Juli 1148 – Karawane nach Blanche Garde
Auflösung, war Ronas erster Gedanke, doch dann verdichtete sich die Umgebung und schien erneut nur so zu brodeln. Gleißendes Licht schmerzte in ihren Augen, und unerträgliche Hitze verschlug ihr den Atem. Bei näherem Hinschauen schwante ihr, dass der Transfer trotz der widrigen Umstände geglückt sein musste, denn von Lion und den Drohnen war weit und breit keine Spur.
Bevor sie ein paar Sekunden hatte, um sich zu orientieren, wurde sie von einem harten Gegenstand getroffen. Erschrocken zuckte sie zurück, weil sie glaubte, auf der Stelle zu Staub zu verdampfen. Doch ihr klatschte lediglich eine warme, metallisch riechende Flüssigkeit ins Gesicht. Blut. Kein Zweifel. Es lief warm an ihrer Wange hinunter. Hastig wischte sie es mit dem Handrücken ab und erkannte, dass es sich um das Blut eines Menschen handelte. Der halbe Kopf dieses Menschen fehlte und ein Teil der Schulter. Irgendein scharfer Gegenstand musste die Körperteile abgetrennt haben. Der schwere Rumpf war auf Ronas Bein liegen geblieben. Angewidert kroch sie rückwärts über den Boden und schüttelte den Torso ab, dabei wischte sie sich mit dem Ärmel ihres Kleides noch mal über das Gesicht. Eine merkwürdige Mischung aus Schreien, Blöken und dumpfem Getrappel drang an ihr Ohr. Als sie aufblickte, sah sie zu ihrer Überraschung Dutzende einhöckrige |43|Kamele. Geschmückt mit bunten Troddeln und zum Teil mit Lasten bepackt, jagten diese seltsam anmutenden Tiere, die sie bisher nur aus Computersimulationen kannte, mit heftig schaukelnden Bewegungen durch ein steiniges Wüstental.
Zwischen den Tieren hasteten überall Menschen in langen, hellen Gewändern umher, offenbar auf der Flucht vor einer Horde von mindestens dreißig Reitern in schwarzen Hosen und Jacken, die auf sandfarbenen Pferden dahinpreschten. Die Gesichter der Angreifer waren halb mit schwarzen Tüchern verhüllt, und auf dem Kopf trugen sie silberne Helme. Im Vorbeireiten attackierten sie die Flüchtenden mit Pfeil und Bogen. Aus einem Hinterhalt stürmten weitere Pferde in schwarzweißen Schabracken, deren metallisch vermummte Reiter weiße Umhänge mit auffallend roten Kreuzen auf Brust und Schulter trugen. Templer? Rona hatte genug Kenntnisse über diesen Ritterorden gespeichert, um zu wissen, dass dessen Ordensbrüder, wie man sie nannte, solche Gewänder getragen hatten – aber wie war es möglich, dass sie ausgerechnet hier und jetzt erschienen? Rona versuchte ihrer geistigen Verwirrung Herr zu werden. Im Jahr 1119, in das der Timeserver sie hätte führen sollen, existierten bei den Templern noch keine weißen Gewänder mit roten Kreuzen. Diese hatte Papst Eugen III. dem Orden erst im Sommer 1147 erlaubt. Lyn, die in Lions Auftrag sämtliche illegalen Geschichtsdateien durchforstet hatte, wusste zu berichten, dass die rote Farbe an den Opfertod Christi erinnern sollte und die Bereitschaft zum Martyrium für den Glauben symbolisierte. Und obwohl Rona sich nicht im Geringsten für religiöse Regeln und Gebräuche interessierte, hatte sie diese Information zu ihrem historischen Grundlagenwissen über den Orden in ihren Erinnerungsspeicher einprogrammiert. Aber vielleicht waren diese Männer auch gar keine Templer?
Militärisch gesehen war das, was sich vor ihren Augen abspielte, eher ein Desaster und zeugte nicht von strategischer Überlegenheit, wie man es von echten Templern hätte erwarten dürfen. Unbeholfen versuchten die weißen Reiter mit Lanzen und Schwertern den schwarzen Bogenschützen Einhalt zu gebieten. Die Anzahl der vermeintlichen Templer schien zu gering zu sein, und ihre Waffen waren ungeeignet, um etwas gegen die Angreifer ausrichten zu können.
Was wäre, wenn sie in der falschen Zeit und am falschen Ort gelandet waren? Überwältigt von plötzlich aufkommender Panik schnellte |44|Ronas Kopf herum. Wo waren Lyn und Mako? »Hey, wo seid ihr?«, brüllte sie durch einen Schwall von Hitze und Staub.
»Hier«, schien eine Stimme zu rufen. Es war Lyn, doch Rona hörte sie nur schwach. Schon glaubte sie, die Silhouette ihrer Schwester durch den gelblichen Nebel sehen zu können. Lyn kauerte nicht weit von ihr entfernt am Boden. Das lederne Gepäck, das Lion ihr anvertraut hatte, schützte sie mit ihrem Körper. Mako stand aufrecht neben ihr, mit wehenden Haaren, in der Linken sein glänzendes Schwert. Vollkommen paralysiert starrte er auf einen herangaloppierenden, schwarz gewandeten Reiter, dessen Kopf bis auf die Augen mit einem schwarzen Turban verhüllt war. Laut schreiend schwang der Angreifer einen Krummsäbel. Aber ihr Bruder rührte sich immer noch nicht und vermittelte auch nicht den Eindruck, Lyn gegen den Fremden verteidigen zu wollen.
»Beweg dich!«, keuchte Rona atemlos und versuchte hastig auf die Füße zu kommen. Doch sie war nicht schnell genug, und Mako schien sie nicht verstanden zu haben. Der Reiter kam rascher heran, als Rona es vermutet hatte. Und während Mako immer noch verharrte, nicht schlüssig, ob er seine neue Waffe zum Einsatz bringen sollte, traf der Angreifer eine Entscheidung. Lyn stieß einen gellenden Schrei aus, als das Schwert des Reiters erbarmungslos auf ihren Bruder herniedersauste.
Makos Kopf löste sich wie eine reife Frucht von seinen Schultern und fiel mit der eingefrorenen Miene verhaltener Überraschung auf den steinigen Boden. Sein schlanker Körper kippte blutüberströmt hinterher, und beinahe hätte er Lyn unter sich begraben, wenn sie sich nicht blitzschnell zur Seite geduckt hätte. Mit einer kurzen Zeitverzögerung erfasste Rona das ganze Ausmaß der Katastrophe. Der Angreifer wendete in einiger Entfernung sein Pferd, in der unzweifelhaften Absicht, Lyn als Nächste zu töten.
Nun erst wurde Rona bewusst, dass ihre Hand immer noch den Fusionslaser umklammerte, den sie Lion kurz vor dem Transfer vom Gürtel gezogen hatte. Zu spät für Mako, aber um Lyn zu retten, würde es reichen. Ein kurzes Justieren, ein entschlossener Blick und ein leises Zischen verwandelten den schwarzen Turbanträger samt seinem Pferd in einer Pikosekunde in ein Bild tödlicher Erstarrung, das fast zeitgleich im heißen Wind zu silberfarbener Asche zerstob. Ohne lange nachzudenken, zielte Rona in die Umgebung und visierte mit der Präzision |45|eines Kriegsroboters gut ein Dutzend gleich uniformierter Männer an, die alle einen Bogen oder einen Säbel trugen, um sie der Reihe nach samt ihren Pferden mit einer gezielten Laserattacken zu Asche zu verdampfen. Erst als sie registrierte, dass die übrig gebliebenen Widersacher in panischer Aufregung die Flucht ergriffen, ließ sie den Laser sinken und erkannte, dass die noch lebenden Opfer der Flüchtenden aus ihrer Deckung hervorkamen und wie gebannt zu ihr hinstarrten. Wie betäubt rannte Rona zu ihrer Schwester, die immer noch am Boden hockte und Makos linke Hand hielt.
»Er ist tot«, schluchzte Lyn, während ihr panischer Blick sich nicht von dem abgetrennten Kopf des Bruders zu lösen vermochte.
Mit einem raschen Rundumblick vergewisserte sich Rona zunächst, dass die Gefahr gebannt war, und kniete sich dann vor ihrer Schwester in den grobkörnigen Sand. Mit einer Hand umklammerte sie Lyns Schulter und rüttelte sie sanft, in der anderen hielt sie immer noch ihre Waffe.
»Komm zu dir, Lyn! Du kannst da nicht hocken bleiben.« Abrupt stand Rona auf und bedeutete ihrer Schwester mit einem Nicken, dass sie sich von dem Leichnam entfernen sollte. »Lass ihn los!«, krächzte sie. »Ich erledige das.«
Lyn kroch auf allen vieren davon, bis sie glaubte, genug Abstand zwischen sich und Makos Leichnam gebracht zu haben. Per Knopfdruck lud Rona erneut den Laser auf. Mako war nicht mehr zu retten, und von Begräbnisritualen hatte Rona noch nie etwas gehalten. Ein gedrosselter Schuss genügte, um ihren Bruder samt seinem abgetrennten Kopf in Staub zu verwandeln. Danach beugte sie sich zu ihrer Schwester hinab und umarmte sie tröstend.
Lyn versuchte vergeblich, sich zu fassen, und schluchzte erneut. Nicht etwa, weil sie eine labile Persönlichkeit besaß, sondern weil sie es nicht gewohnt war, dass Rona sie tröstete, und ihr dadurch erst das ganze Ausmaß des Horrors bewusst wurde. »Sch…«, sagte Rona und streichelte Lyn über den Rücken. Lyn beruhigte sich zögernd, doch ihr Atem bebte immer noch im Takt ihres zitternden Körpers. Ein Blick auf ihr Handgelenk versicherte Rona, dass Lyn sich trotz des Schocks bei bester Gesundheit befand. Das kleine silberfarbene Armband, das alle Rebellen trugen, um jederzeit den eigenen, gesundheitlichen Zustand oder den anderer kontrollieren zu können, hatte Lion ihnen nicht |46|verboten. Ebenso wenig wie einen stattlichen Vorrat an Nanokapseln, die Verletzungen in Sekunden heilten und ihnen Seuchen vom Leibe hielten, gegen die sich nicht hatten immunisieren können. Ansonsten hatte er verboten, Ausrüstungsgegenstände aus der Zukunft mitzunehmen, weil er fatale Veränderungen befürchtete, falls sie in die falschen Hände gerieten. Niemals hätte er ihnen erlaubt, einen Fusionslaser mitzunehmen.
Und obwohl auch bei ihr alles in Ordnung zu sein schien, fühlte Rona keine einzige Emotion. Es war beinahe wie vor der Operation, als sie noch den Chip besaß, der jede gefühlsmäßige Regung in ihrem Körper unterdrückt hatte. Keine Trauer, keine Wut und erst recht keine Angst. Manchmal hatte sie sich in diesen Zustand zurückgewünscht, doch nun erschien er ihr unheimlich. Mechanisch glitt ihr Blick über die schroffen, halbhohen Felsen, die vor knallblauem Himmel ein breites, gleißend helles Tal begrenzten, in das der Server sie allem Anschein nach transferiert hatte.
Hier und da lagen blutende, von Pfeilen durchbohrte Körper, aber von den Angreifern war nichts mehr zu sehen. Ein paar unerschrockene Überlebende hatten sich inzwischen erhoben und versuchten, die Tiere einzufangen.
Bereits nach kurzer Zeit kreisten riesige Vögel über der Unglücksstelle. Vermutlich Geier, von deren Existenz Rona zwar wusste, aber noch nie hatte sie einen von ihnen lebendig zu Gesicht bekommen.
Der erneute Hufschlag mehrerer Pferde ließ sie hochfahren. Kehrten die Reiter zurück? Staub wirbelte auf. Rona umklammerte den Laser, versteckt unter ihrem Umhang, den Finger am Auslöser. Wenn nur der leiseste Verdacht aufkeimte, dass die Männer ihnen nicht wohlgesinnt waren, würde sie jeden einzelnen auf der Stelle töten. Aber die beiden halbvermummten Gestalten auf den eleganten, langmähnigen Pferden machten keinerlei Anstalten, sie anzugreifen. Sie waren ganz in weiße Gewänder gehüllt, die auf Höhe der Taille von blutroten Schärpen gehalten wurden. Trotz ihrer ansonsten kriegerischen Aufmachung schienen sie in friedlicher Absicht zu kommen. Jedenfalls schwang der Erste von beiden keinen Säbel, obwohl auch er eine solche Waffe am Gürtel trug. Dazu einen silbern glänzenden Halbschalenhelm über einem weißen Kapuzentuch, das ihm Mund und Nase verhüllte und nur die dunklen, stechenden Augen sichtbar werden ließ. |47|Beim Anblick seines hellgrau gescheckten Pferdes, geschmückt mit einem silberbestickten Überwurf und unzähligen, lilafarbenen Troddeln, vergaß Rona für einen Moment ihren Argwohn. Anmutig schüttelte das Pferd seine lange dunkle Mähne und schnaubte verdrossen, weil die silberne Stange des Zaumzeugs in sein weiches Maul schnitt. Noch nie hatte sie ein so schönes Tier gesehen. Verblüfft kniff sie die Lider zusammen, als sich die hochstehende Sonne im metallisch glänzenden Brustpanzer des Pferdes spiegelte und sie blendete. Sein Reiter, ein schlanker, hochgewachsener Mann, glitt fließend aus dem Sattel. Mit einer rauen, melodisch klingenden Stimme rief er seinem Begleiter ein paar abgehackte Sätze zu, woraufhin dieser in einigem Abstand zum Stehen kam und eine wartende Position einnahm. Er sprach Arabisch. Und obwohl sie akustisch nicht genau verstanden hatte, was er seinem Kameraden zugerufen hatte, war Rona durch Lions Sprachprogrammierung mit dieser Sprache bestens vertraut.
Khaled al-Mazdaghani Ibn Mahmud verharrte einen Augenblick, nachdem er von seinem Hengst abgestiegen war und noch einmal zu den beiden vermummten Frauen hinübergeblickt hatte, die gut zwanzig Königsellen entfernt auf dem Handelsweg hockten. Er war nicht sicher, ob es besser gewesen wäre, die Flucht zu ergreifen, anstatt dem tödlichen Geheimnis der beiden auf den Grund gehen zu wollen, aber er war nicht der Mann, der seine Neugierde der Furcht opferte. Wenn er seinen Augen trauen konnte, hatte das ganz in Grün gewandete Mädchen etwas in der Hand gehalten, das sie befähigte, mindestens fünf fatimidische Reiter samt ihren Rössern mit der Schnelligkeit eines herabstoßenden Falken in Staub zu verwandeln. Auch die Leiche des jungen Mannes, der mit abgeschlagenem Kopf neben ihr gelegen hatte, war kurz darauf wie von Zauberhand mit dem Sand der Wüste verschmolzen.
Khaled vermutete, dass die Geschwindigkeit dieser ungeheuerlichen Attacke der Grund war, warum er der Einzige in seiner Truppe zu sein schien, der sie beobachtet hatte. Außerdem waren seine Gefährten erst nach ihm auf der Anhöhe erschienen, und die Templer, die zum Schutz der Karawane abgestellt worden waren, konnten nichts gesehen haben, da sie sofort mit wildem Gejohle die Verfolgung der Flüchtenden übernommen hatten. Seine eigenen Leute hatten zunächst das Umfeld gesichert, |48|und dann hatte Khaled ihnen den Befehl erteilt, den Templern zu folgen, weil er zur Sicherheit aller zunächst alleine herausfinden wollte, was das für eine seltsame Waffe war, die ein Pferd samt Reiter im Handumdrehen verschwinden lassen konnte.
Khaleds weißer Umhang, ein Symbol seiner religiösen Zugehörigkeit zur Sekte des einzig wahren Glaubens, flatterte im heißen Wüstenwind. Wenn er herausfinden wollte, was hinter all dem steckte, musste er handeln. Bedacht darauf, weder ängstlich noch zögernd zu wirken, nahm Khaled eine aufrechte Haltung ein, als er auf die beiden am Boden hockenden Gestalten zuging. Azim, seinem Adjutanten, der ebenfalls später hinzugekommen war und nicht ahnte, was hier vor sich ging, hatte er befohlen, in sicherem Abstand bei den Pferden zu bleiben und seine Befehle abzuwarten.
Das Wort Angst gehörte eigentlich nicht zu Khaleds Vokabular. Als Anhänger Nizâris und eingeweihter Fida’i der muslimisch geprägten Bruderschaft verfügte er als sogenannter Streiter Allahs über den zweiten Grad der Einweihung in die Geheimlehren der Ismailiten und war darauf gedrillt, Tod und Verdammnis zu trotzen. Ein gut gehütetes Wissen, das die Bruderschaft selbstverständlich niemandem zugänglich machte, der sich außerhalb des eingeweihten Kreises befand. Was gelegentlich bei ungläubigen Christen und missgünstigen Glaubensbrüdern zu abenteuerlichen Spekulationen führte. Nicht umsonst bezeichneten Sunniten, Schiiten und auch die Christen seinesgleichen als Assassinen, meuchelmordende Haschischfresser, die weder Herz noch Verstand besaßen und jeden töteten, der den Idealen ihres Ordens in die Quere kam. Khaled wehrte sich stets gegen diese Verallgemeinerungen, aber an manchen Tagen, wenn seine Widersacher ihm wegen seines grausamen Rufs furchtsamen Respekt entgegenbrachten, hatte er nichts dagegen einzuwenden.
Im Moment jedoch fühlte er sich nicht wie ein unbesiegbarer Krieger. Khaleds weißes Hemd, das er unter dem engmaschigen, metallischen Kettenüberwurf trug, klebte ihm schweißnass am Körper, ebenso seine Hose, die mit Feuchtigkeit durchzogen in den kniehohen Lederstiefeln steckte. Zusammen mit seinen Nizâri-Brüdern hatte er mit letzter Kraft versucht, die Meute der blutrünstigen fatimidischen Wölfe mit Schwertern und Lanzen in die Flucht zu schlagen. Seine eigenen Leute hatten ihre Pfeile zu Beginn des Angriffs viel zu schnell |49|verschossen. Und den Templern, die vorübergehend unter Khaleds Kommando standen, hatte es bei dieser Mission an Turkopolen gefehlt, ordenseigenen Syrern, die mit Pfeil und Bogen in der Lage gewesen wären, sie zu unterstützen.
Falls er sich das Gesehene nicht eingebildet hatte, verdankten er und seine Leute es dieser Frau, dass sie einer schmachvollen Niederlage entgangen waren. Mit ihrer seltsamen Waffe hatte sie etliche Fatimiden vernichtet und die Übrigen in die Flucht geschlagen. Und obwohl es Tote unter den Mitreisenden gegeben hatte, war über die Hälfte noch am Leben. Lediglich ein Templer war durch einen Pfeil, der ihn ins linke Auge getroffen hatte, so schwer verwundet worden, dass er kurz darauf starb.
Die Überlebenden der Karawane zum unerwarteten Ausgang des Kampfes zu befragen, kam Khaled nicht in den Sinn. Ihnen stand immer noch der Schreck ins Gesicht geschrieben, und außerdem waren sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um eine vernünftige Aussage treffen zu können. Und selbst wenn sie etwas gesehen hatten, das Khaleds Beobachtung bestätigte – wie hätten sie sich dazu äußern sollen? Sofern es sich um etwas Unerklärliches handelte, würde es die Menschen noch mehr ängstigen und nur seine Autorität als Führer untergraben. Einzig Allah stand als Urheber dieses Wunders bereit, aber um ehrlich zu sein, befriedigte Khaled diese Lösung nicht. Im Laufe seiner ismailitischen Unterweisung hatte er weit mehr von den kosmischen Zusammenhängen erfahren als viele andere Menschen, und schon allein deshalb war seine Neugier geweckt.
Während er sich den Frauen näherte, fielen ihm zunächst die makellosen Konturen ihrer Gesichter auf. Dem Aussehen nach waren sie auf den ersten Blick kaum voneinander zu unterscheiden. Ihre mandelförmigen Augen und die elfenbeinfarbene Haut fesselten unverzüglich Khaleds Interesse. Augenscheinlich handelte es sich um wahre Schönheiten, und nichts an ihnen erschien ihm furchteinflößend.
Khaled überlegte einen Moment lang, ob es nicht doch an der Sonne lag, die ihm einen bitteren Streich gespielt hatte und ihm hier in Wahrheit nichts als reine Unschuld entgegenschlug, die in fließende Gewänder aus feinstem Brokat und Seide gehüllt war. Die beiden Frauen konnten kaum älter als siebzehn oder achtzehn sein. Ihre Gestalt wirkte auf den ersten Blick schlank, ja beinahe knabenhaft. Unter dem |50|schweren Stoff waren ihre Brüste nicht einmal zu erahnen. Unter den Kapuzen blitzte pechschwarzes Haar hervor, das den Mädchen bis über die Schultern reichte.
Auf den ersten Blick sahen sie aus wie anmutige Sklavinnen, die dem Harem eines Emirs entkommen waren. Dafür sprach auch, dass weit und breit niemand zu sehen war, der sie bewachte. Andererseits konnte es sich ihrem Aussehen nach ebenso gut um mongolische Prinzessinnen handeln, die sich mit einer Karawane in einer diplomatischen Mission auf dem Weg nach Ägypten befunden hatten und versehentlich von Fatimiden überfallen worden waren. Dagegen sprach, dass weder Reste von Ausrüstungsgegenständen noch die Leichen diverser Beschützer zu sehen waren.
Vielleicht steckte ja auch etwas ganz anderes dahinter. In der Einsamkeit der Wüste existierte weit mehr Übersinnliches, als sich der gemeine Mensch vorzustellen vermochte. Auch wenn Khaled kein Freund von Aberglauben war, wollte er nicht ausschließen, dass es sich bei den beiden Frauen womöglich um mächtige Zauberinnen handelte, deren wandelbare Gestalten einem zuvor verschlossenen Gefäß entschlüpft waren. In den Geschichten der Alten war es immer so, dass irgendein Tollpatsch mitten im Nirgendwo ein kostbares Gefäß fand, es öffnete und damit die uneingeschränkte Macht eines darin wohnenden Dschinns entfesselte. Manchmal erzählten seine Brüder hinter vorgehaltener Hand, dass ihnen diese Sorte mächtiger Dämonen des Nachts in der Wüste erschienen waren und ihnen wollüstige Träume erfüllt hatten, aber nie war jemand zu Schaden gekommen. Gewöhnlich widerfuhr den Männern ein solches Erlebnis nach dem Genuss von indischem Hanf, den sie mithilfe einer Schilfrohrpfeife oder eines kupfernen Räucherkessels inhalierten. Aber Khaled hatte nichts geraucht und auch nicht getrunken, obwohl auch er an manchen Tagen diese Hilfsmittel benutzte, um in den Zustand göttlicher Erkenntnis zu gelangen.
Mit gefurchter Stirn ging er neben dem grün gewandeten Mädchen in die Hocke, um sie näher in Augenschein zu nehmen.
Ihre Haltung war ein wenig aufrechter als die ihrer Gefährtin, die zusammengekauert neben ihr saß und ihn ignorierte.
Ihre Regungslosigkeit verursachte Khaled ein flaues Gefühl im Magen – was wäre, wenn sie ihn mit einer einzigen unbedachten Bewegung zur Hölle schickte?
|51|Zu seiner eigenen Sicherheit legte er seine Linke locker auf seinen Dolch, während seine Rechte mit einer beiläufigen Bewegung den Mundschutz entfernte, der nicht nur sein Äußeres verbarg, sondern ihn darüber hinaus vor Sand und Hitze bewahrte. Er wollte Vertrauen schaffen, indem er sein kantiges Gesicht mit dem kurzgeschorenen, schwarzen Kinnbart entblößte. Melisende behauptete des Öfteren, er sei der schönste Mann des Orients, was er für ziemlich übertrieben hielt. Aber möglicherweise kam ihm sein Äußeres nun zugute. Seiner Erfahrung nach gab es kein einziges Weib, das auf Dauer ein Geheimnis für sich behalten konnte, erst recht, wenn man es mit Charme und gutem Aussehen betörte.
»Mein Name ist Khaled«, begann er mit fester Stimme und setzte eine betont freundliche Miene auf. »Ich bin Anführer dieser Karawane und befugt, im Auftrag der Königin von Jerusalem zu verhandeln.«
Die beiden jungen Frauen schien seine Vorstellung nicht zu beeindrucken. Der prüfende Blick des älter erscheinenden Mädchens bestätigte ihm, dass ihre Iris tatsächlich so grün war wie das Gewand, das sie trug. Ihre schräg stehenden Lider erinnerten ihn an Morgiane, die weiße, persische Katze, die ihm in seinen privaten Gemächern des Nachts die Füße wärmte. Nie zuvor hatte er eine Mongolin mit dunkelgrünen Augen gesehen. Ihre Schwester war nicht weniger aufregend, wie er bemerkte, als sich zum ersten Mal ihre Blicke trafen. Augenblicklich versank er in ihren violettblauen Augen, was ihm ein irritiertes Lächeln entlockte. Doch sie erwiderte es nicht.
Bemüht, möglichst unaufgeregt und zuversichtlich zu klingen, hob er von neuem an: »Bei mir und meinen Leuten dürft Ihr Euch in Sicherheit wähnen. Gesetzt den Fall, dass Ihr Euch unter unseren Schutz stellen wollt.«
Khaled ließ sich nicht anmerken, dass ihm die eigenen Fähigkeiten in Sachen Verteidigung im Verhältnis zu den Möglichkeiten dieser Frauen als eher dürftig erschienen. Aber darüber würde er nicht sprechen. Sollten sie zunächst ruhig glauben, er sei ahnungslos und ausschließlich um ihr Wohlergehen bemüht. Auf diese Weise würde er die Wahrheit über die beiden schon ans Licht bringen.
Die Stimme des Fremden erschien Rona angenehm weich und freundlich. Die feine, zurückhaltende Art, mit der er auf sie einging, erinnerte |52|sie an Lion. Dabei hatte gerade er sie gewarnt, dass die Menschen in dieser Zeit mitunter recht grob und blutrünstig sein konnten.
Khaleds lebhafte Augen ließen keinerlei Blutdurst erkennen, sie waren hellbraun und von langen schwarzen Wimpern gesäumt, was seinem Blick trotz der Neugier, die darin funkelte, etwas Tiefgründiges verlieh. Seine leuchtend weißen Zähne standen in einem deutlichen Kontrast zu seiner gebräunten Haut. Obwohl der Mann unmöglich genetisch manipuliert sein konnte, erschien er Rona äußerlich perfekt. Lyn war offenbar der gleichen Meinung, sie starrte ihn wie eine Erscheinung an.
Es dauerte einen Moment, bis Ronas einprogrammiertes Wissen griff und sie sich auf die Sprache des Fremden einstellte. Ein harter, arabischer Singsang, der seine smarte Männlichkeit hinreichend betonte. Vermutlich war er tatsächlich das, was Lion als einen muslimischen Krieger und Macho bezeichnet hatte. Also ein Kerl, der sich aus kultureller Selbstverständlichkeit über das weibliche Geschlecht erhob.
»Keine Sorge, uns geht es gut.« Ihre Antwort kam beinah mechanisch, und sie hätte hinzufügen können: »Andernfalls wärst du längst tot«, was sie sich jedoch angesichts der angespannten Lage verkniff. Dabei wunderte sie sich über sich selbst, wie flüssig ihr diese noch vor kurzem völlig fremde Sprache über die Lippen ging. Lion hatte ganze Arbeit geleistet, indem er sichergestellt hatte, dass sie sich mit jedem verdammten Kreuzritter dieser Zeit unterhalten konnten.
In den Wochen zuvor hatte er ihnen Speicherbeschleuniger verabreicht, nach deren oraler Einnahme man innerhalb einer Stunde eine neue Sprache erlernte. Das Wissen wurde per Gedankentransfer zu den entsprechenden Synapsen transportiert, wo es aufgrund der zuvor erfolgten biochemischen Reaktion weitaus schneller und umfassender in den betreffenden Hirnregionen gesichert werden konnte, als es mit der alten, audiovisuellen Methode möglich gewesen war. Auf diese Weise hatten Rona und ihre Geschwister Arabisch, Latein, Seldschukisch, Altfranzösisch und Hebräisch gelernt sowie Mittelhochdeutsch und Altenglisch.
»Und was ist mit ihr?« Mit einem kurzen Nicken deutete Khaled auf Lyn, die ihre Aufmerksamkeit noch immer an ihn geheftet hatte, als ob sie noch nie einen Mann gesehen hätte.
»Ihr fehlt nichts«, antwortete Rona und versetzte Lyn einen leichten Stoß, damit sie wieder zu sich kam und nicht weiter den Eindruck erweckte, |53|sie sei ein Fisch, der auf dem Trockenen schwimmt. Ohne weiter auf sein Interesse an Lyn einzugehen, stellte sie eine Gegenfrage. »Kannst du mir verraten, wo wir uns befinden?« Nun würde sich zeigen, was Lions Vorbereitungen wert gewesen waren.
Khaled erhob sich zu seiner vollen Größe, was ihn recht beeindruckend erscheinen ließ, und schaute mit einer leichten Verwirrung im Blick auf sie herab. »Wir stehen drei Meilen vor Jerusalem – immer noch.«
Drei Meilen … Rona wusste, dass die mittelalterliche Meile ungefähr zwölf Kilometer und knapp sechs amerikanische Meilen betrug.
»Und welches Jahr schreiben wir?«
»Was meint Ihr damit?« Khaleds Miene spiegelte eine Mischung aus Überraschung und Begriffsstutzigkeit wider.
Rona wiederholte ihre Frage. Doch anstatt zu antworten, rief der Araber seinen Gefolgsmann herbei, der auf seine Anweisungen zu warten schien.
»Azim«, befahl er knapp, »gib den beiden reichlich von unserem Wasser, sie haben es dringend nötig!«
Azim war offenbar ein Krieger wie Khaled, weil er wie sein Befehlshaber ein Krummschwert und ein Messer an einem breiten Ledergürtel trug. Seine Gestalt war etwas kleiner und sein Körperbau schlank und sehnig. Die eng zusammenstehenden Augen des Mannes drückten Misstrauen aus, als er sich mit Neugier und in geduckter Haltung näherte. Rona gewann den Eindruck, als ob er sie zunächst für würdig befinden musste, weil er einen Moment zögerte und sie einer ungenierten Betrachtung unterzog, bevor er ihr den Wasserschlauch aus stinkendem Leder an die Lippen setzte. Sie fühlte sich kein bisschen durstig, wollte aber nicht unhöflich erscheinen. Der strenge Geruch der gegerbten Tierhaut stach ihr unvermittelt in die Nase, und sie musste sich zusammenreißen, um nicht zu würgen. Widerstandslos schluckte sie, obwohl das Wasser leicht bitter schmeckte.
Khaled hatte inzwischen Makos Schwert aufgehoben und betrachtete es eingehend. Die Klinge blitzte in der Sonne, als er es hin und her wendete und dann nachdenklich den reich verzierten Griff bewunderte.
Rona ließ ihn gewähren. Sollte er auf die Idee kommen, es ihr nicht zurückzugeben, wäre es ein Grund, ihn zu töten, dachte sie düster.
|54|»Warum wollen die beiden wissen, welches Jahr wir haben, Khal?« Azim warf Khaled einen lauernden Blick zu, der nicht von Freundlichkeit zeugte. »Glaubst du, sie sitzen schon länger hier, und die Sonne hat ihren Geist verdorren lassen?«
»Verdorren wäre wohl zu viel gesagt«, murmelte Khaled. »Ich denke eher, der Angriff ist schuld. Das hat sie verwirrt, und sie haben zu wenig getrunken.« In seiner Stimme schwang aufrichtiges Bedauern mit. »Kein Wunder nach allem, was die beiden mit ansehen mussten.« Immer noch begutachtete er das Schwert, indem er die Klinge vorsichtig durch seine schwielige Handfläche gleiten ließ.
Rona registrierte interessiert das Spiel seiner sehnigen Unterarme, die von der Sonne tief gebräunt aus dem aufgekrempelten Hemd hervorschauten, und den goldenen Siegelring, den er am rechten Mittelfinger trug. Seine gepflegten, gebräunten Hände waren von kleineren, hellen Narben gezeichnet.
»Eine kostbare Waffe«, stellte Khaled fest und lenkte seinen Blick erneut auf Rona. »Gehört sie Euch?«
»Sie gehörte unserem Bruder«, antwortete sie ehrlich. »Er ist tot. Es ist das Einzige, was uns von ihm geblieben ist.«
»Kann man das glauben, Khal?«, bemerkte Azim, der nun dazu überging, ohne Nachfrage Lyn von dem Wasser einzuflößen. »Zwei Frauen, die ohne einen Beschützer mitten in der Wüste sitzen und das reich verzierte Schwert eines Emirs mit sich führen?«
Khaled strafte seinen Gefolgsmann mit einem finsteren Seitenblick. »Schweig, Azim«, sagte er leise. »Die beiden beherrschen unsere Sprache und können dich verstehen.«
Während Lyn brav aus dem Lederschlauch trank, beobachtete Rona aus dem Augenwinkel, wie der Wind den letzten Rest silbrige Asche von Mako zerstob. Inbrünstig hoffte sie, dass ihr Gegenüber nichts von ihrer Laserattacke mitbekommen und auch die seltsame Farbe der Asche nicht bemerkt hatte.
»Allah sei unseren sündigen Seelen gnädig!« Azims Kopf ruckte hoch, nachdem Lyn seiner Meinung nach genug getrunken hatte. »Was ist, wenn sie zu den Fatimiden gehören?«
Khaled schüttelte bedächtig den Kopf, wobei er Rona und Lyn betrachtete, als ob er allein kraft seiner Gedanken ihr Geheimnis ergründen wollte. »Nein, Azim, das halte ich für ausgeschlossen. Sie sehen |55|nicht aus wie Ägypterinnen, und unsere Feinde hätten sie wohl kaum hier in der Einöde zurückgelassen, wenn sie zu ihnen gehört hätten.«
»Sie sehen mongolisch aus«, gab Azim mit einem abschätzigen Blick zu bedenken. Dann senkte er seine Stimme und grinste, wobei seine ebenmäßigen Zähne zum Vorschein kamen. »Vielleicht sind sie entflohene Konkubinen?«
Khaled hob eine Braue und schmunzelte verhalten. »Dafür erscheinen sie mir nicht verrucht genug.« Mit einem abschließenden Lächeln reichte er das Schwert an Rona zurück. Sie nahm es ohne einen Kommentar entgegen und legte es neben Lyn auf den Boden. Gleichzeitig spürte sie Khaleds wachsamen Blick, mit dem er nicht nur ihr Äußeres, sondern auch ihr Gepäck taxierte.
»Was hältst du von ihm?«, murmelte Rona in Babylon, einer Sprache, die sich aus sämtlichen Weltsprachen zusammensetzte und für die beiden Männer gewiss nicht verständlich war.
»Im Gegensatz zu seinem Kameraden bemüht er sich wenigstens, sein Misstrauen zu verbergen«, erwiderte Lyn leise. »Trotzdem fühle ich mich von seinen dunklen Augen regelrecht durchbohrt. Wobei ich mir sicher bin, dass er keine schlechten Absichten hegt. Aber es wäre wohl falsch, ihm vorbehaltlos zu vertrauen.« Instinktiv hielt sie die ledernen Taschen so fest, als ob ihr Leben davon abhinge.
Khaled schien ihre Unsicherheit zu spüren. »Sagt, was hat Euch ganz allein in diese Einöde verschlagen?« Seine Stimme hatte einen fordernden Unterton angenommen, der keinen Zweifel darüber ließ, dass er eine rasche und aufrichtige Antwort erwartete.
Lyn wusste nicht, was sie ihm antworten sollte. Rona fiel ihr rettend ins Wort. »Bevor wir ins Detail gehen …«, entgegnete sie ihm provokativ. »Zunächst schuldest du uns noch eine Antwort. Welches Jahr schreiben wir?«
Anstatt auf ihre Frage einzugehen, bedachte Khaled sie lediglich mit einem ungläubigen Blick.
»Hast du mich nicht verstanden?« Sie legte den Kopf schief und sah ihn an, als ob sie ein unverständiges Kind vor sich hätte.
Er grinste unsicher, offenbar amüsiert über ihre Frage. »Seid Ihr christlich oder muslimisch?« Bevor Rona antworten konnte, fuhr er fort. »Wenn Ihr muslimisch seid, so schreiben wir den 15. Safar im fünfhundertdreiundvierzigsten Jahr nach der Hidschra.«
|56|Rona dachte an Lion, der zwar die Meinung vertrat, die herrschenden monotheistischen Religionen könnten nur überleben, wenn sie sich zusammenschlössen – aber seine Favoriten waren, warum auch immer, die Christen gewesen. Dabei hatte er selbst keiner Religion angehört, denn nach dem großen Krieg waren sämtliche spirituellen Betätigungen und die damit verbundenen Rituale bei Todesstrafe verboten gewesen.
»Christlich«, erwiderte sie mit Nachdruck in der Stimme, obwohl es nicht zutraf. Auch sie fühlte sich zu keiner bekannten Religion hingezogen, und für das, was ihr anbetungswürdig erschien, gab es ohnehin keinen Namen.
Khaled schenkte ihr einen zweifelnden Blick, bevor er zu einer Antwort anhob. »Wenn es nach den Christen geht, befinden wir uns immer noch im Jahre des Herrn elfhundertachtundvierzig, und heute ist der erste Sonntag im Juli.«
Rona stieß einen verzweifelten Seufzer aus, der von Lyns panischem Blick begleitet wurde. »Bist du sicher?«
»So sicher wie ein Mann sein kann, der zweifelsfrei über all seine Sinne verfügt.« Khaled beäugte sie skeptisch von der Seite, als ob er ihre Zurechnungsfähigkeit ernsthaft in Frage stellte.
»Dreißig Jahre zu spät«, entfuhr es Lyn. »Das kann unmöglich sein. Lions Vorbereitungen waren bis in Detail geplant.«
»Verflucht!«, stieß Rona mit zusammengebissenen Zähnen hervor. »Weder der Angriff der Drohnen noch Makos Tod waren geplant. Vielleicht haben die Drohnen den Server getroffen und dadurch die Programmierung verändert.«
Lyn sah sie an. »Du meinst, der Transfer hat funktioniert, aber das Ziel um dreißig Jahre verfehlt?«
In Anbetracht ihrer Begleiter, die ihren Wortwechsel, ohne ihn zu verstehen, fasziniert verfolgten, ersparte sich Rona eine Antwort. Sie konnte ohnehin Lyns Gedanken lesen. Die ungeplante Zeitverschiebung hatte Mako das Leben gekostet, und auch dieser Hugo de Payens war bereits seit mindestens zehn Jahren tot. Kein Timeserver der Welt würde die beiden im Hier und Jetzt ersetzen können.
Ihre Mission schien gefährdet, obwohl es auch in dieser Zeitebene Templer geben musste.
Noch einmal betrachtete Rona die Aufmachung ihres Gegenübers, |57|dessen Gefolgsmann nun dazu übergegangen war, ihm etwas ins Ohr zu flüstern.
Khaled besaß einen weißen Kapuzenumhang, der dem der Templer durchaus ähnlich sah. Hoffnung keimte in ihr auf, dass ihr Ziel vielleicht näher lag als gedacht.
»Bist du ein Templer?«, fragte sie Khaled, ungeachtet der Tatsache, dass er Azim eine leise Anweisung erteilte.
Khaled ignorierte Azims missmutige Miene und bedeutete ihm, dass er gehen solle, um nach den noch fehlenden Kameraden Ausschau zu halten.
»Ich lasse dich ungern mit diesen Hexen alleine«, zischte Azim, »sie sind mir irgendwie unheimlich.« Als er bemerkte, dass Khaled sich nicht für seine Warnung interessierte, marschierte er kopfschüttelnd davon.
Khaled schenkte Rona erneut seine Aufmerksamkeit. »Beim Barte des Propheten, nein«, erwiderte er spöttisch. »Ich gehöre zum Orden der Nizâri. Sieht man mir das nicht an?«
Nizâri? Rona kramte in den hintersten Windungen ihres Hirns, konnte jedoch nichts mit diesem Begriff anfangen.
»Muss ich doch glatt übersehen haben«, antwortete sie zögernd und warf Lyn, die das Gespräch aufmerksam verfolgte, einen fragenden Blick zu, doch ihre Schwester schüttelte kaum merklich den Kopf. Sie kannte diesen Begriff also auch nicht.
Khaled hob eine Braue. »Wie kommst du darauf, dass ich ein Templer sein soll?«
Er hatte es aufgegeben, sie mit dem notwendigen Respekt anzusprechen, da sie ihn ihrerseits wie einen Diener behandelte.
Rona räusperte sich. »Weil ich dachte, dass die Reiter, die eure Karawane begleitet haben, die Kleidung der Templer trugen.«
»Gut beobachtet.« Sein Blick erschien ihr ein wenig überheblich. »Ich kann dir unsere heldenhaften Begleiter gerne vorstellen, sobald sie von ihrem kleinen Jagdausflug zurückkehren.«
»Ich muss ihren Anführer sprechen«, erwiderte Rona.
Khaled straffte die Schultern und nahm Haltung an. »Der Anführer steht vor dir«, entgegnete er mit erhabener Miene »Jedenfalls solange ich das Kommando über diesen Trupp habe.«
Rona ließ nicht locker. »Wenn ich es richtig verstanden habe, |58|gehörst du aber nicht zu ihnen. Also warten wir, bis die echten Templer hierher zurückkehren.«
»Ich glaube nicht, dass sie etwas für dich tun können, was ich nicht auch könnte«, erwiderte Khaled mit einem ironischen Lächeln. »Die Ritterbrüder, die uns begleiten, besitzen bloß Unteroffiziersränge, niemand von ihnen ist befugt, im Namen des Marschalls, Seneschalls oder gar des Großmeisters zu sprechen!«
»Dann bring uns zu deren Oberhaupt!«
Khaleds Lider verengten sich. »Könnte ich mit Leichtigkeit, aber was macht dich so sicher, dass Everhard de Barres euch empfängt?«
»Es wäre sein eigener Schaden und erst recht der seines Ordens, wenn er es nicht täte«, versicherte ihm Rona mit einem rebellischen Zug um den Mund.
Khaled wandte sich um, weil er anscheinend sichergehen wollte, dass sie niemand belauschte, dann grinste er. »Und du willst mir nicht verraten, in welcher Angelegenheit du Meister Everhardus sprechen willst?«
Rona hielt seinem fragenden Blick stand. »Tut mir leid. Für das, was ich zu offenbaren habe, kommt nur ein echter Templer in Frage, der zudem eine höhere Position bekleidet.«
»Meine Schöne!« Khaled verbeugte sich mit einem honigsüßen Lächeln.
»Zufällig besitze ich das Vertrauen der Königin von Jerusalem«, verkündete er selbstbewusst. »Darüber hinaus auch das des Seneschalls der Templer, Bruder André de Montbard. Mit seiner Zustimmung werdet ihr mühelos den gewünschten Zutritt zum Hauptquartier der Templer erhalten. Dort wird längst nicht jedem Einlass gewährt, schon gar nicht mongolisch aussehenden Frauen, die keinerlei Leumund besitzen.« Seine Augen funkelten listig. »Allein aus diesem Grund solltest du mir zumindest eure Namen und eure Herkunft benennen.«
Rona überging seinen Versuch, mehr über sie zu erfahren. »Wann wäre ein Treffen möglich?«
»Ich sagte doch, zunächst muss ich wissen, wen ich zu einer Audienz anmelden soll. Aber selbst wenn du mir das Geheimnis eurer Herkunft verrätst, werdet ihr euch noch eine Weile gedulden müssen«, erwiderte Khaled. »Großmeister Everhardus weilt zurzeit mit meiner Königin, deren Sohn Balduin III. und anderen hohen Würdenträgern in der Nähe von Akko. Gemeinsam haben sie ein Konzil einberufen |59|und alles an Würdenträgern geladen, was in der christlichen Welt Rang und Namen hat und sich zurzeit im Heiligen Land aufhält. Kaiser Konrad I. von Deutschland und König Ludwig VII. von Frankreich nebst seiner Gemahlin Eleonore, der Patriarch von Jerusalem, dazu Dutzende Herzöge und Markgrafen. Sie beraten dort über die anstehenden Eroberungen muslimischer Ländereien.«
Khaled verschwieg geflissentlich, dass die Königin ihn nicht in ihre Reisepläne mit einbezogen hatte, weil es um die Eroberung von Damaskus ging – ein Vorhaben ihres Sohnes, dem Khaled regelrecht entgegenfieberte, weil seine Familie auf Veranlassung des derzeitigen Emirs beinahe ausgerottet worden war. Khaled sann seit der Ermordung seiner Eltern jeden verdammten Tag auf Rache. Die bevorstehende Eroberung der muslimisch regierten Stadt durch fränkische Verbündete wäre eine glänzende Gelegenheit, all jene zu meucheln, die seine Familie in den Abgrund gestoßen hatten. Melisende wollte wohl nicht riskieren, dass er sich als einer ihrer engsten Vertrauten und zugleich Anführer der Nizâri öffentlich gegen ihre Interessen stellte. Noch dazu vor ihrem eigenen Sohn, der seit kurzem versuchte, ihr den Thron streitig zu machen. Daher hatte sie Khaled mit der Leitung dieser an sich unbedeutenden Karawane betraut und ihm zu allem Übel einen brisanten Auftrag erteilt, der sich ebenfalls gegen ihren Sohn richtete. Niemand durfte wissen, dass er in Blanche Garde einen geheimen Mittelsmann der Fatimiden treffen sollte, dem er im Auftrag der Königin eine erhebliche Summe überlassen sollte. Dafür sollte er eine unscheinbare Holzkiste erhalten, die er unverzüglich Melisendes Schatzmeister zu übergeben hatte. Die Königin hatte es nicht für nötig gehalten, ihm zu sagen, was sich hinter dieser Mission verbarg. Nur dass sie wichtig war und äußerster Geheimhaltung bedurfte.
Als umso brisanter war der Angriff der Fatimiden auf die Karawane zu bewerten. Wenn jemand auf feindlicher Seite herausgefunden hatte, dass Khaled im Auftrag der Königin Verbindungen zu fatimidischen Spionen pflegte und diese Informationen an Melisendes Widersacher im Palast gelangten, konnte man Khaled ohne Umschweife der Untreue gegenüber dem zukünftigen König überführen, was einem Todesurteil gleichkam.
Schon alleine deshalb musste er wissen, wen er mit diesen beiden Frauen vor sich hatte.
|60|»Mein Name ist Rona«, erwiderte die schöne Fremde auf seine Frage nach ihrer Herkunft. Mit einer sparsamen Geste deutete sie auf die junge Frau, die neben ihr auf dem Boden hockte. »Und das ist meine Schwester Lyn.«
Für einen Moment war Khaled wie erstarrt, als Lyn in einer anmutigen Geste ihr Haupt entblößte, um ihr langes, schwarzes Haar zum Vorschein zu bringen. Ihr unschuldiger Augenaufschlag jagte ihm auf der Stelle den Puls in die Höhe. Bei Allah, sie war noch viel schöner, als er auf den ersten Blick geglaubt hatte, ihre Ausstrahlung war so viel lieblicher als die ihrer spröden Schwester. Dabei erwiderte sie noch nicht einmal sein Lächeln. Beim Anblick ihrer vollen Lippen durchzuckte Khaled ein plötzliches Verlangen, sie zu küssen. Was Frauen betraf, so war er – Allah sei ihm gnädig – kein Kind von Traurigkeit. Er stellte sich vor, wie es wäre, sie mit Leib und Seele zu besitzen, ihren schlanken, weißen Körper zu erkunden und ihn mit sanfter Macht zu entweihen, versteckt an einem geheimen Ort, fernab von jeglicher Gefahr und vor allem von den verzehrenden Blicken anderer Männer.
Lyn wirkte auf ihn so rein wie eine muslimische Rose, vollkommen anders als all die grell geschminkten Weiber im Lager der Christen. Eine makellose Verheißung, die einem lange vor der Vermählung versprochen wurde und es allein aufgrund ihrer Unschuld verdiente, die Mutter seiner Kinder zu sein. Dass ihm diese Vorstellung bei einer Frau, die allem Anschein nach ein gefährliches Geheimnis verbarg, im Grunde genommen absurd erschien, verlieh der Sache einen besonderen Reiz. Plötzlich wurde ihm unangenehm bewusst, dass er sich in seinem fragwürdigen Verlangen nach dieser Frau kaum von Melisende, der unbeugsamen, in die Jahre gekommenen Frankenkönigin, unterschied.
Nachdem er unter ihrem Schutz zum Mann herangereift war, hatte die Königin ihn nach seiner Ausbildung zum Nizâri in ihr Gemach gelockt, weil sie es als reizvoll empfand, einen skrupellosen Assassinen zu ihrem Geliebten zu machen, den bis zu jenem Tag noch keine andere Frau berührt hatte.
Als sie ihm die Beweggründe für ihr Zusammensein nach einiger Zeit gestanden hatte, war es zwischen ihnen zu einem heftigen Streit gekommen.
Ja, es traf zu, dass er seit seinem Schwur, den er auf den Orden der |61|Nizâri geleistet hatte, die Bereitschaft in sich trug, auf heimtückische Weise zu töten, jedoch nur, wenn es das Überleben seiner Gemeinschaft verlangte. Nicht zum Spaß, nicht zum Ruhm und schon gar nicht, um die Geilheit einer in die Jahre gekommenen Königin zu steigern. Später, nachdem Melisende sich bei ihm entschuldigt und ihre Meinung über die Assassinen zumindest ihm gegenüber geändert hatte, war er bereit gewesen, ihrem Verlangen weiterhin nachzugeben, zumal sie trotz ihres Alters eine grazile Schönheit besaß. Wenn er nun dieses Mädchen betrachtete, eine reizvolle Mischung aus körperlicher Anziehungskraft und tödlicher Gefahr, konnte er Melisendes Vorlieben beinahe verstehen.
»Wir wären dir zu großem Dank verpflichtet, wenn du für uns so bald wie möglich einen Kontakt zum Oberhaupt der Templer herstellen könntest.« Lyn holte ihn aus seinen Gedanken zurück. Ihre Stimme war reinstes Kristall und ihr betörender Blick so unglaublich verlockend, dass sein Entschluss, ihr Herz zu erobern, noch drängender wurde.
Auch sie sprach reinstes Arabisch. Bei aller Begeisterung für dieses Juwel mahnte sein Instinkt ihn zur Vorsicht. Mongolinnen, die ein akzentfreies Arabisch sprachen und sich gleichzeitig als Christinnen ausgaben, erschienen ihm äußerst suspekt. Dass hier etwas nicht stimmte, witterte ein Hund auf drei Tagesreisen im Voraus. Khaled musste herausfinden, was es war, wenn er die Königin und seine eigenen Leute vor einem todbringenden Geheimnis schützen wollte. Doch wie sollte er es anstellen, ohne dass die beiden Schönheiten ihm auf die Schliche kamen und im Zweifel ihn und die gesamte Karawane vernichteten? Doch was wäre, wenn er sie dazu brachte, sich ihm anzuvertrauen, und er ihre besondere Kriegskunst einzig für die Interessen der Nizâri gewinnen konnte? Der kurdische Emir Alī bin Wafā al Masyāf, Oberhaupt der syrischen Nizâri und gleichzeitig Verbündeter der fränkischen Könige und Fürsten, würde ihn lobpreisen, wenn er davon erfuhr, und ihn womöglich als Verbindungsoffizier aus Jerusalem abziehen lassen, um ihn als seinen persönlichen Berater einzuberufen. Khaled malte sich bereits aus, wie es sein würde, wenn er die Fähigkeiten der beiden Frauen seinen anderen Brüdern zugänglich machte. Einem Sieg – gegen wen auch immer – würde dann nichts mehr im Wege stehen.
Fieberhaft überlegte er, wie er es beginnen sollte. Als viel geschmähter |62|Assassine war er dazu berufen, seine Feinde zunächst in freundlicher Sicherheit zu wiegen, bevor er zum Angriff überging. Wie eine Schlange, die sich an ihr Opfer heranschlich, bevor sie den tödlichen Biss ausführte. Khaled musste eine möglichst unauffällige List erfinden, um ihre Zungen zu lockern und ihre wahren Absichten zu ergründen.
»Im Übrigen gebührt euch mein Dank«, fügte er höflich hinzu und verbeugte sich leicht, wobei er Lyns Finger ergriff, um einen Kuss auf ihren Handrücken zu hauchen. Er musste in sich hineinlächeln, als er bemerkte, wie sie erschauerte, wie sein Blick sie offensichtlich betörte und sie vor lauter Verwunderung nicht fähig war, etwas zu erwidern.
»Dank?« Rona mischte sich ein. Sie ahnte wohl, worauf er hinauswollte.
»Dafür, dass ihr unsere Karawane vor dem Untergang bewahrt habt.«
»Untergang?« Sie versuchte sich weiter in unschuldiger Ahnungslosigkeit.
Khaled beugte sich zu ihr hinab und grub seine Finger in ihren Oberarm. »Die fatimidischen Reiterhorden hätten uns um Haaresbreite vernichtet«, flüsterte er heiser. »Bei Allah, du und deine Schwester habt uns Glück gebracht, weil sie bei eurem Anblick so plötzlich geflohen sind.« Er ließ von ihr ab, behielt sie jedoch im Auge. »Nur Allah weiß warum …« Sein wissender Blick wechselte zu einem Hügel hin ganz in der Nähe und kehrte dann mit einem Lächeln zu Lyn und Rona zurück.
»Vielleicht hat er euch als Engel zu uns geschickt? Oder habt ihr eine andere Erklärung dafür?«
Rona ahnte, dass eine tiefgehende Furcht den selbstbewusst wirkenden Araber davon abhielt, auszusprechen, was er tatsächlich von ihnen hielt, aber sie dachte gar nicht daran, ihm diese Angst zu nehmen oder irgendetwas zu erklären.
Noch einmal ging er hinter ihr in die Hocke. Seine rechte Hand griff spielerisch in den Sand, wo die letzten Überreste des verwehten Häufchens Asche lagen, das von Mako, dessen Mörder und seinem Pferd übrig geblieben war.
Der Sand glitzerte silbrig, und sie beobachtete, wie Khaled die Reste ihres Bruders andächtig zwischen seinen Fingern zerrieb. Spätestens jetzt wurde klar, dass er wusste, was sie mit den Turbanträgern und ihren Pferden angestellt hatte.
|63|»Wir waren auf dem Weg nach Blanche Garde«, fuhr er in gleichgültigem Ton fort, »einer Festung auf dem Tell es-Safi. Schon mal davon gehört?« Abwechselnd blickte er Lyn und Rona an.
Rona, die sein wechselndes Mienenspiel mit interessierten Blicken verfolgt hatte, schüttelte abermals den Kopf. »Was waren das für Kerle, die euch mit Pfeilen beschossen haben?«
Khaled wandte den Kopf und spuckte aus, bevor er ihr eine Antwort gab. Als er wieder aufschaute, loderte eine gehörige Portion Verachtung in seinen schönen Augen. »Das waren Söldner des gefürchteten Kalifen al-Hafiz. Er ist das elfte Oberhaupt der ägyptischen Fatimiden und lebt mit seinen Vertrauten abwechselnd in Kairo und in der Hafenfestung von Askalon. Die Festung ist der letzte Stützpunkt seines Reiches außerhalb Ägyptens.« Khaled bemerkte Lyns interessierten Blick und setzte nach. »Al-Hafiz rechnet jeden Tag mit einem Angriff der Franken auf Askalon. Mit Sicherheit wusste er, dass wir den Truppen auf Tell es-Safi Nachschub liefern, und hat uns deshalb angegriffen. Wahrscheinlich wusste er auch, dass die meisten Kreuzfahrer zurzeit in Akko weilen und uns deshalb lediglich eine Handvoll Templer zum Schutz zur Verfügung stand.« Seine braunen Augen funkelten düster, und Rona war sich nicht sicher, ob es sein Misstrauen ihr gegenüber war, das seinen Atem schneller werden ließ, oder der augenscheinliche Hass, den er seinen Feinden gegenüber empfand. Vielleicht nahm er an, sie und Lyn könnten Spioninnen eines muslimischen Herrschers sein.
Rona seufzte genervt, während sie fieberhaft um eine Erklärung rang.
»Wir haben von deinem al-Hafiz noch nie was gehört, also können wir nichts mit der Sache zu tun haben. Unser Anführer hat uns lediglich hier ausgesetzt, damit wir nach Jerusalem weiterreisen«, erklärte sie und bedachte ihn mit einem unschuldigen Blick. »Dort haben wir einen Auftrag zu erledigen, der mit deinen Problemen nichts zu tun hat.«
Khaled reagierte mit Unverständnis. »Welcher Dämon bringt es fertig, zwei so schöne, hilflose Frauen mitten in der Wildnis auszusetzen? Dazu ohne Pferde? Zu Fuß benötigt man einige Stunden, um in die Heilige Stadt zu gelangen. Ihr hättet euch verlaufen oder verdursten können. Auch gibt es hier Wölfe, Löwen und Schlangen. Von Räubern und Sklavenhändlern, die abseits der bewachten Wege herumstreifen, ganz zu schweigen.«
Als Rona ihm eine Antwort schuldig blieb, schaute er sie prüfend |64|an. »Oder seid ihr eben diesem grausamen Schicksal entflohen und am Ende froh darüber, eurem Herrn entkommen zu sein?«
»Nenn es, wie du willst«, erwiderte Rona tonlos. »Es ist mit Sicherheit nicht das, was du denkst. Aber ich versichere dir, dass wir deine Gegenwart und die deiner Soldaten zu schätzen wissen und gerne auf eure Unterstützung zählen.« Inbrünstig hoffte sie, dass ihr Gegenüber diesen kleinen Exkurs in Sachen mittelalterlicher Diplomatie zu schätzen wusste.
Für einen Moment vermittelte Khaled den Eindruck, als wäre er enttäuscht, weil sie ihm eine weitere Erklärung schuldig blieb. Dann setzte er ein entwaffnendes Grinsen auf. »Nun gut«, murmelte er. »Dann steht ihr eben ab sofort unter unserem Schutz, schließlich wäre es kein Akt der Gnade, euch hier draußen einfach sitzen zu lassen.«
»Das kommt ganz darauf an, wo es hingeht.«
Khaled blieb gefasst, obwohl Rona ihn offenkundig provozieren wollte. »Zurück nach Jerusalem, was sonst?« Sein Blick war fragend und überlegen zugleich. »Und? Wie ist eure Antwort?«
Khaleds Miene wirkte gleichgültig, aber Rona spürte, wie sehr er wollte, dass sie sich ihm anvertrauten. Nicht weil er sie vor den Gefahren der Wildnis retten wollte, nein – er wollte wissen, wie es ihr gelungen war, seine Feinde zu vernichten.
»Lyn?« Rona schaute ihre Schwester fragend an, obwohl sie nicht annahm, dass sie anders entschied.
Lyns und Khaleds Blicke trafen sich. Sekundenlang schauten sie einander an, dann unterdrückten beide ein Lächeln. Rona wusste nicht, was sie davon zu halten hatte. Das Letzte, was sie gebrauchen konnte, war, dass Lyn dem unverkennbaren Charme dieses Halbwilden erlag.
Ungewohnt demütig schlug sie die Augen nieder. »Wenn du es sagst, Schwester.« Rona schüttelte ungläubig den Kopf und wandte sich Khaled zu.
»Wir kommen mit euch nach Jerusalem. Schließlich verfolgen wir einen Auftrag, bei dem wir allem Anschein nach deine Unterstützung benötigen.«
Khaled seufzte leise und richtete sich auf. »Sehr vernünftig«, bemerkte er.
Einen Moment später traf eine neue Kavalkade ein. Rona zählte achtzehn Männer in verschiedenartiger Kleidung. In ihren verschwitzten |65|Gesichtern zeichnete sich Erschöpfung ab. Manche sahen aus wie Khaled und sein Diener, die meisten von ihnen hatten jedoch hellere, rötlich verbrannte Haut und trugen eiserne Helme mit einem Nasenschutz, dazu langärmelige Unterkleidung und Kettenhemden, die bis zu den Oberschenkeln reichten. Darüber trugen sie weiße Umhänge mit blutroten, aufgenähten Kreuzen auf Brust und Schulter. Templer, wie Khaled sie angekündigt hatte. Elf an der Zahl. Alle hatten verschlossene, strenge Gesichter und trugen kurzgeschorene, meist rote oder blonde Bärte. Zwei von ihnen waren offensichtlich schwerer verletzt, ihre hellen Unterkleider waren auf Höhe der Brust und an der Hüfte mit Blut durchtränkt.
Khaled ging auf einen der Männer zu, der ihm mit durchgedrücktem Rücken und geradem Blick in einer militärischen Haltung entgegentrat. Der Fremde nahm seinen Helm ab. Dem Aussehen nach zu urteilen, war er ein typischer Nordeuropäer. Er besaß breite Schultern, eine staatliche Größe und kurzgeschorenes, rotblondes Haar. Dabei war er mit seiner breiten, nach unten gebogenen Nase, die sein mit Sommersprossen übersätes Gesicht zierte, längst nicht so gutaussehend wie Khaled. Die Kleidung des Mannes sah arg mitgenommen aus. Der Umhang war seitlich eingerissen, und vor lauter Staub hatte das ehemals helle Kleidungsstück seine weiße Farbe eingebüßt.
Khaled umarmte den Ankömmling und küsste ihn zu Ronas Überraschung flüchtig auf den Mund. »Ich bin froh, mein Bruder, dass du mit deiner Truppe halbwegs heil zurückgekehrt bist.«
»Wir haben Bruder Humbert verloren«, antwortete der Templer scheinbar emotionslos. Doch Rona sah seinen hastigen, von Trauer erfüllten Seitenblick auf einen weiter unten am Hügel liegenden Toten, den man in seinen Templerumhang eingerollt hatte, um ihn vor der Sonne oder den Geiern zu schützen, die immer noch über ihnen kreisten.
»Habt ihr noch ein paar von den fatimidischen Hunden erwischt?«, fragte Khaled mit verächtlicher Stimme.
»Nein«, erwiderte der Templer und brach in einen anhaltenden Husten aus, der sich erst wieder beruhigte, nachdem ihm einer von Khaleds Männern etwas zu trinken gereicht hatte. »Sie sind in Richtung Ramla geflohen, dabei schien es mir, als fühlten sie sich vom Teufel persönlich verfolgt, so sehr haben sie ihre Pferde angetrieben.«
Khaled nickte. »Wer weiß?«, sagte er mit einem lakonischen Lächeln, |66|in das er Rona unbemerkt mit einbezog. »Vielleicht ist er ihm ja wahrhaftig begegnet, und wir haben ihn einfach verpasst.« Mit einem Fingerschnippen rief er Azim herbei, der sich mit zwei anderen Kameraden um die verletzten Ordensritter kümmern sollte. Erst danach wandte er sich zu Lyn und Rona um und machte sie mit dem Templer bekannt. »Das ist Berengar von Beirut, ein Unterleutnant des Ordens und zurzeit meinem Kommando unterstellt.«
Berengars eisblaue Augen zeigten keinerlei Regung. Khaled stellte Rona und Lyn als einzige Überlebende einer kleinen Karawane vor, die wie ihr eigener Geleitzug zuvor von Fatimiden überfallen worden war. Angeblich hatte man ihre Begleiter entführt, und bevor man sich an den Frauen hatte vergreifen können, waren die Angreifer aus Feigheit geflohen. Eine ziemlich dreiste Lüge, wie Rona befand, die Berengar jedoch kommentarlos zur Kenntnis nahm. Was vielleicht daran lag, dass Khaled beiläufig hinzufügte, wie tapfer sich Berengar und seine Männer gegen die Übermacht der Fatimiden geschlagen hätten.
Leider ohne durchgreifenden Erfolg, wie Rona im Stillen befand, was man an etlichen toten Zivilisten festmachen konnte, deren Leichen ebenfalls neben dem toten Templer in der Senke schmorten. Nachdem Khaled einige lautstarke Befehle an die verbliebenen Ritter und Überlebenden der Karawane, darunter auch Frauen und Kinder, erteilt hatte, begann man damit, die Toten einzusammeln und auf die inzwischen eingefangenen Kamele zu legen. Gut ein Drittel der knapp fünfzig Mitreisenden war dem Angriff zum Opfer gefallen. Die Kamele, die deren sterbliche Überreste tragen sollten, schienen den Tod zu wittern und sträubten sich heftig gegen das Beladen mit Leichen. Mitunter bissen sie sogar nach ihren Führern. Einige der Templer schnürten den nervösen Tieren kurzerhand das Maul zusammen und schlugen brutal mit Stöcken auf sie ein, woraufhin tatsächlich Ruhe einkehrte. Dabei wäre es so viel einfacher gewesen, die Toten zu Staub werden zu lassen. Aber die religiösen Bedingungen dieser Zeit sahen ausschließlich eine Bestattung in geweihter Erde vor, wie Rona während ihrer Vorbereitungen staunend gelesen hatte.
Den zwei getöteten Angreifern, die vor Ronas Vergeltungsaktion gestorben waren, wurde eine solche Fürsorge nicht zuteil. Man ließ sie auf dem zerklüfteten Wüstenboden zurück, damit die riesigen Vögel sich an ihrem Fleisch gütlich tun konnten. Als ob er das Ganze als unmissverständliche |67|Einladung verstanden hätte, stürzte sich bereits wenig später ein riesenhafter Geier auf das Gesicht eines Toten und pickte dessen Augen heraus. Beim Anblick des hackenden Schnabels drehte sich Rona der Magen um. Wie gerne hätte sie die Beute des Vogels mit einem einzigen Schuss zu Staub zerblasen, damit dieses Gemetzel aufhörte.
Khaled bat Rona und ihre Schwester, ihm zu folgen. Nur mühsam hielt er sein Erstaunen zurück, als die beiden Frauen sich erhoben. Nicht weil sie widerspruchslos seinen Befehlen gehorchten, sondern wegen ihrer Größe. Obwohl er sich nicht eben als Zwerg bezeichnen konnte, befand er sich mit Rona und Lyn beinahe auf Augenhöhe. Er hatte schon einige fränkische Frauen gesehen, die einen Mann überragten, aber nie eine Mongolin, die ihm so riesig erschien. Um seine Gedanken nicht zu verraten, schaute er an Rona und ihrer Schwester vorbei und nahm deren Gepäck vom Boden auf, ganz so, als ob er den beiden helfen wollte. Nachdem er den Rucksack angehoben hatte, versuchte er ihn mit einer beinahe spielerischen Geste zu öffnen, um wenigstens einen kurzen Blick hineinwerfen zu können. Lyn kam ihm jedoch zuvor und griff nach dem Beutel, um ihn Khaled abzunehmen. Khaled aber verstärkte seinen Griff, nicht bereit, einfach loszulassen. Rona zögerte nicht und zog einen Gegenstand unter ihrem Gewand hervor, den nur Khaled zu sehen bekam und den er sofort erkannte. Es war das Ding, mit dem sie die fatimidischen Reiter hatte verschwinden lassen. Mit einem vernichtenden Blick richtete sie die fremdartige Waffe, die an sich ziemlich harmlos aussah, auf Khaled und zischte etwas, dass nur sie beide verstanden.
»Wenn du dich nicht auf der Stelle in Staub auflösen willst wie deine Gegner, legst du jetzt langsam unsere Sachen auf den Boden.« Ihre Stimme war weich, ihre Miene hingegen blieb hart. »Vorsichtig, hörst du?«
Khaled, der keinen Zweifel hegte, dass sie ihre Drohung wahrmachen würde, nickte mit einer zur Schau gestellten, falschen Überlegenheit und tat, was sie von ihm verlangte. Nachdem Lyn den Rucksack wieder an sich genommen hatte, warf Khaled einen besorgten Blick auf die Mitreisenden und versicherte Rona damit, dass er sich, was ihre Bedrohung betraf, mehr um seine Leute sorgte als um sich selbst.
»Wenn du deine Neugier zügeln kannst und uns heil nach Jerusalem |68|bringst, werde ich dir und den anderen kein Haar krümmen. Ich gebe dir mein Wort«, versicherte ihm Rona.
Khaleds Herz pochte hart, und einen Moment lang überlegte er, seinen Dolch zu zücken und dem Mädchen zuvorzukommen, indem er sie mit einem raschen Wurf tötete. Mit dem Messer war er der schnellste in seiner Truppe, aber Ronas Schnelligkeit war nicht zu unterschätzen. Außerdem hätte er bei Erfolg auch ihre Schwester töten müssen, die ihm zu lieblich erschien, um ihr den Hals aufzuschlitzen.
»Wie du befiehlst«, beschwichtigte er die Frauen leise und hob entwaffnend die Hände, obwohl es ihm unglaublich schwerfiel, sich von einem solch anmutigen Geschöpf etwas befehlen zu lassen, zumal er befürchten musste, von seinen Männern beobachtet zu werden. »Es ist euer Gepäck. Meine Männer und ich werden uns davon fernhalten.«
Er würde es wieder versuchen. Rona konnte es förmlich spüren. Rasch steckte sie die Waffe zurück unter ihren Gürtel und drapierte den Umhang darüber.
Khaled schlenderte unterdessen zu seinem Pferd, als wenn nichts geschehen wäre. Er verzichtete sogar darauf, sich noch einmal umzuschauen, als er aufstieg und seinem Hengst die Sporen gab. Noch während er das Pferd antraben ließ, brüllte er in seiner rau klingenden Sprache den umstehenden Männern einen Schwall von Befehlen entgegen.
»Du hast ihm ganz schön Angst eingejagt«, meinte Lyn, die Khaleds Mienenspiel beobachtet hatte. »Jetzt wird er erst recht neugierig sein, was es mit unserer Waffe auf sich hat.« Sie hatte seine Unruhe gespürt, aber auch seine Entschlossenheit, nachdem er kapitulierend davongestapft war.
»Ich kann es nicht ändern«, erwiderte Rona und presste die Lippen zusammen. »Aber wir können nicht zulassen, dass der Timeserver in die falschen Hände gerät. Lions größte Bedenken bei dieser Mission haben darin bestanden, dass wir mit unserem Equipment den Narren in dieser Zeit verfrüht die Zukunft ins Haus liefern und sie noch mehr Unsinn damit anstellen könnten als ihre Nachfahren. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte ich nicht einmal den Fusionslaser mitnehmen dürfen.«
Lyn sah sie überrascht an. »Glaubst du, die Menschen dieser Zeit wären tatsächlich in der Lage, einen Fusionslaser zu konstruieren?«
»Nein, eher nicht.« Rona wischte sich mit einer ungeduldigen Geste ihr Haar aus dem Gesicht. »Selbst wenn ihnen das Ding in die Hände |69|fallen würde, fehlt ihnen die nötige Infrastruktur, um es nachzubauen. Aber wer weiß, wie schnell sie sich entwickeln, wenn man ihnen die richtigen Impulse liefert?« Ihr Blick fiel erneut auf Khaled, der mit seinem Pferd einen Hang hinunter galoppiert war, um sich um die überlebenden Mitreisenden zu kümmern. »Außerdem halte ich es für wichtig, dass der Kerl Respekt vor uns hat. Er ist der Anführer dieser unberechenbaren Meute, und er wird seine Männer im Zweifel davon abhalten, uns zu nahe zu treten.«
»Glaubst du, sie würden es wagen, uns anzugreifen?« Lyn sah Rona erschrocken an.
»Denkst du ernsthaft, sie sind besser als die Idioten in unserer Zeit?« Ronas Blick fiel auf einen der Templer, der Khaled auf einem rotbraunen Pferd gefolgt war und sich nun daranmachte, mit einer Lanze die Geier zu vertreiben, die sich auf einem der feindlichen Leichname niedergelassen hatten. Allerdings nicht, um die Würde des Toten zu schützen, sondern um ihn seinerseits mit der Lanze in Stücke zu hacken, damit die Vögel leichteres Spiel hatten.
»Nein, wohl eher nicht«, erwiderte Lyn resigniert und schwang ihren Rucksack über die Schulter, um sich Khaled und der restlichen Karawane anzuschließen. Rona, die Makos Schwert in der Hand hielt, betrachtete es kurz, dann steckte sie es in die Schwertscheide, die sie Mako zuvor abgenommen und sich umgegürtet hatte.
»Mach’s gut, kleiner Bruder«, flüsterte sie, bevor sie ihrer Schwester in eine ungewisse Vergangenheit folgte.