4. FAKTEN
»Bist du sicher, dass ich nicht lieber bleiben soll?«
Jo stellt mir diese Frage nun schon zum dritten Mal in nur zwei Stunden. Und zum dritten Mal schüttele ich heftig den Kopf und versichere ihm, dass bei mir alles in bester Ordnung sei.
Eine glatte Lüge.
Seit Ruben und ich uns gestern bis in die Nacht hinein ausgesprochen haben, fühle ich mich, als lebe ich in einer Seifenblase. Eine falsche Bewegung, eine spitze Attacke von außen und ich falle ins Nichts.
Trotzdem möchte ich Jo nicht davon abhalten, sich den anderen Spähern anzuschließen. Sie werden gleich aufbrechen, um die geflüchteten CutOut-Bewohner ausfindig zu machen. Es würde rein gar nichts ändern, wenn Jo hierbliebe. Da draußen hingegen sind seine Fähigkeiten Gold wert.
»Alles ist gut, Jo. Ich bin nur müde und ein wenig durcheinander, aber es macht mir wirklich nichts aus. Geh ruhig.«
»Ganz sicher?«
»Ganz sicher.«
»Ich würde mich wohler fühlen, wenn du nicht mit Ruben allein hier wärst.«
Ich lächele zaghaft. Obwohl Jo und ich schon in lebensgefährlichen Situationen Seite an Seite gekämpft haben, ist er stets um meine Sicherheit besorgt.
»Verwechsele Trauer nicht mit Angst«, sage ich bestimmt. »Und außerdem bin ich nicht ALLEIN mit Ruben. Ich weiß nicht mal, wo er sich gerade befindet. Wahrscheinlich könnten wir ein Jahr zusammen hier drinnen verbringen und würden uns nie begegnen.«
»Na gut. Dann werde ich also gehen. Aber gib auf dich acht, ja?«
»Immer«, erwidere ich.
Er streichelt die ganze Zeit über meinen Arm und sieht mich an, als wäre ich ein hilfloses, jämmerliches Etwas. Es ist schön, dass er versteht, wie nahe mir die ganze Sache mit Jakobs Onkel geht. Das allein ist schon Trost genug.
Ich schlinge meine Arme um seine Taille und presse mich an ihn. So stehen wir eine Weile einfach da. Bis die anderen Späher Anstalten machen, in den Lift zu steigen. Da löst Jo sich aus der Umarmung, gibt mir einen zärtlichen Kuss und wendet sich dann langsam ab, um ihnen zu folgen.
Ich bleibe so lange stehen und winke, bis der Aufzug vollständig vom Schacht verschluckt wird. Dann bin ich mit meinen Gedanken wieder allein. Und es sind so viele …
Auf der großen Ebene entdecke ich Jakob. Er unterhält sich mit Zoe. Es scheint, als hätte sie gerade etwas enorm Witziges gesagt, denn er wirft den Kopf in den Nacken und lacht laut auf. Die beiden wirken seltsam vertraut, beinahe wie alte Freunde. Natürlich stimmt das auch irgendwie. Immerhin sind wir Zoe in den letzten zwei Jahren ständig begegnet und haben eine Menge zusammen erlebt. Trotzdem verspüre ich nicht das Bedürfnis, mich zu ihnen zu gesellen. Irgendwie komme ich mir überflüssig vor.
Schnell wende ich mich ab und suche mir ein neues Ziel.
Ich beschließe zu Nume zu gehen. Etwas Ablenkung kann sicher nicht schaden.
Sie hat sich nicht abhalten lassen, ihre Arbeit auf der Agrar-Ebene gleich heute Morgen wieder aufzunehmen. Mailo hätte es sicher lieber gesehen, wenn meine Freundin sich nach all den Strapazen noch einen Tag Ruhe gegönnt hätte, aber Nume war nicht aufzuhalten.
Schon allein der Gedanke an meine beste Freundin stimmt mich gleich fröhlicher. All die Wochen im Feuerland habe ich sie so sehr vermisst. Besonders ihr glockenhelles Lachen und ihre impulsive, oft emotionale Art fehlten mir unendlich.
Nume und ich sind so verschieden, wie zwei Menschen es sein können. Wo ich stets über alles nachdenke, es hinterfrage und mir immer viel zu viele Gedanken mache, ist sie spontan, ehrlich und spricht immer alles offen aus. Allerdings verbindet uns beide von jeher ein neugieriger Wesenszug. Schon als wir kleine Mädchen waren, belauschten wir heimlich unsere Eltern, spionierten anderen Mädchen aus dem Schul-Bezirk hinterher und stellten den Lehrern tausend Fragen.
Als wäre keine Zeit vergangen, als hätte zwischenzeitlich kein feindlicher Übergriff stattgefunden, schlendere ich wieder einmal über die Galerie und freue mich über den Anblick der grünen Felder unter mir. Zwar hat auch die Agrar-Ebene ein wenig gelitten, was mit Sicherheit auf die ausbleibende Arbeit während der Besatzung zurückzuführen ist, aber Nume wird schon dafür sorgen, dass schon bald wieder alles seinen gewohnten Gang geht.
Ich nehme immer zwei Stufen auf einmal und sause hinab in das grüne Refugium meiner Freundin. Sie hat mich bereits entdeckt und lässt aufgeregt eine Handvoll welker Blätter zu Boden segeln, während sie sich in Bewegung setzt, um mir entgegenzukommen.
Unsere Schritte beschleunigen sich und auf halber Strecke mitten zwischen Karotten und warzigen Kürbissen fallen wir uns lachend in die Arme. Vor überschäumender Freude stoßen wir gegen eines der Podeste und Erde rieselt auf meine Füße. Doch Nume beachtet den unabsichtlichen Angriff auf ihre Zöglinge gar nicht. Immer noch glucksend und jubelnd drückt und rüttelt sie an mir herum.
»Da bist du ja! Ich dachte schon, Mailo lügt mich an. Er hat gesagt, du wärst im CutOut, aber ich konnte dich gestern Abend nirgends finden!«
Sofort fällt mir der Grund für meine Abwesenheit am Vortag wieder ein und Rubens Gesicht erscheint vor mir. Ich senke den Blick und lasse Nume los.
»Was ist? Was hab ich verpasst?«
»Oh Nume. So einiges.«
Ich will nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Nume hat selbst eine harte Zeit hinter sich und ich möchte alles hören.
»Wo können wir reden? Hier? Oder wollen wir woanders hingehen?«, frage ich schnell, bevor sie mich löchern kann.
Obwohl sie müde und dünner aussieht als sonst, flammt sofort der alte, wissbegierige Blick in ihren Augen auf. Sie will alles wissen und ich werde Rede und Antwort stehen müssen.
»Gehen wir auf die große Ebene. Mailo hat mir schon sooooo viel berichtet.«
Ich folge ihr, als sie sich plappernd und händeringend auf den Weg zur Treppe macht.
»Ihr habt in der Stadt gelagert? Wie war es da? Hast du Sachen aus diesem - wie hieß das noch - aus dem Hochhaus mitgenommen? Souvenirs? Nennt man doch so, oder?«
Sie redet und redet. Stellt Fragen, ohne die Antwort abzuwarten, und plötzlich sind wir auf der großen Ebene, zwei dampfende Tassen Tee stehen vor uns und Nume kennt kein Halten mehr.
Sie will wissen, wie es Jo geht, wie der Souverän aussah, ob Arros inzwischen mehr über die Hitzepeaks weiß, wie die Sendestation von innen aussah und ob ich meinen Drift oft einsetzen musste.
Ich beantworte alle Fragen gewissenhaft. Von Rubens Verrat in der Sendestation zu berichten, ist nach seinen jüngsten Enthüllungen gleich doppelt so schwer. Nume bemerkt jedoch nicht, wie blutrot das Ruben-Tuch für mich ist.
Irgendwann drehe ich den Spieß um und quetsche sie aus.
»Wie war die Übernahme? War es sehr schlimm, als die Blauen hier eingefallen sind?«
Sie reißt die Augen auf und schüttelt wild den Kopf, sodass ihre blonden Haare wie goldene Flügelspitzen umhertanzen.
»Schlimm? Wahrscheinlich klingt das komisch, für jemanden, der draußen mit Blauen gekämpft hat, aber es war die Hölle! Diese Leute waren plötzlich überall! Von einer Sekunde auf die andere. Der ganze CutOut war voll mit grobschlächtigen, bis an die Zähne bewaffneten Soldaten. Und wie die redeten! Abartig, Nova. Einfach abartig. Ich dachte, ich bin in einem schlechten Traum gefangen. Ich frage mich ernsthaft, ob dreistes Verhalten und ein Hang zum Sadismus Voraussetzung für die Aufnahme in die blaue Soldatentruppe ist? Ich meine, solche einsilbigen, völlig emotionslosen Herdentiere habe ich echt noch nie gesehen. Die haben das knallhart durchgezogen. Und Maja! Du hättest sie sehen sollen, Nova! Das Mädel hat echt Biss! Eiskalt hat sie sich den Blauen in den Weg gestellt, als einer auf Alex losgehen wollte. Und was glaubst du, haben diese Mistkerle gemacht? Die haben ihr einfach eine geklebt. Direkt ins Gesicht! Ich hätte schreien können, aber wir hatten überhaupt keine Chance dem etwas entgegenzusetzen. Und es ging so unfassbar schnell! Kaum jemand konnte sich absetzen. Innerhalb von 30, vielleicht 40 Minuten war alles gelaufen. Schrecklich! Echt übel, sag ich dir.«
Ich höre gebannt zu und versuche mir nicht zu genau vorzustellen, wie sich Maja mit ihrer Engelstimme und den dünnen Ärmchen gegen einen der Soldaten zur Wehr setzt. Sie wollte unbedingt mit uns kommen, als wir damals ins Feuerland aufbrachen. Ich habe ihr gesagt, dass sie noch ein wenig älter werden und trainieren müsse. Ich hatte ja keine Ahnung, wie bald sie unseren Feinden gegenüberstehen würde.
Nume ist jetzt verstummt. Sie sieht aus, als würde sie sich die Geschehnisse selber noch mal vor Augen führen, alles noch mal durchleben. Doch dann blinzelt sie ein paar Mal und setzt ein leicht unecht wirkendes Lächeln auf.
»Aber was rede ich da. Du hast ja noch viel Schlimmeres durchmachen müssen, nicht wahr? Allein, dass Kieran wieder da ist! Ich dachte, Mailo will mich nur aufziehen. Unser Kieran! Ich meine, fies war er ja schon immer, aber DAS? Ich dachte, ich hab mich verhört, als Mailo mir von ihm erzählt hat.«
Ich zucke mit den Schultern. Was soll ich darauf erwidern? Soll ich ihr beschreiben, wie ich Marzellus beim Sterben zusehen musste? Selbst wenn sie es wirklich wissen wollte, wäre ich kaum dazu fähig, dieses Erlebnis noch einmal aus den Tiefen meiner Erinnerungen heraufzubeschwören. Der Tod meines gewieften Freundes ist so ziemlich das Grauenvollste, was ich jemals mit ansehen musste. Es ist mit nichts zu vergleichen.
Genauso wenig will ich Darrels Gesichtsausdruck beschreiben, kurz bevor Kieran ihn kaltblütig erschossen hat, oder Mischas verdreht daliegenden Körper. Achtlos von den Soldaten zurückgelassen, die sich in Kierans Auftrag den Weg in die Sendestation bahnten.
Nichts davon möchte ich mit Nume teilen. Am liebsten möchte ich es löschen. Doch dann würde ich ihren Tod herabwürdigen. Sie sind für die Sache, für mich und für meine Freunde gestorben. Für eine bessere Welt. Ich hoffe, es war nicht vergebens.
»Hat Mailo dir von den Grauen erzählt?«, frage ich vorsichtig.
»Er hat gesagt, die wären ein Problem.«
»Pffft«, ich mache eine wegwerfende Handbewegung, »das ist leicht untertrieben.«
»Ist es denn wahr?«, fragt Nume angestachelt, »sind es wirklich so viele?«
Offenbar kann sie sich nicht vorstellen, dass die Regierung den etwa zwei Millionen Gelben irgendwas entgegenzusetzen hat. Doch ganz so simpel ist diese Rechnung nicht.
Ich drehe meine Teetasse langsam hin und her. Das Gebräu aus Numes Lieblingskräutern ist längst erkaltet.
»Ja. Es sind viele. Zu viele.«
»Oh.«
Eine Weile bleiben wir stumm. Keine von uns will die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass all unsere Bemühungen, die Botschaft, die Kämpfe, all die Jahrzehnte, in denen die Division unsere Sache vorangetrieben hat, umsonst gewesen sein sollen.
»Ich kenne mich ja nicht aus, in solchen Dingen … aber sieht es denn wirklich so mies aus? Ich meine, es gibt doch so viele Gelbe. Und Mailo sagt, es wären locker 50 der blauen HUBs auf unserer Seite.«
»Sicher«, seufze ich matt, »stimmt ja auch.«
»Und glaubst du nicht, dass wir eine Chance haben? Du warst draußen. Du hast Kieran und den Souverän gesehen. Sieht es wirklich so schlecht aus?«
Der hoffnungsvolle Unterton in ihrer Stimme macht mich nervös. Natürlich habe auch ich nicht aufgegeben und natürlich glaube ich weiterhin an unsere Sache. Leider haben sich die Bedingungen sehr zu unserem Nachteil verändert.
»Das hängt von vielen Variablen ab«, beginne ich erklärend. »Klar, gibt es viele Gelbe. Aber nicht alle HUBs sind bereits befreit. Laut Sawyer befinden sich erst etwa 150 auf der Seite der Division. Und ungefähr vierzig wurden wohl durch Erdbeben zerstört.«
»Was? Oh nein! Weißt du, ob …?«
Nume führt den Satz nicht zu Ende, aber ich weiß, wie ihre Frage lautet.
»HUB 1 ist intakt«, sage ich schnell.
Erleichtert lehnt sie sich zurück.
»Aber selbst wenn wir noch nicht Zugang zu allen gelben HUBs haben. Das müssen doch trotzdem schon an die 750.000 Gelbe sein. Ich meine 150 HUBs ist doch keine kleine Zahl.«
»Sicher«, stimme ich ihr zu.
»Aber es gibt mehr Graue, oder was?«
»So einfach ist das nicht, Nume. Du musst auch die Umstände beachten. Von unseren, sagen wir jetzt einfach mal pauschal, 750.000 Gelben können ja nicht alle an die Oberfläche und kämpfen. Es gibt alte Menschen, kranke und Kinder.«
Sie nickt verständnisvoll. So weit kann Nume mir folgen.
»Und dann ist da noch die Sache mit den SOLAR SUITS. Wir haben zwar einen HUB, der auch schon nonstop produziert, aber es ist nur ein HUB. Arros sagt, das Ding war von Anfang an nicht auf Produktion im großen Stil ausgelegt und selbst wenn. Wir bräuchten unzählige Anzüge und anderes Equipment. Momentan geht Sawyer davon aus, dass es in den HUBs vielleicht 300.000 bis 400.000 SOLAR SUITS gibt. Was nicht bedeutet, dass wir alle für uns beanspruchen können. Wie gesagt, es sind längst nicht alle gelben HUBs befreit. Der blaue HUB ist seit vier Wochen Tag und Nacht in Produktion. Er wird wahrscheinlich noch mal 30.000 Anzüge bereitstellen können, aber das war's dann.«
»So ein Mist!«, flucht Nume und haut mit der flachen Hand auf den Tisch, sodass zwei Männer, die nicht weit von uns entfernt sitzen, sich erschrocken zu uns umdrehen. »Aber warte mal!«, sagt Nume dann, »die Grauen brauchen die Anzüge doch auch. Die haben doch auch keinen Drift, oder etwa nicht?«
Ich seufze. Das ganze Thema habe ich in den letzten Wochen wieder und wieder durchgekaut. Wie man es auch dreht und wendet, wir haben keinen blassen Schimmer, wie gut oder schlecht wir tatsächlich aufgestellt sind.
»Nume, wir wissen so gut wie nichts über die Grauen. Wir gehen davon aus, dass sie keinen Drift haben. Aber auch nur aufgrund irgendeiner winzigen Markierung auf den Krankenakten der blauen HUBs. Sie könnten wie du sein, sie könnten aber auch eine ganz andere Art Mensch sein. Keiner weiß das genau. Und selbst wenn sie genau wie die Gelben wären, ist es höchst unwahrscheinlich, dass sie über Jahrzehnte an den Raumschiffen gebaut haben und keine Feuerlandausrüstung haben.«
»Und wenn unterirdisch gebaut wurden? Da wäre es doch sicher genau wie in den HUBs? Da bräuchten sie keine Anzüge«, kontert Nume.
»Ja, aber wissen wir das?«, erwidere ich gereizt. »Und Sawyer meint außerdem, dass zum Bau noch ein wenig mehr gehört, als irgendwelche Stahlplatten aneinanderzuschrauben. Er sagt, es gibt bestimmt Bergwerke, Transportstrecken und wer weiß was noch. Worauf ich hinauswill, die Grauen könnten alles sein. Das kann niemand mit Sicherheit sagen, aber ganz sicher würde der Souverän sie nicht auf uns hetzen, wenn sie nicht in der Lage wären, sich an der Oberfläche zu bewegen.«
»Auch wahr. So hatte ich das gar nicht gesehen.«
Nume verschränkt die Arme vor der Brust. Ich sehe, sie ist noch nicht bereit, das Handtuch zu werfen. Meine sture, dickköpfige Nume.
»Was bedeutet das jetzt in Zahlen? Wie viele Graue geistern da draußen rum?«
»Die Daten aus dem HUB haben uns verraten, dass zu jeder Zeit etwa 20.000 Menschen an den Schiffen gebaut haben. Und das bereits seit etwa 100 Jahren«, berichte ich.
»So lange schon?«, entfährt es Nume.
»Offenbar. Du weißt ja, dieser Bezier hatte große Pläne. Genforschung und HUBs waren nicht das Einzige, was auf seinem Zettel stand«, sage ich und mache ein gleichgültiges Gesicht.
»Klar. Hatte Jo ja gesagt. Aber so lange? 100 Jahre … Das ist verdammt viel Zeit.«
»Richtig. Genauso viel Zeit, wie man braucht, um sieben interstellare Raumschiffe im Jahr fertigzustellen«, erkläre ich weiter.
»Und dafür braucht man 20.000 Menschen?«, fragt Nume mit blitzenden Augen.
»Scheint so. Also zumindest lassen die Dokumente, die wir aus dem HUB haben, darauf schließen.«
»Pah!«, macht Nume nun. »Das ist doch nichts! Gegen die kommen wir doch locker an! Was soll die ganze Panik?«
Ich versuche geduldig zu sein. Meine Freundin hat das ganze Ausmaß der Lage noch nicht erfasst.
»Man braucht zwar nur diese Anzahl an Arbeitern pro Jahr, aber die haben schließlich auch noch Familien. Und dann gibt's da noch die älteren, die vielleicht nicht mehr an den Schiffen arbeiten. Es sind also ein paar mehr Graue. Ungefähr 1,2 Millionen, um genau zu sein.«
Jetzt sagt Nume erst mal nichts mehr, also fahre ich fort.
»Der Einsatzbefehl des bescheuerten Souveräns lautet, 900.000 von ihnen auszusenden, um uns aufzumischen. Wir wissen also, dass der Mann bereit ist, jeden, der alt und kräftig genug ist, eine Waffe zu halten, in den Krieg zu schicken.«
Bei dem Wort "Krieg" zuckt Nume leicht zusammen. Offenbar sieht sie das Ganze bisher eher wie ein Strategiespiel.
»Bei uns liegt die Sache anders«, erkläre ich. »Sawyer würde niemals jemanden, der sich nicht richtig verteidigen kann, kämpfen lassen. Wenn wir also davon ausgehen, dass die 150 befreiten HUBs in die Schlacht ziehen werden, ergibt das trotzdem nur knapp 450.000 Leute.«
»Plus die Menschen aus den blauen HUBs«, ergänzt Nume schnell.
»Richtig. Das sind dann noch mal so 60.000«, stimme ich zu.
»Und die hätten einen Drift. Das ist doch gleich doppelt so effektiv«, stellt Nume fest und hält die Arme weiter eng vor der Brust verschlungen.
»Trotzdem kämen auf einen von uns, zwei von ihnen«, halte ich dagegen. »Keine besonders schönen Aussichten.«
»Das stimmt natürlich«, gibt Nume zu.
Wir schweigen frustriert. Es liegt mir gar nicht, die Überbringerin dieser entmutigenden Informationen zu sein, aber beschönigen kann ich die Tatsachen auch nicht. Es ist, wie es ist.
»Und was heißt das jetzt für uns?«, fragt Nume schon deutlich weniger enthusiastisch.
»Für Sawyer war die Bereitstellung der SOLAR SUITS und die Rückeroberung des CutOuts erst mal am wichtigsten. Ich nehme an, er wird uns heute Abend erzählen, wie es weitergeht.«
»Tagt das Forum heute? Das wusste ich gar nicht«, erwidert Nume gekränkt.
»Arros hat so was erwähnt, aber sie erwarten sicher nicht, dass du dabei bist. Gestern hast du noch bewusstlos auf dem Boden gelegen«, sage ich und deute mit der Hand auf selbigen. »Sicher dachte Sawyer, dass du noch nicht wieder voll da bist, und außerdem hast du ja anscheinend eine Menge auf der Agrar-Ebene zu tun«, füge ich zwinkernd hinzu.
»Natürlich bin ich dabei! Keine Frage!«, zischt Nume.
Ich grinse breit. Ich habe ihre lebendige Art so vermisst. Ich bin froh, dass sie heute Abend an der Sitzung teilnehmen will, obwohl sie eigentlich kaum etwas beitragen kann. Trotzdem freue mich aufrichtig darüber.
»Gut«, sagt Nume und will offenbar das leidige Thema wechseln. »Was liegt sonst noch an?«
Ich stöhne auf. Jetzt oder nie. Irgendwann muss ich ihr ja davon erzählen.
»Da wäre noch die Sache mit Ruben.«
Sie hebt eine Augenbraue.
»Klingt nicht, als gehe es um seine Spionagetätigkeiten. Was hat der Mann denn jetzt wieder angestellt?«, fragt Nume und beugt sich neugierig vor.
»Es geht dabei eigentlich weniger darum, was er JETZT angestellt hat, als um Dinge, die er vor rund dreizehn Jahren verbrochen hat …«