18
All seiner Naivität zum Trotz hatte Jeremy zumindest in einer Hinsicht recht: Tristan betrachtete ihre Verbindung nunmehr als offiziell anerkannt und gebilligt.
Die Warsinghams verabschiedeten sich als Erste, begleitet von Gertie. Als Humphrey und Jeremy sich ebenfalls anschickten zu gehen, hielt Tristan Leonoras Hand auf seinem Arm gefangen und erklärte, es gebe noch einige wichtige Angelegenheiten bezüglich ihrer gemeinsamen Zukunft, die sie unter vier Augen besprechen sollten. Er werde Leonora in etwa einer halben Stunde in seiner Kutsche nach Hause fahren.
Er erklärte dies mit einer solchen Beiläufigkeit und Selbstsicherheit, dass alle nur gefügig nickten und sich zum Gehen wandten. Humphrey und Jeremy fuhren nach Hause; Tristans Großtanten und Cousinen wünschten ihnen eine gute Nacht und zogen sich zurück.
Und gaben ihm hiermit die Möglichkeit, Leonora in die Bibliothek zu führen, wo sie endlich allein sein würden.
Er erteilte Havers einige Anweisungen bezüglich der Kutsche. Leonora trat vor den Kamin, in dem ein flackerndes Feuer brannte, das den Raum angenehm erwärmte. Draußen herrschte ein rauer Wind, dichte Wolken verhüllten den Mond; es war kein behaglicher Abend.
Sie streckte ihre Hände in Richtung Feuer und hörte, wie die Tür sanft ins Schloss fiel; dann spürte sie, wie Tristan sich ihr näherte.
Sie drehte sich um; zugleich schob er seine Hände um ihre Taille. Ihre Hände legten sich gegen seine Brust. Sie blickte ihm tief in die Augen. »Ich bin froh, dass du uns diese Gelegenheit verschafft hast. Es gibt einige Dinge, über die wir reden sollten.«
Er blinzelte sie an. Er ließ sie weder los, noch zog er sie näher an sich heran. Ihre Hüften und Oberschenkel berührten sich verführerisch leicht; ihre Brüste streiften zart seinen Oberkörper. Seine Hände hielten ihre Taille fest; er umarmte sie nicht, und doch war sie in seinen Armen, in seinem Griff gefangen. Er blickte ihr in die Augen. »Worüber sollten wir reden?«
»Etwa darüber, wo wir in Zukunft leben werden, und über deine Vorstellungen, wie unser gemeinsames Leben aussehen sollte.«
Er zögerte, dann fragte er: »Möchtest du hier in London leben, inmitten der feinen Gesellschaft?«
»Nicht unbedingt. Ich habe mich eigentlich nie besonders dazu hingezogen gefühlt. Ich fühle mich zwar nicht unwohl in der Gesellschaft, aber ich sehne mich auch nicht gerade nach ihren zweifelhaften Vergnüglichkeiten.«
Seine Lippen zuckten. Er neigte seinen Kopf herab. »Dem Himmel sei Dank.«
Sie legte einen Finger auf seine Lippen, bevor er ihren begegnen konnte. Sie spürte, wie seine Hände ihre Taille freigaben und stattdessen über ihren in Seide gehüllten Rücken glitten. Sie blickte ihn unter ihren langen Wimpern an und atmete hastig ein. »Dann werden wir also auf Mallingham Manor leben?«
Die Bewegungen seiner Lippen gegen ihren Finger waren höchst ablenkend. »Wenn du es ertragen kannst, dich dem Landleben zu opfern.«
»Surrey ist ja nun nicht gerade der Inbegriff einsiedlerischer Ländlichkeit.« Sie ließ ihre Hand sinken.
Seine Lippen kamen immer näher, schwebten nur wenige Zentimeter über den ihren. »Ich dachte dabei mehr an meine geliebten alten Damen. Kannst du die auch ertragen?«
Er wartete; sie versuchte krampfhaft, ihren Verstand zu bewahren. »Ja.« Sie verstand die alten Damen recht gut, akzeptierte ihre Art; sie sah keinerlei Schwierigkeiten darin, mit ihnen auszukommen. »Ich finde sie alle überaus freundlich. Ich verstehe sie, und sie verstehen uns
Er gab ein spöttisches Geräusch von sich; es flatterte geradewegs gegen ihre Lippen und ließ sie pulsieren. »Du magst sie vielleicht verstehen, ich hingegen stehe ihnen regelmäßig ratlos gegenüber. Vor ein paar Monaten haben sie mir etwas über die Vorhänge im Pfarrhaus erzählt, das meine geistigen Fähigkeiten völlig überstieg.«
Sie fand es überaus schwierig, nicht laut zu lachen; angesichts seiner viel zu nahen Lippen erschien ihr dies jedoch viel zu riskant, so als wolle sie einem lauernden Wolf gegenüber leichtsinnig werden.
»Du wirst also wirklich ganz mir gehören?«
Sie war gerade im Begriff, dem Lachen nachzugeben und ihm ihren Mund wie ihren gesamten Körper zum Beweis hinzugeben, als irgendetwas in seinem Ton sie aufhorchen ließ; sie begegnete seinem Blick und begriff, dass es ihm bitterernst war. »Ich gehöre dir längst. Und das weißt du.«
Seine Lippen, deren Nähe sie immer noch ablenkte, zuckten ein wenig; er zog sie näher an sich heran, und seine Unruhe sprang auf sie über, erfasste sie gleichsam in einer Welle deutlich spürbarer Unwägbarkeiten. Die Berührung und ihre Nähe entzündeten ein Feuer zwischen ihnen; er neigte seinen Kopf und streifte mit seinen Lippen ihren Mundwinkel.
»Ich bin kein gewöhnlicher Gentleman.«
Die Worte huschten über ihre Wange.
»Ich weiß.« Sie drehte ihren Kopf und begegnete seinen Lippen.
Nach einem kurzen Moment unterbrach er den Kuss, um seine Lippen nach oben wandern zu lassen, über ihre Wangenknochen hinauf zu ihren Schläfen, dann langsam hinunter, bis sein Atem die zarte Vertiefung unter ihrem Ohr streifte.
»Ich habe zehn Jahre lang ein gefährliches Leben geführt, das jenseits von allen Gesetzen lag. Ich bin nicht so zivilisiert, wie ich es sein sollte. Das ist dir doch bewusst, oder?«
Natürlich wusste sie das; dieses Wissen kitzelte ihre Nerven, eine süße Vorahnung breitete sich wie glühende Seide über ihren Körper. Doch konkreter auf die eigentliche Frage bezogen, musste sie erstaunlicherweise feststellen, dass er sich ihrer nach wie vor nicht vollständig sicher war. Und was er ihr auch immer hatte sagen wollen, es brannte ihm noch immer auf der Seele, und sie musste ihn anhören.
Sie schob ihre Arme nach oben, hielt sein Gesicht mit beiden Händen fest umfangen und küsste ihn kühn. Sie bannte ihn, fesselte ihn, riss ihn mit sich. Sie drängte sich ihm entgegen. Spürte seine Reaktion, spürte seine starken Hände auf ihrem Rücken, die sie zunächst nur hielten und sie dann fest gegen seinen Körper zogen.
Als sie ihn schließlich wieder freigab, hob er den Kopf und sah auf sie herab; seine Augen waren verdunkelt und aufgewühlt.
»Erzähl es mir.« Ihre Stimme klang rau, aber bestimmt. Fordernd. »Was wolltest du mir sagen?«
Er ließ einige Zeit verstreichen; sie spürte deutlich ihrer beider Atem und das wilde Pulsieren in ihren Adern. Sie dachte schon, er würde ihr nicht mehr antworten, doch dann holte er knapp Luft. Er löste seinen Blick keine Sekunde lang von ihrem, als er die Worte mit heftiger Nachdrücklichkeit hervorpresste.
»Begib dich niemals in Gefahr.«
Er musste nicht mehr sagen, alles Weitere stand in seinen Augen geschrieben. Klar und deutlich. Eine Verletzlichkeit, die so tief in ihm verwurzelt war, dass er sie niemals würde ablegen können, solange Leonora ihm gehörte.
Es war ein Zwiespalt, der sich nicht beseitigen, sondern nur akzeptieren ließ. Und mit seinem Entschluss, sie zu heiraten, hatte er genau das getan.
Sie lehnte sich gegen ihn, ihre Hände noch immer um sein Gesicht gelegt. »Ich werde mich niemals bewusst in Gefahr begeben. Ich habe mich entschlossen, dir zu gehören; ich habe fest vor, mich auch weiterhin in die Rolle zu fügen, dir wichtig zu sein.« Sie hielt seinen Blick fest. »Glaube mir das.«
Seine Züge wurden härter; er ignorierte ihre Hände und senkte seinen Kopf. Er schenkte ihr einen glühenden Kuss, der beinahe unbeherrscht wilde Züge annahm.
Er unterbrach sich, um gegen ihre Lippen zu hauchen: »Das will ich versuchen, wenn du mir versprichst, eines nie zu vergessen. Wenn du scheiterst, bezahlen wir beide den Preis.«
Sie strich über seine kantigen Wangen. Wartete, bis er ihrem Blick erneut begegnete. »Ich werde nicht scheitern. Ebenso wenig wie du.«
Ihre Herzen pochten; vertraute Flammen züngelten hungrig über ihre Haut. Sie studierte seine Augen. »Das hier«, sie drückte sich geschmeidig an seinen Körper, sodass sein Atem stockte, »ist vom Schicksal vorherbestimmt. Wir haben es nicht beschlossen - weder du noch ich -, es war einfach da und hat nur darauf gewartet, uns zu verlocken. Unsere Herausforderung besteht nun darin, es auch funktionieren zu lassen. Es ist keine Aufgabe, der wir uns entziehen oder die wir ablehnen könnten; nicht, wenn wir das hier beide wollen.«
»Und ob ich es will; und noch viel mehr. Ich lasse dich nie wieder gehen. Aus keinem Grund der Welt. Niemals.«
»Und damit haben wir uns festgelegt, du und ich.« Sie hielt seinem immer eindringlicher werdenden Blick stand. »Und wir werden dafür sorgen, dass es funktioniert.«
Einen Herzschlag lang geschah nichts. Dann neigte er sich zu ihr herunter; sein Griff wurde fester, er zog sie an sich heran.
Sie ließ ihre Hände gegen seine Schultern sinken und stützte sich dagegen. »Aber …«
Er stutzte, sah ihr in die Augen. »Aber was?«
»Aber für heute ist unsere Zeit leider abgelaufen.«
 
Sie hatte recht. Tristan hielt sie noch fester umschlungen, küsste sie besinnungslos, brachte sich dann, all seinem inneren Widerstand zum Trotz, unter Kontrolle und stellte sie grimmig auf die Füße.
Sie sah ebenso verdrießlich aus, wie er sich fühlte - ein erbärmlicher Trost.
Später.
Sobald sie Mountford erst einmal am Schlafittchen hatten, stand ihrem Glück nichts mehr im Wege.
Seine Kutsche wartete bereits; er geleitete Leonora nach draußen, half ihr beim Einsteigen und folgte ihr. Als der Wagen auf dem nassen Pflaster holpernd anfuhr, kam er auf ein Thema zurück, das sie noch nicht zu Ende geführt hatten. »Warum glaubt Humphrey, dass einige Teile von Cedrics Arbeit fehlen? Woher will er das wissen?«
Leonora lehnte sich neben ihm auf der Bank zurück. »Cedrics Bücher enthalten Beschreibungen von Experimenten; was gemacht wurde und was dabei herauskam. Was hingegen fehlt, sind die Auswertungen der Versuche, Hypothesen, Schlüsse. Carruthers Briefe nehmen zum Teil auf Cedrics Experimente Bezug, zum Teil auch auf andere, von denen Onkel Humphrey und Jeremy annehmen, dass es wohl seine eigenen sind, und zudem auf die Notizen, die wir in Cedrics Zimmer gefunden haben. Onkel Humphrey glaubt, dass diese zumindest teilweise mit den in Carruthers Briefen erwähnten Versuchen in Verbindung stehen.«
»Das heißt, Cedric und Carruther haben anscheinend Einzelheiten verschiedener Versuche ausgetauscht?«
»Genau. Allerdings ist sich Onkel Humphrey bis jetzt nicht sicher, ob sie an einem gemeinsamen Projekt gearbeitet oder lediglich Neuigkeiten ausgetauscht haben. Vor allen Dingen hat er noch keinerlei Hinweis darauf gefunden, womit sich dieses gemeinsame Projekt, wenn es das je gegeben hat, beschäftigt haben könnte.«
Tristan ließ sich die Informationen durch den Kopf gehen, insbesondere hinsichtlich der Frage, ob Martinbury, Carruthers Erbe, in diesem Lichte an Bedeutung gewann oder verlor. Die Kutsche verlangsamte ihre Fahrt und kam zum Stehen. Er warf einen flüchtigen Blick hinaus, kletterte dann vor dem Haus der Carlings auf den Gehsteig und half Leonora herunter.
Über ihren Köpfen ließ der heftige Wind die finstere Wolkendecke allmählich aufreißen. Leonora hakte sich bei ihm ein; er blickte sie an, während er ihr das Tor öffnete. Sie gingen den verschlungenen Pfad entlang und waren beide augenblicklich fasziniert von Cedrics fantastischer Schöpfung, von den seltsam geformten Blättern und Büschen, die vom Regen benetzt im launenhaften Mondlicht unregelmäßig glänzten.
Licht drang ihnen von der Eingangshalle her entgegen. Als sie die Stufen hinaufstiegen, öffnete sich die Tür.
Jeremy spähte hinaus, sein Gesicht war angespannt. Er entdeckte sie, und seine Züge entspannten sich. »Es wurde aber auch Zeit! Dieser Verbrecher hat bereits mit dem Graben begonnen.«
 
Mucksmäuschenstill verharrten sie in der Waschküche neben dem Spülstein und lauschten auf das stetige, schabende Geräusch von jemandem, der Mörtel zwischen den Steinen herauskratzte.
Tristan gemahnte Leonora und Jeremy zu absoluter Ruhe, dann legte er seine Hand an die Stelle der Wand, von wo aus das Geräusch zu kommen schien.
Nach einem kurzen Augenblick nahm er die Hand wieder weg und bedeutete den beiden, den Raum zu verlassen. Am Eingang zur Waschküche stand einer der Diener und wartete. Leonora und Jeremy traten lautlos an ihm vorbei; Tristan blieb stehen. »Gute Arbeit.« Seine Stimme war gerade laut genug, dass der Diener ihn verstehen konnte. »Ich bezweifle, dass sie heute Nacht die Wand durchbrechen, aber wir werden sicherheitshalber eine Wache aufstellen. Schließen Sie die Tür und stellen Sie sicher, dass niemand hier in der Nähe irgendwelche ungewöhnlichen Geräusche verursacht.«
Der Diener nickte. Tristan trat an ihm vorbei und folgte den anderen in die Küche am Ende des Ganges. Ihren Gesichtern nach zu urteilen, platzten Leonora und Jeremy geradezu vor Fragen; er bedeutete ihnen, sich noch ein wenig zu gedulden, und wandte sich stattdessen Castor und den männlichen Dienern zu, die gemeinsam mit dem übrigen Personal hier unten versammelt waren.
Ohne große Umschweife teilte Tristan das männliche Personal in Wachschichten ein und versicherte der Haushälterin, der Köchin sowie den Dienstmädchen, dass der Einbrecher sie keinesfalls im Schlaf überraschen werde.
»Bei diesem Tempo werden sie zweifellos mehrere Nächte benötigen, um genügend Steine zu lösen, damit ein Mann sich hindurchzwängen kann. Schneller können sie ohne Meißel und Hammer nicht arbeiten, und das würde zu viel Lärm verursachen.« Er ließ seinen Blick über das Personal schweifen. »Wer hat das Kratzen zuerst bemerkt?«
Ein Hausmädchen errötete und knickste. »Ich, Sir … Mylord. Ich bin reingegangen, um das zweite Bügeleisen aus dem Feuer zu holen, und da hab ich was gehört. Ich dachte erst, es wär nur eine Maus, und dann ist mir wieder einfallen, was Mr Castor über komische Geräusche und dergleichen gesagt hat, und drum bin ich gleich zu ihm hingegangen und hab ihm davon erzählt.«
»Gut gemacht«, sagte Tristan und betrachtete die Körbe voller Laken und Tischwäsche, die zwischen den Hausmädchen und dem Ofen aufgereiht standen. »War heute Waschtag?«
»Jawohl.« Die Haushälterin nickte bestätigend. »Der Hauptwaschtag ist immer ein Mittwoch und montags drauf wird dann noch einmal Kleinwäsche gemacht.«
Tristan blickte sie einen Moment lang schweigend an, dann sagte er: »Ich habe noch eine letzte Frage. Hat einer von Ihnen innerhalb der letzten Monate, sagen wir seit November, einen Mann gesehen oder gesprochen, auf den eine der folgenden Beschreibungen passt?« Mit einigen knappen Sätzen beschrieb er ihnen Mountford und dessen finsteren Handlanger.
 
»Wie bist du darauf gekommen?«, fragte Leonora, als sie wieder in der Bibliothek waren.
Die beiden ältesten Dienstmädchen sowie einer der Diener waren zu verschiedenen Gelegenheiten im November unabhängig voneinander angesprochen worden, die Dienstmädchen von Mountford persönlich, der Diener von dessen Komplizen. Die Hausmädchen hatten in ihrem Gesprächspartner einen neuen Verehrer gesehen, der Diener einen unerwartet betuchten neuen Bekannten, der ihn zu einem Ale nach dem anderen einlud.
Tristan ließ sich neben Leonora auf die Chaiselongue sinken und streckte seine Beine aus. »Ich habe mich fortwährend gefragt, warum Mountford das Haus zuerst kaufen wollte. Wie konnte er wissen, dass Cedrics Werkstatt so lange verschlossen und unberührt geblieben war? Er konnte von außen nicht hineinsehen; die Fenster sind viel zu alt, trüb und gesprungen, als dass man durch sie hindurch irgendetwas erkennen könnte.«
»Er wusste es, weil er die Hausmädchen ausgetrickst hat.« Jeremy saß an seinem üblichen Platz hinter dem Schreibtisch. Humphrey saß in seinem Sessel vor dem Kamin.
»Ganz recht. Und auf diese Weise hat er auch noch andere Dinge in Erfahrung gebracht«, Tristan warf einen Blick auf Leonora, »wie etwa deine Vorliebe, allein durch den Garten zu spazieren. Und zu welchen Zeiten du normalerweise hinausgehst. Er hat sich monatelang mit eurem Haushalt beschäftigt und die Lage hervorragend ausgekundschaftet.«
Leonora runzelte die Stirn. »Das beantwortet aber immer noch nicht die Frage, woher er überhaupt wusste, dass es hier etwas zu finden gibt.« Sie sah zu Humphrey hinüber, der eines von Cedrics Tagebüchern offen auf dem Schoß liegen hatte. »Wir wissen bis jetzt nicht mit Sicherheit, ob sich in diesem Haus irgendetwas Wertvolles verbirgt. Wir nehmen es nur an aufgrund von Mountfords Interesse.«
Tristan drückte ihre Hand. »Glaube mir, Leute wie Mountford zeigen erst dann Interesse, wenn auch wirklich etwas dabei herausspringt.«
Und das Interesse ausländischer Gentlemen ist noch weitaus schwieriger zu fesseln. Doch diesen Kommentar behielt Tristan für sich. Er sah Humphrey an. »Irgendwelche Fortschritte?«
Humphreys wortreiche Antwort ließ sich knapp mit »nein« zusammenfassen.
Am Ende seiner umfangreichen Ausführungen richtete Tristan sich auf. Sie waren allesamt aufgewühlt; es würde ihnen schwerfallen, Schlaf zu finden, während Mountford sich zur gleichen Zeit an der Kellermauer zu schaffen machte.
»Und was glaubst du, wird nun als Nächstes geschehen?«, fragte Leonora.
Er sah sie an. »Heute Nacht erst einmal gar nichts. In der Hinsicht kannst du beruhigt sein. Wenn sie unsere Aufmerksamkeit nicht erregen wollen, werden sie mindestens drei Nächte lang beharrlich arbeiten müssen, um eine Öffnung zu schaffen, die groß genug ist, dass ein Mann hindurchklettern kann.«
»Ich habe eher Sorge, wir könnten seine Aufmerksamkeit erregen.«
Er lächelte. »Ich habe meine Männer ringsum postiert. Sie werden Tag und Nacht Wache halten. Nun, da Mountford schon einmal in der Falle sitzt, wird er nicht mehr herauskommen.«
Leonora blickte ihm tief in die Augen; auf ihren Lippen lag ein stummes »Oh«.
Jeremy schnaubte. Er griff nach dem Stapel Notizen, die sie in Cedrics Schlafzimmer gefunden hatten. »Wir sehen besser zu, dass wir weiterkommen. Irgendwo hier drin muss sich ja wohl ein Hinweis befinden. Obwohl ich mich nach wie vor frage, warum unser teurer verstorbener Verwandter nicht einfach ein gewöhnliches Verweissystem benutzt hat.«
Humphrey prustete verächtlich. »Weil er ein Wissenschaftler war - darum. Ohne jede Rücksicht auf diejenigen, die sich seiner Arbeit annehmen müssen, wenn er einmal nicht mehr da ist. Ich bin in meinem ganzen Leben noch keinem Wissenschaftler begegnet, der anders gewesen wäre.«
Tristan stand auf und streckte sich. Er wechselte einen Blick mit Leonora. »Ich muss mir unsere weitere Vorgehensweise noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Ich werde morgen früh vorbeikommen, dann werden wir eine Entscheidung treffen.« Er sah Humphrey an, doch seine Worte galten ebenso Jeremy. »Ich werde vermutlich einige meiner Kollegen mitbringen. Darf ich Sie darum bitten, ihnen eine Zusammenfassung von dem zu geben, was Sie bislang herausgefunden haben?«
»Selbstverständlich.« Humphrey machte eine entlassende Geste. »Wir sehen Sie beim Frühstück.«
Jeremy blickte nur flüchtig auf.
Leonora geleitete Tristan zur Tür. Sie teilten rasch einen verstohlenen und höchst unbefriedigenden Kuss, ehe Castor - getrieben von seinem unerschütterlichen Butlerinstinkt - in der Eingangshalle erschien, um die Tür zu öffnen.
Tristan blickte in Leonoras verschattete Augen. »Schlaf gut. Und sei unbesorgt, dir droht keine Gefahr.«
Sie begegnete seinem Blick, dann lächelte sie. »Ich weiß. Ich habe ja einen eindeutigen Beweis.«
Er zog verständnislos die Augenbrauen hoch.
»Du lässt mich schließlich hier allein.«
Er musterte ihren Gesichtsausdruck, fand tiefes Verständnis darin. Er verabschiedete sich von ihr und ging hinaus.
 
Am nächsten Morgen trafen sich Tristan, Charles und Deverell im Bastion-Klub kurz nach Sonnenaufgang. Sie benötigten ausreichend Licht, während sie das Haus Montrose Place Nummer sechzehn von allen Seiten gründlich untersuchten. Sie überprüften jeden möglichen Fluchtweg, kontrollierten die Wachposten, die Tristan bereits aufgestellt hatte, und sorgten, wo nötig, für Verstärkung.
Um halb acht begaben sie sich schließlich in das ersammlungszimmer des Klubs und tauschten sich über die Maßnahmen aus, die jeder Einzelne seit dem Vorabend erledigt oder in Gang gebracht hatte. Um acht Uhr gingen sie hinüber zu den Carlings, wo sie Humphrey und Jeremy - müde nach einer arbeitsreichen Nacht - sowie die eifrige Leonora antrafen, die sie allesamt bereits erwarteten.
Und zwar mit einem überaus reichhaltigen Frühstück. Leonora hatte extra angeordnet, den Herren eine großzügige Stärkung zu servieren.
Leonora saß am Kopfende des Tisches und nippte an ihrem Tee; über den Tassenrand hinweg betrachtete sie die drei gefährlichen Männer, die nun hier in ihrem Frühstückszimmer saßen.
Sie traf St. Austell und Deverell heute zum ersten Mal; ein Blick reichte aus, um die Gemeinsamkeiten zwischen ihnen und Tristan zu bemerken. Beide Männer schienen durch ihre reine Anwesenheit zur Vorsicht zu gemahnen, so wie Leonora es anfangs auch bei Tristan empfunden hatte; sie würde ihnen nicht trauen - nicht so ohne Weiteres, nicht wie eine Frau einem Mann normalerweise traute -, bevor sie sie nicht deutlich besser kannte.
Sie sah Tristan an, der neben ihr Platz genommen hatte. »Du sagtest, du wolltest die weitere Vorgehensweise mit uns besprechen.«
Er nickte. »Genauer gesagt, wie wir mit der derzeitigen Situation am besten verfahren.« Er warf Humphrey einen Blick zu. »Ich würde vorschlagen, ich skizziere kurz die Lage, und Sie korrigieren mich, wenn sich inzwischen irgendetwas Neues ergeben haben sollte.«
Humphrey nickte zustimmend.
Tristan starrte vor sich auf den Tisch, offenbar um seine Gedanken zu sammeln. »Wir wissen, dass Mountford es auf etwas abgesehen hat, was seiner Ansicht nach in diesem Haus versteckt ist. Er verfolgt sein Ziel mit absoluter Entschlossenheit, Hartnäckigkeit und Unnachgiebigkeit - und das bereits seit Monaten. Er scheint zunehmend unter Druck zu geraten und wird vermutlich erst dann aufgeben, wenn er sein Ziel erreicht hat. Es gibt zudem eine Verbindung zwischen Mountford und einem Ausländer, die möglicherweise von Bedeutung sein könnte. Mountford ist nunmehr an Ort und Stelle und versucht, sich über die Kellermauern Zugang zu diesem Haus zu verschaffen. Er hat einen uns bekannten Komplizen, den spitzgesichtigen Handlanger.« Tristan unterbrach sich, um einen Schluck Kaffee zu trinken. »So weit also unsere Einschätzung des Gegners; und nun zum Gegenstand seines Interesses. Unsere wahrscheinlichste Vermutung geht dahin, dass es sich hierbei um eine Entdeckung handelt, die der verstorbene Cedric Carling, der Vorbesitzer des Hauses und ein renommierter Botaniker, gemacht haben könnte, möglicherweise in Zusammenarbeit mit einem weiteren Pflanzenkundler, A.J. Carruther, der inzwischen leider ebenfalls verstorben ist. Cedrics Tagebücher sowie Carruthers Briefe und Notizen - alles, was wir bislang finden konnten - deuten auf eine Zusammenarbeit hin, der Gegenstand ihrer Arbeit bleibt jedoch weiterhin unklar.« Tristan wandte seinen Blick zu Humphrey.
Humphrey sah Jeremy an und bedeutete ihm, Bericht zu erstatten.
Jeremy sah die Anwesenden der Reihe nach an. »Wir haben dreierlei Informationsquellen: Cedrics Tagbücher, die Briefe von Carruther an Cedric und eine ganze Reihe von Carruthers Notizen, von denen wir annehmen, dass sie als Anlage zu den Briefen mitgeschickt wurden. Ich persönlich habe mich auf die Briefe und Notizen konzentriert. Einige der Notizen beschreiben einzelne Experimente, auf die in den Briefen Bezug genommen wird. Alle Verbindungen, die wir bisher feststellen konnten, deuten darauf hin, dass Cedric und Carruther gemeinsam an der Zusammensetzung einer bestimmten Substanz arbeiteten. Sie diskutierten die Eigenschaften einer bestimmten Flüssigkeit, die durch diese Substanz in besonderer Weise beeinflusst werden sollte.« Jeremy hielt inne und verzog das Gesicht. »Es wird nirgends ausdrücklich gesagt, um welche Flüssigkeit es sich handelt, aber aus den diversen Hinweisen würde ich schließen, dass es dabei um Blut geht.«
Dieser letzte Kommentar zeigte bei Tristan, St. Austell und Deverell eine deutliche Wirkung. Leonora beobachtete, wie sie vielsagende Blicke austauschten.
»Also«, murmelte St. Austell, während er Tristan intensiv ansah. »Demnach haben wir zwei renommierte Pflanzenkundler, die zusammen an einer Substanz gearbeitet haben, die den Zustand von Blut beeinflussen soll, und noch dazu eine mögliche Verbindung ins Ausland.«
Tristans Ausdruck hatte sich verhärtet. Er nickte Jeremy zu. »Damit wäre auch die letzte Unklarheit, die ich hinsichtlich unserer Vorgehensweise noch hatte, aus der Welt geschafft. Carruthers Erbe, Jonathon Martinbury, ein rechtschaffener, ehrlicher junger Mann, ist auf mysteriöse Weise verschwunden, nachdem er als Reaktion auf einen Brief, der nach der Zusammenarbeit von Carruther und Cedric fragte, früher als geplant nach London kam. Er stellt ganz offensichtlich eine zentrale Figur in diesem Spiel dar.«
»In der Tat.« Deverell sah Tristan an. »Ich werde meine Leute also ebenfalls darauf ansetzen.«
Leonora blickte von einem zum anderen. »Worauf ansetzen?«
»Es ist nun wichtiger denn je, Martinbury umgehend zu finden. Falls er bereits tot ist, wird die Suche viel Zeit in Anspruch nehmen; vermutlich mehr Zeit, als wir haben, da Mountford fleißig bei der Arbeit ist. Falls Martinbury aber noch lebt, besteht die Möglichkeit, dass wir ihn noch rechtzeitig finden, wenn wir die Hospitäler und Hospize durchkämmen.«
»Ordenshäuser.« Als Tristan ihr einen fragenden Blick zuwarf, führte Leonora ihre Bemerkung aus. »Du hast sie nicht erwähnt, aber hier in der Stadt gibt es sehr viele davon, und die meisten von ihnen nehmen Kranke und Verwundete bei sich auf, soweit es ihnen möglich ist.«
»Sie hat recht.« St. Austell sah Deverell an.
Der hierauf nickte. »Meine Leute werden sich darum kümmern.«
»Welche Leute?« Jeremy blickte das Trio stirnrunzelnd an. »Das klingt ja fast so, als stünde Ihnen ein ganzes Heer zur Verfügung.«
St. Austell zog amüsiert die Brauen hoch. Tristan zwang sich zu einem ernsteren Gesichtsausdruck. »In gewisser Weise ist das richtig. In unserer bisherigen Funktion war es wichtig … Kontakte zu allen möglichen Gesellschaftsschichten zu pflegen. Und wir können eine Vielzahl ehemaliger Soldaten um Unterstützung bitten. Jeder von uns kennt zahlreiche Leute, die früher bereits in unserem Auftrag Dinge in Erfahrung gebracht haben.«
Leonora hinderte Jeremy mit einem eindringlichen Blick daran weiterzufragen. »Das heißt, ihr habt eure Leute gemeinsam darauf angesetzt, Martinbury zu finden. Was können wir darüber hinaus noch unternehmen? Welche Vorgehensweise schlägst du vor?«
Tristan sah sie an, dann wanderte sein Blick weiter zu Humphrey und Jeremy. »Wir wissen noch immer nicht, worauf Mountford es eigentlich abgesehen hat. Wir könnten uns natürlich zurücklehnen und abwarten, bis ihm der Einbruch gelingt, und dann sehen, worauf er sich stürzt. Dies ist allerdings der weitaus gefährlichere Weg. Ihn in dieses Haus hier einsteigen zu lassen und ihn die Sache, hinter der er her ist, auch nur für einen Augenblick in die Finger kriegen zu lassen, sollte tatsächlich unser allerletzter Ausweg sein.«
»Und die Alternative?«, fragte Jeremy.
»Mit unseren schon begonnenen Nachforschungen fortzufahren. Erstens Martinbury finden; er kann uns hoffentlich Näheres zu Carruther sagen. Zweitens die drei Informationsquellen, die wir haben - Tagebücher, Briefe, Notizen -, nach weiteren Zusammenhängen durchsuchen. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass Mountfords Interesse wenigstens teilweise hiermit zusammenhängt. Falls er selbst Zugang zu den uns fehlenden Teilen hat, würde dies durchaus Sinn ergeben.«
»Und drittens …« Tristan blickte wieder Leonora an. »Wir sind davon ausgegangen, dass der Gegenstand seines Interesses - sagen wir die Formel - sich in Cedrics Werkstatt befand. Dies könnte nach wie vor der Fall sein. Wir haben nur die offen herumliegenden Schriften entfernt; falls jedoch irgendetwas gezielt in der Werkstatt versteckt wurde, müsste es immer noch dort sein. Und letzten Endes wäre es auch möglich, dass die endgültige Formel aufgeschrieben und an anderer Stelle im Haus versteckt wurde.« Er machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr. »Die Gefahr, dass Mountford diese in die Finger bekommt, ist zu groß. Wir sollten das Haus daher gründlich durchsuchen.«
Leonora erinnerte sich daran, wie er Miss Timmins’ Zimmer durchsucht hatte, und nickte. »Ich stimme dem zu.« Sie ließ den Blick um den Tisch schweifen. »Onkel Humphrey und Jeremy sollten in der Bibliothek mit den Tagebüchern, Briefen und Notizen weitermachen. Eure Leute werden die Stadt nach Martinbury durchkämmen. Damit bleibt noch ihr drei, richtig?«
Tristan schenkte ihr sein charmantestes Lächeln. »Und du. Wenn du das Personal in Kenntnis setzt und uns freie Bahn verschaffst, werden wir drei das Haus durchsuchen. Wir müssen womöglich vom Dachboden bis zum Keller jeden Raum abklappern, und euer Haus ist recht groß.« Sein Lächeln bekam einen harten Zug. »Aber wir sind schließlich gut im Suchen.«
 
Das waren sie durchaus.
Leonora beobachtete vom Türrahmen der Werkstatt aus, wie die drei adligen Gentlemen still wie die Mäuse suchten, stöberten, stocherten, in jeden kleinsten Winkel blickten, an den schweren Regalen hochkletterten, hinter Schränke spähten, versteckte Ritze mit Stöcken abtasteten und sich flach auf den Boden legten, um Unterseiten von Schränken und Schubladen zu überprüfen. Ihnen entging nichts.
Und sie fanden nichts außer Staub.
Von der Werkstatt aus arbeiteten sie sich allmählich weiter vor - zunächst durch die Küche und die Speisekammern, die momentan geräuschlose Waschküche und alle übrigen Räume im Untergeschoss, dann begaben sie sich voll Entschlossenheit ins Erdgeschoss und setzten ihre bemerkenswerten Fähigkeiten in den dortigen Räumlichkeiten ein.
Innerhalb von zwei Stunden hatten sie die Schlafzimmer erreicht; eine weitere Stunde später betraten sie den Dachboden.
Gerade rief der Gong zum Mittagessen, als Leonora, die auf der Treppe zum Dachboden Platz genommen hatte, hinter sich auf der Treppe Schritte spürte.
Sie stand auf und wandte sich schwungvoll herum. Am Gang der Männer, schwer und langsam, erkannte sie, dass sie offenbar nicht das Geringste gefunden hatten. Sie kamen in ihr Sichtfeld, allesamt damit beschäftigt, ihr Haar und ihre edlen Anzüge von Spinnenweben zu befreien - der gute Mr Shultz, Londons begehrtester Herrenschneider, wäre gewiss nicht erfreut gewesen.
Tristan begegnete ihrem Blick und fasste einigermaßen mürrisch zusammen: »Wenn sich in diesem Haus irgendwo eine geheime Formel versteckt hält, dann in der Bibliothek.«
Und zwar in Cedrics Tagebüchern oder Carruthers Briefen und Notizen.
»Wenigstens wissen wir das nun mit Sicherheit.« Leonora wandte sich um und ging ihnen voran die Haupttreppe hinunter ins Speisezimmer.
Jeremy und Humphrey kamen hinzu.
Während sie Platz nahmen, schüttelte Jeremy den Kopf. »Nichts Neues, leider.«
»Außer«, setzte Humphrey stirnrunzelnd hinzu, während er seine Serviette ausbreitete, »dass ich mir allmählich immer sicherer werde, dass Cedric über die Auswertungen und Schlüsse seiner Experimente keinerlei Buch geführt hat.« Er verzog das Gesicht. »Manche Wissenschaftler sind nun einmal so - verwahren alles nur im Kopf.«
»Geheimniskrämerei?«, fragte Deverell, während er von der Suppe kostete.
Humphrey schüttelte den Kopf. »Meistens nicht. Sie sehen es eher als Zeitverschwendung an, etwas, was sie bereits wissen, auch noch zu Papier zu bringen.«
Alle begannen zu essen, dann fuhr Humphrey mit immer noch nachdenklicher Miene fort: »Wenn Cedric also keine derartigen Aufzeichnungen hinterlassen hat, und davon muss man wohl ausgehen, denn die meisten Bücher in der Bibliothek sind schließlich unsere eigenen; als wir hier einzogen, war da nur eine Handvoll uralter Texte …«
Jeremy nickte. »Und die bin ich allesamt durchgegangen. Da waren keine Aufzeichnungen, weder hineingesteckt noch direkt hineingeschrieben.«
Humphrey sprach weiter. »Wenn dem also so ist, können wir nur beten, dass Carruther ausführlichere Aufzeichnungen angefertigt hat; die Briefe und Notizen lassen zumindest darauf hoffen. Ich will gar nicht behaupten, dass wir mit dem, was wir bis jetzt haben, das Geheimnis nicht irgendwann lüften könnten, aber ein gründlich geführtes Buch mit einer durchgängigen Auflistung aller Experimente … wenn wir so etwas hätten, dann könnten wir wenigstens feststellen, welche Zusammensetzung der Substanz früher und welche später entstanden ist. Und vor allem, welches die Endversion ist.«
»Man muss dazu sagen, es gibt eine ganze Reihe von verschiedenen Versionen«, fügte Jeremy erklärend hinzu. »Aber Cedrics Aufzeichnungen erlauben keinerlei Rückschlüsse darüber, in welcher Reihenfolge die Zusammensetzung geändert wurde und schon gar nicht, warum. Cedric ist dies natürlich klar gewesen und Carruther, den Briefen nach zu urteilen, anscheinend auch. Aber bislang haben wir nur einige von Carruthers Briefen mit Cedrics Notizen in Zusammenhang bringen können, und zwar, weil die Briefe datiert sind.«
Humphrey kaute und nickte finster. »Es ist wahrlich zum Haareraufen.«
Sie hörten von ferne das Läuten der Türglocke. Castor ging hinaus und kehrte eine Minute später mit einer gefalteten Notiz auf einem Tablett zurück.
Er wandte sich an Deverell. »Ein Diener von nebenan hat eine Nachricht für Sie überbracht, Mylord.«
Deverell warf Tristan und Charles einen flüchtigen Blick zu, während er seine Gabel sinken ließ, um die Notiz an sich zu nehmen. Es war ein schlichter Zettel von einfachem Papier, auf dem einige mit Bleistift unförmig hingekrakelte Worte standen. Deverell überflog die Zeilen, dann blickte er Tristan und Charles über den Tisch hinweg an.
Beide setzten sich aufrecht hin.
»Was?«
Alle Blicke waren auf Deverell gerichtet. Allmählich breitete sich ein Lächeln über seine Lippen.
»Die guten Frauen der Barmherzigen Schwestern in der Whitechapel Road haben sich der Pflege eines jungen Mannes angenommen, welcher auf den Namen Jonathon Martinbury hört.« Deverell starrte die Notiz weiter an, seine Züge verhärteten sich. »Er wurde vor zwei Wochen zu ihnen gebracht, nachdem man ihn brutal zusammengeschlagen und zum Sterben in die Gosse geworfen hatte.«
 
Martinbury abzuholen - alle waren sich einig, dass sie ihn herholen mussten -, erwies sich als eine organisatorische Herausforderung. Letztendlich einigte man sich darauf, dass Leonora und Tristan zusammen nach Whitechapel fahren sollten; weder St. Austell noch Deverell wollten das Risiko eingehen, von Mountford dabei beobachtet zu werden, wie sie das Haus der Carlings verließen und wieder betraten. Selbst Leonora und Tristan mussten sich in Acht nehmen. Mit Henrietta an der Leine verließen sie das Haus durch den Haupteingang.
Erst einmal auf dem Gehweg angelangt, boten ihnen die Bäume entlang der Grundstücksgrenze zu Nummer zwölf Schutz vor etwaigen Blicken aus Haus Nummer sechzehn. Sie traten durch das Eingangstor des Klubs und ließen Henrietta - zu ihrer großen Empörung - dort in der Küche zurück.
Tristan scheuchte Leonora eilig durch den hinteren Garten und hinaus in die rückwärtige Gasse. Von hier aus war es kein Problem, die nächstgelegene Straße zu erreichen und eine Droschke anzuhalten, die sie schnellstens in die Whitechapel Road brachte.
Im Krankentrakt des Ordenshauses fanden sie Jonathon Martinbury. Er machte einen robusten Eindruck, sowohl was seinen Körperbau als auch seine allgemeine Verfassung anging. Braunes Haar lugte unter den Bandagen hervor, die um seinen Kopf gewickelt waren. Der überwiegende Teil seines Körpers schien bandagiert zu sein; ein Arm ruhte in einer Schlinge. Sein Gesicht wies mehrere schwere Prellungen und Schnitte auf, und über einem Auge hatte er einen riesigen Bluterguss.
Er war bei klarem Verstand, wenn auch ansonsten recht schwach. Als Leonora ihm erklärte, sie hätten nach ihm gesucht, weil sie bezüglich der Zusammenarbeit von Cedric Carling und A.J. Carruther gerne mit ihm sprechen würden, leuchteten seine Augen auf.
»Gott sei Dank!« Er schloss kurz die Augen, dann öffnete er sie wieder. Seine Stimme klang rau, noch immer heiser. »Ich habe Ihren Brief bekommen. Ich kam extra etwas früher in die Stadt, um mich bei Ihnen zu melden …« Er brach ab, seine Züge überschatteten sich. »Alles Weitere war nichts als ein einziger Albtraum.«
 
Tristan sprach mit den Ordensschwestern. Obwohl sie sich durchaus besorgt zeigten, stimmten sie zu, dass es Martinbury gut genug ginge, um transportiert zu werden, zumal er sich nunmehr in den Händen von Freunden befand.
Tristan und der Gärtner des Ordens nahmen Jonathon in ihre Mitte, stützten ihn und halfen ihm hinaus zu der wartenden Droschke. In das Gefährt hineinzuklettern, beanspruchte die Kräfte des jungen Mannes erheblich; als er schließlich in eine Decke gehüllt und mit mehreren Kissen gestützt auf dem Sitz Platz genommen hatte, waren seine Lippen fest aufeinandergepresst und sein Gesicht war sehr blass. Tristan hatte ihm seinen Paletot geliehen, da Jonathons eigener Mantel hoffnungslos zerrissen worden war.
Tristan und Leonora richteten den Schwestern Jonathons Dankesworte aus, und Tristan versprach, dem Orden sobald als möglich eine dringend benötigte Spende zukommen zu lassen. Leonora schenkte ihm einen anerkennenden Blick. Er half ihr hinauf in die Droschke und wollte gerade folgen, als eine mütterlich wirkende Schwester auf ihn zuhastete.
»Warten Sie! Warten Sie!« Mit einer schweren Reisetasche in der Hand kam sie keuchend durch das Eingangstor gerannt.
Tristan trat ihr entgegen und nahm ihr die Tasche ab. Sie strahlte Jonathon durch die offene Tür an. »Es wäre doch eine Schande, wenn Sie nach allem, was Sie durchmachen mussten, das einzige bisschen Glück, das Ihnen geblieben ist, am Ende auch noch verlieren würden!«
Als Tristan die Tasche auf den Droschkenboden hievte, beugte sich Jonathon herunter und tastete nach der Tasche, so als müsse er sich vergewissern, dass sie tatsächlich da war. »Ganz recht«, erwiderte Jonathon atemlos und nickte, so gut es ging. »Herzlichen Dank, Schwester.«
Die Schwestern winkten und riefen ihnen Segenswünsche zu; Leonora winkte zurück. Tristan kletterte hinein und schloss den Schlag hinter sich. Als er neben Leonora Platz nahm, rollte die Kutsche bereits an.
Er betrachtete die große lederne Reisetasche, die zwischen den Sitzbänken auf dem Boden ruhte. Er blickte zu Jonathon auf. »Was ist darin?«
Jonathon ließ seinen Kopf gegen die Rückwand sinken. »Meiner Einschätzung nach genau das, hinter dem die Leute her sind, die mir das hier angetan haben.«
Leonora und Tristan starrten die Tasche an.
Jonathon atmete schmerzerfüllt ein. »Wissen Sie …«
»Nicht doch.« Tristan hob eine Hand. »Warten Sie. Die Fahrt ist schon anstrengend genug. Ruhen Sie sich aus. Wenn wir Sie erst einmal bequem bei uns untergebracht haben, können Sie uns allen in Ruhe Ihre Geschichte erzählen.«
»Ihnen allen?« Jonathon sah ihn hinter halb geschlossenen Lidern an. »Wie viele sind Sie denn?«
»Einige. Es ist gewiss angenehmer, wenn Sie Ihre Geschichte nur ein einziges Mal erzählen müssen.«
 
Eine fiebrige Ungeduld erfasste Leonora, die sich insbesondere auf Jonathons schwere Ledertasche konzentrierte. Eine völlig gewöhnliche Reisetasche, doch sie konnte sich vorstellen, was darin verborgen war. Als die Droschke schließlich in der schmalen rückwärtigen Gasse vor dem Gartentor vom Montrose Place Nummer vierzehn anhielt, war Leonora vor unbefriedigter Neugier schon völlig außer sich.
Tristan hatte den Kutscher zuvor in einer Straße nahe dem Park anhalten lassen und hatte sie mit den Worten, er habe noch etwas zu regeln, in der Droschke warten lassen.
Es dauerte über eine halbe Stunde, ehe er zurückkehrte. Jonathon hatte in der Zwischenzeit geschlafen und war noch immer erschöpft, als die Kutsche zum letzten Mal hielt und Deverell ihnen den Schlag öffnete.
»Geh vor.« Tristan versetzte Leonora einen kleinen Schubs.
Sie reichte Deverell die Hand und ließ sich von ihm aus der Droschke helfen. Das Gartentor stand offen, und dahinter erblickte sie Charles St. Austell; er bedeutete ihr hindurchzutreten.
Ihr kräftigster Diener, Clyde, stand neben ihm und hielt etwas fest, das Leonora im nächsten Moment als behelfsmäßige Bahre erkannte.
Charles bemerkte ihren Blick. »Wir werden ihn tragen. Anders wäre es zu langsam und zu beschwerlich.«
Sie blickte ihn an. »Zu langsam?«
Mit einer Kopfbewegung deutete er auf das Nachbarhaus. »Wir wollen möglichst verhindern, dass Mountford etwas mitbekommt.«
Sie gingen davon aus, dass Mountford - oder vielmehr sein Komplize - das Kommen und Gehen im Haus der Carlings im Auge behielt.
»Ich hatte angenommen, wir würden ihn nebenan unterbringen.« Leonora blickte hinüber zum Klub.
»Es wäre zu kompliziert, wenn wir uns alle unauffällig hinüberbegeben wollten, um seine Geschichte anzuhören.«
Mit vereinten Kräften legten die vier Männer Jonathon auf die Bahre, die aus mehreren zusammengelegten Laken und zwei Besenstielen bestand. Deverell ging ihnen voraus. Clyde und Charles folgten mit der Bahre. Tristan, der Jonathons Tasche trug, bildete das Schlusslicht, und Leonora ging vor ihm her.
»Was ist mit der Droschke?«, flüsterte Leonora.
»Bereits erledigt. Ich habe den Fahrer angewiesen, noch zehn Minuten zu warten, ehe er losfährt, nur für den Fall, dass das Geräusch der vorbeifahrenden Kutsche nebenan ihre Aufmerksamkeit erregt.«
Er hatte an alles gedacht, sogar daran, einen neuen schmalen Durchgang in die Hecke schneiden zu lassen, welche den Küchengarten von der offenen Rasenfläche abgrenzte. Anstatt den Hauptpfad hinauf und durch den mittleren Heckenbogen hindurch zum Haus zu gehen und somit die weite Rasenfläche überqueren zu müssen, konnten sie nun einen schmalen Seitenweg einschlagen, der sie an der Grundstücksgrenze des Klubs durch die neu geschlagene Öffnung hindurch im schützenden Schatten der Mauer zum Haus führte.
Sie hatten nur ein kurzes offenes Stück zu überwinden, ehe der vorspringende Küchentrakt ihnen Deckung bot vor etwaigen Blicken aus dem Haus Nummer sechzehn. Von hier aus konnten sie in Ruhe die Stufen zur Terrasse hinaufsteigen und durch die Türen des Salons ins Innere gelangen.
Als Tristan die Terrassentüren hinter sich schloss, begegnete Leonora seinem Blick. »Überaus gründlich.«
»Gehört alles zum Service.« Sein Blick wanderte an ihr vorbei. Sie drehte sich um und sah, dass man Jonathon von der Bahre herunter auf ein sorgfältig vorbereitetes Ruhebett half.
Pringle war bereits zugegen. Tristan begegnete seinem Blick. »Wir überlassen den Patienten nun ihnen. Sie finden uns in der Bibliothek. Stoßen Sie einfach zu uns, wenn Sie hier fertig sind.«
Pringle nickte und wandte sich Jonathon zu.
Sie verließen der Reihe nach den Raum. Clyde brachte die Bahre hinunter in die Küche; der Rest der Truppe begab sich in die Bibliothek.
Leonoras eigene Neugier war nichts im Vergleich zu der Ungeduld, die Humphrey und Jeremy plagte. Wären Tristan und die anderen nicht dabei gewesen, hätte sie sie wohl kaum davon abhalten können, sich die Tasche bringen zu lassen und nur mal einen »kurzen Blick« hineinzuwerfen, um deren Inhalt zu überprüfen.
Die bequeme alte Bibliothek war ihr selten so voll vorgekommen - und noch seltener so belebt. Es lag nicht allein an Tristan, St. Austell und Deverell, die mit harten, entschlossenen Gesichtern ungeduldig auf und ab liefen; ihre unterdrückte Energie schien sich auch auf Jeremy und sogar Onkel Humphrey zu übertragen. Dies musste in etwa der Atmosphäre entsprechen, die in einem Zelt voller Ritter geherrscht haben mochte, kurz bevor diese in den Kampf zogen - so ging es Leonora durch den Kopf, während sie, mit gespielter Geduld und Henrietta zu ihren Füßen, auf der Chaiselongue saß und das Schauspiel betrachtete.
Schließlich öffnete sich die Tür, und Pringle trat ein. Tristan füllte ein Glas mit Brandy und reichte es ihm; Pringle nahm es mit einem Nicken entgegen, nippte daran und seufzte vor Genugtuung. »Es geht ihm den Umständen entsprechend gut; in jedem Fall gut genug für eine Unterhaltung. Er drängt sogar geradezu darauf, daher würde ich empfehlen, ihn bald zu Wort kommen zu lassen.«
»Seine Verletzungen?«, fragte Tristan.
»Ich würde sagen, seine Angreifer waren eiskalt entschlossen, ihn zu töten.«
»Leute vom Fach?«, fragte Deverell.
Pringle zögerte. »Meiner Vermutung nach ja, allerdings wohl eher welche, die vorzugsweise mit Messern und Pistolen arbeiten. In unserem Fall hingegen wollten sie es wohl nach einem Überfall gewöhnlicher Ganoven aussehen lassen. Was sie dabei jedoch außer Acht gelassen haben, ist Mr Martinburys äußerst stabiler Knochenbau; er hat eine Reihe schwerer Prellungen und Blutergüsse, aber die Schwestern haben gute Arbeit geleistet. Er wird wieder ganz der Alte werden. Trotzdem hätte er wohl kaum eine Chance gehabt, wenn nicht ein gutherziger Mensch ihn gefunden und zu den Ordensschwestern gebracht hätte.«
Tristan nickte. »Nochmals vielen Dank.«
»Keine Ursache.« Pringle reichte ihm das leere Glas zurück. »Jedes Mal, wenn ich von Gasthorpe höre, kann ich zumindest sicher sein, dass ich etwas Interessanteres zu sehen bekomme als Ausschlag und Furunkel.«
Von allseitigem Nicken begleitet, verließ er den Raum.
Die Zurückgebliebenen warfen einander vielsagende Blicke zu - die Spannung war auf dem Siedepunkt.
Leonora stand auf. Alle Gläser wurden zügig geleert und abgestellt. Sie schüttelte ihre Röcke aus und begab sich dann allen voran in den Salon.