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Die geräumige Bibliothek erstreckte sich entlang
einer ganzen Hausseite und besaß Fenster, die sowohl den vorderen
wie auch den hinteren Garten überblickten. Wenn ihr Bruder und ihr
Onkel irgendetwas von ihrer Umgebung wahrgenommen hätten, wäre
ihnen der groß gewachsene Besucher auf seinem Weg zum Haus
sicherlich ins Auge gefallen.
Leonora ging davon aus, dass dies nicht der Fall
war.
Der Anblick, der sich ihr bot, als sie die Tür
öffnete, eintrat und sie dann leise hinter sich schloss, bestätigte
ihre Vermutung.
Ihr Onkel, Sir Humphrey Carling, saß in einem
Sessel am Kamin; er hatte einen schweren Folianten auf dem Schoß,
und ein besonders starkes Vergrößerungsglas verzerrte eines seiner
blauen Augen, während er die ausgeblichenen Hieroglyphen vor ihm zu
entziffern versuchte. Er war einst ein stattlicher Mann gewesen,
doch das Alter hatte seine Schultern gebeugt, seine vormals dichte
Löwenmähne ausgedünnt und ihn seiner körperlichen Kraft beraubt.
Seinen geistigen Kräften hatten die Jahre jedoch bislang nichts
anhaben können. In Fachkreisen galt er nach wie vor als einer der
beiden führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet alter und kaum
erforschter Sprachen und deren Übersetzungen.
Sein weißer Schopf schütteren Haars, das er
trotz Leonoras wohlgemeintem Drängen etwas zu lang trug, war zu dem
dicken Buch herabgebeugt; seine Gedanken waren offenbar in …
Leonora
war sich einigermaßen sicher, dass der gegenwärtige Band von
Mesopotamien handelte.
Ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Jeremy - und
zugleich der zweite führende Wissenschaftler auf dem Gebiet
obskurer Sprachen - saß an einem nahe gelegenen Schreibtisch,
dessen Oberfläche übersät war mit Büchern, einige davon geöffnet,
andere geschlossen übereinandergestapelt. Jedes der Hausmädchen
wusste ganz genau, dass sie diesen Schreibtisch auf eigene Gefahr
berührte; trotz des vermeintlichen Chaos, das hier herrschte,
bemerkte Jeremy dies immer sofort.
Er war gerade zwölf gewesen, als er nach dem Tod
ihrer Eltern gemeinsam mit Leonora zu ihrem Onkel Humphrey gezogen
war. Sie hatten zunächst in Kent gelebt. Obwohl Humphreys Frau
damals bereits verstorben war, hatte die Familie beschlossen, dass
es für die trauernden und noch heranwachsenden Kinder das Beste
sei, wenn sie auf dem Lande groß wurden, zumal Humphrey - daran
bestand kein Zweifel - eindeutig ihr liebster Verwandter war.
Es war nicht weiter erstaunlich, dass Jeremy,
der schon immer eine Vorliebe für Bücher gehegt hatte, von
Humphreys Leidenschaft angesteckt wurde, uralte Schriften von
längst verstorbenen Menschen und toten Kulturen zu entziffern. Mit
seinen vierundzwanzig Jahren war er bereits auf dem besten Wege,
sich trotz des zunehmenden Konkurrenzkampfes auf diesem Gebiet eine
solide Nische zu schaffen. Seine Position hatte sich zudem deutlich
verbessert, als der komplette Haushalt vor sechs Jahren nach
Bloomsbury umgezogen war, um Leonora unter der Ägide ihrer Tante
Mildred, Lady Warsingham, in die Gesellschaft einzuführen.
Nichtsdestotrotz war Jeremy noch immer ihr
kleiner Bruder; sie musste ein wenig schmunzeln, als sie seine
breiten, doch feingliedrigen Schultern sowie sein wirres braunes
Haar betrachtete, das jeder Bürste zum Trotz immer zersaust aussah
- Leonora war sich sicher, dass er sich mit den Händen
hindurchfuhr, obwohl er dies beharrlich abstritt und sie ihn noch
nie dabei erwischt hatte.
Henrietta trottete quer durch den Raum und ließ
sich vor dem Kamin nieder.
Es wunderte Leonora nicht weiter, dass keiner
der beiden Männer zu ihr aufsah, als sie den Raum betrat. Ein
Hausmädchen hatte einmal auf den Fliesen vor der Bibliothek einen
silbernen Tafelaufsatz fallen lassen, und keiner der beiden hatte
irgendetwas davon mitbekommen.
»Onkel Humphrey, Jeremy, wir haben
Besuch.«
Beide schauten auf und blinzelten sie mit
demselben entrückten Gesichtsausdruck an.
»Der Earl of Trentham möchte sich gerne
vorstellen.« Sie schritt zum Sessel ihres Onkels hinüber und
wartete geduldig, bis beide in die reale Welt zurückgekehrt waren.
»Er ist einer unserer neuen Nachbarn aus Nummer zwölf.« Zwei
Augenpaare folgten ihr, beide blickten weiterhin verständnislos
drein. »Ich habe euch doch davon erzählt, dass das Nachbarhaus von
einigen Gentlemen gekauft wurde. Trentham ist einer von ihnen.
Soweit ich weiß, ist er derjenige, der die Renovierungsarbeiten
überwacht.«
»Ah … verstehe.« Humphrey schlug das Buch zu und
legte es mitsamt dem Vergrößerungsglas beiseite. »Nett, dass er
sich uns vorstellt.«
Während sie hinter den Sessel ihres Onkels trat,
bemerkte sie den verwirrten Ausdruck in Jeremys braunen Augen -
nicht haselnussbraun, sondern schlicht dunkelbraun. Nicht
durchdringend scharf, sondern angenehm beruhigend.
Ganz im Gegensatz zu denen des Gentlemans, der
in diesem Moment hinter Castor den Raum betrat.
»Der Earl of Trentham.«
Mit dieser Ankündigung verneigte sich Castor und
verließ den Raum, die Tür wieder hinter sich schließend.
Trentham war an der Tür stehen geblieben und
studierte die Herrschaften im Raum; sobald die Tür ins Schloss
fiel, breitete sich ein gewinnendes Lächeln über sein Gesicht. Mit
dieser charmanten Maske trat er auf die Gruppe beim Kamin zu.
Leonora zögerte, sie fühlte sich plötzlich
unsicher.
Trenthams Blick wanderte zu ihrem Gesicht,
verweilte einen Moment dort … Dann sah er Humphrey an.
Dieser stützte sich auf die Armlehnen seines
Sessels und versuchte mit sichtlicher Mühe, sich zu erheben.
Leonora eilte ihm zu Hilfe.
»Bitte machen Sie sich keine Umstände, Sir
Humphrey.« Mit einer anmutigen Geste bedeutete Trentham ihm, sitzen
zu bleiben. »Ich danke Ihnen, dass Sie sich die Zeit nehmen, mich
zu empfangen.« Er erwiderte Humphreys formelles Nicken mit einer
Verneigung. »Ich kam zufällig vorbei und hoffte, sie würden mir die
Formlosigkeit meines Besuches nachsehen, da wir schließlich in
Zukunft Nachbarn sein werden.«
»Durchaus, durchaus. Hocherfreut, Ihre
Bekanntschaft zu machen. Wie ich hörte, lassen Sie einiges im Haus
verändern, ehe Sie dort einziehen?«
»Lediglich einige kosmetische Änderungen, um das
Haus noch wohnlicher zu gestalten.«
Humphrey wies mit der Hand auf Jeremy. »Darf ich
Ihnen meinen Neffen vorstellen. Jeremy Carling.«
Jeremy, der sich erhoben hatte, ergriff über den
Schreibtisch hinweg Trenthams Hand. Zunächst aus reiner
Höflichkeit, doch als sein Blick sich mit Trenthams kreuzte,
weiteten sich seine Augen in plötzlichem Interesse. »Ach! Sie sind
beim Militär, richtig?«
Leonora starrte Trentham an. Wie hatte sie das
nur übersehen können? Allein seine Haltung hätte sie bereits darauf
stoßen müssen, aber zusammen mit der leichten Bräune, den harten
Händen …
Ihr Selbsterhaltungstrieb meldete sich zu Wort;
sie trat innerlich einen deutlichen Schritt zurück.
»Ich war beim Militär.«
Jeremys erwartungsvoller Miene gehorchend, fuhr er fort: »Ich war
Major bei der Garde.«
»Sie sind demnach ausgeschieden?« Jeremys
Interesse an den jüngsten militärischen Entwicklungen gefiel
Leonora ganz und gar nicht.
»Wie so viele nach Waterloo.«
»Sind Ihre Freunde auch ehemalige
Gardeoffiziere?«
»Das sind sie in der Tat.« Mit einem Blick zu
Humphrey setzte Trentham hinzu: »Das ist auch der Grund, weshalb
wir das Haus nebenan gekauft haben. Wir suchten einen etwas
zurückgezogeneren Ort als unsere übrigen Klubs. Wir sind das
lebhafte Stadtleben nicht mehr gewöhnt.«
»Oh, das kann ich mir gut vorstellen.« Humphrey,
der dem gesellschaftlichen Treiben nie viel hatte abgewinnen
können, nickte mitfühlend. »Wenn Sie Ruhe und Frieden suchen, haben
Sie sich den besten Winkel Londons ausgesucht.«
Er drehte sich zu Leonora um und lächelte.
»Jetzt hätte ich dich ja beinahe vergessen, meine Liebe.« Er wandte
sich wieder Trentham zu. »Meine Nichte. Leonora.«
Sie knickste.
Trenthams Blick blieb auf ihr haften, während er
sich verneigte. »Ich hatte vor dem Haus bereits das Vergnügen, auf
Miss Carling zu stoßen.«
Auf sie zu stoßen? Sie
schaltete sich rasch ein, bevor Humphrey oder Jeremy auf seltsame
Gedanken kommen konnte. »Lord Trentham war gerade im Begriff zu
gehen, als ich aus dem Haus kam. Er war so freundlich, sich
vorzustellen.«
Ihre Blicke kreuzten sich kurz, aber direkt. Sie
sah auf Humphrey hinab. Ihr Onkel musterte Trentham eingehend; das
Ergebnis schien ihm zuzusagen. Er wies auf eine kleine
Chaiselongue, die auf der anderen Seite des Kamins stand. »Aber
bitte setzen Sie sich doch.«
Trentham sah Leonora an und deutete auf das
Sitzmöbel. »Miss Carling.«
Die Chaiselongue bot Platz für zwei. Ansonsten
gab es keine weiteren Sitzgelegenheiten im Raum; sie würde sich
neben ihn setzen müssen. Sie erwiderte seinen Blick. »Darf ich den
Herren einen Tee bestellen?«
Sein Lächeln hatte etwas von Überlegenheit. »Oh,
bitte nicht meinetwegen.«
»Meinetwegen auch nicht«, sagte Humphrey.
Jeremy schüttelte lediglich den Kopf und setzte
sich wieder hin.
Sie atmete tief ein, schritt mit hocherhobenem
Haupt um den Sessel herum und entschied sich für das hintere Ende
der Chaiselongue, welches dem Kamin - einschließlich seines
zottigen Vorlegers namens Henrietta - zugewandt war. Der Etikette
entsprechend wartete Trentham ab, bis sie sich gesetzt hatte, und
nahm dann neben ihr Platz.
Er kam ihr keineswegs absichtlich zu nahe; das
war gar nicht nötig. Die Kürze des Sitzmöbels bewirkte, dass seine
Schulter die ihre leicht berührte.
Ihr Atem verkrampfte sich; jähe Wärme breitete
sich von dem Punkt ihrer Berührung ausgehend allmählich über ihren
ganzen Körper.
»Wie ich hörte«, sagte Trentham, nachdem er
seine langen Beine elegant vor sich ausgestreckt hatte, »zeigte
jemand reges Interesse daran, Ihr Haus zu kaufen.«
Humphrey neigte den Kopf; sein Blick wanderte zu
Leonora.
Sie setzte ein unschuldiges Lächeln auf und
vollführte eine vage Handbewegung. »Lord Trentham war gerade auf
dem Weg zu Stolemore … Ich erwähnte lediglich, dass wir ebenfalls
das Vergnügen hatten.«
Humphrey schnaubte verächtlich. »Und ob! Dieser
vermaledeite Holzkopf. Es wollte einfach nicht in seinen Kopf
hineingehen, dass wir nicht an einem Verkauf interessiert sind. Zum
Glück hat Leonora ihn letzten Endes doch noch davon überzeugen
können.«
Diese letzte Bemerkung war auffällig vage
gehalten; Tristans Einschätzung nach hatte Sir Humphrey nicht die
geringste Ahnung, wie zudringlich Stolemore
tatsächlich geworden war und wie viel Mühe es Leonora gekostet
hatte, den Makler endlich loszuwerden.
Sein Blick wanderte über die Bücherstapel auf
Jeremys Schreibtisch, dann über die nicht weniger zahlreichen
Bücher um Sir Humphreys Sessel und über das wilde Durcheinander von
Zetteln
und Notizen - all dies zeugte eindrucksvoll von einem typischen
Wissenschaftlerdasein … und von wissenschaftlicher
Weltfremdheit.
»Nun.« Jeremy lehnte sich vor, seine Arme auf
ein offenes Buch gestützt. »Sie sind also bei Waterloo dabei
gewesen?«
»Am Rande.« Sogar sehr weit am Rande. Nämlich
jenseits der feindlichen Linie. »Der Feldzug war sehr breit
angelegt.«
Mit leuchtenden Augen fragte und forschte Jeremy
beharrlich weiter. Tristan war es längst gewohnt, die üblichen
Fragen zufriedenstellend zu beantworten, ohne dabei ins Straucheln
zu geraten, und zugleich den Eindruck zu erwecken, er wäre ein ganz
gewöhnlicher Offizier gewesen, obwohl die Wahrheit eine ganz andere
war.
»Die alliierten Truppen haben verdient gesiegt,
die Franzosen verdient verloren. Wir waren ihnen in Strategie und
Engagement deutlich überlegen, und dies hat sich am Ende
ausgezahlt.«
Auch wenn sie diesen Sieg nichtsdestoweniger
viel zu teuer bezahlt hatten. Er warf einen kurzen Blick auf
Leonora; sie starrte ins Feuer, hielt sich offenbar absichtlich aus
der Unterhaltung heraus. Ihm war bewusst, dass umsichtige Mütter
ihre Töchter ausdrücklich vor Männern vom Militär warnten. In ihrem
Alter hatte sie die üblichen Geschichten sicherlich alle längst
gehört; demnach hätte es ihn nicht wundern sollen, dass sie sich so
steif und unnahbar präsentierte.
Allerdings … »Wie ich hörte«, er wandte seine
Aufmerksamkeit wieder Sir Humphrey zu, »hat es hier in der
Nachbarschaft einige Zwischenfälle gegeben.« Beide Männer sahen ihn
verständnislos an - trotz ihres offenkundigen Scharfsinns hatten
sie nicht die geringste Ahnung, worauf er hinauswollte. Er musste
etwas deutlicher werden. »Versuchte Einbrüche, soweit ich
weiß.«
»Ach so.« Jeremy tat die Vorfälle mit einem
Lächeln ab. »Davon sprechen Sie. Wenn Sie mich fragen, nichts
weiter als ein Möchtegern-Einbrecher, der einmal sein Glück
versuchen wollte. Beim ersten
Mal war das Personal noch im Dienst. Sie haben ihn zwar gehört und
einen flüchtigen Blick erhascht, aber dann hat er schleunigst das
Weite gesucht.«
»Das zweite Mal«, ergriff Sir Humphrey das Wort,
»hat Henrietta Alarm geschlagen. Wir können nicht einmal sicher
sein, ob wirklich jemand da war, stimmt’s, altes Mädchen?« Mit
seiner Schuhspitze kraulte er den dösenden Hund am Kopf. »Hat
vielleicht nur ein bisschen überreagiert - wer weiß schon, warum -,
sie hat jedenfalls das ganze Haus in Aufruhr versetzt, das kann ich
Ihnen sagen.«
Tristans Blick wanderte von dem friedfertigen
Tier hinauf zu Leonoras Gesicht; mühelos deutete er ihre
zusammengepressten Lippen, ihre verschlossenen, ausdruckslosen
Züge. Sie hielt die Hände im Schoß verschränkt und machte keinerlei
Anstalten, die Worte ihres Onkels zu kommentieren.
Der Anstand verbot es ihr, in Tristans Gegenwart
- der Gegenwart eines Fremden - mit ihrem Onkel oder ihrem Bruder
zu streiten. Vielleicht hatte sie es auch einfach aufgegeben, deren
weltfremdes Zuversichtsdenken erschüttern zu wollen.
»Wie auch immer«, fuhr Jeremy fröhlich fort,
»dieser sogenannte Einbrecher ist jedenfalls längst verschwunden.
Nun herrscht des Nachts wieder Totenstille.«
Tristan sah ihn an und kam zu dem Schluss, dass
Leonora mit ihrer Haltung wohl recht hatte. Es bedurfte weit mehr
als eines vagen Verdachts, ehe Sir Humphrey und Jeremy seine
Warnung ernst nehmen würden; er entschloss sich daher, die letzten
Minuten seines Besuches verstreichen zu lassen, ohne den
Zwischenfall bei Stolemore zu erwähnen.
Die Unterhaltung näherte sich ihrem natürlichen
Ende, und Tristan erhob sich. Er verabschiedete sich höflich und
blickte Leonora in die Augen. Sie und Jeremy waren beide
aufgestanden, doch Tristan wollte dringend ein Wörtchen mit
ihr sprechen. Und zwar allein.
Er ließ seinen Blick andauern, ohne die Stille
zu durchbrechen;
ihr stummer Widerstand war offensichtlich - zumindest für ihn -,
doch ihre Kapitulation kam zügig genug, um ihren Onkel und ihren
Bruder von dem stummen Kampf, der sich geradewegs vor ihren Augen
abspielte, nichts ahnen zu lassen.
»Ich werde Lord Trentham hinausgeleiten.« Der
Blick, der ihren übermäßig entschiedenen Worten folgte, war
eisig.
Weder Sir Humphrey noch Jeremy bemerkte
irgendetwas.
Als Tristan sich mit einem anmutigen Nicken
abwandte, konnte er den Augen der beiden Herren ansehen, dass sie
sich bereits wieder auf halbem Weg in jene ferne Welt befanden, in
der sie sich derzeit zu Hause fühlten.
Ihm wurde zunehmend klarer, wer in diesem Hause tatsächlich das Ruder in der
Hand hielt.
Leonora öffnete die Tür und führte Trentham in
die Eingangshalle. Henrietta hob den Kopf, entschloss sich aber, am
Kamin liegen zu bleiben. Dass der Hund sie ausgerechnet jetzt so
sträflich im Stich ließ, verwunderte Leonora, aber sie hatte
keinerlei Gelegenheit, darüber nachzusinnen; sie musste einen
herrschsüchtigen Earl hinauskomplimentieren.
In kühles Schweigen gehüllt, schwebte sie
hinüber zur Haustür und blieb kurz davor stehen; Castor schob sich
unauffällig an ihr vorbei, bereit, die Tür zu öffnen. Mit
hocherhobenem Kinn blickte sie in Trenthams haselnussbraune Augen.
»Vielen Dank für Ihren Besuch, Lord Trentham. Ich wünsche Ihnen
einen angenehmen Tag.«
In seinem Lächeln spiegelte sich noch etwas
anderes als sein üblicher Charme. Er streckte ihr die Hand
hin.
Sie zögerte; er wartete geduldig ab … bis ihr
der Anstand gebot, ihm ihre Finger auszuliefern.
Sein fragwürdiges Lächeln wurde breiter, während
sich seine Hand fest um die ihre schloss. »Wenn Sie erlauben, würde
ich Ihre Aufmerksamkeit gerne noch für ein paar Minuten in Anspruch
nehmen.«
Sein Blick hinter den schweren Augenlidern war
scharf und
durchdringend. Er würde sie nicht eher loslassen, als bis sie
seinem Wunsch nachgab. Sie bemühte sich, ihre Finger zu befreien;
doch sein Griff wurde nur noch fester. Sie könnte und würde ihm
ihre Hand erst dann entziehen, wenn er es zuließe.
Wut kochte in ihr hoch; sie ließ ihre Entrüstung
- wie können Sie es nur wagen? - in ihren
Augen aufblitzen.
Seine Mundwinkel zuckten. »Ich habe Neuigkeiten,
die Sie gewiss interessieren dürften.«
Sie rang einen Moment lang mit sich selbst und
sagte schließlich, in der Überzeugung sich andernfalls nur ins
eigene Fleisch zu schneiden, an Castor gewandt. »Ich werde Lord
Trentham noch bis zum Tor begleiten. Lassen Sie die Tür einfach
angelehnt.«
Castor verneigte sich und zog die Tür weit auf.
Sie gestattete Trentham, sie hinauszuführen. Am Kopf der
Eingangstreppe blieb er stehen. Die Tür hinter ihnen wurde
angelehnt. Er gab Leonoras Arm frei und warf einen Blick über seine
Schulter; dann sah er sie an und wies auf den Garten.
»Sie haben einen eindrucksvollen Garten. Wer hat
ihn angelegt und warum?«
Sie nahm an, dass es ihm aus irgendeinem Grund
lieber war, wenn niemand ihre Unterhaltung mithörte, daher trat sie
an seiner Seite die Stufen hinunter. »Ein entfernter Cousin, Cedric
Carling. Er war ein renommierter Botaniker.«
»Und womit beschäftigen sich Ihr Onkel und Ihr
Bruder?« Sie erzählte es ihm, während sie den geschwungenen Weg zum
Eingangstor hinunterschritten.
Er sah sie mit hochgezogenen Brauen an. »Sie
stammen aus einer Familie mit höchst ausgefallenen Leidenschaften.«
Seine hellbraunen Augen musterten sie neugierig. »Und was ist
Ihre Spezialität?«
Sie hob den Kopf und blieb stehen. Ihr Blick war
direkt auf ihn gerichtet. »Sie sagten, Sie hätten mir etwas
mitzuteilen, was für mich von Interesse sein könnte?«
Ihr Tonfall war mehr als eisig. Er lächelte -
ausnahmsweise einmal
weder charmant noch tückisch. Diese überraschend angenehme Geste
ließ sie auftauen, sie schmelzen …
Sie versuchte ihre Reaktion zu unterdrücken und
hielt seinem Blick stand; sie beobachtete, wie seine scheinbare
Leichtfertigkeit einer tiefen Ernsthaftigkeit wich.
»Ich habe Stolemore getroffen. Er war kurz zuvor
übel zusammengeschlagen worden. Wenn ich seine Anspielungen richtig
gedeutet habe, war dies die Strafe dafür, dass er seinem
mysteriösen Kunden das Haus Ihres Onkels nicht beschaffen
konnte.«
Die Nachricht erschütterte sie mehr, als sie es
sich selbst eingestehen mochte. »Hat er irgendetwas gesagt, wer
…?«
Trentham schüttelte den Kopf. »Nichts.« Sein
Blick suchte bewusst den ihren; seine Lippen waren angespannt. Nach
einer kurzen Pause fuhr er leise fort: »Ich möchte Sie
warnen.«
Sie versuchte, seinen Ausdruck zu deuten.
»Wovor?« Sie musste sich zu der Frage regelrecht zwingen.
Seine Gesichtszüge wirkten erneut wie in Stein
gemeißelt.
»Im Gegensatz zu Ihrem Onkel oder Ihrem Bruder
bin ich nicht davon überzeugt, dass Ihr Einbrecher bereits
aufgegeben hat.«
Er hatte alles getan, was in seiner Macht stand;
eigentlich hatte er nicht einmal so weit gehen wollen. Im Grunde
hatte er kein Recht dazu. Angesichts der ungewöhnlichen
Verhältnisse im Hause Carling war er gewiss besser beraten, sich
nicht einzumischen.
Am nächsten Morgen saß Tristan am Kopfende des
Tisches im Frühstückszimmer von Trentham House und überflog müßig
die Zeitung, während er mit einem Ohr dem Geplauder von drei seiner
insgesamt sechs ältlichen Mitbewohnerinnen lauschte, die sich auf
Tee und Toast zu ihm gesellt hatten. Die meiste Zeit hielt er den
Kopf gesenkt.
Ihm war durchaus bewusst, dass er sich
allmählich auf das gesellschaftliche Schlachtfeld begeben und nach
einer geeigneten Ehefrau Ausschau halten sollte, doch fehlte ihm
bislang jeglicher Enthusiasmus. Natürlich lauerten seine werten
Damen begierig auf
den allerkleinsten Hinweis, dass er womöglich ihre Hilfe in
Anspruch nehmen wollte.
Es hatte ihn bereits positiv überrascht, dass
seine alten Damen immerhin so viel Taktgefühl besaßen, ihm ihre
Hilfe nicht geradezu aufzudrängen; er hoffte inständig, dass sie
diesem Grundsatz auch weiterhin treu bleiben würden.
»Reiche mir doch bitte einmal die
Orangenmarmelade, Millicent. Habt ihr schon gehört … Lady
Warrington hat sich tatsächlich eine Kopie ihres Rubincolliers
anfertigen lassen.«
»Eine Kopie? Grundgütiger! Bist du dir da
sicher?«
»Cynthia Cunningham hat mir davon erzählt. Sie
hat mir versichert, dass es stimmt.«
Der Klang ihrer empörten Stimmen drang
allmählich in den Hintergrund, während Tristan seine Gedanken den
Ereignissen des Vortages zuwandte.
Es war eigentlich nicht seine Absicht gewesen,
nach seinem Besuch bei Stolemore noch einmal zum Montrose Place
zurückzukehren. Tief in Gedanken versunken, hatte er die Motcomb
Street hinter sich gelassen, und ehe er sichs versah, hatte er am
Montrose Place vor dem Haus der Carlings gestanden. Er war seinem
Instinkt gefolgt und hineingegangen.
Alles in allem hatte er den spontanen Entschluss
nicht bereut. Leonora Carlings Gesichtsausdruck, als er ihr von
seinem Verdacht erzählt hatte, war ihm noch lange, nachdem er
gegangen war, im Gedächtnis geblieben.
»Habt ihr gesehen, wie Mrs Levacombe Lord Mott
neulich schöne Augen gemacht hat?«
Er hielt sich die Zeitung vors Gesicht.
Es hatte ihn beinahe selbst erschrocken, wie
vorbehaltlos er dazu bereit gewesen wäre, Stolemore die notwendigen
Informationen notfalls mit Gewalt zu entlocken. Natürlich hatte ihn
seine jahrelange Erfahrung gelehrt, bei der Beschaffung wichtiger
Informationen absolut schonungslos vorzugehen. Erschreckend war
eher die Tatsache, dass aufgrund einer verqueren Vorstellung
Informationen,
die Leonora Carlings Sicherheit betrafen, urplötzlich den Status
»wichtig« angenommen hatten. Bislang war nur König und Vaterland
dieses Privileg zuteilgeworden.
Doch nun hatte er alles getan, was ihm
rechtmäßigerweise zustand. Er hatte Leonora gewarnt. Vielleicht lag
ihr Bruder ja sogar richtig, und der Einbrecher war bereits ein für
alle Mal verschwunden.
»Mylord, der Baumeister vom Montrose Place hat
einen Jungen gesandt, um Ihnen eine Nachricht zu
überbringen.«
Tristan sah seinen Butler Havers an, der nahe an
ihn herangetreten war. Das muntere Geplauder verebbte; Tristan
überlegte kurz, zuckte dann mit den Schultern. »Wie lautet die
Nachricht?«
»Der Baumeister vermutet, dass sich jemand am
Hause zu schaffen gemacht hat. Nichts Großartiges, aber es wäre ihm
recht, wenn Sie einen kurzen Blick darauf werfen könnten, bevor er
den Schaden reparieren lässt.« Havers’ stummer Blick besagte, dass
die Originalnachricht etwas besorgniserregender geklungen hatte.
»Der Junge wartet noch in der Eingangshalle, für den Fall, dass sie
ihm eine Antwort mit auf den Weg geben möchten.«
Sein Instinkt schlug Alarm; einer düsteren
Vorahnung folgend, warf er seine Serviette auf den Tisch und stand
auf. Er nickte den drei älteren Damen - Ethelreda, Millicent und
Flora, allesamt entfernte Cousinen - freundlich zu. »Wenn die Damen
mich entschuldigen würden. Die Pflicht ruft.«
Er kehrte der bedeutungsschwangeren Stille im
Raum den Rücken und ließ die Damen mit ihrer Neugier zurück.
Sobald er den Korridor betreten hatte, brach
hinter ihm aufgeregtes Getuschel aus.
In der Eingangshalle warf er sich rasch den
Paletot über und griff nach seinen Handschuhen. Er nickte dem
ehrfürchtig staunenden Tischlerjungen zu, der in den Anblick des
reich geschmückten Flurs versunken war, und trat durch die von
einem Diener offen gehaltene Eingangstür nach draußen.
Raschen Schrittes ging er die Treppen hinunter
und betrat
die Green Street; den Jungen im Schlepptau eilte er in Richtung
Montrose Place.
»Sehen Sie, was ich meine?«
Tristan nickte. Er und Billings standen vor der
Rückseite des Hauses Nummer zwölf. Tristan hatte sich
hinuntergebeugt, um den leicht zerkratzten Fensterriegel des
Gebäudes zu inspizieren, welches in den nächsten Tagen ihren
Bastion-Klub beherbergen sollte. Und dies war nur eine der Stellen,
an denen man sich »zu schaffen gemacht« hatte. »Ihr Geselle hat
einen scharfen Blick.«
»Durchaus. Und ihm ist noch etwas anderes
aufgefallen. Werkzeug, das wir für gewöhnlich offen liegen lassen,
war nicht mehr an seinem Platz.«
»Aha?« Tristan richtete sich auf. »Und
wo?«
Billings wies nach drinnen. Gemeinsam
durchquerten sie die Küche. Schweren Schritts betrat Billings einen
kurzen dunklen Korridor und führte Tristan zu einer Seitentür; er
deutete auf den Boden. »Hier lassen wir unser Zeug über Nacht immer
liegen - gut geschützt vor neugierigen Blicken.«
Die Arbeiter hatten ihr Tagwerk bereits
begonnen; klopfende Geräusche und ein kontinuierliches Kratzen
drang von den oberen Stockwerken zu ihnen herab. Nur ein paar
vereinzelte Werkzeuge lagen noch vor der Tür, aber die fehlenden
Gerätschaften hatten im feinen Staub deutliche Spuren
hinterlassen.
Ebenso wie die Schuhsohle eines Mannes, die nahe
der Wand einen Abdruck hinterlassen hatte.
Tristan hockte sich nieder. Ein genauerer Blick
bestätigte seine Vermutung: Der Abdruck stammte von der Ledersohle
eines feinen Herrenschuhs, nicht von dem schweren Stiefel eines
Arbeiters.
Der einzige feine Herr, der in letzter Zeit
dieses Haus betreten hatte, insbesondere seit das feine Sägemehl
hier herabgerieselt war, war er selbst gewesen; und er war nie auch
nur in die Nähe dieser Tür gekommen. Zudem war der Fußabdruck zu
klein; es war eindeutig der eines Mannes, doch gewiss nicht sein
eigener. Er stand
auf und warf einen Blick zur Tür. Ein schwerer Schlüssel steckte
im Schloss. Tristan zog ihn heraus, drehte sich um und trat zurück
in die Küche, wo ausreichend Tageslicht durch die Fenster
hereinfiel.
Am Schlüsselschaft wie auch an dessen Bart
klebten verräterische Spuren von Wachs.
Billings trat an Tristans Seite; ein Verdacht
verdunkelte seine Züge. »Ein Abdruck?«
Tristan brummte zustimmend. »Sieht ganz danach
aus.«
»Ich werde einen Satz neuer Schlösser ordern.«
Billings Stimme klang äußerst aufgebracht. »So was ist mir noch nie
untergekommen.«
Tristan drehte den Schlüssel zwischen seinen
Fingern hin und her. »Ja, bestellen Sie neue Schlösser. Aber bauen
Sie sie erst ein, wenn ich es Ihnen sage.«
Billings blickte ihn kurz an, nickte dann.
»Jawohl, Mylord. Wird erledigt.« Er hielt kurz inne, fuhr dann
fort. »Der zweite Stock ist fertig, wenn Sie mal einen Blick
draufwerfen wollen?«
Tristan sah auf. Nickte. »Ich werde den hier nur
rasch wieder an seinen Platz zurückbringen.«
Er steckte den Schlüssel zurück ins Schloss,
sorgfältig darauf bedacht, ihn wie zuvor gerade auszurichten,
sodass man von außen problemlos einen zweiten Schlüssel
hineinstecken konnte. Er gab Billings ein Zeichen voranzugehen und
folgte ihm die Küchentreppe hinauf ins Erdgeschoss. Hier waren die
Arbeiter gerade damit beschäftigt, dem behaglichen Salon und dem
gemütlichen Speisezimmer mit etwas Farbe und Politur den
abschließenden Glanz zu verleihen. Die einzigen Räume, die sonst
noch auf dieser Etage lagen, waren ein kleines Empfangszimmer beim
Eingang, das die Klubmitglieder für eventuelle Gespräche mit Damen
auserkoren hatten, deren Bekanntschaft sie wohl oder übel würden
machen müssen, des Weiteren ein kleines Büro, das als Pförtnerloge
dienen sollte, sowie ein etwas größeres Büro im hinteren Teil des
Hauses, das für den Majordomus vorgesehen war.
Tristan folgte Billings die Treppe hinauf und
blieb im ersten
Stock kurz stehen, um den Männern beim Streichen und Polieren der
Bibliothek und des Versammlungszimmers zuzusehen. Dann gingen sie
weiter hinauf in den zweiten Stock, wo die Schlafzimmer
untergebracht waren. Billings zeigte ihm alle drei Räume und wies
auf außergewöhnliche Details und Sonderanfertigungen hin, die sie
den speziellen Wünschen der Herren gemäß umgesetzt hatten. Alles
war absolut einwandfrei.
Die Zimmer rochen neu. Frisch und rein, aber
zugleich robust und solide. Trotz der winterlichen Kälte war von
der Feuchtigkeit, die draußen herrschte, nichts zu spüren.
»Ausgezeichnet.« Im größten Schlafzimmer des
Hauses, direkt über der Bibliothek, suchte Tristan gezielt Billings
Blick. »Wir werden Sie und Ihre Männer weiterempfehlen.«
Billings neigte den Kopf und nahm das Lob mit
dem natürlichen Stolz eines Handwerkers an.
»Nun.« Tristan wandte sich dem Fenster zu; genau
wie das Bibliotheksfenster bot es einen hervorragenden Ausblick auf
den Garten der Carlings. »Wie lange wird es noch dauern, bis die
Personalräume bezugsfertig sind? Angesichts unseres nächtlichen
Besuchers möchte ich das Haus gerne sobald wie möglich bewohnt
wissen.«
Billings überlegte. »Die Mansardenzimmer sind so
gut wie fertig. Das könnten wir morgen Abend erledigt haben. Küche
und Untergeschoss werden wohl noch ein, zwei Tage länger in
Anspruch nehmen.«
Den Blick auf Leonora gerichtet, die in
Begleitung ihres Hundes durch den Garten schlenderte, nickte
Tristan zustimmend. »Das ist vollkommen ausreichend. Ich werde
unserem künftigen Majordomus Bescheid geben; er wird morgen
Nachmittag hier eintreffen. Seine Name ist Gasthorpe.«
»Mr Billings!«
Die Stimme kam von unten. Billings drehte sich
um. »Wenn das alles wäre, Mylord, würde ich mich nun wieder meinen
Pflichten zuwenden.«
»Danke, durchaus. Soweit ich sehe, ist alles zu
unserer vollsten Zufriedenheit ausgeführt. Ich werde allein
hinausgehen.« Tristan entließ den Mann mit einem Nicken; Billings
neigte respektvoll den Kopf und entfernte sich.
Die Minuten verstrichen. Tristan blieb am
Fenster stehen, die Hände in die Taschen seines Mantels vergraben,
und beobachtete die anmutige Frauengestalt, die weit unter ihm
durch den Garten schwebte. Er fragte sich, warum - aus welchem
obskuren Grund - er das eigentlich tat, was er gerade im Begriff
war zu tun. Er konnte seine äußeren Beweggründe durchaus benennen,
aber waren es wirklich diese logischen Gründe, die sein Handeln
motivierten? Oder lagen die wahren Gründe nicht vielmehr
woanders?
Er sah, wie der große Jagdhund sich fest an
Leonoras Seite drückte; beobachtete, wie sie auf ihn hinuntersah,
um seinen riesigen Kopf zu streicheln, während der Hund zugleich in
ehrfürchtiger Bewunderung zu ihr aufschaute.
Tristan wandte sich schnaubend ab; mit einem
letzten Blick über die Schulter ging er zur Treppe.
»Guten Morgen.« Er schenkte dem alten Butler
sein einnehmendstes Lächeln, gespickt mit einem verschwörerischen
Ausdruck männlichen Mitgefühls hinsichtlich der Launen des
weiblichen Geschlechts. »Ich wünsche Miss Carling zu sprechen. Wie
ich sehe, ist sie im Garten - ich werde ihr ein wenig Gesellschaft
leisten.«
Sein Titel, sein Auftreten und nicht zuletzt der
exquisite Schnitt seines Mantels - ganz zu schweigen von seiner
schamlosen Dreistigkeit - erzielten unweigerlich die gewünschte
Wirkung; der Butler zeigte nicht mehr als ein flüchtiges Zögern,
bevor er zustimmend den Kopf neigte. »Wie Sie wünschen, Mylord.
Wenn Sie mir bitte folgen würden?«
Dem älteren Mann folgend, durchquerte er zuerst
die Eingangshalle und dann einen gemütlichen Salon. Im Kamin
knisterte ein lebhaftes Feuer; auf einem kleinen Beistelltisch lag
eine gerade erst begonnene Stickarbeit.
Der Butler deutete auf die Verandatür. »Wenn Sie
hinaustreten möchten?«
Mit einem Nicken betrat Tristan die kleine, mit
Steinen befestigte Terrasse, an welche sich die Rasenfläche
anschloss. Er schritt die Stufen hinunter, ging ums Haus herum und
fand Leonora, wie sie gerade am anderen Ende des großen Rasens die
Blüten einer Pflanze untersuchte. Sie hatte ihm den Rücken
zugekehrt. Tristan ging zielstrebig auf sie zu; als er sich ihr
näherte, nahm der Hund seine Witterung auf und wandte ihm den Kopf
zu, Tristans Absichten aufmerksam einschätzend.
Der Rasen verhinderte, dass Leonora seine
Schritte hörte. Aus einigen Metern Entfernung sprach Tristan sie
an. »Guten Morgen, Miss Carling.«
Sie schnellte herum. Überrascht starrte sie ihn
an und warf dann einen - fast vorwurfsvollen - Blick zum
Haus.
Er unterdrückte ein Lächeln. »Ihr Butler war so
freundlich, mir den Weg zu weisen.«
»Tatsächlich? Und was verschafft mir die
Ehre?«
Bevor er ihre kühle und eindeutig bissige Frage
beantwortete, hielt er der Hündin seine Hand hin; sie inspizierte
und akzeptierte seinen Geruch und stupste schließlich den Kopf
auffordernd in seine Handfläche, in der Hoffnung, ihn zu einigen
Streicheleinheiten zu bewegen. Tristan gab ihrer Aufforderung nach
und wandte sich dann der weniger fügsamen Dame ihm gegenüber zu.
»Gehe ich recht in der Annahme, dass Ihr Onkel und Ihr Bruder trotz
der wiederholten Einbruchsversuche von keiner andauernden Bedrohung
ausgehen?«
Sie zögerte einen Augenblick. Ihr
Gesichtsausdruck war skeptisch. Er vergrub die Hände in den Taschen
seines Paletots; sie hatte ihm ihre Hand nicht angeboten, und er
war keineswegs dumm genug, sein Glück herauszufordern. Er
betrachtete ihr Gesicht aufmerksam. Als sie weiterhin beharrlich
schwieg, murmelte er: »Ihre Loyalität ehrt Sie, doch in diesem
Falle mag Ihre Haltung nicht die klügste sein. Meiner Einschätzung
nach geht hier ein planvolles
Handeln vor sich, auf welches die versuchten Einbrüche lediglich
einen Hinweis liefern. Es handelt sich keineswegs um voneinander
unabhängige Einzeltaten, sondern um verschiedene Vorfälle eines
fortlaufenden Geschehens.«
Sein Vortrag zeigte Wirkung; Tristan
beobachtete, wie sich vor ihrem geistigen Auge Zusammenhänge
bildeten.
»Ich nehme an, es hat bereits weitere Vorfälle
gegeben, und ich bin mir relativ sicher, dass es noch nicht die
letzten waren.« Er hatte keineswegs vergessen, dass sie ihm etwas
vorenthielt - dass neben den versuchten Einbrüchen noch andere
Dinge vorgefallen sein mussten. Aber er wollte sie nicht drängen;
ihm war klar, dass er bei ihr mit Zwang oder Drohungen nichts
erreichte. Zwar hatte er mit beiden Techniken reichlich Erfahrung,
doch bei gewissen Personen blieben sie vollkommen wirkungslos.
Darüber hinaus legte er großen Wert auf ihre Zusammenarbeit, auf
ihr Vertrauen.
Solange er nicht beides besaß, würden ihm
womöglich wichtige Informationen vorenthalten bleiben. Und er würde
die Bedrohung, die über ihr schwebte, nicht aus dem Weg räumen
können.
Leonora hielt seinem Blick stand; sie rief sich
in Erinnerung, dass man Männern vom Militär nicht über den Weg
trauen konnte. Nicht einmal ehemaligen, denn sie waren eindeutig
vom selben Schlag. Sie waren allesamt unzuverlässig, sowohl was
ihre Aussagen und, schlimmer noch, was ihre Versprechungen
anbelangte. Aber warum war er dann überhaupt hergekommen? Was hatte
ihn zu diesem neuerlichen Besuch bewogen? Sie neigte den Kopf und
sah ihn aufmerksam an. »In letzter Zeit hat es keine weiteren
Vorfälle gegeben. Vielleicht hat sich dieses …«, sie gestikulierte,
»Geschehen ja an einen anderen Ort verlagert.«
Er ließ einen kurzen Moment verstreichen und
murmelte dann: »Das scheint mir bedauerlicherweise nicht der Fall
zu sein.«
Tristan drehte sich um und betrachtete das
stattliche Haus der Carlings. Es war das älteste in der Straße und
großzügiger angelegt als die benachbarten Reihenhäuser, die zu
einem späteren Zeitpunkt rechts und links angebaut worden
waren.
»Ihr Haus grenzt unmittelbar an die
Nachbargebäude an; vermutlich haben die Häuser auch gemeinsame
Grundmauern?«
Sie ließ ihren Blick ebenfalls zum Haus
schweifen - nicht, dass sie es nötig gehabt hätte, diese Tatsache
zu überprüfen. »Ja«, sie runzelte nachdenklich die Stirn, seine
Gedanken nachvollziehend.
Als er nichts weiter entgegnete, sondern still
an ihrer Seite verharrte, presste sie die Lippen aufeinander und
schaute mit leicht verkniffenem Blick zu ihm auf.
Er hatte bereits darauf gewartet, dass sie ihn
ansah. Ihre Blicke trafen sich, blieben aneinander hängen - nicht
in stiller Auseinandersetzung, sondern eher in Anerkennung ihrer
jeweiligen Entschlossenheit und Stärke.
»Was ist geschehen?« Es musste etwas vorgefallen
sein, oder aber er hatte etwas Neues in Erfahrung gebracht. »Was
haben Sie herausgefunden?«
Trotz seiner lebhaften Gesichtszüge war er
überaus schwer zu durchschauen. Er ließ einen Augenblick
verstreichen, dann befreite er eine seiner Hände aus der
Manteltasche.
Und ergriff ihre Hand.
Seine Finger umfassten ihr zierliches
Handgelenk, seine Hand legte sich über die ihre. Schloss sich. Nahm
diesen Teil von ihr vollständig in Besitz.
Sie ließ ihn gewähren; sie hatte keine andere
Wahl. Tiefe Entspannung breitete sich über ihren Körper. Dann
durchfuhr sie ein Beben, das auf seine Berührung zu antworten
schien. Die Hitze seiner Hand sprang auf die ihre über. Wieder
einmal versagte ihr der Atem.
Doch inzwischen hatte sie sich so weit an diese
Reaktion gewöhnt, dass sie zumindest so tun konnte, als würde sie
sie mühelos ignorieren. Sie hob ihr Kinn und zog in einer bewusst
hochmütigen Geste eine Augenbraue hoch.
Seine Lippen wölbten sich leicht; sie wusste mit
absoluter Sicherheit, dass dies kein Lächeln war.
»Lassen Sie uns ein paar Schritte gehen. Dann
werde ich Ihnen alles berichten.«
Es war eine Herausforderung; seine
haselnussbraunen Augen sahen sie durchdringend an. Dann zog er sie
an sich heran. Während er an ihre Seite trat, legte er ihre Hand
auf seinen Arm.
Sie atmete gezwungen ein, nickte höflich und
ließ sich von ihm führen. Gemeinsam schlenderten sie quer über den
Rasen zurück zum Salon - ihr Rock streifte seine Stiefel, seine
Handfläche ruhte auf ihren Fingern.
Ihr war nur allzu deutlich bewusst, welche
Stärke, welche schiere Männlichkeit sich da so nah - viel zu nah -
an ihrer Seite bewegte. Seine Nähe wurde begleitet von einer Hitze,
von Flammen, die danach trachteten aufzulodern. Sein starker Arm
fühlte sich an wie von Stahl und war doch warm und lebendig. Ihre
Finger kribbelten, ihre Handflächen glühten. Sie musste sich dazu
zwingen, einen klaren Gedanken zu fassen. »Nun?« Sie warf ihm einen
möglichst kühlen Blick zu. »Was haben Sie herausgefunden?«
Der Ausdruck in seinen hellbraunen Augen wurde
härter. »Es hat nebenan einen seltsamen Vorfall gegeben. Es wurde
dort eingebrochen, allerdings mit auffallender Vorsicht. Der Täter
hat sich Mühe gegeben, möglichst wenige Hinweise zu hinterlassen,
und er hat nichts mitgenommen.« Er machte eine kurze Pause und fuhr
dann fort: »Nichts außer dem Abdruck eines Schlüssels von einer
Seitentür.«
Ihre Augen weiteten sich, während sie den Sinn
seiner Worte in sich aufnahm. »Er wird also wiederkommen.«
Er nickte, seine Lippen waren fest
aufeinandergepresst. Sein Blick wanderte hinüber zur Nummer zwölf,
dann zurück zu ihr. »Ich werde Wache halten.«
Sie blieb stehen. »Heute Nacht?«
»Heute, morgen … Er wird sicher nicht lange auf
sich warten lassen. Das Haus ist bald bezugsfertig. Was auch immer
er sucht…«
»Er wird zuschlagen, bevor ihm die Bediensteten
in die Quere
kommen können.« Sie drehte sich schwungvoll zu ihm, in der
Hoffnung, dabei beiläufig ihre Hand freizubekommen.
Er ließ seinen Arm leicht sinken, doch seine
Hand schloss sich nur noch fester über der ihren.
Sie tat so, als würde sie es nicht bemerken.
»Sie werden mich … uns doch gewiss auf dem
Laufenden halten, nicht wahr?«
»Selbstverständlich.« Seine Stimme klang
plötzlich eine Spur tiefer, voller; sie drang bis in ihr tiefstes
Inneres vor. »Wer weiß? Womöglich erfahren wir nebenbei auch den
Grund für … die übrigen Zwischenfälle.«
Sie machte große Augen. »Das wäre in der Tat
eine glückliche Wendung.«
Ein eigentümlicher Ausdruck - weniger ein
Lächeln als vielmehr ein Ausdruck von resignierter Ironie -
breitete sich über sein Gesicht. Dann bewegte er plötzlich seine
Hand und strich mit unverhohlener Absicht über die feine Haut an
der Innenseite ihres Handgelenks.
Ihr Atem stockte. Schmerzhaft. Beinahe wäre ihr
schwindelig geworden.
Sie hätte nicht erwartet, dass eine so winzige
Berührung sie derart aus dem Konzept bringen würde. Sie konnte dem
Drang nicht widerstehen, nach unten zu blicken und die hypnotische
Liebkosung zu betrachten. Im selben Moment wurde ihr bewusst, wie
vollkommen unpassend die ganze Situation war; mit einem Schlucken
zwang sie sich dazu, ihre tatsächliche Reaktion zu verbergen und
ihre gebannte Aufmerksamkeit in geziemender Weise zu
begründen.
Während sie ihre umschlungene Hand weiterhin
betrachtete, kommentierte sie: »Mir ist bekannt, dass Sie erst
kürzlich in die Kreise der feinen Gesellschaft zurückgekehrt sind,
aber dieses Verhalten hier zählt eindeutig nicht zu den gängigen
Gepflogenheiten.«
Sie hatte versucht, ihre Aussage kühl und
distanziert, ruhig und zugleich missbilligend klingen zu lassen,
aber stattdessen klang ihre
Stimme, sogar in ihren eigenen Ohren, vollkommen unnatürlich und
gezwungen.
»Ich weiß.«
Die Bedeutung seiner Worte ließ sie abrupt
aufblicken - zu seinem Gesicht, seinen Lippen. Seinen Augen. Und
der unverhohlenen Absicht, die sich darin spiegelte.
Mit derselben berechnenden Entschlossenheit,
welche sie zuvor bereits schockiert hatte, hielt er ihren
fassungslosen Blick gebannt und hob langsam ihre Hand.
An seine Lippen.
Sie glitten leicht über ihre Knöchel hinweg;
dann, ohne seinen Blick abzuwenden, drehte er ihre Hand herum und
setzte einen glühend heißen Kuss in ihre zarte Handfläche.
Er hob den Kopf, zögerte einen Augenblick. Seine
Nasenflügel bebten leicht, als wollten sie ihren Duft einsaugen.
Sein Blick kehrte zurück zu ihrem, hielt ihn gebannt, gefesselt,
während er seinen Kopf erneut sinken ließ, um seine Lippen an ihr
Handgelenk zu drücken.
Genau an die Stelle, wo ihr Puls, gleich einem
aufgescheuchten Reh, einen wilden Satz machte und panisch
losraste.
Von der Berührung ausgehend, durchströmte eine
intensive Hitze ihren Arm, ihre Adern.
Eine weniger starke Frau wäre gewiss ohnmächtig
zu seinen Füßen zusammengesunken.
Doch der Ausdruck in seinen Augen hielt sie
aufrecht, setzte in ihrem Innern ein Feuerwerk an Gefühlen frei und
ließ sie äußerlich erstarren. Und langsam das Kinn heben. Aber sie
wagte es nicht, den Blick zu unterbrechen.
Der räuberische Ausdruck in seinen Augen dauerte
an, doch irgendwann senkten sich schwere Wimpern vor diesen
Blick.
Als er sprach, klang seine Stimme noch tiefer,
wie von Ferne grollender Donner, unterschwellig drohend. »Kümmern
Sie sich um Ihren Garten.« Erneut suchte er
ihren Blick. »Und überlassen Sie die Einbrecher mir.«
Er ließ ihre Hand unvermittelt los. Mit einem
Nicken wandte er sich ab und schritt in Richtung Salontür
davon.
Kümmern Sie sich um Ihren
Garten.
Er hatte nicht die Pflanzen gemeint. »Kümmern
Sie sich um Haus und Herd«, war die unterschwellige Devise, die sie
als Frau dazu aufforderte, ihre gesamte Energie auf die
Zuständigkeitsbereiche zu lenken, welche die Gesellschaft ihr
zubilligte: Mann und Kinder - Heim und Herd.
Leonora hatte jedoch weder Mann noch Kinder und
ließ sich nicht gerade gerne an diese Tatsache erinnern. Schon gar
nicht, nachdem Trentham mit seinen gekonnten Liebkosungen eine
solch unerwartete Wirkung in ihr hervorgerufen hatte.
Was hatte er sich nur dabei gedacht?
Sie hatte eine dunkle Ahnung, die ihre Wut
jedoch nur noch verstärkte.
Den Rest des Tages stürzte sie sich in die
verschiedensten Tätigkeiten, nur um nicht eingehender über ihre
Begegnung im Garten nachdenken zu müssen. Um die bewusste
Provokation, die Trenthams Worte in ihren Augen darstellten,
geflissentlich zu ignorieren. Um ihre Wut im Zaum zu halten und
sich nicht von ihr mitreißen zu lassen.
Selbst als Mark Whorton sie gebeten hatte, ihre
Verlobung zu lösen - während sie selbst angenommen hatte, er wolle
ihren Heiratstermin festlegen -, hatte sie meisterlich die Fassung
bewahrt. Sie hatte sich inzwischen längst darauf eingestellt,
selbst Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. Einen sicheren
Kurs zu steuern, bedeutete gleichsam, das Steuer fest in der Hand
zu behalten.
Und jeder Provokation seitens eines noch so
erfahrenen männlichen Wesens aus dem Wege zu gehen.
Nachdem sie mit Humphrey und Jeremy zu Mittag
gegessen hatte, verbrachte sie den Nachmittag mit Anstandsbesuchen.
Zunächst begab sie sich zu ihren Tanten, die entzückt waren, sie zu
sehen, obgleich sie mutwillig zu früh erschienen war, um sich den
fashionablen
Gästen zu entziehen, die zu späterer Stunde den Salon ihrer Tante
Mildred frequentieren würden; dann besuchte sie einige entferntere
Verwandte, bei denen sie von Zeit zu Zeit vorbeischaute. Man konnte
ja nie wissen, ob die älteren Damen nicht einmal Hilfe
benötigten.
Um fünf Uhr kehrte Leonora nach Hause zurück, um
das Abendessen zu überwachen und sicherzustellen, dass Humphrey und
Jeremy das Essen nicht vollständig vergaßen. Nach dem Essen zogen
sich die beiden Männer umgehend wieder in die Bibliothek
zurück.
Leonora ging stattdessen in den
Wintergarten.
Um Trenthams Enthüllungen zu überdenken und sich
über die weiteren Schritte Gedanken zu machen.
Sie setzte sich in ihren Lieblingssessel, die
Arme auf den schmiedeeisernen Tisch gestützt, und beschloss, nicht
weiter über Trenthams dreiste Anweisung nachzudenken, sondern ihre
Aufmerksamkeit stattdessen den Einbrechern zuzuwenden.
Eines stand fest: Trentham war ein Adeliger.
Auch wenn die gesellschaftlichen Kreise Londons im Februar noch
recht dünn besät waren, war er gewiss zu irgendeinem Dinner geladen
oder wurde bei irgendeiner edlen Soiree erwartet. Und falls nicht,
würde er mit Sicherheit einen seiner Klubs aufsuchen, um dort zu
spielen oder einfach nur die Gesellschaft seiner Standesgenossen zu
genießen. Und wenn nicht das, so blieben ihm immer noch die
Verlockungen der Demimonde; sie war beileibe nicht so naiv zu
glauben, dass er - angesichts seiner Aura von räuberischer
Sinnlichkeit - in jener Halbwelt nicht schon die eine oder andere
Erfahrung gesammelt hatte.
Die Einbrecher ihm überlassen? Sie unterdrückte
ein verächtliches Schnauben.
Es war acht Uhr, draußen war es bereits
stockdunkel. Nebenan erkannte sie schemenhaft den schweren,
schwarzen Umriss des Nachbarhauses. Kein Lichtschein drang aus den
Fenstern, kein Vorhang bewegte sich - es war unschwer zu erkennen,
dass dieses Haus unbewohnt war.
Sie war dem jähzornigen alten Mr Morrissey -
ungeachtet dessen, dass er ein unverbesserlicher Schurke war -
immer eine gute Nachbarin gewesen; und er hatte ihr ihre Besuche
gedankt. Sie hatte ihn nach seinem Tod vermisst. Das Haus war an
Lord March, einen entfernten Verwandten, gefallen, der eine
stattliche Villa in Mayfair besaß und mit einem Haus in Belgravia
nichts anfangen konnte. Der Verkauf hatte sie nicht
überrascht.
Anscheinend waren Trentham und seine Freunde mit
Lord March bekannt. Vermutlich waren Seine Lordschaft wie auch
Trentham gerade in diesem Moment damit beschäftigt, sich auf eine
lange Nacht im Trubel der Stadt vorzubereiten.
Leonora lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und
rüttelte mühsam an der kleinen Schublade unterhalb der Tischplatte,
die beharrlich klemmte. Als sie sie endlich geöffnet hatte, fiel
ihr Blick auf einen großen, schweren Schlüssel, der halb unter
alten Zetteln und Notizen begraben lag.
Sie nahm den Schlüssel und legte ihn vor sich
auf den Tisch.
Hatte Trentham wohl daran gedacht, die Schlösser
auswechseln zu lassen?