Juli 1153 – Jaffa
Das Erste, was Hannah nach dem Transfer spürte, war der frische Wind, der von der See her die Wogen des Meeres aufschäumen ließ und ihr die Gischt bis fast vor die Füße spritzte. Begleitet von einem ohrenbetäubenden Rauschen traf gleißendes Licht auf azurblaues Kristall und schmerzte in ihren Augen. Das Zusammenspiel der Elemente hatte etwas Paradiesisches, und der frische, würzige Duft, der ihre Lungen erfüllte, gab ihr die Gewissheit, dass sie den Transfer lebend überstanden hatte. Aber lebten die anderen auch?
»Haben wir es geschafft?« Matthäus rüttelte an ihrem Arm und sah sie beinahe auf Augenhöhe an. Ein dreizehnjähriger Teenager, in dessen Hirn es zugehen musste wie in einem Kettenkarussell, wenn man bedachte, dass er nun zum vierten Mal die Zeiten gewechselt hatte.
Hannah fiel ihm vor Dankbarkeit um den Hals, so heftig, dass sich der Junge erschrocken gegen sie stemmte und nach Atem rang. Unbeeindruckt davon, dass er sich zierte, küsste Hannah seine blonden Locken. Gleichzeitig schossen ihr Tränen in die Augen, weil er den Transfer heil überstanden hatte. Als sie aufblickte, stellte sie dankbar fest, dass niemand von ihnen zurückgeblieben war.
»Dort hinten ist eine Festung«, rief Freya erstaunt und deutete auf ein Felsenplateau gut fünfhundert Meter entfernt, mit einer stattlichen Burg, die von hohen Mauern umgeben war. Amelie war neben ihr auf die Knie gefallen, direkt in den heißen Sand und betete mit geschlossenen Augen und verklärter Miene zur Heiligen Jungfrau.
»Jaffa«, erklärte Anselm mit dem gleichen lakonischen Unterton in der Stimme, den Hannah das erste Mal gehört hatte, als sie gemeinsam im Jahr 1307 gelandet waren. »Das Gebäude sieht kaum anders aus als zu unserer Zeit.«
Er erkundete die Umgebung, indem er sich einmal um seine eigene Achse drehte. Die Hochhäuser von Tel Aviv waren definitiv verschwunden, |415|und dort, wo einst die Botschaft stehen würde, weideten Schafe auf einer felsigen Ebene.
Jaffa verfügte bereits über einen ummauerten Hafen. Von weitem waren die weißen Segel der Kreuzfahrerschiffe zu sehen. Rund um die Hafeneinfassung brachen sich die hohen Wellen, und die Schiffe tanzten wie Nussschalen auf ihnen. Vor der Stadt herrschte Bewegung. Menschen in hellen Gewändern liefen über eine breite, steinige Straße, manche begleitet von Kamelen oder Eseln. Riesige Dattelpalmen spendeten Schatten, und das Meckern von Ziegen schien allgegenwärtig.
»Und wo sollen wir jetzt hin?«, fragte Hannah in einer unvermittelt aufwallenden Panik. »Wir haben gar kein Geld!«
Anselm grinste überlegen und hob seine Hand, in der er ein kleines Ledersäckchen hielt, in dem etwas klimperte. »Wenn ihr mich nicht hättet!«
»Wo hast du das her?« Hannah schaute ihn verblüfft an.
»Hertzberg hat mir einen Beutel Goldbyzantiner geschenkt, bevor er mit Gero und seinen Leuten abgereist ist.« Er grinste vielsagend. »Zehn Münzen. Sie entsprechen einem Gegenwert von ungefähr fünfzehntausend Euro. Kommt auf die momentane Inflationsrate an, wie weit wir damit kommen werden und ob man uns in den Wechselstuben nicht über den Tisch zieht. Aber für unser kleines Abenteuer, als Pilgergruppe getarnt nach Jerusalem reisen zu wollen, müsste es reichen.« Rasch erklärte er Amelie, die sich inzwischen erhoben hatte, auf Altfranzösisch, dass er ihre Beratung benötigte, weil er auf den Markt gehen wollte, um für die anderen Frauen passende Kleidung zu kaufen. Schließlich konnten sie unmöglich in Jeans und T-Shirt herumlaufen. Auch Matthäus würde sich umziehen müssen.
Anselm blickte auf das T-Shirt des Jungen. »Superman passt definitiv nicht in die Zeit, selbst wenn es hier von selbsternannten Helden nur so wimmelt.«
Hannah, Freya und Matthäus warteten geduldig im Schatten eines Granatapfelbaums und schauten den beiden hinterher, als sie den Weg zum Wasser nahmen, um nach Jaffa zu gelangen.
»Wir haben es tatsächlich geschafft«, murmelte Hannah und blickte ungläubig über die sandige Ebene. »Kannst du dir vorstellen«, fragte sie an Freya gerichtet, »wie sehr sich das alles einmal verändern wird?«
Freya ließ sich warmen Sand durch die Finger rieseln, während sie nachdenklich in die Ferne schaute.
|416|»Nein«, erwiderte sie leise. »Ich kann noch nicht einmal fassen, dass Gott zulässt, dass so etwas möglich ist.«
Hannah strich ihre kastanienbraunen Locken aus dem Gesicht. »Stimmt. Wenn man nicht wüsste, dass es möglich ist, könnte man glatt verrückt werden.«
»Du hast uns gar nicht gesagt, dass du schwanger bist«, gab Freya unvermittelt zurück.
Hannah glaubte die Spur eines Vorwurfes herauszuhören. »Ich dachte, du hättest es gewusst?« Sie war davon ausgegangen, dass Freya es als Erste bemerken würde. Die rothaarige Begine war in ihrer Zeit für die Heilung von Frauenleiden zuständig gewesen. Bereits im Frühstadium einer Schwangerschaft sah sie den Frauen an den Augen ab, in welchem Zustand sie sich befanden. Auch was Abtreibungen betraf, kannte sie sich bestens aus. Aus ein paar Kräutern mischte sie die zuverlässigsten Verhütungsmittel – oder einen Trunk, nach dessen Genuss die Mutter den vorzeitigen Abbruch der Schwangerschaft überlebte, nicht aber das noch ungeborene Kind.
»Ich hab’s mir gedacht«, gab sie zu. »Umso verwunderter war ich, dass Gero dieser Mission zugestimmt hat.«
»Er weiß es nicht.« Hannah versuchte ihre Schuldgefühle zu verdrängen. »Ich habe versucht es ihm auszureden, aber er meinte, es müsste sein. Er muss irgendetwas anderes im Sinn gehabt haben, das mit den beiden Frauen nichts zu tun hat.«
»Johan hat auch eine Andeutung gemacht«, ließ Freya sie mit einem geheimnisvollen Lächeln wissen. »Er sagte, es könnte uns vielleicht helfen, der Gefangenschaft der Amerikaner zu entfliehen.«
»Hat Johan dir erzählt, worum es dabei geht?«
»Nein«, antwortete Freya. Sie schaute Matthäus hinterher, der zum Meer gelaufen war und seine Füße in der Brandung badete. »Aber ich konnte spüren, dass es etwas sehr Wichtiges gewesen sein muss, das es wert war, ein solches Risiko einzugehen.«
Als sie aufblickte, stob der Wind ihr die Haare aus dem Gesicht. Hannah konnte ihr direkt in ihre schräg stehenden, olivgrünen Augen schauen. »Glaubst du, wir werden sie finden?«
»Vielleicht sollten wir beten.« Unwillkürlich griff Freya zu ihrem Malachitrosenkranz, der im Ausschnitt zwischen ihren üppigen Brüsten baumelte und den sie selbst zum Schlafen nicht ablegte.
|417|Hannah hob den Kopf und schaute zum Meer. »Unsere Männer würden es in jedem Fall tun, wenn sie in einer vergleichbaren Situation wären.«
Nach mehr als zwei Stunden tauchte Anselm mit einem Haufen neuer, bunter Kleider auf, die er auf einem struppigen Esel transportierte, der Hannah alles andere als willig erschien.
»Das Taxi«, verkündete er trocken.
Das Tier war so störrisch, dass Anselm und Amelie beinahe die doppelte Zeit benötigt hatten, um zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Allerdings wäre es ohne den Esel äußerst schwierig gewesen, all die Wasserkalebassen und Proviantsäcke, die Anselm erworben hatte, auf fünf Leute verteilt durch eine glühende Wüste zu schleppen.
»Gab es keine Pferde?«, nörgelte Matthäus, der mitbekommen hatte, wie viel Geld sie zur Verfügung hatten.
»Pferde waren zu teuer«, erwiderte Anselm mit missmutiger Miene.
»Und warum hast du dir kein Schwert gekauft?«
Matthäus setzte klare Prioritäten, so, wie er sie von Gero gewöhnt war.
»Weil ein anständiges Schwert noch mehr kostet als ein Pferd und wir mit unserem Geld haushalten müssen. Allerdings habe ich mir einen Dolch gekauft, falls dich das zufriedenstellt.«
Beiläufig stellte er ein größeres, schmuckloses Küchenmesser zur Schau, das längst nicht mit den gewaltigen Exemplaren zu vergleichen war, die ein Templer gewöhnlich am Gürtel trug. Dementsprechend mitleidig fiel Matthäus’ Blick aus.
»Man hat mir geraten«, verkündete Anselm mit Überzeugung in der Stimme, »dass wir uns einer Karawane anschließen sollen, um sicher nach Jerusalem zu kommen.«
»Wer ist ‚man‘?« Hannah schaute ihn zweifelnd an.
»Er hat mit den Leuten in der Festung fließend in der Langue d’Oil gesprochen«, erklärte Amelie begeistert. »Noch heute Mittag haben wir die Möglichkeit, mit einem Geleitzug von Händlern in die Heilige Stadt aufzubrechen.«
»Aber das Beste hat sie vergessen«, fügte Anselm sichtlich geschmeichelt hinzu. »Trotz des vermuteten Fehlers hat der Timeserver hervorragende Arbeit geleistet. Heute ist nach dem julianischen Kalender |418|der 25. Juli. Der Tag, an dem auch Gero und die anderen hier angekommen sind. Nun müssen wir nur noch nach Jerusalem reisen, um pünktlich mit ihnen zusammenzutreffen.«
»Es ist merkwürdig, zu wissen, dass sie so nah sind, und doch nicht sicher sein zu können, ob und wo wir sie treffen werden«, bekannte Hannah nachdenklich.
»Mach dir keine Sorgen.« Anselm lächelte zuversichtlich. »Es wird schon irgendwie funktionieren. Jedenfalls ist der Anfang gemacht.«
Interessiert beobachtete er, wie Freya und Hannah ihre neue Kleidung inspizierten. Im Schutz des Granatapfelstrauches zogen sie sich rasch um. Hannah wählte in Absprache mit Freya eine rosafarbene Cotte, ein langärmeliges Kleid aus festgewebtem Seidendamast, das bis zu den Füßen reichte und um die Taille ein wenig zu groß erschien. Allerdings bot der glatte, mit gleichfarbigen Ornamenten verzierte Stoff in der Hitze des Tages einen ungeahnten Tragekomfort. Kühlend und wärmend zugleich umschmeichelte er Hannahs erhitzten Körper. Freya entschied sich für ein grünes Kleid, das gut zu ihrer Augenfarbe passte.
Anselm hatte zu den Kleidern noch goldfarbene, engmaschig gewebte Bindegürtel gekauft, die man wohl, wie er sagte, um diese Zeit auf Hüfte trug. Nun ja – schließlich war er studierter Spezialist für mittelalterliche Waffen und Kleidung. Selbst Freya wollte ihm nicht widersprechen, was modische Details betraf, weil sie erst 1286, also knapp einhundertdreißig Jahre später, das Licht der Welt erblickt hatte.
Wenigstens hatten sie ihre Lederstiefel nicht gegen irgendwelche orientalischen Pantoffeln eintauschen müssen, dachte Hannah und bändigte ihr langes Haar mit einem hellblau gefärbten Tuch, das auch gegen den allgegenwärtigen Staub schützen würde. Amelie hatte ihr Kleid anbehalten können und verhüllte nur ihre Haare mit einem hübschen, goldfarbenen Tuch. Freya band sich die roten, hüftlangen Locken zu einem Zopf und steckte ihn oben auf dem Kopf zu einer Schnecke zusammen, die sie unter einem grünen Seidenschal verbarg, den sie mit einigen geschickten Handgriffen in einen Turban verwandelte.
Matthäus gab sich mit einem beigefarbenen Kapuzenkaftan zufrieden, den er murrend gegen das T-Shirt tauschte.
»Wir sollten uns beeilen, damit wir unsere Männer nicht verpassen«, |419|bemerkte Hannah, nachdem sie ihre alten Sachen zusammengerollt und auf dem Esel verschnürt hatte.
Anselm hatte ihnen angekündigt, dass die vier Männer, denen sie sich anschließen wollten, zwar ein bisschen merkwürdig aussahen, aber offenbar seriöse Händler waren, denen man durchaus vertrauen konnte. Wer das behauptet hatte, sagte er jedoch nicht.
Als Hannah die Gruppe von angeblichen Händlern erblickte, war klar, dass Anselm stark untertrieben hatte. Die verwegen wirkenden Kerle führten vier Kamele mit sich, deren bunte Aufmachung mit Troddeln und farbigem Zaumzeug genau dem entsprach, was Hertzberg für Karawanen in dieser Zeit beschrieben hatte. Hannah beäugte verhalten die vernarbten Gesichter und die struppigen Bärte ihrer Besitzer. Mit ungenierten Blicken taxierten sie Freya und Amelie. Dabei führten sie selbst zwei Frauen mit sich, die, auf den Kamelen sitzend, anmutige Gewänder aus bunt schillerndem Damast trugen, aber so sehr verschleiert waren, dass man nur die Augen erkannte.
Die Männer kamen bis auf einen, der auf einem Maultier saß, mit ausladenden Schritten zu Fuß daher. Gekleidet in beigefarbene, wadenlange Umhänge, geschnürte Hosen und kniehohe Lederstiefel, wirkten sie eher wie muslimische Krieger. Hannah waren sofort die Krummschwerter aufgefallen, die ihre neuen Begleiter hinter ihre engen, schwarzen Leibgürtel gesteckt hatten und die gewiss nicht zur Zierde dienten.
Irgendetwas stimmte mit den Typen nicht. Jedenfalls glaubte Hannah ein undefinierbares Glitzern in den dunklen Pupillen des Anführers gesehen zu haben, bevor er sich überraschend anmutig vor ihr verbeugte.
»Tarek von Aleppo«, stellte er sich vor.
Hannah registrierte, dass er bereits älter war und ihm ein paar Zähne fehlten. Sie verstand kein Wort, als er weitersprach, nur dass er in Altfranzösisch mit einem starken arabischen Akzent redete.
Anselm schien jedoch zu wissen, was der Araber von ihr wollte, und übersetzte ins Deutsche. »Er fragt nach deiner Herkunft und dem Grund, warum eine so schöne Frau, anstatt ihre Zeit in der Annehmlichkeit eines Harems zu verbringen, die Strapazen einer solch langen Reise auf sich nimmt.«
»Aber du hast nicht vor, ihm die Wahrheit zu sagen?« Hannah |420|lächelte ironisch. »Es würde ihn sicher schockieren, meine Meinung zu seinem Harem zu erfahren.«
Anselm überging ihre Antwort und räusperte sich verlegen, bevor er dem Mann erklärte, dass sie Christen waren, aus den deutschen Landen stammten und eine Pilgerfahrt nach Jerusalem unternahmen.
»Pilger?«, rief Tarek erstaunt. »Und dann kämpfst du nicht für die Franken?«
»Ich halte nichts vom Krieg«, antwortete Anselm mit einem diplomatischen Lächeln.
»Halb Jerusalem steht mit König Balduin III. vor Askalon«, erwiderte der Araber, » und wartet nur darauf, dass der Statthalter des Kalifen az-Zafir endlich die Festung herausrückt – normalerweise wäre es deine oberste Pilgerpflicht, deinen christlichen Brüdern zur Hilfe zu eilen.«
»Ich bin kein Ritter«, stellte Anselm klar. »Ich besitze kein Pferd und kein Schwert. Außerdem habe ich die Verantwortung für meine Schwestern zu tragen. Denkt Ihr, ich bin scharf darauf, mit bloßen Händen zu kämpfen?«
»Nein, sicher nicht.« Tarek grinste gefällig und blickte auf Anselms armseligen Esel herab, dann schüttelte er den Kopf und klopfte Anselm vertraulich auf die Schulter, bevor er sich wieder seinen Gefährten zuwandte.
»Frag mich nicht warum, aber Anselms neuer Kumpan ist mir unsympathisch«, sagte Hannah leise zu ihren beiden Freundinnen.
Freya schien die Sache ebenfalls nicht geheuer zu sein. »Warum rät er Anselm zum Kampf? Der Kerl ist unzweifelhaft selbst ein Sarazene«, flüsterte sie hinter vorgehaltener Hand. »Er spricht die Sprache der Sarazenen und trägt einen Turban. Und obwohl Krieg zwischen Franken und Sarazenen herrscht, bewegt er sich frei in der Gegend. Ich frage mich, wie in aller Welt hatte er es geschafft, mit einem solch teuflischen Grinsen das Vertrauen der Christen zu erlangen?«
»Keine Ahnung«, erwiderte Hannah. »Geh und sag Anselm, dass hier was nicht stimmt. Mir wird er nicht glauben.«
Anselm ließ sich auch durch Freyas Bedenken nicht überzeugen, selbst nachdem sie ihn beiseitegenommen und ihn leise beschworen hatte, dass es hundertmal besser sein würde, alleine nach Jerusalem zu reisen, als sich diesem Gesindel anzuvertrauen.
»Die Wüste wimmelt nicht nur von angriffslustigen Fatimiden«, verteidigte |421|er seine Entscheidung gegenüber der Begine. »In Jaffa sind uns ganze Heerscharen von sturzbetrunkenen, christlichen Rittern über den Weg gelaufen, die sich auf dem Weg nach Gaza befanden. Die sind bestimmt keine Alternative, wenn es darum geht, sich einen Geleitschutz zu organisieren. Ich hatte Mühe, Amelie heil aus der Stadt zu bringen. Vor unseren Augen wurde ein Mann erstochen, am helllichten Tag mitten auf der Straße wegen eines Betrugs beim Würfeln, und niemand kam auf die Idee, den Mörder zu verhaften, weil alle Umstehenden meinten, er sei im Recht! Mag ja sein, dass dir das vollkommen normal vorkommt, aber ich habe weder eine Ahnung, wie wir uns gegen solche Typen verteidigen sollten, geschweige denn, welchen Weg wir nehmen müssen, um solche Komplikationen zu vermeiden. Dieser Tarek hat wohl bemerkt, dass wir Fremde sind, und sich spontan bereit erklärt, uns zu helfen. Er kennt sich hier aus und wir nicht.«
»Was ist, wenn er nur an dein Geld will und uns auf halber Strecke ausraubt?« Freya ließ nicht locker.
»Ich konnte mich selbst davon überzeugen, wie er neben der Spelunke, wo es den Toten gab, einen Handel abgeschlossen hat. Er verfügt über ein ziemliches Vermögen und machte mir nicht den Eindruck, als ob er auf unser Geld angewiesen ist.« Anselms Brauen zogen sich ungeduldig zusammen. »Außerdem hat er mir etwas von Treibsandfeldern zwischen Jerusalem und Akko erzählt, die man nur sicher umgeht, wenn man das Gelände kennt.«
Freya seufzte entnervt.
»Kommt schon«, sagte Anselm und setzte sich in Bewegung, um ihren selbsternannten Beschützern zu folgen.
»Also wenn du mich fragst«, begann Freya von neuem, »der Anführer lächelt zu oft. Normalerweise müsste er als Oberhaupt der Truppe respekteinflößender auftreten. Es sei denn, er hat es nicht nötig, weil er etwas im Schilde führt, von dem auch die anderen wissen.«
Als Freya noch einmal ansetzen wollte, schnitt Anselm ihr das Wort ab. »Wollt ihr eure Männer nun wiedersehen oder nicht? Es war eure Idee, hierherzukommen«, keifte er angriffslustig. »Also beschwert euch jetzt nicht, dass es hier keine Autobahnen und keinen Leihwagen gibt und wir uns einer Karawane anschließen müssen.«
»Also gut«, erwiderte Hannah und ließ es zu, dass Anselm den Esel antrieb, weil die Karawane sich bereits in Bewegung gesetzt hatte.
|422|Matthäus hatte die Auseinandersetzung mit einiger Unruhe verfolgt, aber Hannah konnte sich denken, warum er nichts sagte. Geros ritterliche Erziehung, deren Einfluss der Junge nicht leugnen konnte, sah nicht vor, dass Frauen und Kinder einer männlichen Respektsperson widersprachen und sie sich deshalb ohne Ausnahme Anselms Willen unterzuordnen hatten.
Es war heiß und stickig, und nach Jerusalem waren es noch mindestens fünfzig Kilometer zu laufen. Daher blieb es fraglich, ob sie die Strecke an einem Tag schaffen würden. Ihre Stimmung war ziemlich düster, während sie schweigsam den Arabern hinterherstapften, die ein recht hohes Tempo vorlegten.
Bereits nach kurzer Zeit geriet Hannah ins Schwitzen, und sie begriff, auf was sie sich eingelassen hatten. Weit und breit waren nur Sand und Steine zu sehen – ab und an eine Palme oder ein verlassenes Dorf mit kleinen Lehmhäusern. Über allem flimmerte die Hitze.
Sie waren über zwei Stunden unterwegs, als sie die erste Rast einlegten. Anselm verteilte Wasser und Brot aus dem Proviantbeutel, und Hannah dachte an die Medikamente, die Karen ihr mit auf den Weg gegeben hatte. Vielleicht war auch etwas gegen Mineralverlust dabei. Dann dachte sie daran, was Gero sagen würde, wenn sie unvermittelt in Jerusalem auftauchten. Wahrscheinlich würde er sie zur Hölle jagen, erst recht, wenn er erfahren würde, dass sie schwanger war und keine Aussicht auf Rückkehr bestand. Nicht, dass er ihr gegenüber jemals grob geworden wäre, schließlich war er von Kopf bis Fuß ein Ehrenmann. Aber seine physische Präsenz, wenn er wütend wurde, war ziemlich beeindruckend.
Während sie noch nachdenklich auf ihrem Fladen kaute, bemerkte sie, wie Tarek mehrere Brieftauben aus einem kleinen Bastkäfig aufsteigen ließ, die er zuvor offenbar mit einer Nachricht versehen hatte. Im Nu hatten die Tiere an Höhe gewonnen und flogen der Sonne entgegen. Unwillkürlich musste Hannah schmunzeln. Ob er seiner Frau mitteilte, dass er sich zum Abendessen verspäten würde? Wie gerne hätte sie in den nächsten Tagen auch ein paar dieser Vögel in die Freiheit entlassen, um Gero zu warnen, damit sein Zorn nicht ganz so fürchterlich ausfiel, wenn er feststellte, dass sie und die anderen ihm gefolgt waren. Oder waren sie ihm sogar zuvorgekommen?
Verwirrt wandte sie sich Matthäus zu, der an ihrem Ärmel zupfte.
|423|»Wie lange dauert es noch, bis wir angekommen sind?«, fragte der Junge.
Hannah legte die Stirn in Falten. »Wenn du Langeweile hast, gebe ich dir eine kleine Rechenaufgabe. Wir haben fünfzig Kilometer zu bewältigen und schaffen bei dem Tempo vielleicht fünf Kilometer in der Stunde. Na, wie lange wird es wohl dauern?«
Matthäus verzog beleidigt die Nase. »Etwa zehn Stunden. Mit einem Pferd hätten wir es in der halben Zeit geschafft.«
»Ja«, blaffte Anselm, der die Unterhaltung mitbekommen hatte. »Und mit einem Auto in einer halben Stunde.«
Hannah schaute den Jungen zärtlich an. Matthäus würde erst zufrieden sein, wenn Gero wieder in seiner Nähe war.
»Ich habe keine Ahnung, wo wir sind«, gestand Anselm, der nach der fünften Palme und dem dreißigsten Olivenhain, an dem sie vorbeigezogen waren, vollkommen die Orientierung verloren hatte. »Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass wir nicht irgendwo übernachten können. Schließlich wird es bald Abend, und die Silhouette von Jerusalem ist noch nicht zu erkennen.«
Das Einzige, was nach einer weiteren Stunde am Horizont auftauchte, war eine Horde von ungefähr zwanzig Reitern, die Tarek offenbar recht gut kannte. Jedenfalls begrüßten sie sich mit Küssen und Handschlägen wie lang vermisste Verwandte.
»Die Männer machen mir Angst«, flüsterte Amelie, als sie die neu hinzugekommenen Krieger betrachtete, die, allesamt mit Pfeil und Bogen ausgestattet, muslimischer Herkunft waren.
Tarek überraschte Anselm wenig später mit der Information, dass sich ihre Wege nun leider trennen müssten. Sein Bruder im Geiste, Omar al-Mumkin, der als Späher in Diensten der Christen stünde, würde sie mit in die Heilige Stadt nehmen. Er selbst müsse noch einen Zwischenstopp in Nazareth einlegen und deshalb eine andere Route einschlagen.
Da davon nie zuvor die Rede gewesen war, forderte Anselm den Araber zu einer Erklärung auf.
»Macht euch keine Gedanken«, erklärte Tarek mit seinem gleichmütigen Lächeln. »Sie werden euch dorthin bringen, wo ihr zu sein wünscht.«
Hannah wurde das Gefühl nicht los, dass er dabei die zufriedene |424|Miene eines Mannes aufsetzte, der soeben das Geschäft seines Lebens getätigt hatte. Zumal der Anführer der fremden Reiter ihm einen gut gefüllten Lederbeutel in die Hand drückte.
Ohne sich für Anselms Protest zu interessieren, entfernten sich Tarek und seine Leute schließlich mitsamt ihren Begleiterinnen in die entgegengesetzte Richtung.
Wie aus heiterem Himmel befand sich Hannah hinter einem der Männer auf einem temperamentvollen Araberpferd, und ihr blieb nichts anderes übrig, als sich an dem Reiter festzuhalten, der ihr mit einer penetranten Duftmischung aus ungewaschener Kleidung und schwerem, süßlichem Parfum den Atem nahm.
Freya, Amelie und Matthäus erging es ebenso. Auch sie landeten auf einem Pferderücken, vor ihnen jeweils ein Reiter, der mit seinem schwarzen Turban und einem halb verhüllten Gesicht so vertrauenswürdig wirkte wie ein flüchtender Bankräuber. Anselm war unterdessen gezwungen, auf seinen Esel zu steigen. Niemand hatte Erbarmen, dass er offensichtlich zu schwer für das Tier war und dass es das Tempo der Pferde kaum würde mithalten können.
»Anselm!«, schrie Hannah, als ihre Begleiter sich in Bewegung setzten. »Was ist hier los?«
»Wir werden entführt!«, rief Freya in Mittehochdeutsch, als ihr Reiter mit einem übermütigen Freudengeschrei an Hannah vorbeistob und dabei seinen Krummsäbel schwang.
Doch was hätte Anselm tun sollen? Umzingelt von einer Horde schwer bewaffneter Krieger, war es entschieden zu spät zu handeln. Der Anführer, der sich nicht die Mühe machte, ein Wort der Erklärung an sie zu richten, nahm die Zügel des Esels in die Hand und zog Anselm auf seinem lautstark protestierenden Grautier hinter sich her.
Nach einer guten Stunde erreichten sie eine Oase, wo man sie mit dünnen Stricken an drei hohen Palmen fesselte. Stumm beobachtete Hannah, wie die wenigen Dorfbewohner die Reiter ehrfurchtsvoll mit einem dampfenden Getränk und Datteln verköstigten. Auf Geheiß des Anführers wurden auch die Geiseln mit Wasser versorgt.
Hannah war sich plötzlich sicher, dass sie sterben mussten. Sie hatte von Geiselnahmen in Afghanistan oder im Jemen gehört, aber das hier war etwas völlig anderes. Es würde keine Lösegeldforderung geben – an wen auch? Und auch keine Spezialeinheiten, die sie in einer |425|Nacht-und-Nebel-Aktion hätten befreien können. Außer den Templern gab es niemanden, der ihr einfiel, der sie aus dieser Hölle würde befreien können. Doch dazu hätte man sie erst einmal alarmieren müssen.
Der Junge, der ihr den übel riechenden Lederschlauch an den Mund setzte, achtete nicht darauf, ob sie tatsächlich trank, und so ging das meiste daneben. Das Wasser schmeckte ohnehin abgestanden. Wahrscheinlich kam es direkt aus irgendeinem verdreckten Brunnen. Selbst wenn man sie also am Leben ließ, würde sie spätestens in einer Woche an Cholera sterben, oder irgendein Fieber würde sie hinwegraffen. Karen hatte ihr und den anderen nach ihrer Rückkehr aus dem Jahr 1307 Unmengen von Impfstoffen verabreicht, aber Hannah erinnerte sich nicht mehr, was es genau gewesen war und ob es hier etwas nützen konnte.
Ein Blick zu ihren Geiselnehmern verriet ihr, dass al-Mumkin mit seinen Kameraden und der halben Dorfbevölkerung ein Stück entfernt an einem Feuer hockte. Ihre Stimmen hallten herüber, und im Schein der Flammen blitzten hier und da eine Reihe weißer Zähne auf, wenn jemand lachte. Allem Anschein nach waren die Typen bester Laune. Sie rauchten irgendein Kraut in langgezogenen Pfeifen, die reihum gingen, oder kauten etwas, das ihre Augen glasig werden ließ. Die reinste Lagerfeuerromantik, wenn man davon absah, dass ihr Anführer rund um das Dorf hatte Wachen aufstellen lassen. Offenbar rechnete er weniger damit, dass seine Gefangenen abhauen konnten, sondern eher mit einem Angriff.
Hannah blickte in die schwach beleuchteten Gesichter ihrer Mitgefangenen. Bisher hatte niemand ein Wort gesagt. Sie standen alle unter einem Schock.
»Was wird das werden?«, fragte Hannah schließlich, ohne wirklich auf eine Antwort zu hoffen.
»Sie werden uns als Sklaven verkaufen«, brach es aus Freya hervor. Sie wusste, wovon sie sprach. In ihrem Leben vor dem Transfer in die Zukunft hatte sie schon einiges mehr an üblen Geschichten aus nächster Nähe erfahren als jeder andere von ihnen. Im Jahr 1307 hatte es noch die Leibeigenschaft gegeben, die einen Menschen zum persönlichen Besitz eines anderen machte, von schnell und ungerecht verhängter Todesstrafe und Ketzerverbrennung ganz zu schweigen.
|426|»Ich muss pinkeln«, jammerte Matthäus, der verschnürt wie ein Paket am Fuß einer Palme lehnte.
»Lass laufen«, riet ihm Anselm mit resigniertem Blick. »Ist jetzt auch schon egal.«
»Wahrscheinlich werden wir Frauen im Bett irgendeines lüsternen Emirs landen«, mutmaßte Freya tonlos, ohne dabei Rücksicht auf die Gemütslage ihrer Leidensgenossinnen zu nehmen. Dann sah sie Anselm an und grinste schwach. »Und das Einzige, was mich dabei tröstet, ist, dass du für deine Dummheit mit deinem Schwanz bezahlen wirst. Sie werden dich zum Eunuchen machen. Nur für den Jungen tut es mir leid, ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Dreckskerle ihn verschonen.«
»Freya!« Hannah warf ihr einen strafenden Blick zu. »Matthäus fürchtet sich sowieso schon genug!«
»Ich habe keine Angst«, stellte Matthäus unmissverständlich klar. »Sobald ich die Gelegenheit dazu bekommen sollte, werde ich sie alle töten.«
»Um Himmels willen«, stöhnte Hannah, »Komm bloß nicht auf dumme Gedanken.«
Nachdem sich die Nacht über das Dorf gesenkt hatte und eine schmale, horizontale Mondsichel aufgezogen war, befahl al-Mumkin plötzlich seinen Leuten aufzusitzen. Hannah und die anderen wurden ebenfalls auf die Pferde gezerrt. Ihr Gepäck und der Esel blieben jedoch im Dorf zurück und wurden gegen einen Muli eingetauscht, auf den man Anselm mit gefesselten Händen setzte, offenbar um schnell voranzukommen. Damit waren auch die Medikamente verloren, die Karen ihnen mit auf den Weg gegeben hatte. Die Goldmünzen hatte der Anführer ohnehin konfisziert, als man Anselm durchsucht hatte.
Die Männer setzten ihre Route auf Schleichwegen fort. Deshalb machten sie sich auch daran, ihre Geiseln zu knebeln. Mehrmals warteten sie im Schatten einer Düne den Vorbeimarsch bewaffneter Reiter ab, wobei sie sogar den Pferden das Maul zuhielten. Wahrscheinlich waren es Christen, vor denen sie sich so sehr fürchteten, dass sie keinerlei Angriff wagten. Anzunehmen, dass die Vorbeireitenden Kreuzritter waren, die zur Sicherung des Landes sogar des Nachts auf Patrouillen ritten.
Nach ungefähr drei Stunden erreichten sie einen Hügel, bei dem man von Ferne wieder das Meer rauschen hörte. Direkt an der Küste erhob |427|sich in der Ferne die schwarze Silhouette einer riesigen Festung, auf deren Mauerkronen ein paar Feuer flackerten. Menschen waren auf diese Distanz nicht zu sehen. Wahrscheinlich hatten sie sich hinter den Zinnen versteckt und lauerten darauf, Brandpfeile in die feindliche Nacht zu schießen. Blieb zu hoffen, dass ihre Geiselnehmer nicht vorhatten, sich mit den Bewohnern in welcher Weise auch immer anzulegen. Hannah fand den Gedanken nicht besonders tröstlich, anstatt auf einem Sklavenmarkt verkauft, von Dutzenden Pfeilen durchlöchert zu werden.
Jedoch im Moment litt sie Durst, der sie kaum noch einen klaren Gedanken fassen ließ, und an dem Gefühl, jeden Augenblick alles unter sich gehen lassen zu müssen, weil ihr so elend zumute war.
Al-Mumkin hatte einen Späher losgeschickt, wahrscheinlich um sicherzugehen, dass auf dem Weg zum Meer keine Christen lauerten. Als der Mann zurückkehrte und Meldung machte, gab sein Anführer kurz darauf das Zeichen, zur Festung vorzurücken. In einem atemberaubenden Tempo ging es den Hang hinunter. Hannah hielt sich krampfhaft an ihrem Vordermann fest, obwohl ihr der Kerl zuwider war.
An der Festung wurde in aller Eile ein mächtiges Bronzetor aufgezogen, in dem die zwanzig Reiter und ihre Gefangenen wie durch ein aufgesperrtes Maul verschwanden.
Grobe Hände zerrten sie von den Pferden, kaum dass sie im Innern der Festung angelangt waren, wo es selbst zu dieser späten Stunde von Menschen nur so wimmelte. Hannah geriet in Panik, als sich zahllose Hände nach ihr ausstreckten und Gesicht und Haare berührten. Der Schwall orientalischer Gerüche, der sie unvermittelt umhüllte, machte sie benommen. Ein kurzer Blick in die Runde verriet ihr, dass sie in einer Felsenstadt gelandet war. Mit Türmen und Erkern, Gassen und Plätzen. Über den Stadthäusern erhob sich ein beeindruckender Palast mit Spitzbogenarkaden, die einen langen Wandelgang überdachten. Unzählige Kuppeln schimmerten in schwindelnder Höhe silbern im Mondlicht.
Irgendjemand fasste sie schmerzhaft am Oberarm und führte sie von der Menge weg hin zu einem bewachten Aufgang.
Panisch drehte Hannah sich nach Matthäus um und schrie seinen Namen.
Der Junge war mit Anselm zurückgeblieben und suchte ängstlich ihren Blick. Hannah konnte noch sehen, wie die beiden abgeführt wurden. Ihr Herz drohte vor Entsetzen zu zerbersten, als der Abstand |428|zwischen ihnen immer größer wurde und die brodelnde Menge die beiden schließlich verschlang.
Doch bevor sie lange darüber nachdenken konnte, was als Nächstes geschah, fand sie sich mit Amelie und Freya in einem abgeschlossenen Trakt des Palastes wieder, der die Unruhe der Stadt vollkommen abschirmte. Wachmänner mit schwarzen Schärpen nahmen sie in ihre Obhut. Von al-Mumkin und seinen Schergen war nichts mehr zu sehen. Die Wachmänner schoben sie mit routinemäßiger Respektlosigkeit vor sich her. Zum Glück waren Amelie und Freya noch an ihrer Seite, als eine weitere Garde von seltsam aussehenden Männern sie im nächsten Gang in Empfang nahm. Stark geschminkt mit weißer, roter und schwarzer Farbe und in Pluderhosen wirkten sie beinahe wie Frauen.
Die Ausstattung des Palastes war märchenhaft: weißer Marmor, schwere Damastvorhänge in gedeckten Farben und feingewebte Teppiche, so weit das Auge reichte. Gläserne Öllichter in bunt schillernden Farben illuminierten die Räume. Eine Flügeltür aus geschnitztem Holz wurde aufgezogen und gab den Blick in einen begrünten Innenhof frei. Mit einem Mal roch es intensiv nach Jasmin, was sicherlich den vielen, blühenden Bäumen zu verdanken war, die einen apricotfarbenen Marmorbrunnen umringten. Über dessen Rand plätscherte Wasser in einen rechteckigen Teich. Darin schwammen weiße Seerosen und bunte Fische. Mit allem hatte Hannah in dieser archaischen Welt gerechnet, aber nicht mit einer solchen Pracht.
Ihre weibischen Aufpasser überantworteten sie einer verhärmt aussehenden Frau. Deren langärmeliges, bodenlanges Kleid aus bunt schimmernder Seide, das mit Hunderten von in Gold gestickten Ornamenten versehen war, wirkte überaus kostbar. Ihr aufgestecktes, langes schwarzes Haar zeigte die ersten silbernen Fäden, die sie offenbar mit Henna zu überdecken suchte.
»Mein Name ist Adiba. Willkommen im Hause des Statthalters von Askalon«, sagte sie auf Latein. Hannah wunderte sich, dass sie die Frau recht gut verstehen konnte. »Dass Ihr nicht freiwillig hier seid, darüber müssen wir nicht reden. Aber seid beruhigt. Der Emir bevorzugt fränkische Frauen. Ich bin überzeugt, er wird sich an Eurem Anblick erfreuen. Ihr habt die Wahl, ihm zu dienen oder zu sterben. Ich hoffe für Euch, Ihr entscheidet Euch für Ersteres.«
|429|Anselm war von vorneherein klar gewesen, dass der Transfer eine Menge Probleme mit sich bringen konnte. Deshalb hatte er auch darauf bestanden, Hannah und ihre Freundinnen zu begleiten. Allerdings hatte er sich in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt, dass es so schlecht laufen würde.
Eskortiert von Soldaten, die ihn mit finsterer Miene und bis an die Zähne bewaffnet durch eine Gasse von Neugierigen stießen, wurde er bespuckt, geschlagen und getreten. Die Schreie und Beschimpfungen steigerten sich in eine regelrechte Hysterie. Als wäre er in Trance, zogen die wutverzerrten Gesichter an Anselm vorbei. Offenbar waren sie in einer muslimischen Festung gelandet, deren Bewohner auf fränkisch aussehende Gefangene nicht gut zu sprechen waren. Das Einzige, das ihn nicht einfach zusammenbrechen ließ, nachdem er Hannah, Freya und Amelie aus den Augen verloren hatte, war Matthäus, der sich völlig apathisch an ihn drängte.
Die schwer bewaffneten Schergen brachten sie zu einem schmalen Spitzbogentor, von wo aus eine in Stein gehauene Treppe in einen stinkenden Untergrund führte. Unten eröffnete sich ihnen ein düsteres Labyrinth, das hier und da von einer Fackel erleuchtet wurde. Anselm erinnerte sich zu gut daran, wie er im Herbst 1307 nicht mehr damit gerechnet hatte, aus einem solchen Verlies lebend herauszukommen. Er und die anderen hatten es einem glücklichen Zufall zu verdanken, dass Tom sie mit dem Timeserver in letzter Minute herausgeholt hatte. Ob er diesmal ebenso viel Glück haben würde, bezweifelte er.
Erst recht, als sie, eskortiert von Kerkerwächtern, noch tiefer in den Untergrund vordrangen. Dabei ging es an zahlreichen vergitterten Verschlägen vorbei, in denen kaum noch als solche zu erkennende menschliche Gestalten an Ketten hängend vor sich hin vegetierten. Anselm stockte vor Grauen der Herzschlag, als Matthäus einen jähen Schrei ausstieß. An einem von Öllichtern spärlich erhellten Mauervorsprung baumelte ein bleiches, halb mumifiziertes Skelett, dessen Kleidung in Fetzen herabhing.
So, wie es aussah, war der arme Teufel entweder als Einschüchterungsobjekt für frisch angekommene Christen gedacht, oder man hatte es einfach nicht für nötig gehalten, seinen Kadaver im naheliegenden Meer zu versenken, geschweige denn, ihn in geweihter Erde zu bestatten. An Nachschub von armen Seelen fehlte es unterdessen |430|nicht. Aus allen Ecken und Enden drangen Stöhnen und Klagen. Offenbar hatte man vorwiegend fränkische Gefangene in dieses Loch geworfen und war sich noch nicht im Klaren darüber, was man mit ihnen anstellen wollte. Deren verfilztes blondes Haar, die mitunter trüben, hellblauen Augen, bis auf die Brust reichende rötliche Bärte und nicht zuletzt ihre völlig abgemagerten Gestalten ließen erahnen, dass sie schon länger hier einsaßen. Aus allen Ecken waren Schreie zu hören, Schreie des Schmerzes, Schreie des Wahnsinns und Schreie der Wut. Dazwischen der Klang eines Hammers, der auf Eisen schlug, sowie das scharfe zischende Geräusch einer Peitsche und das Platschen von Wasser sowie das verzweifelte Röcheln eines Ertrinkenden.
Ein Verschlag wurde aufgesperrt, und ihre Fesseln wurden gelöst, dann stieß man Anselm und den Jungen wortlos in einen kaum mannshohen Käfig und verriegelte hinter ihnen das Gitter. Das Stroh, das auf dem Boden lag, war völlig verrottet und stank so entsetzlich nach menschlichen Exkrementen, dass Anselm sich spontan übergeben musste. Nur mühsam beruhigte er seinen krampfenden Magen, indem er sich gut zuredete und zu einer Art Flachatmung durch den offenen Mund überging. Matthäus war anscheinend weniger empfindlich. Vergeblich suchte der Junge im Halbdunkel nach einer Stelle, wo er sich vorerst niederlassen konnte. »Es ist widerlich«, brachte er mühsam in Altfranzösisch hervor und dabei schaute er hilflos umher. »Überall.«
Das Rasseln einer Kette schreckte sie auf. Matthäus wich ängstlich zurück, als eine gebückte Gestalt mit schwarzer, strähniger Mähne, die bis zu den Hüften reichte, aus der Finsternis hervortrat. Der Mann war vollkommen nackt und abgemagert. Seine sehnige Gestalt ließ erkennen, dass er selbst in dieser Hölle alles daransetzte, seine körperliche Kraft zu erhalten. Der lange Bart, der ihm bis zum Bauchnabel reichte, machte es schwer, sein Alter zu schätzen. Die hellbraune Haut und die immer noch feurigen Augen erinnerten Anselm an einen ausgemergelten Yogi. Dass dieser Mann jedoch nicht freiwillig hungerte, war an den dicken wulstigen Narben auf Bauch und Rücken zu erkennen, die von schwersten Misshandlungen zeugten.
»Willkommen in Askalon«, sagte der Mann in tadellosem Altfranzösisch. »Ist lange her, dass ich mein Gemach mit Gästen teilen musste.«
Anselm versuchte, ihn nicht allzu schamlos anzustarren.
»Wie ist Euer Name?«, fragte er mehr aus Verlegenheit.
|431|Der Kerl lächelte schwach, und obwohl er von oben bis unten mit Dreck beschmiert war, leuchteten seine weißen Zähne regelrecht in der Dunkelheit. In höfischer Manier verbeugte er sich vor Anselm, indem er seine Hand aufs Herz legte und den Kopf leicht neigte.
»Khaled«, sagte er mit einem Anflug von Spott in der Stimme. »Khaled al- Mazdaghani Ibn Mahmud, Sohn des ehemaligen Wesirs von Damaskus.«
»Anselmo«, erwiderte Anselm und wählte die mittelalterliche Form seines Namens. »Anselmo de Caillou.« Auch er verbeugte sich und deutete auf Matthäus, der den nackten, schrecklich zugerichteten Kerl mit offenem Mund anglotzte, als ob es sich um einen Geist handelte. »Und das ist mein junger Begleiter, Matthäus von Bruch. Es ist uns eine Ehre, Eure Bekanntschaft machen zu dürfen.«
»Ganz meinerseits«, antwortete der Ausgemergelte. »Du magst mich Khaled nennen, schließlich sind wir von nun an Leidensgenossen.«
»Seit wann sitzt du schon hier unten?«, fragte Anselm.
»Fünf Jahre.« Khaled kniff die Lippen zusammen. »Obwohl es Tage gibt, an denen ich denke, dass es auch fünfzig sein könnten.«
»Aber …« Anselm zögerte einen Moment, nicht wissend, ob er das Richtige annahm. »… du bist doch einer von denen da oben, oder sehe ich das falsch?«
Khaled hob eine Braue und lächelte schräg. »Es mag an deiner Einfältigkeit liegen, Franke«, betonte er mit einer leichten Ironie in der Stimme, »dass du uns Muslime alle in einen Topf wirfst. Ich bin kein Fatimide – auch wenn ich so aussehe und unsere religiösen Wurzeln derselben Quelle entstammen. Ich bin ein Angehöriger der Nizâri.«
»Nizâri?« Anselm stutzte einen Moment. »Sind das nicht …?«
»Assassinen?« Khaled verzog das Gesicht. »Das wolltest du doch sagen, oder?«
Das Wort stand im Raum wie eine Bedrohung, und Anselm spürte selbst, wie er auf Abstand ging.
Khaled störte sich nicht daran, offensichtlich war er diese Reaktion gewöhnt.
»Es beruhigt mich«, sagte er, »dass meinesgleichen auch nach Jahren noch einen so schlechten Ruf genießt. Meine Leute und ich gehörten zur Leibgarde der fränkischen Königin. Wir gerieten bei der Schlacht von Damaskus in einen Hinterhalt und danach in fatimidische Gefangenschaft. |432|Es war Verrat «, fügte er mit einem müden Lächeln hinzu. »Ich habe all meine Männer verloren. Später vertraute mir irgendjemand an, König Balduin habe sie der Untreue beschuldigt und köpfen lassen. Im ersten Jahr wollte man mich noch gegen fatimidische Krieger austauschen, die den Christen ins Netz gegangen waren. Als die Christen sich nicht für mich interessierten, hat man versucht, mir und einem Mitbruder unter der Folter unsinnige Geständnisse abzuringen. Ich habe mitansehen müssen, wie er gestorben ist. Aber nachdem Kalif al-Hafiz von seinen eigenen Vertrauten ermordet wurde, verlor man das Interesse an mir. Sein Nachfolger az-Zafir hat mich wohl hier unten vergessen.« Er verstummte abrupt, fing sich jedoch wieder. »Und Ihr? Woher stammt Ihr?« Sein Blick fiel auf Matthäus, der unwillkürlich zur Seite rutschte, als Khaled einen Schritt auf ihn zuging.
Anselm überlegte nicht lange. Er würde einfach die Wahrheit sagen, sollte der Kerl ihn ruhig für verrückt halten.
»Wir kommen aus der Zukunft«, erklärte er. »Aus dem Jahr 2005.«
Matthäus’ Augen weiteten sich ungläubig, als er zu Anselm aufschaute. Was insofern zu verstehen war, dass es bisher immer geheißen hatte, sie sollten ihre wahre Herkunft verschweigen. Aber in dieser Situation war ohnehin schon alles egal.
»Aus der Zukunft?« Khaleds Blick wirkte plötzlich wach und ganz und gar nicht verstört. »Ich kannte einmal ein Mädchen aus der Zukunft«, erwiderte er mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit. »Sie kam aus dem Jahr 2151. Einer Zeit, als die Menschen aufgehört hatten, sich zu paaren und nur noch auf widernatürliche Weise in Gläsern gezeugt wurden.« Er begann zu kichern. »Ich durfte ihr zeigen, wie man es richtig macht. Aber leider war es mir nicht vergönnt, sie zu fragen, ob es geglückt ist.«
Seine Mimik änderte sich abrupt. Plötzlich sah er unendlich traurig aus.
Anselm stockte der Atem. Hatte er sich verhört? Aus dem Jahr 2151? Oder war das alles ein wahnwitziger Zufall, dass sein irrsinniger Kerkergenosse von einer In-Vitro-Fertilisation faselte?
»Hatte …« Er zögerte. »… Eure Freundin einen Namen?«
Einen Moment lang sah ihn Khaled aus schmalen Lidern an, als ob er befürchtete, allein mit ihrem Namen unselige Geister heraufzubeschwören.
|433|»Lyn«, murmelte er heiser und sank auf den Boden, wo er gedankenverloren hocken blieb und auf seine geschundenen Hände schaute. »Ihr Name war Lyn. Sie war ein Engel … aus einer fernen Zeit, und ich habe …« Er räusperte sich. »… sie sehr geliebt.«
Nach einem kurzen Zögern blickte er auf. »Ich weiß nicht, ob sie noch lebt«, sagte er nachdenklich. »Ich würde alles dafür tun, wenn ich sie noch einmal in meinen Armen halten könnte. Sie ist der einzige Grund, warum ich nicht tot bin. Ich werde nicht eher sterben, bevor ich weiß, ob sie im Paradies auf mich wartet. Verstehst du das, Mann?« Khaleds Augen flackerten, als wäre er von Dämonen besessen.
»Ja, ich verstehe«, erwiderte Anselm noch ganz gefangen von dieser überraschenden Wendung.
»Nein, das tust du nicht«, flüsterte Khaled mit Nachdruck in der Stimme. »Ich kann dir ansehen, dass du nicht weißt, was es bedeutet, diese Hölle zu überstehen, und das nur, weil du eine einzige Frau liebst, von der du noch nicht einmal weißt, ob sie dich noch will, falls das Schicksal dir wohlgesinnt ist und du ihr noch einmal begegnen darfst.«
Anselm zögerte einen Moment. »Es könnte sein, dass wir dieselbe Frau suchen. Hatte sie vielleicht eine Schwester, die Rona hieß?«
»Wie kannst du das wissen?« Khaled sprang auf und sah ihn feindselig an.
»Wenn du mir vertraust«, sagte Anselm, »und mir versprichst, alles für dich zu behalten, erzähle ich dir eine wahre, wenn auch unglaubliche Geschichte …«
»Was redest du da, Mann?« Khaled schaute Anselm an, als ob er den Verstand verloren hätte. Vielleicht war der bärtige Franke tatsächlich benebelt oder genauso verrückt wie er selbst. Allerdings hatte er noch keine fünf Jahre in diesem Loch gesessen und seine fehlenden Fleischrationen – so, wie seine füllige Statur es verriet – bisher durch regelmäßige Jagd auf Ratten ersetzen müssen.
»Wenn ich es dir sage«, wiederholte Anselm. »Unsere Verbündeten stammen wie wir aus der Zukunft und sind auf der Suche nach den beiden Frauen. Ihre Schwester heißt Rona. Ist es nicht so?«
Khaled nickte wie betäubt. Hatte er den Kerl tatsächlich richtig verstanden?
|434|Sein Altfranzösisch klang merkwürdig, aber verständlich. Plötzlich kam ihm ein fataler Gedanke. Die Agenten des Wesirs hatten seine Träume belauscht.
Nachts wenn er schweißgebadet wach wurde und die Namen der Frauen in die Dunkelheit schrie. Vielleicht hatte er auch anderes verraten, ohne es zu wissen. Wie konnte er nur so dumm sein, zu glauben, die beiden neuen Gefangenen seien harmlose Gestalten, denen es nicht besser erging als ihm? »Du gehörst zu ihnen«, sagte Khaled mit schneidender Stimme.
»Zu wem?« Anselm schaute ihn verständnislos an.
»Zu den Spionen des Wesirs. Ihr wollt mein Geheimnis auf diese Weise erfahren.«
»Aber nein«, beschwichtigte ihn der Franke und hob die Hände zu einer beruhigenden Geste. »Warum sollte ich dich belügen? Was für einen Grund hätte ich dazu? Dass wir keine Spione sind, müsstest du alleine am Verhalten des Jungen erkennen.«
Khaleds Blick wanderte zu Matthäus, der ihn bleich und verunsichert beobachtete, als wäre er ein wildes Tier, das man nicht aus den Augen lassen durfte.
»In welchem Jahr wurdest du geboren?«, fragte Khaled ihn hart.
»Im Jahre nach der Fleischwerdung unseres Herrn 1295«, antwortete der Junge schüchtern.
Ein hastiger Blick zu seinem Herrn bestätigte Khaled, dass er nicht gelogen hatte. Khaled beherrschte es wie kein anderer, aus den Gesichtern seiner Gegner ihre wahren Beweggründe herauszulesen. Und dieser verängstigte Knappe sprach die Wahrheit.
»Und wie bist du hierhergekommen?«, fragte Khaled mit einem provozierenden Lächeln. »Mit einem fliegenden Teppich?«
Der Blick des Jungen huschte verunsichert zu seinem Begleiter hin.
»Sag’s ihm ruhig«, erklärte der Ältere.
Stockend begann Matthäus von seinen Erfahrungen in der Zukunft zu berichten, in denen er eine Maschine erwähnte, die exakt jenen Beobachtungen entsprach, die Khaled Jahre zuvor im Beisein von André de Montbard auf dem Tempelberg in Jerusalem gemacht hatte. Der Junge schien all das völlig normal zu finden und umschrieb dieses Wunder in blumigen Worten.
|435|Khaled erinnerte sich gut daran, dass es Lyn nicht anders ergangen war, als sie ihm vor Jahren von ihrer Herkunft erzählt hatte. Matthäus fabulierte – ähnlich wie sie damals – immer flüssiger von seinen merkwürdigen Erlebnissen.
Khaled begriff, dass Lyn noch leben musste und sie die ganze Zeit, in der er Folter, Hunger und Hoffnungslosigkeit über sich hatte ergehen lassen müssen, in Jerusalem gelebt hatte. In seinen Gedanken erhob sich ein Sturm, den er seit Jahren zu unterdrücken versuchte. Warum hatte Lyn niemals nach ihm gesucht, warum hatte Montbard nichts unternommen, um ihn freizukaufen? Dass er von Melisende keine Unterstützung erwarten konnte, war klar – aber die Templer verfügten über genug Geld und Verbindungen, um herauszufinden, dass er noch lebte, und ihn aus dieser Hölle herauszuholen. Verdammt, lag es daran, dass man ihn für tot hielt? Oder hatte man ihn einfach vergessen? Oder liebte Lyn ihn nicht mehr genug und war froh, dass er verschwunden blieb?
Plötzlich schossen Khaled Tränen in die Augen. Es half nichts, er musste sich setzen und schlug die Hände vors Gesicht.
Anselm fragte sich, was den plötzlichen Gefühlsausbruch des Mannes verursacht hatte. Man benötigte kein gesteigertes Vorstellungsvermögen, um zu wissen, dass man hier unten schon nach kurzer Zeit ein bösartiges, irreparables Trauma entwickelte, erst recht, wenn man Jahre in diesem Loch zugebracht hatte. Khaled hatte in dieser Zeit eine Strichliste geführt, deren ellenlange Einkerbungen im flackernden Feuer an der gegenüberliegenden Wand zu sehen waren. Anselm ahnte, dass er selbst eine so lange Zeit wahrscheinlich nicht lebend überstanden hätte. Der Fraß aus verdorbenen Fischabfällen, den man ihnen hingestellt hatte, war schlichtweg nicht genießbar, und das Wasser, das ihnen in einem abgenutzten Holzeimer zur Verfügung gestellt wurde, war mit Sicherheit die reinste Bakterienschleuder. Gar nicht zu erwähnen, dass sie gezwungen waren, ihre Notdurft in einer Rinne vor den Gitterstäben zu verrichten, deren Ablauf nach draußen auf den Gang führte, von wo aus die Exkremente direkt über einen offenen Zugang ins Meer fielen.
Falls sie hier nicht bald wieder herauskamen, würden sie in Kürze an Durchfall und Auszehrung sterben. Anselm überwand seinen Ekel und |436|hockte sich neben Khaled, dessen Gestank ihm beinahe den Atem nahm. Sein langes Haar war verfilzt, und die Tatsache, dass es voller Läuse war, schreckte ihn ab. Trotzdem legte er vorsichtig einen Arm um dessen knochige Schulter. »Könnte es sein, dass du Rona und Lyn, die wir suchen, gekannt hast?«
Khaled seufzte erschöpft. »Ich kenne keine anderen Frauen, die solche Namen tragen. Es müssen also dieselben sein. Bleibt die einzig wichtige Frage … Wird es einen Dritten Weltkrieg geben – oder ist er dort, wo ihr herkommt, bereits verhindert worden?«
Anselm schaute ihn überrascht an. »Hast du etwa den Inhalt des Servers gesehen?«
»Ich verrat dir was, Franke.« Khaled verfiel in einen vertraulichen Ton. »Weil unser Schicksal auf ewig besiegelt scheint.« Er räusperte sich mit Blick auf den Jungen und senkte seine Stimme. »Wenn das alles stimmt, was du sagst, weißt du auch, dass man uns in spätestens zwei Wochen töten wird. Weil die Templer über die Stadt herfallen und dabei von den Bewohnern der Festung gelyncht werden. Ich vermag mir kaum vorzustellen, dass man die Franken, die hier eingesperrt sind, nach einem solchen Geschehnis am Leben lässt.«
Anselm nickte betroffen. Er wusste, dass Khaleds Vermutung alles andere als abwegig war.
»Von Lyn weiß ich auch, dass ihr Franken am Ende die Schlacht gegen die Muslime verlieren werdet. Nūr ad-Dīn und sein Nachfolger Saladin, wird euch in wenigen Jahren mit Schimpf und Schande aus all euren Besitztümern vertreiben.« Khaled setzte ein müdes Lächeln auf. »Allein Allah vermag uns noch zu helfen«, erklärte er mit verschwörerischer Stimme und dachte daran, dass es ihm irgendwie gelingen musste, an den Kelch von Askalon zu kommen, um auf das Schicksal der Welt Einfluss nehmen zu können. Dass dieses unglaublich kostbare Artefakt immer noch in der Zitadelle dieser Festung, tief unten in der Schatzkammer, verborgen war, hatte ihm ein Abtrünniger des Wesirs berichtet, den man wegen eines Einbruchs in die Goldkammern geschnappt und nach kurzer Gefangenschaft hingerichtet hatte. Zuvor hatte er noch eine Weile mit Khaled in einer Zelle verbracht und ihm die Existenz des Kelches bestätigt, jedoch ohne zu wissen, was es damit in Wahrheit auf sich haben sollte. Das Geheimnis des Kelches würde Khaled zum einzig wahren Imam führen, dem Fürsten der Zeit und |437|Herrscher über das Universum, nur er vermochte die Menschheit vor dem, was ihr noch bevorstand, zu retten.
Aber das konnte nur gelingen, wenn er endlich einen Weg fand, dieser Hölle zu entkommen.