7. GEHEIM


Als ich neben Jo erwache, ist es mitten in der Nacht.

Die ersten bruchstückhaften Erinnerungen blitzen vor mir auf. Mein Gespräch mit Sawyer, der Streit mit Jo und dann … Dann dieses Gefühl, dieses Wunder! Diese unbeschreibliche Sache, die ich mir so vollkommen anders und doch genauso vorgestellt hatte.

Ich taste vorsichtig nach seiner Hand. Eng aneinandergeschmiegt liegen wir nebeneinander. Ich finde sie, nur wenige Zentimeter neben meinem Gesicht. Sie ist groß und warm. Ich schiebe meine Hand darunter.

Ob er auch schon wach ist? Was wird das Erste sein, das er zu mir sagt? Was werde ich sagen? Oder reden wir gar nicht und knüpfen einfach dort an, wo wir aufgehört haben?

Ich verziehe den Mund zu einem wissenden Grinsen. Jetzt ist alles anders. Ich bin anderes. Wir sind es.

Auf einmal überkommt mich das kindisches Bedürfnis, zu Nume zu laufen und ihr davon zu erzählen. Wie albern, wie dumm … wie schön …

Ich lasse meinen Blick über die total zerwühlte Bettdecke schweifen. Mein rechtes Knie schaut hervor. Aber mir ist nicht kalt. Mir könnte gar nicht wärmer sein.

Dafür habe ich Durst und schaue mich suchend im Halbdunkel um. Irgendwo müsste noch eine Wasserration herumstehen. Ich wollte sie mit zum Training ins Feuerland nehmen, hatte sie aber vergessen.

Ich scanne die Ablage neben dem Bett, dann den Rest des Raumes. Dabei fällt mein Blick auf unsere Klamotten. Ein textiles Schlachtfeld, vom Bett bis zu dem kleinen Tisch, an der Wand.

Jo bewegt sich leicht hinter mir. Gleich wird er definitiv aufwachen. Und dann durchzuckt mich plötzlich dieser unwillkommene Gedanke.

Es sind seine Schuhe, achtlos von den Füßen gestreift, während wir uns gegenseitig unserer Kleider entledigten. Sie befinden sich nur einen Meter entfernt und tragen noch immer die verräterischen Spuren der Erdoberfläche. Doch es sind nicht bloß Schuhe. Es ist ein Hinweis, eine Gedächtnisstütze.

Jo war zwei volle Tage ohne erkennbaren Grund im Feuerland und ich weiß noch immer nicht warum. Zugegeben, es hat mich in den letzten Stunden auch nicht sonderlich interessiert, aber vergessen habe ich meine Sorgen und meine Zweifel nicht.

»Hey«, flüstert Jo hinter mir und holt mich zurück ins Hier und Jetzt.

Ich räuspere mich. Mangels Wasser ist meine Kehle noch immer ganz trocken. Ich gebe also nur einen kleinen Laut von mir, der auch von einem pelzigen Tier hätte stammen können, und winde mich aus seiner Umarmung.

Ein wenig schäme ich mich, nackt wie ich nun mal immer noch bin, den halben Raum zu durchqueren und sein Hemd vom Boden aufzulesen. Schnell streife ich es mir über und vergesse dabei, dass ein Großteil der Knöpfe sich ebenfalls noch auf dem Boden befinden. Erleichtert finde ich einen intakten Knopf und ziehe mich so notdürftig an.

Vom Bett kommt ein zaghaftes: »Alles o. k.?«

Ich nicke verstohlen und finde endlich die verdammte Wasserration. Nach ein paar Schlucken trage ich sie zu Jo. Er nimmt sie dankbar entgegen und trinkt ebenfalls etwas.

Im sanften Licht des Leuchtstreifens über meinem Bett sieht er makellos aus. Wahrscheinlich würde er es ebenso bei gleißendem Tageslicht tun. Aber die Schatten, die jeden einzelnen seiner definierten Muskel umzeichnen, lassen ihn wie eine der alten Skulpturen aussehen. So welche, wie es sie in den Städten gibt. Aus weißem Stein mit glatter Oberfläche.

Es kostet mich einige Überwindung, ihn nicht lüstern anzustarren.

»Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole«, beginnt er erneut, »alles o. k.?«

Ich lächele ihn an.

»Ja. Alles o. k. … mehr als das, denke ich.«

Er streckt die Hand nach mir aus und schiebt sie an meinem Ohr vorbei in mein Haar. Wieder bin ich froh, es nicht abgeschnitten zu haben.

»Komm wieder her«, fordert er mich auf und zieht seine Hand zurück, um die Decke ein Stück anzuheben.

Ich krieche darunter und schmiege mich an ihn. In meinem ganzen Leben habe ich mich nicht so gut gefühlt, so sicher und so lebendig. Als wären die vergangenen Stunden nur das Resultat aus allem, was ich bisher getan und entschieden habe. Als hätte mein Leben nur den einen Zweck gehabt, nämlich hier im Hauptquartier der Division, mit diesem Feuerlandwanderer in genau diesem Bett zu liegen.

Wieso also drängt mein Verstand mich dazu, die wohl perfekteste Situation der Welt mit nur einer Frage zu zerstören? Ich finde darauf keine Antwort und kann nicht verhindern, dass mein sagenhaft sadistischer Verstand die Worte formuliert. Sie mitten in die Stille des von Glück erfüllten Raumes entlässt.

»Wo bist du gewesen, Jo?«

Ich spüre sofort, wie er sich anspannt. Egal was er mir antworten wird - sofern er dies überhaupt vorhat -, es muss ihn ziemlich belasten. Er wird also entweder lügen oder mir gleich etwas sagen, das ich vielleicht gar nicht hören will. Beide Optionen gefallen mir kein bisschen.

Eine quälend lange Minute bleibt es still. Ich werde meine Frage nicht wiederholen. So viel Selbstachtung habe ich. Er muss es mir erklären. Er muss es einfach. Sollten Geheimnisse zwischen uns jemals akzeptabel gewesen sein, so hat sich diese Regelung heute Nacht geändert. Ich bin ein offenes Buch für ihn und erwarte umgekehrt dasselbe.

»Nova …«

Dann wieder nichts.

»Nova, ich will dich nicht anlügen. Wirklich nicht.«

»Dann tu es nicht«, erwidere ich kleinlaut.

Er zieht scharf die Luft ein.

»Es geht nicht anders. Du musst mir einfach vertrauen. Kannst du das tun? Bitte … vertrau mir einfach.«

Unter anderen Umständen hätte ich es getan.

Damals im Auto, mitten im Feuerland, als Jo sich weigerte, mir sein ominöses Geheimnis anzuvertrauen, habe ich stillgehalten. Und wahrscheinlich gibt es kaum einen Menschen auf dem Erdball, welchem ich mehr vertraue. Trotzdem! Jetzt und hier kann ich nicht einfach still sein und ihn weiter Rätselhaftes sagen und tun lassen. Ich muss es wissen!

»Vertrauen entsteht nicht einfach so. Vertrauen muss man sich verdienen. Und allmählich habe ich das Gefühl, dass du alles daran setzt, mein Vertrauen mit Füßen zu treten.«

Ich sage die Worte leise und so gefasst wie nur möglich. Ich will mich nicht wieder streiten. Ich will mich NIE wieder streiten. Aber er ist am Zug und ich werde nicht klein beigeben.

»Ich verstehe es ja. Aber bitte verzichte in dieser einen Sache auf eine Erklärung. Du musst das für mich tun.«

Ein kleiner Teil in mir will nachgeben. Seine Stimme klingt so ernst, so flehend. Aber der Teil ist zu klein und sein Gegenpart gigantisch. Ich kann nicht nachgeben.

»Du musst ehrlich zu mir sein, sonst …«

Ja, was eigentlich sonst? Lüge ich ihn dann auch an, nur um ihn zu strafen, oder will ich ihn nicht mehr sehen? Dazu wäre ich nicht mal fähig. Mir fehlt hier eindeutig ein Druckmittel.

»Nova …«

»Sonst machst du alles kaputt.«

So! Das trifft es auf den Punkt. Er riskiert unser beider Vertrauen, unsere unabwendbare Verbindung, die so viel mehr wert ist als sein blödes Geheimnis.

»Meinst du das ernst?«, fragt er unsicher.

»Ja.«

Darauf folgt eine weitere Minute Schweigen, welche sich allerdings wie eine Stunde anfühlt.

Schließlich angelt Jo nach seiner Unterwäsche und streift sich sogar die dreckige Hose wieder über.

Einen Moment lang befürchte ich, er könne einfach abhauen. Mich hier zurücklassen und die Bewahrung seiner düsteren Geheimnisse meiner Gesellschaft vorziehen. Doch dann beginnt er im Raum auf und ab zu laufen. Dabei fährt er sich immer und immer wieder durch die Haare und scheint geradezu körperliche Barrieren überwinden zu müssen, um sich selbst die Informationen zu entlocken und sie mir zu offenbaren.

Plötzlich bleibt er stehen und deutet mit dem Finger auf die Armaturen neben der Tür.

»Mach das funktionsuntüchtig«, befiehlt er.

»Was?«, krächze ich verständnislos.

»Zerstöre es. Falls versehentlich irgendwas aufgezeichnet oder überwacht wird, ist es hier nicht möglich, offen zu sprechen.«

Ich staune nicht schlecht. Ist mein Freund jetzt wahnsinnig?

»Ich werde auf gar keinen Fall den CutOut demolieren, zumal es total irrsinnig ist. Arros überwacht niemanden von uns. Ganz sicher nicht!«

»Ich würde mich dann besser fühlen. Tu es einfach.«

»Nein!«, erwidere ich immer noch ehrlich erstaunt und springe aus dem Bett.

Schnell streife ich mir ebenfalls meine Hose über und tausche das Hemd gegen mein Tanktop. Dabei entgeht mir keinesfalls der kurze Blick, den Jo auf meinen entblößten Oberkörper wirft. Seltsamerweise verschafft er mir dieses Mal Selbstvertrauen, anstatt mich zu verunsichern.

»Komm. Es gibt andere Möglichkeiten, sich ungestört zu unterhalten.«

Damit öffne ich die Tür und rausche hinaus. Jo folgt wenige Sekunden später. Die Schuhe in der Hand, wollte er es offenbar nicht wagen, mit nacktem Oberkörper durch die Gänge des nächtlichen CutOuts zu schleichen.

Wir durchqueren die totenstille, große Ebene und ich führe Jo hinaus. Welcher Ort könnte für solch eine Unterhaltung geeigneter sein als unser Ort? Unser geheimer Platz an der Nachtsonne.

Jo sieht nicht begeistert aus. Trotzdem lässt er sich neben mir nieder.

Über uns befinden sich die Sterne. Ein Anblick, welcher schöner nicht hätte sein können, in einer Nacht, die eigentlich die bedeutendste meines Lebens hätte sein sollen. Nun wird sie vielleicht die enttäuschendste.

»Ist dir dieser Ort nicht recht?«, frage ich gespielt amüsiert. »Soll ich vielleicht nach Kameras oder Mikrofonen suchen?«

»Nein. Ist schon in Ordnung. Ich will nur nicht …«

»Was willst du nicht?«

»Ich verbinde hiermit nur schöne Erinnerungen. Ich will das nicht kaputt machen.«

Wieder überkommt mich das ungute Gefühl, dass ich gleich Dinge zu hören bekomme, die ich lieber nicht wissen möchte. Doch ich sage nichts weiter.

Eine Weile starren wir in die Nacht. Ich habe Angst mich zu bewegen. Als könnte jede noch so kleine Geste von mir ihn umstimmen. Ich spüre, wie sehr er mit sich ringt.

Als er schließlich zu sprechen beginnt, fühlt es sich fast unnatürlich an, die Stille der Nacht mit unserer Unterhaltung zu stören.

»Du darfst es niemandem sagen, Nova. Hörst du? Niemandem! Auch nicht Jakob oder Nume.«

Ich nicke energisch. Wenn er mich darum bittet, werde ich mich an mein Versprechen halten. Schließlich ist das Motto dieser Nacht "Vertrauen".

»Du wolltest wissen, wo ich die letzten zwei Tage war. Die Antwort darauf ist nicht einfach zu begreifen und zieht ‘ne Menge anderer Fragen nach sich. Ich will versuchen, es so gut ich kann, zu erklären, aber du musst mir versprechen, absolutes Stillschweigen zu bewahren. Niemand darf es erfahren.«

Ich frage mich, wie oft er diese Ansage noch wiederholen will. Es scheint, als würde er nur Zeit schinden.

»Jo. Ich verspreche es. Ganz sicher. Ich werde es niemandem erzählen.«

»Es wird dir schwerfallen.«

»Ich strenge mich eben an.«

Er reibt die Hände aneinander, als wäre ihm kalt, dabei sind es gefühlte 1000 °C hier draußen.

»Jo?«, wage ich einen neuen Anlauf, »wo bist du gewesen?«

So sehr er sich um die Antwort gedrückt hat, so schnell schleudert er sie mir plötzlich entgegen.

»Ich war bei den Grauen.«

Unfähig darauf etwas zu erwidern, blinzele ich nur ein paar Mal und starre ihn verständnislos an.

»Das klingt jetzt ganz anders, als es eigentlich ist. Ich meine, es sind nicht die Grauen, an die du jetzt denkst. Nicht diese Armee, die an den Schiffen gebaut hat. Es sind … andere.«

Es dauert, bis ich einen zusammenhängenden Satz artikulieren kann.

»Nicht die … Grauen? Welche dann? Wovon redest du da?«

»Ich weiß etwas mehr über diese Menschen als du oder Sawyer«, gibt er zögerlich zu.

Ich bin noch nicht ganz sicher, ob mich das wütend oder bloß neugierig macht. Also hebe ich nur das Kinn, um ihm zu zeigen, dass ich mehr hören will.

»Es gibt Menschen da draußen, Nova. Ich meine RICHTIGE Überlebende. Menschen, die noch von den Leuten aus der alten Zeit abstammen.«

Ich habe keine Ahnung warum, aber ich lache plötzlich hysterisch auf. Es überkommt mich einfach. Wie ein Schluckauf.

»Was redest du da? Das ist nicht möglich! Wir wüssten davon. Die Regierung wüsste davon.«

»Die Regierung WEIß davon.«

Ich verstehe nun gar nichts mehr. Meine Fingerspitzen kribbeln, als ich mich schlagartig daran erinnere, wie ich Jo vor einiger Zeit von den grauen Markierungen auf den Krankenakten berichtet habe. Er konnte sich keinen Reim darauf machen. Genau wie ich und Sawyer.

»Du hast gelogen!«, keuche ich. »Als ich dir von den Grauen erzählt habe, hast du mich angelogen. Du wusstest, dass es sie gibt! Warte! Noch mehr als das, oder? Du weißt, was sie sind!«

Meine Worte überschlagen sich beinahe, so durcheinander bin ich.

»Ja. Das versuche ich ja gerade zu erklären. Die Menschen, die ihr und unser idiotischer Souverän als "Graue" bezeichnet, sind nichts anderes als die Überreste der alten Zivilisation. Es sind Menschen wie du und ich. Aber sie leben hier draußen. Schon von Anfang an.«

»Das ist nicht möglich«, erwidere ich kopfschüttelnd, »hier kann nichts und niemand überleben. Es gibt einen Grund, warum die HUBs existieren!«

»Sicher. Der Grund ist Kontrolle.«

»Nein, Jo. Es ist mehr als das. Auch wenn die Regierung fragwürdige Methoden hat, so wurden die HUBs doch nur aus einem Grund gebaut: Um unser Überleben zu sichern.«

»Du meinst, um EIN Überleben zu sichern. Das die HUBs existieren, schließt andere Überlebende ja nicht aus.«

Ich starre ihn ungläubig an.

»Und du warst bei ihnen? Zwei Tage lang?«

Er schüttelt den Kopf.

»Nein. Nicht die ganze Zeit. Der Weg ist lang und ich musste aufpassen, wegen der Soldaten. Ich war nur ein paar Stunden dort.«

Ich bekomme es einfach nicht in den Schädel. Was versucht Jo mir hier zu sagen?

»Woher wusstest du, wo sie sind? Wie kamst du überhaupt auf die Idee? Und wann? Wann hast du beschlossen, diese Menschen aufzusuchen.«

»Vor etwa fünf Jahren.«

Mein Hirn scheint im Inneren meines Schädels zu rotieren. Obwohl ich auf der Erde sitze, habe ich das Gefühl, das Gleichgewicht zu verlieren.

»Was?«, zische ich.

»Ich kenne diese Leute schon eine ganze Weile. Wenn man Späher ist, oder werden will, kommt man viel rum. Das weißt du ja. Und so bin ich eines Tages eben auf sie gestoßen.«

»Im Vorbeigehen oder was? Jo! Das kann doch nicht dein Ernst sein!«

»Es ist eine lange Geschichte«, sagt er abweisend.

»Ich hab die ganze Nacht Zeit!«

»Ich meine ja nur, es genügt doch, wenn ich versuche, dir zu erklären, wieso mir das alles so wichtig ist.«

»Ich bin ganz Ohr!«

»Die Grauen, wie ihr sie nennt, sind wie gesagt Menschen, die im Feuerland leben. Über die Jahrzehnte haben auch sie sich weiterentwickelt, sich ihrer Umgebung angepasst. Sie sind anders als wir. Ich will es nicht primitiv nennen … eben anders. Sie haben gelernt, sich der Situation anzupassen, und nachdem das System der HUBs sich zu dem entwickelt hat, was wir heute kennen, wurde es für sie immer schwerer.«

Er schaut nach oben zu den Sternen und überlegt kurz. Ich habe vergessen, wie man spricht. Ich bin nur noch eine nutzlose Hülle, die fassungslos zuhören kann.

»Du weißt ja, anfangs ließen sie niemanden in die HUBs hinein und dann, später - und ich meine viel später - begannen sie, die Überlebenden zu jagen. Sie sammelten sie praktisch ein und verfrachteten sie an einen anderen Ort.«

»Wie "an einen anderen Ort"?«

»Ich würde auf denselben Ort tippen, den Sawyer versucht zu finden. Da, wo sie die Schiffe bauen.«

Plötzlich fällt mir ein, dass Jo noch gar nichts von Anny weiß, aber ich will ihn nicht unterbrechen. Anny, der Souverän und Sawyers Pläne sind mir gerade herzlich egal.

»Das bedeutet, es gibt Graue, die an den Schiffen bauen, die wiederum nichts anderes sind als entführte Menschen aus den Reihen deiner … Freunde?«

»Genau.«

»Wie viele von ihnen gibt es? Ich meine da draußen?«, frage ich und deute mit dem Finger in die dunkle Weite.

»Ne Menge.«

Das ist ziemlich ungenau, aber ich will nicht zu fordernd wirken.

»Aber wie haben sie überlebt? Ich meine, wie ist das möglich?«

»Es ist eine Entwicklung. Sie haben sich angepasst, haben Mittel und Wege gefunden.«

»Und leben sie auch unter der Erde, so wie wir?«

»Die meisten schon. Also nicht in HUBs, aber unter den alten Städten und in Höhlen. Aber sie können die Temperaturen ebenfalls besser ab als die Commons. Es hat sich über die Generationen hinweg so entwickelt. Es ist wie eine natürliche Version des Drift-Gens, nur eben ohne Drift …«

Er zuckt mit den Schultern.

»Ich weiß nicht, wie ich es besser beschreiben soll. Es ist einfach so. Sie sind da und sie kommen gut klar.«

»Jo?«

»Hmm?«

»Wieso hast du mir das nie erzählt? Ich meine, was würde passieren, wenn Sawyer und die anderen es erfahren?«

Er versteift sich merklich unter meinem Blick und wirkt eine Sekunde lang richtig kampflustig. Ich wundere mich, dass meine simple Frage bei ihm diese Reaktion hervorruft.

»Ich muss sie schützen, verstehst du das nicht? Für sie sind wir alle gleich. Blaue, Gelbe, die Division. Ich bin der Einzige, dem sie vertrauen. Niemand darf von ihnen erfahren!«

Ich habe das Gefühl, diese Rechtfertigung ist nur die halbe Wahrheit.

»Und das ist es also? Das ist dein Geheimnis?«

Er wendet den Blick ab, nickt aber kurz.

»Da ist noch mehr, oder etwa nicht?«, stochere ich weiter.

Jo dreht sich langsam zu mir um und vermeidet es stoisch, mir direkt in die Augen zu sehen. Ich würde am liebsten schreien.

»Du musst das verstehen. Diese Leute sind für mich wie eine Familie. Sie sind ein Teil von mir und ich würde alles für sie tun. Du kannst dir das jetzt nicht vorstellen, weil sie für dich nur eine unbekannte Ziffer sind, eine imaginäre Vorstellung, aber für mich sind sie Brüder, Schwestern und … Eltern zugleich.«

Er nimmt meine Hand und schaut sie lange an. So als könne er in ihr etwas ablesen.

Seine Worte berühren mich. Ich kann verstehen, dass mein Freund, der in einem blauen HUB aufgewachsen ist und niemals erfahren durfte, was eine Familie ist, sich einen Ersatz gesucht hat. Trotzdem bleibe ich wachsam. Ich spüre, dass er noch nicht fertig ist. Das dicke Ende kommt erst noch.

»Nova«, er hebt den Blick und sieht mich ernst an, »ich kann hier nicht weg.«

Ich höre seine Worte, aber die Botschaft dringt nicht zu mir durch.

»Was meinst du damit? Wo nicht weg?«, frage ich unsicher.

»Ich kann nicht mit, nach Salgaia. Weil sie es auch nicht können und weil ich hierbleiben will!«

Der entfernte Planet war für mich nie greifbar. Überhaupt, die Vorstellung schon in naher Zukunft ein Raumschiff zu besteigen und die Erde zu verlassen - damit habe ich mich eigentlich nie genauer befasst. Zu vieles ist geschehen, zu viel ist noch zu tun, aber natürlich, wenn alles vorüber ist, wenn der Krieg geführt und die Fronten geklärt sind, dann werden die Menschen die Erde verlassen und nach Salgaia gehen. Das war schon immer der Plan. Schon zu Alois Beziers Zeiten war dies das Ziel. Und nachdem wir wissen, dass die Raumschiffe fertigstellt und bereit sind, wäre es auch für Jo, mich und all die anderen Mitglieder der Division die letzte Etappe auf unserem Weg. Der Aufbruch nach Salgaia. Vereint. Blaue und Gelbe, gemeinsam.

»Du willst hierbleiben? Hier?«, stammele ich.

»Ja. Das will ich.«

Plötzlich ziehen die Bilder wie Schatten vor meinem inneren Auge vorüber.

Jo, der den CutOut schon ganz kurz nachdem Mailo, Sawyer und ich ihn aus dem HUB gerettet haben, immer öfter zum Spähen verlässt.

Er hat sich mit seiner "Familie" getroffen.

Jo, der meine Entdeckung der Grauen ungerührt abtut, als wäre es nicht wichtig.

Er wollte seine Freunde beschützen.

Jo, der in dem riesigen Gebäude in der alten Stadt auf ein Hologramm starrt und den Einsatzbefehl liest. Es war nicht der Schock über die große Zahl an Grauen, die der Souverän uns entgegensetzen wollte.

Er hatte Angst um sie. Er wusste, dass sie gegen ihren Willen dazu gezwungen wurden.

»Du hast mich die ganze Zeit über belogen. Mich und die anderen.«

Ein panischer Anflug huscht über sein Gesicht.

»Es musste sein. Ich konnte nicht anders.«

»Nein, du wolltest nicht anders. Du hättest es mir sagen können. Wie oft warst du draußen, um bei ihnen zu sein?«

Er senkt den Blick.

»Beinahe jedes Mal, wenn ich den CutOut verließ, ging ich zu ihnen.«

Da wird es mir klar. Wie blind ich doch war! Aber woher hätte ich es wissen sollen?

»Deswegen wolltest du mich nicht dabei haben. Jo, ich dachte du machst dir Sorgen um meine Sicherheit! Ich hatte solche Angst, dich zu enttäuschen, als wir das erste Mal gemeinsam rausgingen, um die Soldaten zu belauschen. Gott war ich dämlich!«

Ich entziehe ihm meine Hand und springe auf.

»Aber ich HABE mir Sorgen gemacht!«, erwidert er und steht ebenfalls auf.

»Wohl eher um deine geheimen Treffen!«, gebe ich barsch zurück.

Ich bin plötzlich so sauer. So verletzt und überfordert mit all den neuen Informationen.

Jo weiß nicht, was er erwidern soll, und scharrt unsicher mit einem Fuß im Sand.

»Und jetzt erwartest du von mir, dass ich den anderen nichts von diesen Menschen sage, obwohl die uns möglicherweise den zahlenmäßigen Vorteil gegenüber den Blauen bieten könnten?«

Ein wütender Zug tritt in seine Miene.

»Du begreifst nicht, was ich versuche dir zu sagen, oder? Für diese Leute gibt es keine Platzreservierung. Sie können nicht mitkommen nach Salgaia. Selbst wenn wir gewinnen, müssten sie hierbleiben. Sollen wir sie dafür in die Schlacht schicken? Damit WIR hier wegkommen? Was würde uns dann noch von der Regierung unterscheiden?«

Frustriert und aufgebracht über diese irrwitzige Unterhaltung keife ich zurück: »Dann bauen wir eben noch mehr Schiffe, sobald das System gestürzt ist!«

»Die haben über hundert Jahre gebraucht, um diese Teile zu bauen, Nova! So was verdoppelt man nicht mal eben! Versteh doch: Es gibt hier keinen Plan B! Sie müssen hierbleiben oder die Gelben müssen es. Und das wird nicht geschehen.«

Die Verzweiflung droht mich unter sich zu begraben. Ich weiß nicht, was ich noch erwidern kann. Es ist alles so verrückt und so erschreckend.

Ich trete einen Schritt zurück, vergrößere den Abstand zwischen ihm und mir, dabei fühlt es sich ohnehin an, als läge eine breite Schlucht zwischen uns.

»Und dann ist deine Lösung also, das ich in ein paar Wochen oder Monaten eines dieser Schiffe besteige und du hier bleibst. Bei denen«, füge ich schroffer als geplant hinzu.

Als Antwort auf meine Frage, die eindeutig eher eine Feststellung ist, erhalte ich nur einen undurchdringlichen Blick.

Jo ist wieder zu Joaquim geworden und setzt seine Maske auf. Selbst wenn ich Majas Fähigkeiten hätte, würde ich nicht herausbekommen, was er denkt. Demnach habe ich ins Schwarze getroffen.

Nicht nur, dass Jo mich fast zwei Jahre lang hintergangen hat, er fühlt sich diesen Menschen mehr verpflichtet als der Division und vor allem … vor allem ist er bereit, mich gehen zu lassen, um bei ihnen zu bleiben.

Ich habe mir nie wirklich etwas unter einem gebrochenen Herzen vorstellen können. Wie soll ein Herz brechen? Liebe ist letztendlich auch nur ein chemische Reaktion. Wenn auch sehr komplex und einzigartig für jeden, der sie erfährt, ist es nur ein Überschuss an Hormonen und irgendwelchen Botenstoffen, die dem Gehirn sagen: Du bist verliebt!

Doch jetzt gerade, hier im Feuerland, unter der Nachtsonne, nachdem Jo und ich den Höhepunkt unserer Beziehung mit der wohl seltsamsten Unterhaltung aller Zeit gekrönt haben, weiß ich es genau. Ich erfahre am eigenen Leib, wie sich solch ein gebrochenes Herz anfühlt. Viel schlimmer ist aber, dass ich keine Ahnung habe, wie man es heilt.