigte.
Seine Neugier war geweckt. Das ihm
nächstgelegene Blumenarrangement war groß genug, um ihn vollständig
zu verdecken. Mit zwei Schritten hatte er sich in seinem Schutz
versteckt. Er spähte zwischen den Lilien und Chrysanthemen hindurch
und entdeckte Leonora, wie sie auf einer der Chaiselonguen saß und
ringsum von alten Damen umgeben war.
Die Wintersonne schien durchs Fenster hinein und
umgab Leonora von hinten mit einem glitzernden Schein, der ihrem
dunklen Haar granatrote Reflexe verlieh und ihre feinen
Gesichtszüge in mysteriöse Halbschatten tauchte. In ihrem
dunkelroten Tageskleid sah sie aus wie eine mittelalterliche
Madonna - eine Verkörperung weiblicher Unschuld und Leidenschaft,
weiblicher Stärke und Zartheit. Sie hatte den Kopf geneigt und
betrachtete einen bestickten Sesselschoner, der auf ihrem Schoß
lag.
Er beobachtete, wie sie ihr ältliches Publikum
geradezu aufforderte, ihr noch mehr zu erzählen, wie sie alle
ermutigte, sich an der Unterhaltung zu beteiligen. Er bemerkte
ebenfalls, wie sie behutsam einschritt, wann immer ein
Konkurrenzkampf auszubrechen drohte, indem sie beide Seiten mit
feinsinnigen Bemerkungen gekonnt besänftigte.
Leonora hatte seine älteren Damen vollständig in
ihren Bann gezogen.
Und nicht nur sie.
Er konnte die Worte regelrecht hören.
Und war innerlich empört.
Trotzdem konnte er seinen Blick nicht abwenden.
Er stand einfach nur da und sah Leonora durch die Blumen hindurch
an.
»Ah … Mylord.«
Seine perfekt geschulten Reflexe ließen ihn
blitzschnell einen Schritt vortreten und sich umdrehen, sodass sein
Rücken dem Frühstückszimmer zugewandt war. Sie würden ihn nun zwar
sehen, doch die Bewegung würde sie glauben machen, dass er gerade
erst herangetreten war.
Er warf seinem Butler einen resignierten Blick
zu. »Ja, Havers?«
»Sie haben Besuch von einer Dame, Mylord. Einer
Miss Carling.«
»Ach! Trentham!«
Auf Ethelredas Ruf hin drehte er sich um.
Millicent stand auf und winkte ihn herbei. »Miss
Carling ist hier bei uns.«
Alle sechs strahlten ihn an. Er nickte Havers
dankend zu; dann trat er die Stufen hinunter und durchquerte den
Raum, um sich zu der Gruppe zu gesellen; er war sich nicht sicher,
ob er den Eindruck richtig deutete, aber er hatte das unbestimmte
Gefühl, dass seine alten Damen meinten, Leonora belagert, umzingelt
und gefangen gesetzt zu haben, nur um ihm damit eine besondere
Freude zu bereiten.
Leonora errötete leicht und erhob sich. »Ihre
Cousinen waren so freundlich, mir ein wenig Gesellschaft zu
leisten.« Sie suchte seinen Blick. »Ich bin hergekommen, um Ihnen
von den neuesten Entwicklungen am Montrose Place zu berichten, von
denen Sie meines Erachtens nach wissen sollten.«
»Aber selbstverständlich. Ich danke Ihnen, dass
Sie hergekommen sind. Wollen wir uns in die Bibliothek begeben,
dann können Sie mir Ihre Neuigkeiten in Ruhe berichten.« Er
streckte ihr die Hand hin; mit geneigtem Kopf reichte sie ihm ihre
Finger.
Er entriss Leonora umgehend den Meisterinnen
ihres Fachs und
nickte den bejahrten Damen zu. »Vielen Dank, dass ihr Miss Carling
so freundlich unterhalten habt.«
Er hatte keinerlei Zweifel, welche Gedanken sich
hinter den strahlenden Gesichtern verbargen.
»Oh, es war uns ein Vergnügen.«
»Ganz reizend …«
»Sie sollten öfter vorbeikommen, meine
Liebe.«
Alle lächelten und nickten überschwänglich;
Leonora lächelte dankbar zurück, dann ließ sie zu, dass er ihre
Hand auf seinen Arm legte und sie wegführte. Seite an Seite traten
sie die Stufen zum Korridor hinauf - er musste sich nicht umdrehen,
um zu wissen, dass ihnen sechs neugierige Augenpaare folgten.
Als sie die Eingangshalle durchquerten, sah
Leonora zu ihm auf. »Mir war gar nicht bewusst, dass Sie eine so
große Familie haben.«
»Habe ich auch nicht.« Er öffnete die Tür zur
Bibliothek und führte Leonora hinein. »Das ist ja gerade das
Problem. Es gibt nur sie - und mich. Und die anderen.«
Sie entzog ihm ihre Hand und drehte sich um, um
ihn anzusehen. »Die anderen?«
Er deutete auf zwei Sessel, die dem flackernden
Feuer des Kamins zugewandt waren. »Es gibt noch acht weitere von
der Sorte auf Mallingham Manor, meinem Haus in Surrey.«
Ihre Lippen zuckten; sie drehte sich um und nahm
Platz.
Sein Lächeln schwand. Er ließ sich in den
anderen Sessel ihr gegenüber sinken. »Und nun zum Punkt. Was führt
Sie her?«
Leonoras Blick wanderte zu seinem Gesicht und
fand darin alles, was sie sich von diesem Besuch erhofft hatte:
Bestätigung, Sicherheit, Kompetenz. Mit einem tiefen Atemzug lehnte
sie sich zurück und erzählte ihm alles.
Er unterbrach sie nicht; erst als sie zum Ende
gekommen war, stellte er ihr einige Fragen, um herauszufinden, wann
und wo genau sie sich beobachtet gefühlt hatte. Er stellte ihre
intuitiven Beobachtungen keine Sekunde infrage, sondern behandelte
alles, was sie sagte, als Fakten, nicht als Fantastereien.
»Und Sie sind sich sicher, dass es derselbe Mann
war?«
»Ganz sicher. Ich habe seine Bewegungen zwar nur
einen kurzen Moment lang gesehen, aber er hatte eindeutig denselben
schlaksigen Gang.« Sie hielt seinem Blick ruhig stand. »Ich bin mir
absolut sicher, dass er es war.«
Er nickte. Sein Blick löste sich von ihr,
während er sich das Gesagte durch den Kopf gehen ließ. Schließlich
sah er sie wieder an. »Ich nehme an, Sie haben Ihrem Onkel oder
Ihrem Bruder noch nichts davon erzählt?«
In gespielter Empörung zog sie die Augenbrauen
hoch. »Das habe ich durchaus.«
Als dem nichts weiter folgte, fragte er.
»Und?«
Ihr Lächeln wirkte keineswegs so unbekümmert,
wie sie es sich erhofft hatte. »Als ich ihnen erzählt habe, dass
ich mich beobachtet fühle, haben sie mir beteuert, dass dies
lediglich eine Überreaktion aufgrund der beunruhigenden Ereignisse
sei. Onkel Humphrey hat mir auf die Schulter geklopft und gesagt,
ich solle mir wegen solcherlei Dinge nicht den Kopf zerbrechen, es
gäbe keinen Grund dazu - die ganze Sache würde sich sicher bald
legen.
Und was den Mann im Garten anbelangt, da müsste
ich mich wohl geirrt haben. Eine optische Täuschung, ein Schatten
in der Abenddämmerung. Meine zu lebhafte Fantasie. Ich würde zu
viele Bücher von Mrs Radcliffe lesen. Und außerdem sei das hintere
Gartentor ja, wie Jeremy - als unverrückbare Tatsache -
feststellte, immer abgeschlossen.«
»Und ist es das?«
»Ja.« Sie sah in Trenthams haselnussbraune
Augen. »Aber die Mauern sind mit uraltem Efeu überwuchert, sodass
ein gesunder Mann problemlos drüberklettern könnte.«
»Was auch den dumpfen Aufprall erklären würde,
den Sie gehört haben.«
»Ganz genau.«
Er lehnte sich zurück. Einen Ellenbogen auf die
Armlehne seines Sessels gestützt, das Kinn in die Hand gelegt,
während sein Finger
nachdenklich gegen die Unterlippe trommelte, ließ er seinen Blick
in die Ferne gleiten. Hinter den schweren Augenlidern halb
versteckt, funkelten seine Augen hart und scharf wie zwei
Diamanten. Er hatte ihre Anwesenheit nicht vergessen, ignorierte
sie auch nicht absichtlich, er war lediglich tief in Gedanken
versunken.
Noch nie hatte sie Gelegenheit gehabt, ihn so
eingehend zu betrachten: die Kraft seines stattlichen Körpers;
seine breiten Schultern, die durch den tadellos geschneiderten
Anzug - natürlich von Shultz - ein wenig kaschiert wurden; seine
langen, schlanken und muskulösen Beine, die unter der eng
anliegenden Wildlederhose gut zu erkennen waren und in hohen,
glänzenden Kalbslederstiefeln verschwanden. Er hatte auffallend
große Füße.
Er war stets überaus elegant gekleidet, doch es
war eine schlichte Art von Eleganz; er hatte es weder nötig, noch
hielt er es offenbar für wünschenswert, das Aufsehen der Leute auf
sich zu ziehen - er schien dem vielmehr gezielt aus dem Wege zu
gehen. Selbst seine Hände - die vermutlich sein attraktivstes
Merkmal darstellten - zierte nichts als ein einfacher goldener
Siegelring.
Er hatte seinen Stil bereits erwähnt; Leonora
konnte ihn inzwischen mit ziemlicher Überzeugung als »ruhige,
elegante Stärke« beschreiben. Dieser Stil umgab ihn wie eine Aura,
die von seinem Innern ausging - nicht von seiner Kleidung oder
seinem Auftreten, sondern vielmehr von seiner Persönlichkeit -, wie
eine tief innewohnende, angeborene Eigenschaft, die aus ihm
hervorstrahlte.
Sie empfand seine subtile Stärke
überraschenderweise als überaus attraktiv. Und beruhigend.
Auf ihren Lippen lag ein Lächeln, als er sie
endlich wieder ansah. Er zog eine Braue hoch, doch sie schüttelte
nur den Kopf und sagte nichts. Ihre Blicke blieben aneinander
hängen; bequem in die Bibliothekssessel versunken, betrachteten sie
einander.
Und mit einem Mal passierte etwas.
Ein heimtückischer, erregender Nervenkitzel
durchfuhr ihren Körper, ein feiner Impuls, die Verlockung
verbotener Freuden. Hitze wallte auf; ihr Atem wurde
ungleichmäßig.
Ihre Blicke waren wie aneinandergefesselt.
Keiner rührte sich. Sie war es, die den Zauber schließlich brach.
Sie blickte ins Kaminfeuer. Und atmete tief ein. Sie ermahnte sich,
realistisch zu sein; sie waren hier in seinem Haus, in seiner
Bibliothek - er würde sie wohl kaum unter seinem eigenen Dach
verführen, während seine Bediensteten und seine Cousinen praktisch
danebenstanden.
Er setzte sich auf. »Wie sind Sie
hierhergekommen?«
»Ich bin durch den Park gegangen.« Sie sah ihn
an. »Das schien mir der sicherste Weg.«
Er nickte, stand auf. »Ich werde Sie nach Hause
fahren. Dann kann ich gleich in der Nummer zwölf
vorbeisehen.«
Sie beobachtete, wie er die Klingelschnur
betätigte und dem ehrwürdigen Butler, der sogleich erschien,
Anweisungen erteilte. Als er sich wieder zu ihr umwandte, fragte
sie: »Haben Sie irgendetwas herausfinden können?«
Er schüttelte den Kopf. »Ich habe verschiedene
Möglichkeiten geprüft. Ich wollte herausfinden, ob in letzter Zeit
irgendjemand besonderes Interesse am Montrose Place gezeigt
hat.«
»Und ist etwas dabei herausgekommen?«
»Nein.« Er sah ihr in die Augen. »Ich habe auch
nicht wirklich damit gerechnet - das wäre zu einfach
gewesen.«
Sie verzog das Gesicht. Als Havers zurückkehrte,
um ihnen zu sagen, dass die Kutsche nun bereitstünde, erhob sie
sich.
Leonora warf sich ihre Pelisse über. Während er
selbst seinen Mantel anzog und einen Diener nach seinen
Kutschhandschuhen schickte, zerbrach Tristan sich den Kopf darüber,
welche Möglichkeit er bislang übersehen, welchen Ansatz er noch
unversucht gelassen haben könnte. Er hatte eine Vielzahl ehemaliger
Dienstkollegen und einige in unterschiedlichen Funktionen tätige
Militärangehörige befragt, in der Hoffnung, irgendwelche
Informationen aufzutreiben; er war inzwischen überzeugt davon, dass
sie es am Montrose Place mit einem ganz besonderen Fall zu tun
hatten. Nirgendwo sonst in der Stadt schienen sich Banden oder auch
Einzeltäter in vergleichbarer Weise zu verhalten.
Was wiederum die Vermutung nur bestärkte, dass
ihr mysteriöser Einbrecher im Montrose Place Nummer vierzehn nach
etwas ganz Speziellem suchte.
Als sie schließlich in seinem Zweispänner zügig
den Park durchquerten, ließ er Leonora an seinen Überlegungen
teilhaben.
Sie runzelte die Stirn. »Ich habe das Personal
befragt.« Sie hob den Kopf, um sich eine Haarsträhne aus dem
Gesicht zu streichen, die sich vom Wind gelöst hatte. »Niemand kann
sich etwas vorstellen, das in unserem Haus von besonderem Wert sein
sollte.« Sie sah ihn an. »Abgesehen natürlich von dem naheliegenden
Schluss, es könne irgendetwas in der Bibliothek sein.«
Er begegnete flüchtig ihrem Blick und richtete
ihn dann zurück auf die Pferde. Nach einer kurzen Pause fragte er
sie: »Könnte es sein, dass Ihr Onkel und Ihr Bruder etwas Wichtiges
versteckt halten - eine Entdeckung vielleicht, die sie vorerst
geheim halten wollen?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich bin oft
Gastgeberin, wenn die beiden ein Dinner für ein paar Kollegen
geben. Auf ihrem Fachgebiet herrscht großer Konkurrenzkampf, doch
anstatt irgendetwas für sich zu behalten, wird vielmehr jede
allerkleinste Entdeckung so schnell und so laut es geht von den
Dächern gerufen. Quasi, um sich die Rechte daran zu sichern, wenn
Sie verstehen, was ich meine.«
Er nickte. »Das wäre also eher
unwahrscheinlich.«
»Ja, allerdings … wenn Sie mich nun gefragt
hätten, ob Humphrey und Jeremy vielleicht über etwas gestolpert
sein könnten, dessen Bedeutung sie selbst nicht erkannt haben -
oder dessen Bedeutung vielleicht schon, aber nicht dessen Wert«,
sie blickte zu ihm auf, »dann würde ich sagen, ja.«
»Na gut.« Sie waren am Montrose Place
angekommen. Vor der Nummer zwölf zügelte Tristan die Pferde. »Wir
müssen wohl davon ausgehen, dass es sich so oder zumindest so
ähnlich verhält.«
Er warf die Zügel seinem Stallburschen zu, der
hinten auf der Kutsche mitgefahren war und nun rasch nach vorne
gelaufen kam.
Tristan kletterte auf den Gehweg hinab und half Leonora
herunter.
Sie hakte sich bei ihm ein; gemeinsam
schlenderten sie hinüber zum Haus der Carlings.
Am Tor angekommen, trat Leonora einen Schritt
zurück und blickte ihn an. »Und was sollen wir Ihrer Ansicht nach
tun?«
Er sah ihr in die Augen, ohne dabei seine
übliche Maske aufzusetzen. Ein winziger Augenblick verstrich, ehe
er leise antwortete: »Ich weiß es nicht.«
Sein harter Blick hielt sie gefangen; er suchte
ihre Hand, ließ seine Finger zwischen die ihren gleiten.
Ihr Puls fing an, wie wild zu rasen.
Er führte ihre Hand nach oben und ließ seine
Lippen sanft über ihre Finger gleiten.
Sein Blick war unverwandt auf ihre Augen
gerichtet.
Seine Lippen berührten erneut ihre Haut,
verweilten, kosteten den Moment schamlos aus.
Ihr drohte schwindelig zu werden.
Er blickte sie forschend an, dann murmelte er
mit tiefer, ruhiger Stimme: »Ich muss mir das alles noch einmal
durch den Kopf gehen lassen. Ich werde mich morgen bei Ihnen
melden; dann können wir beide besprechen, wie wir weiter vorgehen
sollten.«
Ihre Haut glühte dort, wo seine Lippen sie
berührt hatten. Sie brachte ein Nicken zustande und trat zurück. Er
ließ zu, dass sie ihm ihre Finger entzog. Sie stieß das Tor auf,
trat auf die andere Seite und schloss es wieder. Durch die Stäbe
hindurch sah sie ihn an. »Also dann, bis Morgen. Auf
Wiedersehen.«
Sie drehte sich um, und mit einem heftigen
Pochen in den Adern, das ihr bis in die Fingerspitzen drang,
schritt sie den Weg zum Haus entlang.