17
Der Tag neigte sich bereits dem Ende zu,
hinfortgepeitscht von trostlosen Sturmböen, als Tristan die Stufen
zum Haus der Carlings hinaufstieg, um Leonora zu treffen. Castor
führte ihn zum Salon. Vor der Tür entließ Tristan den Butler und
trat ein.
Leonora bemerkte ihn nicht. Sie saß auf der
Chaiselongue und blickte hinaus auf den Garten und die Sträucher,
die sich unter dem tobenden Wind bogen. Neben ihr im Kamin brannte
ein helles Feuer, das fröhlich vor sich hin knisterte und knackte.
Henrietta hatte sich vor dem Feuer ausgestreckt und genoss die
Wärme.
Das Bild strahlte Behaglichkeit und Wärme aus -
und zwar unabhängig von der Raumtemperatur. Es erwärmte seine
Seele.
Er trat einen Schritt auf sie zu und ließ seinen
Absatz fest auf den Boden fallen.
Sie hörte das Geräusch, drehte sich um … Dann
erblickte sie ihn, und ihr Gesicht erstrahlte. Nicht nur vor
Neugier und Wissbegier, was er ihr wohl mitzuteilen hatte, sondern
in einem herzlichen Willkommen, fast so als wäre ein Teil von ihr
selbst zurückgekehrt.
Als er auf sie zuging, erhob sie sich und
streckte ihm ihre Hände entgegen. Er nahm sie und führte erst die
eine, dann die andere an seine Lippen; dann zog er Leonora zu sich
heran und neigte den Kopf. Er schenkte ihr einen Kuss, den er nur
mühsam unter Kontrolle halten konnte; einen Moment lang ließ er
seine Sinne schwelgen, dann gebot er ihnen Einhalt.
Als er seinen Kopf wieder hob, lächelte sie ihn
an; ihre Blicke blieben für einen Augenblick aneinander haften,
dann ließ sie sich zurück auf die Chaiselongue sinken.
Er hockte sich hin, um Henrietta zu
kraulen.
Leonora beobachtete ihn dabei, dann sagte sie:
»Bevor du mir irgendetwas anderes berichtest, verrate mir zuerst,
wie Mountford in Miss Timmins’ Haus hineingekommen ist. Du hast
gesagt, die Schlösser seien nicht beschädigt worden; und Castor hat
mir erzählt, du hättest dich nach einem Kanalinspekteur erkundigt.
Was hat er mit alledem zu tun? Oder war das ebenfalls
Mountford?«
Tristan blickte zu ihr auf und nickte. »Daisys
Beschreibung passt. Anscheinend ist er als Inspekteur vorstellig
geworden und hat sie dazu überredet, ihn die Abflüsse von Küche,
Spülküche und Waschküche überprüfen zu lassen.«
»Und als sie dann nicht hingesehen hat, hat er
einen Abdruck von einem der Schlüssel genommen?«
»Es scheint so. Hier oder nebenan in Nummer
zwölf hat sich jedenfalls kein Inspekteur vorgestellt.«
Sie runzelte die Stirn. »Er ist wirklich ein
überaus … berechnender Mensch.«
»Er ist gerissen.« Nachdem er einen Augenblick
lang ihr Gesicht studiert hatte, fügte er hinzu: »Und seine
Maßnahmen werden immer verzweifelter. Bitte vergiss das
nicht.«
Sie begegnete seinem Blick und lächelte
beruhigend. »Ganz bestimmt nicht.«
Der Blick, den er ihr zuwarf, während er
aufstand, schien eher resigniert als beruhigt.
»Ich habe das Schild vor Miss Timmins’ Haus
gesehen. Das ging ja schnell.« Sie ließ Anerkennung in ihrer Stimme
mitklingen.
»Stimmt. Ich habe diese spezielle Angelegenheit
einem Mann namens Deverell anvertraut - Viscount Paignton.«
Sie sah ihn mit großen Augen an. »Hast du etwa
noch andere … Kollegen mit eingebunden?«
Tristan schob die Hände in die Taschen und ließ
sich vom Feuer den Rücken wärmen. Er sah ihr ins Gesicht, in ihre
Augen, die von einer Intelligenz zeugten, die zu unterschätzen er
sich inzwischen hütete. »Ich habe eine kleine Armee in meinen
Diensten, wie du
weißt. Die meisten von ihnen wirst du niemals kennenlernen, aber
es gibt noch einen weiteren Gentleman, der mir hilft; ebenfalls ein
Mitinhaber von Nummer zwölf.«
»So wie Deverell?«, fragte sie.
Er nickte. »Der andere Gentleman ist Charles St.
Austell, Earl of Lostwithiel.«
»Lostwithiel?« Sie runzelte die Stirn. »Ich
meine mich zu erinnern, dass die letzten beiden Earls auf tragische
Weise ums Leben gekommen sind.«
»Das waren seine Brüder. Er ist der dritte Sohn
der Familie und somit der neue Earl.«
»Aha. Und womit ist er dir behilflich?«
Er erzählte ihr von dem geplanten Treffen mit
Martinbury und von ihrer Enttäuschung. Sie hörte ihm schweigend zu,
während sie sein Gesicht betrachtete. Nachdem er ihr von der
Absprache mit Martinburys Freund berichtet hatte, zögerte er. Sie
ergriff das Wort. »Du glaubst, dass ihm etwas zugestoßen
ist.«
Dies war keine Frage. Er blickte ihr in die
Augen und nickte. »Nach allem, was ich aus York erfahren habe und
was sein Freund mir erzählt hat, war Martinbury ein
verantwortungsvoller, verlässlicher und ehrlicher Mann. Niemand,
der eine Verabredung platzen lässt, die er zuvor noch bestätigt
hatte.« Wieder zögerte er, doch dann überwand er seinen
Widerwillen. »Ich habe bereits damit begonnen, die Polizeiwachen
nach erfassten Todesfällen abzuklappern. Charles überprüft die
Hospitäler für den Fall, dass er lebend eingeliefert wurde und
später verstarb.«
»Er könnte doch noch am Leben sein. Vielleicht
ist er schwer verletzt und hat keine Verwandten oder Bekannten in
London …«
Tristan überlegte kurz, wie viel Zeit inzwischen
verstrichen war, dann verzog er das Gesicht. »Stimmt. Ich werde
noch weitere Leute darauf ansetzen, um diese Möglichkeit zu
überprüfen. Nichtsdestotrotz müssen wir angesichts der langen Zeit,
in der niemand etwas von ihm gehört hat, auch die Todesfälle
überprüfen. Unglücklicherweise ist dies eine Aufgabe, die nur ich
oder Charles oder jemand
in vergleichbarer Position unternehmen kann.« Er begegnete ihrem
Blick. »Ein Mitglied des Adels, insbesondere mit unserem
Hintergrund, kann sich Einsicht in Akten verschaffen, die jedem
anderen schlichtweg unzugänglich sind.«
»Das war mir bereits aufgefallen.« Sie lehnte
sich zurück und musterte ihn. »Das heißt, du wirst die kommenden
Tage über beschäftigt sein. Ich habe heute zusammen mit den
Dienstmädchen jeden kleinsten Winkel in Cedrics Werkstatt
durchsucht. Wir haben zahllose Zettelchen und Notizen gefunden, die
sich jetzt bei Onkel Humphrey und Jeremy in der Bibliothek
befinden. Die beiden sind noch immer in Cedrics Tagebücher
vertieft. Onkel Humphrey ist inzwischen davon überzeugt, dass es
noch mehr Unterlagen geben müsste. Er glaubt, dass einige
Abschnitte, gewisse Aufzeichnungen fehlen. Nicht, weil sie
herausgerissen wurden, sondern weil Cedric sie vermutlich woanders
erfasst hat.«
»Hm.« Tristan kraulte Henrietta mit der
Stiefelspitze am Kopf, dann blickte er zu Leonora auf. »Was ist mit
Cedrics Schlafzimmer? Hast du dort schon gesucht?«
»Morgen. Die Dienstmädchen werden mir dabei zur
Hand gehen, wir werden also zu fünft sein. Ich verspreche dir, wenn
es etwas zu finden gibt, dann werden wir es finden.«
Er nickte und ging im Geiste die Liste der Dinge
durch, die er mit ihr besprechen wollte. »Ach ja, richtig.« Er
konzentrierte sich wieder auf ihr Gesicht, begegnete ihrem Blick.
»Ich habe unsere Verlobungsanzeige in die Gazette setzen lassen. Die Bekanntmachung stand in
der heutigen Morgenausgabe.«
Eine feine Veränderung zeigte sich auf ihrem
Gesicht; ein Ausdruck, den er nicht recht zu deuten wusste - war es
so etwas wie resignierte Belustigung? -, erfasste ihre blauen
Augen.
»Ich hatte mich schon gefragt, wann du wohl
darauf zu sprechen kommen würdest.«
Er hatte plötzlich das Gefühl, den festen Boden
unter den Füßen zu verlieren. Er hob die Schultern, seinen Blick
unverwandt auf sie gerichtet. »So ist es schließlich Brauch. Oder
vielmehr Pflicht.«
»Durchaus, aber du hättest mich ruhig warnen
können. Dann wäre ich nämlich, anstatt mich plötzlich wie ein Reh
im Visier des Jägers zu finden, einigermaßen vorbereitet gewesen,
als meine Tanten und nicht mal zehn Minuten später rund zwei
Dutzend weitere Gratulanten über mich hergefallen sind.«
Er hielt ihrem Blick stand; einen Moment lang
herrschte Stille. Dann verzog er zerknirscht das Gesicht. »Es tut
mir aufrichtig leid. Wegen Miss Timmins’ Tod und alldem habe ich
nicht weiter darüber nachgedacht.«
Sie sah ihn eindringlich an, dann neigte sie den
Kopf. Ihre Lippen schienen leicht verzogen. »Entschuldigung
angenommen. Aber dir ist doch sicherlich bewusst, dass wir jetzt,
da das Geheimnis gelüftet ist, unseren gesellschaftlichen Pflichten
nachkommen müssen?«
Er starrte auf sie herab. »Was für
Pflichten?«
»Na, die obligatorischen Auftritte, die von
jedem frisch verlobten Paar erwartet werden. Wie zum Beispiel bei
Lady Hartingtons Soiree heute Abend.«
»Weshalb?«
»Weil es die
Veranstaltung des Abends ist und wir den Leuten Gelegenheit geben
müssen, uns zu gratulieren, uns zu beobachten, uns aufs Genaueste
zu studieren, unser Verhalten zu interpretieren, sicherzustellen,
dass wir ein gutes Paar abgeben und so weiter.«
»Und das ist Pflicht?«
Sie nickte.
»Weshalb?«
Sie verstand seine Frage richtig. »Weil wir
andernfalls eine gänzlich unerwünschte und gewiss alles andere als
diskrete Aufmerksamkeit auf uns ziehen werden. Sie werden uns keine
Sekunde lang in Ruhe lassen, sondern permanent vor unserer Tür
stehen - und zwar nicht nur zu angemessener Stunde. Sie werden mit
ihren Kutschen an unseren Häusern vorbeifahren und sich die Hälse
verrenken, wenn sie gerade einmal in der Gegend sind. Jedes Mal,
wenn du einen Fuß vor die Tür setzt - sei es zu Hause oder nebenan
in deinem Klub -, wird dich eine Gruppe kichernder Mädchen in
Empfang nehmen. Und du wirst es gewiss nie wieder wagen, einen
Schritt in den Park oder in die Bond Street zu tun.«
Sie sah ihn forschend an. »Ist es das, was du
willst?«
Er studierte ihren Blick und musste feststellen,
dass es ihr voller Ernst war. Er schauderte. »Großer Gott!« Er
seufzte und presste die Lippen aufeinander; dann erwiderte er: »Na
schön. Lady Hartingtons Soiree. Treffen wir uns dort oder soll ich
dich mit der Kutsche abholen?«
»Es wäre durchaus angemessen, mich und meine
Tanten zu der Veranstaltung zu geleiten. Mildred und Gertie werden
gegen acht Uhr hier sein. Wenn du kurz darauf eintriffst, kannst du
uns in Mildreds Kutsche begleiten.«
Er schnaubte leise, doch mit einem höflichen
Nicken. Er ließ sich nicht gerne etwas vorschreiben, doch auf
diesem speziellen Gebiet … Dies war einer der Gründe, weshalb er
sie brauchte. Er machte sich nichts aus der feinen Gesellschaft; er
kannte ihre geheimen Tücken zu gut und gleichzeitig nicht gut
genug, um sich in ihrem grellen Schein wirklich wohlzufühlen.
Obwohl er die feste Absicht hegte, sich dem gesellschaftlichen
Trubel weitestgehend zu entziehen, war ihm doch angesichts seines
Titels und seiner Position bewusst, dass er sich und seiner
Zielsetzung, ein ruhiges Leben zu führen, keinen großen Gefallen
tun würde, wenn er die Damenwelt mit ihren geheiligten
Gepflogenheiten offen vor den Kopf stieß. Indem er sich
beispielsweise ihrem Drang, ein frisch verlobtes Paar eingehend zu
begutachten, entzog.
Er konzentrierte sich wieder auf Leonoras
Gesicht. »Und wie lange müssen wir uns ihrem fragwürdigen Interesse
ausliefern?«
Ihre Lippen zuckten. »Mindestens eine
Woche.«
Er verzog das Gesicht und knurrte
buchstäblich.
»Es sei denn, es käme ein nennenswerter Skandal
dazwischen oder …« Sie sah ihn eindringlich an.
Er dachte angestrengt nach, doch seine
Überlegungen brachten ihn kein Stück weiter. »Oder was?«, fragte
er.
»Wir hätten eine ernst zu nehmende
Entschuldigung wie etwa unsere aktive Beteiligung an einer
Verbrecherjagd.«
Als er das Haus eine halbe Stunde später verließ,
hatte er sich mit dem abendlichen Soireebesuch wohl oder übel
abgefunden. Mountfords zunehmend riskantere Aktionen ließen
annehmen, dass sie nicht allzu lange würden warten müssen, ehe er
das nächste Mal in Erscheinung treten und ihnen in die Falle gehen
würde. Und dann …
Mit etwas Glück würde Tristan nicht mehr allzu
viele abendliche Veranstaltungen über sich ergehen lassen müssen -
zumindest nicht als unverheirateter Mann.
Dieser Gedanke erfüllte ihn mit finsterer
Entschlossenheit.
Festen Schrittes machte er sich auf den Heimweg,
während er im Geiste den Ablauf des nächsten Tages und die
intensivere Suche nach Martinbury plante. Er war bereits in die
Green Street eingebogen und hatte sein Haus fast erreicht, als
jemand seinen Namen rief.
Er blieb stehen, wandte sich um und entdeckte
Deverell, der in diesem Moment aus einer Droschke stieg. Er
wartete, bis dieser den Fahrer bezahlt hatte, dann ging er ihm
entgegen.
»Darf ich dich auf ein Glas Brandy
hereinbitten?«
»Gern.«
Sie machten es sich in der Bibliothek bequem und
warteten ab, bis Havers den Raum verlassen hatte, um auf ihre
Geschäfte zu sprechen zu kommen.
»Es hat jemand angebissen«, erwiderte Deverell
auf Tristans hochgezogene Augenbrauen. »Und ich würde wetten, es
war dieser Finsterling, vor dem du mich gewarnt hast. Er hat sich
angeschlichen, als ich gerade gehen wollte; fast zwei Stunden muss
er auf der Lauer gelegen haben. Ich benutze ein kleines Büro in
einem Haus in der Sloane Street, das mir selbst gehört. Es steht
gerade leer und ist für unsere Zwecke bestens geeignet.«
»Was hat er gesagt?«
»Dass er im Auftrag seines Herrn einige nähere
Informationen über das Haus Nummer sechzehn einholen wolle. Ich
habe ihm die üblichen Dinge genannt; Ausstattung und so weiter und
natürlich den Preis.« Deverell grinste. »Er hat mir Hoffnungen
gemacht, dass sein Herr womöglich interessiert sei.«
»Und weiter?«
»Ich habe ihm erklärt, warum das Haus zu
vermieten ist und dass unter den gegebenen Umständen sein Herr
damit rechnen müsse, das Haus nur für wenige Monate bekommen zu
können, da der Eigentümer unter Umständen an einen Verkauf
denkt.«
»Und das hat ihn nicht abgeschreckt?«
»Nicht im Geringsten. Er versicherte mir, dass
sein Herr das Haus ohnehin nur übergangsweise mieten wolle und
gewiss kein Interesse daran zeige, was mit dem Vormieter geschehen
sei.«
Tristan lächelte finster, wölfisch. »Mir
scheint, wir haben die richtige Beute im Visier.«
»Sieht ganz danach aus. Aber ich glaube nicht,
dass ich Mountford persönlich zu sehen bekommen werde. Sein
Helfershelfer hat mich um ein Exemplar des Mietvertrags gebeten und
es mitgenommen. Er sagte, sein Herr würde einen Blick darauf werfen
wollen. Wenn er ihn uns mitsamt der ersten Monatsmiete
unterschrieben zurücksendet - nun, welcher Makler würde da noch
lange zögern?«
Tristan nickte; seine Augen waren
zusammengekniffen. »Wir werden sehen, was passiert; aber es klingt
in der Tat vielversprechend.«
Deverell leerte sein Glas. »Mit etwas Glück wird
er uns in den nächsten Tagen ins Netz gehen.«
Tristans Abend fing bereits schlecht an und
verschlimmerte sich zusehends.
Er traf frühzeitig am Montrose Place ein. Als
Leonora die Treppe herunterkam, wartete er in der Eingangshalle. Er
drehte sich um, entdeckte sie - und erstarrte; in ein Kleid aus
dunkelblauer Moiréseide
gehüllt, von dessen weitem Ausschnitt sich ihre Schultern und ihr
Hals wie feines Porzellan abhoben, ihr glänzendes,
granatgeschmücktes Haar kunstvoll aufgetürmt, raubte sie ihm den
Atem. Ein hauchfeiner Schal, der ihre Arme und Schultern verhüllte
und zugleich preisgab, berührte und umspielte sanft ihre grazilen
Kurven; seine Handflächen kribbelten.
Dann bemerkte sie ihn, begegnete seinem Blick
und lächelte.
Das Blut wich aus seinem Kopf; ihm wurde
schwindelig.
Sie durchquerte den Raum und kam auf ihn zu;
ihre veilchenblauen Augen waren erfüllt von jenem Ausdruck
freudigen Willkommens, das nur ihm allein vorbehalten war. Sie
reichte ihm die Hände. »Mildred und Gertie müssten jeden Moment
hier eintreffen.«
Ein plötzlicher Lärm an der Tür verkündete die
Ankunft der beiden Damen; ihr Eintreffen bewahrte ihn vor der
Verlegenheit, eine intelligente Antwort formulieren zu müssen. Ihre
Tanten schäumten nur so über vor Gratulationen und endlosen
Ratschlägen bezüglich ihres gesellschaftlichen Auftrittes. Er
nickte und versuchte, alles weitestgehend zu verinnerlichen, in der
Hoffnung, sich einigermaßen für den Kampf zu wappnen, während
Leonora und die Tatsache, dass sie schon bald ihm gehören würde,
fortwährend in seinem Kopf herumspukten.
Und dieser Preis war den Kampf allemal
wert.
Er begleitete die Damen hinaus zur Kutsche. Lady
Hartingtons Haus lag ganz in der Nähe. Die Dame des Hauses war
selbstverständlich mehr als entzückt, sie beide empfangen zu
dürfen. Sie erging sich in endlosen Ausrufen und aufgeregtem
Geplapper und fragte sie schelmisch nach ihren Hochzeitsplänen;
Tristan verharrte unbeteiligt an Leonoras Seite und lauschte,
während sie gelassen allen Fragen gekonnt auswich, ohne auch nur
eine einzige davon zu beantworten. Dem Gesichtsausdruck ihrer
Gastgeberin nach zu urteilen, waren Leonoras Antworten jedoch
vollkommen akzeptabel; ihm hingegen war dies alles ein großes
Rätsel.
Dann schritt Gertie schließlich ein und beendete
das Verhör. Auf
Leonoras unauffälligen Ellenbogenstoß hin führte er sie weiter.
Wie gewohnt steuerte er auf einen Platz am Rand des Saals zu.
Ihre Fingerspitzen sanken in seinen Arm. »Nicht.
Das bringt nichts. Heute Abend sind wir besser beraten, wenn wir
uns gleich ins Zentrum des Geschehens begeben.«
Mit einem bedeutungsvollen Kopfnicken schob sie
ihn geradewegs in die Mitte des großen Salons. Er zögerte
innerlich, zeigte sich dann jedoch gefügig; seine Instinkte warnten
ihn - der Ort bot ihnen keinerlei Deckung, sie konnten von mehreren
Seiten zugleich angegriffen, sogar umzingelt werden …
Aber er musste sich wohl oder übel auf ihr
Urteil verlassen; auf diesem Schlachtfeld war seine eigene
Urteilskraft hoffnungslos unterentwickelt. Doch selbst unter diesen
Umständen fiel es ihm nicht leicht, sich von jemand anderem führen
zu lassen.
Erwartungsgemäß waren sie innerhalb kürzester
Zeit von jungen wie älteren Damen umringt, die ihnen allesamt ihre
Glückwünsche aussprechen und die Neuigkeiten aus erster Hand hören
wollten. Einige unter ihnen waren überaus liebenswürdig, freundlich
und frei von Arglist - Damen, denen gegenüber er seinen Charme
bereitwillig einsetzte. Andere wiederum trieben ihn geradezu in den
Wahnsinn; am Ende eines weiteren solchen Gefechts, das Mildred
gnädigerweise zum Abschluss brachte, indem sie den alten Drachen
von seiner Seite fortzog, wanderte Leonoras Blick zu ihm auf,
während sie ihm zugleich unauffällig ihren Ellenbogen in die Seite
stupste.
Er sah auf sie hinab, ein missmutiges Blitzen in
den Augen. Sie lächelte ihn gelassen an. »Nun hör schon auf, so
grimmig dreinzublicken.«
Ihm wurde bewusst, dass seine perfekte Fassade
ein wenig brüchig geworden war, und brachte seine charmante Maske
rasch wieder in Form. Währenddessen erwiderte er im Flüsterton:
»Ich hätte diese alte Hexe erwürgen können, insofern war mein
grimmiger Ausdruck noch eine überaus gelinde Reaktion.« Er
begegnete ihrem Blick. »Ich weiß nicht, wie du es schaffst, solchen
Personen gegenüber
die Fassung zu bewahren; sie geben sich nicht die leiseste Mühe,
ihre eklatante Unaufrichtigkeit zu verbergen.«
Ihr Lächeln war verständnisvoll und spöttisch
zugleich; sie lehnte sich einen Moment lang schwerer auf seinen
Arm. »Man gewöhnt sich daran. Wenn sie besonders unausstehlich
werden, muss man einfach alles von sich abprallen lassen und daran
denken, dass sie nur auf eine Reaktion aus sind; indem man ihnen
diese verweigert, hat man den Kampf bereits gewonnen.«
Er konnte ihr Argument durchaus nachvollziehen
und versuchte sich dementsprechend zu verhalten, doch die Situation
zerrte beharrlich an seinen Nerven. In den vergangenen zehn Jahren
hatte er alles darangesetzt, keinerlei Aufmerksamkeit auf sich zu
lenken; hier, auf einer gesellschaftlichen Veranstaltung, im
Mittelpunkt des allgemeinen Interesses zu stehen und alle Augen und
zumindest die Hälfte aller Gespräche auf sich gerichtet zu wissen,
lief all seinen tief verwurzelten Gewohnheiten zuwider.
Der Abend schleppte sich langsam dahin; viel zu
langsam für seinen Geschmack. Die Anzahl der Ladys und Gentlemen,
die nur darauf warteten, mit ihnen sprechen zu dürfen, wurde nicht
merklich weniger. Er fühlte sich unsicher und ausgeliefert. Und
hatte nach wie vor den Eindruck, den gefährlicheren Exemplaren
ihrer Spezies nicht wirklich gewachsen zu sein.
Leonora nahm sich ihrer mit einer Sicherheit an,
die ihn tief beeindruckte. Mit genau dem richtigen Maß an Hochmut
wie Selbstbewusstsein. Wie gut, dass er sie gefunden hatte.
Dann traten Ethelreda und Edith zu ihnen hinzu;
sie begrüßten Leonora, als würde sie längst zur Familie gehören,
und sie erwiderte ihre Begrüßung in ähnlicher Weise. Mildred und
Gertie berührten sich unauffällig an den Händen; er bemerkte, wie
Edith eine kurze Frage stellte, auf die Gertie mit einer knappen
Erwiderung und einem verschwörerischen Schnauben antwortete. Dann
wechselten die älteren Damen verheißungsvolle Blicke.
Ethelreda trat an ihn heran und tätschelte
seinen Arm. »Kopf hoch, mein Junge. Wir sind ja jetzt da.«
Sie und Edith gingen weiter, jedoch nur, um sich
an Leonoras Seite aufzustellen. Im Laufe der nächsten fünfzehn
Minuten tauchten seine anderen Cousinen - Millicent, Flora,
Constance und Helen - auf. Sie begrüßten Leonora ebenso herzlich,
wie Ethelreda und Edith es getan hatten, wechselten einige
freundliche Worte mit Mildred und Gertie und bildeten dann
gemeinsam mit Ethelreda und Edith eine lockere Gruppe an Leonoras
Seite.
Und mit einem Mal wendete sich das Blatt.
Die Menge im großen Salon war unangenehm
angewachsen; noch mehr Gäste standen um sie herum und warteten
darauf, ein paar Worte mit ihnen zu wechseln. Es herrschte ein
dichtes Gedränge - und er hasste es, bedrängt zu werden; Leonora
begrüßte weiterhin all diejenigen, die bis zu ihnen vordrangen,
stellte sie einander vor, übernahm die Gesprächsführung, doch
sobald irgendjemand Anstalten machte, sich boshaft, kühl oder auch
nur besitzergreifend zu verhalten, griffen Mildred, Gertie oder
auch eine seiner Cousinen ein, um die impertinente Person mit einer
belanglosen Äußerung fortzulocken.
Innerhalb kürzester Zeit wurde das Bild, das er
bisher von seinen alten Damen gehabt hatte, vollständig zerstört
und neu konstruiert; selbst die sich aus dem gesellschaftlichen
Leben allmählich zurückziehende Flora zeigte bemerkenswerte
Durchsetzungskraft, als es darum ging, eine überaus hartnäckige
Lady abzulenken und zu entfernen. Gertie ließ ebenfalls keinen
Zweifel darüber aufkommen, für welches Lager sie Flagge
zeigte.
Diese Umverteilung der Rollen verunsicherte ihn
nur noch mehr; auf diesem Schlachtfeld waren tatsächlich sie die Beschützerinnen - entschlossen und siegreich
-, während er derjenige war, der ihres Schutzes bedurfte. Ein Teil
dieser Schutzfunktion bestand darin, ihn davor zu bewahren, auf
diejenigen Damen zu reagieren, die ihre Verlobung als eigenen
Verlust verzeichneten und Leonora als Konkurrentin behandelten, die
Tristan arglistig in eine Falle getrieben hatte, während in
Wirklichkeit das genaue Gegenteil der Fall war. Ihm war nicht
bewusst gewesen, wie hart und erbittert der weibliche
Konkurrenzkampf auf dem Heiratsmarkt tatsächlich war, oder dass
Leonoras offensichtlicher Erfolg sie zu einer Zielscheibe des Neids
machen würde.
Der heutige Abend hatte ihm die Augen
geöffnet.
Lady Hartington hatte beschlossen, ihre Soiree
mit ein wenig Tanz aufzulockern. Als die Musiker sich
vorbereiteten, wandte Gertie sich ihm zu. »Sie sollten die
Gelegenheit nutzen, solange sie sich bietet.« Sie pikste ihm in den
Arm. »Ihr werdet mindestens noch eine weitere Stunde durchhalten
müssen, ehe man euch hier gehen lässt.«
Das ließ er sich nicht zweimal sagen; er ergriff
Leonoras Hand, lächelte liebenswürdig und entschuldigte sich
höflich bei den beiden Damen, mit denen sie sich gerade unterhielt.
Constance und Millicent sprangen ein, um ihren Rückzug gekonnt zu
decken.
Leonora seufzte und begab sich mit aufrichtiger
Erleichterung in seine Arme. »Wie ermüdend. Ich hatte niemals
erwartet, dass es jetzt schon so schlimm werden würde; nicht um
diese Jahreszeit.«
Während er sie durch den Raum wirbelte, blieb
sein Blick fest auf sie gerichtet. »Du meinst, es hätte noch
schlimmer ausfallen können?«
Sie erwiderte seinen Blick und lächelte. »Es
sind noch längst nicht alle in die Stadt zurückgekehrt.«
Sie sagte nichts weiter; er beobachtete ihr
Gesicht, während sie sich quer durch den Raum bewegten, drehten und
wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehrten. Sie schien sich mit
allen Sinnen dem Walzer hinzugeben; er folgte ihrem Beispiel.
Und fühlte die Entspannung, die ihm dies
sogleich verschaffte. Die Gewissheit, sie in den Armen zu halten,
sie leibhaftig unter seinen Händen zu spüren; die flüchtige
Berührung ihrer Oberschenkel, wenn sie sich drehten; die Harmonie,
mit der sich ihre Körper bewegten, aufeinander abgestimmt, in
Einklang. Vereint.
Als die Musik endete, befanden sie sich am
anderen Ende des Raumes. Ohne zu fragen, legte er ihre Hand auf
seinen Arm und
geleitete sie zurück zu der Gruppe ihrer Beschützerinnen - ihrem
kleinen schützenden Eiland relativer Sicherheit.
Sie sah ihn von der Seite her an, ein Lächeln
auf den Lippen, Mitgefühl in ihrem Blick. »Wie fühlst du
dich?«
Er blickte sie an. »Wie ein General, der von
einem Schwarm kompetenter und engagierter Offiziere umgeben ist.«
Er atmete tief ein und blickte nach vorn, wo sie die Gruppe
liebenswerter alter Damen bereits erwartete. »Die Tatsache, dass es
sich dabei um Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts handelt,
ist zwar ein wenig beunruhigend, aber nichtsdestoweniger bin ich
ihnen dankbar ergeben.«
Als Antwort erhielt er ein unterdrücktes
Glucksen. »Das solltest du auch sein.«
»Glaube mir«, murmelte er zurück, während sie
sich den anderen näherten, »ich kenne meine Grenzen. Dies hier ist
ein durch und durch weiblicher Schauplatz, auf dem weibliche
Strategien dominieren, die viel zu verschlungen sind, als dass ein
Mann sie jemals durchschauen könnte.«
Mit einem Lachen in den Augen sah sie ihn mit
tief vertrautem Blick an, dann schlüpften sie wieder in ihre
offiziellen Rollen und stellten sich der kleinen Horde Gratulanten,
die sie noch immer zu sprechen wünschte.
Die Nacht endete wie erwartet - jedoch keineswegs
wie erwünscht -, ohne ihm und Leonora Gelegenheit zu geben, ihre
aufgestauten Bedürfnisse - verstärkt durch ihren fortwährend engen
Kontakt, die Verheißungen des Walzers, seine Reaktion auf die
wenigen intimen Momente des Abends - in irgendeiner Weise zu
befriedigen.
Mein.
Dieses Wort hatte sich in seinem Kopf
festgesetzt und kitzelte seine Instinkte, wann immer sie in seiner
Nähe war, vor allem dann, wenn andere diese Tatsache nicht so ganz
zu begreifen schienen.
Keine besonders kultivierte Reaktion, vielmehr
eine höchst primitive.
Dies war ihm durchaus bewusst, doch es kümmerte ihn nicht.
Als er am nächsten Morgen die Green Street
verließ, fühlte er sich rastlos und unbefriedigt und stürzte sich
umgehend in die Suche nach Martinbury. Inzwischen waren sie alle
einigermaßen sicher, dass Mountford hinter irgendetwas her war, was
sich in Cedrics Aufzeichnungen befand; A.J. Carruther war Cedrics
engster Vertrauter gewesen, und Martinbury, als sein Erbe, war
allem Anschein nach derjenige, dem Carruther seine Geheimnisse
anvertraut hatte - und nun war Martinbury spurlos
verschwunden.
Sein Verbleiben aufzuklären oder wenigstens
Hinweise auf sein Schicksal zu finden, schien daher der
erfolgversprechendste Weg, um Mountfords Motiv zu ergründen und
etwas gegen die Bedrohung zu unternehmen.
Kurz gesagt, der schnellste Weg, um die Sache
aus dem Weg zu räumen, damit er Leonora endlich heiraten
konnte.
Doch die Polizeiwachen aufzusuchen, das
Vertrauen der Leute zu erlangen, Dokumente einzusehen und nach
kürzlichen Todesfällen zu suchen - all das kostete Zeit. Er hatte
mit den Polizeiwachen in der Umgebung der Poststation angefangen,
in deren Herberge Martinbury abgestiegen war. Als Tristan am späten
Nachmittag in einer Droschke nach Hause rumpelte, ohne den
geringsten Fortschritt erzielt zu haben, fragte er sich, ob er
nicht von falschen oraussetzungen ausgegangen war. Martinbury
mochte schon mehrere Tage in London gewesen sein, ehe er
verschwand.
Tristan betrat sein Haus und wurde von Charles,
der hergekommen war, um ihm Bericht zu erstatten, bereits in der
Bibliothek erwartet.
»Nichts«, konstatierte Charles, sobald Tristan
die Tür hinter sich geschlossen hatte. Er wandte sich in seinem
Sessel beim Kamin herum und sah Tristan an. »Wie steht’s bei
dir?«
Er verzog das Gesicht. »Das Gleiche.« Er nahm
die Karaffe von der Anrichte und füllte sich ein Glas, dann trat er
zu Charles hinüber, schenkte ihm nach und ließ sich schließlich in
den anderen
Sessel sinken. Er starrte nachdenklich ins Feuer. »Welche
Hospitäler hast du überprüft?«
Charles zählte die entsprechenden Einrichtungen
auf; Hospitäler und Hospize, die allesamt in der Umgebung der
Poststation lagen, wo die Kutschen aus York ankamen.
Tristan nickte. »Wir müssen schneller vorgehen
und unsere Suche ausweiten.« Er erklärte Charles seine
Überlegungen.
Dieser neigte zustimmend den Kopf. »Die Frage
ist nur, wie können wir es selbst mit Deverells Hilfe schaffen,
unsere Suche auszuweiten und zugleich schneller zu werden?«
Tristan nahm einen Schluck, dann ließ er sein
Glas sinken. »Wir werden ein kalkuliertes Risiko eingehen und
unsere Aufmerksamkeit gezielt einschränken. Leonora gab zu
bedenken, dass Martinbury womöglich doch noch am Leben ist, aber
aufgrund fehlender Kontakte irgendwo in einem Krankenhausbett vor
sich hin vegetiert.«
Charles zog eine Grimasse. »Armer Kerl.«
»Eben. Außerdem ist dies das einzige Szenario,
das uns in irgendeiner Weise weiterhelfen würde. Wenn Martinbury
tot ist, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass der Täter
irgendwelche Unterlagen zurückgelassen hat, die uns in die richtige
Richtung führen könnten.«
»Stimmt.«
Tristan nippte erneut an seinem Glas, dann sagte
er: »Ich werde meine Leute darauf ansetzen, die Hospitäler nach
einem Mann abzusuchen, der Martinburys Beschreibung entspricht und
der noch am Leben ist. Das lässt sich immerhin auch ohne unseren
Einfluss bewerkstelligen.«
Charles nickte. »Ich werde dasselbe tun und
Deverell mit Sicherheit auch …«
Vom Flur her drang eine Männerstimme zu ihnen.
Sie blickten beide zur Tür.
»Wenn man vom Teufel spricht«, sagte
Charles.
Die Tür öffnete sich und Deverell trat
ein.
Tristan stand auf und schenkte ihm Brandy ein.
Deverell nahm das Glas entgegen und ließ sich anmutig der Länge
nach auf die Chaiselongue sinken. Im Gegensatz zu den ernüchterten
Gesichtsausdrücken der beiden anderen funkelten seine grünen Augen
lebhaft. Er hob ihnen sein Glas entgegen. »Ich bin gekommen, um
euch Neuigkeiten zu überbringen.«
»Gute Neuigkeiten?«, fragte Charles.
»Ein kluger Mann überbringt nur gute
Neuigkeiten.« Deverell unterbrach sich, um an seinem Brandy zu
nippen; mit einem Lächeln ließ er das Glas sinken. »Mountford hat
angebissen.«
»Er hat das Haus gemietet?«
»Sein Helfershelfer hat den Mietvertrag heute
Morgen mitsamt der ersten Mietzahlung vorbeigebracht. Der
Unterzeichner ist ein gewisser Mr Caterham, der unverzüglich
einzuziehen gedenkt.« Er hielt kurz inne und runzelte leicht die
Stirn. »Ich habe ihm die Schlüssel ausgehändigt und angeboten,
ihnen das Haus zu zeigen, doch der Helfershelfer, er nennt sich
übrigens Cummings, lehnte ab. Er sagte, sein Herr sei ein sehr
zurückgezogener Mensch und bestehe auf absolute Anonymität.«
Die Falten auf Deverells Stirn vertieften sich.
»Ich hatte überlegt, dem Finsterling zu seinem Versteck zu folgen,
aber ich dachte mir, die Gefahr, sie zu verschrecken, wäre wohl zu
groß.« Er sah Tristan an. »In Anbetracht der Tatsache, dass
Mountford - oder wer auch hinter diesem Namen steckt - unverzüglich
einziehen will, erschien es mir klüger, ihn sein Ziel in Ruhe
verfolgen und ihn geradewegs in unsere Falle tappen zu
lassen.«
Tristan und Charles nickten zustimmend.
»Hervorragend.« Tristan starrte abwesend ins
Feuer. »Also haben wir ihn endlich; wir wissen, wo wir ihn finden
können. Wir werden weiter versuchen herauszufinden, worauf er es
abgesehen hat, aber selbst wenn uns das nicht gelingt, können wir
immer noch seinen nächsten Schritt abwarten. Dann kann er uns sein
Geheimnis persönlich enthüllen.«
»Auf den Erfolg!«, sagte Charles.
Die anderen sprachen seine Worte nach, dann
leerten sie ihre Gläser.
Nachdem er Charles und Deverell zur Tür gebracht
hatte, begab sich Tristan in sein Arbeitszimmer. Als er an den
Bögen des Frühstückssalons vorbeikam, hörte er das vertraute
Gemurmel seiner ältlichen Mitbewohnerinnen und warf einen
flüchtigen Blick in den Raum.
Er blieb abrupt stehen. Er traute seinen Augen
nicht.
Seine beiden Großtanten mitsamt seinen - er
zählte die Köpfe - sechs anderen Verwandten von Mallingham Manor
waren unerwartet aufgetaucht. Seine vierzehn alten Damen hatten
sich vollständig unter seinem Dach in der Green Street versammelt,
sich über das gesamte Frühstückszimmer verteilt, die Köpfe
zusammengesteckt, und sie heckten eindeutig etwas aus.
Tristan beschlich ein mulmiges Gefühl.
Hortensia blickte auf und entdeckte ihn. »Da
bist du ja, mein Junge! Was für wunderbare
Neuigkeiten von dir und Miss Carling.« Sie schlug mit den
Handflächen auf die Armlehnen ihres Stuhls. »Genau wie wir es uns erhofft hatten.«
Er trat die Stufen hinunter. Hermine reckte ihm
aufgeregt ihre Hand entgegen. »Ganz recht, mein Lieber. Wir sind
außerordentlich zufrieden!«
Er neigte sich über ihre Hand und akzeptierte
ihre und alle weiteren Glückwünsche mit einem bescheidenen
»Danke«.
»Nun!« Hermine wandte sich herum und sah zu ihm
auf. »Ich hoffe, du hältst uns nicht für anmaßend, aber wir haben
für heute Abend eine kleine Familienfeier anberaumt. Ethelreda hat
mit Miss Carlings Familie gesprochen - Lady Warsingham und ihrem
Gatten, der älteren Miss Carling sowie Sir Humphrey und Jeremy
Carling -, und alle sind damit einverstanden, einschließlich der
jungen Miss Carling, versteht sich. Angesichts der Tatsache, dass
wir so viele sind und nicht mehr die Jüngsten und ein solches
gemeinsames Dinner zudem der angemessene Rahmen wäre, um ihre
Familie
offiziell kennenzulernen, hoffen wir auf deine Zustimmung, es noch
heute Abend hier stattfinden zu lassen.«
Hortensia schnaubte. »Davon abgesehen hat uns
die Fahrt hierher derart zermürbt, dass wir gewiss keine
andersgeartete Abendveranstaltung verkraften würden.«
»Und, mein Lieber«, ergänzte Millicent, »wir
sollten zudem bedenken, dass Miss Carling, Sir Humphrey und der
junge Mr Carling heute bereits an einer Beerdigung teilnehmen
mussten. Eine Nachbarin, wenn ich es recht verstanden habe?«
»Ganz richtig.« Vor seinem geistigen Auge formte
sich das Bild einer entspannten Abendgesellschaft, die weit weniger
förmlich war, als man es erwarten könnte; er kannte seine
Großtanten und ihre Mitstreiterinnen inzwischen gut genug. Er sah
sich um und begegnete ihren freudigen und eindeutig hoffnungsvollen
Blicken. »Soll das bedeuten, dass dieses Abendessen alle sonstigen
gesellschaftlichen Veranstaltungen ersetzt?«
Hortensia verzog das Gesicht. »Nun, wenn du
darauf bestehst, einen Ball oder eine andere …«
»Nein, nein, keineswegs.« Die Erleichterung, die
er empfand, war übermächtig; er lächelte und hatte Mühe, seinen
Überschwang in angemessene Bahnen zu lenken. »Ich sehe keinerlei
Grund, weshalb dieses Abendessen nicht genauso stattfinden sollte,
wie ihr es geplant habt. Tatsächlich«, er ließ seine Maske fallen
und zeigte ihnen seine aufrichtige Dankbarkeit, »bin ich für jede
Entschuldigung dankbar, mich heute Abend nicht den
gesellschaftlichen Kreisen ausliefern zu müssen.« Er verneigte sich
vor seinen beiden Großtanten und schloss die anderen Damen mit
einem Blick in seine Geste ein, während er ihnen seinen geballten
Charme entgegenstrahlen ließ. »Herzlichen Dank.«
Die Worte kamen tatsächlich von Herzen.
Sie lächelten alle und nickten, hocherfreut, ihm
einen Dienst erwiesen zu haben.
»Wir hatten auch nicht angenommen, dass das
turbulente gesellschaftliche Treiben für dich so unverzichtbar
wäre«, tat Hortensia
ihre Meinung kund. Sie grinste zu ihm auf. »Für uns im Übrigen
auch nicht.«
Er hätte sie alle küssen können. Da er sich
jedoch lebhaft vorstellen konnte, wie sehr das die meisten von
ihnen aus der Fassung gebracht hätte, begnügte er sich stattdessen
damit, an diesem Abend ganz besonders auf seine Garderobe zu achten
und sich dann rechtzeitig in den Salon zu begeben, um jede von
ihnen einzeln mit einer Verbeugung zu begrüßen und ihnen
Komplimente über ihre Kleidung, ihre Frisuren oder ihren Schmuck zu
machen; und all das mit seinem gewinnenden Charme, den er nur allzu
sicher einzusetzen wusste, was er aber nur selten ohne konkrete
Hintergedanken tat.
Sein einziger Hintergedanke an diesem Abend war,
ihnen für ihre Güte und ihre Aufmerksamkeit zu danken.
Noch nie in seinem Leben hatte ihn die Aussicht
auf ein familiäres Abendessen mit einer solchen Dankbarkeit
erfüllt.
Während sie im Salon das Eintreffen der Gäste
erwarteten, musste er darüber nachdenken, wie unverhältnismäßig
seine kleine Familienversammlung nach außen hin erscheinen musste:
Er als einziger Mann stand am Kamin, umringt von vierzehn älteren
Damen. Doch sie waren seine Familie; er fühlte sich zwischen ihnen
und ihrem munteren Geplapper weitaus wohler als in der glitzernden,
aufregenden, aber auch arglistigen Welt der edlen Gesellschaft. Er
hatte mit ihnen eines gemeinsam - sie alle waren Teil eines
unsichtbaren Netzes von Menschen, deren Schicksale über die
Jahrhunderte hinweg an denselben Ort, denselben Ursprung gebunden
waren.
Bald würde auch Leonora ein Teil dieses Netzes
werden, und sie würde sich wunderbar hineinfügen.
Havers trat ein, um Lord und Lady Warsingham
sowie Miss Carling - Gertie - anzukündigen. Unmittelbar im
Anschluss trafen auch Sir Humphrey, Leonora und Jeremy ein.
Jede Befürchtung, dass er als formeller
Gastgeber würde auftreten
müssen, hatte sich innerhalb von Minuten zerschlagen. Sir Humphrey
wurde von Ethelreda und Constance in Beschlag genommen, Jeremy
wurde von einigen anderen Damen umgarnt, und Lord und Lady
Warsingham erlagen dem Wemyss’schen Charme, den Hermine und
Hortensia verströmten. Gertie und Millicent, die sich bereits am
Vorabend kennengelernt hatten, steckten ebenfalls rasch die Köpfe
zusammen.
Nachdem Leonora ein paar Worte mit den übrigen
Damen gewechselt hatte, gesellte sie sich zu ihm. Sie reichte ihm
die Hand und schenkte ihm ihr ganz spezielles Lächeln, das allein
ihm vorbehalten war. »Ich muss sagen, ich war hocherfreut über den
Vorschlag deiner Großtanten. Nach Miss Timmins’ Beerdigung heute
Morgen hätten Lady Willoughbys Ball und die Aussicht, mit jenem
fragwürdigen Interesse - wie du es so schön nanntest - umgehen zu
müssen, meine Geduld gewiss auf eine harte Probe gestellt.« Sie
blickte auf und sah ihm in die Augen. »Genauso wie deine.«
Er neigte zustimmend den Kopf. »Und dabei war
ich nicht einmal auf der Beerdigung. Wie war es denn?«
»Bescheiden, aber aufrichtig. Ich glaube, Miss
Timmins hätte sich über die Anteilnahme sehr gefreut. Henry Timmins
hat die Andacht zusammen mit dem örtlichen Pfarrer abgehalten, und
Mrs Timmins war auch dabei. Eine sehr nette Frau.«
Nach einer kurzen Pause drehte sie sich zu ihm
um und senkte ihre Stimme. »Wir haben in Cedrics Zimmer einige
Unterlagen gefunden, die in einem Korb mit Feuerholz versteckt
waren. Es handelt sich nicht um Briefe, eher um Aufzeichnungen,
ähnlich wie die in Cedrics Tagebüchern, aber das Bemerkenswerteste
daran ist, Cedric hat sie nicht selbst geschrieben; sie sind in
Carruthers Handschrift. Onkel Humphrey und Jeremy konzentrieren
sich nun erst einmal hierauf. Onkel Humphrey sagt, es seien
Beschreibungen zu Experimenten, so ähnlich wie die in Cedrics
Tagebüchern, aber bislang haben die beiden noch keinen Weg
gefunden, die Aufzeichnungen zu entschlüsseln oder überhaupt
herauszufinden, ob sie irgendwie von Bedeutung sein könnten. Es
scheint so,
als würden alle Dokumente, die wir bislang gefunden haben, nur
einen Teil dessen ausmachen, woran die beiden zusammen gearbeitet
haben.«
»Was wiederum den Eindruck verstärkt, dass
Cedric und Carruther tatsächlich etwas herausgefunden haben, mit
dem sie wohlweislich vertraulich umgegangen sind.«
»Stimmt.« Leonora studierte seine Züge. »Für den
Fall, dass du dir Gedanken machen solltest … Wir haben das gesamte
Personal darauf hingewiesen, besonders achtsam zu sein, und Castor
wird sich unmittelbar an Gasthorpe wenden, sollte irgendetwas
Außergewöhnliches geschehen.«
»Gut.«
»Hast du etwas herausgefunden?«
Er fühlte, wie sein Kiefer sich anspannte, doch
er zwang sich, seinen charmanten Gesichtsausdruck beizubehalten.
»Nichts in Bezug auf Martinbury, aber wir haben einen neuen Weg
eingeschlagen, der uns möglicherweise schneller voranbringt. Die
wesentliche Neuigkeit ist aber, dass Mountford tatsächlich in
unsere Falle getappt ist. Er hat die Nummer sechzehn heute am
späten Nachmittag mithilfe seines Handlangers gemietet.«
Ihre Augen weiteten sich; ihr Blick war fest auf
ihn gerichtet. »Es kommt also Bewegung in die Sache.«
»So ist es.«
Er wandte sich lächelnd um, als Constance auf
sie zutrat. Leonora blieb an seiner Seite stehen und plauderte mit
den älteren Damen, die sich nach und nach zu ihnen gesellten. Sie
berichteten Leonora von ihrem Gemeindefest und von den kleinen
alltäglichen Veränderungen auf dem Landsitz, die der Wechsel der
Jahreszeiten mit sich brachte. Sie plauderten über dies und das,
gaben einige Anekdoten aus Tristans Kindheit zum Besten und
erzählten kleine Geschichten über seinen Vater und seinen
Großvater.
Sie sah gelegentlich zu Tristan auf,
beobachtete, wie er mühelos seinen Charme versprühte, und blickte
auch hinter die charmante Fassade. Nachdem sie Lady Hermine und
Lady Hortensia kennengelernt
hatte, war ihr klar, woher er diese Fähigkeit hatte; sie fragte
sich, wie sein Vater wohl gewesen sein mochte.
Doch alles in allem war Tristans Benehmen in
diesem Umfeld sehr viel authentischer; seine wahre Persönlichkeit
strahlte deutlich hervor, und zwar nicht nur seine Stärken, sondern
auch seine Schwächen. Er wirkte entspannt und gelöst; sie hatte das
Gefühl, dass er seine Deckung womöglich jahrelang nicht hatte
fallenlassen. Die Ketten der Zugbrücke schienen noch immer
eingerostet.
Sie schlenderte ein wenig durch den Raum,
plauderte bald hier, bald da, doch ihre Aufmerksamkeit blieb stets
auf Tristan gerichtet in dem sicheren Bewusstsein, dass er sie
ebenso beobachtete wie sie ihn. Dann verkündete Havers, dass das
Abendessen angerichtet sei, woraufhin alle ins Speisezimmer traten,
sie an Tristans Arm.
Er ließ sie am einen Ende der Tafel neben sich
Platz nehmen; Lady Hermine saß am anderen Ende. Sie hielt eine
ergreifende Rede, in der sie ihrer großen Freude Ausdruck verlieh
und zugleich ankündigte, die Leitung des Haushalts von Mallingham
Manor schon bald an Leonora abzutreten; schließlich sprach sie
einen Toast auf die Verlobten aus, woraufhin der erste Gang
aufgetragen wurde. Ein sanftes Gemurmel erhob sich und erfüllte den
gesamten Raum.
Der Abend gestaltete sich überaus angenehm und
unterhaltsam. Die Damen begaben sich wieder in den Salon und
überließen die Herren ihrem Portwein, die sich schon kurze Zeit
später wieder zu den Damen gesellten.
Ihr Onkel Winston, Mildreds Ehemann Lord
Warsingham, trat an Leonoras Seite. »Eine ausgezeichnete Wahl,
Liebes.« Seine Augen funkelten; ihre Abneigung gegen eine Heirat
hatte ihn immer bekümmert, aber er hatte nie versucht, sich
einzumischen. »Du hast dir zwar ausgesprochen viel Zeit gelassen,
aber es kommt ja schließlich auf das Endergebnis an, nicht
wahr?«
Sie lächelte und neigte den Kopf. Tristan kam zu
ihnen herüber, und sie lenkte die Unterhaltung rasch auf das
neueste Theaterstück.
Sie beobachtete derweil Tristans Verhalten. Sie
hatte ihn nicht ständig im Blick, aber dennoch nahm sie ihn
intensiv wahr; vielleicht war es so eine Art gefühlsmäßiges
Beobachten - wenn es denn so etwas gab -, eine besondere Schärfung
ihrer Sinne.
Ihr war wiederholt aufgefallen, dass er oft
zögerte, wenn er mit ihr sprach, dass er innehielt, seine Worte
überprüfte, nachdachte, dann fortfuhr. Sie hatte gewisse
Regelmäßigkeiten entdeckt, die ihr verrieten, was er gerade dachte,
wann und in welcher Weise er an sie dachte. Welche inneren
Entscheidungen er dabei traf.
Die Tatsache, dass er keinerlei Anstalten
machte, sie von den weiteren Nachforschungen auszuschließen,
stimmte sie zuversichtlich. Er hätte sich sehr viel mehr dagegen
sperren können; sie hatte sogar fest damit gerechnet. Stattdessen
folgte er seinem Gefühl und versuchte, ihr so gut es ging
entgegenzukommen. Dies bestärkte sie in ihrer Hoffnung, dass sie
beide in Zukunft - in ihrer gemeinsamen Zukunft, zu der sie sich
entschlossen hatten - gut miteinander auskommen würden; dass sie
beide umsichtig mit ihren gegenseitigen Bedürfnissen und
Eigenschaften umgehen würden.
Seine Bedürfnisse und
Eigenschaften waren weit komplizierter als die der meisten anderen
Menschen; dies war ihr bereits vor langer Zeit bewusst geworden.
Tatsächlich war dies einer der Gründe, weshalb er sie so sehr
faszinierte, weil er anders war als alle anderen, weil seine
Wünsche und Bedürfnisse von ganz anderer Art und Intensität
waren.
Aufgrund seiner gefährlichen Vergangenheit
neigte er weniger dazu, Frauen von allem auszuschließen, und war
stattdessen eher dazu bereit, sie für seine Zwecke einzusetzen. Ihr
war von Anfang an aufgefallen, dass er im Vergleich zu weniger
abenteuerlustigen Zeitgenossen kaum dazu tendierte, Frauen zu
verhätscheln; sie kannte ihn inzwischen gut genug, um zu ahnen, wie
kalt und kompromisslos er vorgehen würde, wenn es darum ging, seine
Pflichten zu erfüllen. Diese Seite seines Charakters war es, die es
ihr ermöglichte, derart intensiv an den Nachforschungen
teilzunehmen, ohne dabei auf allzu großen Widerstand zu
stoßen.
In Bezug auf ihre eigene Person stand seine
pragmatische Art jedoch in direktem Widerstreit mit etwas sehr viel
Ursprünglicherem, mit einer intuitiven Verhaltensweise, beinahe so
etwas wie ein Urinstinkt: der Zwang, sie für alle Zeiten zu
schützen, sie von aller Gefahr fernzuhalten.
Immer wieder verdüsterte dieser Konflikt seinen
Blick. Seine Züge verhärteten sich, er schaute sie flüchtig an,
zögerte, ließ sie dann jedoch gewähren.
Sie mussten sich anpassen. Er sich an sie, sie
sich an ihn.
Sie stellten sich zunehmend aufeinander ein,
lernten Schritt für Schritt, in welcher Weise sich ihre Leben in
Zukunft miteinander verflechten würden. Doch dieser grundsätzliche
Konflikt blieb bestehen; vermutlich für immer.
Sie würde dies in Kauf nehmen, sich darauf
einstellen müssen. Sie musste seine unterdrückten, aber
nichtsdestoweniger vorhandenen Instinkte und Befürchtungen
akzeptieren, anstatt darauf zu reagieren. Sie nahm nicht an, dass
er Letztere jemals in Worte fassen würde, vielleicht nicht einmal
sich selbst gegenüber; doch verborgen hinter all seiner Stärke
waren die Befürchtungen da; die Schwächen, die sie selbst
freigelegt hatte. Sie hatte ihm erklärt, warum es ihr so
schwerfiel, Hilfe anzunehmen oder jemanden mit etwas zu betrauen -
egal ob nun ihn oder einen anderen -, was ihr besonders am Herzen
lag.
Vom Verstand her glaubte er ihr, dass sie sich
dazu entschlossen hatte, ihm voll und ganz zu vertrauen und ihn ins
Innerste ihres Lebens vordringen zu lassen; auf einer tieferen,
gefühlsmäßigen Ebene jedoch suchte er weiter nach Hinweisen darauf,
dass sie diesen Entschluss womöglich vergessen mochte.
Dass sie versuchen würde, ihn
auszuschließen.
Auf diese Art und Weise hatte sie ihn schon
einmal verletzt. Sie würde es nie wieder tun, doch das würde er
erst mit der Zeit begreifen.
Das größte Geschenk, das er ihr gemacht hatte,
war seine Akzeptanz; vom ersten Tag an hatte er sie so angenommen,
wie sie war.
Und ihr Gegengeschenk an ihn war, ihn so zu akzeptieren, wie
er war, und ihm die Zeit zu geben, die er
brauchte, um seine Befürchtungen abzubauen.
Damit er lernte, ihr genauso zu vertrauen, wie
sie ihm vertraute.
Jeremy gesellte sich zu ihnen; ihr Onkel ergriff
die Gelegenheit, um mit Tristan über die Verwaltung großer Anwesen
zu fachsimpeln.
»Nun, Schwesterherz.« Jeremy ließ seinen Blick
über die Menge schweifen. »Ich sehe dich schon vor mir, hier unter
all den älteren Damen, wie du ihr Leben ordnest und den Haushalt
souverän leitest.« Er grinste sie an, dann wurde sein Gesicht
ernst. »Ihr Gewinn ist unser Verlust. Wir werden dich
vermissen.«
Sie lächelte, legte ihre Hand auf seinen Arm und
drückte ihn leicht. »Ich habe euch ja noch nicht verlassen.«
Jeremys Blick wanderte an ihr vorüber zu
Tristan. Er lächelte halbherzig, als er sie wieder ansah. »Doch,
ich glaube, das hast du.«