16
Am nächsten Morgen schwebte Leonora später als üblich die Treppe hinunter ins Frühstückszimmer; für gewöhnlich war sie von den Familienmitgliedern immer als Erste auf den Beinen, doch heute hatte sie einmal ausgeschlafen. Beschwingten Schrittes und ein Lächeln auf den Lippen trat sie über die Schwelle - und blieb abrupt stehen.
Tristan saß an Humphreys Seite und lauschte aufmerksam, während er eine Portion Schinken und Würstchen vertilgte.
Jeremy saß den beiden gegenüber; alle drei blickten auf, dann erhoben sich Tristan und Jeremy von ihren Plätzen.
Humphrey strahlte sie an. »Nun, meine Liebe, ich gratuliere. Tristan hat uns von euren Neuigkeiten erzählt. Ich muss gestehen, ich bin hocherfreut!«
»In der Tat, Schwesterherz. Herzlichen Glückwunsch.« Jeremy ergriff über den Tisch hinweg ihre Hand, um sie an sich heranzuziehen und ihr einen Kuss auf die Wange zu drücken. »Hervorragende Wahl«, murmelte er ihr zu.
Ihr Lächeln wirkte plötzlich ein wenig erstarrt. »Danke schön.«
Sie suchte Tristans Blick in der Erwartung, darin so etwas wie eine Entschuldigung zu entdecken. Stattdessen begegnete er ihrem Blick mit überzeugter und gelassener Selbstsicherheit. Sie nahm dies aufmerksam zur Kenntnis und neigte den Kopf. »Guten Morgen.«
Das »Mylord« blieb ihr im Halse stecken. Sie würde seine Vorstellung von einer angemessenen Versöhnung, wie sie sie am Vorabend erlebt hatte, sicherlich nicht so bald vergessen. Am Ende hatte er sie wieder angekleidet, sie zur Kutsche getragen und sie ihrem inzwischen überaus schwächlichen Protest zum Trotz zum Montrose Place begleitet, wo er sie in dem winzigen Empfangszimmer von Nummer zwölf zurückgelassen hatte, um Henrietta einzusammeln und sie dann noch bis zur Tür des Nachbarhauses zu geleiten.
Weltmännisch ergriff er ihre Hand und führte sie flüchtig an seine Lippen; dann zog er ihr einen Stuhl zurück. »Ich hoffe, du hast gut geschlafen?«
Sie sah ihn knapp an, während er neben ihr Platz nahm. »Wie eine Tote.«
Seine Lippen zuckten, doch er neigte lediglich kommentarlos den Kopf.
»Wir haben Lord Trentham gerade erklärt, dass Cedrics Bücher dem ersten Eindruck nach keinem der gängigen Ordnungsprinzipien zu folgen scheinen.« Humphrey hielt inne, um etwas von seinem Ei zu nehmen.
Jeremy setzte den Bericht fort. »Sie sind nicht nach Themen geordnet, was normalerweise üblich wäre, und wie du selbst herausgefunden hast«, er nickte Leonora zu, »folgen sie auch keiner chronologischen Ordnung.«
»Hm.« Humphrey kaute und schluckte. »Es muss irgendeinen Schlüssel zu seinem System geben, aber möglicherweise existierte dieser lediglich in Cedrics Kopf.«
Tristan runzelte die Stirn. »Soll das bedeuten, Sie können mit den Tagebüchern nichts anfangen?«
»Nein«, entgegnete Jeremy, »es heißt nur, dass wir deutlich mehr Zeit benötigen.« Er warf Leonora einen Blick zu. »Ich glaube, du erwähntest auch noch Briefe?«
Sie nickte. »Zahlreiche Briefe. Ich habe mir nur diejenigen aus seinem letzten Lebensjahr näher angesehen.«
»Am besten du gibst uns die auch noch«, sagte Humphrey. »Und zwar alle. Genau genommen jede kleinste Notiz von Cedric, die du finden kannst.«
»Wissenschaftler«, warf Jeremy ein, »insbesondere Botaniker, sind berüchtigt dafür, wichtige Informationen auf die unmöglichsten Schnipsel zu kritzeln, die ihnen gerade so in die Hände fallen.«
Leonora verzog das Gesicht. »Ich werde die Dienstmädchen in die Werkstatt schicken, um alles heraufzuholen. Ich hatte sowieso vor, Cedrics Schlafzimmer zu durchsuchen; das werde ich gleich heute in Angriff nehmen.«
Tristan blickte sie an. »Ich werde dir dabei helfen.«
Leonora überprüfte seinen Gesichtsausdruck, um einzuschätzen, welche Absichten er tatsächlich verfolgte …
»Aaaaaah! Ohhhh-ah!«
Ein hysterisches Jammern drang von ferne zu ihnen her. Alle horchten auf. Das Wehklagen drang einen Moment lang überdeutlich zu ihnen, dann klang es mit einem Mal gedämpft - aufgrund der Pendeltür, die wieder zuschwang, wie ihnen allen klar wurde, als ein blasser und verstört aussehender Diener im Türrahmen erschien. »Mr Castor! Sie müssen bitte schnell kommen!«
Castor, der eine Servierplatte in seinen uralten Händen hielt, sah den Diener entgeistert an.
Humphrey starrte ihn ebenfalls an. »Was zum Teufel ist denn geschehen?«
Der Bedienstete hatte jegliche Fassung eingebüßt; er verneigte sich den Anwesenden gegenüber mehrfach hektisch. »Es ist Daisy, Sir. Mylord. Von nebenan.« Sein Blick war auf Tristan geheftet, der sich in diesem Moment erhob. »Sie ist gerade zur Tür hereingestürmt. Schrecklich verstört. Sie redet wirres Zeug. Anscheinend ist Miss Timmins die Treppe hinuntergestürzt und … Nun, Daisy sagt, sie sei tot, Mylord.«
Tristan warf seine Serviette auf den Tisch und trat um den Stuhl herum.
Leonora stand ebenfalls auf. »Wo ist Daisy jetzt, Smithers? In der Küche?«
»Ja, Miss. Sie ist völlig aufgelöst.«
»Ich werde zu ihr gehen.« Leonora eilte hinaus in den Flur; ihr war bewusst, dass Tristan ihr unmittelbar folgte. Sie sah ihn kurz an, studierte seinen finsteren Gesichtsausdruck, deutete seinen Blick. »Wirst du nach nebenan gehen?«
»Ja, gleich.« Er legte ihr seine Hand in den Rücken - eine erstaunlich beruhigende Geste. »Ich will erst hören, was Daisy zu sagen hat. Sie ist nicht dumm. Wenn sie sagt, Miss Timmins sei tot, dann wird sie es höchstwahrscheinlich sein. Sie wird uns nicht mehr davonlaufen.«
Leonora verzog innerlich das Gesicht und trat eilends in den Korridor, der zur Küche führte. Sie ermahnte sich, dass Tristan weit mehr Erfahrung mit dem Tod hatte als sie selbst. Kein schöner Gedanke, doch angesichts der gegenwärtigen Situation durchaus beruhigend.
»Oh, Miss! Oh, Miss!«, jammerte Daisy ihr entgegen, als sie sie entdeckte. »Ich weiß gar nicht, was ich machen soll. Ich konnte überhaupt nichts für sie tun!« Sie schniefte und hielt sich das Geschirrtuch an die Augen, das die Köchin ihr in die Hand drückte.
»Aber, aber. Daisy.« Leonora wollte nach einem der Küchenstühle greifen; Tristan kam ihr zuvor, griff den Stuhl und stellte ihn direkt vor Daisy. Leonora setzte sich hin und spürte, wie Tristan seine Hände auf die Rückenlehne des Stuhls legte. »Du wirst Miss Timmins am meisten helfen, wenn du dich jetzt erst einmal etwas beruhigst, Daisy. Tief einatmen, so ist es gut. Und dann wirst du mir und Seiner Lordschaft, dem Earl, erzählen, was eigentlich genau passiert ist.«
Daisy nickte, holte gehorsam Luft und platzte dann hervor: »Zuerst hab ich heute Morgen nichts Ungewöhnliches bemerkt. Ich bin von meinem Zimmer aus durchs hintere Treppenhaus nach unten gegangen, hab den Kamin sauber gemacht und das Feuer in der Küche angefacht, dann hab ich Miss Timmins’ Frühstückstablett fertig gemacht. Als ich es ihr bringen wollte …« Daisys große Augen füllten sich mit Tränen. »Ich bin aus der Küche gegangen wie immer, hab das Tablett im Flur abgestellt, um mein Haar in Ordnung zu bringen, damit ich hübsch und ordentlich zu ihr hinaufgehen kann - und da hab ich sie gesehen.«
Daisys Stimme stockte und brach ab. Die Tränen quollen nur so hervor, sie versuchte hektisch, sie abzutrocknen. »Sie lag einfach so da; am Fuß der Treppe, wie ein kleiner toter Vogel. Ich bin natürlich sofort zu ihr hingerannt und hab nach ihr gesehen, doch es war alles vergebens. Sie war schon tot.«
Einen Moment lang sagte niemand etwas; sie hatten Miss Timmins alle gekannt.
»Haben Sie sie berührt?«, fragte Tristan mit ruhiger, geradezu beruhigender Stimme.
Daisy nickte. »Ja. Ich hab ihre Hand und ihre Wange gestreichelt.«
»Und fühlte sich ihre Wange kalt an? Erinnern Sie sich daran?«
Daisy blickte mit nachdenklich gerunzelter Stirn zu ihm auf. Schließlich nickte sie. »Ja, Sie haben recht. Ihre Wange war kalt. Bei ihren Händen habe ich mir nichts dabei gedacht, sie waren immerzu kalt. Aber ihre Wange … Ja, sie war ungewöhnlich kalt.« Sie blinzelte Tristan an. »Heißt das, dass sie schon eine Weile tot war?«
Tristan richtete sich auf. »Es heißt, dass sie vermutlich schon mehrere Stunden tot war. Sie muss irgendwann in der Nacht gestorben sein.« Er zögerte kurz, dann fragte er: »Ist sie manchmal nachts umhergewandelt? Wissen Sie etwas davon?«
Daisy schüttelte den Kopf. Sie weinte nicht mehr. »Nicht, dass ich wüsste. Sie hat nie etwas Derartiges erwähnt.«
Tristan nickte und trat einen Schritt zurück. »Wir werden uns um Miss Timmins kümmern.«
Sein Blick schloss Leonora mit ein. Sie war ebenfalls aufgestanden, doch nun wandte sie sich Daisy erneut zu. »Du bleibst am besten hier. Nicht nur tagsüber, sondern auch heute Nacht.« Sie bemerkte Neeps, den Kammerdiener ihres Onkels, der mit besorgtem Blick bei ihnen stand. »Neeps, Sie können heute Nachmittag mit Daisy hinübergehen, um ihre Sachen zu holen.«
Der Mann verneigte sich. »Sehr wohl, Miss.«
Tristan bedeutete Leonora vorauszugehen; er folgte ihr aus der Küche. Jeremy erwartete sie in der Eingangshalle.
Er wirkte überaus blass. »Ist es wahr?«
»Ich fürchte, allem Anschein nach ja.« Leonora ging zum Garderobenständer und nahm ihren Mantel vom Haken. Tristan war ihr gefolgt; er nahm ihr den Mantel aus den Händen.
Er hielt das Kleidungsstück fest und sah sie an. »Es wird mir vermutlich nicht gelingen, dich davon zu überzeugen, mit deinem Onkel in der Bibliothek zu warten?«
Sie hielt seinem Blick stand. »Nein.«
Er seufzte. »Ich hatte es befürchtet.« Er legte ihr den Mantel über die Schultern, dann schob er seinen Arm an ihr vorbei, um die Haustür zu öffnen.
»Ich werde mit euch mitkommen.« Jeremy trat hinter ihnen zur Tür hinaus und folgte ihnen den geschwungenen Weg entlang.
Sie erreichten die Eingangstür von Miss Timmins’ Haus; Daisy hatte sie nur angelehnt. Sie öffneten sie und traten ein.
Das Bild, das sich ihnen bot, war annähernd so, wie Leonora es sich, Daisys Worten gemäß, ausgemalt hatte. Anders als in ihrem eigenen Haus mit der geräumigen Eingangshalle, in welchem die Treppe der Tür direkt gegenüberlag, hatte dieses Haus nur einen schmalen Flur. Der Kopf der Treppe lag oberhalb der Tür, während sich ihr Fuß am gegenüberliegenden Ende des Raumes befand.
Und genau dort lag Miss Timmins’ lebloser Körper, in sich zusammengesunken wie eine Flickenpuppe. Nach Daisys Aussage konnte wenig Zweifel daran bestehen, dass Miss Timmins nicht mehr lebte, aber dennoch machte Leonora einen Schritt nach vorn. Tristan war vor ihr stehen geblieben und versperrte ihr den Durchgang; sie legte ihre Hände auf seinen Rücken und stieß behutsam dagegen; er zögerte einen Moment, trat dann aber zur Seite und ließ sie vorbei.
Leonora kniete neben Miss Timmins nieder. Die alte Dame trug ein dickes Baumwollnachthemd und darüber einen leichten seidenen Morgenmantel. Ihre Gliedmaßen waren unnatürlich verdreht, aber ihr Körper war zumindest züchtig bedeckt; sie trug ein Paar rosafarbene Pantoffeln an ihren schmalen Füßen.
Ihre Lider waren geschlossen, ihre wässrig blauen Augen verdeckt. Leonora strich ihr ein paar dünne weiße Haarsträhnen aus dem Gesicht und spürte die spröde alte Haut unter ihren Fingern. Sie nahm eine der klauenartig verkrampften Hände in ihre und sah Tristan an, der sich neben sie gehockt hatte. »Können wir sie woandershin bringen? Es gibt doch keinen Grund, weshalb sie hier so liegen bleiben müsste.«
Er betrachtete den leblosen Körper einen Moment lang aufmerksam; Leonora hatte den Eindruck, er versuchte, sich seine exakte Position einzuprägen. Sein Blick schweifte die Treppe hinauf bis ganz nach oben. Schließlich nickte er. »Ich werde sie tragen. In den vorderen Salon?«
Leonora nickte; sie ließ die knochige Hand los, stand auf und ging voraus, um die Tür zu öffnen. »Oh!«
Jeremy, der an der Leiche und dem Tisch mit dem Frühstückstablett vorbeigegangen war, um die Stufen zur Küche hinunterzusteigen, kam eilig durch die Pendeltür zurück. »Was ist los?«
Leonora starrte nur sprachlos geradeaus.
Mit Miss Timmins auf dem Arm trat Tristan näher heran und blickte über ihre Schulter, dann drängte er sie behutsam vorwärts.
Dies holte sie in die Gegenwart zurück; sie eilte voraus, um die Kissen auf der Chaiselongue zurechtzurücken. »Lege sie hierhin.« Ihr Blick wanderte über das Chaos in dem ansonsten immer so penibel aufgeräumten Zimmer. Schubladen waren herausgezogen und achtlos über den Teppichen ausgekippt worden. Die Läufer selbst waren hochgehoben und beiseitegeschoben worden. Einigen Zierrat hatte man im Kamin zerschmettert. Die wenigen Bilder, die sich noch an den Wänden befanden, hingen schief. »Es müssen Einbrecher gewesen sein. Vermutlich hat sie sie gehört.«
Tristan richtete sich wieder auf, nachdem er Miss Timmins sanft auf die gepolsterte Chaiselongue gelegt hatte. Mit gestreckten Gliedern und den Kopf auf ein Kissen gebettet, sah sie aus, als würde sie nur fest schlafen. Er wandte sich Jeremy zu, der in der Tür stehen geblieben war und sich erstaunt umsah. »Gehen Sie rüber zu Nummer zwölf und teilen sie Gasthorpe mit, dass wir Pringle erneut brauchen, und zwar sofort.«
Jeremy nickte und wandte sich zum Gehen.
Leonora, die damit beschäftigt war, Miss Timmins’ Nachthemd und ihren Morgenmantel zu richten, so wie sie es sich gewünscht hätte, blickte zu Tristan auf. »Wieso Pringle?«
Er erwiderte ihren Blick, zögerte kurz, dann sagte er: »Weil ich wissen will, ob sie gefallen ist oder gestoßen wurde.«
 
»Gefallen.« Pringle packte seine Utensilien sorgfältig zurück in die schwarze Tasche. »Ihre Leiche weist nicht die geringsten Spuren auf, die sich nicht durch den Sturz erklären lassen; keinerlei blaue Flecken, die auf irgendwelche Handgreiflichkeiten hinweisen. In ihrem Alter würde man die Spuren deutlich erkennen.«
Er warf einen Blick über die Schulter und betrachtete den zierlichen Körper auf der Chaiselongue. »Sie war zwar alt und gebrechlich und hätte ohnehin nicht mehr lange auf dieser Welt geweilt, aber trotz alledem. Jeder Mann hätte sie ohne Weiteres packen und die Treppe hinunterstoßen können, aber gewiss nicht, ohne dabei die geringsten Spuren zu hinterlassen.«
Tristans Blick ruhte auf Leonora, die gerade eine Vase auf dem kleinen Tisch neben dem Ruhebett wieder aufrichtete; er nickte. »Das ist immerhin ein kleiner Trost.«
Pringle ließ seine Tasche zuschnappen und sah Tristan an, während er aufstand. »Vielleicht. Aber dennoch bleibt die Frage, warum sie überhaupt zu so später Stunde aufgestanden ist, vermutlich irgendwann zwischen ein und drei Uhr, und was sie derart erschreckt haben könnte, dass sie davon ohnmächtig wurde; denn so wird es höchstwahrscheinlich gewesen sein.«
Tristans Blick kehrte zu Pringle zurück. »Sie glauben, sie wurde ohnmächtig?«
»Ich kann es nicht beweisen, aber das ist meine Vermutung.« Pringle wies auf das Chaos im Raum. »Sie hat wohl gehört, dass hier etwas vor sich ging, und wollte nachsehen. Sie steht am Kopf der Treppe und späht hinunter. Sie sieht einen Mann. Erschreckt sich. Schock, Ohnmacht, Fall. Und hier haben wir das Ergebnis.«
Tristans Blick wanderte über die Chaiselongue hinweg erneut zu Leonora; er schwieg einen Moment lang und nickte. Dann sah er Pringle an und streckte ihm die Hand entgegen. »So ist es, hier haben wir das Ergebnis. Vielen Dank für Ihr Kommen.«
Pringle schüttelte Tristans Hand, während ein finsteres Lächeln über seine Lippen huschte. »Ich hatte angenommen, mit meinem Ausscheiden aus dem Militärdienst würde sich meine Arbeit fortan überaus stumpfsinnig gestalten, aber solange Sie und Ihre Freunde in der Nähe weilen, wird mir gewiss nicht langweilig.«
Sie trennten sich mit einem Lächeln. Pringle ging hinaus und zog die Eingangstür hinter sich zu.
Tristan trat um das hintere Ende der Chaiselongue herum zu Leonora, die auf Miss Timmins hinabsah. Er legte einen Arm um sie und zog sie leicht an sich heran.
Sie ließ es zu. Lehnte sich einen Augenblick lang gegen ihn. Ihre Hände waren fest ineinander verschränkt. »Sie sieht so friedlich aus.«
Ein Augenblick verstrich, dann richtete sie sich auf und seufzte tief. Sie strich ihr Kleid glatt und sah sich um. »Es ist also anscheinend jemand eingebrochen und hat das Zimmer durchsucht. Miss Timmins hat ihn gehört und stand auf, um nachzusehen. Als der Dieb den Flur betrat, entdeckte sie ihn, wurde ohnmächtig, stürzte … und starb.«
Als er nichts erwiderte, sah sie ihn an. Sie studierte seinen Blick. Runzelte die Stirn. »Was stört dich an dieser Theorie? Es passt alles zusammen.«
»Ganz genau.« Er ergriff ihre Hand und führte sie zur Tür. »Und deshalb vermute ich, dass wir genau das glauben sollen.«
»Glauben sollen?«
»Du hast ein paar wesentliche Details übersehen. Zum einen, dass kein einziges Fenster, keine Tür aufgebrochen oder versehentlich offen gelassen wurde. Sowohl Jeremy als auch ich haben diese Tatsache überprüft. Zweitens …« Während er den Flur betrat und Leonora vor sich her schob, warf Tristan einen letzten Blick zurück in den Salon. »… würde kein Dieb, der etwas auf sich hält, ein Zimmer in solch einem Zustand hinterlassen. Das ergibt keinen Sinn, schon gar nicht nachts. Warum sollte er einen solchen Lärm riskieren?«
Leonora runzelte die Stirn. »Und gibt es auch noch ein Drittens?«
»Keines der anderen Zimmer wurde durchsucht, anscheinend hat sich der vermeintliche Dieb nirgendwo sonst zu schaffen gemacht. Abgesehen von …« Er hielt ihr die Eingangstür auf und bedeutete ihr vorauszugehen; sie trat hinaus und wartete ungeduldig ab, bis er endlich die Tür abgeschlossen und den Schlüssel eingesteckt hatte.
»Nun?«, fragte sie, während sie sich bei ihm einhakte. »Abgesehen von was
Sie gingen die Treppenstufen hinunter. Als er schließlich fortfuhr, klang sein Ton sehr viel härter, kälter, distanzierter. »Abgesehen von ein paar ganz und gar frischen Kratzern und Macken in der Kellerwand.«
Sie riss die Augen auf. »Die Wand, die an unser Haus grenzt?«
Er nickte.
Leonora wandte den Blick zurück zu den Fenstern des Salons. »Also war das hier Mountfords Werk?«
»Ich gehe stark davon aus. Und er wollte verhindern, dass wir etwas ahnen.«
 
»Wonach suchen wir eigentlich?«
Leonora folgte Tristan in den Raum, der Miss Timmins als Schlafzimmer gedient hatte. Sie waren zunächst ins Haus der Carlings zurückgekehrt, hatten Humphrey in Kenntnis gesetzt und waren dann hinunter in die Küche gegangen, um Daisy mitzuteilen, dass ihre Dienstherrin tatsächlich tot war. Tristan hatte sich nach Verwandten erkundigt, doch Daisy wusste von niemandem. In den sechs Jahren, die sie am Montrose Place arbeitete, hatte sich nie jemand gemeldet.
Jeremy hatte sich bereiterklärt, alle nötigen Vorkehrungen zu treffen; Leonora war derweil gemeinsam mit Tristan in Miss Timmins’ Haus zurückgekehrt, um nach irgendwelchen Hinweisen auf mögliche Angehörige zu suchen.
»Briefe, ein Testament, Anwaltsschreiben - irgendetwas, was uns zu einem Verwandten führen könnte.« Er öffnete die kleine Nachttischschublade. »Es ist höchst unwahrscheinlich, dass sie überhaupt keine Verwandten mehr hatte.«
»Aber sie hat nie jemanden erwähnt.«
»Das muss nichts heißen.«
Sie machten sich an die Suche. Ihr fiel auf, dass Tristan Dinge tat und an Orten suchte, auf die sie selbst nie gekommen wäre. Etwa an den Rück- und Unterseiten von Schubladen oder der glatten Fläche über der obersten Schublade. Auf Rückseiten von Bildern.
Nach einer Weile nahm sie vor dem Sekretär Platz und vertiefte sich in die Notizen und Briefe, die sie dort fand. Sie entdeckte allerdings keine sonderlich aktuelle oder in anderer Weise vielversprechende Korrespondenz. Als Tristan ihr einen fragenden Blick zuwarf, bedeutete sie ihm weiterzusuchen. »Du bist eindeutig besser im Suchen als ich.«
Nichtsdestotrotz war sie es, die schließlich einen Hinweis auf den gesuchten Verwandten entdeckte, und zwar in einem verblassten und zerknitterten Brief im hintersten Winkel einer winzigen Schublade.
»Reverend Henry Timmins, Shacklegate Lane, Strawberry Hill.« Triumphierend las sie Tristan die Adresse vor.
Er runzelte die Stirn. »Wo ist das?«
»Ich glaube, das liegt hinter Twickenham.«
Er kam zu ihr herüber, nahm ihr den Brief aus der Hand und warf einen Blick darauf. Er seufzte leise. »Acht Jahre alt. Wir können es nur versuchen.« Er warf einen Blick zum Fenster, dann auf seine Uhr. »Wenn wir den Zweispänner nehmen …«
Sie erhob sich lächelnd und hakte sich bei ihm ein - hochzufrieden über das »wir« in seinem Satz. »Ich muss nur schnell meine Pelisse holen. Lass uns gehen.«
 
Reverend Henry Timmins war ein junger Pfarrer mit einer Ehefrau, vier Töchtern und einer geschäftigen Gemeinde.
»Ach herrje!« Er hatte sich abrupt auf einen Stuhl in dem kleinen Salon fallen lassen, in den er die beiden geführt hatte. Dann bemerkte er seinen Fauxpas und stand hastig wieder auf.
Tristan bedeutete ihm, sitzen zu bleiben, und geleitete Leonora zu einer Polsterbank, dann nahm er neben ihr Platz. »Demnach kannten sie Miss Timmins?«
»O ja, sie war meine Großtante.« Er sah sie beide mit bleicher Miene an. »Wir standen uns aber nicht sehr nahe. Sie kam mir sogar immer recht nervös vor, wenn ich sie besuchte. Ich habe ihr einige Male geschrieben, doch ich bekam nie eine Antwort.« Er errötete. »Dann wurde ich befördert … und habe geheiratet. Das klingt jetzt gewiss furchtbar kaltherzig, aber sie hat den Kontakt nie in irgendeiner Weise ermutigt, verstehen Sie.«
Tristan drückte Leonoras Hand, um sie zum Schweigen zu ermahnen; er nickte unbeteiligt. »Miss Timmins ist zwar in der Nacht gestorben, doch bedauerlicherweise nicht in Frieden. Sie stürzte in den frühen Morgenstunden die Treppe hinunter. Obwohl es keinerlei Anzeichen für einen körperlichen Übergriff gibt, gehen wir davon aus, dass sie auf einen Einbrecher gestoßen ist; der vordere Salon war völlig durchwühlt. Vermutlich wurde sie aufgrund des Schocks ohnmächtig und stürzte.«
Nacktes Entsetzen zeichnete Reverend Timmins’ Züge. »Um Himmels willen! Das ist ja furchtbar!«
»Das ist es. Wir haben Grund anzunehmen, dass es sich um denselben Einbrecher handelt, der seit geraumer Zeit versucht, in das Nachbarhaus einzudringen.« Tristan sah Leonora an. »Das Haus gehört der Familie Carling, und Miss Carling ist selbst bereits Opfer mehrerer Angriffe geworden, die offenbar darauf abzielen, ihre Familie aus dem Haus zu vertreiben. Überdies hat es mehrere Einbruchsversuche gegeben, sowohl im Haus Ihrer verstorbenen Großtante wie auch im anderen Nachbarhaus, von dem ich selbst einer der Eigentümer bin.«
Reverend Timmins blinzelte ihn nur an. Tristan fuhr ruhig fort und erklärte ihm ihre Überlegungen, dass jener Einbrecher, den sie unter dem Namen Mountford kannten, wohl an etwas ganz Bestimmtem interessiert sei, was sich im Haus der Carlings befand, und dass seine Einbrüche in die benachbarten Häuser anscheinend dazu dienten, sich durch das Mauerwerk des Untergeschosses hindurch Zugang zu seinem eigentlichen Ziel zu verschaffen.
»Verstehe.« Henry Timmins nickte nachdenklich. »Ich habe selbst bereits in mehreren solche Reihenhäuser gewohnt, und Sie haben vollkommen recht. Die Grundmauern bestehen häufig aus einer Reihe von tragenden Bögen, die einfach nur zugemauert wurden. Sie lassen sich leicht durchbrechen.«
»Ganz richtig.« Tristan hielt kurz inne, dann fuhr er in demselben bestimmten Tonfall fort. »Und dies ist auch der Grund, weshalb wir Sie so unvermittelt aufgesucht haben und so offen mit Ihnen reden.« Er beugte sich vor, die Hände im Schoß gefaltet; er sah Henry Timmins tief in seine blassblauen Augen. »Der Tod Ihrer Großtante ist zutiefst bedauerlich, und wenn Mountford tatsächlich dafür verantwortlich ist, sollte er gefasst und zur Rechenschaft gezogen werden. Angesichts der derzeitigen Umstände würde ich es geradezu als poetische Gerechtigkeit erachten, wenn wir die Situation, die durch Miss Timmins’ Ableben entstanden ist, zu seinen Ungunsten nutzen und ihm eine Falle stellen würden.«
»Eine Falle?«
Leonora musste die Frage nicht erst ausgesprochen hören, um zu erkennen, dass Henry Timmins absolut fasziniert und gefesselt war. Ganz so wie sie selbst. Sie rutschte auf ihrem Platz nach vorn, um Tristans Gesichtsausdruck besser beobachten zu können.
»Außer denjenigen, die bereits davon wissen, wird niemand auf die Idee kommen, dass Miss Timmins womöglich nicht eines natürlichen Todes gestorben ist; und diejenigen, die sie kannten, werden sie gebührend betrauern. Sie, als ihren rechtmäßigen Erben, möchte ich bitten, das Haus Nummer sechzehn am Montrose Place zu vermieten.« Er deutete mit einer Handbewegung auf das Haus, in dem sie sich gerade befanden. »Sie haben derzeit offensichtlich keine Verwendung für ein Haus in der Stadt. Andererseits kann einem vernünftigen Mann wie Ihnen nichts daran gelegen sein, das Anwesen übereilt zu verkaufen. Das Haus zu vermieten, wäre daher die naheliegendste Entscheidung, und niemand würde sich darüber wundern.«
Henry nickte. »Richtig, richtig.«
»Wenn Sie damit einverstanden sind, würde ich einen Freund bitten, als Makler aufzutreten und die Mietverhandlungen für Sie abzuwickeln. Natürlich würden wir nicht an irgendjemanden vermieten.«
»Sie nehmen an, Mountford wird auf Sie zukommen und das Haus mieten wollen?«
»Nicht Mountford persönlich. Miss Carling und ich wissen, wie er aussieht. Er wird zweifellos einen Mittelsmann schicken, doch letzten Endes ist er derjenige, der sich Zutritt zum Haus verschaffen will. Wenn es erst einmal so weit ist und Mountford das Haus betritt, dann …« Tristan lehnte sich zurück; ein Lächeln, das kein Lächeln war, umspielte seine Lippen. »Nun, sagen wir, ich habe die richtigen Verbindungen, um sicherzustellen, dass er uns nicht wieder entkommt.«
Henry Timmins, die Augen deutlich geweitet, nickte unaufhörlich weiter.
Leonora war weit weniger leicht zu beeindrucken. »Glaubst du wirklich, dass Mountford sich nach allem, was passiert ist, noch trauen wird, persönlich aufzutauchen?«
Tristan wandte sich ihr zu; sein Blick war hart und kalt. »Wenn man bedenkt, wie weit er bereits gegangen ist, würde ich einiges darauf verwetten, dass er einer solchen Gelegenheit gewiss nicht widerstehen kann.«
 
Als sie am Abend zum Montrose Place zurückkehrten, hatten sie nicht nur Henrys Segen, sondern - wichtiger noch - ein von ihm aufgesetztes Schreiben an den Anwalt seiner Familie, das Tristan dazu ermächtigte, besagtem Anwalt hinsichtlich der Vermietung von Miss Timmins’ Haus Weisungen zu erteilen.
Als Tristan Leonora aus der Kutsche half, bemerkte er, dass im ersten Stock des Bastion-Klubs Licht brannte. Er zog seine Schlüsse …
Leonora strich ihr Kleid glatt, dann hakte sie sich bei ihm ein.
Er sah auf sie hinab und verkniff sich einen Kommentar darüber, wie sehr er diese bescheidene Geste weiblicher Ergebenheit schätzte. Er stellte zunehmend fest, dass Leonora diese kleinen, aufschlussreichen Dinge ganz instinktiv tat, ohne sich selbst darüber bewusst zu sein; er sah keinerlei Grund, weshalb er sie auf ihr Verhalten hinweisen sollte.
Gemeinsam schritten sie den Weg zum Haus der Carlings hinauf.
»Wen hast du denn eigentlich für die Rolle des Maklers vorgesehen?« Leonora sah zu ihm auf. »Du kannst die Aufgabe schließlich nicht selbst übernehmen. Mountford weiß, wie du aussiehst.« Sie musterte seine Züge. »Selbst in einer deiner berühmten Verkleidungen könntest du nicht sicher sein, dass er dich nicht erkennt.«
»Richtig.« Tristan warf einen flüchtigen Blick zum Bastion-Klub, während sie die Eingangsstufen hinaufgingen. »Ich werde dich hineinbegleiten, um kurz ein Wort mit Humphrey und Jeremy zu wechseln, und dann werde ich noch nebenan vorbeisehen.« Er begegnete ihrem Blick, während sich die Haustür öffnete. »Es wäre möglich, dass sich einige meiner Mitinhaber zurzeit in der Stadt befinden. Wenn ja, dann …«
Sie zog eine Braue hoch. »Deine ehemaligen Kollegen?«
Er nickte und folgte ihr hinein. »Ich könnte mir niemanden vorstellen, der besser für unsere Zwecke geeignet wäre.«
 
Charles zeigte sich, wie erwartet, begeistert.
»Ausgezeichnet! Ich habe es ja gleich gewusst, dass die Gründung dieses Klubs eine glänzende Idee war.«
Es war inzwischen fast zehn Uhr; nachdem sie zunächst ein exzellentes Abendessen in ihrem eleganten Speisezimmer eingenommen hatten, saßen sie nun zu dritt - Tristan, Charles und Jocelyn Deverell - bequem und entspannt in ihrer Bibliothek; jeder hielt ein großzügig eingeschenktes Glas feinsten Brandy in der Hand.
»Absolut.« Trotz seiner zurückhaltenderen Art wirkte Deverell nicht weniger interessiert. Er musterte Charles. »Ich denke, ich sollte die Rolle des Maklers übernehmen; du hast bereits deinen Teil zu dieser Vorstellung beigetragen.«
Charles wirkte untröstlich. »Das heißt doch nicht, dass ich nicht noch eine weitere Rolle übernehmen könnte.«
»Ich finde, Deverell hat recht.« Tristan übernahm gezielt die Führung. »Er sollte den Makler spielen. Dies ist erst sein zweiter Besuch hier am Montrose Place. Die Chancen stehen gut, dass Mountford und seine Helfershelfer ihn noch nicht gesehen haben. Und falls doch, kann er sich leicht aus der Affäre ziehen, indem er behauptet, er würde sich stellvertretend für einen Freund um die Sache kümmern.« Tristan sah Charles an. »Währenddessen könnten wir beide uns einer anderen Aufgabe widmen.«
Charles horchte auf. »Welcher?«
»Ich habe euch doch von diesem Anwaltsgehilfen erzählt, von Carruthers Erben.« Tristan hatte ihnen beim Abendessen die gesamte Geschichte, einschließlich aller wichtigen Details, berichtet.
»Der nach London gekommen ist, um umgehend im Getümmel zu verschwinden?«
»Ebendieser. Ich glaube, ich erwähnte auch, dass seine Reise nach London schon seit längerer Zeit geplant war? Mein Mann in York fand heraus, dass Martinbury sich mit einem Freund, der in derselben Kanzlei gearbeitet hat wie er, hier in der Stadt treffen wollte; er hat dieses Treffen sogar noch einmal bestätigt, bevor er so unvermittelt abgereist ist.«
Charles zog beide Brauen hoch. »Wann und wo?«
»Morgen Mittag. Im Red Lion in der Gracechurch Street.«
Charles nickte. »Also schnappen wir ihn uns nach dem Treffen. Ich nehme an, du weißt, wie er aussieht?«
»Durchaus, aber besagter Freund hat sich bereiterklärt, uns einander vorzustellen; wir müssen also nichts weiter tun, als hinzugehen und herauszufinden, ob dieser Mr Martinbury uns irgendwie weiterhelfen kann.«
»Es könnte sich dabei aber nicht zufällig um Mountford selbst handeln, oder doch?«, fragte Deverell.
Tristan schüttelte den Kopf. »Martinbury war die meiste Zeit in York, während Mountford hier bereits aktiv war.«
»Hm.« Deverell lehnte sich zurück und ließ den Brandy in seinem Glas kreisen. »Wenn Mountford sich nicht persönlich an mich wendet - und ich stimme dir zu, das ist höchst unwahrscheinlich -, wen glaubst du, wird er wohl stattdessen schicken, um das Haus zu mieten?«
»Ich schätze«, erwiderte Tristan, »einen hageren, spitzgesichtigen Finsterling, klein bis mittelgroß. Leonora - Miss Carling - hat ihn zweimal gesehen. Es ist mit ziemlicher Sicherheit ein Kumpan Mountfords.«
Charles machte große Augen. »Ach, Leonora, wie?« Er wandte sich in seinem Stuhl herum und sah Tristan mit durchdringendem Blick an. »Dann erzähl doch mal … Welcher Wind weht denn eigentlich aus dieser Richtung, hm?«
Tristan musterte Charles’ teuflischen Gesichtsausdruck mit unbewegter Miene; er fragte sich, welche hinterlistigen Gaunereien er sich wohl überlegen würde, wenn Tristan ihm nicht die Wahrheit sagte. »Wie es der Zufall so will, kannst du morgen früh in der Gazette unsere Verlobungsanzeige lesen.«
»O-ho!«
»Hört, hört!«
»Das nenne ich schnelle Arbeit!« Charles erhob sich, griff nach der Karaffe und füllte ihre Gläser auf. »Darauf müssen wir anstoßen. Also.« Er warf sich mit hocherhobenem Glas vor dem Kamin in Pose. »Auf dich und deine Auserwählte, die entzückende Miss Carling! Lasst uns darauf trinken, dass du die Zügel deines Schicksals gekonnt in den Händen behalten hast. Auf deinen glorreichen Sieg über die Kupplerinnen und auf die Inspiration und Ermunterung, die du uns - deinen Mitstreitern des Bastion-Klubs - mit diesem Sieg zuteilwerden lässt!«
»Ganz genau! Auf euch!«
Charles und Deverell prosteten ihm zu. Tristan hob ihnen sein Glas entgegen, dann trank er ebenfalls.
»Also, wann ist die Hochzeit?«
Tristan betrachtete die kreisende, bernsteinfarbene Flüssigkeit in seinem Glas. »Sobald wir Mountford zur Strecke gebracht haben.«
Charles verzog den Mund. »Und was ist, wenn es länger dauert als erwartet?«
Tristan sah zu ihm auf und begegnete seinem finsteren Blick. Er lächelte. »Ich garantiere dir, das wird es nicht.«
 
Früh am nächsten Morgen begab sich Tristan zum Haus der Carlings am Montrose Place. Noch bevor Leonora oder irgendein anderes Familienmitglied nach unten kam, hatte er das Anwesen bereits wieder verlassen; er war nunmehr fest davon überzeugt, Mountfords rätselhaftes Eindringen in Miss Timmins’ Haus geklärt zu haben.
Da Jeremy die Schlösser in dem Haus der alten Dame auf seine Aufforderung hin hatte auswechseln lassen, musste Mountford wohl eine weitere bittere Enttäuschung erlebt haben. Diese Tatsache würde dazu beitragen, ihn in ihre Falle zu treiben. Ihm blieb keine andere Möglichkeit, als das Haus zu mieten.
Als Tristan durch das Eingangstor auf den Gehweg trat, bemerkte er einen Arbeiter, der über der niedrigen Grundstücksmauer des Nachbarhauses ein Schild anbrachte. Auf diesem stand zu lesen, dass das Haus Montford Place Nummer sechzehn ab sofort zu vermieten sei; die Kontaktdaten des Maklers waren direkt darunter zu finden. Deverell hatte keine Zeit vergeudet.
Er begab sich zum Frühstück zurück in die Green Street und wartete mannhaft, bis endlich alle seine sechs Mitbewohnerinnen im Frühstückssalon erschienen waren, um ihnen seine frohe Botschaft mitzuteilen. Sie waren über die Maßen entzückt.
»Sie ist genau die Art von Gattin, die wir uns für dich gewünscht hätten«, kommentierte Millicent.
»Ganz recht«, bestätigte Ethelreda. »Sie ist so eine patente junge Frau. Wir hatten schon Sorge, du würdest uns so ein dummes Küken vorsetzen. Eines von diesen geistlosen Plappermäulern, die unaufhörlich kichern. Gott weiß, wie wir damit hätten zurechtkommen sollen.«
Er pflichtete ihnen überschwänglich bei und flüchtete sich daraufhin mit einer Entschuldigung in sein Arbeitszimmer. Er musste sich zwingen, die naheliegende Ablenkung aus seinem Kopf zu verbannen, und wandte sich eine Stunde lang dringlicheren Dingen zu, ohne darüber jedoch zu vergessen, seinen Großtanten eine kurze Notiz nach Surrey zu senden, in denen er sie ebenfalls von der bevorstehenden Hochzeit in Kenntnis setzte. Als die Uhr elf schlug, ließ er seine Feder sinken, stand auf und verließ leise das Haus.
Er traf Charles am Grosvenor Square. Sie winkten eine Droschke heran, und um zehn Minuten vor zwölf betraten sie das Red Lion. Das Publikum in diesem beliebten Wirtshaus war überaus gemischt - Händler, Vertreter, Spediteure und Angestellte aller Art. Die Schankstube war recht voll, doch ein flüchtig gekreuzter Blick mit Tristan oder Charles ließ die meisten der Gäste hastig beiseitetreten. Sie gingen zur Bar, wo sie umgehend bedient wurden, und wandten sich dann mit einem Bierkrug in der Hand forschend dem Raum zu.
Nachdem er seinen Blick hatte schweifen lassen, nahm Tristan einen Schluck von seinem Ale. »Er sitzt dort drüben in der Ecke am zweiten Tisch. Der, der sich die ganze Zeit umsieht wie ein aufgeschrecktes Huhn.«
»Das ist also der Freund?«
»Die Beschreibung passt haargenau. Die Kappe kann man kaum übersehen.« Besagte Tweedkappe lag auf dem Tisch, an dem der junge Mann saß und wartete.
Tristan überlegte kurz, dann schlug er vor: »Er kennt uns nicht. Warum setzen wir uns nicht einfach an den Nachbartisch und warten einen günstigen Moment ab, um uns vorzustellen?«
»Gute Idee.«
Erneut teilte sich die Menge vor ihnen wie das Rote Meer. Sie setzten sich an den kleinen Tisch in der Ecke, ohne dabei mehr als einen flüchtigen Blick und ein höfliches Lächeln des jungen Mannes auf sich zu ziehen.
Er kam Tristan entsetzlich jung vor.
Der junge Mann wartete geduldig. Sie taten es ihm nach und vertieften sich derweil in eine Unterhaltung über die Probleme, welche die unerwartete Leitung eines großen Anwesens mit sich brachte. Das Thema war umfassend genug, um ihnen glaubhaft Deckung zu verleihen, hätte der junge Mann sie belauscht. Das tat er aber keineswegs; wie ein junger Hund blickte er unablässig zur Tür, jederzeit bereit aufzuspringen und zu winken, sobald sein Freund zur Tür hereinkäme.
Doch je mehr Zeit verstrich, desto geringer wurde sein Enthusiasmus. Er nippte sparsam an seinem Bier; Tristan und Charles taten dasselbe. Doch als ein Glockenturm ganz in der Nähe die halbe Stunde schlug, schien ihnen allmählich gewiss, dass der Mann, auf den sie alle warteten, nicht mehr kommen würde.
Mit zunehmender Bestürzung harrten sie aus.
Schließlich wechselte Tristan einen vielsagenden Blick mit Charles und wandte sich dem jungen Mann zu. »Mr Carter?«
Der junge Mann blinzelte ihn an und nahm Tristan zum ersten Mal wirklich wahr. »J…ja?«
»Wir sind uns noch nicht persönlich begegnet.« Tristan zog seine Karte hervor und reichte sie Carter. »Aber ich glaube, einer meiner Partner hat Ihnen bereits mitgeteilt, dass ich dringend mit Mr Martinbury sprechen muss, in gegenseitigem Interesse.«
Carter las den Namen auf der Karte; seine jugendlichen Züge hellten sich auf. »O ja, sicher!« Dann sah er Tristan an und verzog das Gesicht. »Aber wie Sie sehen, ist Jonathon nicht erschienen.« Er blickte durch die Schankstube, wie um sich zu vergewissern, dass er nicht innerhalb der letzten Minute hereingekommen war. Carter runzelte die Stirn. »Ich kann das überhaupt nicht begreifen.« Er sah Tristan wieder an. »Jonathon ist immer sehr pünktlich, und wir sind wirklich gute Freunde.«
Sein Gesicht war von Sorge überschattet.
»Hat er sich bei Ihnen gemeldet, seit er in der Stadt ist?«
Charles hatte diese Frage eingeworfen; als Carter verwirrt zu ihm aufblickte, fügte Tristan erklärend hinzu: »Ein weiterer Geschäftspartner.«
Carter schüttelte den Kopf. »Nein. Zu Hause, also in York, hat auch niemand etwas von ihm gehört. Seine Vermieterin hat sich schon darüber gewundert; sie bat mich, ihm zu sagen, dass er ihr unbedingt schreiben solle. Es ist wirklich seltsam. Er ist nämlich ein überaus verlässlicher Mensch; und sie stehen einander sehr nahe. Sie ist so etwas wie eine Mutter für ihn.«
Tristan wechselte einen Blick mit Charles. »Ich glaube, es ist an der Zeit, etwas gründlicher nach Mr Martinbury zu suchen.« Er wandte sich wieder Carter zu und deutete mit einem Kopfnicken auf seine Karte, die der junge Mann noch immer in den Händen hielt. »Falls Sie etwas von Martinbury hören, in welcher Form auch immer, wäre ich Ihnen überaus verbunden, wenn Sie mich umgehend unter dieser Adresse kontaktieren würden. Im Gegenzug werde ich Sie gerne in Kenntnis setzen, wenn wir Ihren Freund ausfindig machen sollten - sofern Sie mir Ihre Adresse geben.«
»Ja, gern. Vielen Dank.« Carter zog einen kleinen Notizblock aus der Tasche, fand einen Stift und notierte die Adresse seiner Pension. Er reichte Tristan den Zettel. Dieser überflog ihn rasch, nickte dann und steckte ihn ein.
Carters Blick war nachdenklich. »Ich frage mich, ob er überhaupt je in der Stadt angekommen ist.«
Tristan stand auf. »Das ist er.« Er leerte seinen Krug und stellte ihn auf den Tisch. »Er hat die Postkutsche hier in London verlassen, nicht eher. Leider ist es nicht ganz einfach, einen einzelnen Mann in den Straßen Londons aufzuspüren.«
Die letzten Worte sprach er mit einem beruhigenden Lächeln. Er nickte Carter ein letztes Mal zu und trat dann mit Charles hinaus.
Auf dem Gehweg blieben sie stehen. »Einen lebendigen Mann in Londons Straßen aufzuspüren, mag schwierig sein.« Charles sah Tristan. »Zumindest schwieriger als einen Toten.«
»In der Tat.« Tristans Züge hatten sich verhärtet. »Ich nehme mir die Polizeiwachen vor.«
»Dann übernehme ich also die Hospitäler. Treffen wir uns später im Klub?«
Tristan nickte. Dann verzog er das Gesicht. »Mir ist gerade eingefallen …«
Charles blickte ihn an, dann lachte er spöttisch. »Dir ist gerade eingefallen, dass du heute deine Verlobung kundgetan hast! Nun wird man dir keine Ruhe mehr lassen, bis du endlich verheiratet bist.«
»Was mich nur umso mehr dazu anregt, Martinbury so schnell wie möglich ausfindig zu machen. Falls ich etwas herausfinde, werde ich Gasthorpe eine Nachricht senden.«
»Ich werde das Gleiche tun.« Charles nickte zum Abschied und ging die Straße hinunter.
Tristan sah ihm einen Moment lang hinterher, dann wandte er sich leise fluchend um und eilte in die entgegengesetzte Richtung davon.