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All seiner Naivität zum Trotz hatte Jeremy
zumindest in einer Hinsicht recht: Tristan betrachtete ihre
Verbindung nunmehr als offiziell anerkannt und gebilligt.
Die Warsinghams verabschiedeten sich als Erste,
begleitet von Gertie. Als Humphrey und Jeremy sich ebenfalls
anschickten zu gehen, hielt Tristan Leonoras Hand auf seinem Arm
gefangen und erklärte, es gebe noch einige wichtige Angelegenheiten
bezüglich ihrer gemeinsamen Zukunft, die sie unter vier Augen
besprechen sollten. Er werde Leonora in etwa einer halben Stunde in
seiner Kutsche nach Hause fahren.
Er erklärte dies mit einer solchen Beiläufigkeit
und Selbstsicherheit, dass alle nur gefügig nickten und sich zum
Gehen wandten.
Humphrey und Jeremy fuhren nach Hause; Tristans Großtanten und
Cousinen wünschten ihnen eine gute Nacht und zogen sich
zurück.
Und gaben ihm hiermit die Möglichkeit, Leonora
in die Bibliothek zu führen, wo sie endlich allein sein
würden.
Er erteilte Havers einige Anweisungen bezüglich
der Kutsche. Leonora trat vor den Kamin, in dem ein flackerndes
Feuer brannte, das den Raum angenehm erwärmte. Draußen herrschte
ein rauer Wind, dichte Wolken verhüllten den Mond; es war kein
behaglicher Abend.
Sie streckte ihre Hände in Richtung Feuer und
hörte, wie die Tür sanft ins Schloss fiel; dann spürte sie, wie
Tristan sich ihr näherte.
Sie drehte sich um; zugleich schob er seine
Hände um ihre Taille. Ihre Hände legten sich gegen seine Brust. Sie
blickte ihm tief in die Augen. »Ich bin froh, dass du uns diese
Gelegenheit verschafft hast. Es gibt einige Dinge, über die wir
reden sollten.«
Er blinzelte sie an. Er ließ sie weder los, noch
zog er sie näher an sich heran. Ihre Hüften und Oberschenkel
berührten sich verführerisch leicht; ihre Brüste streiften zart
seinen Oberkörper. Seine Hände hielten ihre Taille fest; er umarmte
sie nicht, und doch war sie in seinen Armen, in seinem Griff
gefangen. Er blickte ihr in die Augen. »Worüber sollten wir
reden?«
»Etwa darüber, wo wir in Zukunft leben werden,
und über deine Vorstellungen, wie unser gemeinsames Leben aussehen
sollte.«
Er zögerte, dann fragte er: »Möchtest du hier in
London leben, inmitten der feinen Gesellschaft?«
»Nicht unbedingt. Ich habe mich eigentlich nie
besonders dazu hingezogen gefühlt. Ich fühle mich zwar nicht unwohl
in der Gesellschaft, aber ich sehne mich auch nicht gerade nach
ihren zweifelhaften Vergnüglichkeiten.«
Seine Lippen zuckten. Er neigte seinen Kopf
herab. »Dem Himmel sei Dank.«
Sie legte einen Finger auf seine Lippen, bevor
er ihren begegnen konnte. Sie spürte, wie seine Hände ihre Taille
freigaben und stattdessen
über ihren in Seide gehüllten Rücken glitten. Sie blickte ihn
unter ihren langen Wimpern an und atmete hastig ein. »Dann werden
wir also auf Mallingham Manor leben?«
Die Bewegungen seiner Lippen gegen ihren Finger
waren höchst ablenkend. »Wenn du es ertragen kannst, dich dem
Landleben zu opfern.«
»Surrey ist ja nun nicht gerade der Inbegriff
einsiedlerischer Ländlichkeit.« Sie ließ ihre Hand sinken.
Seine Lippen kamen immer näher, schwebten nur
wenige Zentimeter über den ihren. »Ich dachte dabei mehr an meine
geliebten alten Damen. Kannst du die auch ertragen?«
Er wartete; sie versuchte krampfhaft, ihren
Verstand zu bewahren. »Ja.« Sie verstand die alten Damen recht gut,
akzeptierte ihre Art; sie sah keinerlei Schwierigkeiten darin, mit
ihnen auszukommen. »Ich finde sie alle überaus freundlich. Ich
verstehe sie, und sie verstehen uns.«
Er gab ein spöttisches Geräusch von sich; es
flatterte geradewegs gegen ihre Lippen und ließ sie pulsieren.
»Du magst sie vielleicht verstehen, ich
hingegen stehe ihnen regelmäßig ratlos gegenüber. Vor ein paar
Monaten haben sie mir etwas über die Vorhänge im Pfarrhaus erzählt,
das meine geistigen Fähigkeiten völlig überstieg.«
Sie fand es überaus schwierig, nicht laut zu
lachen; angesichts seiner viel zu nahen Lippen erschien ihr dies
jedoch viel zu riskant, so als wolle sie einem lauernden Wolf
gegenüber leichtsinnig werden.
»Du wirst also wirklich ganz mir gehören?«
Sie war gerade im Begriff, dem Lachen
nachzugeben und ihm ihren Mund wie ihren gesamten Körper zum Beweis
hinzugeben, als irgendetwas in seinem Ton sie aufhorchen ließ; sie
begegnete seinem Blick und begriff, dass es ihm bitterernst war.
»Ich gehöre dir längst. Und das weißt du.«
Seine Lippen, deren Nähe sie immer noch
ablenkte, zuckten ein wenig; er zog sie näher an sich heran, und
seine Unruhe sprang auf
sie über, erfasste sie gleichsam in einer Welle deutlich spürbarer
Unwägbarkeiten. Die Berührung und ihre Nähe entzündeten ein Feuer
zwischen ihnen; er neigte seinen Kopf und streifte mit seinen
Lippen ihren Mundwinkel.
»Ich bin kein gewöhnlicher Gentleman.«
Die Worte huschten über ihre Wange.
»Ich weiß.« Sie drehte ihren Kopf und begegnete
seinen Lippen.
Nach einem kurzen Moment unterbrach er den Kuss,
um seine Lippen nach oben wandern zu lassen, über ihre
Wangenknochen hinauf zu ihren Schläfen, dann langsam hinunter, bis
sein Atem die zarte Vertiefung unter ihrem Ohr streifte.
»Ich habe zehn Jahre lang ein gefährliches Leben
geführt, das jenseits von allen Gesetzen lag. Ich bin nicht so
zivilisiert, wie ich es sein sollte. Das ist dir doch bewusst,
oder?«
Natürlich wusste sie das; dieses Wissen kitzelte
ihre Nerven, eine süße Vorahnung breitete sich wie glühende Seide
über ihren Körper. Doch konkreter auf die eigentliche Frage
bezogen, musste sie erstaunlicherweise feststellen, dass er sich
ihrer nach wie vor nicht vollständig sicher war. Und was er ihr
auch immer hatte sagen wollen, es brannte ihm noch immer auf der
Seele, und sie musste ihn anhören.
Sie schob ihre Arme nach oben, hielt sein
Gesicht mit beiden Händen fest umfangen und küsste ihn kühn. Sie
bannte ihn, fesselte ihn, riss ihn mit sich. Sie drängte sich ihm
entgegen. Spürte seine Reaktion, spürte seine starken Hände auf
ihrem Rücken, die sie zunächst nur hielten und sie dann fest gegen
seinen Körper zogen.
Als sie ihn schließlich wieder freigab, hob er
den Kopf und sah auf sie herab; seine Augen waren verdunkelt und
aufgewühlt.
»Erzähl es mir.« Ihre Stimme klang rau, aber
bestimmt. Fordernd. »Was wolltest du mir sagen?«
Er ließ einige Zeit verstreichen; sie spürte
deutlich ihrer beider Atem und das wilde Pulsieren in ihren Adern.
Sie dachte schon, er
würde ihr nicht mehr antworten, doch dann holte er knapp Luft. Er
löste seinen Blick keine Sekunde lang von ihrem, als er die Worte
mit heftiger Nachdrücklichkeit hervorpresste.
»Begib dich niemals in
Gefahr.«
Er musste nicht mehr sagen, alles Weitere stand
in seinen Augen geschrieben. Klar und deutlich. Eine
Verletzlichkeit, die so tief in ihm verwurzelt war, dass er sie
niemals würde ablegen können, solange Leonora ihm gehörte.
Es war ein Zwiespalt, der sich nicht beseitigen,
sondern nur akzeptieren ließ. Und mit seinem Entschluss, sie zu
heiraten, hatte er genau das getan.
Sie lehnte sich gegen ihn, ihre Hände noch immer
um sein Gesicht gelegt. »Ich werde mich niemals bewusst in Gefahr
begeben. Ich habe mich entschlossen, dir zu gehören; ich habe fest
vor, mich auch weiterhin in die Rolle zu fügen, dir wichtig zu sein.« Sie hielt seinen Blick fest.
»Glaube mir das.«
Seine Züge wurden härter; er ignorierte ihre
Hände und senkte seinen Kopf. Er schenkte ihr einen glühenden Kuss,
der beinahe unbeherrscht wilde Züge annahm.
Er unterbrach sich, um gegen ihre Lippen zu
hauchen: »Das will ich versuchen, wenn du mir versprichst, eines
nie zu vergessen. Wenn du scheiterst, bezahlen wir beide den
Preis.«
Sie strich über seine kantigen Wangen. Wartete,
bis er ihrem Blick erneut begegnete. »Ich werde nicht scheitern.
Ebenso wenig wie du.«
Ihre Herzen pochten; vertraute Flammen züngelten
hungrig über ihre Haut. Sie studierte seine Augen. »Das hier«, sie
drückte sich geschmeidig an seinen Körper, sodass sein Atem
stockte, »ist vom Schicksal vorherbestimmt. Wir haben es nicht
beschlossen - weder du noch ich -, es war einfach da und hat nur
darauf gewartet, uns zu verlocken. Unsere Herausforderung besteht
nun darin, es auch funktionieren zu lassen. Es ist keine Aufgabe,
der wir uns entziehen oder die wir ablehnen könnten; nicht, wenn
wir das hier beide wollen.«
»Und ob ich es will; und noch viel mehr. Ich
lasse dich nie wieder gehen. Aus keinem Grund der Welt.
Niemals.«
»Und damit haben wir uns festgelegt, du und
ich.« Sie hielt seinem immer eindringlicher werdenden Blick stand.
»Und wir werden dafür sorgen, dass es funktioniert.«
Einen Herzschlag lang geschah nichts. Dann
neigte er sich zu ihr herunter; sein Griff wurde fester, er zog sie
an sich heran.
Sie ließ ihre Hände gegen seine Schultern sinken
und stützte sich dagegen. »Aber …«
Er stutzte, sah ihr in die Augen. »Aber
was?«
»Aber für heute ist unsere Zeit leider
abgelaufen.«
Sie hatte recht. Tristan hielt sie noch fester
umschlungen, küsste sie besinnungslos, brachte sich dann, all
seinem inneren Widerstand zum Trotz, unter Kontrolle und stellte
sie grimmig auf die Füße.
Sie sah ebenso verdrießlich aus, wie er sich
fühlte - ein erbärmlicher Trost.
Später.
Sobald sie Mountford erst einmal am
Schlafittchen hatten, stand ihrem Glück nichts mehr im Wege.
Seine Kutsche wartete bereits; er geleitete
Leonora nach draußen, half ihr beim Einsteigen und folgte ihr. Als
der Wagen auf dem nassen Pflaster holpernd anfuhr, kam er auf ein
Thema zurück, das sie noch nicht zu Ende geführt hatten. »Warum
glaubt Humphrey, dass einige Teile von Cedrics Arbeit fehlen? Woher
will er das wissen?«
Leonora lehnte sich neben ihm auf der Bank
zurück. »Cedrics Bücher enthalten Beschreibungen von Experimenten;
was gemacht wurde und was dabei herauskam. Was hingegen fehlt, sind
die Auswertungen der Versuche, Hypothesen, Schlüsse. Carruthers
Briefe nehmen zum Teil auf Cedrics Experimente Bezug, zum Teil auch
auf andere, von denen Onkel Humphrey und Jeremy annehmen, dass es
wohl seine eigenen sind, und zudem auf die Notizen, die wir in
Cedrics Zimmer gefunden haben. Onkel Humphrey glaubt, dass
diese zumindest teilweise mit den in Carruthers Briefen erwähnten
Versuchen in Verbindung stehen.«
»Das heißt, Cedric und Carruther haben
anscheinend Einzelheiten verschiedener Versuche
ausgetauscht?«
»Genau. Allerdings ist sich Onkel Humphrey bis
jetzt nicht sicher, ob sie an einem gemeinsamen Projekt gearbeitet
oder lediglich Neuigkeiten ausgetauscht haben. Vor allen Dingen hat
er noch keinerlei Hinweis darauf gefunden, womit sich dieses
gemeinsame Projekt, wenn es das je gegeben hat, beschäftigt haben
könnte.«
Tristan ließ sich die Informationen durch den
Kopf gehen, insbesondere hinsichtlich der Frage, ob Martinbury,
Carruthers Erbe, in diesem Lichte an Bedeutung gewann oder verlor.
Die Kutsche verlangsamte ihre Fahrt und kam zum Stehen. Er warf
einen flüchtigen Blick hinaus, kletterte dann vor dem Haus der
Carlings auf den Gehsteig und half Leonora herunter.
Über ihren Köpfen ließ der heftige Wind die
finstere Wolkendecke allmählich aufreißen. Leonora hakte sich bei
ihm ein; er blickte sie an, während er ihr das Tor öffnete. Sie
gingen den verschlungenen Pfad entlang und waren beide
augenblicklich fasziniert von Cedrics fantastischer Schöpfung, von
den seltsam geformten Blättern und Büschen, die vom Regen benetzt
im launenhaften Mondlicht unregelmäßig glänzten.
Licht drang ihnen von der Eingangshalle her
entgegen. Als sie die Stufen hinaufstiegen, öffnete sich die
Tür.
Jeremy spähte hinaus, sein Gesicht war
angespannt. Er entdeckte sie, und seine Züge entspannten sich. »Es
wurde aber auch Zeit! Dieser Verbrecher hat bereits mit dem Graben
begonnen.«
Mucksmäuschenstill verharrten sie in der
Waschküche neben dem Spülstein und lauschten auf das stetige,
schabende Geräusch von jemandem, der Mörtel zwischen den Steinen
herauskratzte.
Tristan gemahnte Leonora und Jeremy zu absoluter
Ruhe, dann legte er seine Hand an die Stelle der Wand, von wo aus
das Geräusch zu kommen schien.
Nach einem kurzen Augenblick nahm er die Hand
wieder weg und bedeutete den beiden, den Raum zu verlassen. Am
Eingang zur Waschküche stand einer der Diener und wartete. Leonora
und Jeremy traten lautlos an ihm vorbei; Tristan blieb stehen.
»Gute Arbeit.« Seine Stimme war gerade laut genug, dass der Diener
ihn verstehen konnte. »Ich bezweifle, dass sie heute Nacht die Wand
durchbrechen, aber wir werden sicherheitshalber eine Wache
aufstellen. Schließen Sie die Tür und stellen Sie sicher, dass
niemand hier in der Nähe irgendwelche ungewöhnlichen Geräusche
verursacht.«
Der Diener nickte. Tristan trat an ihm vorbei
und folgte den anderen in die Küche am Ende des Ganges. Ihren
Gesichtern nach zu urteilen, platzten Leonora und Jeremy geradezu
vor Fragen; er bedeutete ihnen, sich noch ein wenig zu gedulden,
und wandte sich stattdessen Castor und den männlichen Dienern zu,
die gemeinsam mit dem übrigen Personal hier unten versammelt
waren.
Ohne große Umschweife teilte Tristan das
männliche Personal in Wachschichten ein und versicherte der
Haushälterin, der Köchin sowie den Dienstmädchen, dass der
Einbrecher sie keinesfalls im Schlaf überraschen werde.
»Bei diesem Tempo werden sie zweifellos mehrere
Nächte benötigen, um genügend Steine zu lösen, damit ein Mann sich
hindurchzwängen kann. Schneller können sie ohne Meißel und Hammer
nicht arbeiten, und das würde zu viel Lärm verursachen.« Er ließ
seinen Blick über das Personal schweifen. »Wer hat das Kratzen
zuerst bemerkt?«
Ein Hausmädchen errötete und knickste. »Ich, Sir
… Mylord. Ich bin reingegangen, um das zweite Bügeleisen aus dem
Feuer zu holen, und da hab ich was gehört. Ich dachte erst, es wär
nur eine Maus, und dann ist mir wieder einfallen, was Mr Castor
über komische Geräusche und dergleichen gesagt hat, und drum bin
ich gleich zu ihm hingegangen und hab ihm davon erzählt.«
»Gut gemacht«, sagte Tristan und betrachtete die
Körbe voller
Laken und Tischwäsche, die zwischen den Hausmädchen und dem Ofen
aufgereiht standen. »War heute Waschtag?«
»Jawohl.« Die Haushälterin nickte bestätigend.
»Der Hauptwaschtag ist immer ein Mittwoch und montags drauf wird
dann noch einmal Kleinwäsche gemacht.«
Tristan blickte sie einen Moment lang schweigend
an, dann sagte er: »Ich habe noch eine letzte Frage. Hat einer von
Ihnen innerhalb der letzten Monate, sagen wir seit November, einen
Mann gesehen oder gesprochen, auf den eine der folgenden
Beschreibungen passt?« Mit einigen knappen Sätzen beschrieb er
ihnen Mountford und dessen finsteren Handlanger.
»Wie bist du darauf gekommen?«, fragte Leonora,
als sie wieder in der Bibliothek waren.
Die beiden ältesten Dienstmädchen sowie einer
der Diener waren zu verschiedenen Gelegenheiten im November
unabhängig voneinander angesprochen worden, die Dienstmädchen von
Mountford persönlich, der Diener von dessen Komplizen. Die
Hausmädchen hatten in ihrem Gesprächspartner einen neuen Verehrer
gesehen, der Diener einen unerwartet betuchten neuen Bekannten, der
ihn zu einem Ale nach dem anderen einlud.
Tristan ließ sich neben Leonora auf die
Chaiselongue sinken und streckte seine Beine aus. »Ich habe mich
fortwährend gefragt, warum Mountford das Haus zuerst kaufen wollte.
Wie konnte er wissen, dass Cedrics Werkstatt so lange verschlossen
und unberührt geblieben war? Er konnte von außen nicht hineinsehen;
die Fenster sind viel zu alt, trüb und gesprungen, als dass man
durch sie hindurch irgendetwas erkennen könnte.«
»Er wusste es, weil er die Hausmädchen
ausgetrickst hat.« Jeremy saß an seinem üblichen Platz hinter dem
Schreibtisch. Humphrey saß in seinem Sessel vor dem Kamin.
»Ganz recht. Und auf diese Weise hat er auch
noch andere Dinge in Erfahrung gebracht«, Tristan warf einen Blick
auf Leonora, »wie etwa deine Vorliebe, allein durch den Garten zu
spazieren. Und zu
welchen Zeiten du normalerweise hinausgehst. Er hat sich
monatelang mit eurem Haushalt beschäftigt und die Lage hervorragend
ausgekundschaftet.«
Leonora runzelte die Stirn. »Das beantwortet
aber immer noch nicht die Frage, woher er überhaupt wusste, dass es
hier etwas zu finden gibt.« Sie sah zu Humphrey hinüber, der eines
von Cedrics Tagebüchern offen auf dem Schoß liegen hatte. »Wir
wissen bis jetzt nicht mit Sicherheit, ob sich in diesem Haus
irgendetwas Wertvolles verbirgt. Wir nehmen es nur an aufgrund von
Mountfords Interesse.«
Tristan drückte ihre Hand. »Glaube mir, Leute
wie Mountford zeigen erst dann Interesse, wenn auch wirklich etwas
dabei herausspringt.«
Und das Interesse
ausländischer Gentlemen ist noch weitaus schwieriger zu
fesseln. Doch diesen Kommentar behielt Tristan für sich. Er sah
Humphrey an. »Irgendwelche Fortschritte?«
Humphreys wortreiche Antwort ließ sich knapp mit
»nein« zusammenfassen.
Am Ende seiner umfangreichen Ausführungen
richtete Tristan sich auf. Sie waren allesamt aufgewühlt; es würde
ihnen schwerfallen, Schlaf zu finden, während Mountford sich zur
gleichen Zeit an der Kellermauer zu schaffen machte.
»Und was glaubst du, wird nun als Nächstes
geschehen?«, fragte Leonora.
Er sah sie an. »Heute Nacht erst einmal gar
nichts. In der Hinsicht kannst du beruhigt sein. Wenn sie unsere
Aufmerksamkeit nicht erregen wollen, werden sie mindestens drei
Nächte lang beharrlich arbeiten müssen, um eine Öffnung zu
schaffen, die groß genug ist, dass ein Mann hindurchklettern
kann.«
»Ich habe eher Sorge, wir könnten seine Aufmerksamkeit erregen.«
Er lächelte. »Ich habe meine Männer ringsum
postiert. Sie werden Tag und Nacht Wache halten. Nun, da Mountford
schon einmal in der Falle sitzt, wird er nicht mehr
herauskommen.«
Leonora blickte ihm tief in die Augen; auf ihren
Lippen lag ein stummes »Oh«.
Jeremy schnaubte. Er griff nach dem Stapel
Notizen, die sie in Cedrics Schlafzimmer gefunden hatten. »Wir
sehen besser zu, dass wir weiterkommen. Irgendwo hier drin muss
sich ja wohl ein Hinweis befinden. Obwohl ich mich nach wie vor
frage, warum unser teurer verstorbener Verwandter nicht einfach ein
gewöhnliches Verweissystem benutzt hat.«
Humphrey prustete verächtlich. »Weil er ein
Wissenschaftler war - darum. Ohne jede Rücksicht auf diejenigen,
die sich seiner Arbeit annehmen müssen, wenn er einmal nicht mehr
da ist. Ich bin in meinem ganzen Leben noch keinem Wissenschaftler
begegnet, der anders gewesen wäre.«
Tristan stand auf und streckte sich. Er
wechselte einen Blick mit Leonora. »Ich muss mir unsere weitere
Vorgehensweise noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Ich werde
morgen früh vorbeikommen, dann werden wir eine Entscheidung
treffen.« Er sah Humphrey an, doch seine Worte galten ebenso
Jeremy. »Ich werde vermutlich einige meiner Kollegen mitbringen.
Darf ich Sie darum bitten, ihnen eine Zusammenfassung von dem zu
geben, was Sie bislang herausgefunden haben?«
»Selbstverständlich.« Humphrey machte eine
entlassende Geste. »Wir sehen Sie beim Frühstück.«
Jeremy blickte nur flüchtig auf.
Leonora geleitete Tristan zur Tür. Sie teilten
rasch einen verstohlenen und höchst unbefriedigenden Kuss, ehe
Castor - getrieben von seinem unerschütterlichen Butlerinstinkt -
in der Eingangshalle erschien, um die Tür zu öffnen.
Tristan blickte in Leonoras verschattete Augen.
»Schlaf gut. Und sei unbesorgt, dir droht keine Gefahr.«
Sie begegnete seinem Blick, dann lächelte sie.
»Ich weiß. Ich habe ja einen eindeutigen Beweis.«
Er zog verständnislos die Augenbrauen
hoch.
»Du lässt mich schließlich hier allein.«
Er musterte ihren Gesichtsausdruck, fand tiefes
Verständnis darin. Er verabschiedete sich von ihr und ging
hinaus.
Am nächsten Morgen trafen sich Tristan, Charles
und Deverell im Bastion-Klub kurz nach Sonnenaufgang. Sie
benötigten ausreichend Licht, während sie das Haus Montrose Place
Nummer sechzehn von allen Seiten gründlich untersuchten. Sie
überprüften jeden möglichen Fluchtweg, kontrollierten die
Wachposten, die Tristan bereits aufgestellt hatte, und sorgten, wo
nötig, für Verstärkung.
Um halb acht begaben sie sich schließlich in das
ersammlungszimmer des Klubs und tauschten sich über die Maßnahmen
aus, die jeder Einzelne seit dem Vorabend erledigt oder in Gang
gebracht hatte. Um acht Uhr gingen sie hinüber zu den Carlings, wo
sie Humphrey und Jeremy - müde nach einer arbeitsreichen Nacht -
sowie die eifrige Leonora antrafen, die sie allesamt bereits
erwarteten.
Und zwar mit einem überaus reichhaltigen
Frühstück. Leonora hatte extra angeordnet, den Herren eine
großzügige Stärkung zu servieren.
Leonora saß am Kopfende des Tisches und nippte
an ihrem Tee; über den Tassenrand hinweg betrachtete sie die drei
gefährlichen Männer, die nun hier in ihrem Frühstückszimmer
saßen.
Sie traf St. Austell und Deverell heute zum
ersten Mal; ein Blick reichte aus, um die Gemeinsamkeiten zwischen
ihnen und Tristan zu bemerken. Beide Männer schienen durch ihre
reine Anwesenheit zur Vorsicht zu gemahnen, so wie Leonora es
anfangs auch bei Tristan empfunden hatte; sie würde ihnen nicht
trauen - nicht so ohne Weiteres, nicht wie eine Frau einem Mann
normalerweise traute -, bevor sie sie nicht deutlich besser
kannte.
Sie sah Tristan an, der neben ihr Platz genommen
hatte. »Du sagtest, du wolltest die weitere Vorgehensweise mit uns
besprechen.«
Er nickte. »Genauer gesagt, wie wir mit der
derzeitigen Situation am besten verfahren.« Er warf Humphrey einen
Blick zu. »Ich würde vorschlagen, ich skizziere kurz die Lage, und
Sie korrigieren
mich, wenn sich inzwischen irgendetwas Neues ergeben haben
sollte.«
Humphrey nickte zustimmend.
Tristan starrte vor sich auf den Tisch, offenbar
um seine Gedanken zu sammeln. »Wir wissen, dass Mountford es auf
etwas abgesehen hat, was seiner Ansicht nach in diesem Haus
versteckt ist. Er verfolgt sein Ziel mit absoluter
Entschlossenheit, Hartnäckigkeit und Unnachgiebigkeit - und das
bereits seit Monaten. Er scheint zunehmend unter Druck zu geraten
und wird vermutlich erst dann aufgeben, wenn er sein Ziel erreicht
hat. Es gibt zudem eine Verbindung zwischen Mountford und einem
Ausländer, die möglicherweise von Bedeutung sein könnte. Mountford
ist nunmehr an Ort und Stelle und versucht, sich über die
Kellermauern Zugang zu diesem Haus zu verschaffen. Er hat einen uns
bekannten Komplizen, den spitzgesichtigen Handlanger.« Tristan
unterbrach sich, um einen Schluck Kaffee zu trinken. »So weit also
unsere Einschätzung des Gegners; und nun zum Gegenstand seines
Interesses. Unsere wahrscheinlichste Vermutung geht dahin, dass es
sich hierbei um eine Entdeckung handelt, die der verstorbene Cedric
Carling, der Vorbesitzer des Hauses und ein renommierter Botaniker,
gemacht haben könnte, möglicherweise in Zusammenarbeit mit einem
weiteren Pflanzenkundler, A.J. Carruther, der inzwischen leider
ebenfalls verstorben ist. Cedrics Tagebücher sowie Carruthers
Briefe und Notizen - alles, was wir bislang finden konnten - deuten
auf eine Zusammenarbeit hin, der Gegenstand ihrer Arbeit bleibt
jedoch weiterhin unklar.« Tristan wandte seinen Blick zu
Humphrey.
Humphrey sah Jeremy an und bedeutete ihm,
Bericht zu erstatten.
Jeremy sah die Anwesenden der Reihe nach an.
»Wir haben dreierlei Informationsquellen: Cedrics Tagbücher, die
Briefe von Carruther an Cedric und eine ganze Reihe von Carruthers
Notizen, von denen wir annehmen, dass sie als Anlage zu den Briefen
mitgeschickt wurden. Ich persönlich habe mich auf die Briefe und
Notizen konzentriert. Einige der Notizen beschreiben einzelne
Experimente,
auf die in den Briefen Bezug genommen wird. Alle Verbindungen, die
wir bisher feststellen konnten, deuten darauf hin, dass Cedric und
Carruther gemeinsam an der Zusammensetzung einer bestimmten
Substanz arbeiteten. Sie diskutierten die Eigenschaften einer
bestimmten Flüssigkeit, die durch diese Substanz in besonderer
Weise beeinflusst werden sollte.« Jeremy hielt inne und verzog das
Gesicht. »Es wird nirgends ausdrücklich gesagt, um welche
Flüssigkeit es sich handelt, aber aus den diversen Hinweisen würde
ich schließen, dass es dabei um Blut geht.«
Dieser letzte Kommentar zeigte bei Tristan, St.
Austell und Deverell eine deutliche Wirkung. Leonora beobachtete,
wie sie vielsagende Blicke austauschten.
»Also«, murmelte St. Austell, während er Tristan
intensiv ansah. »Demnach haben wir zwei renommierte
Pflanzenkundler, die zusammen an einer Substanz gearbeitet haben,
die den Zustand von Blut beeinflussen soll, und noch dazu eine
mögliche Verbindung ins Ausland.«
Tristans Ausdruck hatte sich verhärtet. Er
nickte Jeremy zu. »Damit wäre auch die letzte Unklarheit, die ich
hinsichtlich unserer Vorgehensweise noch hatte, aus der Welt
geschafft. Carruthers Erbe, Jonathon Martinbury, ein
rechtschaffener, ehrlicher junger Mann, ist auf mysteriöse Weise
verschwunden, nachdem er als Reaktion auf einen Brief, der nach der
Zusammenarbeit von Carruther und Cedric fragte, früher als geplant
nach London kam. Er stellt ganz offensichtlich eine zentrale Figur
in diesem Spiel dar.«
»In der Tat.« Deverell sah Tristan an. »Ich
werde meine Leute also ebenfalls darauf ansetzen.«
Leonora blickte von einem zum anderen. »Worauf
ansetzen?«
»Es ist nun wichtiger denn je, Martinbury
umgehend zu finden. Falls er bereits tot ist, wird die Suche viel
Zeit in Anspruch nehmen; vermutlich mehr Zeit, als wir haben, da
Mountford fleißig bei der Arbeit ist. Falls Martinbury aber noch
lebt, besteht die Möglichkeit, dass wir ihn noch rechtzeitig
finden, wenn wir die Hospitäler und Hospize durchkämmen.«
»Ordenshäuser.« Als Tristan ihr einen fragenden
Blick zuwarf, führte Leonora ihre Bemerkung aus. »Du hast sie nicht
erwähnt, aber hier in der Stadt gibt es sehr viele davon, und die
meisten von ihnen nehmen Kranke und Verwundete bei sich auf, soweit
es ihnen möglich ist.«
»Sie hat recht.« St. Austell sah Deverell
an.
Der hierauf nickte. »Meine Leute werden sich
darum kümmern.«
»Welche Leute?« Jeremy blickte das Trio
stirnrunzelnd an. »Das klingt ja fast so, als stünde Ihnen ein
ganzes Heer zur Verfügung.«
St. Austell zog amüsiert die Brauen hoch.
Tristan zwang sich zu einem ernsteren Gesichtsausdruck. »In
gewisser Weise ist das richtig. In unserer bisherigen Funktion war
es wichtig … Kontakte zu allen möglichen Gesellschaftsschichten zu
pflegen. Und wir können eine Vielzahl ehemaliger Soldaten um
Unterstützung bitten. Jeder von uns kennt zahlreiche Leute, die
früher bereits in unserem Auftrag Dinge in Erfahrung gebracht
haben.«
Leonora hinderte Jeremy mit einem eindringlichen
Blick daran weiterzufragen. »Das heißt, ihr habt eure Leute
gemeinsam darauf angesetzt, Martinbury zu finden. Was können wir
darüber hinaus noch unternehmen? Welche Vorgehensweise schlägst du
vor?«
Tristan sah sie an, dann wanderte sein Blick
weiter zu Humphrey und Jeremy. »Wir wissen noch immer nicht, worauf
Mountford es eigentlich abgesehen hat. Wir könnten uns natürlich
zurücklehnen und abwarten, bis ihm der Einbruch gelingt, und dann
sehen, worauf er sich stürzt. Dies ist allerdings der weitaus
gefährlichere Weg. Ihn in dieses Haus hier einsteigen zu lassen und
ihn die Sache, hinter der er her ist, auch nur für einen Augenblick
in die Finger kriegen zu lassen, sollte tatsächlich unser
allerletzter Ausweg sein.«
»Und die Alternative?«, fragte Jeremy.
»Mit unseren schon begonnenen Nachforschungen
fortzufahren. Erstens Martinbury finden; er kann uns hoffentlich
Näheres zu Carruther sagen. Zweitens die drei Informationsquellen,
die wir
haben - Tagebücher, Briefe, Notizen -, nach weiteren
Zusammenhängen durchsuchen. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass
Mountfords Interesse wenigstens teilweise hiermit zusammenhängt.
Falls er selbst Zugang zu den uns fehlenden Teilen hat, würde dies
durchaus Sinn ergeben.«
»Und drittens …« Tristan blickte wieder Leonora
an. »Wir sind davon ausgegangen, dass der Gegenstand seines
Interesses - sagen wir die Formel - sich in Cedrics Werkstatt
befand. Dies könnte nach wie vor der Fall sein. Wir haben nur die
offen herumliegenden Schriften entfernt; falls jedoch irgendetwas
gezielt in der Werkstatt versteckt wurde, müsste es immer noch dort
sein. Und letzten Endes wäre es auch möglich, dass die endgültige
Formel aufgeschrieben und an anderer Stelle im Haus versteckt
wurde.« Er machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr. »Die Gefahr,
dass Mountford diese in die Finger bekommt, ist zu groß. Wir
sollten das Haus daher gründlich durchsuchen.«
Leonora erinnerte sich daran, wie er Miss
Timmins’ Zimmer durchsucht hatte, und nickte. »Ich stimme dem zu.«
Sie ließ den Blick um den Tisch schweifen. »Onkel Humphrey und
Jeremy sollten in der Bibliothek mit den Tagebüchern, Briefen und
Notizen weitermachen. Eure Leute werden die Stadt nach Martinbury
durchkämmen. Damit bleibt noch ihr drei, richtig?«
Tristan schenkte ihr sein charmantestes Lächeln.
»Und du. Wenn du das Personal in Kenntnis setzt und uns freie Bahn
verschaffst, werden wir drei das Haus durchsuchen. Wir müssen
womöglich vom Dachboden bis zum Keller jeden Raum abklappern, und
euer Haus ist recht groß.« Sein Lächeln bekam einen harten Zug.
»Aber wir sind schließlich gut im Suchen.«
Das waren sie durchaus.
Leonora beobachtete vom Türrahmen der Werkstatt
aus, wie die drei adligen Gentlemen still wie die Mäuse suchten,
stöberten, stocherten, in jeden kleinsten Winkel blickten, an den
schweren Regalen hochkletterten, hinter Schränke spähten,
versteckte Ritze mit
Stöcken abtasteten und sich flach auf den Boden legten, um
Unterseiten von Schränken und Schubladen zu überprüfen. Ihnen
entging nichts.
Und sie fanden nichts außer Staub.
Von der Werkstatt aus arbeiteten sie sich
allmählich weiter vor - zunächst durch die Küche und die
Speisekammern, die momentan geräuschlose Waschküche und alle
übrigen Räume im Untergeschoss, dann begaben sie sich voll
Entschlossenheit ins Erdgeschoss und setzten ihre bemerkenswerten
Fähigkeiten in den dortigen Räumlichkeiten ein.
Innerhalb von zwei Stunden hatten sie die
Schlafzimmer erreicht; eine weitere Stunde später betraten sie den
Dachboden.
Gerade rief der Gong zum Mittagessen, als
Leonora, die auf der Treppe zum Dachboden Platz genommen hatte,
hinter sich auf der Treppe Schritte spürte.
Sie stand auf und wandte sich schwungvoll herum.
Am Gang der Männer, schwer und langsam, erkannte sie, dass sie
offenbar nicht das Geringste gefunden hatten. Sie kamen in ihr
Sichtfeld, allesamt damit beschäftigt, ihr Haar und ihre edlen
Anzüge von Spinnenweben zu befreien - der gute Mr Shultz, Londons
begehrtester Herrenschneider, wäre gewiss nicht erfreut
gewesen.
Tristan begegnete ihrem Blick und fasste
einigermaßen mürrisch zusammen: »Wenn sich in diesem Haus irgendwo
eine geheime Formel versteckt hält, dann in der Bibliothek.«
Und zwar in Cedrics Tagebüchern oder Carruthers
Briefen und Notizen.
»Wenigstens wissen wir das nun mit Sicherheit.«
Leonora wandte sich um und ging ihnen voran die Haupttreppe
hinunter ins Speisezimmer.
Jeremy und Humphrey kamen hinzu.
Während sie Platz nahmen, schüttelte Jeremy den
Kopf. »Nichts Neues, leider.«
»Außer«, setzte Humphrey stirnrunzelnd hinzu,
während er seine Serviette ausbreitete, »dass ich mir allmählich
immer sicherer
werde, dass Cedric über die Auswertungen und Schlüsse seiner
Experimente keinerlei Buch geführt hat.« Er verzog das Gesicht.
»Manche Wissenschaftler sind nun einmal so - verwahren alles nur im
Kopf.«
»Geheimniskrämerei?«, fragte Deverell, während
er von der Suppe kostete.
Humphrey schüttelte den Kopf. »Meistens nicht.
Sie sehen es eher als Zeitverschwendung an, etwas, was sie bereits
wissen, auch noch zu Papier zu bringen.«
Alle begannen zu essen, dann fuhr Humphrey mit
immer noch nachdenklicher Miene fort: »Wenn Cedric also keine
derartigen Aufzeichnungen hinterlassen hat, und davon muss man wohl
ausgehen, denn die meisten Bücher in der Bibliothek sind
schließlich unsere eigenen; als wir hier einzogen, war da nur eine
Handvoll uralter Texte …«
Jeremy nickte. »Und die bin ich allesamt
durchgegangen. Da waren keine Aufzeichnungen, weder hineingesteckt
noch direkt hineingeschrieben.«
Humphrey sprach weiter. »Wenn dem also so ist,
können wir nur beten, dass Carruther ausführlichere Aufzeichnungen
angefertigt hat; die Briefe und Notizen lassen zumindest darauf
hoffen. Ich will gar nicht behaupten, dass wir mit dem, was wir bis
jetzt haben, das Geheimnis nicht irgendwann lüften könnten, aber
ein gründlich geführtes Buch mit einer durchgängigen Auflistung aller Experimente … wenn
wir so etwas hätten, dann könnten wir wenigstens feststellen,
welche Zusammensetzung der Substanz früher und welche später
entstanden ist. Und vor allem, welches die Endversion ist.«
»Man muss dazu sagen, es gibt eine ganze Reihe
von verschiedenen Versionen«, fügte Jeremy erklärend hinzu. »Aber
Cedrics Aufzeichnungen erlauben keinerlei Rückschlüsse darüber, in
welcher Reihenfolge die Zusammensetzung geändert wurde und schon
gar nicht, warum. Cedric ist dies natürlich klar gewesen und
Carruther, den Briefen nach zu urteilen, anscheinend auch. Aber
bislang
haben wir nur einige von Carruthers Briefen mit Cedrics Notizen in
Zusammenhang bringen können, und zwar, weil die Briefe datiert
sind.«
Humphrey kaute und nickte finster. »Es ist
wahrlich zum Haareraufen.«
Sie hörten von ferne das Läuten der Türglocke.
Castor ging hinaus und kehrte eine Minute später mit einer
gefalteten Notiz auf einem Tablett zurück.
Er wandte sich an Deverell. »Ein Diener von
nebenan hat eine Nachricht für Sie überbracht, Mylord.«
Deverell warf Tristan und Charles einen
flüchtigen Blick zu, während er seine Gabel sinken ließ, um die
Notiz an sich zu nehmen. Es war ein schlichter Zettel von einfachem
Papier, auf dem einige mit Bleistift unförmig hingekrakelte Worte
standen. Deverell überflog die Zeilen, dann blickte er Tristan und
Charles über den Tisch hinweg an.
Beide setzten sich aufrecht hin.
»Was?«
Alle Blicke waren auf Deverell gerichtet.
Allmählich breitete sich ein Lächeln über seine Lippen.
»Die guten Frauen der Barmherzigen Schwestern in
der Whitechapel Road haben sich der Pflege eines jungen Mannes
angenommen, welcher auf den Namen Jonathon Martinbury hört.«
Deverell starrte die Notiz weiter an, seine Züge verhärteten sich.
»Er wurde vor zwei Wochen zu ihnen gebracht, nachdem man ihn brutal
zusammengeschlagen und zum Sterben in die Gosse geworfen
hatte.«
Martinbury abzuholen - alle waren sich einig,
dass sie ihn herholen mussten -, erwies sich als eine
organisatorische Herausforderung. Letztendlich einigte man sich
darauf, dass Leonora und Tristan zusammen nach Whitechapel fahren
sollten; weder St. Austell noch Deverell wollten das Risiko
eingehen, von Mountford dabei beobachtet zu werden, wie sie das
Haus der Carlings verließen und
wieder betraten. Selbst Leonora und Tristan mussten sich in Acht
nehmen. Mit Henrietta an der Leine verließen sie das Haus durch den
Haupteingang.
Erst einmal auf dem Gehweg angelangt, boten
ihnen die Bäume entlang der Grundstücksgrenze zu Nummer zwölf
Schutz vor etwaigen Blicken aus Haus Nummer sechzehn. Sie traten
durch das Eingangstor des Klubs und ließen Henrietta - zu ihrer
großen Empörung - dort in der Küche zurück.
Tristan scheuchte Leonora eilig durch den
hinteren Garten und hinaus in die rückwärtige Gasse. Von hier aus
war es kein Problem, die nächstgelegene Straße zu erreichen und
eine Droschke anzuhalten, die sie schnellstens in die Whitechapel
Road brachte.
Im Krankentrakt des Ordenshauses fanden sie
Jonathon Martinbury. Er machte einen robusten Eindruck, sowohl was
seinen Körperbau als auch seine allgemeine Verfassung anging.
Braunes Haar lugte unter den Bandagen hervor, die um seinen Kopf
gewickelt waren. Der überwiegende Teil seines Körpers schien
bandagiert zu sein; ein Arm ruhte in einer Schlinge. Sein Gesicht
wies mehrere schwere Prellungen und Schnitte auf, und über einem
Auge hatte er einen riesigen Bluterguss.
Er war bei klarem Verstand, wenn auch ansonsten
recht schwach. Als Leonora ihm erklärte, sie hätten nach ihm
gesucht, weil sie bezüglich der Zusammenarbeit von Cedric Carling
und A.J. Carruther gerne mit ihm sprechen würden, leuchteten seine
Augen auf.
»Gott sei Dank!« Er schloss kurz die Augen, dann
öffnete er sie wieder. Seine Stimme klang rau, noch immer heiser.
»Ich habe Ihren Brief bekommen. Ich kam extra etwas früher in die
Stadt, um mich bei Ihnen zu melden …« Er brach ab, seine Züge
überschatteten sich. »Alles Weitere war nichts als ein einziger
Albtraum.«
Tristan sprach mit den Ordensschwestern. Obwohl
sie sich durchaus besorgt zeigten, stimmten sie zu, dass es
Martinbury gut genug ginge, um transportiert zu werden, zumal er
sich nunmehr in den Händen von Freunden befand.
Tristan und der Gärtner des Ordens nahmen
Jonathon in ihre Mitte, stützten ihn und halfen ihm hinaus zu der
wartenden Droschke. In das Gefährt hineinzuklettern, beanspruchte
die Kräfte des jungen Mannes erheblich; als er schließlich in eine
Decke gehüllt und mit mehreren Kissen gestützt auf dem Sitz Platz
genommen hatte, waren seine Lippen fest aufeinandergepresst und
sein Gesicht war sehr blass. Tristan hatte ihm seinen Paletot
geliehen, da Jonathons eigener Mantel hoffnungslos zerrissen worden
war.
Tristan und Leonora richteten den Schwestern
Jonathons Dankesworte aus, und Tristan versprach, dem Orden sobald
als möglich eine dringend benötigte Spende zukommen zu lassen.
Leonora schenkte ihm einen anerkennenden Blick. Er half ihr hinauf
in die Droschke und wollte gerade folgen, als eine mütterlich
wirkende Schwester auf ihn zuhastete.
»Warten Sie! Warten Sie!« Mit einer schweren
Reisetasche in der Hand kam sie keuchend durch das Eingangstor
gerannt.
Tristan trat ihr entgegen und nahm ihr die
Tasche ab. Sie strahlte Jonathon durch die offene Tür an. »Es wäre
doch eine Schande, wenn Sie nach allem, was Sie durchmachen
mussten, das einzige bisschen Glück, das Ihnen geblieben ist, am
Ende auch noch verlieren würden!«
Als Tristan die Tasche auf den Droschkenboden
hievte, beugte sich Jonathon herunter und tastete nach der Tasche,
so als müsse er sich vergewissern, dass sie tatsächlich da war.
»Ganz recht«, erwiderte Jonathon atemlos und nickte, so gut es
ging. »Herzlichen Dank, Schwester.«
Die Schwestern winkten und riefen ihnen
Segenswünsche zu; Leonora winkte zurück. Tristan kletterte hinein
und schloss den Schlag hinter sich. Als er neben Leonora Platz
nahm, rollte die Kutsche bereits an.
Er betrachtete die große lederne Reisetasche,
die zwischen den Sitzbänken auf dem Boden ruhte. Er blickte zu
Jonathon auf. »Was ist darin?«
Jonathon ließ seinen Kopf gegen die Rückwand
sinken. »Meiner
Einschätzung nach genau das, hinter dem die Leute her sind, die
mir das hier angetan haben.«
Leonora und Tristan starrten die Tasche
an.
Jonathon atmete schmerzerfüllt ein. »Wissen Sie
…«
»Nicht doch.« Tristan hob eine Hand. »Warten
Sie. Die Fahrt ist schon anstrengend genug. Ruhen Sie sich aus.
Wenn wir Sie erst einmal bequem bei uns untergebracht haben, können
Sie uns allen in Ruhe Ihre Geschichte erzählen.«
»Ihnen allen?« Jonathon sah ihn hinter halb
geschlossenen Lidern an. »Wie viele sind Sie denn?«
»Einige. Es ist gewiss angenehmer, wenn Sie Ihre
Geschichte nur ein einziges Mal erzählen müssen.«
Eine fiebrige Ungeduld erfasste Leonora, die sich
insbesondere auf Jonathons schwere Ledertasche konzentrierte. Eine
völlig gewöhnliche Reisetasche, doch sie konnte sich vorstellen,
was darin verborgen war. Als die Droschke schließlich in der
schmalen rückwärtigen Gasse vor dem Gartentor vom Montrose Place
Nummer vierzehn anhielt, war Leonora vor unbefriedigter Neugier
schon völlig außer sich.
Tristan hatte den Kutscher zuvor in einer Straße
nahe dem Park anhalten lassen und hatte sie mit den Worten, er habe
noch etwas zu regeln, in der Droschke warten lassen.
Es dauerte über eine halbe Stunde, ehe er
zurückkehrte. Jonathon hatte in der Zwischenzeit geschlafen und war
noch immer erschöpft, als die Kutsche zum letzten Mal hielt und
Deverell ihnen den Schlag öffnete.
»Geh vor.« Tristan versetzte Leonora einen
kleinen Schubs.
Sie reichte Deverell die Hand und ließ sich von
ihm aus der Droschke helfen. Das Gartentor stand offen, und
dahinter erblickte sie Charles St. Austell; er bedeutete ihr
hindurchzutreten.
Ihr kräftigster Diener, Clyde, stand neben ihm
und hielt etwas fest, das Leonora im nächsten Moment als
behelfsmäßige Bahre erkannte.
Charles bemerkte ihren Blick. »Wir werden ihn
tragen. Anders wäre es zu langsam und zu beschwerlich.«
Sie blickte ihn an. »Zu langsam?«
Mit einer Kopfbewegung deutete er auf das
Nachbarhaus. »Wir wollen möglichst verhindern, dass Mountford etwas
mitbekommt.«
Sie gingen davon aus, dass Mountford - oder
vielmehr sein Komplize - das Kommen und Gehen im Haus der Carlings
im Auge behielt.
»Ich hatte angenommen, wir würden ihn nebenan
unterbringen.« Leonora blickte hinüber zum Klub.
»Es wäre zu kompliziert, wenn wir uns alle
unauffällig hinüberbegeben wollten, um seine Geschichte
anzuhören.«
Mit vereinten Kräften legten die vier Männer
Jonathon auf die Bahre, die aus mehreren zusammengelegten Laken und
zwei Besenstielen bestand. Deverell ging ihnen voraus. Clyde und
Charles folgten mit der Bahre. Tristan, der Jonathons Tasche trug,
bildete das Schlusslicht, und Leonora ging vor ihm her.
»Was ist mit der Droschke?«, flüsterte
Leonora.
»Bereits erledigt. Ich habe den Fahrer
angewiesen, noch zehn Minuten zu warten, ehe er losfährt, nur für
den Fall, dass das Geräusch der vorbeifahrenden Kutsche nebenan
ihre Aufmerksamkeit erregt.«
Er hatte an alles gedacht, sogar daran, einen
neuen schmalen Durchgang in die Hecke schneiden zu lassen, welche
den Küchengarten von der offenen Rasenfläche abgrenzte. Anstatt den
Hauptpfad hinauf und durch den mittleren Heckenbogen hindurch zum
Haus zu gehen und somit die weite Rasenfläche überqueren zu müssen,
konnten sie nun einen schmalen Seitenweg einschlagen, der sie an
der Grundstücksgrenze des Klubs durch die neu geschlagene Öffnung
hindurch im schützenden Schatten der Mauer zum Haus führte.
Sie hatten nur ein kurzes offenes Stück zu
überwinden, ehe der vorspringende Küchentrakt ihnen Deckung bot vor
etwaigen Blicken
aus dem Haus Nummer sechzehn. Von hier aus konnten sie in Ruhe die
Stufen zur Terrasse hinaufsteigen und durch die Türen des Salons
ins Innere gelangen.
Als Tristan die Terrassentüren hinter sich
schloss, begegnete Leonora seinem Blick. »Überaus gründlich.«
»Gehört alles zum Service.« Sein Blick wanderte
an ihr vorbei. Sie drehte sich um und sah, dass man Jonathon von
der Bahre herunter auf ein sorgfältig vorbereitetes Ruhebett
half.
Pringle war bereits zugegen. Tristan begegnete
seinem Blick. »Wir überlassen den Patienten nun ihnen. Sie finden
uns in der Bibliothek. Stoßen Sie einfach zu uns, wenn Sie hier
fertig sind.«
Pringle nickte und wandte sich Jonathon
zu.
Sie verließen der Reihe nach den Raum. Clyde
brachte die Bahre hinunter in die Küche; der Rest der Truppe begab
sich in die Bibliothek.
Leonoras eigene Neugier war nichts im Vergleich
zu der Ungeduld, die Humphrey und Jeremy plagte. Wären Tristan und
die anderen nicht dabei gewesen, hätte sie sie wohl kaum davon
abhalten können, sich die Tasche bringen zu lassen und nur mal
einen »kurzen Blick« hineinzuwerfen, um deren Inhalt zu
überprüfen.
Die bequeme alte Bibliothek war ihr selten so
voll vorgekommen - und noch seltener so belebt. Es lag nicht allein
an Tristan, St. Austell und Deverell, die mit harten,
entschlossenen Gesichtern ungeduldig auf und ab liefen; ihre
unterdrückte Energie schien sich auch auf Jeremy und sogar Onkel
Humphrey zu übertragen. Dies musste in etwa der Atmosphäre
entsprechen, die in einem Zelt voller Ritter geherrscht haben
mochte, kurz bevor diese in den Kampf zogen - so ging es Leonora
durch den Kopf, während sie, mit gespielter Geduld und Henrietta zu
ihren Füßen, auf der Chaiselongue saß und das Schauspiel
betrachtete.
Schließlich öffnete sich die Tür, und Pringle
trat ein. Tristan füllte ein Glas mit Brandy und reichte es ihm;
Pringle nahm es mit einem Nicken entgegen, nippte daran und seufzte
vor Genugtuung. »Es
geht ihm den Umständen entsprechend gut; in jedem Fall gut genug
für eine Unterhaltung. Er drängt sogar geradezu darauf, daher würde
ich empfehlen, ihn bald zu Wort kommen zu lassen.«
»Seine Verletzungen?«, fragte Tristan.
»Ich würde sagen, seine Angreifer waren eiskalt
entschlossen, ihn zu töten.«
»Leute vom Fach?«, fragte Deverell.
Pringle zögerte. »Meiner Vermutung nach ja,
allerdings wohl eher welche, die vorzugsweise mit Messern und
Pistolen arbeiten. In unserem Fall hingegen wollten sie es wohl
nach einem Überfall gewöhnlicher Ganoven aussehen lassen. Was sie
dabei jedoch außer Acht gelassen haben, ist Mr Martinburys äußerst
stabiler Knochenbau; er hat eine Reihe schwerer Prellungen und
Blutergüsse, aber die Schwestern haben gute Arbeit geleistet. Er
wird wieder ganz der Alte werden. Trotzdem hätte er wohl kaum eine
Chance gehabt, wenn nicht ein gutherziger Mensch ihn gefunden und
zu den Ordensschwestern gebracht hätte.«
Tristan nickte. »Nochmals vielen Dank.«
»Keine Ursache.« Pringle reichte ihm das leere
Glas zurück. »Jedes Mal, wenn ich von Gasthorpe höre, kann ich
zumindest sicher sein, dass ich etwas Interessanteres zu sehen
bekomme als Ausschlag und Furunkel.«
Von allseitigem Nicken begleitet, verließ er den
Raum.
Die Zurückgebliebenen warfen einander
vielsagende Blicke zu - die Spannung war auf dem Siedepunkt.
Leonora stand auf. Alle Gläser wurden zügig
geleert und abgestellt. Sie schüttelte ihre Röcke aus und begab
sich dann allen voran in den Salon.