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Sie hatte sich etwas abgekühlt; er nicht. Tristan bezweifelte, dass sie auch nur die geringste Ahnung hatte, was sie eigentlich mit ihm anstellte, welche Wirkung sie auf ihn hatte, insbesondere wenn sie beide nackt im schattigen Halbdunkel eines quasi leeren Hauses lagen.
Es war unmöglich, die Aura des Verbotenen und Gefährlichen abzuschütteln; beides war so sehr ein Teil von ihm, dass er es nicht einmal versuchte. Sie wollte es so, und zwar in vollem Bewusstsein. Als er sich neben sie legte, den Ellenbogen aufstützte und seine Hand nach ihr ausstreckte, versuchte er gar nicht, irgendetwas, irgendeinen Teil von ihm zu verbergen.
Am allerwenigsten das primitive, dunkle Verlangen, das sie in ihm auslöste.
Ihre Augen hatten sich längst an die Dunkelheit gewöhnt; sie konnten das Gesicht des anderen und die Ausdrücke, die darauf spielten, erkennen, konnten sogar die Gefühle in den Augen des anderen lesen, da sie einander so nah waren. Er spürte das feine Zittern, das ihren Körper erfasste, als er sie an sich heranzog. Im gleichen Moment las er die Entschlossenheit auf ihrem Gesicht und ließ sich nicht weiter beirren.
Instinktiv legte Leonora ihre passiv abwartende Haltung ab und begegnete seiner Herausforderung. Ihr Körper wurde zu neuem Leben erweckt; sie hob die Hand und schob ihre Finger wieder in sein Haar.
Sie hielt sich an ihm fest, während die Flammen zwischen ihnen erneut hochschlugen. Diesmal machte er keinerlei Anstalten, sie zu unterdrücken, sie zu ersticken; er ließ sie ungehindert toben. Ließ sie mit jeder besitzergreifenden Berührung seiner harten Handflächen bewusst aufflammen, während er jeden Zentimeter ihres weichen Körpers in Beschlag nahm und noch intimer erforschte.
Sie schauderte und ließ ihn gewähren. Ließ sich mit ihm davonreißen in einen Ozean aus glühender Hitze, eine Feuersbrunst aus Leidenschaft, Lust und einer schlichten, unausweichlichen Begierde.
Er berührte sie in einer Art und Weise, die sie sich niemals hätte ausmalen können, bis sie sich schließlich verzweifelt an ihn klammerte und schluchzte. Bis sie von Hitze und einem glühenden Verlangen derart verzehrt wurde, dass sie buchstäblich das Gefühl hatte zu verbrennen. Er schob sich über sie, drängte ihre Schenkel weit auseinander und ließ sich zwischen sie sinken. In der immer dichter werdenden Dunkelheit erschien er ihr tatsächlich wie ein Gott, kraftvoll und entschlossen, während er sich über sie beugte und auf sie herabsah. Dann neigte er seinen Kopf und nahm ihren Mund erneut in Beschlag; seine schiere Energie und sein harter Körper aus kräftigen Muskeln, starken Knochen und glühend heißem Blut fesselten sie.
Die kratzig raue Härte seiner behaarten Brust scheuerte, schürfte über ihre zarte Haut und machte ihr bewusst, wie empfindlich diese eigentlich war. Machte ihr auch bewusst, wie verletzlich und schutzlos sie ihm gegenüber war.
Er verlagerte sein Gewicht und griff nach ihrem Knie, um ihr Bein gegen seine Hüfte zu ziehen. Er ließ es dort ruhen und glitt mit seiner Hand nach innen, bis er ihre schlüpfrigen, geschwollenen Lippen fand, heiß und bereit.
Dann drang er in sie ein - hart, heiß und sehr viel größer, als sie es erwartet hatte. Ihr Atem stockte. Sie spürte, wie ihr Körper sich dehnte. Er stieß unaufhaltsam tiefer.
Sie rang nach Luft, versuchte seinem Kuss auszuweichen.
Er ließ es nicht zu.
Stattdessen drückte er sie nach unten, hielt sie gefangen und füllte sie ganz, ganz allmählich immer tiefer aus.
Ihr Körper krümmte sich, wand sich, spannte sich, widersetzte sich seinem Vordringen. Sie spürte den Widerstand, spürte, wie die innere Spannung immer mehr zunahm, aber er hörte nicht auf; drang tiefer und tiefer, bis die Barriere nachgab und er hindurchstieß. Und weiterdrängte.
Bis er sie so sehr ausfüllte, dass sie kaum noch atmen konnte, bis sie ihn tief und heftig pulsierend in sich spürte. Sie fühlte, wie ihr Körper nachgab, kapitulierte, akzeptierte.
Erst jetzt hielt er inne, hielt vollkommen still, seine harte, starke Männlichkeit tief in ihr vergraben.
Er unterbrach den Kuss, öffnete seine Augen, sah aus ein paar Zentimetern Entfernung tief in die ihren. Ihrer beider Atem kam hart und stoßweise und vermischte sich.
»Geht es dir gut?«
Tief und rau drang seine Stimme zu ihr durch; sie konzentrierte sich einen Moment lang darauf, wie sie sich fühlte - unter seinem heißen Gewicht gefangen, von harten Muskeln auseinandergedrängt, ihm schutzlos ausgeliefert. Sein hartes Geschlecht tief in ihr vergraben.
Sie nickte. Ihre Lippen hungerten nach den seinen; sie berührten seinen Mund, kosteten ihn; dann wanderte ihre Zunge tiefer, um seinen außergewöhnlichen Geschmack zu genießen. Sie spürte sein Stöhnen mehr, als dass sie es hörte, dann fing er an, sich in ihr zu bewegen.
Erst nur ein bisschen, ein sanftes Wiegen seiner Hüfte.
Doch bald reichte dies nicht mehr aus - keinem von ihnen.
Was nun folgte, war eine Entdeckungsreise. Sie hätte nie geglaubt, dass Intimität so verzehrend sein könnte, so fordernd, so befriedigend. So heiß, schweißtreibend und umfassend. Er sagte nichts weiter, fragte nicht, was sie dachte, bat nicht um Erlaubnis, als er sie nahm. Sie ausfüllte, tief in sie eindrang, sich von ihrer Hitze umfangen ließ.
Und doch suchte er immer wieder ihren Blick, vergewisserte sich, beruhigte sie, ermunterte sie. Sie verstand ihn ohne Worte und folgte seinen Anregungen bereitwillig. Begierig.
In eine Landschaft der Lust.
Endlos breitete sie sich vor ihnen aus, Szene um Szene, und Leonora begriff, wie umfassend der schlichte Akt der Vereinigung tatsächlich sein konnte.
Wie fesselnd. Wie faszinierend.
Wie fordernd. Wie süchtig machend.
Und - als sie schließlich gemeinsam durch Raum und Zeit stürzten - wie durch und durch erfüllend.
Sie nahm an, dass er sich, aufgrund seiner Erfahrung, aus ihr zurückziehen würde, bevor er seinen Samen ergoss. Aber das wollte sie nicht; einem Instinkt folgend, grub sie ihre Fingernägel in die spielenden Muskeln seines Gesäßes und zog ihn fest in sich hinein.
Er sah sie an, beinahe blind begegnete er ihrem Blick. Dann schloss er seufzend die Augen und ließ es geschehen, ließ sich von dem letzten heftigen Aufbäumen noch tiefer in sie treiben, vereinigte sich mit ihr, verausgabte sich völlig in ihr.
Sie spürte, wie er sich warm in sie ergoss.
Ein zufriedenes Lächeln umspielte ihre Lippen; sie ließ ihn los und gab sich endlich einem Zustand völliger Selbstvergessenheit hin.
 
Ermattet in die Kissen gesunken versuchte Tristan, Sinn in die Ereignisse zu bringen.
Leonoras Körper lag auf ihm, noch immer innig mit seinem vereint. Er sah keinen Grund, sich ihr zu entziehen. Sie war in einen süßen Halbschlaf gesunken, und Tristan hoffte, dass dies vorerst so bliebe, damit er seinen mentalen Halt einigermaßen wiederherstellen konnte.
Er war über ihr zusammengesunken, hatte vor tiefer Befriedigung regelrecht die Besinnung verloren. Eine völlig neue Erfahrung. Schließlich hatte er seinen Verstand zumindest so weit zurückerlangt, um sich auf den Rücken zu rollen und Leonora dabei mit sich zu ziehen. Er hatte die Bettdecke über ihr ausgebreitet, um ihren langsam abkühlenden Körper vor der zunehmenden Kälte im Raum zu schützen.
Es war inzwischen stockdunkel, allerdings noch nicht sehr spät. Niemand würde sich wegen ihrer Abwesenheit Sorgen machen. Noch nicht. Seine Erfahrung sagte ihm, dass es trotz ihrer vermeintlichen Reise zu den Sternen sicherlich noch nicht einmal sechs Uhr war; er hatte demnach noch etwas Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, an welchem Punkt sie nun standen und wie er weiter vorgehen wollte.
Der Entschluss, weiter voranzugehen, beinhaltete in der Regel, dass man sich klarmachte, wo man sich eigentlich befand.
Doch genau da lag sein Problem. Er war sich ganz und gar nicht sicher, das Geschehene richtig deuten zu können.
Sie war attackiert worden; er war im rechten Moment eingeschritten, um sie zu retten; schließlich waren sie gemeinsam ins Haus gegangen. So weit schien alles klar.
Dann hatte sie ihm danken wollen. Und er hatte keinen Grund gesehen, ihren Dank auszuschlagen.
Danach waren die Dinge kompliziert geworden.
Er erinnerte sich noch vage daran, wie er gedacht hatte, Leonora ein wenig zu verwöhnen, sei eine vernünftige Möglichkeit, sie von dem Angriff abzulenken. So weit, so gut; allerdings hatte ihr Dank - so wie sie ihn sich zurechtgelegt hatte - in ihm ein dunkleres Empfinden angesprochen, es gleichermaßen beschwichtigt wie herausgefordert, eine Art Reaktion auf den Angriff heraufbeschworen, einen Zwang, sie als sein Eigen zu markieren und sie für immer zu besitzen.
Wenn er es in dieser Weise formulierte, klang seine Reaktion primitiv und unzivilisiert, doch er musste sich eingestehen, dass ihn genau dieser Impuls dazu verleitet hatte, sie auszuziehen, sie anzufassen, sie ganz intim zu berühren. Er hatte die Situation nicht klar genug durchschaut, um sich dagegen zu wehren; er hatte die Gefahr nicht erkannt.
Sein Blick wanderte hinab zu Leonoras dunklem Schopf, ihrem wirren, zerzausten Haar, das sich wärmend über seine Schulter breitete.
Er hatte nicht gewollt, dass das hier passierte.
Das hier - so wurde ihm allmählich bewusst, während sein Gehirn ihm alle Auswirkungen, alle Bedeutungsnuancen vor Augen führte -, das hier stellte nämlich eine erhebliche Verkomplizierung seines Plans dar, der zugegebenermaßen von Anfang an nicht wirklich glatt gelaufen war.
Er spürte, wie seine Züge sich verhärteten, seine Lippen sich aufeinanderpressten. Wäre ihm nicht daran gelegen gewesen, sie nicht zu wecken, hätte er laut geflucht.
Es bedurfte keiner umfangreichen Überlegungen, um festzustellen, dass es von diesem Punkt an nur einen einzigen Weg geben konnte. Welche Möglichkeiten ihm sein strategischer Verstand auch lieferte, seine unerschütterliche, instinktive Reaktion blieb stets dieselbe.
Leonora war sein. Bedingungslos. Dies war eine unanfechtbare Tatsache.
Und sie war in Gefahr, sie war Ziel einer ernsthaften Bedrohung.
Es gab nur eine einzige Möglichkeit.
Bitte … verlass mich nicht.
Er hatte sich ihrem Flehen nicht widersetzen können, würde es auch jetzt nicht tun, wenn sie ihn erneut anflehte. In ihren Augen hatte sich ein tiefes, verwundbares Bedürfnis gespiegelt, das er unmöglich hatte ignorieren können. Trotz der Verwicklungen, die sich hieraus ergaben, konnte und würde er sein Tun keinesfalls bereuen.
Im Grunde genommen hatte sich nichts weiter geändert als der relative Zeitplan.
Sein Plan musste an die neuen Umstände angepasst werden. Zugegebenermaßen in erheblichem Maße, aber er war ein zu beschlagener Taktiker, um deswegen in tatenlosem Verdruss zu verharren.
 
Die Wirklichkeit drang ganz allmählich in Leonoras Verstand vor. Sie bewegte sich ein wenig, seufzte, genoss die Wärme, die sie umgab, umfing, durchdrang. Sie ausfüllte.
Ihre Wimpern zuckten, sie öffnete die Augen, blinzelte. Ihr wurde plötzlich bewusst, was der Ursprung all dieser Wärme war.
Sie errötete - oder hoffte inständig, dass die in ihr aufsteigende Hitze auf ihr Erröten zurückzuführen war. Sie bewegte sich, um ihn ansehen zu können.
Trentham blickte zu ihr herunter. Der vage Ausdruck in seinen Augen wirkte nachdenklich. »Bleib einfach ruhig liegen.«
Unter der Decke fühlte sie, wie seine große Hand ihr Hinterteil umfasste und ihren Körper ein wenig verlagerte, sodass sie bequemer auf ihm lag. Ihn bequemer umfing.
»Du wirst dich wund fühlen. Entspann dich einfach und lass mich nachdenken.«
Sie starrte ihn an, ließ ihren Blick dann sinken, um ihre gespreizte Hand auf seinem nackten Oberkörper zu betrachten. Entspann dich, hatte er gesagt. Sie waren immerhin nackt, ineinander verschlungen, und er war immer noch in ihr. Er füllte sie nicht mehr so stark aus wie zuvor, aber er war immer noch da …
Sie wusste, dass Männer sich um ihre Nacktheit wenig scherten, aber dies hier erschien ihr doch …
Sie atmete tief ein und versuchte, nicht weiter darüber nachzudenken. Wenn sie jetzt damit anfinge, über all das nachzusinnen, was sie gelernt hatte, was sie erlebt hatte, dann würde sie vor Erstaunen, vor lauter fassungsloser Verwunderung noch stundenlang hier verweilen.
Und ihre Tanten waren zum Abendessen eingeladen.
Sie würde sich diesem Zauber zu einem späteren Zeitpunkt widmen müssen.
Sie hob den Kopf und sah ihn an. Er wirkte noch immer nachdenklich. »Worüber denkst du nach?«
Er blickte sie an. »Kennst du einen Bischof?«
»Einen Bischof?«
»Hm, wir werden eine Sondererlaubnis brauchen. Ich könnte mich an den …«
Sie stützte sich mit beiden Händen auf seine Brust, richtete sich auf und erlangte unverzüglich seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an. »Wozu brauchen wir eine Sondererlaubnis?«
»Wozu …?« Er blickte sie verwirrt an. Schließlich erwiderte er: »Das ist nun eindeutig die letzte Frage, mit der ich gerechnet hätte.«
Sie runzelte ärgerlich die Stirn. Dann drückte sie sich hoch, stemmte sich von ihm herunter und setzte sich, in die Decke gewickelt, neben ihn. »Schluss jetzt mit den Scherzen.« Sie blickte sich um. »Wo sind meine Kleider?«
Einen Moment lang herrschte Stille, dann sagte er: »Das war kein Scherz.«
Der Ton seiner Stimme ließ ihren Blick blitzschnell zu ihm zurückkehren. Ihre Augen waren fest aufeinandergeheftet; was sie in seinen las, ließ ihr Herz heftig pochen. »Das ist nicht komisch …«
»Ich halte nichts von alledem für ›komisch‹.«
Sie blieb ruhig sitzen und sah ihn an; ihr Anflug von Panik verebbte langsam. »Ich erwarte nicht, dass du mich heiratest.«
Er zog die Augenbrauen hoch; sie holte tief Luft. »Ich bin sechsundzwanzig. Jenseits des heiratsfähigen Alters. Das hier …«, ihre Geste wies auf die schützende Decke und alles, was sich darunter befand, »soll nicht bedeuten, dass du der Ehre wegen ein Opfer bringen musst. Du brauchst nicht das Gefühl zu haben, du hättest mich verführt und müsstest dies nun wiedergutmachen.«
»Wenn ich mich recht entsinne, hast du mich verführt.«
Sie wurde rot. »Ganz richtig. Deshalb sehe ich auch keinerlei Grund, weshalb wir einen Bischof benötigen.«
Es war definitiv an der Zeit, sich anzuziehen. Sie erspähte ihr Unterkleid auf dem Fußboden und krabbelte, sich von ihm abwendend, aus ihrer schützenden Hülle heraus.
Sein stahlharter Griff legte sich wie ein Schraubstock um ihr Handgelenk.
Er zog nicht daran, hielt sie nicht zurück; das musste er gar nicht. Sie wusste genau, dass sie sich seinem Griff nicht entziehen konnte, solange er es nicht erlaubte.
Sie ließ sich zurück unter die Decke gleiten. Sein Blick war nach oben gerichtet, sie konnte seine Augen nicht erkennen.
»Ich will nur sicherstellen, dass ich das hier richtig verstehe.«
Seine Stimme klang ruhig, doch irgendetwas in seinem Ton hieß sie Vorsicht bewahren.
»Du bist eine sechsundzwanzigjährige Jungfrau - Verzeihung -, ehemalige Jungfrau. Du bist in keine sonstigen Liebschaften - romantischer oder sonstiger Art - verwickelt. Richtig?«
Sie hatte große Lust, ihm zu sagen, dass dieses Gespräch vollkommen sinnlos war, aber sie wusste aus leidiger Erfahrung, dass man männlichem Unmut am schnellsten und einfachsten entgegenwirkte, wenn man ihn einfach gewähren ließ. »Ja.«
»Gehe ich auch recht in der Annahme, dass du mich in voller Absicht verführt hast?«
Sie presste die Lippen aufeinander, schließlich räumte sie ein: »Nicht sofort.«
»Aber heute. Das hier war« - sein Daumen beschrieb derweil auf ihrem Handgelenk höchst ablenkende Kreise - »geplant. Geschickt eingefädelt. Du wolltest, dass ich dich … ja, was eigentlich? … initiiere?«
Er drehte den Kopf und sah sie an. Sie wurde rot, zwang sich aber dennoch zu einem Nicken. »Ja. Genau das.«
»Hm.« Er starrte wieder die Decke an. »Und nun, da du dein Ziel erreicht hast, möchtest du mir sagen: ›Danke, Tristan, das war wirklich sehr nett.‹ Und dann so tun, als wäre nichts gewesen.«
So weit hatte sie noch gar nicht gedacht. Sie runzelte die Stirn. »Ich hatte angenommen, dass wir letztendlich getrennte Wege gehen würden.« Sie beobachtete sein Profil. »Es hat nicht die geringste Bedeutung, es gibt keinerlei Grund, weshalb wir irgendwelche Konsequenzen ziehen müssten.«
Seine Mundwinkel wanderten leicht nach oben. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, welcher plötzliche Stimmungswechsel sich hinter dieser Mimik verbarg.
»Allerdings«, seine Stimme war nach wie vor ruhig, doch die einzelnen Silben klangen zunehmend prononcierter, »hast du dabei eines nicht bedacht.«
Sie wollte die Frage nicht stellen müssen - ganz und gar nicht -, zumal sein Ton sie eindeutig davor warnte, aber sie hatte keine andere Wahl, da er beharrlich schwieg. »Was?«
»Du erwartest vielleicht nicht, dass ich dich heirate. Aber ich bin schließlich derjenige, der hier verführt wurde. Dementsprechend erwarte ich, dass du mich heiratest.«
Er wandte erneut den Kopf und sah sie an - ließ sie in seinen funkelnden braunen Augen lesen, wie ernst es ihm tatsächlich war.
Sie starrte ihn an - vergewisserte sich mehrfach, dass sie die Botschaft richtig verstand. Ihr Unterkiefer sackte herab, dann ließ sie ihre Lippen abrupt zuschnappen. »Das ist doch völliger Irrsinn! Du willst mich doch überhaupt nicht heiraten - du weißt selbst, dass du es nicht willst! Du stellst dich nur an.« Mit einem Ruck entriss sie ihm ihr Handgelenk, in dem vollen Bewusstsein, dass es ihr nur gelang, weil er es zuließ. Sie krabbelte vom Bett herunter. Wut, Angst, Ärger und Beklommenheit bildeten eine berauschende Mischung. Sie machte sich auf den Weg zu ihrem Unterkleid.
Als sie das Bett verließ, setzte Tristan sich auf. Sein Blick fiel auf die blauen Flecken auf ihrem Arm. Er erinnerte sich an den Angriff und atmete tief ein. Nicht er selbst, sondern Mountford hatte ihr sein Markenzeichen verpasst.
Als sie sich herabbeugte, um ihr Kleid aufzusammeln, bemerkte er die Spuren auf ihrer Hüfte, die bläulichen Flecken auf ihrem Gesäß, wo seine Finger in ihre feine alabasterfarbene Haut gedrückt hatten. Sie drehte sich um, während sie mit ihrem Unterkleid kämpfte, und er bemerkte weitere Abdrücke auf ihren Brüsten.
Er fluchte leise.
»Was?« Sie streifte den Stoff über ihren Körper und funkelte ihn wütend an.
Er presste die Lippen hart aufeinander und schüttelte den Kopf. »Nichts.« Er stand auf und griff nach seiner Hose.
Etwas Dunkles, Machtvolles und Gefährliches bäumte sich in ihm auf. Es wuchs und rang darum, sich zu befreien.
Er konnte nicht mehr klar denken.
Er zog ruckartig ihr Kleid vom Bett und schüttelte es aus; nur ein winziger Fleck, ein kleiner roter Punkt war darauf zu erkennen. Der Anblick erschütterte seine Selbstbeherrschung. Er versuchte, ihn zu ignorieren, und brachte ihr stattdessen das Kleid.
Sie nahm es mit einem hochmütigen Kopfnicken entgegen. Er musste beinahe laut auflachen. Sie glaubte ernsthaft, er würde sie so einfach davonkommen lassen.
Er zog sein Hemd über, knöpfte es rasch zu, steckte es in den Hosenbund und band sich dann mit schnellen, sicheren Bewegungen die Krawatte. Währenddessen ließ er sie nicht aus den Augen. Sie selbst war es gewohnt, eine Zofe zu haben, die ihr beim Ankleiden half; sie bekam ihr Kleid allein nicht zu.
Als er vollständig angezogen war, hob er ihren Mantel auf. »Warte. Ich helfe dir.« Er hielt ihr den Mantel hin; sie sah ihn an und nahm ihm das Kleidungsstück ab. Dann wandte sie ihm ihren Rücken zu.
Mit wenigen Handgriffen hatte er die Korsage ihres Kleids zugezogen. Als er die Schleife band, wurden seine Hände langsamer. Er hakte einen Finger in die Bänder ein und hielt sie von hinten fest. Während er sich zu ihr hinunterbeugte, flüsterte er ihr leise ins Ohr. »Ich habe meine Meinung nicht geändert. Ich habe vor, dich zu heiraten.«
Ihr Rücken spannte sich, sie blickte starr geradeaus. Dann wandte sie den Kopf herum und suchte seinen Blick. »Ich habe meine Meinung auch nicht geändert. Ich werde keinesfalls heiraten.« Sie hielt seinem Blick stand; schließlich fügte sie hinzu. »Das wollte ich eigentlich noch nie.«
 
Er hatte vergeblich versucht, sie vom Gegenteil zu überzeugen.
Sie hatten ihre hitzige Diskussion bis in die Eingangshalle weitergeführt, wo sie kurzfristig - Biggs wegen - zu einem zischenden Flüstern verebbt war, nur um in der verhältnismäßig sicheren Umgebung des Gartens wieder voll aufzubrausen.
Keines seiner Argumente hatte auch nur die geringste Wirkung gezeigt.
Als ihn schließlich die Tatsache, dass eine sechsundzwanzigjährige Dame, die er eben höchst leidenschaftlich in die Freuden fleischlicher Lust eingeführt hatte, sich strikt weigerte, ihn mitsamt seinem Titel, Reichtum, Landbesitz und Sonstigem zu heiraten, derart zur Verzweiflung getrieben hatte, dass er ihr damit drohte, geradewegs durch ihren Garten zu marschieren, um ihren Onkel und ihren Bruder um ihre Hand zu bitten und ihnen, wenn nötig, alles zu erzählen, hatte sie erschrocken nach Luft geschnappt, war stehen geblieben, herumgeschnellt … und hatte ihm mit ihrem entsetzten Blick - voll panischer Verletzlichkeit - beinahe den Todesstoß versetzt.
»Du hast gesagt, was zwischen uns ist, wird auch zwischen uns bleiben.«
In ihren Augen lag aufrichtige Angst.
Er hatte einen Rückzieher gemacht.
Erfüllt von tiefer Abscheu über sich selbst, versicherte er widerwillig, dass er dies selbstverständlich niemals tun würde.
Mit den eigenen Waffen geschlagen.
Schlimmer noch - mit seinem eigenen Ehrgefühl geschlagen.
Als Tristan am späten Abend zusammengesunken vor dem Kamin in der Bibliothek seines Hauses saß und still vor sich hin brütete, machte er sich ernsthafte Gedanken darüber, wie er wohl aus dem Morast wieder herauskäme, der sich so ohne jede Vorwarnung unter seinen Füßen gebildet hatte.
Während er an seinem französischen Brandy nippte, ließ er sich all ihre Worte noch einmal durch den Kopf gehen und versuchte, die Gedanken, die Gefühle hinter ihren Worten zu ergründen. In vielem war er sich unsicher, manches konnte er nicht richtig deuten, aber in einem Punkt war er sich einigermaßen sicher: Leonora glaubte beileibe nicht daran, dass sie - als sechsundzwanzigjähriges Frauenzimmer, wie sie selbst es ausdrückte - die aufrichtige und ehrbare Aufmerksamkeit eines Mannes wie ihm auf Dauer fesseln könnte.
Den Blick ins Feuer gerichtet, hob er sein Glas an die Lippen und ließ den edlen Tropfen langsam seine Kehle hinunterrinnen.
Er musste innerlich zugeben, dass es ihn nicht sonderlich kümmerte, was sie von der ganzen Sache hielt.
Er musste sie sein Eigen nennen. Musste sie in seinem Haus, in seinen vier Wänden, in seinem Bett, kurzum, in Sicherheit wissen. Er musste. Er hatte keine andere Wahl. Das dunkle und gefährliche Gefühl, das sie in seinem Innern heraufbeschworen und entfesselt hatte, würde keinen anderen Ausgang dulden.
Er hatte nie geahnt, dass etwas Derartiges in ihm schlummerte, eine solche Macht an Gefühlen. Doch als er heute Abend auf ihrem Gartenweg gestanden hatte und zusah, besser gesagt, zusehen musste, wie sie sich von ihm entfernte, war ihm urplötzlich klar geworden, wofür dieses Gefühl stand.
Besitzanspruch.
Er hatte diesem geradezu freien Lauf gelassen.
Er hatte schon immer einen ausgeprägten Beschützerinstinkt besessen, der zunächst in seinem Beruf und nun seinem Tross alter Damen gegenüber offen zutage getreten war. So gut kannte er sich inzwischen selbst; doch Leonora löste in ihm etwas aus, das über jeden Beschützerinstinkt hinausging.
Unter diesen Umständen blieb ihm nicht viel Zeit. Seine Geduld war äußerst begrenzt; das war sie immer schon gewesen.
Er ging im Geiste noch einmal alle Vorkehrungen durch, die er bezüglich Mountford in die Wege geleitet hatte, einschließlich derjenigen, die er heute Abend erst getroffen hatte, nachdem er vom Montrose Place zurückgekehrt war.
Diese Front war vorerst gut gesichert. Er konnte seine Aufmerksamkeit somit dem anderen Kampfgeschehen widmen, in das er verwickelt war.
Er musste Leonora davon überzeugen, ihn zu heiraten; er musste ihre Meinung ändern.
Nur wie?
Zehn Minuten später stand er auf, um seine alten Damen aufzusuchen. Gründliche Informationen, so hatte er stets selbst bekräftigt, waren der Schlüssel jeder erfolgreichen Kampagne.
 
Das Abendessen mit ihren Tanten - keine allzu seltene Veranstaltung in den Wochen vor Saisonbeginn, während derer ihre Tante Mildred, Lady Warsingham, beharrlich versuchte, Leonora davon zu überzeugen, sich endlich dem Heiratsmarkt zu stellen - entpuppte sich als regelrechtes Fiasko.
Eine Tatsache, die sie ohne Weiteres Trentham zuschreiben konnte, obwohl dieser nicht einmal anwesend war.
Noch am nächsten Morgen musste sie sich arg bemühen, nicht andauernd zu erröten und ihre Erinnerung von dem Augenblick wegzulenken, als sie erhitzt und schwer atmend unter ihm gelegen und zugesehen hatte, wie er sich in tiefen, drängenden Stößen über ihr bewegte, während ihr Körper die heftigen Wellen, die stetig hereinrollenden Wogen ihrer Vereinigung in sich aufnahm.
Sie hatte sein Gesicht betrachtet, hatte gesehen, wie die Leidenschaft jeden Charme daraus vertrieb und seine Züge mit einer Härte zeichnete, die auf etwas hindeutete, das primitiv und ursprünglich wirkte.
Faszinierend. Mitreißend.
Und extrem ablenkend.
Sie stürzte sich eifrig darauf, jeden kleinsten Schnipsel Papier in ihrem Sekretär zu sortieren und fein säuberlich wieder einzuräumen.
Um zwölf Uhr läutete es an der Tür. Sie hörte, wie Castor in den Flur trat, um zu öffnen. Im nächsten Moment ertönte Mildreds Stimme. »Sie ist im Salon, ja? Keine Umstände - ich finde den Weg.«
Leonora steckte den Papierstapel in den Schreibtisch, schloss ihn ab und stand auf. Sie fragte sich, was ihre Tante so früh am Tag schon wieder am Montrose Place wollte; sie wandte sich der Tür zu und wartete geduldig ab, um es herauszufinden.
Mildred kam schwungvoll hereingerauscht - elegant in Schwarz und Weiß gehüllt. »Ach, meine Liebste!« Sie kam auf Leonora zu. »Wie du hier so mutterseelenallein dasitzt. Ich wünschte, du würdest mich auf meinen nachmittäglichen Besuchen begleiten, aber ich weiß ja, dass du es sowieso nicht tust, daher werde ich diese traurige Tatsache gar nicht weiter beklagen.«
Leonora gab ihrer Tante pflichtgetreu einen Kuss auf die parfümierte Wange und flüsterte ihr ein Wort des Dankes zu.
»Schreckliches Kind.« Mildred ließ sich auf die Chaiselongue sacken und zupfte ihre Röcke zurecht. »Aber ich musste einfach vorbeikommen, weil ich ganz wunderbare Neuigkeiten habe! Ich habe nämlich Karten für das neue Theaterstück von Mr Kean, gleich heute Abend. Es ist bereits für Wochen ausverkauft - zweifellos das Stück der Saison. Aber durch eine glückliche Wendung unseres überaus großmütigen Schicksals habe ich von einem guten Freund Karten bekommen, und eine davon ist noch nicht vergeben. Gertie wird natürlich mitkommen. Und du doch gewiss ebenfalls, nicht wahr?« Mildred sah sie beschwörend an. »Du weißt, Gertie wird sonst die ganze Zeit unaufhörlich plappern. Wenn du dabei bist, weiß sie sich wenigstens zu benehmen.«
Gertie war ihre andere Tante, Mildreds unverheiratete, ältere Schwester. Gertie hatte überaus deutliche Ansichten, was die Männerwelt anging, und während sie diese Leonora gegenüber konsequent für sich behielt - in der Überzeugung, ihre Nichte sei noch viel zu jung und zu leicht zu beeinflussen, um solch herbe Wahrheiten erfahren zu dürfen -, ersparte sie ihrer Schwester keinen einzigen ihrer bissigen Kommentare, die sie gnädigerweise in einem gedämpften sotto voce zum Besten gab.
Leonora ließ sich Mildred gegenüber in den Sessel sinken; sie war unentschlossen. Mit Mildred ins Theater zu gehen, bedeutete in der Regel, mindestens zwei Gentlemen vorgestellt zu werden, die als potenzielle Heiratskandidaten infrage kamen. Andererseits bedeutete es natürlich auch, sich eine Aufführung ansehen zu dürfen, während derer niemand zu reden wagte. Sie würde Gelegenheit haben, sich ganz und gar in der Vorführung zu verlieren. Und mit etwas Glück würde sie sogar ein wenig von Trentham und dessen Vorführung abgelenkt werden.
Und zudem konnte man sich eine Gelegenheit, den unvergleichlichen Edmund Kean auf der Bühne zu sehen, nicht einfach so entgehen lassen.
»Einverstanden.« Ihr Blick kehrte rechtzeitig zu Mildred zurück, um den Triumph in ihren Augen aufleuchten zu sehen. Sie kniff skeptisch die Augen zusammen. »Aber ich werde mich während der Pause gewiss nicht wie eine Zuchtstute vorführen lassen.«
Mildred tat ihren kleinlichen Einwand mit einer Handbewegung ab. »Du kannst meinetwegen während der Pause sitzen bleiben, wenn du darauf bestehst. Aber zieh dein nachtblaues Seidenkleid an, ja? Ich weiß, du machst dir nicht viel aus deinem Äußeren, also tue es einfach mir zuliebe.«
Mildreds flehentlichem Blick konnte sie sich einfach nicht widersetzen; sie spürte, wie ihre Lippen zuckten. »Da du es bist, die mir diese überaus begehrte Gelegenheit verschafft, kann ich dir diesen Wunsch wohl kaum abschlagen.« Das dunkelblaue Kleid war eines ihrer liebsten, insofern kostete sie dieses kleine Zugeständnis nichts. »Aber ich warne dich, ich werde nicht zulassen, dass mir irgend so ein Bond-Street-Beau während der Vorstellung süße Nichtigkeiten ins Ohr flüstert.«
Mildred seufzte. Sie stand kopfschüttelnd auf. »Als wir junge Mädchen waren, war es der Höhepunkt jedes Abends, wenn ein begehrter Gentleman uns süße Worte zuflüsterte.« Sie warf Leonora einen flüchtigen Blick zu. »Lady Henry erwartet mich, und im Anschluss Mrs Arbuthnot, ich muss daher los. Ich werde dich gegen acht Uhr mit der Kutsche abholen.«
Leonora nickte zustimmend und begleitete ihre Tante zur Tür.
Nachdenklicher als zuvor kehrte sie in den Salon zurück. Vielleicht war es ganz klug, sich, zumindest bis Saisonbeginn, öfters in gesellschaftlichen Kreisen zu bewegen.
Möglicherweise lenkte sie dies ein wenig von den lästigen Nachwirkungen ihrer Verführung ab.
Möglicherweise half es ihr sogar, den Schock zu verwinden, den Trentham ihr mit seinem Heiratsangebot versetzt hatte. Und den noch viel größeren Schock, dass er der festen Ansicht war, sie müsse darauf eingehen.
Sie konnte seine Beweggründe zwar nicht nachvollziehen, doch er wirkte absolut entschlossen. Ein paar Wochen in Gesellschaft anderer Männer würden ihr zweifellos in Erinnerung rufen, warum sie niemals hatte heiraten wollen.
 
Sie hegte nicht den leisesten Verdacht. Erst als die Kutsche am Theater vorfuhr und ein geschniegelter Diener den Wagenschlag öffnete, beschlich sie das leise Gefühl einer Vorahnung.
Doch da war es bereits zu spät.
Trentham trat in ihr Sichtfeld und streckte seine Hand aus, um ihr aus der Kutsche zu helfen.
Sie starrte ihn mit offenem Mund an.
Mildred stieß ihr mit dem Ellenbogen in die Seite; sie erschrak und warf ihrer Tante einen vernichtenden Blick zu, ehe sie voller Herablassung ihre Finger in Trenthams Hand legte.
Ihr blieb gar nichts anderes übrig. Hinter ihnen warteten bereits mehrere Kutschen; es war wenig ratsam, auf der Eingangstreppe des Theaters, in welchem das Stück aufgeführt wurde, über das zurzeit ganz London sprach, eine Szene zu machen und dem Gentleman vor ihr zu sagen, was sie von seinen Machenschaften hielt. Und nebenbei ihrer Tante mitzuteilen, dass sie es diesmal eindeutig zu weit getrieben hatte.
Sie hüllte sich stattdessen in hochmütiges Schweigen und ließ zu, dass er ihr aus der Kutsche half, nur um sich sogleich abzuwenden. Mit eisigem Desinteresse betrachtete sie die Menschenmassen, die sich langsam die Treppen hinauf und durch die offenen Türen drängten, während Trentham ihre beiden Tanten begrüßte und ihnen ebenfalls aus der Kutsche half.
Mildred, die in ihren bevorzugten Farben Schwarz und Weiß blendend aussah, hakte sich bei Gertie ein und schob sich entschlossen die Stufen hinauf.
Ruhig wandte sich Trentham wieder ihr zu und hielt seinen Arm hin.
Sie begegnete seinem Blick und war überrascht, in seinen haselnussbraunen Augen keineswegs den erwarteten Ausdruck von Triumph zu lesen, sondern vielmehr so etwas wie ausgeprägte Vorsicht. Der Anblick beschwichtigte sie ein wenig; sie ließ sich dazu herab, ihre Fingerspitzen an seinen Arm zu legen und sich, ihren Tanten folgend, die Treppe hinaufführen zu lassen.
Tristan musterte einschätzend den Winkel ihres Kinns und zog es vor zu schweigen. Im Foyer, wo die dicht gedrängte Menge zum Stillstand gekommen war, holten sie ihre beiden Tanten wieder ein. Er übernahm die Führung und bahnte ihnen, Leonora im Schlepptau, recht mühelos einen Weg; ihre Tanten folgten ihnen unmittelbar. Auf der Treppe nach oben lichtete sich das Gedränge ein wenig; er legte seine Hand über Leonoras und führte die kleine Gesellschaft in den halbrunden Korridor, der zu den einzelnen Logen führte.
Als sie sich der Loge näherten, die er selbst gemietet hatte, blickte er Leonora an. »Ich habe mir sagen lassen, dass Mr Kean der beste Schauspieler seiner Zeit ist und das heutige Stück seinem Talent einen würdigen Rahmen liefert. Ich dachte mir, es würde Ihnen vielleicht Freude bereiten, Miss Carling.«
Sie erwiderte knapp seinen Blick und gewährte ihm ein herrlich herablassendes Nicken. Sie hatten die Loge erreicht, und er hielt den schweren Vorhang für sie beiseite. Leonora trat hocherhobenen Hauptes ein. Er wartete, bis ihre Tanten ebenfalls eingetreten waren, dann ließ er den Vorhang zurückfallen und folgte ihnen. Lady Warsingham und ihre Schwester eilten sofort in den vorderen Bereich der Loge und ließen sich auf zweien der drei Stühle nieder, die direkt am Balkon standen. Leonora war im Schatten der Trennwand stehen geblieben; ihr Blick war starr auf Lady Warsingham gerichtet, die intensiv damit beschäftigt war, die illustren Persönlichkeiten der umliegenden Logen zur Kenntnis zu nehmen und dem einen oder anderen von ihnen zuzunicken, während sie es entschieden mied, in Leonoras Richtung zu sehen.
Tristan zögerte kurz, dann trat er an sie heran.
Ihre Aufmerksamkeit richtete sich unvermittelt auf ihn; ihre Augen blitzten gefährlich. »Wie hast du das hier eingefädelt?« Sie sprach in einem zischenden Flüsterton. »Ich habe nie erwähnt, dass sie meine Tante ist.«
Er zog eine Braue hoch. »Ich habe meine Quellen.«
»Und die entsprechenden Karten.« Sie warf einen schweifenden Blick über die sich rasch füllenden Logen. »Deine Cousinen haben behauptet, dass du nie ausgehst.«
»Wie du siehst, entspricht das nicht ganz der Wahrheit.«
Ihr Blick kehrte erwartungsvoll zu ihm zurück.
Er erwiderte ihren Blick. »Mit gesellschaftlichen Veranstaltungen kann ich im Allgemeinen wenig anfangen, aber ich bin auch keineswegs hier, um meinen Abend im Kreise der feinen Londoner Gesellschaft zu verbringen.«
Sie runzelte die Stirn; ihre Stimme klang argwöhnisch. »Und warum bist du hier?«
Er betrachtete sie einen Augenblick lang schweigend, dann murmelte er leise: »Um meinen Abend mit dir zu verbringen.«
Auf dem Korridor ertönte eine Glocke. Er nahm ihren Arm und führte sie zu dem verbliebenen Stuhl in der ersten Reihe. Sie warf ihm einen skeptischen Blick zu; dann setzte sie sich. Er zog den vierten Stuhl hinzu, stellte ihn schräg neben ihren und machte es sich bequem, um die Vorstellung zu verfolgen.
Diese war jeden Penny der nicht unerheblichen Summe wert, die er zu diesem Zweck hatte aufwenden müssen. Sein Blick wanderte nur selten zur Bühne hinunter, sondern verweilte stattdessen bei Leonora, um sich den zarten und reinen Emotionen zu widmen, die unverhüllt über ihr Gesicht huschten; sich in sicherer Umgebung wissend, hatte sie ihre schützende Deckung vorübergehend abgelegt. Während sie seine Anwesenheit zu Beginn noch bewusst wahrgenommen hatte, zog Edmund Kean sie mit seiner Kunst allmählich in seinen Bann; Tristan saß einfach nur da und beobachtete sie - zufrieden, aufmerksam, fasziniert.
Er hatte nicht die geringste Ahnung, warum sie ihn zurückgewiesen hatte - ihr zufolge hatte sie grundsätzlich kein Interesse an Heirat. Ihre Tanten hatten, seiner subtilen Befragung zum Trotz, auch nicht mehr Licht ins Dunkel gebracht, was somit bedeutete, dass er blinden Auges ins Gefecht rannte.
Nicht, dass dies seine Taktik in wesentlicher Weise beeinflusst hätte. Seiner Ansicht nach gab es nur einen einzigen Weg, die Hand einer widerwilligen Dame zu erobern.
Als am Ende des ersten Aktes der Vorhang fiel, musste Leonora unwillkürlich seufzen; dann erinnerte sie sich daran, wo sie sich befand und vor allem in wessen Gesellschaft. Sie warf einen Seitenblick auf Trentham und war überrascht, dass er sie unverwandt ansah.
Sie lächelte. Kühl. »Ich könnte eine kleine Erfrischung vertragen.«
Er ließ seinen Blick für einen Moment verweilen, dann lächelte er und nahm ihren Auftrag mit einem Nicken entgegen. Er sah an ihr vorbei und stand auf.
Leonora drehte sich auf ihrem Stuhl herum und sah, dass Gertie und Mildred bereits aufgestanden waren und ihre Pompadours und Schals zusammenrafften.
Mildred blickte sie beide strahlend an; ihr Blick blieb bei Trentham hängen. »Wir werden ein wenig über den Gang flanieren und alle begrüßen. Leonora hasst es, sich dem Gedränge auszusetzen, aber Sie werden sie gewiss angemessen unterhalten, nehme ich an.«
Zum zweiten Mal an diesem Abend blieb Leonora der Mund offen stehen. Sprachlos musste sie zusehen, wie ihre Tanten hinauseilten und Trentham ihnen den Vorhang beiseitehielt - um ihnen die Flucht zu erleichtern. Aufgrund ihrer nachdrücklichen Äußerung, sie würde keinesfalls mit den Damen umherflanieren, konnte sie nun schwerlich etwas einwenden; zudem war es in keiner Weise unschicklich, allein mit Trentham in der Loge zu verbleiben, schließlich befanden sie sich in aller Öffentlichkeit; sie waren den neugierigen Blicken unzähliger Anstandsdamen ausgeliefert.
Er ließ den Vorhang zurücksinken und wandte sich ihr zu.
Sie räusperte sich. »Ich habe wirklich furchtbaren Durst …« Getränke gab es in der Nähe der Treppe; sich dorthin zu begeben und wieder zurückzukommen, würde ihn einen guten Teil der Pause beschäftigen.
Sein Blick verweilte auf ihrem Gesicht; seine Mundwinkel waren leicht hochgezogen. Es klopfte leise; Trentham wandte sich zum Eingang und öffnete den Vorhang. Ein Diener schob sich mit einem Tablett an ihm vorbei, auf dem vier Gläser und eine Flasche mit eisgekühltem Champagner standen. Er stellte das Tablett auf einem kleinen Tisch an der hinteren Wand ab.
»Ich werde uns selbst eingießen.«
Der Diener nickte erst ihr, dann Trentham zu und verschwand wieder hinter dem Vorhang.
Leonora sah zu, wie Trentham die Flasche von ihrem Korken befreite und dann zwei der vier Sektflöten mit dem zart sprudelnden Getränk füllte. Sie war plötzlich erleichtert, dass sie ihr nachtblaues Kleid angezogen hatte - es erschien ihr angesichts der Situation wie eine schützende Rüstung. Er nahm beide Gläser vom Tisch und kam zu ihrem Platz am Balkon herüber, wo sie, halb dem Saal zugewandt, sitzen geblieben war.
Er reichte ihr eines der Gläser. Sie nahm es, geradezu überrascht darüber, dass er die Gelegenheit nicht nutzte, um beiläufig ihre Finger zu berühren. Er ließ das Glas los und erwartete ihren Blick, als sie zu ihm aufsah.
»Entspann dich, ich beiße nicht.«
Sie zog eine Augenbraue hoch, nippte an ihrem Glas. »Sicher?«
Seine Lippen zuckten; sein Blick schweifte über das geschäftige Treiben in den anderen Logen. »Das bietet sich, angesichts der Umgebung, nicht gerade an.«
Sein Blick kehrte zu ihr zurück. Er ergriff Gerties Stuhl und drehte ihn so herum, dass seine Rückenlehne dem Saal zugewandt war; dann setzte er sich hin, streckte seine langen Beine aus und lehnte sich entspannt zurück.
Er nahm einen Schluck, während sein Blick weiterhin auf ihr ruhte, dann fragte er: »Dann erzähle doch mal - ist dieser Mr Kean wirklich so gut, wie alle behaupten?«
Ihr wurde mit einem Mal bewusst, dass er tatsächlich nicht die geringste Ahnung hatte, immerhin war er in den vergangenen Jahren im Dienste der Armee immer weit fort gewesen. »Er ist wahrlich ein Künstler, der seinesgleichen sucht - jedenfalls im Moment.« Das Thema erschien ihr sicher, dementsprechend stürzte sie sich unmittelbar in eine gründliche Darlegung der Höhepunkte von Mr Keans schauspielerischer Karriere.
Bisweilen ließ Trentham eine Frage einfließen. Als sich das Thema erschöpft hatte, ließ er einen Augenblick verstreichen, dann sagte er leise: »Apropos Höhepunkt …«
Sie blickte ihn an und verschluckte sich beinahe an ihrem Champagner. Sie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg; sie beschloss, diesen Umstand zu ignorieren, und hob stattdessen ihr Kinn. »Ja?«
Er hielt einen Moment inne, so als wäre er unschlüssig - nicht darüber, was er sagen wollte, aber wie er es sagen wollte. »Ich habe mich gefragt …« Er setzte sein Glas an die Lippen und nippte; seine Wimpern verschleierten seinen Blick. »… ob du vielleicht selbst eine begnadete Schauspielerin bist?«
Sie blinzelte und ließ ihre Verwirrung, ihr Unverständnis aus ihren Augen und ihrem gesamten Gesichtsausdruck sprechen.
Seine Lippen nahmen einen zynischen Ausdruck an. »Wenn ich behaupten würde, dass du unser kürzliches … Intermezzo genossen hast, würde ich lügen?«
Ihre Röte wurde noch intensiver, aber sie weigerte sich wegzusehen. »Nein.« Die Erinnerung an ihr sinnliches Vergnügen durchströmte ihren Körper, verlieh ihr Kraft für eine bissige Antwort. »Du weißt ganz genau, dass ich jeden Moment genossen habe.«
»Also ist dies nicht der Grund, weshalb du mich nicht heiraten willst?«
Plötzlich wurde ihr bewusst, was er da fragte. »Natürlich nicht.« Dass er überhaupt auf so einen Gedanken kommen konnte … Sie runzelte die Stirn. »Ich habe doch gesagt - ich habe meine Entscheidung schon vor langer Zeit getroffen. Meine Haltung hat nichts mit dir zu tun.«
Brauchte ein Mann wie er in diesem Punkt tatsächlich noch Bestätigung? Sie konnte seinen Blick, seine Züge nicht deuten.
Dann lächelte er, freundlich, und dennoch schien ihr der Ausdruck eher räuberisch als charmant. »Ich wollte nur sichergehen.«
Er hatte seine Absicht, sie zu heiraten, noch nicht begraben - diese Deutung fiel ihr keineswegs schwer. Sie ignorierte standhaft jede Wirkung, die seine nur einen halben Meter entfernt lauernde Männlichkeit auf sie hatte, blickte ihn höflich an und erkundigte sich nach seinen Cousinen. Er ließ sich auf den Themenwechsel ein und gab ihr bereitwillig Auskunft.
Das Publikum drängte zurück an seine Plätze; Mildred und Gertie kehrten ebenfalls zurück. Leonora bemerkte die durchdringenden Blicke, die ihr beide Tanten zuwarfen; sie bemühte sich, ruhig und entspannt zu wirken, und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Bühne. Der Vorhang hob sich; die Vorstellung ging weiter.
Es sprach für Trentham, dass er die ganze Zeit über nicht einmal versuchte, sie abzulenken. Ihr war nach wie vor bewusst, dass seine Aufmerksamkeit überwiegend auf sie gerichtet war, aber sie weigerte sich, in irgendeiner Weise darauf zu reagieren. Er konnte sie nicht zwingen, ihn zu heiraten; wenn sie standhaft bliebe, würde er schon irgendwann das Interesse verlieren.
So wie sie es von Anfang an erwartet hatte.
Die Aussicht, recht zu behalten, bereitete ihr zur Abwechslung einmal keine Freude. Sie stutzte innerlich über diesen plötzlichen Anflug von Sentimentalität und konzentrierte sich umso entschlossener auf Edmund Kean.
Mit dem Fallen des Vorhangs wurde das Theater von tosendem Applaus erfüllt. Nachdem Mr Kean sich unzählige Male verneigt und das Publikum sich endlich zufriedengegeben hatte, wandte man sich zum Gehen. Von dem Stück beflügelt reichte Leonora Trentham lächelnd die Hand; sie blieb an seiner Seite stehen, während er ihren beiden Tanten den Vorhang zurückhielt, dann ließ sie sich hinter ihnen her auf den Gang führen.
Der Korridor war überfüllt mit Menschen, sodass ein Gespräch von privater Natur unmöglich war; stattdessen bot die dicht gedrängte Menge einem Herrn jedoch reichlich Gelegenheit, die Sinne einer Dame auf dezente Weise zu necken. Zu ihrer Überraschung machte Trentham keinerlei Anstalten in dieser Richtung. Sie war sich seiner Nähe überaus bewusst, wie er sich groß, stark und kraftvoll an ihrer Seite bewegte und sie vor dem Druck der drängelnden Menge schützte. Seine gelegentlichen Blicke verrieten ihr, dass er sie ebenso bewusst wahrnahm, doch er konzentrierte sich vorrangig darauf, sie zügig durch das Gedränge hindurch nach draußen zu führen.
Als sie den Gehweg erreichten, fuhr bereits ihre Kutsche vor.
Er half zunächst Gertie und Mildred hinauf, dann wandte er sich ihr zu.
Er suchte ihren Blick; nahm ihre Hand von seinem Arm.
Während sein Blick auf ihr ruhte, hob er ihre Finger an seine Lippen - küsste sie; Wärme durchflutete ihren Körper.
»Ich hoffe, Sie haben den Abend genossen.«
Sie wollte ihn nicht anlügen. »Danke. Das habe ich.«
Er nickte und half ihr hinauf. Mit dem Hauch eines Zögerns gab er ihre Finger frei.
Sie setzte sich; er trat zurück und schloss den Schlag. Er gab dem Kutscher ein Zeichen. Der Wagen fuhr mit einem Ruck an.
Beinahe wäre sie dem Drang erlegen, sich vorzubeugen und nachzusehen, ob sein Blick ihnen folgte. Stattdessen verschränkte sie jedoch die Hände im Schoß und blieb aufrecht sitzen, den Blick starr geradeaus gerichtet.
Auch wenn er nicht versucht hatte, sie unschicklich zu berühren oder ihre Sinne zu verwirren, hatte sie doch genug gesehen - gespürt -, um die Wahrheit hinter seiner Maske zu durchschauen. Er hatte keineswegs aufgegeben.
Aber das würde er schon noch. Irgendwann.
Mildred, ihr gegenüber, rührte sich. »Was für vollendete Manieren - wirklich hochherrschaftlich. Du musst schon zugeben, es gibt heutzutage nur noch wenige Gentlemen, deren Verhalten so …« Sie gestikulierte auf der Suche nach einem passenden Wort.
»… männlich ist«, vollendete Gertie ihren Satz.
Leonora wie Mildred sahen sie überrascht an. Mildred fand ihre Fassung als Erste wieder. »Ganz richtig!« Sie nickte. »Da hast du vollkommen recht. Er hat sich genauso verhalten, wie man es von einem Gentleman erwartet.«
Nachdem sie den kleinen Schock verwunden hatte, dass ausgerechnet Gertie, die Männerverächterin, sich anerkennend über einen Mann geäußert hatte - andererseits handelte es sich um Trentham, den perfekten Charmeur; sie hätte es sich denken können -, fragte Leonora die beiden: »Wie habt ihr ihn eigentlich kennengelernt?«
Mildred setzte sich anders hin und ordnete ihr Kleid. »Er ist heute Vormittag bei uns vorbeigekommen. In Anbetracht der Tatsache, dass ihr euch bereits kanntet, erschien mir seine Einladung überaus vernünftig.«
Aus Mildreds Sicht gewiss. Leonora sparte es sich, sie daran zu erinnern, dass sie die Karten angeblich von einem alten Freund erhalten hatte; ihr war schon lange bewusst, wie weit ihre Tante zu gehen bereit war, nur um sie in die Nähe eines akzeptablen Junggesellen zu locken. Und Trentham war zweifellos mehr als akzeptabel.
Dieser Gedanke führte ihr den Mann erneut lebhaft vor Augen - und zwar nicht im Theater, sondern während der glorreichen Momente, die sie in jenem Schlafzimmer miteinander verbracht hatten. Jeder Augenblick, jede Berührung war tief in ihr Gedächtnis eingebrannt; allein der Gedanke daran reichte aus, um alle Gefühle, alle Eindrücke - und zwar nicht nur die sinnlichen - wieder in ihr wachzurufen.
Sie gab sich die allergrößte Mühe, die Erinnerungen von sich fernzuhalten, nicht über die Gefühle nachzudenken - oder gar darin zu schwelgen -, die sie in dem Moment verspürt hatte, als ihr bewusst geworden war, dass er auf den eigentlichen Vollzug verzichten wollte; jenes Gefühl, das sie schließlich dazu bewegt hatte, ihn geradewegs anzuflehen.
Bitte. Verlass mich nicht.
Diese Worte verfolgten sie; schon die Erinnerung daran hatte zur Folge, dass sie sich extrem verwundbar fühlte. Schutzlos ausgeliefert.
Seine Reaktion hingegen … Ganz gleich, was sie sonst über ihn wusste, wie sie seinen Charakter oder seine Machenschaften einschätzen mochte - sie war ihm eindeutig zu Dank verpflichtet.
Dafür, dass er ihr gegeben hatte, wonach sie verlangte.
Dafür, dass er in diesem Moment allein ihrem Willen, allein ihren Wünschen gefolgt war und sich ihr bedingungslos hingegeben hatte.
Sie schob die Erinnerungen beiseite; sie waren viel zu lebhaft, um sich ihnen hier und jetzt hinzugeben. Stattdessen konzentrierte sie sich auf die Geschehnisse des heutigen Abends, auf alles, was zwischen ihnen passiert oder nicht passiert war. Einschließlich der Erinnerung daran, wie sie selbst auf ihn und seine Nähe reagiert hatte. Ihre Reaktion hatte merklich neue Züge angenommen. Ihre Nerven waren nicht mehr zum Zerreißen gespannt. Wenn er nunmehr in ihre Nähe kam, sie berührte, begannen ihre Nerven sanft zu glühen. Anders konnte sie dieses Gefühl warmen Wohlbehagens nicht beschreiben. Vielleicht war es so etwas wie das Echo ihres sinnlichen Vergnügens. Wie auch immer, sie war jedenfalls keineswegs nervös gewesen, sondern hatte sich vielmehr ausgesprochen wohlgefühlt. Es schien geradeso, als ob die Tatsache, dass sie sich nackt mit ihm im Bett gewälzt und intime Freuden genossen hatte, ihre Empfindungen von Grund auf verändert hätte.
Und zwar eindeutig zum Besseren, wie sie fand. Sie fühlte sich ihm gegenüber nicht mehr im Nachteil, spürte keine körperliche Anspannung mehr, war nicht mehr so verkrampft. Seltsam, aber wahr. Die Zeit, die sie allein mit ihm in der Loge verbracht hatte, war angenehm und ungezwungen gewesen.
Wenn sie ehrlich war, hatte sie es, trotz seiner intimen Fragen, regelrecht genossen.
Sie seufzte und lehnte sich auf der Bank zurück. Sie konnte Mildred kaum ernsthaft für ihr Verhalten rügen. Sie hatte den Abend weit mehr genossen - noch dazu auf eine völlig andere Art -, als sie es erwartet hatte.