Juli 1153 – Jerusalem
Anselm wusste nicht, wie Khaled es angestellt hatte, dass ihnen auf dem ganzen langen Weg nach Jerusalem zwischen all den Hügeln und Felsen kein einziger Kreuzritter und kein räuberischer Angreifer begegnet waren.
Außer ein paar Ziegenhirten und einer Truppe von drei Kaufleuten auf ihren Kamelen, die zwei Maulesel mit Teppichen mit sich führten, hatten sie niemanden gesehen.
Vielleicht lag es daran, dass Khaled darauf bestanden hatte, bei Nacht zu reiten, und er sich in den Kopf gesetzt hatte, sie so rasch wie möglich in die Heilige Stadt zu bringen. In der ersten Dämmerung erreichten sie ein verschlafenes Dorf mit mehreren weiß getünchten Flachbauten, die hinter einer gut zwei Meter hohen Mauer verborgen lagen. Südlich davon erhob sich in der Morgenröte die schwarze Silhouette der Festung Bayt Jibrin, die Königin Melisendes verstorbener Mann Fulko vor mehr als zwanzig Jahren den Hospitalitern geschenkt hatte, wie Khaled ihnen erklärte. Bis nach Jerusalem waren es noch |488|ungefähr vier Meilen, was in der Neuzeit knapp fünfzig Kilometer bedeutete.
Ein Hund schlug an, als Khaled unvermittelt innehielt und vom Pferd sprang. Im Schutz eines riesigen Feigenbaumes befahl er ihnen zu warten.
»Es dauert nicht lange«, sagte er und nahm etwas aus seiner Satteltasche. Dann rannte er in geduckter Haltung zu einem Hinterhof. Das Bellen verstummte sofort, als er dem angeketteten Hund einen Lammknochen hinwarf. Khaled verschwand hinter ein paar Büschen und kehrte wenig später äußerlich verändert zurück.
Statt der Uniform eines Fatimidenkriegers trug er nun einen weißen Kaftan und eine verwaschene schwarze Hose, deren Oberschenkel noch die Spuren der Wäscheleine zeigten, auf der sie zum Trocknen gehangen hatte. Von der abgelegten Uniform hatte er nur den Gürtel behalten, um Schwert und Dolch dahinterstecken zu können.
»Na?«, fragte er. »Wie sehe ich aus?«
»Keine Ahnung«, erwiderte Anselm verwundert. »Wie willst du denn aussehen?«
»So, dass mich in Jerusalem niemand auf Anhieb erkennt.« Sein Haar hatte er unter einem weißen Turban verborgen. »Als ich die Stadt vor fünf Jahren verließ, hatte ich weder einen struppigen Bart, noch hätte man mich für einen verhungerten Bettler halten können.«
»Denkst du, Balduins Truppen jagen dich immer noch?« Anselm beobachtete, wie der Assassine sich in den Sattel schwang.
»Sicher ist sicher«, erwiderte er und schnalzte kurz mit der Zunge, worauf sich sein Pferd gehorsam in Bewegung setzte.
Anselm und Matthäus blieb nichts weiter übrig, als ihren störrischen Gaul anzutreiben, um ihm folgen zu können.
»Also willst du uns doch bis in die Stadt begleiten?«, fragte Anselm hoffnungsvoll, als er sich Khaled näherte. In dessen Gesellschaft fühlte er sich auf eigentümliche Weise geborgen, auch wenn dieser wild aussehende Kerl durchaus skrupellose Seiten an den Tag legen konnte. Glücklicherweise tötete er nach eigenen Angaben nur, wenn es keinen anderen Ausweg gab oder er einen entsprechenden Auftrag von seinem höchsten Meister erhielt.
»Was bleibt mir anderes übrig?«, erwiderte Khaled grinsend, »Ohne mich scheint ihr ja vollkommen aufgeschmissen zu sein.«
|489|Mit einem Schenkeldruck lenkte er seine Stute an Anselms Pferd heran. Wie aus dem Nichts übergab er Matthäus, der sich hinter Anselm an dessen Rücken klammerte, einen halben Weizenfladen, den der Junge dankbar entgegennahm, sowie die Hälfte eines Leinentuches, das er in zwei Stücke gerissen hatte.
»Binde dir das um den Kopf«, riet er Matthäus, »spätestens, wenn die Sonne brennt, weißt du warum.«
Den Rest des Brotes und die andere Hälfte des Tuches übergab er Anselm, der dankend nickte. »Du denkst wirklich an alles.«
Ein Sonnenstich war im Moment das Geringste, wovor Anselm sich fürchtete, trotzdem band er das Tuch um den Kopf.
Khaled bediente sich unterdessen mit spitzen Fingern aus einem Leinensäckchen, das er sich an den Gürtel gebunden hatte.
»Datteln«, erklärte er kauend, als er sah, dass Anselm ihn neugierig beobachtete. »Willst du auch eine?«
Als Anselm abermals nickte, fischte er zwei Datteln heraus, eine für Anselm und eine für Matthäus. »Ohne mich würdet ihr euch verirren, verdursten und verhungern.« Khaled spuckte den Kern in den Wüstensand. »Siehst du«, fuhr er fort. »Und wenn Allah, er ist groß und erhaben, es will, wird eine Palme daraus. Denn er nährt alles, was ihm würdig erscheint, genährt zu werden.«
»Dann muss es also Allahs Wille sein, dass wir dir über den Weg gelaufen sind«, sagte Matthäus mit altkluger Miene.
Khaled nickte lächelnd. »Du bist ein schlaues Kerlchen.«
»Und was wäre, wenn es doch reiner Zufall war?« Anselm sah Khaled herausfordernd an.
»An Zufälle glaube ich nicht«, widersprach Khaled kopfschüttelnd, »schon gar nicht, seit ich Lyn und ihrer Schwester begegnet bin.«
Gegen Mittag tauchte in der Ferne eine Hügelkette auf, hinter der sich die imposanten, mit Ocker verputzten Stadtmauern Jerusalems erhoben. Auf den Hochebenen rund um die Stadt flirrte die Gluthitze des Tages und spiegelte winzig erscheinende, umherziehende Karawanen wider, die lange Staubfahnen hinter sich her zogen, und dazu weit entfernte Palmenhaine, die eine Oase in unmittelbarer Nähe vorgaukelten.
In der Nähe der Stadtmauern herrschte reges Treiben, besonders auf den Straßen zwischen den unzähligen Kirchtürmen oder ehemaligen |490|Minaretten vor der Stadt, die seit der Eroberung vor gut fünfzig Jahren in christliche Hände gefallen waren. Alle Türme waren mit Glocken versehen, deren Klang zur Mittagszeit durch die heiße Luft vibrierte.
Anselm erschauerte bei dem Gedanken, in wenigen Minuten etwas zu sehen, was außer ein paar Eingeweihten noch kein Mensch seiner Epoche zu sehen bekommen hatte. Auch Khaleds Blick nahm mit einem Mal einen nachdenklichen, wenn nicht verletzlichen Ausdruck an. Offenbar beschäftigte den Assassinen schon seit längerem etwas, worüber er nicht reden wollte. Dabei vermied er es standhaft, Anselm ins Gesicht zu schauen.
»Denkst du, Franke …«, begann er zögernd und richtete sein Augenmerk auf das imposante Stadttor. »Glaubst du … sie wird sich freuen, wenn sie erfährt, dass ich noch lebe? Oder glaubst du, sie wird mich verfluchen, zumal ich nicht mehr der stolze Krieger bin, den sie einmal gekannt hat?«
Anselm konnte sich denken, dass er das Mädchen aus der Zukunft meinte, von der er genug erzählt hatte, um zu wissen, dass diese Verbindung mehr als eine Liebelei gewesen war.
»Natürlich wird sie sich freuen«, antwortete er mit einem diplomatischen Lächeln. »Und wenn sie’s nicht tut, war sie’s nicht wert.«
»Du bist ein weiser Mann, Franke«, erwiderte Khaled. Ein trauriges Lächeln huschte über sein von Hunger und Entbehrung gezeichnetes Gesicht. »Allah sei Dank für deine Worte.«
Bevor Arnaud nach Jussuf Ausschau hielt, um ihn mit einem Botengang in den Palast zu betrauen, galt es, Hertzberg aufzusuchen und ihn unbemerkt aus dem Hospital zu entführen. Ob der Alte jedoch in der Lage sein würde, sein Krankenbett zu verlassen, lag alleine in Gottes Hand.
Rona und Lyn bestanden darauf, Arnaud zu begleiten. Davon, dass sie weit mehr medizinische Kenntnisse hatten als er selbst, brauchten sie ihn nicht zu überzeugen. Schließlich hätte er seine Verletzungen nach dem Angriff der Löwen niemals ohne ihre Hilfe überlebt.
Als sie in den Innenhof des Hospitals einbogen, packte Rona Arnaud unvermittelt am Arm und zog ihn hinter einen buntbemalten Pfeiler.
»Was ist?«, raunte er und drehte sich ungehalten zu ihr um.
»Das Mädchen dort«, flüsterte sie und nickte in dieselbe Richtung |491|wie Lyn, die mit zusammengekniffenen Lidern eine junge Frau mit brünetten, hüftlangen Haaren beobachtete, die Wasser aus einem Brunnen schöpfte.
»Ihr Name ist Nesha«, erinnerte sich Arnaud. »Ich habe sie schon einmal gesehen, als wir den Professor ins Hospital eingeliefert haben. Sie arbeitet für die Ritter des heiligen Johann. Was ist mit ihr?«
»Sie ist keine Ordenshelferin, sondern eine Spionin des Königs«, bemerkte Lyn mit Argwohn im Blick. »Melisende hat sie vor zwei Jahren aus dem Palast geworfen, angeblich, weil sie auf der Seite ihres Sohnes stand und gegen sie intrigiert hat. Sie hat mit so ziemlich allen Männern des Hofes geschlafen, die etwas zu sagen hatten.« Sie schaute Arnaud an und zog eine ihrer fein geschnittenen Brauen hoch. »Selbst der junge König soll ihr Liebhaber gewesen sein. Ihre Arbeit im Hospital ist vermutlich nur Tarnung. Bei Nacht führt sie das Leben einer Konkubine, die sich jedem hingibt, der bereit ist, genug dafür zu zahlen. Dabei handelt sie mit brisanten Informationen, die sie auf diese Weise erlangt. Damals hatte sie es auch auf Khaled abgesehen. Das war, bevor er in die Schlacht zog, aber er hatte sich von ihr losgesagt und sie hat es ihm übel genommen, genau wie die Königin.«
»Dein Khaled muss ja etwas ganz Besonderes an sich gehabt haben «, meinte Arnaud, und es tat ihm sogleich wieder leid, als er sich daran erinnerte, dass der Assassine für seine komplizierten Liebschaften vermutlich mit dem Tode bezahlt hatte.
»Um es mit einem Satz zu sagen«, erklärte Rona. »Man kann diesen Geschöpfen, die ihr Geschlecht dazu benutzen, den Verstand von nichtsahnenden Männern zu manipulieren, nicht trauen.« Sie zog sich den Schleier so tief über Nase und Mund, dass allein ihre Augen zu sehen waren. »Am besten bleibst du hier, damit sie dich gar nicht erst sieht. Lyn und ich gehen hinein und halten nach deinem Professor Ausschau. Hier laufen so viele verschleierte Frauen herum, die sich um ihre kranken Angehörigen kümmern, dass wir kaum auffallen werden.«
Arnaud gehorchte und blieb mit der Frage zurück, ob die beiden ihn soeben zu einem Kerl ohne Verstand degradiert hatten, der sich haltlos verführen ließ.
Rona bahnte sich zwischen den einfachen Pritschen einen Weg durch die Massen von Besuchern und Kranken. Lyn folgte ihr auf dem Fuß und sprach im Vorbeigehen einen Medikus auf Arabisch an, ob er |492|wisse, wo sich der hochbetagte Patient mit der Schulterverletzung befand.
»Irgendwo dahinten«, sagte der Grieche und schaute noch nicht einmal auf, weil er sich zwei Ordensrittern widmen musste, die unter schwersten Knochenbrüchen und offenen Wunden litten.
Lyn hatte vergessen, ihr Armband zu deaktivieren, mit dem sie ihre eigenen und die Lebensfunktionen anderer Menschen überprüfen konnte. Im Vorbeigehen schlug es an und übertrug die Daten der Männer, die an ihr vorbeigetragen wurden, sofort per Datentransfer in ihr Hirn. Komplizierter Schlüsselbeinbruch, durch das massive Eindringen eines spitzen, metallischen Gegenstandes. Ein Knochensplitter hatte Ausläufer der Lunge verletzt, durch eindringende Bakterien wurde die Wunde entzündet. Die Toxine, die sich über sein Blut verbreiteten, erzeugten ein höllisches Fieber. Der Schmerz, der in seinem Körper wütete, war furchtbarer als alles, was dieser Mann je erlebt hatte, und zwang ihn zu einer flachen, heiseren Atmung.
Er würde sterben; wenn er Glück hatte, noch heute Abend. Wenn es schlecht lief, erst in einigen Tagen.
Lyn seufzte angespannt, weil sie die Schmerzen der Männer beinahe körperlich spürte und genau wusste, wie sehr sie litten. In jedem dieser blutenden Kerle sah sie Khaled, dem sie mit all ihren Kapseln nicht hatte helfen können. Nur noch eine Kapsel zu besitzen und dieses Elend nicht abwenden zu können, nahm ihr den Atem.
Rona zog sie durch die Reihen bis hin zu einem Paravent, hinter dem sich ein leises Stöhnen erhob. Ein kurzer Blick hinter den Vorhang verriet ihr, dass sie den von Arnaud beschriebenen Mann gefunden hatten. Er sah uralt, schmal und gebrechlich aus. Die lederne Haut mit den zahlreichen Altersflecken erinnerte an eine Mumie.
»Pass auf, dass uns niemand sieht und auch nicht belauscht«, flüsterte Rona ihr zu.
Lyn postierte sich wie ein Wachsoldat vor dem Eingang. An ihr würde niemand vorbeikommen, wenn sie es nicht zuließ.
Der weißhaarige Mann war für Ronas Verständnis nicht wirklich alt, aber er gehörte noch zu einer früheren Generation von Menschen, die mit hundert Jahren klapprige Greise gewesen waren, wenn sie dieses Alter überhaupt erreichten.
»Halluziniere ich?«, murmelte der Alte und ergriff ihre Hand. Die |493|seine war heiß und knochig, und eine rasche, verstohlene Prüfung seines Zustands mit Hilfe ihres Armbandes zeigte Rona, dass er im Sterben lag.
Auch er hatte Wundbrand. Fortgeschrittenes Stadium. Als sie den Verband anhob, schlug ihr ein übler Geruch entgegen. Seine Schulter war dunkelblau verfärbt, und die Wunde war von Eiter geschwollen.
»Du bist eine von ihnen, nicht wahr?«, flüsterte er schwach.
»Mein Name ist Rona«, erwiderte sie leise und begann, den Verband zu entfernen. Danach nahm sie den Becher, der auf einem Tischchen neben dem Bett stand, und schnupperte daran. Es war süßer Wein, unverdünnt, ohne Wasser, aber mit einem guten Schuss Limonensaft. Nachdem sie die Flüssigkeit für unbedenklich erachtet hatte, hob sie mit einer Hand vorsichtig den Kopf des Mannes an und gab ihm zu trinken. Dann blickte sie auf und sah sich suchend um. »Lyn, ich brauche dich hier.« Als ihre Schwester an das Lager des Alten trat, nickte Rona ihr wissend zu. »Ich benötige deine Kapsel.«
»Warum?«
»Weil er sonst stirbt.«
»Denkst du, er kann uns helfen?«
»Wenn wir Arnaud Glauben schenken, stammt er aus jener Zukunft, in der unser Timeserver durch Zufall wiederentdeckt wurde. Er ist der Einzige, der uns über das aufklären kann, was man dort mit uns vorhat und welche politischen Überlegungen dahinterstecken. Wenn er stirbt, erfahren wir nichts über die wahren Hintergründe des Projektes in dieser Zeit. Er ist mit Sicherheit ein intelligenter Mann, der uns die Situation seiner Zeit umfassender darstellen kann als Arnaud und seine Leute. Ich will, dass er mit Montbard spricht und ihm aufzeigt, wie wichtig unsere Mission ist und dass wir nicht aufgeben dürfen.«
Lyn warf einen Blick auf den Sterbenden. »Auch schon egal«, erwiderte sie resigniert und übergab Rona die Nanokapsel. »Schließlich ist er so gut wie jeder andere.«
»Ich gebe Ihnen jetzt eine Medizin, die Sie umgehend heilen wird«, erklärte Rona in modernem Hebräisch, weil er diese Sprache gesprochen hatte. »Sie dürfen sie nicht unzerkaut schlucken. Am besten beißt man die Kapsel auf und lässt sie einen Moment unter der Zunge zergehen, dann gelangen die Wirkstoffe schneller ins Blut. Haben Sie verstanden?«
|494|Der Alte nickte und öffnete die ausgetrockneten Lippen. Rona schob ihm die Kapsel unter die Zunge. Sie wartete einen Augenblick, dann gab sie ihm noch etwas zu trinken. Wenig später blühte er regelrecht auf. Seine Wangen füllten sich mit Blut, und seine zuvor schleppende Atmung stabilisierte sich. Kein Röcheln mehr, kein Stöhnen, und auf seinem Mund zeigte sich ein Lächeln. »Oh«, sagte er überrascht. »Ich fühle mich wunderbar!« Unsicher stützte er sich auf seinen Ellbogen und setzte sich auf. »Zur Hölle«, rief er mit aufgerissenen Augen. »Ist das jetzt ein biblisches Wunder oder eher die Vision eines Verdammten?«
»Die Firma, die das herstellt, heißt NanoRepair«, erklärte Rona. »Schon mal davon gehört?«
»Nein … nein«, stammelte er immer noch ungläubig. »O mein Gott, ihr beiden seid Rona und Lyn, nicht wahr?« Sein Blick wanderte zu Rona, dann zu Lyn. »Moshe Hertzberg, wenn ich mich vorstellen darf. Wir haben eure Botschaft gefunden. Ich gehöre jener Mission an, die euch ins Jahr 2005 evakuieren soll.« Mit Skepsis im Blick bewegte er Arme und Beine. »Wie kann das sein?«, frohlockte er mit ehrlicher Begeisterung. »Das letzte Mal, dass ich mich so gut gefühlt habe, war an meinem fünfzehnten Geburtstag – und das ist schon eine ganze Weile her.«
»Wir müssen gehen.« Rona packte Hertzberg an der Schulter und half ihm auf die Füße.
Lyn klärte ihn kurz darüber auf, dass es neben seiner Heilung keinen weiteren Grund zur Freude gab, weil Arnaud der einzige seiner Begleiter war, der draußen auf ihn wartete, während alle anderen Mitstreiter zum Tode verurteilt im Kerker der Templer saßen. Rona empfand es als Vorteil, dass der Wirkstoff auch vor einem Herzinfarkt schützte, denn diese Nachricht schien Hertzberg ziemlich zuzusetzen.
Hastig führte Rona den kleinen Mann durch die geschäftige Menge und stieß prompt mit Nesha zusammen. »Hey, wo wollt Ihr mit dem Kranken hin? Er ist noch nicht so weit, dass er als geheilt gelten könnte!«
Rona antwortete nicht, sondern schob Nesha entschieden zur Seite. Lyn hielt ihren Gesichtsschleier bis fast vor die Augen, damit ihr Gegenüber die seltene Farbe ihrer Iris nicht sah.
»Wartet!«, rief Nesha und sah sich bereits nach tatkräftiger Hilfe |495|um. »Ich kenne euch doch? Seid ihr nicht …?« Ihre Frage verhallte im Gewirr der zahllosen Stimmen. Hastig drängte Lyn sich an Melisendes ehemaliger Dienerin vorbei. Doch so einfach ließ Nesha sich nicht abwimmeln. Im Nu hatte sie die halbe Hospitalbesatzung auf den fliehenden Alten aufmerksam gemacht. Ein griechischer Medikus verfolgte sie mit hochgerissenen Armen, ihm eilten ein paar rasch herbeigerufene Ordensritter des heiligen Johann nach.
Arnaud beobachtete von seinem Versteck aus, wie Rona und Lyn mit einem äußerst agil wirkenden Hertzberg auf ihn zustürmten, verfolgt von einer Truppe bewaffneter Hospitaliter.
»Nimm ihn und bring ihn zur Herberge«, zischte Rona und stieß den leicht verstörten Hertzberg in Arnauds Richtung. Sie und Lyn setzten ihre Flucht in Richtung Zionsstraße fort, wo sie im bunten Gemenge der Pilger verschwanden.
»Sie haben mir … eine Pille … gegeben«, stotterte Hertzberg, um seinen Zustand zu erklären.
»Hauptsache, es wirkt, Alter.« Arnaud grinste ihn an und zerrte ihn die Davidsstraße hinunter in Richtung Tempelberg, wo ein Laden sich neben den anderen reihte. Ein Vorteil war, dass unzählige Bettler ein Abtauchen in der Menge erleichterten. Arnaud fragte den ersten dahergelaufenen Kerl, warum es plötzlich so viele waren.
»Der Großmeister der Templer ist nach langer Zeit mal wieder im Hause«, lispelte der ältere Mann, der nur noch einen Zahn besaß. »Da fallen die Rationen zur Armenspeisung weitaus großzügiger aus.« Mit einem misstrauischen Blick taxierte er Arnaud und seinen weißhaarigen Begleiter. »Ihr seid wohl nicht von hier?«
Arnaud antwortete nicht, sondern zog weiter, indem er Hertzberg am Ärmel seines Gewandes fasste und mit ihm zusammen auf das Tor der Kette zusteuerte, wo die braungewandeten Verwaltungsbrüder des Tempels Brot und Käse austeilten. Unter all den klapprigen Gestalten fiel Hertzberg mit seinem fadenscheinigen Nachthemd gar nicht auf. Trotzdem hatten ihre Verfolger noch nicht aufgegeben, und Arnaud entschied sich, den Alten, barfuß, wie er war, auf halber Strecke in einen christlichen Devotionalienladen hineinzuziehen, wo sie beide sofort verärgerte Blicke ernteten, als sie sich hinter einem Aufbau mit geschnitzten Madonnenfiguren und Schreinen mit heiligen Knochen und Zähnen versteckten.
|496|Erst als die Luft rein schien, wagten sie sich wieder auf die Straße.
Nicht weit entfernt erstand Arnaud in einem Laden für Pilger- und Bußgewänder eine schwarze Hose und ein graues Obergewand, dazu eine schwarze Filzkappe, wollene Strümpfe und knöchelhohe Stiefel, die Hertzberg eindeutig zu groß waren, trotzdem zog er sie an. Der Alte war es nicht gewöhnt, ohne Schuhe zu laufen.
Während Arnaud dem Professor in seine neue Ausstattung half, klärte er ihn über sämtliche Katastrophen auf, die sich seit ihrer Ankunft ereignet hatten.
»Und was hast du jetzt vor?« Hertzbergs Augen hatten sich vor Entsetzen geweitet.
»Wir müssen André de Montbard davon überzeugen, dass er uns hilft, die Jungs aus dem Kerker zu holen«, erklärte Arnaud mit Nachdruck. »Er ist unsere einzige Chance, Gero und die anderen vor dem Tod zu bewahren.«
»Montbard? Ist das nicht der zukünftige Großmeister? Warum gehen wir dann nicht einfach zu ihm hin und reden mit ihm?«
Arnaud blieb in einer Seitengasse stehen, wo sie niemand belauschen konnte. »Ob er Großmeister wird, steht noch nicht fest. Noch ist er aller Ämter enthoben, schon vergessen?« Verärgert kniff er die Lippen zusammen und packte Hertzberg am Kragen. »Für einen Mann, der die Geschichte dieser Zeit studiert hat und uns eigentlich sagen sollte, was wir hier zu tun haben, zeigst du erstaunlich wenig Fingerspitzengefühl. Jerusalem ist in diesen Tagen ein Moloch. Es herrscht Krieg. Keiner vertraut dem anderen. Und die Lage zwischen Christen und Sarazenen ist angespannter denn je. Die Angriffe verkleideter Templer, die in Gestalt von Sarazenen jüdische Dörfer überfallen, sind längst keine Einzeltaten verirrter christlicher Seelen. Solche Gräuel werden von ganz oben angeordnet, da hängen alle mit drin, die irgendetwas zu sagen haben. König Balduin und seinen Verbündeten ist es völlig egal, woher das Geld für ihre Feldzüge stammt. Sie berauben muslimische Karawanen, denen sie vorher Schutzbriefe verkauft haben, sie zerstören jüdische Dörfer, töten die männlichen Bewohner, entführen die Frauen, schänden sie und verkaufen sie auf dem nächstbesten Sklavenmarkt, um Kasse für den Orden zu machen. Sie würden sogar dem Teufel bereitwillig ihre sündige Seele überlassen, um über die Sarazenen zu siegen. Und nur wer ihnen gehorsam folgt, hat Aussicht auf Reichtum und Ruhm. Bernard von |497|Tramelay will König und Papst gefallen. Er hat sich in den Kopf gesetzt, den Orden zu unermesslichem Reichtum zu führen. Die Geschichte hat uns gelehrt, dass ihm dafür jedes Mittel recht ist. Und – dass er dafür in wenigen Wochen bitter bezahlen wird, wenn alles so bleibt, wie vorhergesagt. Aber bis dahin können er und der König keine kritischen Stimmen gebrauchen. Das ist der Grund, warum Gero und die anderen morgen früh sterben sollen.«
»Und was können wir angesichts solch katastrophaler Aussichten tun?« Hertzberg war der Schock anzusehen, den Arnauds Worte in ihm entfacht hatten. »Glaubst du etwa, Montbard gehört auch zur Achse des Bösen? «
»Das wüsste ich gerne«, entgegnete Arnaud mit erschöpfter Miene. »Solange wir das nicht wissen, können wir nicht einfach in den Palast hineinspazieren und Gefahr laufen, dass uns jemand vom Königshof oder Angehörige des Ordens begegnen – am Ende sogar Tramelay selbst.«
»Und was hast du jetzt vor?«
»Ich suche uns einen vertrauenswürdigen Boten, der im Palast kein Aufsehen erregt und Montbard in unserem Auftrag eine Botschaft überbringt.«
Arnaud führte Hertzberg direkt ins mauretanische Viertel, dorthin, wo die Hütte von Samira und Jussuf zu finden war. Dabei erklärte er ihm, dass der junge Sarazene ihm schon einmal geholfen hatte.
»Der Junge glaubt, ich gehöre zu seinen Leuten«, gestand Arnaud mit schuldbewusster Miene. »Ich wollte ihn nicht belügen, aber nun gibt es kein Zurück, und solange er glaubt, er dient der Sache der Sarazenen, indem er mir hilft, kann ich mich auf ihn verlassen.«
»Das ist das Einzige, was zählt«, bestätigte Hertzberg und nahm ihm damit jeglichen Zweifel.
Bei Tag sah es unter den Hütten jenseits der Westmauer noch ärmlicher aus als in der Nacht. Hertzberg machte sich offenbar nichts aus bettelnden Kindern und hinkenden Kranken. Er lächelte allen freundlich zu. Obwohl die Vorzeichen denkbar schlecht waren, sog er die Atmosphäre der Stadt regelrecht in sich auf. Besonders interessiert war er an der Architektur und daran, dass vieles nicht mit den Plänen übereinstimmte, die seine honorigen Kollegen von verschiedenen namhaften Universitäten in den USA als unumstößliche Wahrheiten verfasst |498|hatten. Das Verhalten des Professors rief in dieser Gegend, wo Armut und Unterdrückung die Tagesordnung beherrschten, Misstrauen hervor.
»Auffälliger geht’s wohl nicht«, schimpfte Arnaud, der längst die missbilligenden Blicke der Bewohner bemerkt hatte. »Sie werden denken, du gehörst zur Kanzlei von Jerusalem und schaust, was demnächst hier alles abgerissen werden kann, um im Auftrag des Königs neue Ladenstraßen zu errichten.« Von Rona wusste Arnaud, dass Jerusalem seit Jahren eine einzige Baustelle war und ständig Altes Neuem weichen musste, wobei viele arme Bewohner im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke blieben, weil der König oder seine Mutter es so wollten.
»Tut mir leid«, sagte Hertzberg und zog den Kopf zwischen die Schultern, wie eine Schildkröte, die sich in ihrem Panzer verkriecht. »Es ist alles so neu und faszinierend. Und obwohl mein Herz vor Furcht rast, möchte ich nirgendwo anders sein.«
»Wir sind da«, sagte Arnaud unbeeindruckt und klopfte auf die hölzerne Pforte.
Zunächst ließ sich niemand blicken, doch dann wurde die Tür einen zaghaften Spalt geöffnet.
»Samira?« Arnaud versuchte einen Blick auf das Gesicht hinter der Tür zu erhaschen.
Vor Schreck ließ die junge Frau den Schleier fallen, den sie sich vor Mund und Nase gehalten hatte. Als sie gewiss sein konnte, dass der Mann, der vor ihr stand, derjenige war, dem sie vor Tagen den Jilbab ihrer Mutter gegeben hatte, huschte ein Lächeln über ihre Lippen.
»Du lebst«, sagte sie mit Zuneigung im Blick und zog den vermeintlichen Templer am Ärmel seines Gewandes ins Innere der Hütte. Erst da entdeckte sie Hertzberg. »Wer ist das?«, fragte sie argwöhnisch.
»Mein Großvater«, log Arnaud, dem keine bessere Erklärung einfiel.
»Allah sei mit Euch«, begrüßte Samira den Professor und verbeugte sich, während sie gleichzeitig zurückwich, um dem alten Mann die gebührende Ehre zu erweisen. Dann machte sie eine ausladende Geste und bat ihn hinein.
Im Innern der guten Stube bemerkte Arnaud sofort, dass sich seit seiner überhasteten Flucht einiges verändert hatte. Anstatt des kahlen Kalksandsteins bedeckten nun bunte Teppiche aus Samarkand den grob gepflasterten Boden, und eine neue, große Zedernholztruhe stand unter |499|dem einzigen Fenster. Daneben befand sich ein neues, wenn auch einfaches Bett mit einer teuren Kamelhaardecke und einem Federkissen darauf. Wahrscheinlich hatte das Geld, das er den beiden gegeben hatte, all dies möglich gemacht. Nur Jussuf konnte er nirgends entdecken.
»Wo ist dein Bruder?« Arnaud gab sich alle Mühe, entspannt zu wirken.
»In der Schule«, sagte Samira und lächelte. »Jetzt, wo wir das Geld für Papier und Stifte wieder bezahlen können.«
Hertzbergs Blicke schweiften durch den Raum. Es war, als ob er jeden Winkel studieren wollte.
»Setzt Euch doch«, forderte Samira den Alten auf und bot ihm eines der drei Kissen an, die um den niedrigen Tisch lagen. Dann stellte sie eine Karaffe mit dampfendem Minzesud, zwei Becher und ein paar frische Brotfladen darauf und bat in ihrer typisch arabischen Gastfreundlichkeit darum, kräftig zuzulangen. Hertzberg interessierte sich weder für Tee noch für Brote. Er hatte damit begonnen, sich einem Stapel Papier zu widmen, der achtlos am Ende des Tischs lag.
Unentwegt murmelte er etwas vor sich hin, während er ungeniert die Papiere begaffte und sie schließlich zur Seite schob, um das Geschriebene zu entziffern.
»Arbeitet dein Großvater auch als Spion für die Sarazenen?«, fragte Samira spöttisch.
»Nein. Er ist Jude. Sieht man das nicht?«
»Wenn das der Grund ist, warum er sich für meine unbezahlten Rechnungen interessiert?«
»Er ist alt und ein bisschen verrückt«, entschuldigte sich Arnaud für Hertzbergs Verhalten. »Sieh es ihm nach.«
Ihr erstaunter Blick war eine offene Frage. »Sag bloß, er weiß nichts von deinen Problemen. Man erzählt sich, heute Morgen wurden ein paar Sarazenen zum Tode verurteilt, die sich angeblich als Templer verkleidet haben und erwischt wurden. Sind das deine Leute? Und wieso bist du zurückgekommen, wenn es hier für dich so gefährlich ist?« Ihr prüfender Blick wanderte über seine Aufmachung, den dunklen, kurzen Bart, die leicht nach unten gebogene Nase und verweilte bei seinen rehbraunen Augen.
Sie misstraute ihm immer noch, er konnte es ihr ansehen.
Arnaud zuckte mit den Schultern. »Es tut mir leid, wenn ich dir dazu |500|nichts Näheres sagen darf. Wir sind furchtbar in Eile. Wann kommt Jussuf zurück?«
Ihr eben noch fröhlicher Gesichtsausdruck verdüsterte sich. »Ich weiß nicht …«
Arnaud konnte sich denken, was in ihr vorging. Sie hatte Angst, dass er den halbwüchsigen Jungen in etwas hineinzog, das ihn womöglich den Kopf kosten konnte. »Was hast du eigentlich mit dem Gewand meiner Mutter gemacht?«, fragte sie skeptisch. »Besitzt du es noch?«
»Ich befürchte, es wurde von Löwen zerfetzt.« Als er ihren merkwürdigen Blick bemerkte, fügte er hinzu: »Zwei von diesen teuflischen Kreaturen haben mich und das Kamel in der Wüste angefallen. Ich konnte mich gerade noch retten, aber den Umhang und das Kamel musste ich zurücklassen.«
»Und du wurdest gar nicht verletzt? Noch nicht einmal einen Kratzer?« Sie glaubte ihm nicht, und Arnaud konnte es ihr nicht einmal verdenken.
Unvermittelt sprang die Tür auf, und Jussuf stand mitten im Raum. Als er Arnaud erblickte, begannen seine Augen zu leuchten.
»Du bist es«, sagte der Junge und lächelte ihn strahlend an. »Ich hatte schon befürchtet, sie hätten dich mit den anderen erwischt und du würdest morgen gehängt werden.«
»Euer Nachrichtendienst in eurem Viertel scheint besser zu funktionieren als die strikte Geheimhaltung der Templer«, bemerkte Arnaud mit einem freudlosen Lächeln. »Und stell dir vor, du allein kannst den Verurteilten helfen.« Arnaud erklärte dem Jungen, dass er dringend mit André de Montbard sprechen müsse.
»Er ist ein wichtiger Templer. Steckt er nicht mit deinen Verfolgern unter einer Decke?«, wollte der Junge wissen.
»Er ist ein heimlicher Freund der Sarazenen«, klärte Arnaud ihn auf. »Das ist einer der Gründe, warum er beim König in Ungnade gefallen ist.«
»Und warum kannst du dann nicht selbst zu ihm gehen?«
»Du bist aber ein harter Brocken, eh?« Arnaud seufzte entnervt. »Vielleicht wohnt die Königin in direkter Nachbarschaft, und ihr Sohn besucht sie manchmal? Was wäre, wenn ich den anderen Templern über den Weg laufe, die meine Brüder verhaftet haben? Ich werde immer noch verfolgt und kann deshalb nicht einfach in den Palast spazieren.«
|501|»Was soll ich tun?« In der Stimme des Jungen lag die Bereitschaft, notfalls für Arnaud durch einen brennenden Reifen zu springen.
»Deshalb möchte ich«, fuhr Arnaud ruhig fort, »dass du Montbard in meinem Namen eine mündliche Botschaft überbringst. Die Losung heißt ›Timeserver‹.« Er ließ den Jungen das ungewohnte Wort nachsprechen, was Jussuf spielend gelang. Dann flüsterte er ihm zu, was er Montbard zu sagen habe. »Kannst du dir das alles merken?«
»Ja, klar«, rief Jussuf und warf sich stolz in die Brust. »Schließlich bin ich kein Dummkopf.«
»Geh am besten gleich zu ihm hin und sag ihm, dass ich ihn heute Nachmittag noch vor der Non in der syrischen Herberge in der Khadija-Gasse erwarte. Und vergiss nicht, ihm zu sagen, dass es äußerst dringend ist und niemand sonst davon erfahren darf.« Arnaud zückte einen weiteren Goldbezant und hielt ihn dem Jungen entgegen. Als er danach schnappen wollte, zog er ihn weg und hob eine Braue. »Kann ich mich auf dich verlassen? Und wirst du schweigen?«
»Ich schwöre bei Allah und all seinen Propheten«, erklärte der dunkelgelockte Junge mit feierlicher Miene. Arnaud schnippte das Goldstück in die Luft, und Jussuf fing es geschickt mit einer Hand auf.
»Nur noch dieses eine Mal«, sagte Samira mit angsterfüllter Stimme. Sie hatte die ganze Zeit dagestanden und Hertzberg beobachtet, wie er sich auf ihren Papieren Notizen machte. Ihr Blick gegenüber Arnaud war vorwurfsvoll. »Wenn dem Jungen etwas geschieht, werde ich dich dafür büßen lassen, ganz gleich, was es kostet.«
»Ich bürge mit meinem Leben.« Arnauds Stimme klang sanft. »Ihm wird nichts geschehen. Er ist meine einzige Hoffnung in einer Stadt, in der man niemandem vertrauen kann.«
Jussuf lächelte überlegen. »Allah hat mich auserwählt, deine Brüder vor dem Tod zu bewahren. Denn er lässt uns leben, solange er weiß, dass Leben gut für uns ist, und er lässt uns sterben, wenn er weiß, dass der Tod gut für uns ist.«
»Dann wollen wir hoffen, dass Allah mit deiner Hilfe eine weise Entscheidung trifft«, sagte Arnaud und gab Hertzberg einen Wink, dass es an der Zeit war, zu gehen, bevor der Alte auf die Idee kam, in seinem Forscherdrang noch das ganze Haus auf den Kopf zu stellen.
|502|Anselm beobachtete nervös, wie Khaled mit dem Soldaten am Davidstor um ihren Einlass feilschte, dabei deutete er mehrmals auf ihn und den Jungen. Es war nicht Khaleds Aufmachung, die den Soldaten störte, oder dass sie keine Papiere besaßen. Anselm hörte, wie Khaled erklärte, sie seien in der Wüste überfallen worden und mildtätige Bewohner hätten ihnen auf dem Weg hierher die Pferde, Kleidung und Waffen überlassen. Doch der Wachhabende schien immer noch nicht zufrieden zu sein. Er wollte Geld, das sie nicht hatten. Dabei war es ihm gleichgültig, dass hinter Khaled Dutzende von Menschen warteten und sich Stimmen erhoben, die eine zügigere Abfertigung verlangten.
Anselm dachte darüber nach, was wäre, wenn man sie nicht einlassen würde, und hatte schon zwei geflochtene Körbe im Visier, die auf beiden Seiten eines Kamelrückens baumelten. Matthäus würde dort in jedem Fall hineinpassen. Jedoch verwarf er den Gedanken sofort wieder, als er sah, wie einer der Wachleute mit seinem Säbel mehrmals in die Körbe hineinstach, um sicherzustellen, dass sich darin keine Lebewesen versteckten.
Plötzlich hörte er seinen Namen. »Wir können passieren«, rief Khaled ihm zu, »aber wir müssen ihm die Pferde überlassen.«
Anselm sah ihn entgeistert an. »Dann haben wir nichts mehr, was wir zu Geld machen könnten.«
»Genau das ist das Problem«, raunte Khaled. »Wir können die Einfuhrzölle für die Tiere nicht bezahlen, also müssen wir sie der Kanzlei der Könige von Jerusalem überlassen, die sie verkaufen und das Geld für die entgangenen Zölle umsetzen werden.« Er schüttelte missmutig den Kopf. »Es waren sowieso nur Mähren«, sagte er schließlich, weil er einsehen musste, dass nichts in dieser Sache zu machen war und sie es sich nicht leisten konnten, noch größeres Aufsehen zu erregen.
»Verdammt«, zischte Anselm und überließ dem Soldaten die Zügel. Nun ja – wenn sie Gero und die anderen finden würden, wäre Mittellosigkeit sicher ihr letztes Problem. Hertzberg hatte genug Geld mitgenommen, um im Notfall auf Jahre hin ein feudales Leben führen zu können.
»Was ist, wenn wir Gero nicht finden und Hunger haben? Müssen wir dann betteln gehen?« Matthäus schien seine Gedanken erraten zu haben, und sein Blick verriet ernsthafte Sorge.
»Ich hab’s dir doch gesagt. Wenn gar nichts mehr geht, machen wir |503|eine Hamburger-Bude auf«, erklärte Anselm und grinste den Jungen an. Humor half, auch seine eigenen Ängste zu unterdrücken.
»Damit hätten wir sicher Erfolg«, bestätigte Matthäus mit einem Grinsen.
Der Assassine schaute irritiert, weil er dem Sinn ihres Gesprächs nicht hatte folgen können. In seiner Gesellschaft würden sie ohnehin keinen Hunger leiden. Er war nicht nur schnell mit dem Messer, sondern auch mit den Händen. Sofort nach Eintritt in die Stadt hatte er einen beleibten, venezianischen Kaufmann unbemerkt um mehrere Goldbezant erleichtert.
Daher wanderten sie kurz darauf mit ausreichend Barmitteln versorgt durch die Gassen, mit der Aussicht auf ein üppiges Mahl in einer der Garküchen, und sogar ein Zimmer in einer Herberge war drin, wo sie weitere Pläne schmieden konnten.
Khaled zupfte nervös an seinem Turban herum, als sie die Davidsstraße zum Tempelberg hinunterschlenderten, weil er wohl befürchtete, von jemandem erkannt zu werden. Vielleicht lag es auch daran, dass er sie zum Hauptquartier der Templer bringen wollte, um zu erfahren, ob sich dort Anselms Gefährten oder sogar die beiden Frauen aus der Zukunft aufhielten.
Doch zunächst zog Khaled seine beiden Begleiter in die überdachte Marktstraße, die er selbst noch nicht gesehen hatte, weil Königin Melisende sie erst vor zwei Jahren hatte erbauen lassen. Anselm schwindelte beim Anblick der vielen Läden, die ein unglaubliches Angebot an Kräutern, Seifen und Stoffen darboten. Dafür mangelte es an Lebensmitteln, wie Khaled ihm glaubhaft versicherte. Die Metzger hatten ihr Fleisch längst verkauft, wenn man von ein paar gewaltigen Stierlungen einmal absah, die an einer Luftröhre aufgehängt an einem Haken von der steinernen Decke baumelten.
»Zu teuer«, befand Khaled und gab damit den Grund, warum die »Köstlichkeit« noch keinen Käufer gefunden hatte. Die syrische Wechselstube gegenüber der Basilika des Heiligen Grabes war dagegen total überfüllt und stickig. In einem einzigen großen Raum mit wenigen, von innen vergitterten Fenstern eilten zwölf arabisch aussehende Geldhändler hinter einem hölzernen Tresen von einem Kunden zum nächsten. Zwei schwarzhäutige Söldner bewachten mit grimmiger Miene den Eingang, während ihre Auftraggeber mit Münzwaagen und |504|Handabakus bestückt in einer unglaublichen Geschwindigkeit Münzen wogen und Wechselbriefe gegen Bares eintauschten. Dabei schrieben sie immer wieder neue Kurse auf Schiefer- und Wachstäfelchen und präsentierten sie ihrer wartenden Kundschaft mal in arabischen, mal in römischen Zahlen. Auch Khaled wechselte einen Goldbezant in zweihundertzwanzig Silberdenare und eine Handvoll Kupfermünzen, frisch geprägt mit dem Konterfei Balduins III. darauf.
Matthäus war wie gefangen in seinem Erstaunen, als sie aus der Wechselstube hinaustraten, um zurück in die Davidsstraße zu gelangen. Mit großen Augen verfolgte er, wie ein Händler gebratenes Hühnchenfleisch auf einem Holztisch in Stücke hackte und mit einer Mischung aus Öl, Knoblauch und Kräutern beträufelte, bevor er es in einen aufgeschnittenen, frisch gebackenen Fladen stopfte und an wartende Kundschaft verkaufte.
Khaled war der sehnsüchtige Blick des Jungen nicht entgangen.
»Hast du Hunger?«, fragte er. Matthäus nickte, und auch Anselm interessierte sich für diese archaische Form des Döner Kebab.
Der Assassine blieb stehen und erstand zwei Portionen, eine für Anselm und eine für den Jungen. Er selbst winkte ab, als der Händler ihn nach seinen Wünschen fragte.
»Bist du nicht hungrig?«, wollte Anselm von ihm wissen.
»Mir ist nicht nach Essen«, erklärte Khaled und zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Ich habe so lange von Ratten und schlechtem Wasser gelebt. Mein Magen muss sich langsam wieder an all den Luxus gewöhnen, bevor ich lebe wie ein Fürst.«
Dass er nicht die Wahrheit sagte, konnte Anselm an seinem angespannten Blick erkennen. Aber er wollte den Assassinen nicht noch einmal in Verlegenheit bringen.
»Anscheinend ist der Großmeister der Templer in der Stadt«, sagte Khaled und führte sie an einer Schlange wartender Bettler vorbei zum Tor der Kette. »So, wie es aussieht, gibt es heute eine besondere Armenspeisung, sonst stünden nicht so viele Leute hier.«
Mit schmalen Lidern beobachtete er die beiden Templer, die schwer bewaffnet hinter den beiden braungewandeten Brüdern der Verwaltung die Fladenbrote mit einem Stück Hartkäse austeilten und dafür sorgten, dass kein Tumult aufkam und niemand die Schwelle zum Tempelberg übertrat.
|505|»Von jetzt an müsst ihr alleine weiterkommen«, erklärte Khaled. »Du wirst verstehen, dass ich euch nicht ins Hauptquartier meiner Widersacher begleiten kann.«
»Und was sollen wir denen sagen?« Anselm blickte fragend zu den beiden martialisch aussehenden Tempelrittern hin. Obwohl die meisten der Bittsteller heruntergekommene, grausam zugerichtete Kreaturen waren, ließen die bewaffneten Ordensbrüder sie nicht aus den Augen.
Wie um Himmels willen sollte Anselm begründen, dass er Einlass verlangte?
Würden sie ihm glauben, wenn er einfach nach Gero fragte?
»Erzähl ihnen, ihr wäret Knappen, die unterwegs durch einen Angriff der Fatimiden von ihren Tempelherren getrennt wurden, und sagt, man habe euch eurer gesamten Habe beraubt. Das klingt ehrlich, weil es recht häufig vorkommt. Dann nennt die Namen eurer Ritter, und man wird euch schon sagen, ob sie zum Templercorps gehören oder nicht.«
»Und du?«, fragte Anselm, »Was hast du vor? Können wir uns hinterher nicht irgendwo treffen?«
»Ich weiß noch nicht«, murmelte Khaled und schaute sich unsicher nach allen Seiten um. »Ich habe noch etwas zu erledigen, bevor ich an andere Dinge denke.«
»Ich dachte, du willst nach dem Mädchen suchen?«
»Du bist entschieden zu neugierig«, raunte Khaled.
»Egal, was du vorhast«, entgegnete Anselm leise. »Ich muss mich für deine Hilfe bedanken und wünsche dir Glück.«
»Allah sei mit dir«, sagte der Assassine und zog Anselm zu sich heran, um ihn auf den Mund zu küssen. Dann bückte er sich und tat das Gleiche mit Matthäus. »Es war mir eine Ehre, euch zur Flucht verhelfen zu dürfen.« Mit einer Hand strich er dem Jungen eine der vielen blonden Locken aus der Stirn. Dann reichte er Anselm zum Abschied noch einmal die Hand.
Anselm spürte, wie Khaled ihm zwei Goldmünzen in die Hand drückte. »Nimm das und bestich die beiden Templer damit, falls es nötig wird. Auch wenn sie offiziell nichts besitzen dürfen, sichert ihnen eine einzige Münze ein Jahr lang den regelmäßigen Besuch in einem verschwiegenen Freudenhaus.« Khaled zwinkerte ihm noch einmal zu, drehte sich auf dem Absatz um und schlenderte davon.
Matthäus am Arm gefasst, wandte Anselm sich den finster dreinblickenden |506|Templern zu, und nachdem sie ihn eine Weile standhaft ignoriert hatten, ließ er das Gold in seiner Hand aufblitzen.
»He, du!«, rief der Größere von ihnen, ein vernarbter, blonder Kerl mit stechend hellen Augen. »Stehst du für Essen an, dann stell dich hinten in die Reihe.«
»Nein«, presste Anselm in Altfranzösisch hervor. »Ich möchte ins Hauptquartier, weil ich denke, dass mein Herr dort auf mich wartet.«
»Kommt her!«, sagte der Ritter, und als sie endlich vor ihm standen, begutachtete er sie von oben bis unten. »Gewöhnliche Ordensritter verfügen nicht über Diener, oder hat man euch irgendwo vergessen?«
»Wir sind Schildknappen, mein Herr.« Anselm verbeugte sich artig. Er hatte nicht die geringste Ahnung, ob diese Geste überzeugend ausfiel, aber aus seiner Erfahrung im Jahr 1307 wusste er, dass man sich damals in adligen Kreisen mindestens so häufig verbeugt hatte wie ein japanischer Manager im Umgang mit seinen Vorgesetzten.
Es schien zu funktionieren, denn das Interesse des Mannes blieb geweckt. »Habt ihr Papiere, Herkunftsnachweise, Stundenbücher?«
»Wir wurden von Fatimiden überfallen«, log Anselm. »Deshalb haben wir auch die Verbindung zu unserem Herrn verloren.«
»Wie lautet der Name eures Herrn? Vielleicht kenne ich ihn?«
»Es waren mehrere«, erwiderte Anselm, weil er nicht wissen konnte, ob alle den Transfer unbeschadet überstanden hatten.
»Gerard von Breydenbach, Jacob von Tannenberg, Johan van Elk, Arnaud de Mirepaux …«
»Ja«, fiel ihm der Templer überraschend ins Wort. »Ich glaube, ich weiß, wen du meinst. Fürwahr«, sagte er und atmete tief durch. »Sie sind hier.« Dann wandte er sich an seinen Kameraden und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Die Augen des gedrungenen Mannes weiteten sich.
»Hier stimmt was nicht«, flüsterte Matthäus. »Wir sollten nicht bleiben.«
»Was soll der Unsinn?«, raunte Anselm ihm ungehalten zu, als der Junge an seinem Ärmel zerrte. »Wir sind doch nicht durch die Zeit gereist, dem übelsten aller Kerker entkommen und danach durch eine Wüste geflohen, um jetzt einfach umzukehren. Wir wissen doch noch nicht mal wohin.«
Die beiden Templer schienen einiges zu besprechen zu haben und ließen Anselm und den Jungen dabei nicht aus den Augen.
|507|»Ich glaube nicht, dass wir ihnen vertrauen können«, klagte Matthäus. »Lass uns lieber gehen.«
Anselm ignorierte die Worte des Jungen und konzentrierte sich ganz auf die beiden Templer.
»Kommt mit!«, sagte der Ritter mit den hellen Augen schließlich und führte sie über eine steinerne Treppe zu einem überdachten Torweg auf die Plattform, so dass sie unmittelbar vor den Felsendom gelangten. Anselm fiel es schwer, seine Gefühle unter Kontrolle zu bringen, als er die vergoldete Kuppel sah, mit dem mannshohen vergoldeten Kreuz darauf, in dessen glattem Metall sich die gleißenden Strahlen der Mittagssonne spiegelten. Am liebsten wäre er stehen geblieben und hätte sich erst einmal alles in Ruhe angeschaut. Er war schon einmal auf dem Tempelberg gewesen – gut achthundert Jahre später – auf einer Studienreise. Und seitdem hatte sich einiges verändert. Hinter dem Felsendom sah man zahlreiche Aufbauten, die offenbar zu einem christlichen Kloster gehörten, sowie viele muslimische Heiligtümer, die auch in der Neuzeit noch zu sehen waren, aber nun hatte man ihre Dächer mit christlichen Kreuzen versehen.
Am Rand der Plattform zum Garten Gethsemane hin waren Obstplantagen mit Spalierbäumen zu erkennen, an denen Äpfel und Pfirsiche reiften, und uralte Walnussbäume. Dazu ein Friedhof, auf dem zahlreiche, steinerne Kreuze in Form des bekannten Croix Pateé zu finden waren.
Der blonde Templer forderte sie mehrmals auf, nicht stehen zu bleiben, sondern ihm auf dem Fuß zu folgen, dabei wurde sein Tonfall von Mal zu Mal aggressiver. Als sie auf al-Aqsa zumarschierten, verschlug es Anselm vollkommen den Atem. Knapp dreihundert Marmorpfeiler, je zwei gekrönt von einem steinernen Bogen, vereinten sich zu einem überdachten Arkadengang, der die West- mit der Ostmauer verband. Das riesige Kuppeldach über der ehemaligen Moschee war mit bunten Keramikkacheln verkleidet. Aber auch hier hatte man ein silbernes Kreuz auf die höchste Stelle der Kuppel gepflanzt. Rechts davor befand sich ein mehrstöckiges, quadratisches Gebäude aus großen Sandsteinquadern gemauert, daran anschließend eine weitere Kapelle, ein kleinerer Friedhof und zwei mehrstöckige Wohngebäude, mit Türmen und Erkern verziert und von Mauern aus buntem Marmor umgeben. Vor dem Eingang plätscherte ein riesiger Rundbrunnen, der wegen der |508|Hitze Mensch und Tier gleichermaßen anzog. Auf dem Vorplatz der ehemaligen Moschee löste sich offenbar eine Versammlung auf, wie Anselm an den vielen Ritterbrüdern in weißen Mänteln und mit den roten Kreuzen erkennen konnte. Etliche standen vor dem Brunnen schweigend in einer Reihe und warteten geduldig, bis der Nächste ihnen Wasser aus einer Schöpfkelle reichte, das aus einem der oberen Becken entnommen wurde. Der überschwappende Rest fiel in ein flaches, am Boden befindliches Becken, in dem ein paar Sergeanten ihre Füße badeten und Hunde und Katzen ihren Durst stillten. Vor der Kapelle standen weitere Ritterbrüder und unterhielten sich in gedämpftem Tonfall.
Als Matthäus sich auch etwas zu trinken holen wollte, wurde er von ihrem Begleiter jäh zurückgepfiffen, was Anselms anfängliche Euphorie weiter dämpfte. Was war so tragisch daran, dass es den Jungen zum Brunnen zog, weil er Durst hatte? Ihm klebte selbst die Zunge am Gaumen.
Als sie das Spitzbogentor zum Hauptraum der ehemaligen Moschee passierten, in dem nun die Räume der Ordensobrigkeit und das Refektorium untergebracht waren, wurde Anselm mulmig zumute.
Ihr Begleiter führte sie durch einen weiteren Spitzbogeneingang zum Zimmer des Komturs, der offenbar ausnahmsweise zugegen war. Zwischen einem Bett, zwei Stühlen und einem Tisch, auf dem ein silberner Kandelaber mit einer Stundenkerze stand, wurden sie angehalten zu warten, dabei wurde ein junger Templer mit gezogenem Schwert abgestellt, der sie unentwegt im Auge behielt.
»Verdammt, was ist hier los?«, raunte Anselm dem Jungen zu.
»Ich sagte doch, dass hier etwas nicht in der Ordnung ist«, zischte Matthäus beunruhigt. »Ich konnte es am Gesicht des Mannes sehen, als du die Namen aufgesagt hast.«
Plötzlich stand ein rothaariger Ritter vor ihnen, dessen bärtiges Gesicht eine senkrechte Narbe zeichnete, und auf der rechten Seite fehlte ihm das halbe Ohr. Sein Blick war finster und höhnisch zugleich. Ihre Bewacher standen stramm, als er den Raum betrat, und begrüßten ihn mit »Gott sei mit Euch, Beau Seigneur«, was entweder bedeutete, dass er der Hauskomtur von Jerusalem oder der Großmeister war.
»Ihr seid also die Knappen von Gero von Breydenbach und seinen Brüdern«, fragte der breitschultrige, gedrungene Kerl, ohne sich vorzustellen.
|509|»Ja«, antwortete Anselm. »Sind er und die anderen Brüder wohlauf?«
»Schweig!«, erwiderte der andere barsch. »Du sprichst nur, wenn ich es dir erlaube, oder willst du deine Zunge verlieren?«
Anselm spürte Panik in sich aufsteigen und die Gewissheit, dass Matthäus offenbar den richtigen Riecher gehabt hatte.
»Ist es wahr, dass ihr von Fatimiden überfallen wurdet und dass ihr dabei eure Herkunftsnachweise verloren habt?«
»Ja, es ist wahr«, entgegnete Anselm, unsicher, ob er das Richtige sagte.
»Fand der Überfall draußen vor Bethanien statt?«
Wieder antwortete Anselm mit »Ja«. wobei er nicht die geringste Ahnung hatte, welche Rolle das spielen sollte.
»Sind Templer zu Tode gekommen?«
»Nein«, antwortete Anselm, weil er vermutete, dass der Tod von Rittern womöglich am Image des Ordens kratzte. »Ausschließlich Fatimiden, diese dreckigen Hunde«, erklärte er mit bebender Stimme, in der Absicht, den richtigen Eindruck zu hinterlassen.
»Wie sind die Männer gestorben?«
»Durch die Hand der Templer«, sagte Anselm leise, in der Hoffnung, dass die Antwort den Ordensmann zufriedenstellte.
»Und wie kam es, dass ihr euch aus den Augen verloren habt?«
»Mein Herr und seine Brüder haben die Feinde verfolgt, und dann haben mein junger Freund und ich uns verirrt.« Er warf einen bestätigungsheischenden Blick auf Matthäus, doch der Junge hielt den Kopf gesenkt. Er wagte nicht, dem Narbengesicht in die Augen zu schauen.
»Haben die Fatimiden ein Dorf überfallen und Frauen entführt?« Die Stimme des Mannes war kalt und berechnend.
»Ich weiß es nicht«, sagte Anselm ausweichend, weil er nicht wusste, worauf der Mann hinauswollte. »Es ging alles so schnell.«
Der Templer hob eine seiner rotbuschigen Brauen und nickte in Richtung der Wachen. »Bringt sie zu den anderen. Tramelay soll entscheiden, ob ihnen das gleiche Schicksal wie ihren Herren bestimmt ist.«
Anselm wagte nicht zu fragen, wohin man sie brachte, und eine Antwort erübrigte sich, als man den Jungen und ihn kurze Zeit später die Stufen hinab zu den Ställen des Salomo führte, zu einem ähnlich labyrinthartigen Verlies wie in Askalon. Überall hingen brennende Fackeln |510|in den Wandhaltern, und das aus dem Fels gehauene Deckengewölbe war schon ganz schwarz vor Ruß.
Vereinzelte Schreie und lautes Stöhnen hallten von der Decke wider. Matthäus fasste nach seiner Hand und drückte sie so fest, dass es wehtat. »Sie sperren uns ein«, bemerkte er mit bebender Stimme. »Denkst du, sie wollen uns zu lebenslanger Kerkerhaft verbannen?«
»Warum sollten sie das tun?«, murmelte Anselm. »Wir haben nichts Unrechtes getan. Das wird sich alles aufklären.«
Ihre Bewacher führten sie zu einem vergitterten Loch am hinteren Ende des Ganges, vorbei an anderen, düsteren Grotten, aus denen sich schauriges Wehklagen erhob. »Hier geht’s rein«, bestimmte einer der Männer und schloss die Gitter auf.
Im Halbschatten der Fackel sah Anselm, dass sie ihr weiteres Dasein an diesem stinkenden Ort nicht alleine fristen mussten. Auf den ersten Blick erschrak er, als er fünf kräftige Männer in grauen Gewändern wahrnahm, die schliefen und oder einfach dasaßen und vor sich hin starrten. Als er ihre Gesichter erkannte, glaubte er, sein Herz würde stehen bleiben.
»Herr im Himmel!«, ließ einer der Männer ungläubig verlauten. »Ich möchte wetten, sie haben uns etwas ins Wasser getan! Seht ihr das auch?« Es war Struan, der sich die schwarzen Augen rieb, als ob er einen Geist sehen würde.
»Gero!«, stieß Matthäus hervor und brach sogleich den Bann. Mit einem Aufschrei landete er auf dem schlafenden Mann, der im Reflex herumwirbelte und ihn unter sich begrub, dabei eine Hand so fest an seinen Hals legte, als wolle er ihn ersticken. Als Matthäus lauthals zu röcheln begann, ließ er ihn los und sprang taumelnd auf, als ob er sich verbrannt hätte. »Heilige Mutter!«, rief Gero, und sein entsetzter Blick ruhte nicht nur auf dem Jungen, sondern auf dessen Begleiter. »Sag, dass ich schlecht träume!«
»Nein«, erwiderte Anselm und sah aus den Augenwinkeln, dass die Tür hinter ihnen wieder verschlossen wurde. »Das ist kein Traum. Eher ein Alptraum, aber davon erzähle ich dir erst, wenn du schwörst, mich nicht umzubringen.«
Ein Blick in den Spiegel an der Wand bestätigte Melisende, dass die vergangenen Jahre des unentwegten Machtkampfes mit ihrem Sohn Spuren |511|hinterlassen hatten. Sie war längst nicht mehr das junge Mädchen, das jedem gut aussehenden Kerl mit einem einzigen Lächeln den Kopf verdrehte. Selbst die helle Schminke, die ihr die Zofe am Morgen auflegte, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie in knapp zwei Jahren ihren fünfzigsten Geburtstag begehen würde. Mit Sorge betrachtete sie die Mischung aus Reispuder und gehärtetem Rosenöl, die überall dort bröselte, wo sich hartnäckige Fältchen bildeten.
»As-salāmu ’alaikum, schöne Frau«, flüsterte eine dunkle Männerstimme hinter ihr.
Melisende wich irritiert zurück, weil ihr im ersten Moment war, als habe der Spiegel zu ihr gesprochen, doch dann spürte sie die Klinge eines Dolches an ihrer Kehle, was sie augenblicklich in helle Panik versetzte.
»Es gibt mir eine gewisse Befriedigung«, raunte der Unbekannte seltsam vertraut, »dass du nach all der Zeit trotz deines Luxus kaum besser aussiehst als ich.«
»Was?« Ihre Stimme klang ungewollt schrill. Der Mann hinter ihr, der lautlos in ihr Gemach eingedrungen war, hatte sie so eisern im Griff, dass sie keinen Muskel mehr rühren konnte. Sein Atem streifte ihren Nacken, und der moschusartige Geruch seines überhitzten Körpers rief Erinnerungen in ihr wach.
Er schob ihr angstverzerrtes Gesicht noch näher an den Spiegel, so nah, dass sie lediglich sich selbst, aber nicht ihn sehen konnte.
»Schau noch einmal in deine verlogene Fratze«, presste der Mann hasserfüllt hervor, »denn es wird das Letzte sein, was du in deinem sündigen Leben zu sehen bekommst.«
»Wartet«, krächzte sie beinahe ohnmächtig vor Angst. »Wenn Ihr Geld wollt, ich kann es Euch geben, aber Ihr müsst mein Leben verschonen.«
»So viel Geld kannst du gar nicht besitzen«, bemerkte der Mann dunkel, »als dass es das Leben all meiner unschuldigen Brüder und fünf Jahre Folter in einem fatimidischen Kerker aufwiegen könnte. Allein dein Tod kann mir jene Genugtuung geben, nach der es mich dürstet.«
Melisende spürte einen scharfen Schmerz unterhalb ihrer Kehle und sah das Blut, das an ihrem Dekolleté herunterrann. Sie hatte nur einen Mann gekannt, der es so perfekt verstanden hatte, die zarte Haut am |512|Hals eines Menschen zu ritzen, bis Blut floss, ohne ihn jedoch zu töten. Dieses Ritual wurde ausschließlich von Assassinen vollzogen.
»Khaled?«, flüsterte sie atemlos. »Bist du es?«
»Und wenn es so wäre? Denkst du, ich lasse dich leben, weil ich dich einst besteigen durfte?« Spielerisch fuhr er mit seinem Dolch hinab und schnitt den Gürtel ihres seidigen Morgenmantels auf, bis sie entblößt vor dem Spiegel stand und beobachten durfte, wie das Blut sich seinen Weg zwischen ihren Brüsten suchte. »Das hat dich nicht davon abgehalten, mich in den Tod zu schicken, also warum sollte es mich davon abhalten, das Gleiche mit dir zu tun?«, raunte er. »Du hast sie alle auf dem Gewissen, Azim, Mahmud und all die anderen, die dir immer treu ergeben waren und deine Befehle befolgten, ganz gleich, wie sündhaft sie auch sein mochten. Ich erinnere nur an Hugo de Le Puiset, dessen Mörder sie in deinem Auftrag erledigt haben. Und ich bin mir sicher, dass du auf diese Weise auch den Tod deines Schwagers Raimund von Tripolis angeordnet hast. Bis in den Kerker von Askalon war zu hören, dass er von Assassinen getötet worden sein soll, als du deiner Schwester zur Flucht vor ihrem ungeliebten Gemahl nach Jerusalem verholfen hast. Er ist euch wutentbrannt nachgeritten, wie ich gehört habe – und wurde aus dem Hinterhalt mit Pfeilen durchbohrt. Was glaubst du, wird geschehen, wenn seine Mörder erfahren, dass du es warst, die den Tod ihrer Brüder in Damaskus verschuldet hat, und dein ehrgeiziger Sohn, der nichts weiter getan hat, als auf die Lügengeschichten eines Manasses de Hierges zu vertrauen, unschuldig ist? Denkst du wirklich, die syrischen Nizâri würden dich verschonen? Sie werden meine Entscheidung, dich zu töten, verstehen, wenn ich ihnen berichte, was für eine finstere Magie du damals betrieben hast und allem Anschein nach immer noch betreibst.«
Melisende hatte zu zittern begonnen. Plötzlich wurde ihr klar, dass sie diesen Tag nicht überleben würde. Weil Khaled mit allem recht hatte, was er sagte, und weil er verzweifelt genug war, seine Wut und seine Trauer mit ihrem Blut zu betäuben.
»Ich bekenne mich schuldig«, flüsterte sie, »und es tut mir aufrichtig leid.« Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Überraschend lockerte Khaled den Griff. »Ich muss dir zustimmen«, fuhr sie mit heiserer Stimme fort, »ich habe es nicht anders verdient. Und ich will auch nicht um Gnade winseln. Das wäre einer Königin nicht würdig. Aber |513|eins sollst du wissen: Ich habe dich wahrhaftig geliebt. Mit meinem ganzen Herzen. Ich konnte es nicht ertragen, dass du dich einer anderen zugewendet hast. Ich war unglaublich eifersüchtig auf dieses Mädchen, weil ich spürte, dass du sie mit Haut und Haaren wolltest. Du hast sie geliebt. Ich konnte es an deinen Augen sehen. Ich konnte sehen, wie glücklich du mit ihr warst. Und da wusste ich, dass ich niemals etwas anderes für dich sein würde als eine alternde Hure, die nur deine Lust befriedigt.« Ihre Stimme klang bitter, und eine einzelne Träne tropfte herab und mischte sich mit dem Blut auf ihrer Brust.
»Eine wunderbare Vorstellung«, sagte Khaled mit belegter Stimme, »und du glaubst tatsächlich, ich falle darauf herein?«
»Du kannst mich liebend gern töten«, erwiderte sie schwach und spürte, wie ihre Knie versagten. »Aber lass mich wenigstens ein letztes Bußgebet zur Heiligen Jungfrau sprechen, und dann mach es schnell und schmerzlos, so, wie es den Nizâri von Kindesbeinen an gelehrt wird.«
Dass sie Nizâri und nicht Assassinen gesagt hatte, war reine Taktik; sie wusste genau, dass er das Wort Assassine als Beleidigung empfand und es ihm dadurch noch leichter fallen würde, sie auf der Stelle zu meucheln.
Khaled atmete tief durch, es war eine Sache, Melisende mit dem Tod zu bedrohen und sich an ihrer Angst zu weiden, eine andere jedoch, ihr tatsächlich das Leben zu nehmen.
Plötzlich klopfte es an der Tür, und sie schrak in seinen Armen zusammen. Khaled zog sie sogleich hinter das Bett und hielt ihr den Mund zu. Wenn er nicht dastehen wollte wie ein elender Trottel, musste er handeln, und zwar sofort. Sollten ihn die Wachen doch ruhig auf frischer Tat ertappen. Er wäre längst nicht der erste Nizâri, der sich selbst für seine Überzeugung als Fida’i opferte.
Melisende hing kraftlos in seinen Armen, die Augen angstvoll geweitet, das Herz rasend vor Angst. Seine große Hand bedeckte ihren Mund und ihre Nase. Vielleicht sollte er sie einfach ersticken oder ihr das Genick brechen, das ging schneller und machte keine solche Schweinerei.
Als sie nichts erwiderte, klopfte es noch einmal, und die Tür wurde geöffnet. Plötzlich stand André de Montbard im Zimmer. Khaled hatte |514|mit jedem gerechnet, aber nicht mit dem Templer. Hinter ihm wartete ein dunkel gelockter Knabe.
»Beim heiligen Georg«, rief Montbard und starrte auf die reglose Königin und den großen Schatten, der sie augenscheinlich bedrohte. Instinktiv zog der Templer sein Schwert und machte einen entschlossenen Schritt nach vorn.
»Lass sofort den Dolch fallen, oder du bist des Todes!«, schrie Montbard, offenbar ohne zu erkennen, wer sein Gegner war.
»Bleib, wo du bist, oder sie ist tot!« Khaled machte mit der Königin im Arm einen Schritt zurück und wäre beinah über etwas Weiches gestolpert. Ein kurzer Blick zur Seite gab ihm die verblüffende Gewissheit, dass es sich um seine weiße, persische Katze handelte, die er beim Abmarsch nach Damaskus hatte zurücklassen müssen. »Verdammt, Morgiane!«, zischte er. Irritiert glitt sein Blick zwischen dem maunzenden Kätzchen, das an seinen mageren Beinen entlangstrich, und Montbard hin und her, der ihn immer noch bedrohte. Dessen Ausdruck hatte die Mordlust verloren und war der Überraschung gewichen.
»Lass die Waffe fallen und sei vernünftig, mein Junge«, forderte der Templer ihn auf. »Wir sollten reden.«
»Da gibt es nichts zu reden. Sie hat mich und meine Leute kaltblütig verraten«, schleuderte ihm Khaled entgegen. »Ich kann sie nicht am Leben lassen. Der Tod meiner Brüder verlangt nach Rache!«
»Sie ist immer noch deine Königin«, versuchte Montbard ihn zu beschwichtigen, »auch wenn sie damals einen schweren Fehler gemacht hat. In den vergangenen Jahren hat sie hundertfach dafür büßen müssen.«
Unvermittelt spürte Khaled den tiefen Schmerz in der Brust, den ihre Hinterhältigkeit bis heute bei ihm hinterlassen hatte. Aber auch Montbard trug in seinen Augen Schuld an der ganzen Misere. Er hätte sich mehr für ihn und seine Leute einsetzen müssen.
»Warum habt ihr nie nach mir suchen lassen?«, fragte er Montbard rau. »Warum musste ich fünf Jahre in einem Höllenloch zubringen, ohne dass auch nur ein Bezant Lösegeld für mich gezahlt worden wäre?«
»Wir waren sicher, dass du gefallen bist«, entgegnete Montbard sachte. »Es gab niemanden, der uns Nachricht gegeben hat, dass du |515|noch lebst. Und wenn du vor Balduin und seinen Verbündeten geflohen wärst, hättest du dich früher oder später wenigstens bei Lyn gemeldet. Sie hat all die Jahre auf ein Lebenszeichen gewartet, und ich bin sicher, sie tut es noch. Es vergeht kein Tag, an dem sie nicht von dir spricht.«
Khaled spürte, wie seine Brust sich vor Angst und Freude zusammenzog. »Du weißt, wo sie ist?«, fragte er und ließ den Dolch sinken.
Melisende nutzte die Chance, um sich ihm zu entwinden. Hastig entschlüpfte sie seinen Armen und raffte den Mantel vor ihre Blöße. Dann versteckte sie sich schutzsuchend hinter Montbard.
Khaled protestierte nicht einmal. »Geht es Lyn gut?«, fragte er atemlos.
»Sie lebt in Sankt Lazarus«, erklärte Montbard und ging einen Schritt auf ihn zu. »Ioveta war so freundlich und hat die beiden Schwestern in den Orden aufgenommen.«
»Was?« Khaled riss entrüstet die Augen auf. »Ihr habt die Dreistigkeit besessen, sie zu einer Nonne zu machen? Ich habe sie vor Allah zu meiner Frau genommen. Mit meiner Seele und meinem Körper. Sie ist keine Christin und wird es niemals sein!«
Melisende entwich ein vieldeutiges »Oh!«. Anscheinend hatte sie nicht gewusst, wie intensiv diese Verbindung schon fortgeschritten war.
»So beruhige dich doch.« Montbard war anzusehen, dass er mit ihm fühlte. »Sie dachte, du wärst tot.« Auch er hatte das Schwert sinken lassen und kam näher an ihn heran, wobei Melisende an der Tür stehen blieb, offenbar unschlüssig, ob sie nach Wachen rufen sollte.
»Es ging nicht anders«, erklärte Montbard. »Offiziell waren sie und Rona immer noch Geiseln des Ordens. Tramelay wollte sie und ihre Schwester für eine Million Goldbezanten an den Harem des Emirs von Damaskus verkaufen. Der Großmeister und König Balduin benötigen das Geld dringend für die Finanzierung des Krieges gegen die Fatimiden. Wir haben ihnen einen Strich durch die Rechnung machen können, indem Rona und Lyn sich haben taufen lassen und als freie Frauen einem christlichen Orden beigetreten sind. Fortan ist es Tramelay und seinen Verbündeten verboten, sie als Sklavinnen in die Vielweiberei zu verkaufen. Allerdings können wir nicht sicher sein, ob er sich daran hält und sie nicht irgendwann einfach entführen lässt.«
»Ich bring ihn um«, entfuhr es Khaled. »Ich werde beide töten, Balduin |516|und Bernard, so wahr ich hier stehe. Und wenn es das Letzte ist, was ich tue.«
»Khaled – ich bitte dich! Das wird sich alles regeln lassen.« Mit einer raschen Drehung wandte André de Montbard sich Melisende zu, die noch immer leichenblass hinter ihm stand. »Nicht wahr, meine Liebe?«
Sie nickte zaghaft, den Blick immer noch wie unter Zwang auf Khaled gerichtet.
Dann huschte sie auf die andere Seite ihres Baldachinbettes, wo ihre Truhe stand, und zog ein Kleid hervor.
»Wenn die Herrn mich entschuldigen würden.«
Montbard gab Khaled einen Wink, dass er ihm nach draußen folgen sollte. Der abschätzige Blick, den Khaled Melisende beim Hinausgehen zuwarf, zeugte davon, dass sie noch längst nicht miteinander fertig waren.
»Wir reden später«, rief Montbard der Königin zu, während er Khaled den Flur entlang in Richtung seiner eigenen Gemächer schob.
Jussuf, der kleine Sarazene, hatte die ganze Situation mit aufgerissenem Mund verfolgt und vor der Tür auf Montbard gewartet. Der alte Templermeister übergab ihm bereitwillig eine Münze für seinen Dienst. »Sag deinem Auftraggeber, dass wir bei ihm sein werden, noch bevor die Sonne versinkt.«
Der Junge beäugte kritisch das Geldstück. »Das ist eine silberne Münze«, erklärte er forsch. »Mein Auftraggeber hat mir eine goldene gegeben, damit ich schweige. Was ist mit Euch?«
Montbard fasste in seinen Lederbeutel, den er am Gürtel trug, und schüttelte bedächtig den Kopf. »Die Jugend von heute …«, sagte er bedauernd. »Ich hoffe, du weißt, dass du mit dem Feuer spielst.« Er warf dem Jungen eine goldene Münze zu.
»Ihr könnt Euch auf mich verlassen, edler Herr«, sagte Jussuf und verbeugte sich artig. Dann verschwand er im Treppenabgang.
»Wer war das?«, fragte Khaled, als Montbard seinen Weg zu seinen Gemächern fortsetzte. »Und was wollte er von dir?«
»Nur ein Bote.« Montbard lächelte milde. »Und was seine Nachricht betrifft …« Er zögerte einen Moment. »Wir beiden unternehmen gleich einen kleinen Besuch.«
»Besuche interessieren mich nicht.« Khaled schaute auf Montbard |517|herab, während der Templer die Tür zu seinen Gemächern aufschloss. »Das Einzige, was mich interessiert, ist Lyn und dass Melisende nicht ungeschoren davonkommt für das, was sie mir angetan hat.«
»Ich verstehe deine Gründe sehr gut«, sagte Montbard und bat ihn mit einer freundlichen Geste in seine Gemächer, »aber bevor wir uns mit Rache beschäftigen, haben wir noch ein paar andere Probleme zu lösen.«
Er schloss die Tür und bot Khaled einen Platz an seinem ovalen Versammlungstisch an, den dieser jedoch dankend ablehnte. Khaled nahm den Becher mit Wein, den Montbard ihm anbot, und trank ihn in einem Zug aus, weil ihn ein höllischer Durst quälte und es ihn nach etwas verlangte, das seine angespannten Sinne betäubte.
»Tramelay will morgen früh im Einvernehmen mit Balduin fünf ehemalige Ordensritter hinrichten lassen«, erklärte Montbard, »weil man sie des Mordes an den Bewohnern eines jüdischen Dorfes und den eigenen Brüdern bezichtigt – fälschlicherweise.«
»Das ist ja gut und schön«, raunte Khaled und nahm einen weiteren Schluck.
»Aber was hat das mit mir zu tun?«
»Vielleicht mehr, als du denkst«, erwiderte Montbard. »Das Ganze ist eine Farce. Ich war selbst bei der Verhandlung dabei. Aber wie du weißt, kann ich als Einzelner gegen Tramelay nicht viel ausrichten. Wir können nicht zulassen, dass sie diese Männer hängen. Erstens, weil es jammerschade wäre, in diesen unsicheren Zeiten auf fünf stattliche Krieger zu verzichten, und zweitens, weil wir sie für unsere eigenen Zwecke bestens gebrauchen können.«
»Was soll das bedeuten?« Khaled sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an.
»Hast du schon mal von dem Kelch von Askalon gehört?«
»Ich war dort … in Askalon. Dort weiß man nichts von einem solchen Schatz.«
Montbard sah ihn mit einem geheimnisvollen Lächeln an. »Du weißt genau, wovon ich spreche. Wir alle wollen ihn haben, aber nur einer wird ihn bekommen.« Er wanderte an den drei Fenstern entlang, die ihm einen Blick in den paradiesisch anmutenden Garten des Patriarchen ermöglichten. »Allein, wer den Kelch besitzt, weiß, wo das Geheimnis der Bundeslade zu finden ist. Melisende hat mir verraten, dass |518|es ihr mithilfe ihrer Spione gelungen ist, herauszufinden, dass ihr Sohn mit Bernard de Tramelay einen geheimen Pakt geschlossen hat, den Kelch aus Askalon herauszuholen, bevor er jemand anderem in die Finger fällt. Sie hat mir auch verraten, dass sie dich schon vor fünf Jahren damit beauftragt hat, in dieser Angelegenheit einen Mittelsmann der Fatimiden zu treffen, was sich dann aber wegen des Überfalls auf die Karawane nach Blanche Garde zerschlagen hat. Dass beide, Balduin und Melisende, den Kelch besitzen wollen, steht außer Frage. Und dann ist da noch Tramelay, auch er hat seine Ansprüche bereits angemeldet. Oder warum sonst belagern sie alle diese kleine unbedeutende Festung?«
»Wer den Kelch findet, wird auch den Weg zur Bundeslade finden«, sinnierte Khaled halblaut, »und wer die Lade mit den Steintafeln des Moses findet, wird den Messias wiederauferstehen lassen, den Fürsten der Zeit, den Herrscher der Welt, oder …« Er warf Montbard einen vielsagenden Blick zu – »den Imam Mahdi, den Erlöser der Welt, der erst kurz vor deren Ende wieder erscheint.«
Bei den letzten Worten war Montbard so nahe an Khaled herangetreten, dass der Templer nur noch flüstern musste, damit er ihn verstand. »Wir wollen doch nicht, dass dieses Geheimnis in die Hände von Leuten wie Bernard de Tramelay fällt oder dass Balduin es herausfindet – schon gar nicht Melisende, nicht wahr?«
»Oder in die Hände der Fatimiden.« Khaled sah ihn aus schmalen Lidern an. »Aber ist die Zeit, wenn wir den Aufzeichnungen von Rona und Lyn glauben wollen, nicht längst schon geschrieben? Tramelays Tod steht bereits fest, nicht wahr? Und du wirst Großmeister werden und Balduin stirbt einen frühen Tod?«
Khaled schaute Montbard prüfend in die Augen. »Fünf Jahre sind vergangen, und alles, was die Prophezeiungen vorhergesagt haben, ist eingetreten – also was bleibt noch zu hoffen?«
»Wir wissen, dass Tramelay fällt«, entgegnete Montbard leise. »Wir wissen auch, dass es später heißen wird, dass Balduin seine Heere bei der Erstürmung von Askalon zurückgehalten hat, als Tramelay und seine Männer die Bresche in den Mauern erstürmten. Aber wir wissen nicht, was danach geschah. Wir wissen lediglich, dass ich Großmeister werde. Aber was mit dem Kelch geschieht, ist nirgendwo dokumentiert. Ergo kann er in die Hand eines jeden fallen – und das wollen wir |519|doch nicht, oder?« Montbard hielt kurz inne. »Man sagt nicht umsonst, der Inhalt der Lade könne alles verändern, Wasser in Wein und Steine in Brot verwandeln, Tische decken, auf denen vorher gähnende Leere herrschte, Meere teilen, Blitze entsenden, Tote von den Lebenden auferstehen lassen. Also warum nicht die Zeit und die Geschichten verändern, die sie schreibt?« Montbards Blick war mit einem Mal berauschend klar und gleichzeitig entrückt. »Glaub mir, Khaled, dieses Geheimnis ist mächtiger als alles auf der Welt, weil es die Welten teilt und sie zugleich zu einer einzigen vereint.«
»Verzeih, ich kann dir nicht folgen.« Khaled zog eine Braue hoch.
»Das macht nichts«, sagte Montbard. »Du musst nichts verstehen. Du musst mir helfen, den Kelch zu finden, und dabei müssen wir allen, die es auf den Kelch abgesehen haben, zuvorkommen. Danach wirst du es nicht bereuen, mir geholfen zu haben. Dein Lohn wird die himmlische Wahrheit sein und ein Leben voller Glück und Harmonie. Ich verspreche es dir! Aber du darfst mit niemandem darüber reden, außer mit denen, die dich in deiner Mission unterstützen werden.«
Khaled sah ihn verwundert an. »Wer sollte das sein?«
»Lass dich überraschen. Aber kein Wort davon zu Melisende. Um die Mission zu einem glücklichen Ende führen zu können, benötigen wir ihre Gunst, ihr Geld und den Segen Gottes. Ich bin mir sicher, dass die Königin uns Ersteres gewähren wird. Besonders wenn ich sie mit dem Besitz des Kelches locken kann. Sie wird darauf hereinfallen, aber wir müssen dafür sorgen, dass nicht sie ihn am Ende bekommt und schon gar nicht Tramelay oder Balduin, sondern der Hohe Rat der Templer, dessen Oberhaupt ich bin. Verstanden?«
Khaled nickte mit entschlossener Miene.
»Und nun lass uns gehen.«
»Wohin?« Er schaute Montbard mit großen Augen an.
»Das wirst du schon sehen. Vertrau mir! Aber vielleicht«, fügte er mit leicht gerümpfter Nase hinzu, »solltest du vorher noch in einem Badehaus einkehren und dir was Anständiges anziehen.«
Wie betäubt folgte Khaled dem Templer durch das Gemenge in der Davidsstraße hinunter ins arabische Viertel, das er bestens kannte. An der Straße der Kürschner machten sie halt, und Khaled verschwand kurz in einer der vielen Hamams, in denen sich Reisende und Stadtbewohner für wenig Geld erfrischen konnten. Montbard hatte ihm |520|eine schwarze Hose und einen dunkelgrün schimmernden Kaftan aus seinem Fundus überlassen, dazu ein paar weiche, dunkelbraune Lederstiefel.
Als Khaled nach einer knappen halben Stunde wieder zum Vorschein kam, mit manikürten Händen, einem schmalen, ausrasierten Kinnbart und schulterlangen geölten Haaren, war er wieder das Abbild eines syrischen Edelmannes.
Montbard stieß einen anerkennenden Pfiff aus, als er Khaled Säbel und Dolch übergab. Rasch verbarg Khaled das noch feuchte Haar unter einem schwarzen Turban und schickte sich an, dem Templermeister zu folgen.
Tausend Gedanken rauschten ihm durch den Kopf. Dass Montbard es auf den Kelch abgesehen hatte, überraschte ihn. Vor allem, weil Melisende recht behalten hatte, als sie vor Jahren erklärt hatte, es sei nur ein Gerücht, dass die Templer die Bundeslade in den Ställen des Salomo gefunden hätten. Khaled fragte sich, wie der alte Templer es anstellen wollte, in die Festung der Fatimiden zu gelangen, und wie er Tramelay zuvorkommen wollte, ohne dass ihn das gleiche, prophezeite Schicksal des Großmeisters ereilte. Aber wie er es auch drehte, wenn er dabei sein sollte, würde er seinem alten Templerbruder André ein ordentliches Schnippchen schlagen. Denn sollte Khaled tatsächlich in den Besitz des Kelches gelangen, würde er ihn für sich und die Nizâri retten und ihn so rasch wie möglich zur Festung Masyāf bringen. Dort würde er ihn dem Sohn und Erben Alī bin Wafās zu Füßen legen, dessen Vater ein Jahr nach Khaleds Gefangennahme in Damaskus bei einer Schlacht gegen die Seldschuken gefallen war. Khaled wusste aus eigener Erfahrung, was es hieß, den Vater viel zu früh auf grausame Weise zu verlieren, und wenn man mit dem Inhalt der Bundeslade sogar Tote zum Leben erwecken konnte, würde er dem Jungen, aber auch sich selbst einen ganz besonderen Dienst erweisen.
Montbard blieb vor einer syrischen Herberge stehen und forderte ihn auf, vor ihm einzutreten.
Im Schankraum begrüßte sie der syrische Wirt, der für Khaled kein Unbekannter war, mit einer Verbeugung. Auch er war vor Jahren aus Damaskus hierher geflohen. Als er Khaled ins Gesicht sah, spürte der dessen Unsicherheit, weil ihm offenbar nicht einfiel, woher er ihn kannte. In guten Zeiten war Khaled manchmal mit Azim und Mahmud |521|hier eingekehrt, um sich in einem geheimen Nebenzimmer eine kleine Räucherpfanne mit Opium zu gönnen. Dabei hatten sie mit Zucker gesüßten Minzesud getrunken und sich hemmungslos mit gekauften Weibern amüsiert.
Montbard blieb nicht im Schankraum stehen, sondern führte Khaled die Treppe hinauf zu jenen Zimmern, die man für eine ganze Nacht mieten konnte, falls man sich ausgiebiger amüsieren wollte.
Der Templer klopfte an eine der vielen Türen, und der Mann, der ihm öffnete, sah mit seinen braunen Locken und dem dunklen Teint zwar aus wie ein Sarazene, aber er war nicht von hier, wie sein akkonesischer Dialekt verriet.
Offenbar war er sogar ein Templer, was Khaled am Begrüßungsritual erkannte und an der Tatsache, dass Montbard ihn als Bruder Arnaud vorstellte. Nachdem er sich bei Montbard vergewissert hatte, dass Khaled zu ihm gehörte, winkte er ihn in das Zimmer hinein, in dem eine größere Ansammlung Menschen saß und auf sie wartete.
Khaled musste sich ein wenig ducken, um nicht an den Türrahmen zu stoßen, aber als er aufblickte, verlor er beinahe das Gleichgewicht.
In Reichweite vor ihm war Lyn – so schön und anmutig, wie er sie selbst in seinen kühnsten Erinnerungen niemals gesehen hatte. Sie trug ein bezauberndes Kleid aus indischer Seide und saß neben ihrer ähnlich gewandeten Schwester auf einem breiten Bett. Als sie zu ihm aufschaute, trafen sich ihre Blicke, und die Gewissheit, dass sie keine Vision war, raste wie ein Blitz durch seinen Körper. Dass es ihr nicht anders erging, konnte er daran sehen, wie beängstigend schnell sie erbleichte.
»Khaled?« Ihre sonst so angenehm weiche Stimme war ein krächzendes Flüstern.
Montbard lächelte weise. »Damit hättet ihr jetzt nicht gerechnet, oder?«
Khaled blieb stocksteif im Türrahmen stehen, aus Angst, zu stolpern, wenn er einen einzigen Schritt machte. Das Gefühl, dass ihn alle anstarrten, ignorierte er hartnäckig. Lyn erhob sich rasch. Schwankend kam sie ihm entgegen und fasste ihn bei der Hand. Sanft zog sie ihn hinaus aus dem Zimmer und schloss die Tür hinter sich, damit sie allein waren. Tränen schimmerten in ihren großen, veilchenblauen |522|Augen, und ihre Hände berührten sein Gesicht so sacht, als habe sie Angst, es könnte unter ihren Fingern zerbrechen. Dann befreite sie ihn von dem Turban und fuhr durch sein feuchtes Haar. »Du lebst«, hauchte sie.
Khaled konnte sich nicht länger zurückhalten und zog sie in seine Arme, wobei er sein Gesicht an ihren Hals presste und hemmungslos zu schluchzen begann. Er spürte, wie ihr Körper erbebte und ihr Atem über seinen Nacken strich. Sie weinte auch. Es kam ihm vor, als ob sich bei beiden eine Schleuse geöffnet hätte. Der Stoff an seiner Schulter war schon ganz durchnässt, als er voller Zärtlichkeit ihren Hals küsste. »Ich hab dich so vermisst«, flüsterte er an ihr Ohr. »Allein die Hoffnung, dich wiederzusehen, hat mich am Leben erhalten.«
»Ich dachte, du wärst tot«, stammelte Lyn. Sie zog den Kopf zurück, um einen Blick in seine Augen zu wagen. »Deine Leiche wurde nicht gefunden, und auch auf der Exekutionsliste, die von Balduin persönlich unterzeichnet worden ist, warst du nicht zu finden.« Sie seufzte erleichtert und küsste ihn auf den Mund. Ihre Hand strich liebevoll über seinen kurzen Bart. »Hätte ich gewusst, dass du lebst, ich hätte alles getan, um dich zu retten.«
»Du hast mich gerettet«, sagte er rau. »Indem du Nacht für Nacht in meinen Träumen erschienen bist.«
»Ich liebe dich«, bekannte sie und schmiegte sich eng an ihn. »Ich habe keinen einzigen Tag aufgehört, dich zu lieben.« Ihre Hände fuhren suchend über seinen viel zu weiten Kaftan und strichen über seinen knochigen Rücken, wobei sie trotz des fest gewebten Stoffs jede einzelne der wulstigen Narben ertastete, die er dem Kerkermeister von Askalon zu verdanken hatte.
»Ich habe mich verändert«, sagte Khaled beinahe entschuldigend. »Äußerlich, aber auch innerlich. Ich habe die letzten fünf Jahre in einem Kerker verbracht. Da ist nichts mehr, worauf du stolz sein könntest. Ich bin ein gebrochener Krieger.«
»Trifft das nicht auf uns alle zu?«, tröstete sie ihn. »Wir verändern uns mit jedem Tag, den wir erleben. Alles, was uns an Üblem widerfährt, hinterlässt Narben. Aber wie sollten wir nach vorne schauen, wenn wir nur noch die Narben im Blick haben? Du wirst immer mein Held bleiben, weil du denen getrotzt hast, die dir das zugefügt haben, und es ihnen nicht gelungen ist, deinen Überlebenswillen zu brechen. |523|Das ist alles, was zählt.« Lyn lächelte sanft. »Neben der nicht ganz unbedeutenden Tatsache, dass du mich trotzdem noch liebst.«
»Warum sollte ich nicht? Du bist … so … unbeschreiblich«, flüsterte er. Dann küsste er sie wieder und wieder. »Du bist meine Frau?«, hauchte er leise an ihren Mund, ohne ihr in die Augen zu schauen.
»Ja, das bin ich«, erwiderte sie und strich ihm zärtlich über die Wange. »Für immer und ewig. Ich hoffe, das hast du nicht vergessen?«
»Nein«, flüsterte er. »Wie könnte ich das?«
Arnaud hatte interessiert die Wiedersehensszene zwischen dem Sarazenen und Lyn verfolgt. Wahrscheinlich war er der Mann, von dem sie immer wieder gesprochen hatte. Als die beiden nach einer Weile zu ihnen zurückkehrten, zwinkerte Montbard ihnen zu, als ob sie zu seiner Familie gehörten. Lyns Gesicht war gerötet vor Aufregung. Sie hatte geweint, und trotzdem strahlte sie pures Glück aus. Als sie ohne ein Wort wieder neben ihrer Schwester auf dem Bett Platz nahm, stellte sich der Assassine hinter sie und legte ihr besitzergreifend eine Hand auf die Schulter. Montbard stand mit überkreuzten Armen neben Hertzberg und ließ sich geduldig darüber aufklären, in welcher Mission sie hier angetreten waren.
»Ihr müsst Gero von Breydenbach und seine Leute aus dem Kerker herausholen«, beschwor ihn der Professor. »Sie sind Templer wie Ihr und haben nichts getan, was nicht rechtens wäre. Im Gegenteil – Tramelay und seine Bande morden und brandschatzen, und niemand kümmert sich darum. Das entspricht so gar nicht dem Bild, das uns in der Zukunft vom Orden der Templer vermittelt wird.« Die Stimme des Professors klang vorwurfsvoll.
Montbard seufzte leise. »Wie Ihr Euch vielleicht denken könnt«, begann er mit seiner ruhigen, dunklen Stimme, »ist es nicht in meinem Interesse, dass der Orden zu einem Haufen von Verbrechern verkommt. Ich bin Vorsitzender des Hohen Rates, zu dem nur eingeweihte Brüder Zugang haben, deren Gewissen so rein ist wie eine Bergquelle nach der Schneeschmelze. Dass Tramelay und seine Leute nicht dazugehören, bedarf keiner Erwähnung. Seit Lyn und Rona hier erschienen sind, wissen wir, dass die Zukunft des Ordens besiegelt ist, wenn es uns nicht gelingt, unsere moralischen Ziele zu festigen und die Dinge zum Besseren zu wenden.
|524|Allerdings mussten wir in den vergangenen Jahren schmerzlich zur Kenntnis nehmen, dass sich bisher weder Gott noch der Teufel haben ins Handwerk pfuschen lassen.«
»Soll das bedeuten, die fünf Ordensbrüder werden morgen gehängt, und das war’s?« Arnaud schäumte vor Wut. »Ordensvertreter wie Euresgleichen waren immer mein großes Vorbild! Es kann doch nicht sein, dass Ihr gar nichts tun könnt, um sie aus diesem Loch herauszuholen?« Er sah aus, als wolle er vor Montbard auf den Boden spucken, tat es aber nicht.
»Es ist schwierig, sie aus dem Kerker herauszuholen, aber nicht unmöglich«, lenkte Montbard ein. »Schließlich können wir nicht einfach hingehen und den Großmeister und sein Gefolge in die Tragweite unseres Wissens einweihen. Allein die geheimnisvolle Waffe, mit der Tramelays Leute getötet wurden, reichte aus, um Eure Brüder der Häresie und Zauberei zu überführen.« Er räusperte sich, bevor er fortfuhr. »Es mag Euch einfältig erscheinen, aber wir leben in einer Zeit, in der wir nicht jedem Dahergelaufenen unsere tiefsten Geheimnisse preisgeben können. Denkt Ihr ernsthaft, die Kirche würde uns durchgehen lassen, dass die Erde eine Kugel ist und sich wie selbstverständlich um die Sonne dreht?« Er lächelte wehmütig. »Habt Ihr eine Vorstellung davon, was es heißt, wenn man gegen alle Vernunft mit seinem Wissen um die wahren Begebenheiten dieser Welt hinter dem Berg halten muss, um nicht den eigenen Kopf zu riskieren?« Er sah fragend in die Runde.
Arnaud nickte verständig, er schien zu wissen, was der Templer mit seinen Ausführungen sagen wollte.
»Wir wurden im dreizehnten Jahrhundert nach der Auferstehung unseres Herrn geboren«, gab Arnaud freimütig zu. »Für uns war das alles ebenso neu und unfassbar.«
Montbard begann ruhelos umherzuwandern. »Dann könnt Ihr sicher verstehen, dass es einem mitten ins Herz sticht, wenn man weiß, was geschehen wird, aber nicht in der Lage ist, etwas daran zu ändern. Man zweifelt an sich selbst und am Ende sogar an Gott«, erklärte er bitter und warf Hertzberg einen verständnisheischenden Blick zu. »Und das ist wohl das Schlimmste, das einem Templer passieren kann.«
»Und wie soll es jetzt weitergehen?« Hertzberg fixierte ihn ungeduldig. »Morgen früh ist die Zeit abgelaufen, und nicht einmal wir besitzen |525|eine Maschine, die Tote zum Leben erwecken könnte, oder irre ich mich?« Sein fragender Blick ruhte auf Rona.
»Nein«, bestätigte sie mit einem müden Lächeln.
»Ich werde noch heute Abend meine Kontakte zu Königin Melisende nutzen«, fuhr Montbard fort. »Es gibt im Strafrecht des Ordens einen Paragraphen, der es im Kriegsfall ermöglicht, von der Vollstreckung des Urteils abzusehen. Wir werden Tramelay und dem König die Zahlung einer hohen Summe anbieten, die sie unmöglich abschlagen können, damit die Brüder wieder in den Rang eines kämpfenden Ritters versetzt werden.«
»Und Ihr denkt, dass er dem so einfach zustimmen wird?« Arnaud schaute ihn ungläubig an. »Und wenn es so ist, warum kann man sie dann nicht gleich freikaufen?«
»Das müsstest du doch am besten wissen, mein provenzalischer Bruder.« Montbard blieb vor Arnaud stehen. »Tramelay kann den Brüdern nicht einfach gegen Geld die Freiheit schenken. Er wäre gezwungen, sie aus dem Orden auszuschließen, doch dann müssten sie einem anderen Orden beitreten. Und das würde uns nicht helfen. Deshalb müssen wir ein Argument liefern, das verlangt, dass sie im Orden verbleiben. Auch weil ich eine gewisse Strategie verfolge, um Königin Melisende das nötige Geld aus der Tasche zu locken.«
»Was für eine Strategie?« Hertzberg sah ihn argwöhnisch an.
»Das kann ich erst verraten, wenn ich mit der Königin darüber gesprochen habe. Zunächst muss ich ihr die Angelegenheit schmackhaft machen. Wenn alles so verläuft, wie ich es mir vorstelle, werde ich noch heute Abend ein Gespräch zwischen ihr und Tramelay arrangieren. Bis dahin bleibt uns leider nichts anderes übrig, als zu warten.« Er nickte in die Runde, als ob alles gesagt sei. Dann begab er sich zur Tür und warf Khaled einen fragenden Blick zu. »Bleibst du hier, bis die Entscheidung gefallen ist?«
»Ich denke schon, schließlich kann ich nicht davon ausgehen, dass Melisende mich in ihrem Palast wohnen lässt, nach allem, was sie von mir erdulden musste.« Ein Grinsen huschte über seine Lippen. »Außerdem weiß sie anscheinend noch nicht, dass Lyn und Rona aus Sankt Lazarus geflohen sind. Also nutzen wir die Ruhe vor dem Sturm, um ein wenig zu verschnaufen.« Sein Blick traf Lyn, die ihn liebevoll erwiderte. »Ich werde mir mit meiner Frau heute Nacht eine gemeinsame |526|Kammer nehmen. Seit fünf Jahren waren wir nicht mehr vereint.«
Montbard lächelte wohlwollend und warf Khaled einen Beutel mit Münzen zu. »Sorge dafür, dass es dir und den anderen an nichts fehlt. Ich melde mich spätestens zur Nacht, um Euch auf den neusten Stand der Dinge zu bringen.«
»Da wäre noch etwas, das Euch vielleicht interessiert«, sagte Khaled. Sein Blick wanderte zu Arnaud, der ihm der Anführer dieser seltsamen Truppe zu sein schien. »Ich weiß nicht, ob es wichtig ist, aber im Kerker von Askalon ist mir ein Franke begegnet, der behauptete, Euch und Eure Brüder zu kennen. Er sprach davon, aus der Zukunft zu kommen, und auch er suchte nach Rona und Lyn. Ich wusste, von wem er sprach, ansonsten hätte ich ihm wohl keinen Glauben geschenkt. Er hatte einen blond gelockten Jungen bei sich. Nachdem wir vertrauter miteinander waren, ist es uns gemeinsam gelungen, die Kerkerwachen zu überwältigen. Zusammen konnten wir fliehen. Er erzählte mir, dass er außer dem Jungen noch drei Frauen bei sich hatte, die wie er auf dem Weg von Jaffa nach Jerusalem in die Gewalt von Sklavenhändlern geraten waren, die sie schließlich den Fatimiden in der Festung verkauften. Angeblich wurden sie nach dem Eintreffen in Askalon getrennt. Wahrscheinlich sind die Frauen im Harem des Wesirs von Askalon gelandet. Leider war es uns nicht möglich, sie zu befreien.«
Hertzberg schaute erschrocken auf. »Wie war der Name des Mannes?«
»Er nannte sich Anselm de Caillou, sein jüngerer Begleiter war Matthäus von Bruch. Sie machten mir nicht den Eindruck, als ob sie mit unseren Sitten vertraut wären.«
Arnaud stöhnte entsetzt auf. »Sie dürften gar nicht hier sein! Und wo sind die beiden jetzt?«
»Keine Ahnung.« Khaled zuckte mit den Schultern. »Ich habe sie heute Vormittag am Tor der Kette abgeliefert, weil sie im Hautquartier der Templer nach ihren Gefährten suchen wollten. Nach allem, was ich nun weiß, mache ich mir ein wenig Sorgen, was mit den beiden geschehen sein könnte.«