9
Sie hatte sich etwas abgekühlt; er nicht. Tristan
bezweifelte, dass sie auch nur die geringste Ahnung hatte, was sie
eigentlich mit ihm anstellte, welche Wirkung sie auf ihn hatte,
insbesondere wenn sie beide nackt im schattigen Halbdunkel eines
quasi leeren Hauses lagen.
Es war unmöglich, die Aura des Verbotenen und
Gefährlichen abzuschütteln; beides war so sehr ein Teil von ihm,
dass er es nicht einmal versuchte. Sie wollte es so, und zwar in
vollem Bewusstsein. Als er sich neben sie legte, den Ellenbogen
aufstützte und seine Hand nach ihr ausstreckte, versuchte er gar
nicht, irgendetwas, irgendeinen Teil von ihm zu verbergen.
Am allerwenigsten das primitive, dunkle
Verlangen, das sie in ihm auslöste.
Ihre Augen hatten sich längst an die Dunkelheit
gewöhnt; sie konnten das Gesicht des anderen und die Ausdrücke, die
darauf spielten, erkennen, konnten sogar die Gefühle in den Augen
des anderen lesen, da sie einander so nah waren. Er spürte das
feine Zittern, das ihren Körper erfasste, als er sie an sich
heranzog. Im gleichen Moment las er die Entschlossenheit auf ihrem
Gesicht und ließ sich nicht weiter beirren.
Instinktiv legte Leonora ihre passiv abwartende
Haltung ab und
begegnete seiner Herausforderung. Ihr Körper wurde zu neuem Leben
erweckt; sie hob die Hand und schob ihre Finger wieder in sein
Haar.
Sie hielt sich an ihm fest, während die Flammen
zwischen ihnen erneut hochschlugen. Diesmal machte er keinerlei
Anstalten, sie zu unterdrücken, sie zu ersticken; er ließ sie
ungehindert toben. Ließ sie mit jeder besitzergreifenden Berührung
seiner harten Handflächen bewusst aufflammen, während er jeden
Zentimeter ihres weichen Körpers in Beschlag nahm und noch intimer
erforschte.
Sie schauderte und ließ ihn gewähren. Ließ sich
mit ihm davonreißen in einen Ozean aus glühender Hitze, eine
Feuersbrunst aus Leidenschaft, Lust und einer schlichten,
unausweichlichen Begierde.
Er berührte sie in einer Art und Weise, die sie
sich niemals hätte ausmalen können, bis sie sich schließlich
verzweifelt an ihn klammerte und schluchzte. Bis sie von Hitze und
einem glühenden Verlangen derart verzehrt wurde, dass sie
buchstäblich das Gefühl hatte zu verbrennen. Er schob sich über
sie, drängte ihre Schenkel weit auseinander und ließ sich zwischen
sie sinken. In der immer dichter werdenden Dunkelheit erschien er
ihr tatsächlich wie ein Gott, kraftvoll und entschlossen, während
er sich über sie beugte und auf sie herabsah. Dann neigte er seinen
Kopf und nahm ihren Mund erneut in Beschlag; seine schiere Energie
und sein harter Körper aus kräftigen Muskeln, starken Knochen und
glühend heißem Blut fesselten sie.
Die kratzig raue Härte seiner behaarten Brust
scheuerte, schürfte über ihre zarte Haut und machte ihr bewusst,
wie empfindlich diese eigentlich war. Machte ihr auch bewusst, wie
verletzlich und schutzlos sie ihm gegenüber war.
Er verlagerte sein Gewicht und griff nach ihrem
Knie, um ihr Bein gegen seine Hüfte zu ziehen. Er ließ es dort
ruhen und glitt mit seiner Hand nach innen, bis er ihre
schlüpfrigen, geschwollenen Lippen fand, heiß und bereit.
Dann drang er in sie ein - hart, heiß und sehr
viel größer, als sie
es erwartet hatte. Ihr Atem stockte. Sie spürte, wie ihr Körper
sich dehnte. Er stieß unaufhaltsam tiefer.
Sie rang nach Luft, versuchte seinem Kuss
auszuweichen.
Er ließ es nicht zu.
Stattdessen drückte er sie nach unten, hielt sie
gefangen und füllte sie ganz, ganz allmählich immer tiefer
aus.
Ihr Körper krümmte sich, wand sich, spannte
sich, widersetzte sich seinem Vordringen. Sie spürte den
Widerstand, spürte, wie die innere Spannung immer mehr zunahm, aber
er hörte nicht auf; drang tiefer und tiefer, bis die Barriere
nachgab und er hindurchstieß. Und weiterdrängte.
Bis er sie so sehr ausfüllte, dass sie kaum noch
atmen konnte, bis sie ihn tief und heftig pulsierend in sich
spürte. Sie fühlte, wie ihr Körper nachgab, kapitulierte,
akzeptierte.
Erst jetzt hielt er inne, hielt vollkommen
still, seine harte, starke Männlichkeit tief in ihr
vergraben.
Er unterbrach den Kuss, öffnete seine Augen, sah
aus ein paar Zentimetern Entfernung tief in die ihren. Ihrer beider
Atem kam hart und stoßweise und vermischte sich.
»Geht es dir gut?«
Tief und rau drang seine Stimme zu ihr durch;
sie konzentrierte sich einen Moment lang darauf, wie sie sich
fühlte - unter seinem heißen Gewicht gefangen, von harten Muskeln
auseinandergedrängt, ihm schutzlos ausgeliefert. Sein hartes
Geschlecht tief in ihr vergraben.
Sie nickte. Ihre Lippen hungerten nach den
seinen; sie berührten seinen Mund, kosteten ihn; dann wanderte ihre
Zunge tiefer, um seinen außergewöhnlichen Geschmack zu genießen.
Sie spürte sein Stöhnen mehr, als dass sie es hörte, dann fing er
an, sich in ihr zu bewegen.
Erst nur ein bisschen, ein sanftes Wiegen seiner
Hüfte.
Doch bald reichte dies nicht mehr aus - keinem
von ihnen.
Was nun folgte, war eine Entdeckungsreise. Sie
hätte nie geglaubt, dass Intimität so verzehrend sein könnte, so
fordernd, so
befriedigend. So heiß, schweißtreibend und umfassend. Er sagte
nichts weiter, fragte nicht, was sie dachte, bat nicht um
Erlaubnis, als er sie nahm. Sie ausfüllte, tief in sie eindrang,
sich von ihrer Hitze umfangen ließ.
Und doch suchte er immer wieder ihren Blick,
vergewisserte sich, beruhigte sie, ermunterte sie. Sie verstand ihn
ohne Worte und folgte seinen Anregungen bereitwillig.
Begierig.
In eine Landschaft der Lust.
Endlos breitete sie sich vor ihnen aus, Szene um
Szene, und Leonora begriff, wie umfassend der schlichte Akt der
Vereinigung tatsächlich sein konnte.
Wie fesselnd. Wie faszinierend.
Wie fordernd. Wie süchtig machend.
Und - als sie schließlich gemeinsam durch Raum
und Zeit stürzten - wie durch und durch erfüllend.
Sie nahm an, dass er sich, aufgrund seiner
Erfahrung, aus ihr zurückziehen würde, bevor er seinen Samen
ergoss. Aber das wollte sie nicht; einem Instinkt folgend, grub sie
ihre Fingernägel in die spielenden Muskeln seines Gesäßes und zog
ihn fest in sich hinein.
Er sah sie an, beinahe blind begegnete er ihrem
Blick. Dann schloss er seufzend die Augen und ließ es geschehen,
ließ sich von dem letzten heftigen Aufbäumen noch tiefer in sie
treiben, vereinigte sich mit ihr, verausgabte sich völlig in
ihr.
Sie spürte, wie er sich warm in sie
ergoss.
Ein zufriedenes Lächeln umspielte ihre Lippen;
sie ließ ihn los und gab sich endlich einem Zustand völliger
Selbstvergessenheit hin.
Ermattet in die Kissen gesunken versuchte
Tristan, Sinn in die Ereignisse zu bringen.
Leonoras Körper lag auf ihm, noch immer innig
mit seinem vereint. Er sah keinen Grund, sich ihr zu entziehen. Sie
war in einen süßen Halbschlaf gesunken, und Tristan hoffte, dass
dies vorerst
so bliebe, damit er seinen mentalen Halt einigermaßen
wiederherstellen konnte.
Er war über ihr zusammengesunken, hatte vor
tiefer Befriedigung regelrecht die Besinnung verloren. Eine völlig
neue Erfahrung. Schließlich hatte er seinen Verstand zumindest so
weit zurückerlangt, um sich auf den Rücken zu rollen und Leonora
dabei mit sich zu ziehen. Er hatte die Bettdecke über ihr
ausgebreitet, um ihren langsam abkühlenden Körper vor der
zunehmenden Kälte im Raum zu schützen.
Es war inzwischen stockdunkel, allerdings noch
nicht sehr spät. Niemand würde sich wegen ihrer Abwesenheit Sorgen
machen. Noch nicht. Seine Erfahrung sagte ihm, dass es trotz ihrer
vermeintlichen Reise zu den Sternen sicherlich noch nicht einmal
sechs Uhr war; er hatte demnach noch etwas Zeit, sich darüber
Gedanken zu machen, an welchem Punkt sie nun standen und wie er
weiter vorgehen wollte.
Der Entschluss, weiter voranzugehen, beinhaltete
in der Regel, dass man sich klarmachte, wo man sich eigentlich
befand.
Doch genau da lag sein Problem. Er war sich ganz
und gar nicht sicher, das Geschehene richtig deuten zu
können.
Sie war attackiert worden; er war im rechten
Moment eingeschritten, um sie zu retten; schließlich waren sie
gemeinsam ins Haus gegangen. So weit schien alles klar.
Dann hatte sie ihm danken wollen. Und er hatte
keinen Grund gesehen, ihren Dank auszuschlagen.
Danach waren die Dinge kompliziert
geworden.
Er erinnerte sich noch vage daran, wie er
gedacht hatte, Leonora ein wenig zu verwöhnen, sei eine vernünftige
Möglichkeit, sie von dem Angriff abzulenken. So weit, so gut;
allerdings hatte ihr Dank - so wie sie ihn sich zurechtgelegt hatte
- in ihm ein dunkleres Empfinden angesprochen, es gleichermaßen
beschwichtigt wie herausgefordert, eine Art Reaktion auf den
Angriff heraufbeschworen, einen Zwang, sie als sein Eigen zu
markieren und sie für immer zu besitzen.
Wenn er es in dieser Weise formulierte, klang
seine Reaktion primitiv und unzivilisiert, doch er musste sich
eingestehen, dass ihn genau dieser Impuls dazu verleitet hatte, sie
auszuziehen, sie anzufassen, sie ganz intim zu berühren. Er hatte
die Situation nicht klar genug durchschaut, um sich dagegen zu
wehren; er hatte die Gefahr nicht erkannt.
Sein Blick wanderte hinab zu Leonoras dunklem
Schopf, ihrem wirren, zerzausten Haar, das sich wärmend über seine
Schulter breitete.
Er hatte nicht gewollt, dass das hier
passierte.
Das hier - so wurde ihm
allmählich bewusst, während sein Gehirn ihm alle Auswirkungen, alle
Bedeutungsnuancen vor Augen führte -, das
hier stellte nämlich eine erhebliche Verkomplizierung seines
Plans dar, der zugegebenermaßen von Anfang an nicht wirklich glatt
gelaufen war.
Er spürte, wie seine Züge sich verhärteten,
seine Lippen sich aufeinanderpressten. Wäre ihm nicht daran gelegen
gewesen, sie nicht zu wecken, hätte er laut geflucht.
Es bedurfte keiner umfangreichen Überlegungen,
um festzustellen, dass es von diesem Punkt an nur einen einzigen
Weg geben konnte. Welche Möglichkeiten ihm sein strategischer
Verstand auch lieferte, seine unerschütterliche, instinktive
Reaktion blieb stets dieselbe.
Leonora war sein. Bedingungslos. Dies war eine
unanfechtbare Tatsache.
Und sie war in Gefahr, sie war Ziel einer
ernsthaften Bedrohung.
Es gab nur eine einzige Möglichkeit.
Bitte … verlass mich
nicht.
Er hatte sich ihrem Flehen nicht widersetzen
können, würde es auch jetzt nicht tun, wenn sie ihn erneut
anflehte. In ihren Augen hatte sich ein tiefes, verwundbares
Bedürfnis gespiegelt, das er unmöglich hatte ignorieren können.
Trotz der Verwicklungen, die sich hieraus ergaben, konnte und würde
er sein Tun keinesfalls bereuen.
Im Grunde genommen hatte sich nichts weiter
geändert als der relative Zeitplan.
Sein Plan musste an die neuen Umstände angepasst
werden. Zugegebenermaßen in erheblichem Maße, aber er war ein zu
beschlagener Taktiker, um deswegen in tatenlosem Verdruss zu
verharren.
Die Wirklichkeit drang ganz allmählich in
Leonoras Verstand vor. Sie bewegte sich ein wenig, seufzte, genoss
die Wärme, die sie umgab, umfing, durchdrang. Sie ausfüllte.
Ihre Wimpern zuckten, sie öffnete die Augen,
blinzelte. Ihr wurde plötzlich bewusst, was der Ursprung all dieser
Wärme war.
Sie errötete - oder hoffte inständig, dass die
in ihr aufsteigende Hitze auf ihr Erröten zurückzuführen war. Sie
bewegte sich, um ihn ansehen zu können.
Trentham blickte zu ihr herunter. Der vage
Ausdruck in seinen Augen wirkte nachdenklich. »Bleib einfach ruhig
liegen.«
Unter der Decke fühlte sie, wie seine große Hand
ihr Hinterteil umfasste und ihren Körper ein wenig verlagerte,
sodass sie bequemer auf ihm lag. Ihn bequemer umfing.
»Du wirst dich wund fühlen. Entspann dich
einfach und lass mich nachdenken.«
Sie starrte ihn an, ließ ihren Blick dann
sinken, um ihre gespreizte Hand auf seinem nackten Oberkörper zu
betrachten. Entspann dich, hatte er gesagt. Sie waren immerhin
nackt, ineinander verschlungen, und er war immer noch in ihr. Er
füllte sie nicht mehr so stark aus wie zuvor, aber er war immer
noch da …
Sie wusste, dass Männer sich um ihre Nacktheit
wenig scherten, aber dies hier erschien ihr doch …
Sie atmete tief ein und versuchte, nicht weiter
darüber nachzudenken. Wenn sie jetzt damit anfinge, über all das
nachzusinnen, was sie gelernt hatte, was sie erlebt hatte, dann
würde sie vor Erstaunen, vor lauter fassungsloser Verwunderung noch
stundenlang hier verweilen.
Und ihre Tanten waren zum Abendessen
eingeladen.
Sie würde sich diesem Zauber zu einem späteren
Zeitpunkt widmen müssen.
Sie hob den Kopf und sah ihn an. Er wirkte noch
immer nachdenklich. »Worüber denkst du nach?«
Er blickte sie an. »Kennst du einen
Bischof?«
»Einen Bischof?«
»Hm, wir werden eine Sondererlaubnis brauchen.
Ich könnte mich an den …«
Sie stützte sich mit beiden Händen auf seine
Brust, richtete sich auf und erlangte unverzüglich seine ungeteilte
Aufmerksamkeit. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an.
»Wozu brauchen wir eine Sondererlaubnis?«
»Wozu …?« Er blickte sie verwirrt an.
Schließlich erwiderte er: »Das ist nun eindeutig die letzte Frage,
mit der ich gerechnet hätte.«
Sie runzelte ärgerlich die Stirn. Dann drückte
sie sich hoch, stemmte sich von ihm herunter und setzte sich, in
die Decke gewickelt, neben ihn. »Schluss jetzt mit den Scherzen.«
Sie blickte sich um. »Wo sind meine Kleider?«
Einen Moment lang herrschte Stille, dann sagte
er: »Das war kein Scherz.«
Der Ton seiner Stimme ließ ihren Blick
blitzschnell zu ihm zurückkehren. Ihre Augen waren fest
aufeinandergeheftet; was sie in seinen las, ließ ihr Herz heftig
pochen. »Das ist nicht komisch …«
»Ich halte nichts von alledem für
›komisch‹.«
Sie blieb ruhig sitzen und sah ihn an; ihr
Anflug von Panik verebbte langsam. »Ich erwarte nicht, dass du mich
heiratest.«
Er zog die Augenbrauen hoch; sie holte tief
Luft. »Ich bin sechsundzwanzig. Jenseits des heiratsfähigen Alters.
Das hier …«, ihre Geste wies auf die schützende Decke und alles,
was sich darunter befand, »soll nicht bedeuten, dass du der Ehre
wegen ein Opfer bringen musst. Du brauchst nicht das Gefühl zu
haben, du hättest mich verführt und müsstest dies nun
wiedergutmachen.«
»Wenn ich mich recht entsinne, hast du mich
verführt.«
Sie wurde rot. »Ganz richtig. Deshalb sehe ich
auch keinerlei Grund, weshalb wir einen Bischof benötigen.«
Es war definitiv an der Zeit, sich anzuziehen.
Sie erspähte ihr Unterkleid auf dem Fußboden und krabbelte, sich
von ihm abwendend, aus ihrer schützenden Hülle heraus.
Sein stahlharter Griff legte sich wie ein
Schraubstock um ihr Handgelenk.
Er zog nicht daran, hielt sie nicht zurück; das
musste er gar nicht. Sie wusste genau, dass sie sich seinem Griff
nicht entziehen konnte, solange er es nicht erlaubte.
Sie ließ sich zurück unter die Decke gleiten.
Sein Blick war nach oben gerichtet, sie konnte seine Augen nicht
erkennen.
»Ich will nur sicherstellen, dass ich das hier
richtig verstehe.«
Seine Stimme klang ruhig, doch irgendetwas in
seinem Ton hieß sie Vorsicht bewahren.
»Du bist eine sechsundzwanzigjährige Jungfrau -
Verzeihung -, ehemalige Jungfrau. Du bist in keine sonstigen
Liebschaften - romantischer oder sonstiger Art - verwickelt.
Richtig?«
Sie hatte große Lust, ihm zu sagen, dass dieses
Gespräch vollkommen sinnlos war, aber sie wusste aus leidiger
Erfahrung, dass man männlichem Unmut am schnellsten und einfachsten
entgegenwirkte, wenn man ihn einfach gewähren ließ. »Ja.«
»Gehe ich auch recht in der Annahme, dass du
mich in voller Absicht verführt hast?«
Sie presste die Lippen aufeinander, schließlich
räumte sie ein: »Nicht sofort.«
»Aber heute. Das hier war« - sein Daumen
beschrieb derweil auf ihrem Handgelenk höchst ablenkende Kreise -
»geplant. Geschickt eingefädelt. Du wolltest, dass ich dich … ja,
was eigentlich? … initiiere?«
Er drehte den Kopf und sah sie an. Sie wurde
rot, zwang sich aber dennoch zu einem Nicken. »Ja. Genau
das.«
»Hm.« Er starrte wieder die Decke an. »Und nun,
da du dein
Ziel erreicht hast, möchtest du mir sagen: ›Danke, Tristan, das
war wirklich sehr nett.‹ Und dann so tun, als wäre nichts
gewesen.«
So weit hatte sie noch gar nicht gedacht. Sie
runzelte die Stirn. »Ich hatte angenommen, dass wir letztendlich
getrennte Wege gehen würden.« Sie beobachtete sein Profil. »Es hat
nicht die geringste Bedeutung, es gibt keinerlei Grund, weshalb wir
irgendwelche Konsequenzen ziehen müssten.«
Seine Mundwinkel wanderten leicht nach oben. Sie
hatte nicht die geringste Ahnung, welcher plötzliche
Stimmungswechsel sich hinter dieser Mimik verbarg.
»Allerdings«, seine Stimme war nach wie vor
ruhig, doch die einzelnen Silben klangen zunehmend prononcierter,
»hast du dabei eines nicht bedacht.«
Sie wollte die Frage nicht stellen müssen - ganz
und gar nicht -, zumal sein Ton sie eindeutig davor warnte, aber
sie hatte keine andere Wahl, da er beharrlich schwieg. »Was?«
»Du erwartest vielleicht nicht, dass ich
dich heirate. Aber ich bin schließlich
derjenige, der hier verführt wurde. Dementsprechend erwarte ich,
dass du mich heiratest.«
Er wandte erneut den Kopf und sah sie an - ließ
sie in seinen funkelnden braunen Augen lesen, wie ernst es ihm tatsächlich war.
Sie starrte ihn an - vergewisserte sich
mehrfach, dass sie die Botschaft richtig verstand. Ihr Unterkiefer
sackte herab, dann ließ sie ihre Lippen abrupt zuschnappen. »Das
ist doch völliger Irrsinn! Du willst mich
doch überhaupt nicht heiraten - du weißt selbst, dass du es nicht
willst! Du stellst dich nur an.« Mit einem Ruck entriss sie ihm ihr
Handgelenk, in dem vollen Bewusstsein, dass es ihr nur gelang, weil
er es zuließ. Sie krabbelte vom Bett herunter. Wut, Angst, Ärger
und Beklommenheit bildeten eine berauschende Mischung. Sie machte
sich auf den Weg zu ihrem Unterkleid.
Als sie das Bett verließ, setzte Tristan sich
auf. Sein Blick fiel auf die blauen Flecken auf ihrem Arm. Er
erinnerte sich an den Angriff und atmete tief ein. Nicht er selbst,
sondern Mountford hatte ihr sein Markenzeichen verpasst.
Als sie sich herabbeugte, um ihr Kleid
aufzusammeln, bemerkte er die Spuren auf ihrer Hüfte, die
bläulichen Flecken auf ihrem Gesäß, wo seine Finger in ihre feine
alabasterfarbene Haut gedrückt hatten. Sie drehte sich um, während
sie mit ihrem Unterkleid kämpfte, und er bemerkte weitere Abdrücke
auf ihren Brüsten.
Er fluchte leise.
»Was?« Sie streifte den Stoff über ihren Körper
und funkelte ihn wütend an.
Er presste die Lippen hart aufeinander und
schüttelte den Kopf. »Nichts.« Er stand auf und griff nach seiner
Hose.
Etwas Dunkles, Machtvolles und Gefährliches
bäumte sich in ihm auf. Es wuchs und rang darum, sich zu
befreien.
Er konnte nicht mehr klar denken.
Er zog ruckartig ihr Kleid vom Bett und
schüttelte es aus; nur ein winziger Fleck, ein kleiner roter Punkt
war darauf zu erkennen. Der Anblick erschütterte seine
Selbstbeherrschung. Er versuchte, ihn zu ignorieren, und brachte
ihr stattdessen das Kleid.
Sie nahm es mit einem hochmütigen Kopfnicken
entgegen. Er musste beinahe laut auflachen. Sie glaubte ernsthaft,
er würde sie so einfach davonkommen lassen.
Er zog sein Hemd über, knöpfte es rasch zu,
steckte es in den Hosenbund und band sich dann mit schnellen,
sicheren Bewegungen die Krawatte. Währenddessen ließ er sie nicht
aus den Augen. Sie selbst war es gewohnt, eine Zofe zu haben, die
ihr beim Ankleiden half; sie bekam ihr Kleid allein nicht zu.
Als er vollständig angezogen war, hob er ihren
Mantel auf. »Warte. Ich helfe dir.« Er hielt ihr den Mantel hin;
sie sah ihn an und nahm ihm das Kleidungsstück ab. Dann wandte sie
ihm ihren Rücken zu.
Mit wenigen Handgriffen hatte er die Korsage
ihres Kleids zugezogen. Als er die Schleife band, wurden seine
Hände langsamer. Er hakte einen Finger in die Bänder ein und hielt
sie von hinten fest. Während er sich zu ihr hinunterbeugte,
flüsterte er ihr leise ins
Ohr. »Ich habe meine Meinung nicht geändert. Ich habe vor, dich zu
heiraten.«
Ihr Rücken spannte sich, sie blickte starr
geradeaus. Dann wandte sie den Kopf herum und suchte seinen Blick.
»Ich habe meine Meinung auch nicht geändert. Ich werde keinesfalls
heiraten.« Sie hielt seinem Blick stand; schließlich fügte sie
hinzu. »Das wollte ich eigentlich noch nie.«
Er hatte vergeblich versucht, sie vom Gegenteil
zu überzeugen.
Sie hatten ihre hitzige Diskussion bis in die
Eingangshalle weitergeführt, wo sie kurzfristig - Biggs wegen - zu
einem zischenden Flüstern verebbt war, nur um in der
verhältnismäßig sicheren Umgebung des Gartens wieder voll
aufzubrausen.
Keines seiner Argumente hatte auch nur die
geringste Wirkung gezeigt.
Als ihn schließlich die Tatsache, dass eine
sechsundzwanzigjährige Dame, die er eben höchst leidenschaftlich in
die Freuden fleischlicher Lust eingeführt hatte, sich strikt
weigerte, ihn mitsamt seinem Titel, Reichtum, Landbesitz und
Sonstigem zu heiraten, derart zur Verzweiflung getrieben hatte,
dass er ihr damit drohte, geradewegs durch ihren Garten zu
marschieren, um ihren Onkel und ihren Bruder um ihre Hand zu bitten
und ihnen, wenn nötig, alles zu erzählen, hatte sie erschrocken
nach Luft geschnappt, war stehen geblieben, herumgeschnellt … und
hatte ihm mit ihrem entsetzten Blick - voll panischer
Verletzlichkeit - beinahe den Todesstoß versetzt.
»Du hast gesagt, was zwischen uns ist, wird auch
zwischen uns bleiben.«
In ihren Augen lag aufrichtige Angst.
Er hatte einen Rückzieher gemacht.
Erfüllt von tiefer Abscheu über sich selbst,
versicherte er widerwillig, dass er dies selbstverständlich niemals
tun würde.
Mit den eigenen Waffen geschlagen.
Schlimmer noch - mit seinem eigenen Ehrgefühl
geschlagen.
Als Tristan am späten Abend zusammengesunken vor
dem Kamin
in der Bibliothek seines Hauses saß und still vor sich hin
brütete, machte er sich ernsthafte Gedanken darüber, wie er wohl
aus dem Morast wieder herauskäme, der sich so ohne jede Vorwarnung
unter seinen Füßen gebildet hatte.
Während er an seinem französischen Brandy
nippte, ließ er sich all ihre Worte noch einmal durch den Kopf
gehen und versuchte, die Gedanken, die Gefühle hinter ihren Worten
zu ergründen. In vielem war er sich unsicher, manches konnte er
nicht richtig deuten, aber in einem Punkt war er sich einigermaßen
sicher: Leonora glaubte beileibe nicht daran, dass sie - als
sechsundzwanzigjähriges Frauenzimmer, wie sie selbst es ausdrückte
- die aufrichtige und ehrbare Aufmerksamkeit eines Mannes wie ihm
auf Dauer fesseln könnte.
Den Blick ins Feuer gerichtet, hob er sein Glas
an die Lippen und ließ den edlen Tropfen langsam seine Kehle
hinunterrinnen.
Er musste innerlich zugeben, dass es ihn nicht
sonderlich kümmerte, was sie von der ganzen
Sache hielt.
Er musste sie sein Eigen nennen. Musste sie in
seinem Haus, in seinen vier Wänden, in seinem Bett, kurzum, in
Sicherheit wissen. Er musste. Er hatte keine andere Wahl. Das
dunkle und gefährliche Gefühl, das sie in seinem Innern
heraufbeschworen und entfesselt hatte, würde keinen anderen Ausgang
dulden.
Er hatte nie geahnt, dass etwas Derartiges in
ihm schlummerte, eine solche Macht an Gefühlen. Doch als er heute
Abend auf ihrem Gartenweg gestanden hatte und zusah, besser gesagt,
zusehen musste, wie sie sich von ihm entfernte, war ihm urplötzlich
klar geworden, wofür dieses Gefühl stand.
Besitzanspruch.
Er hatte diesem geradezu freien Lauf
gelassen.
Er hatte schon immer einen ausgeprägten
Beschützerinstinkt besessen, der zunächst in seinem Beruf und nun
seinem Tross alter Damen gegenüber offen zutage getreten war. So
gut kannte er sich inzwischen selbst; doch Leonora löste in ihm
etwas aus, das über jeden Beschützerinstinkt hinausging.
Unter diesen Umständen blieb ihm nicht viel
Zeit. Seine Geduld war äußerst begrenzt; das war sie immer schon
gewesen.
Er ging im Geiste noch einmal alle Vorkehrungen
durch, die er bezüglich Mountford in die Wege geleitet hatte,
einschließlich derjenigen, die er heute Abend erst getroffen hatte,
nachdem er vom Montrose Place zurückgekehrt war.
Diese Front war vorerst gut gesichert. Er konnte
seine Aufmerksamkeit somit dem anderen Kampfgeschehen widmen, in
das er verwickelt war.
Er musste Leonora davon überzeugen, ihn zu
heiraten; er musste ihre Meinung ändern.
Nur wie?
Zehn Minuten später stand er auf, um seine alten
Damen aufzusuchen. Gründliche Informationen, so hatte er stets
selbst bekräftigt, waren der Schlüssel jeder erfolgreichen
Kampagne.
Das Abendessen mit ihren Tanten - keine allzu
seltene Veranstaltung in den Wochen vor Saisonbeginn, während derer
ihre Tante Mildred, Lady Warsingham, beharrlich versuchte, Leonora
davon zu überzeugen, sich endlich dem Heiratsmarkt zu stellen -
entpuppte sich als regelrechtes Fiasko.
Eine Tatsache, die sie ohne Weiteres Trentham
zuschreiben konnte, obwohl dieser nicht einmal anwesend war.
Noch am nächsten Morgen musste sie sich arg
bemühen, nicht andauernd zu erröten und ihre Erinnerung von dem
Augenblick wegzulenken, als sie erhitzt und schwer atmend unter ihm
gelegen und zugesehen hatte, wie er sich in tiefen, drängenden
Stößen über ihr bewegte, während ihr Körper die heftigen Wellen,
die stetig hereinrollenden Wogen ihrer Vereinigung in sich
aufnahm.
Sie hatte sein Gesicht betrachtet, hatte
gesehen, wie die Leidenschaft jeden Charme daraus vertrieb und
seine Züge mit einer Härte zeichnete, die auf etwas hindeutete, das
primitiv und ursprünglich wirkte.
Faszinierend. Mitreißend.
Und extrem ablenkend.
Sie stürzte sich eifrig darauf, jeden kleinsten
Schnipsel Papier in ihrem Sekretär zu sortieren und fein säuberlich
wieder einzuräumen.
Um zwölf Uhr läutete es an der Tür. Sie hörte,
wie Castor in den Flur trat, um zu öffnen. Im nächsten Moment
ertönte Mildreds Stimme. »Sie ist im Salon, ja? Keine Umstände -
ich finde den Weg.«
Leonora steckte den Papierstapel in den
Schreibtisch, schloss ihn ab und stand auf. Sie fragte sich, was
ihre Tante so früh am Tag schon wieder am Montrose Place wollte;
sie wandte sich der Tür zu und wartete geduldig ab, um es
herauszufinden.
Mildred kam schwungvoll hereingerauscht -
elegant in Schwarz und Weiß gehüllt. »Ach, meine Liebste!« Sie kam
auf Leonora zu. »Wie du hier so mutterseelenallein dasitzt. Ich
wünschte, du würdest mich auf meinen nachmittäglichen Besuchen
begleiten, aber ich weiß ja, dass du es sowieso nicht tust, daher
werde ich diese traurige Tatsache gar nicht weiter beklagen.«
Leonora gab ihrer Tante pflichtgetreu einen Kuss
auf die parfümierte Wange und flüsterte ihr ein Wort des Dankes
zu.
»Schreckliches Kind.« Mildred ließ sich auf die
Chaiselongue sacken und zupfte ihre Röcke zurecht. »Aber ich musste
einfach vorbeikommen, weil ich ganz wunderbare Neuigkeiten habe! Ich habe nämlich Karten
für das neue Theaterstück von Mr Kean, gleich heute Abend. Es ist
bereits für Wochen ausverkauft - zweifellos das Stück der Saison. Aber durch eine glückliche
Wendung unseres überaus großmütigen Schicksals habe ich von einem
guten Freund Karten bekommen, und eine davon ist noch nicht
vergeben. Gertie wird natürlich mitkommen. Und du doch gewiss
ebenfalls, nicht wahr?« Mildred sah sie beschwörend an. »Du weißt,
Gertie wird sonst die ganze Zeit unaufhörlich plappern. Wenn du
dabei bist, weiß sie sich wenigstens zu benehmen.«
Gertie war ihre andere Tante, Mildreds
unverheiratete, ältere Schwester. Gertie hatte überaus deutliche
Ansichten, was die Männerwelt anging, und während sie diese Leonora
gegenüber konsequent
für sich behielt - in der Überzeugung, ihre Nichte sei noch viel
zu jung und zu leicht zu beeinflussen, um solch herbe Wahrheiten
erfahren zu dürfen -, ersparte sie ihrer Schwester keinen einzigen
ihrer bissigen Kommentare, die sie gnädigerweise in einem
gedämpften sotto voce zum Besten gab.
Leonora ließ sich Mildred gegenüber in den
Sessel sinken; sie war unentschlossen. Mit Mildred ins Theater zu
gehen, bedeutete in der Regel, mindestens zwei Gentlemen
vorgestellt zu werden, die als potenzielle Heiratskandidaten
infrage kamen. Andererseits bedeutete es natürlich auch, sich eine
Aufführung ansehen zu dürfen, während derer niemand zu reden wagte.
Sie würde Gelegenheit haben, sich ganz und gar in der Vorführung zu
verlieren. Und mit etwas Glück würde sie sogar ein wenig von
Trentham und dessen Vorführung abgelenkt
werden.
Und zudem konnte man sich eine Gelegenheit, den
unvergleichlichen Edmund Kean auf der Bühne zu sehen, nicht einfach
so entgehen lassen.
»Einverstanden.« Ihr Blick kehrte rechtzeitig zu
Mildred zurück, um den Triumph in ihren Augen aufleuchten zu sehen.
Sie kniff skeptisch die Augen zusammen. »Aber ich werde mich
während der Pause gewiss nicht wie eine Zuchtstute vorführen
lassen.«
Mildred tat ihren kleinlichen Einwand mit einer
Handbewegung ab. »Du kannst meinetwegen während der Pause sitzen
bleiben, wenn du darauf bestehst. Aber zieh dein nachtblaues
Seidenkleid an, ja? Ich weiß, du machst dir nicht viel aus deinem
Äußeren, also tue es einfach mir zuliebe.«
Mildreds flehentlichem Blick konnte sie sich
einfach nicht widersetzen; sie spürte, wie ihre Lippen zuckten. »Da
du es bist, die mir diese überaus begehrte Gelegenheit verschafft,
kann ich dir diesen Wunsch wohl kaum abschlagen.« Das dunkelblaue
Kleid war eines ihrer liebsten, insofern kostete sie dieses kleine
Zugeständnis nichts. »Aber ich warne dich, ich werde nicht
zulassen, dass mir irgend so ein Bond-Street-Beau während der
Vorstellung süße Nichtigkeiten ins Ohr flüstert.«
Mildred seufzte. Sie stand kopfschüttelnd auf.
»Als wir junge Mädchen waren, war es der Höhepunkt jedes Abends,
wenn ein begehrter Gentleman uns süße Worte zuflüsterte.« Sie warf
Leonora einen flüchtigen Blick zu. »Lady Henry erwartet mich, und
im Anschluss Mrs Arbuthnot, ich muss daher los. Ich werde dich
gegen acht Uhr mit der Kutsche abholen.«
Leonora nickte zustimmend und begleitete ihre
Tante zur Tür.
Nachdenklicher als zuvor kehrte sie in den Salon
zurück. Vielleicht war es ganz klug, sich, zumindest bis
Saisonbeginn, öfters in gesellschaftlichen Kreisen zu
bewegen.
Möglicherweise lenkte sie dies ein wenig von den
lästigen Nachwirkungen ihrer Verführung ab.
Möglicherweise half es ihr sogar, den Schock zu
verwinden, den Trentham ihr mit seinem Heiratsangebot versetzt
hatte. Und den noch viel größeren Schock, dass er der festen
Ansicht war, sie müsse darauf eingehen.
Sie konnte seine Beweggründe zwar nicht
nachvollziehen, doch er wirkte absolut entschlossen. Ein paar
Wochen in Gesellschaft anderer Männer würden ihr zweifellos in
Erinnerung rufen, warum sie niemals hatte heiraten wollen.
Sie hegte nicht den leisesten Verdacht. Erst als
die Kutsche am Theater vorfuhr und ein geschniegelter Diener den
Wagenschlag öffnete, beschlich sie das leise Gefühl einer
Vorahnung.
Doch da war es bereits zu spät.
Trentham trat in ihr Sichtfeld und streckte
seine Hand aus, um ihr aus der Kutsche zu helfen.
Sie starrte ihn mit offenem Mund an.
Mildred stieß ihr mit dem Ellenbogen in die
Seite; sie erschrak und warf ihrer Tante einen vernichtenden Blick
zu, ehe sie voller Herablassung ihre Finger in Trenthams Hand
legte.
Ihr blieb gar nichts anderes übrig. Hinter ihnen
warteten bereits mehrere Kutschen; es war wenig ratsam, auf der
Eingangstreppe des Theaters, in welchem das Stück aufgeführt wurde,
über das
zurzeit ganz London sprach, eine Szene zu machen und dem Gentleman
vor ihr zu sagen, was sie von seinen Machenschaften hielt. Und
nebenbei ihrer Tante mitzuteilen, dass sie es diesmal eindeutig zu
weit getrieben hatte.
Sie hüllte sich stattdessen in hochmütiges
Schweigen und ließ zu, dass er ihr aus der Kutsche half, nur um
sich sogleich abzuwenden. Mit eisigem Desinteresse betrachtete sie
die Menschenmassen, die sich langsam die Treppen hinauf und durch
die offenen Türen drängten, während Trentham ihre beiden Tanten
begrüßte und ihnen ebenfalls aus der Kutsche half.
Mildred, die in ihren bevorzugten Farben Schwarz
und Weiß blendend aussah, hakte sich bei Gertie ein und schob sich
entschlossen die Stufen hinauf.
Ruhig wandte sich Trentham wieder ihr zu und
hielt seinen Arm hin.
Sie begegnete seinem Blick und war überrascht,
in seinen haselnussbraunen Augen keineswegs den erwarteten Ausdruck
von Triumph zu lesen, sondern vielmehr so etwas wie ausgeprägte
Vorsicht. Der Anblick beschwichtigte sie ein wenig; sie ließ sich
dazu herab, ihre Fingerspitzen an seinen Arm zu legen und sich,
ihren Tanten folgend, die Treppe hinaufführen zu lassen.
Tristan musterte einschätzend den Winkel ihres
Kinns und zog es vor zu schweigen. Im Foyer, wo die dicht gedrängte
Menge zum Stillstand gekommen war, holten sie ihre beiden Tanten
wieder ein. Er übernahm die Führung und bahnte ihnen, Leonora im
Schlepptau, recht mühelos einen Weg; ihre Tanten folgten ihnen
unmittelbar. Auf der Treppe nach oben lichtete sich das Gedränge
ein wenig; er legte seine Hand über Leonoras und führte die kleine
Gesellschaft in den halbrunden Korridor, der zu den einzelnen Logen
führte.
Als sie sich der Loge näherten, die er selbst
gemietet hatte, blickte er Leonora an. »Ich habe mir sagen lassen,
dass Mr Kean der beste Schauspieler seiner Zeit ist und das heutige
Stück seinem Talent einen würdigen Rahmen liefert. Ich dachte mir,
es würde Ihnen vielleicht Freude bereiten, Miss Carling.«
Sie erwiderte knapp seinen Blick und gewährte
ihm ein herrlich herablassendes Nicken. Sie hatten die Loge
erreicht, und er hielt den schweren Vorhang für sie beiseite.
Leonora trat hocherhobenen Hauptes ein. Er wartete, bis ihre Tanten
ebenfalls eingetreten waren, dann ließ er den Vorhang zurückfallen
und folgte ihnen. Lady Warsingham und ihre Schwester eilten sofort
in den vorderen Bereich der Loge und ließen sich auf zweien der
drei Stühle nieder, die direkt am Balkon standen. Leonora war im
Schatten der Trennwand stehen geblieben; ihr Blick war starr auf
Lady Warsingham gerichtet, die intensiv damit beschäftigt war, die
illustren Persönlichkeiten der umliegenden Logen zur Kenntnis zu
nehmen und dem einen oder anderen von ihnen zuzunicken, während sie
es entschieden mied, in Leonoras Richtung zu sehen.
Tristan zögerte kurz, dann trat er an sie
heran.
Ihre Aufmerksamkeit richtete sich unvermittelt
auf ihn; ihre Augen blitzten gefährlich. »Wie hast du das hier
eingefädelt?« Sie sprach in einem zischenden Flüsterton. »Ich habe
nie erwähnt, dass sie meine Tante ist.«
Er zog eine Braue hoch. »Ich habe meine
Quellen.«
»Und die entsprechenden Karten.« Sie warf einen
schweifenden Blick über die sich rasch füllenden Logen. »Deine
Cousinen haben behauptet, dass du nie ausgehst.«
»Wie du siehst, entspricht das nicht ganz der
Wahrheit.«
Ihr Blick kehrte erwartungsvoll zu ihm
zurück.
Er erwiderte ihren Blick. »Mit
gesellschaftlichen Veranstaltungen kann ich im Allgemeinen wenig
anfangen, aber ich bin auch keineswegs hier, um meinen Abend im
Kreise der feinen Londoner Gesellschaft zu verbringen.«
Sie runzelte die Stirn; ihre Stimme klang
argwöhnisch. »Und warum bist du hier?«
Er betrachtete sie einen Augenblick lang
schweigend, dann murmelte er leise: »Um meinen Abend mit dir zu
verbringen.«
Auf dem Korridor ertönte eine Glocke. Er nahm
ihren Arm und führte sie zu dem verbliebenen Stuhl in der ersten
Reihe. Sie warf
ihm einen skeptischen Blick zu; dann setzte sie sich. Er zog den
vierten Stuhl hinzu, stellte ihn schräg neben ihren und machte es
sich bequem, um die Vorstellung zu verfolgen.
Diese war jeden Penny der nicht unerheblichen
Summe wert, die er zu diesem Zweck hatte aufwenden müssen. Sein
Blick wanderte nur selten zur Bühne hinunter, sondern verweilte
stattdessen bei Leonora, um sich den zarten und reinen Emotionen zu
widmen, die unverhüllt über ihr Gesicht huschten; sich in sicherer
Umgebung wissend, hatte sie ihre schützende Deckung vorübergehend
abgelegt. Während sie seine Anwesenheit zu Beginn noch bewusst
wahrgenommen hatte, zog Edmund Kean sie mit seiner Kunst allmählich
in seinen Bann; Tristan saß einfach nur da und beobachtete sie -
zufrieden, aufmerksam, fasziniert.
Er hatte nicht die geringste Ahnung, warum sie
ihn zurückgewiesen hatte - ihr zufolge hatte sie grundsätzlich kein
Interesse an Heirat. Ihre Tanten hatten, seiner subtilen Befragung
zum Trotz, auch nicht mehr Licht ins Dunkel gebracht, was somit
bedeutete, dass er blinden Auges ins Gefecht rannte.
Nicht, dass dies seine Taktik in wesentlicher
Weise beeinflusst hätte. Seiner Ansicht nach gab es nur einen
einzigen Weg, die Hand einer widerwilligen Dame zu erobern.
Als am Ende des ersten Aktes der Vorhang fiel,
musste Leonora unwillkürlich seufzen; dann erinnerte sie sich
daran, wo sie sich befand und vor allem in wessen Gesellschaft. Sie
warf einen Seitenblick auf Trentham und war überrascht, dass er sie
unverwandt ansah.
Sie lächelte. Kühl. »Ich könnte eine kleine
Erfrischung vertragen.«
Er ließ seinen Blick für einen Moment verweilen,
dann lächelte er und nahm ihren Auftrag mit einem Nicken entgegen.
Er sah an ihr vorbei und stand auf.
Leonora drehte sich auf ihrem Stuhl herum und
sah, dass Gertie und Mildred bereits aufgestanden waren und ihre
Pompadours und Schals zusammenrafften.
Mildred blickte sie beide strahlend an; ihr
Blick blieb bei Trentham hängen. »Wir werden ein wenig über den
Gang flanieren und alle begrüßen. Leonora hasst es, sich dem
Gedränge auszusetzen, aber Sie werden sie gewiss angemessen
unterhalten, nehme ich an.«
Zum zweiten Mal an diesem Abend blieb Leonora
der Mund offen stehen. Sprachlos musste sie zusehen, wie ihre
Tanten hinauseilten und Trentham ihnen den Vorhang beiseitehielt -
um ihnen die Flucht zu erleichtern. Aufgrund ihrer nachdrücklichen
Äußerung, sie würde keinesfalls mit den Damen umherflanieren,
konnte sie nun schwerlich etwas einwenden; zudem war es in keiner
Weise unschicklich, allein mit Trentham in der Loge zu verbleiben,
schließlich befanden sie sich in aller Öffentlichkeit; sie waren
den neugierigen Blicken unzähliger Anstandsdamen
ausgeliefert.
Er ließ den Vorhang zurücksinken und wandte sich
ihr zu.
Sie räusperte sich. »Ich habe wirklich
furchtbaren Durst …« Getränke gab es in der Nähe der Treppe; sich
dorthin zu begeben und wieder zurückzukommen, würde ihn einen guten
Teil der Pause beschäftigen.
Sein Blick verweilte auf ihrem Gesicht; seine
Mundwinkel waren leicht hochgezogen. Es klopfte leise; Trentham
wandte sich zum Eingang und öffnete den Vorhang. Ein Diener schob
sich mit einem Tablett an ihm vorbei, auf dem vier Gläser und eine
Flasche mit eisgekühltem Champagner standen. Er stellte das Tablett
auf einem kleinen Tisch an der hinteren Wand ab.
»Ich werde uns selbst eingießen.«
Der Diener nickte erst ihr, dann Trentham zu und
verschwand wieder hinter dem Vorhang.
Leonora sah zu, wie Trentham die Flasche von
ihrem Korken befreite und dann zwei der vier Sektflöten mit dem
zart sprudelnden Getränk füllte. Sie war plötzlich erleichtert,
dass sie ihr nachtblaues Kleid angezogen hatte - es erschien ihr
angesichts der Situation wie eine schützende Rüstung. Er nahm beide
Gläser vom Tisch
und kam zu ihrem Platz am Balkon herüber, wo sie, halb dem Saal
zugewandt, sitzen geblieben war.
Er reichte ihr eines der Gläser. Sie nahm es,
geradezu überrascht darüber, dass er die Gelegenheit nicht nutzte,
um beiläufig ihre Finger zu berühren. Er ließ das Glas los und
erwartete ihren Blick, als sie zu ihm aufsah.
»Entspann dich, ich beiße nicht.«
Sie zog eine Augenbraue hoch, nippte an ihrem
Glas. »Sicher?«
Seine Lippen zuckten; sein Blick schweifte über
das geschäftige Treiben in den anderen Logen. »Das bietet sich,
angesichts der Umgebung, nicht gerade an.«
Sein Blick kehrte zu ihr zurück. Er ergriff
Gerties Stuhl und drehte ihn so herum, dass seine Rückenlehne dem
Saal zugewandt war; dann setzte er sich hin, streckte seine langen
Beine aus und lehnte sich entspannt zurück.
Er nahm einen Schluck, während sein Blick
weiterhin auf ihr ruhte, dann fragte er: »Dann erzähle doch mal -
ist dieser Mr Kean wirklich so gut, wie alle behaupten?«
Ihr wurde mit einem Mal bewusst, dass er
tatsächlich nicht die geringste Ahnung hatte, immerhin war er in
den vergangenen Jahren im Dienste der Armee immer weit fort
gewesen. »Er ist wahrlich ein Künstler, der seinesgleichen sucht -
jedenfalls im Moment.« Das Thema erschien ihr sicher,
dementsprechend stürzte sie sich unmittelbar in eine gründliche
Darlegung der Höhepunkte von Mr Keans schauspielerischer
Karriere.
Bisweilen ließ Trentham eine Frage einfließen.
Als sich das Thema erschöpft hatte, ließ er einen Augenblick
verstreichen, dann sagte er leise: »Apropos Höhepunkt …«
Sie blickte ihn an und verschluckte sich beinahe
an ihrem Champagner. Sie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht
stieg; sie beschloss, diesen Umstand zu ignorieren, und hob
stattdessen ihr Kinn. »Ja?«
Er hielt einen Moment inne, so als wäre er
unschlüssig - nicht darüber, was er sagen wollte, aber wie er es
sagen wollte. »Ich habe
mich gefragt …« Er setzte sein Glas an die Lippen und nippte;
seine Wimpern verschleierten seinen Blick. »… ob du vielleicht
selbst eine begnadete Schauspielerin bist?«
Sie blinzelte und ließ ihre Verwirrung, ihr
Unverständnis aus ihren Augen und ihrem gesamten Gesichtsausdruck
sprechen.
Seine Lippen nahmen einen zynischen Ausdruck an.
»Wenn ich behaupten würde, dass du unser kürzliches … Intermezzo
genossen hast, würde ich lügen?«
Ihre Röte wurde noch intensiver, aber sie
weigerte sich wegzusehen. »Nein.« Die Erinnerung an ihr sinnliches
Vergnügen durchströmte ihren Körper, verlieh ihr Kraft für eine
bissige Antwort. »Du weißt ganz genau, dass ich jeden Moment
genossen habe.«
»Also ist dies nicht der Grund, weshalb du mich
nicht heiraten willst?«
Plötzlich wurde ihr bewusst, was er da fragte.
»Natürlich nicht.« Dass er überhaupt auf so einen Gedanken kommen
konnte … Sie runzelte die Stirn. »Ich habe doch gesagt - ich habe
meine Entscheidung schon vor langer Zeit getroffen. Meine Haltung
hat nichts mit dir zu tun.«
Brauchte ein Mann wie er in diesem Punkt
tatsächlich noch Bestätigung? Sie konnte seinen Blick, seine Züge
nicht deuten.
Dann lächelte er, freundlich, und dennoch schien
ihr der Ausdruck eher räuberisch als charmant. »Ich wollte nur
sichergehen.«
Er hatte seine Absicht, sie zu heiraten, noch
nicht begraben - diese Deutung fiel ihr
keineswegs schwer. Sie ignorierte standhaft jede Wirkung, die seine
nur einen halben Meter entfernt lauernde Männlichkeit auf sie
hatte, blickte ihn höflich an und erkundigte sich nach seinen
Cousinen. Er ließ sich auf den Themenwechsel ein und gab ihr
bereitwillig Auskunft.
Das Publikum drängte zurück an seine Plätze;
Mildred und Gertie kehrten ebenfalls zurück. Leonora bemerkte die
durchdringenden Blicke, die ihr beide Tanten zuwarfen; sie bemühte
sich, ruhig und entspannt zu wirken, und richtete ihre
Aufmerksamkeit
wieder auf die Bühne. Der Vorhang hob sich; die Vorstellung ging
weiter.
Es sprach für Trentham, dass er die ganze Zeit
über nicht einmal versuchte, sie abzulenken. Ihr war nach wie vor
bewusst, dass seine Aufmerksamkeit überwiegend auf sie gerichtet
war, aber sie weigerte sich, in irgendeiner Weise darauf zu
reagieren. Er konnte sie nicht zwingen, ihn zu heiraten; wenn sie
standhaft bliebe, würde er schon irgendwann das Interesse
verlieren.
So wie sie es von Anfang an erwartet
hatte.
Die Aussicht, recht zu behalten, bereitete ihr
zur Abwechslung einmal keine Freude. Sie stutzte innerlich über
diesen plötzlichen Anflug von Sentimentalität und konzentrierte
sich umso entschlossener auf Edmund Kean.
Mit dem Fallen des Vorhangs wurde das Theater
von tosendem Applaus erfüllt. Nachdem Mr Kean sich unzählige Male
verneigt und das Publikum sich endlich zufriedengegeben hatte,
wandte man sich zum Gehen. Von dem Stück beflügelt reichte Leonora
Trentham lächelnd die Hand; sie blieb an seiner Seite stehen,
während er ihren beiden Tanten den Vorhang zurückhielt, dann ließ
sie sich hinter ihnen her auf den Gang führen.
Der Korridor war überfüllt mit Menschen, sodass
ein Gespräch von privater Natur unmöglich war; stattdessen bot die
dicht gedrängte Menge einem Herrn jedoch reichlich Gelegenheit, die
Sinne einer Dame auf dezente Weise zu necken. Zu ihrer Überraschung
machte Trentham keinerlei Anstalten in dieser Richtung. Sie war
sich seiner Nähe überaus bewusst, wie er sich groß, stark und
kraftvoll an ihrer Seite bewegte und sie vor dem Druck der
drängelnden Menge schützte. Seine gelegentlichen Blicke verrieten
ihr, dass er sie ebenso bewusst wahrnahm, doch er konzentrierte
sich vorrangig darauf, sie zügig durch das Gedränge hindurch nach
draußen zu führen.
Als sie den Gehweg erreichten, fuhr bereits ihre
Kutsche vor.
Er half zunächst Gertie und Mildred hinauf, dann
wandte er sich ihr zu.
Er suchte ihren Blick; nahm ihre Hand von seinem
Arm.
Während sein Blick auf ihr ruhte, hob er ihre
Finger an seine Lippen - küsste sie; Wärme durchflutete ihren
Körper.
»Ich hoffe, Sie haben den Abend genossen.«
Sie wollte ihn nicht anlügen. »Danke. Das habe
ich.«
Er nickte und half ihr hinauf. Mit dem Hauch
eines Zögerns gab er ihre Finger frei.
Sie setzte sich; er trat zurück und schloss den
Schlag. Er gab dem Kutscher ein Zeichen. Der Wagen fuhr mit einem
Ruck an.
Beinahe wäre sie dem Drang erlegen, sich
vorzubeugen und nachzusehen, ob sein Blick ihnen folgte.
Stattdessen verschränkte sie jedoch die Hände im Schoß und blieb
aufrecht sitzen, den Blick starr geradeaus gerichtet.
Auch wenn er nicht versucht hatte, sie
unschicklich zu berühren oder ihre Sinne zu verwirren, hatte sie
doch genug gesehen - gespürt -, um die Wahrheit hinter seiner Maske
zu durchschauen. Er hatte keineswegs aufgegeben.
Aber das würde er schon noch. Irgendwann.
Mildred, ihr gegenüber, rührte sich. »Was für
vollendete Manieren - wirklich hochherrschaftlich. Du musst schon
zugeben, es gibt heutzutage nur noch wenige Gentlemen, deren
Verhalten so …« Sie gestikulierte auf der Suche nach einem
passenden Wort.
»… männlich ist«, vollendete Gertie ihren
Satz.
Leonora wie Mildred sahen sie überrascht an.
Mildred fand ihre Fassung als Erste wieder. »Ganz richtig!« Sie
nickte. »Da hast du vollkommen recht. Er hat sich genauso
verhalten, wie man es von einem Gentleman erwartet.«
Nachdem sie den kleinen Schock verwunden hatte,
dass ausgerechnet Gertie, die Männerverächterin, sich anerkennend
über einen Mann geäußert hatte - andererseits handelte es sich um
Trentham, den perfekten Charmeur; sie hätte es sich denken können
-, fragte Leonora die beiden: »Wie habt ihr ihn eigentlich
kennengelernt?«
Mildred setzte sich anders hin und ordnete ihr
Kleid. »Er ist
heute Vormittag bei uns vorbeigekommen. In Anbetracht der
Tatsache, dass ihr euch bereits kanntet, erschien mir seine
Einladung überaus vernünftig.«
Aus Mildreds Sicht gewiss. Leonora sparte es
sich, sie daran zu erinnern, dass sie die Karten angeblich von
einem alten Freund erhalten hatte; ihr war
schon lange bewusst, wie weit ihre Tante zu gehen bereit war, nur
um sie in die Nähe eines akzeptablen Junggesellen zu locken. Und
Trentham war zweifellos mehr als akzeptabel.
Dieser Gedanke führte ihr den Mann erneut
lebhaft vor Augen - und zwar nicht im Theater, sondern während der
glorreichen Momente, die sie in jenem Schlafzimmer miteinander
verbracht hatten. Jeder Augenblick, jede Berührung war tief in ihr
Gedächtnis eingebrannt; allein der Gedanke daran reichte aus, um
alle Gefühle, alle Eindrücke - und zwar nicht nur die sinnlichen -
wieder in ihr wachzurufen.
Sie gab sich die allergrößte Mühe, die
Erinnerungen von sich fernzuhalten, nicht über die Gefühle
nachzudenken - oder gar darin zu schwelgen -, die sie in dem Moment
verspürt hatte, als ihr bewusst geworden war, dass er auf den
eigentlichen Vollzug verzichten wollte; jenes Gefühl, das sie
schließlich dazu bewegt hatte, ihn geradewegs anzuflehen.
Bitte. Verlass mich
nicht.
Diese Worte verfolgten sie; schon die Erinnerung
daran hatte zur Folge, dass sie sich extrem verwundbar fühlte.
Schutzlos ausgeliefert.
Seine Reaktion hingegen … Ganz gleich, was sie
sonst über ihn wusste, wie sie seinen Charakter oder seine
Machenschaften einschätzen mochte - sie war ihm eindeutig zu Dank
verpflichtet.
Dafür, dass er ihr gegeben hatte, wonach sie
verlangte.
Dafür, dass er in diesem Moment allein ihrem Willen, allein ihren
Wünschen gefolgt war und sich ihr bedingungslos hingegeben
hatte.
Sie schob die Erinnerungen beiseite; sie waren
viel zu lebhaft, um sich ihnen hier und jetzt hinzugeben.
Stattdessen konzentrierte
sie sich auf die Geschehnisse des heutigen Abends, auf alles, was
zwischen ihnen passiert oder nicht passiert war. Einschließlich der
Erinnerung daran, wie sie selbst auf ihn und seine Nähe reagiert
hatte. Ihre Reaktion hatte merklich neue Züge angenommen. Ihre
Nerven waren nicht mehr zum Zerreißen gespannt. Wenn er nunmehr in
ihre Nähe kam, sie berührte, begannen ihre Nerven sanft zu glühen.
Anders konnte sie dieses Gefühl warmen Wohlbehagens nicht
beschreiben. Vielleicht war es so etwas wie das Echo ihres
sinnlichen Vergnügens. Wie auch immer, sie war jedenfalls
keineswegs nervös gewesen, sondern hatte sich vielmehr
ausgesprochen wohlgefühlt. Es schien geradeso, als ob die Tatsache,
dass sie sich nackt mit ihm im Bett gewälzt und intime Freuden
genossen hatte, ihre Empfindungen von Grund auf verändert
hätte.
Und zwar eindeutig zum Besseren, wie sie fand.
Sie fühlte sich ihm gegenüber nicht mehr im Nachteil, spürte keine
körperliche Anspannung mehr, war nicht mehr so verkrampft. Seltsam,
aber wahr. Die Zeit, die sie allein mit ihm in der Loge verbracht
hatte, war angenehm und ungezwungen gewesen.
Wenn sie ehrlich war, hatte sie es, trotz seiner
intimen Fragen, regelrecht genossen.
Sie seufzte und lehnte sich auf der Bank zurück.
Sie konnte Mildred kaum ernsthaft für ihr Verhalten rügen. Sie
hatte den Abend weit mehr genossen - noch dazu auf eine völlig
andere Art -, als sie es erwartet hatte.