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Die geräumige Bibliothek erstreckte sich entlang einer ganzen Hausseite und besaß Fenster, die sowohl den vorderen wie auch den hinteren Garten überblickten. Wenn ihr Bruder und ihr Onkel irgendetwas von ihrer Umgebung wahrgenommen hätten, wäre ihnen der groß gewachsene Besucher auf seinem Weg zum Haus sicherlich ins Auge gefallen.
Leonora ging davon aus, dass dies nicht der Fall war.
Der Anblick, der sich ihr bot, als sie die Tür öffnete, eintrat und sie dann leise hinter sich schloss, bestätigte ihre Vermutung.
Ihr Onkel, Sir Humphrey Carling, saß in einem Sessel am Kamin; er hatte einen schweren Folianten auf dem Schoß, und ein besonders starkes Vergrößerungsglas verzerrte eines seiner blauen Augen, während er die ausgeblichenen Hieroglyphen vor ihm zu entziffern versuchte. Er war einst ein stattlicher Mann gewesen, doch das Alter hatte seine Schultern gebeugt, seine vormals dichte Löwenmähne ausgedünnt und ihn seiner körperlichen Kraft beraubt. Seinen geistigen Kräften hatten die Jahre jedoch bislang nichts anhaben können. In Fachkreisen galt er nach wie vor als einer der beiden führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet alter und kaum erforschter Sprachen und deren Übersetzungen.
Sein weißer Schopf schütteren Haars, das er trotz Leonoras wohlgemeintem Drängen etwas zu lang trug, war zu dem dicken Buch herabgebeugt; seine Gedanken waren offenbar in … Leonora war sich einigermaßen sicher, dass der gegenwärtige Band von Mesopotamien handelte.
Ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Jeremy - und zugleich der zweite führende Wissenschaftler auf dem Gebiet obskurer Sprachen - saß an einem nahe gelegenen Schreibtisch, dessen Oberfläche übersät war mit Büchern, einige davon geöffnet, andere geschlossen übereinandergestapelt. Jedes der Hausmädchen wusste ganz genau, dass sie diesen Schreibtisch auf eigene Gefahr berührte; trotz des vermeintlichen Chaos, das hier herrschte, bemerkte Jeremy dies immer sofort.
Er war gerade zwölf gewesen, als er nach dem Tod ihrer Eltern gemeinsam mit Leonora zu ihrem Onkel Humphrey gezogen war. Sie hatten zunächst in Kent gelebt. Obwohl Humphreys Frau damals bereits verstorben war, hatte die Familie beschlossen, dass es für die trauernden und noch heranwachsenden Kinder das Beste sei, wenn sie auf dem Lande groß wurden, zumal Humphrey - daran bestand kein Zweifel - eindeutig ihr liebster Verwandter war.
Es war nicht weiter erstaunlich, dass Jeremy, der schon immer eine Vorliebe für Bücher gehegt hatte, von Humphreys Leidenschaft angesteckt wurde, uralte Schriften von längst verstorbenen Menschen und toten Kulturen zu entziffern. Mit seinen vierundzwanzig Jahren war er bereits auf dem besten Wege, sich trotz des zunehmenden Konkurrenzkampfes auf diesem Gebiet eine solide Nische zu schaffen. Seine Position hatte sich zudem deutlich verbessert, als der komplette Haushalt vor sechs Jahren nach Bloomsbury umgezogen war, um Leonora unter der Ägide ihrer Tante Mildred, Lady Warsingham, in die Gesellschaft einzuführen.
Nichtsdestotrotz war Jeremy noch immer ihr kleiner Bruder; sie musste ein wenig schmunzeln, als sie seine breiten, doch feingliedrigen Schultern sowie sein wirres braunes Haar betrachtete, das jeder Bürste zum Trotz immer zersaust aussah - Leonora war sich sicher, dass er sich mit den Händen hindurchfuhr, obwohl er dies beharrlich abstritt und sie ihn noch nie dabei erwischt hatte.
Henrietta trottete quer durch den Raum und ließ sich vor dem Kamin nieder.
Es wunderte Leonora nicht weiter, dass keiner der beiden Männer zu ihr aufsah, als sie den Raum betrat. Ein Hausmädchen hatte einmal auf den Fliesen vor der Bibliothek einen silbernen Tafelaufsatz fallen lassen, und keiner der beiden hatte irgendetwas davon mitbekommen.
»Onkel Humphrey, Jeremy, wir haben Besuch.«
Beide schauten auf und blinzelten sie mit demselben entrückten Gesichtsausdruck an.
»Der Earl of Trentham möchte sich gerne vorstellen.« Sie schritt zum Sessel ihres Onkels hinüber und wartete geduldig, bis beide in die reale Welt zurückgekehrt waren. »Er ist einer unserer neuen Nachbarn aus Nummer zwölf.« Zwei Augenpaare folgten ihr, beide blickten weiterhin verständnislos drein. »Ich habe euch doch davon erzählt, dass das Nachbarhaus von einigen Gentlemen gekauft wurde. Trentham ist einer von ihnen. Soweit ich weiß, ist er derjenige, der die Renovierungsarbeiten überwacht.«
»Ah … verstehe.« Humphrey schlug das Buch zu und legte es mitsamt dem Vergrößerungsglas beiseite. »Nett, dass er sich uns vorstellt.«
Während sie hinter den Sessel ihres Onkels trat, bemerkte sie den verwirrten Ausdruck in Jeremys braunen Augen - nicht haselnussbraun, sondern schlicht dunkelbraun. Nicht durchdringend scharf, sondern angenehm beruhigend.
Ganz im Gegensatz zu denen des Gentlemans, der in diesem Moment hinter Castor den Raum betrat.
»Der Earl of Trentham.«
Mit dieser Ankündigung verneigte sich Castor und verließ den Raum, die Tür wieder hinter sich schließend.
Trentham war an der Tür stehen geblieben und studierte die Herrschaften im Raum; sobald die Tür ins Schloss fiel, breitete sich ein gewinnendes Lächeln über sein Gesicht. Mit dieser charmanten Maske trat er auf die Gruppe beim Kamin zu.
Leonora zögerte, sie fühlte sich plötzlich unsicher.
Trenthams Blick wanderte zu ihrem Gesicht, verweilte einen Moment dort … Dann sah er Humphrey an.
Dieser stützte sich auf die Armlehnen seines Sessels und versuchte mit sichtlicher Mühe, sich zu erheben. Leonora eilte ihm zu Hilfe.
»Bitte machen Sie sich keine Umstände, Sir Humphrey.« Mit einer anmutigen Geste bedeutete Trentham ihm, sitzen zu bleiben. »Ich danke Ihnen, dass Sie sich die Zeit nehmen, mich zu empfangen.« Er erwiderte Humphreys formelles Nicken mit einer Verneigung. »Ich kam zufällig vorbei und hoffte, sie würden mir die Formlosigkeit meines Besuches nachsehen, da wir schließlich in Zukunft Nachbarn sein werden.«
»Durchaus, durchaus. Hocherfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Wie ich hörte, lassen Sie einiges im Haus verändern, ehe Sie dort einziehen?«
»Lediglich einige kosmetische Änderungen, um das Haus noch wohnlicher zu gestalten.«
Humphrey wies mit der Hand auf Jeremy. »Darf ich Ihnen meinen Neffen vorstellen. Jeremy Carling.«
Jeremy, der sich erhoben hatte, ergriff über den Schreibtisch hinweg Trenthams Hand. Zunächst aus reiner Höflichkeit, doch als sein Blick sich mit Trenthams kreuzte, weiteten sich seine Augen in plötzlichem Interesse. »Ach! Sie sind beim Militär, richtig?«
Leonora starrte Trentham an. Wie hatte sie das nur übersehen können? Allein seine Haltung hätte sie bereits darauf stoßen müssen, aber zusammen mit der leichten Bräune, den harten Händen …
Ihr Selbsterhaltungstrieb meldete sich zu Wort; sie trat innerlich einen deutlichen Schritt zurück.
»Ich war beim Militär.« Jeremys erwartungsvoller Miene gehorchend, fuhr er fort: »Ich war Major bei der Garde.«
»Sie sind demnach ausgeschieden?« Jeremys Interesse an den jüngsten militärischen Entwicklungen gefiel Leonora ganz und gar nicht.
»Wie so viele nach Waterloo.«
»Sind Ihre Freunde auch ehemalige Gardeoffiziere?«
»Das sind sie in der Tat.« Mit einem Blick zu Humphrey setzte Trentham hinzu: »Das ist auch der Grund, weshalb wir das Haus nebenan gekauft haben. Wir suchten einen etwas zurückgezogeneren Ort als unsere übrigen Klubs. Wir sind das lebhafte Stadtleben nicht mehr gewöhnt.«
»Oh, das kann ich mir gut vorstellen.« Humphrey, der dem gesellschaftlichen Treiben nie viel hatte abgewinnen können, nickte mitfühlend. »Wenn Sie Ruhe und Frieden suchen, haben Sie sich den besten Winkel Londons ausgesucht.«
Er drehte sich zu Leonora um und lächelte. »Jetzt hätte ich dich ja beinahe vergessen, meine Liebe.« Er wandte sich wieder Trentham zu. »Meine Nichte. Leonora.«
Sie knickste.
Trenthams Blick blieb auf ihr haften, während er sich verneigte. »Ich hatte vor dem Haus bereits das Vergnügen, auf Miss Carling zu stoßen.«
Auf sie zu stoßen? Sie schaltete sich rasch ein, bevor Humphrey oder Jeremy auf seltsame Gedanken kommen konnte. »Lord Trentham war gerade im Begriff zu gehen, als ich aus dem Haus kam. Er war so freundlich, sich vorzustellen.«
Ihre Blicke kreuzten sich kurz, aber direkt. Sie sah auf Humphrey hinab. Ihr Onkel musterte Trentham eingehend; das Ergebnis schien ihm zuzusagen. Er wies auf eine kleine Chaiselongue, die auf der anderen Seite des Kamins stand. »Aber bitte setzen Sie sich doch.«
Trentham sah Leonora an und deutete auf das Sitzmöbel. »Miss Carling.«
Die Chaiselongue bot Platz für zwei. Ansonsten gab es keine weiteren Sitzgelegenheiten im Raum; sie würde sich neben ihn setzen müssen. Sie erwiderte seinen Blick. »Darf ich den Herren einen Tee bestellen?«
Sein Lächeln hatte etwas von Überlegenheit. »Oh, bitte nicht meinetwegen.«
»Meinetwegen auch nicht«, sagte Humphrey.
Jeremy schüttelte lediglich den Kopf und setzte sich wieder hin.
Sie atmete tief ein, schritt mit hocherhobenem Haupt um den Sessel herum und entschied sich für das hintere Ende der Chaiselongue, welches dem Kamin - einschließlich seines zottigen Vorlegers namens Henrietta - zugewandt war. Der Etikette entsprechend wartete Trentham ab, bis sie sich gesetzt hatte, und nahm dann neben ihr Platz.
Er kam ihr keineswegs absichtlich zu nahe; das war gar nicht nötig. Die Kürze des Sitzmöbels bewirkte, dass seine Schulter die ihre leicht berührte.
Ihr Atem verkrampfte sich; jähe Wärme breitete sich von dem Punkt ihrer Berührung ausgehend allmählich über ihren ganzen Körper.
»Wie ich hörte«, sagte Trentham, nachdem er seine langen Beine elegant vor sich ausgestreckt hatte, »zeigte jemand reges Interesse daran, Ihr Haus zu kaufen.«
Humphrey neigte den Kopf; sein Blick wanderte zu Leonora.
Sie setzte ein unschuldiges Lächeln auf und vollführte eine vage Handbewegung. »Lord Trentham war gerade auf dem Weg zu Stolemore … Ich erwähnte lediglich, dass wir ebenfalls das Vergnügen hatten.«
Humphrey schnaubte verächtlich. »Und ob! Dieser vermaledeite Holzkopf. Es wollte einfach nicht in seinen Kopf hineingehen, dass wir nicht an einem Verkauf interessiert sind. Zum Glück hat Leonora ihn letzten Endes doch noch davon überzeugen können.«
Diese letzte Bemerkung war auffällig vage gehalten; Tristans Einschätzung nach hatte Sir Humphrey nicht die geringste Ahnung, wie zudringlich Stolemore tatsächlich geworden war und wie viel Mühe es Leonora gekostet hatte, den Makler endlich loszuwerden.
Sein Blick wanderte über die Bücherstapel auf Jeremys Schreibtisch, dann über die nicht weniger zahlreichen Bücher um Sir Humphreys Sessel und über das wilde Durcheinander von Zetteln und Notizen - all dies zeugte eindrucksvoll von einem typischen Wissenschaftlerdasein … und von wissenschaftlicher Weltfremdheit.
»Nun.« Jeremy lehnte sich vor, seine Arme auf ein offenes Buch gestützt. »Sie sind also bei Waterloo dabei gewesen?«
»Am Rande.« Sogar sehr weit am Rande. Nämlich jenseits der feindlichen Linie. »Der Feldzug war sehr breit angelegt.«
Mit leuchtenden Augen fragte und forschte Jeremy beharrlich weiter. Tristan war es längst gewohnt, die üblichen Fragen zufriedenstellend zu beantworten, ohne dabei ins Straucheln zu geraten, und zugleich den Eindruck zu erwecken, er wäre ein ganz gewöhnlicher Offizier gewesen, obwohl die Wahrheit eine ganz andere war.
»Die alliierten Truppen haben verdient gesiegt, die Franzosen verdient verloren. Wir waren ihnen in Strategie und Engagement deutlich überlegen, und dies hat sich am Ende ausgezahlt.«
Auch wenn sie diesen Sieg nichtsdestoweniger viel zu teuer bezahlt hatten. Er warf einen kurzen Blick auf Leonora; sie starrte ins Feuer, hielt sich offenbar absichtlich aus der Unterhaltung heraus. Ihm war bewusst, dass umsichtige Mütter ihre Töchter ausdrücklich vor Männern vom Militär warnten. In ihrem Alter hatte sie die üblichen Geschichten sicherlich alle längst gehört; demnach hätte es ihn nicht wundern sollen, dass sie sich so steif und unnahbar präsentierte.
Allerdings … »Wie ich hörte«, er wandte seine Aufmerksamkeit wieder Sir Humphrey zu, »hat es hier in der Nachbarschaft einige Zwischenfälle gegeben.« Beide Männer sahen ihn verständnislos an - trotz ihres offenkundigen Scharfsinns hatten sie nicht die geringste Ahnung, worauf er hinauswollte. Er musste etwas deutlicher werden. »Versuchte Einbrüche, soweit ich weiß.«
»Ach so.« Jeremy tat die Vorfälle mit einem Lächeln ab. »Davon sprechen Sie. Wenn Sie mich fragen, nichts weiter als ein Möchtegern-Einbrecher, der einmal sein Glück versuchen wollte. Beim ersten Mal war das Personal noch im Dienst. Sie haben ihn zwar gehört und einen flüchtigen Blick erhascht, aber dann hat er schleunigst das Weite gesucht.«
»Das zweite Mal«, ergriff Sir Humphrey das Wort, »hat Henrietta Alarm geschlagen. Wir können nicht einmal sicher sein, ob wirklich jemand da war, stimmt’s, altes Mädchen?« Mit seiner Schuhspitze kraulte er den dösenden Hund am Kopf. »Hat vielleicht nur ein bisschen überreagiert - wer weiß schon, warum -, sie hat jedenfalls das ganze Haus in Aufruhr versetzt, das kann ich Ihnen sagen.«
Tristans Blick wanderte von dem friedfertigen Tier hinauf zu Leonoras Gesicht; mühelos deutete er ihre zusammengepressten Lippen, ihre verschlossenen, ausdruckslosen Züge. Sie hielt die Hände im Schoß verschränkt und machte keinerlei Anstalten, die Worte ihres Onkels zu kommentieren.
Der Anstand verbot es ihr, in Tristans Gegenwart - der Gegenwart eines Fremden - mit ihrem Onkel oder ihrem Bruder zu streiten. Vielleicht hatte sie es auch einfach aufgegeben, deren weltfremdes Zuversichtsdenken erschüttern zu wollen.
»Wie auch immer«, fuhr Jeremy fröhlich fort, »dieser sogenannte Einbrecher ist jedenfalls längst verschwunden. Nun herrscht des Nachts wieder Totenstille.«
Tristan sah ihn an und kam zu dem Schluss, dass Leonora mit ihrer Haltung wohl recht hatte. Es bedurfte weit mehr als eines vagen Verdachts, ehe Sir Humphrey und Jeremy seine Warnung ernst nehmen würden; er entschloss sich daher, die letzten Minuten seines Besuches verstreichen zu lassen, ohne den Zwischenfall bei Stolemore zu erwähnen.
Die Unterhaltung näherte sich ihrem natürlichen Ende, und Tristan erhob sich. Er verabschiedete sich höflich und blickte Leonora in die Augen. Sie und Jeremy waren beide aufgestanden, doch Tristan wollte dringend ein Wörtchen mit ihr sprechen. Und zwar allein.
Er ließ seinen Blick andauern, ohne die Stille zu durchbrechen; ihr stummer Widerstand war offensichtlich - zumindest für ihn -, doch ihre Kapitulation kam zügig genug, um ihren Onkel und ihren Bruder von dem stummen Kampf, der sich geradewegs vor ihren Augen abspielte, nichts ahnen zu lassen.
»Ich werde Lord Trentham hinausgeleiten.« Der Blick, der ihren übermäßig entschiedenen Worten folgte, war eisig.
Weder Sir Humphrey noch Jeremy bemerkte irgendetwas.
Als Tristan sich mit einem anmutigen Nicken abwandte, konnte er den Augen der beiden Herren ansehen, dass sie sich bereits wieder auf halbem Weg in jene ferne Welt befanden, in der sie sich derzeit zu Hause fühlten.
Ihm wurde zunehmend klarer, wer in diesem Hause tatsächlich das Ruder in der Hand hielt.
Leonora öffnete die Tür und führte Trentham in die Eingangshalle. Henrietta hob den Kopf, entschloss sich aber, am Kamin liegen zu bleiben. Dass der Hund sie ausgerechnet jetzt so sträflich im Stich ließ, verwunderte Leonora, aber sie hatte keinerlei Gelegenheit, darüber nachzusinnen; sie musste einen herrschsüchtigen Earl hinauskomplimentieren.
In kühles Schweigen gehüllt, schwebte sie hinüber zur Haustür und blieb kurz davor stehen; Castor schob sich unauffällig an ihr vorbei, bereit, die Tür zu öffnen. Mit hocherhobenem Kinn blickte sie in Trenthams haselnussbraune Augen. »Vielen Dank für Ihren Besuch, Lord Trentham. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag.«
In seinem Lächeln spiegelte sich noch etwas anderes als sein üblicher Charme. Er streckte ihr die Hand hin.
Sie zögerte; er wartete geduldig ab … bis ihr der Anstand gebot, ihm ihre Finger auszuliefern.
Sein fragwürdiges Lächeln wurde breiter, während sich seine Hand fest um die ihre schloss. »Wenn Sie erlauben, würde ich Ihre Aufmerksamkeit gerne noch für ein paar Minuten in Anspruch nehmen.«
Sein Blick hinter den schweren Augenlidern war scharf und durchdringend. Er würde sie nicht eher loslassen, als bis sie seinem Wunsch nachgab. Sie bemühte sich, ihre Finger zu befreien; doch sein Griff wurde nur noch fester. Sie könnte und würde ihm ihre Hand erst dann entziehen, wenn er es zuließe.
Wut kochte in ihr hoch; sie ließ ihre Entrüstung - wie können Sie es nur wagen? - in ihren Augen aufblitzen.
Seine Mundwinkel zuckten. »Ich habe Neuigkeiten, die Sie gewiss interessieren dürften.«
Sie rang einen Moment lang mit sich selbst und sagte schließlich, in der Überzeugung sich andernfalls nur ins eigene Fleisch zu schneiden, an Castor gewandt. »Ich werde Lord Trentham noch bis zum Tor begleiten. Lassen Sie die Tür einfach angelehnt.«
Castor verneigte sich und zog die Tür weit auf. Sie gestattete Trentham, sie hinauszuführen. Am Kopf der Eingangstreppe blieb er stehen. Die Tür hinter ihnen wurde angelehnt. Er gab Leonoras Arm frei und warf einen Blick über seine Schulter; dann sah er sie an und wies auf den Garten.
»Sie haben einen eindrucksvollen Garten. Wer hat ihn angelegt und warum?«
Sie nahm an, dass es ihm aus irgendeinem Grund lieber war, wenn niemand ihre Unterhaltung mithörte, daher trat sie an seiner Seite die Stufen hinunter. »Ein entfernter Cousin, Cedric Carling. Er war ein renommierter Botaniker.«
»Und womit beschäftigen sich Ihr Onkel und Ihr Bruder?« Sie erzählte es ihm, während sie den geschwungenen Weg zum Eingangstor hinunterschritten.
Er sah sie mit hochgezogenen Brauen an. »Sie stammen aus einer Familie mit höchst ausgefallenen Leidenschaften.« Seine hellbraunen Augen musterten sie neugierig. »Und was ist Ihre Spezialität?«
Sie hob den Kopf und blieb stehen. Ihr Blick war direkt auf ihn gerichtet. »Sie sagten, Sie hätten mir etwas mitzuteilen, was für mich von Interesse sein könnte?«
Ihr Tonfall war mehr als eisig. Er lächelte - ausnahmsweise einmal weder charmant noch tückisch. Diese überraschend angenehme Geste ließ sie auftauen, sie schmelzen …
Sie versuchte ihre Reaktion zu unterdrücken und hielt seinem Blick stand; sie beobachtete, wie seine scheinbare Leichtfertigkeit einer tiefen Ernsthaftigkeit wich.
»Ich habe Stolemore getroffen. Er war kurz zuvor übel zusammengeschlagen worden. Wenn ich seine Anspielungen richtig gedeutet habe, war dies die Strafe dafür, dass er seinem mysteriösen Kunden das Haus Ihres Onkels nicht beschaffen konnte.«
Die Nachricht erschütterte sie mehr, als sie es sich selbst eingestehen mochte. »Hat er irgendetwas gesagt, wer …?«
Trentham schüttelte den Kopf. »Nichts.« Sein Blick suchte bewusst den ihren; seine Lippen waren angespannt. Nach einer kurzen Pause fuhr er leise fort: »Ich möchte Sie warnen.«
Sie versuchte, seinen Ausdruck zu deuten. »Wovor?« Sie musste sich zu der Frage regelrecht zwingen.
Seine Gesichtszüge wirkten erneut wie in Stein gemeißelt.
»Im Gegensatz zu Ihrem Onkel oder Ihrem Bruder bin ich nicht davon überzeugt, dass Ihr Einbrecher bereits aufgegeben hat.«
 
Er hatte alles getan, was in seiner Macht stand; eigentlich hatte er nicht einmal so weit gehen wollen. Im Grunde hatte er kein Recht dazu. Angesichts der ungewöhnlichen Verhältnisse im Hause Carling war er gewiss besser beraten, sich nicht einzumischen.
Am nächsten Morgen saß Tristan am Kopfende des Tisches im Frühstückszimmer von Trentham House und überflog müßig die Zeitung, während er mit einem Ohr dem Geplauder von drei seiner insgesamt sechs ältlichen Mitbewohnerinnen lauschte, die sich auf Tee und Toast zu ihm gesellt hatten. Die meiste Zeit hielt er den Kopf gesenkt.
Ihm war durchaus bewusst, dass er sich allmählich auf das gesellschaftliche Schlachtfeld begeben und nach einer geeigneten Ehefrau Ausschau halten sollte, doch fehlte ihm bislang jeglicher Enthusiasmus. Natürlich lauerten seine werten Damen begierig auf den allerkleinsten Hinweis, dass er womöglich ihre Hilfe in Anspruch nehmen wollte.
Es hatte ihn bereits positiv überrascht, dass seine alten Damen immerhin so viel Taktgefühl besaßen, ihm ihre Hilfe nicht geradezu aufzudrängen; er hoffte inständig, dass sie diesem Grundsatz auch weiterhin treu bleiben würden.
»Reiche mir doch bitte einmal die Orangenmarmelade, Millicent. Habt ihr schon gehört … Lady Warrington hat sich tatsächlich eine Kopie ihres Rubincolliers anfertigen lassen.«
»Eine Kopie? Grundgütiger! Bist du dir da sicher?«
»Cynthia Cunningham hat mir davon erzählt. Sie hat mir versichert, dass es stimmt.«
Der Klang ihrer empörten Stimmen drang allmählich in den Hintergrund, während Tristan seine Gedanken den Ereignissen des Vortages zuwandte.
Es war eigentlich nicht seine Absicht gewesen, nach seinem Besuch bei Stolemore noch einmal zum Montrose Place zurückzukehren. Tief in Gedanken versunken, hatte er die Motcomb Street hinter sich gelassen, und ehe er sichs versah, hatte er am Montrose Place vor dem Haus der Carlings gestanden. Er war seinem Instinkt gefolgt und hineingegangen.
Alles in allem hatte er den spontanen Entschluss nicht bereut. Leonora Carlings Gesichtsausdruck, als er ihr von seinem Verdacht erzählt hatte, war ihm noch lange, nachdem er gegangen war, im Gedächtnis geblieben.
»Habt ihr gesehen, wie Mrs Levacombe Lord Mott neulich schöne Augen gemacht hat?«
Er hielt sich die Zeitung vors Gesicht.
Es hatte ihn beinahe selbst erschrocken, wie vorbehaltlos er dazu bereit gewesen wäre, Stolemore die notwendigen Informationen notfalls mit Gewalt zu entlocken. Natürlich hatte ihn seine jahrelange Erfahrung gelehrt, bei der Beschaffung wichtiger Informationen absolut schonungslos vorzugehen. Erschreckend war eher die Tatsache, dass aufgrund einer verqueren Vorstellung Informationen, die Leonora Carlings Sicherheit betrafen, urplötzlich den Status »wichtig« angenommen hatten. Bislang war nur König und Vaterland dieses Privileg zuteilgeworden.
Doch nun hatte er alles getan, was ihm rechtmäßigerweise zustand. Er hatte Leonora gewarnt. Vielleicht lag ihr Bruder ja sogar richtig, und der Einbrecher war bereits ein für alle Mal verschwunden.
»Mylord, der Baumeister vom Montrose Place hat einen Jungen gesandt, um Ihnen eine Nachricht zu überbringen.«
Tristan sah seinen Butler Havers an, der nahe an ihn herangetreten war. Das muntere Geplauder verebbte; Tristan überlegte kurz, zuckte dann mit den Schultern. »Wie lautet die Nachricht?«
»Der Baumeister vermutet, dass sich jemand am Hause zu schaffen gemacht hat. Nichts Großartiges, aber es wäre ihm recht, wenn Sie einen kurzen Blick darauf werfen könnten, bevor er den Schaden reparieren lässt.« Havers’ stummer Blick besagte, dass die Originalnachricht etwas besorgniserregender geklungen hatte. »Der Junge wartet noch in der Eingangshalle, für den Fall, dass sie ihm eine Antwort mit auf den Weg geben möchten.«
Sein Instinkt schlug Alarm; einer düsteren Vorahnung folgend, warf er seine Serviette auf den Tisch und stand auf. Er nickte den drei älteren Damen - Ethelreda, Millicent und Flora, allesamt entfernte Cousinen - freundlich zu. »Wenn die Damen mich entschuldigen würden. Die Pflicht ruft.«
Er kehrte der bedeutungsschwangeren Stille im Raum den Rücken und ließ die Damen mit ihrer Neugier zurück.
Sobald er den Korridor betreten hatte, brach hinter ihm aufgeregtes Getuschel aus.
In der Eingangshalle warf er sich rasch den Paletot über und griff nach seinen Handschuhen. Er nickte dem ehrfürchtig staunenden Tischlerjungen zu, der in den Anblick des reich geschmückten Flurs versunken war, und trat durch die von einem Diener offen gehaltene Eingangstür nach draußen.
Raschen Schrittes ging er die Treppen hinunter und betrat die Green Street; den Jungen im Schlepptau eilte er in Richtung Montrose Place.
 
»Sehen Sie, was ich meine?«
Tristan nickte. Er und Billings standen vor der Rückseite des Hauses Nummer zwölf. Tristan hatte sich hinuntergebeugt, um den leicht zerkratzten Fensterriegel des Gebäudes zu inspizieren, welches in den nächsten Tagen ihren Bastion-Klub beherbergen sollte. Und dies war nur eine der Stellen, an denen man sich »zu schaffen gemacht« hatte. »Ihr Geselle hat einen scharfen Blick.«
»Durchaus. Und ihm ist noch etwas anderes aufgefallen. Werkzeug, das wir für gewöhnlich offen liegen lassen, war nicht mehr an seinem Platz.«
»Aha?« Tristan richtete sich auf. »Und wo?«
Billings wies nach drinnen. Gemeinsam durchquerten sie die Küche. Schweren Schritts betrat Billings einen kurzen dunklen Korridor und führte Tristan zu einer Seitentür; er deutete auf den Boden. »Hier lassen wir unser Zeug über Nacht immer liegen - gut geschützt vor neugierigen Blicken.«
Die Arbeiter hatten ihr Tagwerk bereits begonnen; klopfende Geräusche und ein kontinuierliches Kratzen drang von den oberen Stockwerken zu ihnen herab. Nur ein paar vereinzelte Werkzeuge lagen noch vor der Tür, aber die fehlenden Gerätschaften hatten im feinen Staub deutliche Spuren hinterlassen.
Ebenso wie die Schuhsohle eines Mannes, die nahe der Wand einen Abdruck hinterlassen hatte.
Tristan hockte sich nieder. Ein genauerer Blick bestätigte seine Vermutung: Der Abdruck stammte von der Ledersohle eines feinen Herrenschuhs, nicht von dem schweren Stiefel eines Arbeiters.
Der einzige feine Herr, der in letzter Zeit dieses Haus betreten hatte, insbesondere seit das feine Sägemehl hier herabgerieselt war, war er selbst gewesen; und er war nie auch nur in die Nähe dieser Tür gekommen. Zudem war der Fußabdruck zu klein; es war eindeutig der eines Mannes, doch gewiss nicht sein eigener. Er stand auf und warf einen Blick zur Tür. Ein schwerer Schlüssel steckte im Schloss. Tristan zog ihn heraus, drehte sich um und trat zurück in die Küche, wo ausreichend Tageslicht durch die Fenster hereinfiel.
Am Schlüsselschaft wie auch an dessen Bart klebten verräterische Spuren von Wachs.
Billings trat an Tristans Seite; ein Verdacht verdunkelte seine Züge. »Ein Abdruck?«
Tristan brummte zustimmend. »Sieht ganz danach aus.«
»Ich werde einen Satz neuer Schlösser ordern.« Billings Stimme klang äußerst aufgebracht. »So was ist mir noch nie untergekommen.«
Tristan drehte den Schlüssel zwischen seinen Fingern hin und her. »Ja, bestellen Sie neue Schlösser. Aber bauen Sie sie erst ein, wenn ich es Ihnen sage.«
Billings blickte ihn kurz an, nickte dann. »Jawohl, Mylord. Wird erledigt.« Er hielt kurz inne, fuhr dann fort. »Der zweite Stock ist fertig, wenn Sie mal einen Blick draufwerfen wollen?«
Tristan sah auf. Nickte. »Ich werde den hier nur rasch wieder an seinen Platz zurückbringen.«
Er steckte den Schlüssel zurück ins Schloss, sorgfältig darauf bedacht, ihn wie zuvor gerade auszurichten, sodass man von außen problemlos einen zweiten Schlüssel hineinstecken konnte. Er gab Billings ein Zeichen voranzugehen und folgte ihm die Küchentreppe hinauf ins Erdgeschoss. Hier waren die Arbeiter gerade damit beschäftigt, dem behaglichen Salon und dem gemütlichen Speisezimmer mit etwas Farbe und Politur den abschließenden Glanz zu verleihen. Die einzigen Räume, die sonst noch auf dieser Etage lagen, waren ein kleines Empfangszimmer beim Eingang, das die Klubmitglieder für eventuelle Gespräche mit Damen auserkoren hatten, deren Bekanntschaft sie wohl oder übel würden machen müssen, des Weiteren ein kleines Büro, das als Pförtnerloge dienen sollte, sowie ein etwas größeres Büro im hinteren Teil des Hauses, das für den Majordomus vorgesehen war.
Tristan folgte Billings die Treppe hinauf und blieb im ersten Stock kurz stehen, um den Männern beim Streichen und Polieren der Bibliothek und des Versammlungszimmers zuzusehen. Dann gingen sie weiter hinauf in den zweiten Stock, wo die Schlafzimmer untergebracht waren. Billings zeigte ihm alle drei Räume und wies auf außergewöhnliche Details und Sonderanfertigungen hin, die sie den speziellen Wünschen der Herren gemäß umgesetzt hatten. Alles war absolut einwandfrei.
Die Zimmer rochen neu. Frisch und rein, aber zugleich robust und solide. Trotz der winterlichen Kälte war von der Feuchtigkeit, die draußen herrschte, nichts zu spüren.
»Ausgezeichnet.« Im größten Schlafzimmer des Hauses, direkt über der Bibliothek, suchte Tristan gezielt Billings Blick. »Wir werden Sie und Ihre Männer weiterempfehlen.«
Billings neigte den Kopf und nahm das Lob mit dem natürlichen Stolz eines Handwerkers an.
»Nun.« Tristan wandte sich dem Fenster zu; genau wie das Bibliotheksfenster bot es einen hervorragenden Ausblick auf den Garten der Carlings. »Wie lange wird es noch dauern, bis die Personalräume bezugsfertig sind? Angesichts unseres nächtlichen Besuchers möchte ich das Haus gerne sobald wie möglich bewohnt wissen.«
Billings überlegte. »Die Mansardenzimmer sind so gut wie fertig. Das könnten wir morgen Abend erledigt haben. Küche und Untergeschoss werden wohl noch ein, zwei Tage länger in Anspruch nehmen.«
Den Blick auf Leonora gerichtet, die in Begleitung ihres Hundes durch den Garten schlenderte, nickte Tristan zustimmend. »Das ist vollkommen ausreichend. Ich werde unserem künftigen Majordomus Bescheid geben; er wird morgen Nachmittag hier eintreffen. Seine Name ist Gasthorpe.«
»Mr Billings!«
Die Stimme kam von unten. Billings drehte sich um. »Wenn das alles wäre, Mylord, würde ich mich nun wieder meinen Pflichten zuwenden.«
»Danke, durchaus. Soweit ich sehe, ist alles zu unserer vollsten Zufriedenheit ausgeführt. Ich werde allein hinausgehen.« Tristan entließ den Mann mit einem Nicken; Billings neigte respektvoll den Kopf und entfernte sich.
Die Minuten verstrichen. Tristan blieb am Fenster stehen, die Hände in die Taschen seines Mantels vergraben, und beobachtete die anmutige Frauengestalt, die weit unter ihm durch den Garten schwebte. Er fragte sich, warum - aus welchem obskuren Grund - er das eigentlich tat, was er gerade im Begriff war zu tun. Er konnte seine äußeren Beweggründe durchaus benennen, aber waren es wirklich diese logischen Gründe, die sein Handeln motivierten? Oder lagen die wahren Gründe nicht vielmehr woanders?
Er sah, wie der große Jagdhund sich fest an Leonoras Seite drückte; beobachtete, wie sie auf ihn hinuntersah, um seinen riesigen Kopf zu streicheln, während der Hund zugleich in ehrfürchtiger Bewunderung zu ihr aufschaute.
Tristan wandte sich schnaubend ab; mit einem letzten Blick über die Schulter ging er zur Treppe.
 
»Guten Morgen.« Er schenkte dem alten Butler sein einnehmendstes Lächeln, gespickt mit einem verschwörerischen Ausdruck männlichen Mitgefühls hinsichtlich der Launen des weiblichen Geschlechts. »Ich wünsche Miss Carling zu sprechen. Wie ich sehe, ist sie im Garten - ich werde ihr ein wenig Gesellschaft leisten.«
Sein Titel, sein Auftreten und nicht zuletzt der exquisite Schnitt seines Mantels - ganz zu schweigen von seiner schamlosen Dreistigkeit - erzielten unweigerlich die gewünschte Wirkung; der Butler zeigte nicht mehr als ein flüchtiges Zögern, bevor er zustimmend den Kopf neigte. »Wie Sie wünschen, Mylord. Wenn Sie mir bitte folgen würden?«
Dem älteren Mann folgend, durchquerte er zuerst die Eingangshalle und dann einen gemütlichen Salon. Im Kamin knisterte ein lebhaftes Feuer; auf einem kleinen Beistelltisch lag eine gerade erst begonnene Stickarbeit.
Der Butler deutete auf die Verandatür. »Wenn Sie hinaustreten möchten?«
Mit einem Nicken betrat Tristan die kleine, mit Steinen befestigte Terrasse, an welche sich die Rasenfläche anschloss. Er schritt die Stufen hinunter, ging ums Haus herum und fand Leonora, wie sie gerade am anderen Ende des großen Rasens die Blüten einer Pflanze untersuchte. Sie hatte ihm den Rücken zugekehrt. Tristan ging zielstrebig auf sie zu; als er sich ihr näherte, nahm der Hund seine Witterung auf und wandte ihm den Kopf zu, Tristans Absichten aufmerksam einschätzend.
Der Rasen verhinderte, dass Leonora seine Schritte hörte. Aus einigen Metern Entfernung sprach Tristan sie an. »Guten Morgen, Miss Carling.«
Sie schnellte herum. Überrascht starrte sie ihn an und warf dann einen - fast vorwurfsvollen - Blick zum Haus.
Er unterdrückte ein Lächeln. »Ihr Butler war so freundlich, mir den Weg zu weisen.«
»Tatsächlich? Und was verschafft mir die Ehre?«
Bevor er ihre kühle und eindeutig bissige Frage beantwortete, hielt er der Hündin seine Hand hin; sie inspizierte und akzeptierte seinen Geruch und stupste schließlich den Kopf auffordernd in seine Handfläche, in der Hoffnung, ihn zu einigen Streicheleinheiten zu bewegen. Tristan gab ihrer Aufforderung nach und wandte sich dann der weniger fügsamen Dame ihm gegenüber zu. »Gehe ich recht in der Annahme, dass Ihr Onkel und Ihr Bruder trotz der wiederholten Einbruchsversuche von keiner andauernden Bedrohung ausgehen?«
Sie zögerte einen Augenblick. Ihr Gesichtsausdruck war skeptisch. Er vergrub die Hände in den Taschen seines Paletots; sie hatte ihm ihre Hand nicht angeboten, und er war keineswegs dumm genug, sein Glück herauszufordern. Er betrachtete ihr Gesicht aufmerksam. Als sie weiterhin beharrlich schwieg, murmelte er: »Ihre Loyalität ehrt Sie, doch in diesem Falle mag Ihre Haltung nicht die klügste sein. Meiner Einschätzung nach geht hier ein planvolles Handeln vor sich, auf welches die versuchten Einbrüche lediglich einen Hinweis liefern. Es handelt sich keineswegs um voneinander unabhängige Einzeltaten, sondern um verschiedene Vorfälle eines fortlaufenden Geschehens.«
Sein Vortrag zeigte Wirkung; Tristan beobachtete, wie sich vor ihrem geistigen Auge Zusammenhänge bildeten.
»Ich nehme an, es hat bereits weitere Vorfälle gegeben, und ich bin mir relativ sicher, dass es noch nicht die letzten waren.« Er hatte keineswegs vergessen, dass sie ihm etwas vorenthielt - dass neben den versuchten Einbrüchen noch andere Dinge vorgefallen sein mussten. Aber er wollte sie nicht drängen; ihm war klar, dass er bei ihr mit Zwang oder Drohungen nichts erreichte. Zwar hatte er mit beiden Techniken reichlich Erfahrung, doch bei gewissen Personen blieben sie vollkommen wirkungslos. Darüber hinaus legte er großen Wert auf ihre Zusammenarbeit, auf ihr Vertrauen.
Solange er nicht beides besaß, würden ihm womöglich wichtige Informationen vorenthalten bleiben. Und er würde die Bedrohung, die über ihr schwebte, nicht aus dem Weg räumen können.
Leonora hielt seinem Blick stand; sie rief sich in Erinnerung, dass man Männern vom Militär nicht über den Weg trauen konnte. Nicht einmal ehemaligen, denn sie waren eindeutig vom selben Schlag. Sie waren allesamt unzuverlässig, sowohl was ihre Aussagen und, schlimmer noch, was ihre Versprechungen anbelangte. Aber warum war er dann überhaupt hergekommen? Was hatte ihn zu diesem neuerlichen Besuch bewogen? Sie neigte den Kopf und sah ihn aufmerksam an. »In letzter Zeit hat es keine weiteren Vorfälle gegeben. Vielleicht hat sich dieses …«, sie gestikulierte, »Geschehen ja an einen anderen Ort verlagert.«
Er ließ einen kurzen Moment verstreichen und murmelte dann: »Das scheint mir bedauerlicherweise nicht der Fall zu sein.«
Tristan drehte sich um und betrachtete das stattliche Haus der Carlings. Es war das älteste in der Straße und großzügiger angelegt als die benachbarten Reihenhäuser, die zu einem späteren Zeitpunkt rechts und links angebaut worden waren.
»Ihr Haus grenzt unmittelbar an die Nachbargebäude an; vermutlich haben die Häuser auch gemeinsame Grundmauern?«
Sie ließ ihren Blick ebenfalls zum Haus schweifen - nicht, dass sie es nötig gehabt hätte, diese Tatsache zu überprüfen. »Ja«, sie runzelte nachdenklich die Stirn, seine Gedanken nachvollziehend.
Als er nichts weiter entgegnete, sondern still an ihrer Seite verharrte, presste sie die Lippen aufeinander und schaute mit leicht verkniffenem Blick zu ihm auf.
Er hatte bereits darauf gewartet, dass sie ihn ansah. Ihre Blicke trafen sich, blieben aneinander hängen - nicht in stiller Auseinandersetzung, sondern eher in Anerkennung ihrer jeweiligen Entschlossenheit und Stärke.
»Was ist geschehen?« Es musste etwas vorgefallen sein, oder aber er hatte etwas Neues in Erfahrung gebracht. »Was haben Sie herausgefunden?«
Trotz seiner lebhaften Gesichtszüge war er überaus schwer zu durchschauen. Er ließ einen Augenblick verstreichen, dann befreite er eine seiner Hände aus der Manteltasche.
Und ergriff ihre Hand.
Seine Finger umfassten ihr zierliches Handgelenk, seine Hand legte sich über die ihre. Schloss sich. Nahm diesen Teil von ihr vollständig in Besitz.
Sie ließ ihn gewähren; sie hatte keine andere Wahl. Tiefe Entspannung breitete sich über ihren Körper. Dann durchfuhr sie ein Beben, das auf seine Berührung zu antworten schien. Die Hitze seiner Hand sprang auf die ihre über. Wieder einmal versagte ihr der Atem.
Doch inzwischen hatte sie sich so weit an diese Reaktion gewöhnt, dass sie zumindest so tun konnte, als würde sie sie mühelos ignorieren. Sie hob ihr Kinn und zog in einer bewusst hochmütigen Geste eine Augenbraue hoch.
Seine Lippen wölbten sich leicht; sie wusste mit absoluter Sicherheit, dass dies kein Lächeln war.
»Lassen Sie uns ein paar Schritte gehen. Dann werde ich Ihnen alles berichten.«
Es war eine Herausforderung; seine haselnussbraunen Augen sahen sie durchdringend an. Dann zog er sie an sich heran. Während er an ihre Seite trat, legte er ihre Hand auf seinen Arm.
Sie atmete gezwungen ein, nickte höflich und ließ sich von ihm führen. Gemeinsam schlenderten sie quer über den Rasen zurück zum Salon - ihr Rock streifte seine Stiefel, seine Handfläche ruhte auf ihren Fingern.
Ihr war nur allzu deutlich bewusst, welche Stärke, welche schiere Männlichkeit sich da so nah - viel zu nah - an ihrer Seite bewegte. Seine Nähe wurde begleitet von einer Hitze, von Flammen, die danach trachteten aufzulodern. Sein starker Arm fühlte sich an wie von Stahl und war doch warm und lebendig. Ihre Finger kribbelten, ihre Handflächen glühten. Sie musste sich dazu zwingen, einen klaren Gedanken zu fassen. »Nun?« Sie warf ihm einen möglichst kühlen Blick zu. »Was haben Sie herausgefunden?«
Der Ausdruck in seinen hellbraunen Augen wurde härter. »Es hat nebenan einen seltsamen Vorfall gegeben. Es wurde dort eingebrochen, allerdings mit auffallender Vorsicht. Der Täter hat sich Mühe gegeben, möglichst wenige Hinweise zu hinterlassen, und er hat nichts mitgenommen.« Er machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: »Nichts außer dem Abdruck eines Schlüssels von einer Seitentür.«
Ihre Augen weiteten sich, während sie den Sinn seiner Worte in sich aufnahm. »Er wird also wiederkommen.«
Er nickte, seine Lippen waren fest aufeinandergepresst. Sein Blick wanderte hinüber zur Nummer zwölf, dann zurück zu ihr. »Ich werde Wache halten.«
Sie blieb stehen. »Heute Nacht?«
»Heute, morgen … Er wird sicher nicht lange auf sich warten lassen. Das Haus ist bald bezugsfertig. Was auch immer er sucht…«
»Er wird zuschlagen, bevor ihm die Bediensteten in die Quere kommen können.« Sie drehte sich schwungvoll zu ihm, in der Hoffnung, dabei beiläufig ihre Hand freizubekommen.
Er ließ seinen Arm leicht sinken, doch seine Hand schloss sich nur noch fester über der ihren.
Sie tat so, als würde sie es nicht bemerken. »Sie werden mich … uns doch gewiss auf dem Laufenden halten, nicht wahr?«
»Selbstverständlich.« Seine Stimme klang plötzlich eine Spur tiefer, voller; sie drang bis in ihr tiefstes Inneres vor. »Wer weiß? Womöglich erfahren wir nebenbei auch den Grund für … die übrigen Zwischenfälle.«
Sie machte große Augen. »Das wäre in der Tat eine glückliche Wendung.«
Ein eigentümlicher Ausdruck - weniger ein Lächeln als vielmehr ein Ausdruck von resignierter Ironie - breitete sich über sein Gesicht. Dann bewegte er plötzlich seine Hand und strich mit unverhohlener Absicht über die feine Haut an der Innenseite ihres Handgelenks.
Ihr Atem stockte. Schmerzhaft. Beinahe wäre ihr schwindelig geworden.
Sie hätte nicht erwartet, dass eine so winzige Berührung sie derart aus dem Konzept bringen würde. Sie konnte dem Drang nicht widerstehen, nach unten zu blicken und die hypnotische Liebkosung zu betrachten. Im selben Moment wurde ihr bewusst, wie vollkommen unpassend die ganze Situation war; mit einem Schlucken zwang sie sich dazu, ihre tatsächliche Reaktion zu verbergen und ihre gebannte Aufmerksamkeit in geziemender Weise zu begründen.
Während sie ihre umschlungene Hand weiterhin betrachtete, kommentierte sie: »Mir ist bekannt, dass Sie erst kürzlich in die Kreise der feinen Gesellschaft zurückgekehrt sind, aber dieses Verhalten hier zählt eindeutig nicht zu den gängigen Gepflogenheiten.«
Sie hatte versucht, ihre Aussage kühl und distanziert, ruhig und zugleich missbilligend klingen zu lassen, aber stattdessen klang ihre Stimme, sogar in ihren eigenen Ohren, vollkommen unnatürlich und gezwungen.
»Ich weiß.«
Die Bedeutung seiner Worte ließ sie abrupt aufblicken - zu seinem Gesicht, seinen Lippen. Seinen Augen. Und der unverhohlenen Absicht, die sich darin spiegelte.
Mit derselben berechnenden Entschlossenheit, welche sie zuvor bereits schockiert hatte, hielt er ihren fassungslosen Blick gebannt und hob langsam ihre Hand.
An seine Lippen.
Sie glitten leicht über ihre Knöchel hinweg; dann, ohne seinen Blick abzuwenden, drehte er ihre Hand herum und setzte einen glühend heißen Kuss in ihre zarte Handfläche.
Er hob den Kopf, zögerte einen Augenblick. Seine Nasenflügel bebten leicht, als wollten sie ihren Duft einsaugen. Sein Blick kehrte zurück zu ihrem, hielt ihn gebannt, gefesselt, während er seinen Kopf erneut sinken ließ, um seine Lippen an ihr Handgelenk zu drücken.
Genau an die Stelle, wo ihr Puls, gleich einem aufgescheuchten Reh, einen wilden Satz machte und panisch losraste.
Von der Berührung ausgehend, durchströmte eine intensive Hitze ihren Arm, ihre Adern.
Eine weniger starke Frau wäre gewiss ohnmächtig zu seinen Füßen zusammengesunken.
Doch der Ausdruck in seinen Augen hielt sie aufrecht, setzte in ihrem Innern ein Feuerwerk an Gefühlen frei und ließ sie äußerlich erstarren. Und langsam das Kinn heben. Aber sie wagte es nicht, den Blick zu unterbrechen.
Der räuberische Ausdruck in seinen Augen dauerte an, doch irgendwann senkten sich schwere Wimpern vor diesen Blick.
Als er sprach, klang seine Stimme noch tiefer, wie von Ferne grollender Donner, unterschwellig drohend. »Kümmern Sie sich um Ihren Garten.« Erneut suchte er ihren Blick. »Und überlassen Sie die Einbrecher mir.«
Er ließ ihre Hand unvermittelt los. Mit einem Nicken wandte er sich ab und schritt in Richtung Salontür davon.
 
Kümmern Sie sich um Ihren Garten.
Er hatte nicht die Pflanzen gemeint. »Kümmern Sie sich um Haus und Herd«, war die unterschwellige Devise, die sie als Frau dazu aufforderte, ihre gesamte Energie auf die Zuständigkeitsbereiche zu lenken, welche die Gesellschaft ihr zubilligte: Mann und Kinder - Heim und Herd.
Leonora hatte jedoch weder Mann noch Kinder und ließ sich nicht gerade gerne an diese Tatsache erinnern. Schon gar nicht, nachdem Trentham mit seinen gekonnten Liebkosungen eine solch unerwartete Wirkung in ihr hervorgerufen hatte.
Was hatte er sich nur dabei gedacht?
Sie hatte eine dunkle Ahnung, die ihre Wut jedoch nur noch verstärkte.
Den Rest des Tages stürzte sie sich in die verschiedensten Tätigkeiten, nur um nicht eingehender über ihre Begegnung im Garten nachdenken zu müssen. Um die bewusste Provokation, die Trenthams Worte in ihren Augen darstellten, geflissentlich zu ignorieren. Um ihre Wut im Zaum zu halten und sich nicht von ihr mitreißen zu lassen.
Selbst als Mark Whorton sie gebeten hatte, ihre Verlobung zu lösen - während sie selbst angenommen hatte, er wolle ihren Heiratstermin festlegen -, hatte sie meisterlich die Fassung bewahrt. Sie hatte sich inzwischen längst darauf eingestellt, selbst Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. Einen sicheren Kurs zu steuern, bedeutete gleichsam, das Steuer fest in der Hand zu behalten.
Und jeder Provokation seitens eines noch so erfahrenen männlichen Wesens aus dem Wege zu gehen.
Nachdem sie mit Humphrey und Jeremy zu Mittag gegessen hatte, verbrachte sie den Nachmittag mit Anstandsbesuchen. Zunächst begab sie sich zu ihren Tanten, die entzückt waren, sie zu sehen, obgleich sie mutwillig zu früh erschienen war, um sich den fashionablen Gästen zu entziehen, die zu späterer Stunde den Salon ihrer Tante Mildred frequentieren würden; dann besuchte sie einige entferntere Verwandte, bei denen sie von Zeit zu Zeit vorbeischaute. Man konnte ja nie wissen, ob die älteren Damen nicht einmal Hilfe benötigten.
Um fünf Uhr kehrte Leonora nach Hause zurück, um das Abendessen zu überwachen und sicherzustellen, dass Humphrey und Jeremy das Essen nicht vollständig vergaßen. Nach dem Essen zogen sich die beiden Männer umgehend wieder in die Bibliothek zurück.
Leonora ging stattdessen in den Wintergarten.
Um Trenthams Enthüllungen zu überdenken und sich über die weiteren Schritte Gedanken zu machen.
Sie setzte sich in ihren Lieblingssessel, die Arme auf den schmiedeeisernen Tisch gestützt, und beschloss, nicht weiter über Trenthams dreiste Anweisung nachzudenken, sondern ihre Aufmerksamkeit stattdessen den Einbrechern zuzuwenden.
Eines stand fest: Trentham war ein Adeliger. Auch wenn die gesellschaftlichen Kreise Londons im Februar noch recht dünn besät waren, war er gewiss zu irgendeinem Dinner geladen oder wurde bei irgendeiner edlen Soiree erwartet. Und falls nicht, würde er mit Sicherheit einen seiner Klubs aufsuchen, um dort zu spielen oder einfach nur die Gesellschaft seiner Standesgenossen zu genießen. Und wenn nicht das, so blieben ihm immer noch die Verlockungen der Demimonde; sie war beileibe nicht so naiv zu glauben, dass er - angesichts seiner Aura von räuberischer Sinnlichkeit - in jener Halbwelt nicht schon die eine oder andere Erfahrung gesammelt hatte.
Die Einbrecher ihm überlassen? Sie unterdrückte ein verächtliches Schnauben.
Es war acht Uhr, draußen war es bereits stockdunkel. Nebenan erkannte sie schemenhaft den schweren, schwarzen Umriss des Nachbarhauses. Kein Lichtschein drang aus den Fenstern, kein Vorhang bewegte sich - es war unschwer zu erkennen, dass dieses Haus unbewohnt war.
Sie war dem jähzornigen alten Mr Morrissey - ungeachtet dessen, dass er ein unverbesserlicher Schurke war - immer eine gute Nachbarin gewesen; und er hatte ihr ihre Besuche gedankt. Sie hatte ihn nach seinem Tod vermisst. Das Haus war an Lord March, einen entfernten Verwandten, gefallen, der eine stattliche Villa in Mayfair besaß und mit einem Haus in Belgravia nichts anfangen konnte. Der Verkauf hatte sie nicht überrascht.
Anscheinend waren Trentham und seine Freunde mit Lord March bekannt. Vermutlich waren Seine Lordschaft wie auch Trentham gerade in diesem Moment damit beschäftigt, sich auf eine lange Nacht im Trubel der Stadt vorzubereiten.
Leonora lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und rüttelte mühsam an der kleinen Schublade unterhalb der Tischplatte, die beharrlich klemmte. Als sie sie endlich geöffnet hatte, fiel ihr Blick auf einen großen, schweren Schlüssel, der halb unter alten Zetteln und Notizen begraben lag.
Sie nahm den Schlüssel und legte ihn vor sich auf den Tisch.
Hatte Trentham wohl daran gedacht, die Schlösser auswechseln zu lassen?