5. ALTE LIEBE …
»Da stand mein Name drauf!«, brummt Arros, als ich ihm das letzte Stück Gebäck vor der Nase wegschnappe.
Der kleine Klumpen in meiner Hand hat keine richtige Form, ist weder als ein Muffin noch als Kuchen oder Brot zu identifizieren. Offenbar ist auf der Nahrungs-Ebene irgendwas gehörig schiefgelaufen oder der, der für das Backen zuständig ist, gehört zu den noch im Feuerland Verschollenen.
Sofort denke ich an Jo, der in diesem Moment nach den verschwundenen CutOut-Bewohnern sucht. Ich hoffe, er und die anderen Späher finden unsere Freunde bald. Nur Bobby können sie gerne draußen lassen. Mein ungeliebter Trainingsgegner soll ruhig noch ein paar Tage an der Oberfläche ausharren.
»Teilen?«, frage ich Arros und er grunzt zustimmend.
Ich breche das krümelige Etwas in zwei Hälften und übergebe Arros seinen Anteil. Dann setze ich mich zu den anderen. Jos Platz bleibt leer. Ich winke Nume zu und sie füllt die Lücke freudig.
»Und? Ist dein Agrar-Level wieder unter Kontrolle? Läuft alles?«, frage ich sie.
»Das wäre schön, aber ich fürchte, es wird noch eine Weile dauern, bis der Rückstand aufgeholt ist. Vieles ist eingegangen, und um nachzusäen, müssen wir die Felder erst vorbereiten. Ich hoffe, ich krieg das schnell wieder in den Griff.«
Sie seufzt und scheint in Gedanken schon wieder bei der Arbeit zu sein. Ich beneide sie ein wenig darum. Mir persönlich fehlt gerade ein Ziel.
Als damals alles anfing, war mein einziges Ziel, heil aus HUB 1 zu flüchten. Dann wollte ich mich der Division anschließen und die wichtigste Botschaft der Welt unter das Volk bringen. Danach dachte ich nur noch an Jo und dann an den CutOut und Nume. Jetzt bin ich etwas orientierungslos. Ich kann nur hoffen, dass Sawyer nicht untätig war und uns einen meisterhaften Plan vorlegt. Aber so wie ich ihn kenne, muss ich mir da keine Sorgen machen.
»Pete? Können wir?«, fragt Sawyer seinen Protokollanten und dieser nickt eifrig.
Genau wie ich ist Pete ein Common mit Drift. Und beinahe wie ich hatte er das große Glück der Gehirnwäsche zumindest in Teilen zu entgehen. Ein angenehmes Gefühl überkommt mich, als er sein mobiles Terminal zückt und sich neben Sawyer niederlässt.
Das Forum tagt wieder.
Ein Stück Normalität kehrt ein und damit hoffentlich auch unser Glaube an den Sieg über die Regierung.
»Gut«, beginnt Sawyer und lässt seinen Blick zunächst über die Teilnehmer schweifen. »Da sind wir also wieder. Ich freue mich, zurück zu sein, und vor allem freue ich mich, dass die Übernahme des CutOuts so hervorragend funktioniert hat.«
Er wirft Nume und Pete einen glücklichen Blick zu und sie strahlen ihn unverhohlen an.
»Wie ihr wisst, sind die Späher noch draußen und suchen nach den anderen. Ich bin mir sicher, dass sie bald mit unseren Freunden zurückkehren werden, und dann sind wir endlich wieder komplett.«
Er setzt sich gerade hin und verschränkt die Arme vor der Brust. Offenbar ist der rührende Teil nun vorbei.
»Bevor wir uns mit Taktik befassen, muss ich erst noch etwas zur Abstimmung stellen.«
Er sieht zu mir rüber.
»Es geht um Ruben. Der Mann könnte ein Problem werden. Ich kann unmöglich alleine entscheiden, ob er bleiben darf oder nicht. Wir müssen abstimmen.«
»Aber Jo ist nicht da!«, wirft Nume sofort ein. »Und auch wenn Jakob kein Sektionsleiter ist, sollte er ebenfalls eine Stimme haben, oder nicht?«
Ich nicke eifrig, um die Einwände meiner Freundin zu unterstützen, obwohl ich mir selbst nicht mal sicher bin, wie ich stimmen werde.
»Ich habe Jo bereits um seine Meinung dazu gebeten und werde für ihn mitstimmen. Was Jakob angeht, der bleibt außen vor.«
»Das ist nicht fair, Sawyer«, setze ich an.
»Jakob hatte seine Chance, über Rubens Schicksal zu bestimmen, als er die Entscheidung traf, ihn aus seinem HUB zu entführen. Seitdem hat sein Onkel eine Spur der emotionalen Verwüstung hinterlassen. Von den verräterischen Aktivitäten mal ganz abgesehen«, stellt Sawyer ernst fest.
»Ich hab ja gleich gesagt, wir hätten ihn nicht mitnehmen sollen«, brummt Arros, »aber hört hier mal einer auf mich? Nein!«
»Wie auch immer«, sagt Sawyer und wedelt alle Argumente mit der Hand weg, »wir werden also abstimmen.«
Pete hält sein Terminal so hoch, dass er sich fast dahinter verstecken kann. Ob er so in der Lage ist, die Abstimmung besser zu dokumentieren oder einfach bloß Angst vor dem Ergebnis hat, kann ich nicht deuten.
»Wenn wir entscheiden, dass Ruben bleibt, dann ist das keine halbe Sache. Entweder der Mann gehört zu uns oder nicht. Steht es unentschieden, urteilen wir zu seinen Gunsten. Wenn er bleibt, werden wir ihn weder meiden noch von weiteren Plänen ausschließen. Einen internen Zwist können wir uns gerade nicht erlauben. Ganz oder gar nicht also.«
Sawyer lehnt sich zurück und fragt: »Wer ist dafür, dass Ruben geht?«
Pratap hebt als erster die Hand. Dann Arros und Sawyer. Drei Stimmen gegen Ruben.
Ich bin auf einmal sehr aufgeregt. Wie soll ich mich entscheiden?
»Ich bin dafür, dass er bleibt!«, sagt Nume schnell und ich stelle eine seltsam kameradschaftliche Entschlossenheit in ihrer Stimme fest.
Obwohl ich ihr erst vor wenigen Stunden alles über Rubens Tat im HUB 1 erzählt habe, scheint sie sich auf seine Seite stellen zu wollen. Ich bin nicht sicher, ob ich wütend oder dankbar sein soll? Hin- und hergerissen rechne ich nach. Es steht drei zu eins gegen Ruben. Nun hängt alles von Jo und mir ab.
»Wie hat Joaquim gestimmt?«, will Nume wissen, als hätte sie meine Gedanken gelesen.
»Er ist dafür, dass Ruben bleibt«, erwidert Sawyer.
Mein Gesicht beginnt zu kribbeln, als alle Anwesenden mich anstarren. Ich bin nun für Rubens Schicksal verantwortlich. Soll er bleiben oder schicke ich ihn in die Verbannung?
Fieberhaft horche ich in mich hinein. Soll er weiter zur Division gehören? Was würde geschehen, wenn ich gegen ihn stimme? Könnte er sich draußen durchschlagen? Er würde nirgends mehr dazugehören, wäre auf sich allein gestellt.
Die anderen warten auf meine Entscheidung. Ich platzte fast vor Unsicherheit. Am liebsten würde ich Jo fragen, warum er sich FÜR Ruben entschieden hat. Vielleicht würden mir seine Beweggründe bei dieser Entscheidung helfen? Doch Jo ist gerade nicht verfügbar und ich bin auf mich gestellt.
»Ich …«, stoße ich unsicher aus, »ich …«
»Wenn du dir nicht sicher bist, Kind, dann schick ihn weg. Vielleicht ist das nur gut für dich«, rät Arros mir.
Ich fühle mich total unter Druck gesetzt. Hier geht es nicht darum zu entscheiden, ob der CutOut neue Lampen bekommt oder wir regelmäßige Spieleabende veranstalten sollen. Es geht um einen Menschen.
»Ach verdammt!«, fluche ich. »Dann bleibt er eben!«
Über Sawyers Gesicht huscht ein Lächeln. Nur für den Bruchteil einer Sekunde. Das irritiert mich. Habe ich seine Erwartungen gerade erfüllt? Oder, unvorstellbar, hat er mich manipuliert?
Während Pete das Abstimmungsergebnis unnötigerweise noch einmal laut vorträgt, grüble ich. Ich hätte wetten können, dass Sawyer für Rubens Anwesenheit stimmt. Warum weiß ich nicht, aber ich war mir sicher. Dadurch, dass er es nicht getan hat, blieb die Entscheidung an mir hängen. Ansonsten hätte ich mich auf dem Urteil der anderen ausruhen können. Aber so musste ich den Ausschlag geben. Ich traue es Sawyer zu, dermaßen auf Risiko zu spielen. Immerhin hätte Nume sich auch anders entscheiden können. Oder Pratap.
Die Abstimmung lässt mich nachdenklich zurück. Zum Glück bleibt keine Zeit, die Sache weiter zu hinterfragen, denn Sawyer schneidet bereits das nächste Thema an.
»Es gibt ausnahmsweise mal gute Neuigkeiten«, beginnt unser Anführer.
Entweder hat mich meine Menschenkenntnis inzwischen vollends im Stich gelassen oder irgendetwas stimmt nicht. Sawyers Körperhaltung, sein Blick und die Tonlage seiner Stimme lassen mich darauf schließen, dass er Schlechtes zu berichten hat. Seine Aussage, es gäbe gute Nachrichten und sein Verhalten passen absolut nicht zueinander.
»Wir haben einen neuen Kontakt aufgetan. Mit dessen Hilfe werden wir nicht nur den Ort ausfindig machen, an dem die Raumschiffe gebaut werden beziehungsweise wurden«, korrigiert er sich, »wir finden dank der hilfreichen Unterstützung auch heraus, wo diese grauen Horden leben.«
»Horden?«, fragt Nume leicht belustigt.
Ich selber kann mir nur knapp ein Grinsen verkneifen, dabei gibt es eigentlich keinen Grund über das Thema "Graue" zu lachen. Es muss an Nume liegen. Ihr Verhalten erinnert mich an die gemeinsame Zeit im Schul-Bezirk. Dort hatten wir auch immer unseren Spaß.
»Dann eben Menschen. Wir finden heraus, wo diese grauen Menschen leben«, sagt Sawyer und betont das Wort "Menschen" dabei übertrieben.
Er scheint heute leicht reizbar. Keine Wunder, so viel wie er in letzter Zeit um die Ohren hat. Trotzdem bleibe ich misstrauisch. Irgendetwas ist im Busch. Mit Sawyer stimmt was nicht. Ich kneife neugierig die Augen zusammen.
»Sawyer … ich will nicht kritisieren, aber das letzte Mal als du -«, beginne ich kleinlaut, doch Sawyer schneidet mir sogleich das Wort ab.
»Ich WEIß! Das letzte Mal habe ich von einem tollen, neuen Kontaktmann geschwärmt und dieser entpuppte sich später als sadistischer Soziopath, der uns alle hat auffliegen lassen. Schon klar.« Er macht eine abwehrende Handbewegung und wirft mir einen grimmigen Blick zu. »Das müssen wir jetzt nicht wieder aufwärmen.«
Ich zucke zusammen. Was ist nur in ihn gefahren?
»Ich wollte dich nicht angreifen«, entschuldige ich mich verhalten. »Es ist nur - ich meine, bist du dir sicher, dass der neue Mann in Ordnung ist? Ist er vertrauenswürdig?«, hake ich weiter nach.
»Frau«, erwidert Sawyer plötzlich einsilbig.
»Was?«, frage ich.
»Es ist eine Frau. Kein Mann.«
»Gut, dann eben eine Frau. Können wir ihr trauen?«, stichele ich weiter. Meiner Meinung nach zu Recht.
Während Sawyers Miene immer finsterer wird, übernimmt Arros die Beantwortung meiner Frage. Er scheint zu fürchten, dass Sawyer gleich der Schädel platzt und das nicht unbegründet. Der Mann hat inzwischen eine pochende Ader auf seiner Schläfe und presst die Lippen aufeinander.
»Wir, ähm …, also wir kennen sie schon ziemlich lange. Von früher. Ich halte meine Hand für sie ins Feuer«, berichtet Arros und versucht dabei möglichst gelassen zu klingen, um Sawyers Verhalten entgegenzuwirken.
»Das hier ist was anderes als damals, mit Will … Kieran. Punkt.«
Mein Trainer reckt herausfordernd das Kinn in meine Richtung, während er dies sagt. So als wolle ich die unbekannte Dame miesmachen. Dabei kenne ich sie doch gar nicht. Was geht hier eigentlich vor?
»Was macht ihr denn so ein Geheimnis um die Tante?«, fragt Nume spitz. Offenbar ist sie allmählich genauso verwirrt ob des seltsamen Verhaltens unserer Gegenüber.
Sawyer springt auf und tut, als würde er etwas auf den Monitoren suchen. Ihn scheint die ganze Situation nervös zu machen.
»Keiner macht hier ein Geheimnis aus irgendwas!«, sagt Arros, schüttelt dabei hektisch den Kopf und hebt beschwichtigend die Hände.
Da sein Gesicht so unfassbar behaart ist, bin ich nicht völlig sicher, aber es scheint, als würde er rot anlaufen.
»Sie sitzt an geeigneter Stelle, ist bereits seit Jahren für die Regierung tätig. Sie weiß ‘ne Menge über die Schiffe und die Grauen, weil sie zum Forscher-Team gehört und saumäßig schlau ist. Sie kann uns alle nötigen Informationen geben und ist zu 100 % vertrauenswürdig«, er hält kurz inne und weicht meinem Blick aus. »Ihr Name ist Anny.«
Ich beiße mir fast die Zunge ab, als ich den Namen aus seinem Mund höre. Sein merkwürdiges Verhalten und Sawyers verdächtiger Versuch, dem Thema aus dem Weg zu gehen, unterstreichen meine Vermutung nur noch. Sawyers ehemalige Freundin hieß Anny.
»Und?«, fragt Nume verständnislos. »Ist doch super! Was macht ihr so einen Wind darum? Klingt doch vielversprechend, diese Anny?«
Anny.
Anny, die Sawyer das Herz gebrochen hat.
Anny, die ihn vor ein Ultimatum gestellt hat.
Anny, die die Division hasst!
Nume und Pratap blicken verwirrt in die Runde. Klar. Sie kennen die anrührende Geschichte ja auch nicht. Und ich sollte sie eigentlich auch nicht kennen, realisiere ich in diesem Moment. Deswegen weicht Arros mir aus. Sawyer hat keine Ahnung, dass sein hünenhafter Kumpel den Abschied von Anny, damals in der verlassenen Stadt, als das Traurigste bezeichnete, das er jemals erlebt hat. Und vor allem weiß Sawyer nicht, dass Arros mir, Jackson und Jo davon erzählt hat.
Schnell setze ich eine ungerührte Miene auf und lehne mich gespielt entspannt zurück.
»Ist doch toll. Wann treffen wir sie? Oder kommt sie her?«, frage ich gelassen.
»Hier her?«, fragt Sawyer fast schon erschrocken. Seine Stimme klingt schrill, beinahe wie die eines Mädchens. Ich verkneife mir ein Schmunzeln.
»Na, wenn sie so dermaßen vertrauenswürdig ist, kann sie doch herkommen. Was sollen wir da auf die alten Sicherheitsvorkehrungen pochen und sie irgendwo in der Wildnis treffen?«, füge ich hinzu.
Es ist gemein, aber ich habe beinahe ein wenig Spaß daran, Sawyer noch anzustacheln. Seine geradezu körperlich wahrnehmbare Reaktion auf diese Anny ist irgendwie niedlich.
Arros ergreift erneut das Wort, weil Sawyer mich nur noch mit großen Augen anstarrt und keinen Ton mehr herausbekommt.
»Könnten wir so machen. Natürlich muss Sawyer sie fragen, ob sie herkommen kann. Immerhin ist das nicht ganz ungefährlich. Sie arbeitet schließlich noch immer für die Gegenseite. Das sollte sie entscheiden. Vielleicht wäre ein Treffen, in der Nähe ihres HUBs oder wo immer sie sich befindet, geeigneter?«
Alle sehen Sawyer an. Dieser scheint sich in diesem Moment Anny im CutOut vorzustellen. Ganz offensichtlich ist der bloße Gedanke an ihre Anwesenheit für ihn so verstörend, dass man auch aus drei Meter Entfernung sehen kann, wie sich jedes einzelne Haar auf seinen Unterarmen aufstellt.
Ich beschließe der Sache den Stachel zu ziehen und die Unterhaltung in andere Bahnen zu lenken. Zum einen, weil ich endlich wissen will, wie es für die Division weitergeht, und zum anderen, weil ich fürchte, unser Anführer könnte vor lauter Emotionen das Bewusstsein verlieren. Sawyer sieht seit ich ihn kenne zum ersten Mal richtiggehend hilflos aus.
»Was versprechen wir uns denn von den neuen Informationen. Ich meine, was unternehmen wir, wenn wir wissen, wo diese Grauen sind?«, frage ich also.
Sawyer schleicht zu seinem Platz zurück und geht dankbar auf meine Vorlage ein.
»Wir vermuten, dass der Regierungssitz ganz in der Nähe der "Baustelle" sein muss. Man könnte eine Auseinandersetzung mit der grauen Armee aus dem Weg gehen und der Schlange einfach den Kopf abschlagen«, erklärt er uns.
»Aber ich dachte, wir gehen inzwischen davon aus, dass der Souverän und seine engsten Vertrauten mobil agieren? Immerhin waren sie in diesem HUB, wo Joaquim und die anderen gefangen gehalten wurden. Da wo sie diese Aufnahmen gemacht haben«, wirft Nume ein.
»Laut … Anny«, ihren Namen auszusprechen, kostet Sawyer einiges an Überwindung, »ist unser Regierungsoberhaupt zwar momentan permanent unterwegs, lässt sich aber immer wieder bei den Raumschiffen blicken. Darum vermuten wir auch, dass sie irgendwo in der Nähe ihre Basis haben.«
»Na, das klingt doch nach einem Plan?«, sagt Nume erfreut und klatscht in die Hände. »Gehen wir hin, machen sie nieder und das war's dann!«
»Sachte, sachte. Ungefähr so sollte es laufen, aber wir müssen zuerst wissen, wo die Grauen sich befinden und sichergehen, wo sich der Souverän aufhält. Es sollte beim ersten Versuch klappen. Wir wollen die Verluste so gering wie möglich halten«, erklärt Sawyer sachlich.
»Und wenn wir es nicht schaffen? Wie lautet Plan B?«, frage ich ihn.
»Dann werden wir es auf herkömmlichen Wege erledigen müssen.«
»Der wäre?«, fragt Nume neugierig.
»Wir kämpfen.«
Die Art, wie Sawyer dies sagt, lässt vermuten, dass wir definitiv den Kürzeren ziehen würden.
»Ich dachte, das Verhältnis zwischen Grauen und Gelben ist zu unausgewogen?«, spreche ich meine Bedenken aus.
»Das stimmt. Die Alternative wäre, aufzugeben«, sagt Arros.
»Kommt nicht infrage!«, ruft Nume sofort. »Wir haben schon zu viel erreicht. Wir müssen uns durchsetzen!«
»Sehe ich auch so«, pflichtet Arros ihr bei.
»Sehen wir erst mal, wohin uns die neuen Informationen von Anny führen«, schlägt Pratap vor.
Alle nicken. Keiner von uns will weitere Freunde im Kampf verlieren oder überhaupt sinnlos Blut vergießen. Wenn es wirklich eine Möglichkeit gibt, die ganze Sache mit einem punktgenauen Angriff zu regeln, wird dies unsere erst Option sein.
In diesem Moment geht die Tür auf und Maja stürmt herein.
Ich habe sie seit unserem Aufbruch vor einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr gesehen. Es mag Einbildung sein, aber sie wirkt viel größer und erwachsener als noch vor ein paar Wochen.
»Sie sind zurück!«, ruft sie völlig außer Atem.
»Was?«, frage ich aufgeregt und springe auf.
»Die Späher! Sie sind zurück und sie haben alle gefunden. Wirklich alle!«
Selbst hechelnd und kurz angebunden, wie sie die Worte herausbringt, klingt ihre Stimme noch wie die einer Fee. In ein paar Jahren wird sie das begehrteste Mädchen des CutOuts sein, denke ich. Sofern es den CutOut dann noch gibt und wir uns noch auf der Erde und nicht längst auf Salgaia befinden.
Maja macht eine Pause und versucht wieder zu Atem zu kommen. Ich bin bereits auf dem Weg zum Ausgang. Jo ist wieder da! Ich kann es kaum erwarten, ihn zu sehen, dabei war er nur ganz kurz weg.
»Wo willst du hin?«, fragt Nume.
»Ich hole Jo. Er wird bestimmt beim Rest der Sitzung dabei sein wollen.«
Maja schüttelt den Kopf und hält mich am Arm zurück, als ich schon beinahe aus der Tür bin.
»Er ist nicht bei ihnen gewesen«, sagt sie kleinlaut.
Mein Herz setzt einen Moment aus. Jo ist nicht zurückgekehrt? Ich fasse mir unwillkürlich an den Hals, bekomme keine Luft mehr.
Maja sieht meinen verstörten Blick und hebt schnell die Hände.
»Nein, nein! Es geht ihm gut! Keine Sorge. Jackson sagt, Jo hätte noch etwas zu erledigen gehabt, und käme später nach. Alles o. k.? Du siehst blass aus?«
Ich schließe die Augen und habe Mühe, Maja nicht ihren zierlichen Hals umzudrehen. Wie konnte sie mich nur so erschrecken? Und wieso zum Teufel ist Jo nicht mit den anderen zurückgekommen?
»Was wollte er denn erledigen?«, frage ich misstrauisch.
»Keine Ahnung. Musst du Jackson fragen«, erwidert Maja achselzuckend.
Ihre ganz Art hat sich verändert. Ich bemerke es jetzt ganz deutlich. Ihre Haltung, lässig und selbstsicher zugleich. Der wache Blick, zu allem bereit. Der Übergriff auf den CutOut muss ihr zugesetzt haben. Sie wollte sich uns schon vorher anschließen. Ein leises Gefühl sagt mir, dass sie beim nächsten Mal gar nicht erst fragen, sondern einfach mitkommen wird.
»Danke für die Info, Maja. Wir haben gerade eine Sitzung, also würdest du …?«
Sawyer deutet mit dem Kinn auf die Tür. Er will sie rauswerfen.
Maja kneift die Augen zusammen und starrt ihn grimmig an.
»Wer ist Anny?«, fragt sie bissig.
Nume prustet und hält sich schnell die Hand vor den Mund. Jeder von uns weiß, dass Maja Gedankenlesen kann. Und obwohl das Thema Anny eigentlich bereits erledigt war, scheint sie Sawyer noch immer durch den Kopf zu geistern. Nun dürfte auch Nume klar sein, dass unser Anführer sie wohl wirklich sehr gut kannte.
»Raus!«, sagt Sawyer leise, aber bestimmt.
Maja wirft mir einen kurzen Blick zu und ich habe das unbestimmte Gefühl, dass ich ihr in diesem Moment die Antwort auf ihre Frage liefere. Verbissen versuche ich nicht an Anny zu denken, aber es gelingt mir nicht sonderlich gut. Schließlich wendet Maja sich ab und folgt Sawyers Aufforderung.
Als die Tür sich hinter ihr schließt, fällt es mir plötzlich ganz leicht, nicht mehr an Anny zu denken. Stattdessen frage ich mich, wieso Jo sich noch immer im Feuerland aufhält. Noch dazu ganz alleine. Er hat sicher seine Gründe, aber ich bin trotzdem mehr als beunruhigt. Es war geplant, die anderen zu finden und mit ihnen zum CutOut zurückzukehren. Wieso hat er es nicht getan?