10
Als er am nächsten Morgen vor ihrer Tür stand, um sie zu einer Rundfahrt im Park einzuladen, war sie geradezu fassungslos. Als sie sich anschickte, die Einladung auszuschlagen, sah er sie lediglich an.
»Du hast doch bereits zugegeben, dass du keine anderweitigen Verpflichtungen hast.«
Allerdings nur, weil sie angenommen hatte, er würde mit ihr über seine Nachforschungen sprechen wollen.
Seine haselnussbraunen Augen wichen nicht von ihr. »Du solltest mir von den Briefen erzählen, die du an Cedrics Bekannte geschickt hast. Das kannst du im Park genauso gut tun wie hier.« Sein Blick wurde durchdringender. »Außerdem steht dir doch sicher der Sinn nach frischer Luft. Einen Tag wie den heutigen lässt man nicht einfach achtlos verstreichen.«
Sie kniff ihre Augen ein wenig zusammen; vor diesem Mann musste sie sich wahrlich in Acht nehmen. Aber er hatte recht; es war ein wunderbarer Tag, und sie hatte bereits mit dem Gedanken gespielt, einen kleinen Spaziergang zu machen, doch die Geschehnisse ihres letzten Ausflugs hatten sie davon abgehalten, allein hinauszugehen.
Er war schlau genug, sie nicht weiter zu drängen, er wartete einfach ab - wartete auf die Kapitulation, so wie er es gewohnt war.
Sie zog eine Grimasse. »Nun gut. Warte hier, ich hole nur schnell meine Pelisse.«
Als sie die Treppe wieder herunterkam, erwartete er sie in der Eingangshalle. Während sie Seite an Seite zum Tor schritten, ermahnte sie sich, diesem Wohlbehagen, das sie in seiner Nähe verspürte, besser schleunigst einen Riegel vorzuschieben. Seine Gegenwart war ihr viel zu willkommen. Viel zu angenehm.
Die Kutschfahrt trug nicht gerade dazu bei, den Zauber zu brechen. Die frische Brise kündete bereits vom nahenden Frühling; die wenigen dünnen Wolkenfetzen an dem ansonsten strahlend blauen Himmel umspielten die Sonne nur ganz sanft. Die ungewohnte Wärme bildete eine angenehme Abwechslung zu dem eisigen Wind, der bis vor Kurzem noch geherrscht hatte; die Bäume, unter denen Trentham seine Schimmel hindurchlenkte, zeigten bereits erste junge Triebe.
An Tagen wie diesem waren die Damen der feinen Gesellschaft in Scharen unterwegs, aber es war noch früh am Tag, und die Allee war noch nicht überfüllt. Hier und da nickte sie einer Bekannten ihrer Tante zu, wenn diese sie erkannte, doch die meiste Zeit über war ihre Aufmerksamkeit fest auf den Mann an ihrer Seite gerichtet.
Er hatte die Tiere völlig im Griff - einem Griff, den sie selbst gut genug kannte, um ihn zu bewundern - und lenkte sie mit einer unbewussten Selbstsicherheit, die ihre Bewunderung nur noch verstärkte. Sie versuchte, nicht auf seine Hände zu starren, auf seine langen Finger, die sachkundig mit den Zügeln spielten - doch vergeblich.
Einen Augenblick später fühlte sie, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg; sie zwang sich wegzusehen. »Die letzten Briefe habe ich heute Morgen versendet. Mit etwas Glück erhalte ich bereits innerhalb dieser Woche die ersten Antworten.«
Tristan nickte. »Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass Mountfords Interesse irgendetwas mit der Arbeit deines Cousins Cedric zu tun haben muss.«
Leonora sah ihn an; Strähnen ihres Haars hatten sich gelöst und umspielten ihr Gesicht. »Inwiefern?«
Er wandte seinen Blick wieder auf die Pferde - weg von ihrem Mund, ihren sinnlichen Lippen. »Es muss etwas sein, das ihm im Falle eines Kaufes automatisch zugefallen wäre. Hätte dein Onkel sich auf den Verkauf eingelassen, meinst du, ihr hättet Cedrics Werkstatt dann ausgeräumt?« Er blickte sie wieder an. »Ich habe eher den Eindruck, dass der Raum schon so gut wie vergessen war, wie aus dem Gedächtnis gebannt. Selbiges würde auf die Dinge in der Bibliothek wohl kaum zutreffen.«
»Stimmt.« Sie nickte und versuchte zugleich, ihre widerspenstigen Locken im Zaum zu halten. »Wenn Mountford nicht gewesen wäre, hätte ich die Werkstatt wohl nie betreten. Aber ich glaube, du lässt dabei eines außer Acht. Wenn ich es auf etwas abgesehen hätte, von dem ich zumindest eine ungefähre Idee hätte, wo es sich befinden könnte, dann würde ich den Kauf lediglich anstreben - ich meine, ohne den Vertrag jemals perfekt machen zu wollen - und mich dann zu einem Besuch ankündigen, um angeblich zwecks Möblierung und Renovierung die Räume zu vermessen.« Sie zuckte die Schultern. »So könnte man sich genügend Zeit verschaffen, um sich ausgiebig umzusehen und möglicherweise etwas zu entwenden.«
Er dachte darüber nach, stellte sich die Situation vor und verzog dann widerwillig das Gesicht. »Du hast recht. Das würde also bedeuten, dass besagte Sache - was immer es auch sein mag - überall im Haus versteckt sein könnte.« Er warf ihr einen Blick zu. »Und das in einem Haus voller Exzentriker.«
Sie begegnete seinem Blick, zog ihre Brauen hoch und wandte sich dann mit hocherhobener Nasenspitze ab.
 
Am nächsten Tag stattete er ihr erneut einen Besuch ab und entkräftete all ihre Vorbehalte mit exklusiven Karten für die Vorbesichtigung der neuesten Ausstellung in der Royal Academy.
Während er sie durch das Eingangsportal der Galerie führte, warf sie ihm einen strengen Blick zu. »Werden derartige Privilegien allen Earls zuteil?«
Er erwiderte ihren Blick. »Nur ganz besonderen Earls.«
Ihre Lippen zuckten verräterisch, bevor sie ihren Blick abwandte.
Tristan hatte sich nicht allzu viel von diesem Ausflug versprochen - aus seiner Sicht nur ein unwesentlicher Vorstoß in einer umfassenden Kampagne. Nichtsdestoweniger fand er sich plötzlich einer äußerst lebhaften Argumentation ausgesetzt, warum Porträtgemälde Landschaftsdarstellungen vorzuziehen seien.
»Menschen sind so lebendig! Sie machen das Leben doch überhaupt erst aus.«
»Aber es sind die Landschaften, die ein Land ausmachen, die England ausmachen - die Menschen sind nichts weiter als ein Ausdruck des jeweiligen Ortes.«
»So ein Unsinn! Sieh dir zum Beispiel einmal diesen Straßenhändler an.« Sie deutete auf eine hervorragende Zeichnung von einem Mann mit einem Handkarren. »Ein Blick und man weiß sofort, woher er kommt. Sogar aus welchem Stadtteil Londons. Die Menschen verkörpern die Orte nicht nur, sie repräsentieren sie sogar.«
Sie befanden sich in einem der kleineren Räume der labyrinthisch anmutenden Galerie; aus dem Augenwinkel heraus bemerkte Tristan, dass die andere Besuchergruppe den Raum gerade verließ und sie beide allein zurückließ.
Leonora, die, auf seinen Arm gelehnt, eine lebhafte Flussszene mit einem halben Regiment an Hafenarbeitern betrachtete, hatte nichts bemerkt. Sie gehorchte seinem sanften Zerren und folgte ihm zum nächsten Werk - einer schlichten, einfachen Landschaftsdarstellung.
Sie schnaubte leise, warf einen flüchtigen Blick zurück zur Flussszene und sah dann zu ihm auf. »Du willst mir doch wohl nicht weismachen, dass du so eine leere Landschaft einem Bild voller Menschen vorziehen würdest.«
Er sah ihr ins Gesicht. Sie stand dicht an seiner Seite; ihre Lippen und ihre Wärme waren verlockend. Ihre Hand ruhte vertrauensvoll auf seinem Arm.
Leidenschaft und noch andere Gefühle flammten unvermittelt auf.
Er versuchte gar nicht, sie ihr zu verheimlichen, sie aus seinen Zügen oder aus seinem Blick zu verscheuchen.
»Menschen im Allgemeinen interessieren mich nicht.« Er sah sie an, ließ seine Stimme absichtlich tiefer klingen. »Aber ich kenne da ein Bild von dir, das ich gerne noch einmal betrachten, nein, erleben würde.«
Sie hielt seinem Blick stand. Eine sanfte Röte stieg ihr in die Wangen, aber sie sah nicht weg. Sie wusste ganz genau, welches Bild er meinte - sie, nackt und begierig unter ihm. Sie atmete knapp. »Das solltest du nicht sagen.«
»Und warum nicht? Es ist die Wahrheit.«
Er spürte, wie ein Schauer sie überlief.
»Es wird nicht geschehen - du wirst dieses Bild nicht noch einmal zu sehen bekommen.«
Er musterte sie eingehend; mit einer gewissen Bescheidenheit wie auch Verwunderung stellte er fest, dass sie in ihm nicht die Person sah, die er eigentlich war; dass sie tatsächlich glaubte - weniger aus Naivität, eher aus schlichter Überzeugung -, wenn sie nur lange genug ihrem Prinzip treu bleiben würde, er die Grenzen seines Ehrgefühls niemals überschreiten, sie sich niemals nehmen würde.
Da irrte sie sich gewaltig, doch das Vertrauen, das sie in ihn setzte, war ihm viel zu wichtig, viel zu wertvoll, um es leichtfertig aufs Spiel zu setzen.
Er zog eine Augenbraue hoch und lächelte. »In diesem Punkt werden wir uns wohl nicht einig werden.«
Wie erwartet bedachte sie ihn mit einem verächtlichen Schnauben und wandte sich mit hocherhobenem Kinn dem nächsten Kunstwerk zu.
 
Er ließ einen Tag verstreichen - einen Tag, den er nutzte, um diejenigen Personen zu kontaktieren, die er auf die Suche nach Mountford angesetzt hatte -, bevor er sich erneut zum Montrose Place begab, um Leonora dazu zu verleiten, ihn in den Richmond Park zu begleiten. Er hatte sich gut vorbereitet; alle Welt begab sich zum Tee ins Star and Garter, um zu sehen und gesehen zu werden.
Auf das »gesehen werden« kam es ihm an.
Leonora fühlte sich erstaunlich unbeschwert, als sie an Trenthams Seite unter den Bäumen entlangspazierte - ihre Hand fest in der seinen. Dies entsprach zwar nicht ganz den Gepflogenheiten, aber als sie ihn darauf hinwies, zog er lediglich eine Braue hoch und hielt weiterhin ihre Hand, gänzlich unbeeindruckt.
Ihre positive Stimmung verdankte sie ihm; sie konnte sich nicht vorstellen, in Gesellschaft irgendeines anderen Gentlemans etwas Vergleichbares zu empfinden.
Ihr war durchaus bewusst, in welche Gefahr sie sich dabei begab; dass sie die unerwartete Nähe, die völlig unerwartete Vertrautheit - den feinen Nervenkitzel, an der Seite eines Wolfs zu spazieren - bitterlich vermissen würde, wenn er sie schließlich aufgeben und ihr Lebewohl sagen würde.
Aber es war ihr gleichgültig. Wenn es so weit wäre, würde sie gewiss Trübsal blasen, aber vorerst war sie fest entschlossen, jeden Augenblick dieses kleinen frühlingshaften Intermezzos voll auszukosten. Nicht in ihren kühnsten Träumen hätte sie sich vorgestellt, dass aus schlichter körperlicher Intimität - dem einmaligen Akt der geschlechtlichen Vereinigung - ein so unbeschwertes Zusammensein erwachsen könnte.
Es würde kein zweites Mal geben. Entgegen ihrer vorherigen Erwartungen hatte er nicht einmal gewollt, dass es einmal passierte, und ungeachtet der Dinge, die er von sich gab, würde er ihr gewiss nicht gegen ihren Willen zu nahe treten. Nun, da sie wusste, dass er es als seine Pflicht ansah, sie zu heiraten, würde sie sich erst recht auf keine weiteren Intimitäten mit ihm einlassen. Sie war nicht dumm genug, ihr Schicksal aufs Neue herauszufordern.
Ganz gleich, wie sie sich in seiner Nähe auch fühlte.
Ganz gleich, wie sehr das Schicksal sie auch herausfordern mochte.
Sie sah ihn flüchtig an.
Er begegnete ihrem Blick, zog die Brauen hoch. »Ich würde einiges darum geben, deine Gedanken lesen zu können.«
Sie lachte und schüttelte den Kopf. »Meine Gedanken sind viel zu wertvoll.« Und viel zu gefährlich.
»Wie viel sind sie dir denn wert?«
»Mehr als du zahlen könntest.«
Als er ihr nicht sofort antwortete, sah sie erneut zu ihm auf.
Er erwiderte ihren Blick. »Bist du dir da sicher?«
Sie wollte die Frage schon mit einem Lachen abtun, als sie den wahren Sinn seiner Worte in seinen Augen las. Sie begriff mit einem Mal, dass seine Gedanken - wie so oft - in genau dieselbe Richtung gingen wie ihre. Dass er ganz genau wusste, woran sie dachte, und er im Gegenzug buchstäblich dazu bereit war, jeden erdenklichen Preis zu zahlen …
All das stand in seinen Augen geschrieben - in haselnussbraunes Kristall graviert, klar und deutlich. Es kam inzwischen nur noch selten vor, dass er ihr gegenüber seine gewohnte Maske aufsetzte, zumindest nicht, wenn sie beide allein waren.
Sie waren immer langsamer geworden; schließlich blieben sie stehen. Leonora atmete gezwungen ein. »Ja.« Welchen Preis er auch immer zu zahlen bereit war, sie konnte und würde sein Angebot nicht annehmen.
Schließlich bemerkte er schlicht: »Wir werden sehen.«
Sie lächelte freundlich, freundschaftlich, dann schritten sie weiter.
Nachdem sie das Rotwild beobachtet und ausgiebig unter den Eichen und Buchen entlangflaniert waren, gingen sie zurück zu seinem Zweispänner und begaben sich ins Star and Garter.
»Ich bin schon seit Jahren nicht mehr hier gewesen«, gab Leonora zu, während sie sich an einen Fenstertisch setzte. »Seit dem Jahr meines Debüts nicht mehr.«
Sie wartete ab, während er Tee und Gebäck bestellte, danach sprach sie weiter. »Ich muss gestehen, ich kann mir dich schwerlich als jungen Mann auf dem gesellschaftlichen Parkett vorstellen.«
»Vermutlich, weil ich mich dort nie bewegt habe.« Er lehnte sich zurück und sah sie an. »Mit zwanzig bin ich in die Garde eingetreten, quasi direkt nach Oxford.« Er zuckte mit den Schultern. »In meinem Zweig der Familie war dies der übliche Werdegang - wir waren sozusagen der militärische Arm der Familie.«
»Und wo warst du stationiert? Du hast doch gewiss die Bälle der nächstgelegenen Stadt besucht?«
Er unterhielt sie mit Geschichten über seine frühen Abenteuer und die seiner Kameraden, dann drehte er den Spieß um und entlockte ihr Erinnerungen an ihre erste Saison. Sie hatte genug zu erzählen, um ihn angemessen zu unterhalten; falls er bemerkte, dass ihre Erlebnisse ein wenig nachbearbeitet waren, so ließ er es sich nicht anmerken.
Ihre Unterhaltung war inzwischen bei Bemerkungen über die aktuelle Gesellschaft und deren illustre Persönlichkeiten angelangt, als an einem benachbarten Tisch, an dem man sich gerade zum Gehen wandte, ein Stuhl umgestoßen wurde. Leonora blickte sich um … und erkannte an den Gesichtern der drei jungen Mädchen und ihrer Mutter, die sie allesamt anstarrten, dass der kleine Zwischenfall darauf zurückzuführen war, dass deren Aufmerksamkeit wie gebannt auf sie selbst und ihr Gegenüber gerichtet war.
Die Mutter, eine übertrieben herausgeputzte Dame, sah sie mit spitzen Lippen herablassend an und beeilte sich, ihre Küken hinauszutreiben. »Nun kommt schon!«
Zwei von ihnen gehorchten brav; das dritte Mädchen starrte sie noch einen Moment lang unverwandt an, dann drehte sie sich um und zischte in einem deutlich vernehmbaren Flüstern: »Hat Lady Mott denn gesagt, wann die Hochzeit stattfinden soll?«
Leonora starrte ihnen fassungslos hinterher. Ihre Gedanken überschlugen sich, flackerten in alle Richtungen; Szene um Szene wiederholte sich vor ihrem inneren Auge - ihr wurde eiskalt, dann heiß. Eine nie gekannte Wut bemächtigte sich ihrer. Langsam wandte sie den Kopf herum und sah Trentham an.
Seine haselnussbraunen Augen zeigten keine Spur von Reue, nicht einmal einen Anflug von gespielter Unschuld, sondern lieferten ihr vielmehr eine klare, deutliche und absolut unmissverständliche Bestätigung.
»Du Teufel.« Sie hauchte ihm das Wort zu. Ihre Finger umklammerten den Henkel ihrer Teetasse.
Er zuckte nicht einmal mit der Wimper. »Das würde ich dir nicht raten.«
An seiner entspannt zurückgelehnten Haltung hatte sich nichts geändert, doch sie wusste genau, wie schnell er reagieren konnte.
Ihr wurde plötzlich flau, schwindelig; sie konnte kaum mehr atmen. Sie stand ruckartig auf. »Bring mich hier raus.«
Ihre Stimme klang dünn, aber er gehorchte ihr; sie nahm beiläufig wahr, dass er sie aufmerksam beobachtete. Er schaffte ihr alle Hindernisse aus dem Weg und brachte sie rasch nach draußen. Sie war viel zu überreizt, um auf ihren Stolz Rücksicht zu nehmen und seine bereitwillige Hilfe zur Flucht auszuschlagen.
Doch sobald ihre knöchelhohen Schnürstiefel den Rasen des Parks berührten, riss sie ihre Hand von seinem Arm los und stiefelte davon. Weg von ihm. Weg von der Versuchung, ihn zu schlagen - oder vielmehr dem Versuch, ihn zu schlagen; ihr war klar, dass er dies niemals zulassen würde.
Ihr kam die Galle hoch; sie hatte geglaubt, er würde sich auf dem gesellschaftlichen Parkett nicht auskennen, stattdessen war sie es, die mit verschlossenen Augen durch die Gegend rannte. Wie ein braves Zicklein hatte sie sich von einem Wolf umgarnen lassen - und dieser Wolf hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, sich hinter etwas Wolle zu verstecken!
Sie biss die Zähne zusammen, um nicht laut aufzuschreien - anlässlich ihrer eigenen Dummheit. Sie hatte schließlich von Anfang an gewusst, mit wem sie es zu tun hatte, nämlich mit einen durch und durch rücksichtslosen Mann.
Sie blieb abrupt stehen. Ihre Panik half ihr jetzt auch nicht weiter, schon gar nicht gegenüber einem Mann wie ihm. Sie musste nachdenken und handeln - und zwar in der richtigen Art und Weise.
Was hatte er unternommen? Und was hatte er damit erreicht? Was konnte sie tun, um diese Wirkung zu entschärfen oder gar rückgängig zu machen?
Sie blieb reglos stehen, während ihr Verstand sich allmählich sammelte. Eine gewisse Ruhe breitete sich über sie; die Situation war nicht, konnte gar nicht so schlimm sein, wie sie zunächst gedacht hatte.
Sie wirbelte herum und war nicht im Geringsten erstaunt, als er nur etwa einen halben Meter entfernt vor ihr stand - und sie beobachtete.
Sie aufmerksam beobachtete.
Sie sah ihn fest an. »Hast du irgendjemandem von uns erzählt?«
Sein Blick hielt ihrem ruhig stand. »Nein.«
»Also waren die Worte des Mädchens nicht mehr als …« Sie gestikulierte mit beiden Händen.
»Mutmaßungen.«
Sie kniff die Augen ein wenig zusammen. »Die du allerdings fest einkalkuliert hattest.«
Er gab ihr keine Antwort.
Ihre Blicke durchbohrten ihn weiter, während ihr Verstand allmählich erkannte, dass noch nicht alles verloren war - dass er ihr keine gesellschaftliche Falle gestellt hatte, aus der sie nicht mehr würde entkommen können. Ihre brennende Wut verebbte, nicht so ihre Verärgerung. »Dies hier ist kein Spiel.«
Er wartete einen Moment, ehe er antwortete. »Das ganze Leben ist ein Spiel.«
»Und du spielst ausschließlich auf Sieg, nicht wahr?« Sie verlieh ihren Worten einen Tonfall, der an Verachtung grenzte.
Er rührte sich, streckte seine Hand aus und ergriff die ihre.
Zu ihrer grenzenlosen Verwunderung zog er sie mit einem Ruck an sich heran.
Sie schnappte nach Luft, als sie gegen seinen Oberkörper prallte.
Sie spürte, wie sein Arm sich um sie schloss.
Spürte, wie die immer noch schwelende Glut erneut aufflammte.
Er sah auf sie herab und führte die Hand, von der er zuvor Besitz ergriffen hatte, an seine Lippen. Behäbig ließ er sie über ihre Finger wandern, dann über ihre Handinnenflächen, bis sie schließlich an ihrem Handgelenk zur Ruhe kamen. Währenddessen hielt er ihren Blick, hielt er sie gefangen.
Seine Augen brannten vom knisternden Feuer der Gefühle, das zwischen ihnen aufloderte.
»Was zwischen uns ist, wird auch zwischen uns bleiben, aber es ist keineswegs verschwunden.« Er sah ihr tief in die Augen. »Und das wird es auch nicht.«
Er beugte seinen Kopf zu ihr herab. Sie atmete gezwungen ein. »Aber ich will das nicht.«
Hinter seinen langen Wimpern sah er sie an, dann murmelte er: »Zu spät.«
Und küsste sie.
 
Sie hatte ihn einen Teufel genannt. Und zwar ganz zu Recht.
Gegen Mittag des nächsten Tages wusste sie, was es hieß, belagert zu werden.
Als Trentham - mit seiner gottverdammten Arroganz - sie am Tag zuvor schließlich und endlich losgelassen hatte, war ihr ohne jeden Zweifel klar gewesen, dass ihr ein erbitterter Kampf bevorstand.
»Ich werde dich nicht heiraten.« Sie hatte der Aussage so viel Nachdruck verliehen, wie es ihr nur irgend möglich war; leider bei Weitem nicht so viel, wie sie es sich unter diesen Umständen gewünscht hätte.
Er hatte sie nur angesehen, geknurrt - tatsächlich geknurrt - und dann ihre Hand ergriffen, um sie zur Kutsche zu zerren.
Auf dem Heimweg hatte sie sich in eisiges Schweigen gehüllt; nicht, weil ihr nicht genügend bissige Kommentare auf der Zunge gebrannt hätten, sondern weil sein Stallbursche hinter ihnen auf der Kutsche hockte. Sie hatte warten müssen, bis Trentham ihr am Montrose Place vor ihrem Haus aus der Kutsche half, um ihn endlich mit einem drohenden Blick zu bedenken und zu fragen: »Warum? Warum ausgerechnet ich? Nenne mir einen vernünftigen Grund, weshalb du mich unbedingt heiraten willst.«
Seine braunen Augen funkelten, dann beugte er sich zu ihr herab und murmelte: »Erinnerst du dich noch an das Bild, von dem wir gesprochen haben?«
Sie unterdrückte den plötzlichen Drang, einen Schritt zurückzutreten. Sie studierte seinen Blick, ehe sie antwortete: »Was ist damit?«
»Die Aussicht, es jeden Morgen und jeden Abend zu sehen, stellt für mich einen überaus vernünftigen Grund dar.«
Sie konnte nur blinzeln, während ihr die Röte ins Gesicht stieg. Einen Augenblick lang starrte sie ihn fassungslos an, während ihr Magen sich unangenehm verkrampfte, dann trat sie zurück. »Du bist ja verrückt.«
Sie hatte auf dem Absatz kehrtgemacht, das Eingangstor aufgestoßen und war ohne Weiteres zum Haus stolziert.
Von der ersten Morgenpost an wurde sie mit Einladungen nur so überschwemmt.
Eine oder zwei hätte sie problemlos übergehen können; aber ganze fünfzehn bis zum Mittagessen, allesamt von den bedeutendsten Gastgeberinnen der Stadt, konnten unmöglich ignoriert werden. Wie er das nun wieder eingefädelt hatte, war ihr schleierhaft, aber seine Botschaft war eindeutig - sie konnte ihm nicht aus dem Weg gehen. Entweder sie würde ihm auf neutralem Boden begegnen, sprich, in gesellschaftlichen Kreisen oder …
Dieses drohende »oder« machte ihr ernsthafte Sorgen.
Es fiel ihr schwer, ihn zu durchschauen; die Tatsache, dass sie seine bisherigen Absichten völlig falsch eingeschätzt hatte, hatte sie überhaupt erst in diese missliche Lage gebracht.
»Oder …« klang in ihren Ohren eindeutig zu gefährlich; aber letzten Endes war es ganz egal, was er tat - solange sie sich an das schlichte Wörtchen »nein« hielte, konnte ihr nichts passieren, konnte gar nichts schiefgehen.
Um vier Uhr am Nachmittag stattete Mildred ihr einen Besuch ab, mit Gertie im Schlepptau.
»Liebes!« Sie kam in den Salon geweht wie eine schwarz-weiße Galeone. »Lady Holland besteht darauf, dass ich dich heute Abend zu ihrer Soiree mitbringe.« Mit einem seidigen Rascheln ließ sie sich auf die Chaiselongue sinken und warf ihr einen euphorischen Blick zu. »Ich hatte ja keine Ahnung, dass Trentham solch einen Einfluss hat.«
Leonora verbiss sich ein empörtes Knurren. »Ich auch nicht.« Lady Holland - Grundgütiger! »Dieser Mann ist ein wahrer Teufel!«
Mildred blinzelte sie verständnislos an. »Teufel?«
Leonora setzte ihre bisherige Tätigkeit fort - nämlich vor dem Kamin auf und ab zu laufen. »Er macht das alles nur, um mich zu zermürben.«
»Zermür…« Mildred wirkte besorgt. »Liebes, ist dir nicht wohl?«
Sie sah Mildred an, dann schweifte ihr Blick hinüber zu Gertie, die vor einem Sessel stehen geblieben war.
Gertie erwiderte ihren Blick und nickte. »So wird es wohl sein.« Sie nahm Platz. »Rücksichtslos. Herrschsüchtig. Jemand, der sich durch nichts und niemanden von seinem Ziel abbringen lässt.«
»Ganz genau!« Sie war erleichtert, endlich jemanden gefunden zu haben, der ihre Meinung teilte.
»Aber«, fuhr Gertie fort, »die Entscheidung liegt nichtsdestoweniger bei dir.«
»Entscheidung?« Mildred sah sie beide der Reihe nach an. »Du wirst sie doch wohl nicht auch noch dazu ermutigen, sich dieser unerwarteten Gelegenheit zu widersetzen?«
»Was das anbelangt«, gab Gertie völlig unbeeindruckt zurück, »wird sie sowieso ihre eigene Entscheidung treffen - das hat sie schon immer getan. Die Frage ist vielmehr, wird sie sich ihre Handlungen von ihm diktieren lassen oder wird sie sich ihm zur Wehr setzen?«
»Zur Wehr setzen?« Leonora runzelte die Stirn. »Du meinst also, ich soll all diese Einladungen ausschlagen?«
Gertie schnaubte. »Natürlich nicht! Damit schaufelst du dir nur dein eigenes Grab. Aber deshalb muss er ja nicht gleich meinen, er könnte dich zu irgendetwas zwingen. Meiner Ansicht nach wäre es die wirkungsvollste Reaktion, wenn du ganz einfach die begehrenswertesten Einladungen annimmst, und zwar in der eindeutigen Absicht, dich zu amüsieren. Begegne ihm auf den Tanzflächen dieser Stadt, und sollte er es wagen, dir dort zu nahe zu treten, wirst du ihm vor den Augen der versammelten Gesellschaft eine wohlverdiente Abfuhr erteilen.«
Sie schlug mit ihrem Stock auf den Boden. »Eines lass dir gesagt sein: Du solltest ihm deutlich machen, dass er keineswegs so allmächtig ist, wie er meint, und dass er mit derlei Machenschaften rein gar nichts erreicht.« Gerties ältliche Augen funkelten. »Und der beste Weg, ihm das zu beweisen, ist, dich genauso zu verhalten, wie er es von dir erwartet, nur um ihm dann zu zeigen, dass ihm dies weit weniger lieb ist, als er es sich zuvor erhofft hatte.«
Der Ausdruck auf Gerties Gesicht war eindeutig niederträchtig; die Szenen, die sich vor Leonoras innerem Auge abspielten, waren überaus verlockend.
»Ich verstehe, was du meinst.« Ihr Blick wanderte ins Leere, während sie sich die verschiedensten Situationen ausmalte. »Ich werde genau das tun, was er von mir erwartet, aber …« Ihr Blick kehrte zurück zu Gertie; sie strahlte. »Das ist es!«
Die Zahl der Einladungen war auf neunzehn angestiegen; ihr war fast schwindelig vor Kampfeslust.
Sie wandte sich schwungvoll an Mildred, die ihre Schwester nur ratlos anstarrte. »Bevor wir uns zu Lady Holland begeben, könnten wir doch vielleicht noch bei den Carstairs vorbeischauen, oder nicht?«
 
Und genau das taten sie; Leonora nutzte die Veranstaltung als kleine Wiederauffrischungsübung, um ihre Umgangsformen etwas abzustauben und aufzupolieren. Als sie am Abend schließlich Lady Hollands edle Räumlichkeiten betrat, sprühte sie nur so vor Selbstsicherheit. Sie wusste, dass sie gut aussah - in aquamarinblaue Seide gehüllt, die Haare elegant hochgesteckt, mit tropfenförmigen Topasen an den Ohren und einer Perlenkette um den Hals.
Mildred und Gertie auf dem Fuße folgend, machte sie einen Knicks vor Lady Holland, die sie mit durchdringendem und klugem Blick musterte, während man die üblichen Höflichkeiten austauschte.
»Ich habe gehört, Sie haben eine Eroberung gemacht«, bemerkte die Lady.
Leonora zog ihre Augenbrauen leicht nach oben und ließ ein Lächeln über ihre Lippen gleiten. »Ich kann Ihnen versichern, das lag nicht in meiner Absicht.«
Lady Hollands Augen weiteten sich; sie schien ihre Neugier geweckt zu haben.
Leonora erlaubte sich ein breiteres Lächeln; mit hocherhobenem Haupt schritt sie weiter.
Tristan hatte sich bequem gegen die Wand des Salons gelehnt und beobachtete die Begegnung von ferne - er sah die Verwunderung auf Lady Hollands Gesicht und bemerkte den amüsierten Blick, den sie ihm zuwarf, während Leonora in der Menge verschwand.
Er ignorierte diesen, stieß sich von der Wand ab und konzentrierte sich ganz auf seine Beute.
Er war unstandesgemäß früh erschienen, ungeachtet der Tatsache, dass Ihre Ladyschaft - die schon immer außergewöhnliches Interesse an seinem Werdegang gezeigt hatte - seine Gründe trefflich erahnte.
Die letzten zwei Stunden hatte er in Untätigkeit und unaussprechlicher Langeweile verbracht und sich bewusst daran erinnert, warum er es nie bereut hatte, mit zwanzig dem Militär beigetreten zu sein. Nun, da sich Leonora dazu herabgelassen hatte, zu erscheinen, konnte er endlich aktiv werden.
Die Einladungen, die er mittels seiner eigenen Verbindungen sowie der Hilfe seiner in London residierenden alten Damen erwirkt hatte, würden es ihm erlauben, jeden Abend der kommenden Woche irgendwo auf Leonora zu treffen.
Und zwar in zweckdienlicher Umgebung.
Und wenn dieses verdammte Frauenzimmer sich danach weiterhin stur stellte, würde die feine Gesellschaft - so wie sie nun einmal gestrickt war - ihr auch ohne sein weiteres Zutun beharrlich Einladungen zukommen lassen; dies wiederum würde ihm zahlreiche Gelegenheiten liefern, die er hartnäckig zu nutzen gedachte, bis Leonora schließlich nachgeben würde.
Er hatte sie jetzt im Blick; sie würde ihm nicht entkommen.
Tristan verringerte den Abstand und erreichte Leonoras Seite in dem Moment, als ihre Tanten sich gerade auf eines der niedrigen Sofas am Rande des Raums sinken ließen. Er kam mehreren Gentlemen zuvor, die ebenfalls ein Auge auf Leonora geworfen hatten und ihrerseits gerne einen Vorstoß gewagt hätten.
Er hatte herausgefunden, dass Lady Warsingham in gesellschaftlichen Kreisen kein unbeschriebenes Blatt war; ebenso wenig wie ihre Nichte. Leonora galt gemeinhin als eigensinnige Lady, die sich stur und hartnäckig einer Heirat widersetzte. Obwohl sie in ihrem Alter nicht mehr zu der Gruppe heiratsfähiger Misses zählte, wurde sie aufgrund ihrer Schönheit, ihrer Selbstsicherheit und ihres Verhaltens als eine Art Herausforderung betrachtet, zumindest in den Augen derjenigen Männer, die sich für derartige Herausforderungen interessierten.
Selbige Gentlemen würden ohne Zweifel sein Interesse wahrnehmen und sich fernhalten. Wenn sie klug waren.
Er verneigte sich vor den beiden älteren Damen, die ihn strahlend anlächelten.
Dann wandte er sich Leonora zu und begegnete ihrem eisigen Blick. »Miss Carling.«
Sie reichte ihm die Hand und knickste tief. Er verneigte sich, bedeutete ihr, sich zu erheben, und legte ihre Hand auf seinen Arm.
Welche sie ihm auf der Stelle wieder entzog, um ihm den Rücken zu kehren und andere Gäste zu begrüßen, die in diesem Moment auf sie zukamen.
»Leonora! Ist es denn die Möglichkeit? Wir haben uns ja schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen!«
»Guten Abend, Daphne. Mr Merryweather.« Leonora drückte ihre Wange an die der braunhaarigen Daphne - eine Lady mit üppigen Reizen -, dann schüttelte sie die Hand des Gentleman, der seiner Haarfarbe und den Gesichtszügen nach Daphnes Bruder sein musste.
Leonora warf Tristan einen flüchtigen Blick zu, dann schloss sie ihn höflich in die Unterhaltung mit ein und stellte ihn als den Earl of Trentham vor.
»Tatsächlich!« Merryweathers Augen leuchteten auf. »Wie ich hörte, waren Sie bei Waterloo dabei.«
»Das war ich.« Er versuchte, seinen Worten einen abschließenden Tonfall zu verleihen, aber Merryweather schien dieser subtile Hinweis zu entgehen. Er stürzte sich in die üblichen Fragen; mit einem innerlichen Seufzer lieferte Tristan seine einstudierten Antworten.
Leonora, die seinen Tonfall besser einzuschätzen wusste, warf ihm einen neugierigen Blick zu, doch im nächsten Moment wurde sie von Daphne abgelenkt. Mit gespitzten Ohren bekam Tristan die Grundzüge ihrer Unterhaltung mühelos mit. Daphne ging davon aus, dass Leonora kein Interesse an ihm hatte; sie selbst, obgleich verheiratet, interessierte sich hingegen durchaus.
Aus dem Augenwinkel heraus bemerkte er, wie Leonora ihn einschätzend musterte, dann lehnte sie sich zu Daphne hinüber, ließ ihre Stimme zu einem Flüstern herabsinken …
Plötzlich erkannte er die Gefahr.
Überaus entschlossen legte er seine Finger um Leonoras Handgelenk. Er schenkte Mr Merryweather ein charmantes Lächeln, in das er Daphne mit einschloss, dann zog er Leonora alles andere als diskret zu sich heran - und damit von Daphne weg -, um ihre Hand erneut auf seinen Arm zu legen. »Ich hoffe, Sie werden uns entschuldigen - ich habe gerade meinen ehemaligen Befehlshaber entdeckt. Ich muss ihm dringend meine Aufwartungen machen.«
Merryweather und Daphne lächelten ihn an und nahmen ungezwungen Abschied. Ehe Leonora recht wusste, wie ihr geschah, zog er sie mit einem höflichen Nicken in die Menge hinein.
Ihre Füße bewegten sich ganz automatisch; ihr Blick war wie gebannt auf sein Gesicht geheftet. Dann blickte sie stur geradeaus. »Das war äußerst unhöflich. Du bist nicht mehr im aktiven Dienst - du hast keinerlei Grund, deinem ehemaligen Befehlshaber deine Reverenz zu erweisen.«
»Ganz richtig - zumal er gar nicht hier ist.«
Sie sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. »Du bist also nicht nur ein Teufel - du bist auch noch ein verlogener Teufel.«
»Wo wir gerade bei teuflisch sind … Ich finde, es ist an der Zeit, ein paar Spielregeln aufzustellen. Solange unsere Auseinandersetzung auf dem gesellschaftlichen Parkett fortdauert - eine Zeitspanne, die im Übrigen ganz in deinen Händen liegt -, wirst du bitte schön davon Abstand nehmen, solche Harpyien wie die entzückende Daphne auf mich anzusetzen.«
»Weshalb bist du denn sonst wohl hier, wenn nicht, um von den süßen Früchten der Gesellschaft zu kosten und unter ihnen auszuwählen?« Sie deutete auf die sie umgebende Menge. »Dies ist doch wohl der wesentliche Grund, weshalb sich Gentlemen in gesellschaftlichen Kreisen bewegen.«
»Gott weiß warum. Mein Grund ist jedenfalls ein anderer. Ich bin nämlich, wie du im Übrigen ganz genau weißt, nur aus einem einzigen Grund hier, und zwar deinetwegen.«
Er blieb kurz stehen, um zwei Gläser Champagner vom Tablett eines vorbeikommenden Dieners zu nehmen. Er reichte ihr eines und führte sie in eine Ecke des Raumes, die nicht ganz so überfüllt war. Er stellte sich bewusst so hin, dass er den Raum gut überblicken konnte, nippte an seinem Glas und fuhr fort: »Du darfst dieses Spiel gerne nach deinen eigenen Vorstellungen gestalten, aber in deinem eigenen Sinne rate ich dir, den Kreis der Spieler auf uns beide zu beschränken und nicht noch andere mit einzubeziehen.« Er ließ seinen Blick sinken und sah ihr in die Augen. »Weder weiblich noch männlich.«
Sie sah ihn prüfend an, ihre Augenbrauen leicht hochgezogen. »Soll das etwa eine Drohung sein?« Sie nippte gelassen an ihrem Champagner, scheinbar ungerührt.
»Nein.« Er hob sein Glas und stieß es gegen das ihre. »Das ist ein Versprechen.«
Er trank und beobachtete, wie ihre Augen wütend aufblitzten.
Aber sie hatte ihren Zorn sicher im Zaum. Sie zwang sich, einen Schluck zu trinken, und gab vor, die Menge zu studieren; dann ließ sie ihr Glas sinken. »Du kannst nicht einfach so ankommen und über mich bestimmen.«
»Ich will doch gar nicht über dich bestimmen, ich will dich nur in mein Bett bekommen.«
Diese Bemerkung brachte ihm einen leicht schockierten Blick ein, aber niemand der umstehenden Gäste stand nahe genug, um irgendetwas mit anzuhören.
Ihre Röte verebbte; sie hielt seinem Blick stand. »Dieser Wunsch wird sich nicht erfüllen.«
Er ließ bewusst einen Moment verstreichen, dann zog er eine Augenbraue hoch. »Wir werden sehen.«
Sie musterte seinen Ausdruck, dann hob sie ihr Glas an die Lippen. Ihr Blick wanderte an ihm vorbei.
»Miss Carling! Was für eine Überraschung! Es ist mir eine Freude, Sie endlich einmal wiederzusehen - es muss Jahre her sein.«
Leonora lächelte und streckte ihre Hand aus. »Die Freude ist ganz meinerseits, Lord Montacute. Es ist tatsächlich Jahre her. Darf ich Ihnen Lord Trentham vorstellen?«
»Aber natürlich!« Seine Lordschaft, gewohnt leutselig, reichte Trentham die Hand. »Ich kannte Ihren Vater - und Ihren Großonkel übrigens auch. Den alten Starrkopf.«
»Was Sie nicht sagen.«
Leonora erinnerte sich an ihre eigentliche Absicht und fragte überschwänglich: »Ist Lady Montacute auch hier?«
Seine Lordschaft machte eine vage Handbewegung. »Irgendwo in der Menge.«
Sie setzte die Unterhaltung beharrlich fort, während sie Trenthams Versuche, das Gespräch im Keim zu ersticken, gezielt vereitelte - Lord Montacutes Enthusiasmus zu ersticken, war ohnehin selbst jemandem mit Trenthams Fähigkeiten fast unmöglich. Gleichzeitig hielt Leonora nach weiteren Gelegenheiten Ausschau.
Voller Genugtuung stellte sie fest, dass sie ihre Gabe, einen Herrn mit einem einfachen Lächeln herbeizuzitieren, noch nicht verloren hatte. Schon bald hatte sie ein erlesenes Grüppchen an Gentlemen zusammengetrieben, von denen jeder sich mühelos in einer Konversation behaupten konnte. Lady Hollands Zusammenkünfte waren bekannt für ihre geistreichen und schlagfertigen Wortwechsel; mit einer subtilen Andeutung hier, einem gezielten Anstoß da brachte Leonora das Gespräch mühelos ins Rollen, sodass sich bald eine ganz eigene Dynamik entfaltete.
Sie musste ein allzu verräterisches Lächeln unterdrücken, als sie bemerkte, wie Trentham, zunächst gegen seinen Willen, in eine angeregte Diskussion über die Zensur der Klatschpresse verstrickt wurde. Sie verweilte an seiner Seite und führte die Oberaufsicht, stets bestrebt, das Gespräch in Gang zu halten.
Lady Holland näherte sich der Gruppe um Leonora und blieb neben ihr stehen; sie nickte beifällig und blickte ihr in die Augen.
»Sie haben eine außergewöhnliche Gabe.« Sie tätschelte Leonoras Arm und warf einen flüchtigen Blick zu Trentham hinüber, ehe sie Leonora mit einem schelmischen Blick bedachte und sich wieder entfernte.
Welche Gabe?, fragte sich Leonora. Einen Wolf in Schach zu halten?
Die ersten Gäste brachen bereits auf, noch ehe sich die Diskussion erschöpft hatte.
Die versammelten Gentlemen traten nur widerwillig auseinander, um zu ihren Ehefrauen zurückzukehren.
Als sie und Trentham wieder allein waren, blickte er sie an. Seine Lippen wurden schmal, seine Augen funkelten hart.
Sie sah ihn prüfend an und wandte sich dann zum Ausgang des Saals, wo Mildred und Gertie sie bereits erwarteten. »Tu nicht so, als hättest du es nicht genossen.«
Sie war sich nicht ganz sicher, aber sie glaubte, ein widerwilliges Knurren zu vernehmen. Sie musste sich nicht umsehen, um zu wissen, dass er ihr auf dem Fuß folgte, während sie sich zu ihren Tanten begab.
Er war, wenn schon nicht übermäßig vergnügt, so doch zumindest vollendet höflich und geleitete sie die Treppe hinunter zu ihrer wartenden Kutsche.
Tristan half ihren Tanten hinauf, dann wandte er sich Leonora zu. Er stellte sich absichtlich zwischen sie und den Wagen und ergriff ihre Hand, seinen Blick fest auf ihre Augen gerichtet.
»Komm nur nicht auf die glorreiche Idee, dieses Spielchen morgen noch einmal zu spielen.«
Er trat beiseite und half ihr in die Kutsche.
Mit einem Fuß bereits auf dem Tritt blickte sie auf ihn herab und bedachte ihn mit einem provozierenden Augenaufschlag. Sogar in der relativen Dunkelheit erkannte er die Herausforderung, die in ihrem Blick funkelte.
»Du hast den Ort gewählt - ich wähle die Waffen.«
Sie neigte nüchtern den Kopf und zog ihn leicht ein, um ins Innere der Kutsche zu klettern.
Er schloss den Wagenschlag mit Bedacht - und einer gewissen Nachdenklichkeit.