1148 – Jerusalem
Lyn spürte, dass Khaled nach Erklärungen dürstete, und während André de Montbard mit Rona in eine intensive Diskussion vertieft war, suchte sie nach einer Möglichkeit, mit ihm für einen Moment ungestört sein zu können. Ihr fiel nichts Besseres ein, als ein dringendes Bedürfnis anzudeuten, und nachdem André de Montbard mit einem Nicken seine Zustimmung gegeben hatte, bat er Khaled, sie zur Sicherheit bis zur Latrine des Großmeisters zu begleiten.
Rona warf ihrer Schwester einen verdutzten Blick zu. Ihre Genetik war von den Laboratorien der Neuen Welt so manipuliert worden, dass der Organismus das Wenige, das sie aßen und tranken, weitaus gründlicher verwertete und sie somit seltener ihrer Natur folgen mussten als gewöhnliche Menschen, die man nicht zu Söldnern herangezüchtet hatte.
Dass Lyn etwas anderes beabsichtigte, bemerkte auch Khaled, als sie |210|im Parterre, anstatt ihm in Richtung Latrine zu folgen, geradewegs nach draußen drängte in Richtung Vorplatz der ehemaligen Omar-Moschee, wo außer ein paar Wachleuten, die sie nicht beachteten, niemand zu sehen war. Auf dem Weg zur Westmauer, den Lyn wie selbstverständlich eingeschlagen hatte, begegnete ihnen ein weiteres Mal Berengar von Beirut. Er und fünf andere Templer hatten ihre Chlamys, wie der weiße Umhang der Templer genannt wurde, gegen schwarze Kutten getauscht und schleppten, von einer Fackel erleuchtet, drei Säcke, aus grobem Stoff gearbeitet und mit Blut durchtränkt, zu einem Nebengebäude. Die Ordensbrüder mühten sich mit der schweren Last zu einer Hintertür, direkt neben dem Friedhof.
Berengar würdigte Lyn keines Blickes, als sich ihre Wege kreuzten. Auch Khaled bedachte er nur mit einem leichten Verziehen der Mundwinkel. Seltsamerweise fragte er nicht nach, was Lyn und ihre Schwester hier zu suchen hatten.
»Sie haben die Toten von der Mauer geborgen, nicht wahr?«, fragte Lyn an Khaled gerichtet, als die Ritterbrüder nicht mehr zu sehen waren.
»Bruder André hat Anweisung erteilt, deren sterbliche Überreste in die geheime Halle zu bringen. Dort lässt der Orden regelmäßig Leichen auf die Gründe ihres Todes hin untersuchen. Später werden sie wieder zusammengeflickt, um ihnen ein christliches Begräbnis zu ermöglichen.«
Khaled spähte in die Umgebung, als ob er etwas suchen würde, bevor er Lyn aus schmalen Lidern ansah. »Ob unsere Angreifer überhaupt ein solches verdient haben, muss das Ordenskapitel der Templer am nächsten Sonntag entscheiden. Allem Anschein nach handelt es sich um Christen, und in jedem Fall wird sie irgendwo jemand vermissen – und wir sollten herausfinden, wer sie geschickt hat, bevor neue Angreifer aufkreuzen.«
»Denkst du, es waren keine gewöhnlichen Verbrecher?« Lyn sah ihn fragend an, doch Khaled zuckte nur mit den Schultern.
»Ich weiß nicht mehr, was ich noch denken soll, aber irgendetwas erscheint mir an der Sache merkwürdig«, murmelte er abwesend. »In Jerusalem kannst du niemandem trauen, außer den Menschen vielleicht, die ihre Verlässlichkeit bereits unter Beweis gestellt haben.«
Lyn setzte ein halbherziges Lächeln auf. »Nach dem, was wir euch |211|vorhin gezeigt haben, glaubst du mir vielleicht, dass Vertrauen nicht unbedingt zu unseren grundlegenden Eigenschaften gehört.« Ohne noch etwas hinzuzufügen, ging sie weiter bis zu jener Mauer, die sie kurz zuvor hinaufgeklettert waren. Offenbar hatte Montbard nach ihrem Eindringen die Wachen verstärkt. Jedenfalls patrouillierten nun zwei bewaffnete Templer unweit entfernt mit zwei beeindruckend großen Hunden an der Mauer entlang. Als sie Khaled und seine weibliche Begleitung erkannten, drehten sie unvermittelt ab und verschwanden im Schatten eines mehrstöckigen Turms. Anscheinend hatte sich bereits herumgesprochen, dass sie Gäste des Seneschalls waren.
Lyn wandte sich dem Friedhof zu, und Khaled folgte ihr, blieb aber ein Stück zurück, als sie stehen blieb, um über die Mauerkrone hinweg auf die gespenstisch ruhig erscheinende Stadt zu schauen. Hier und da flackerten Feuer im steinernen Häusermeer. Und wie überall an diesem seltsamen Ort lag ein Geruch nach getrocknetem Kameldung, Holz und fossilen Brennstoffen in der Luft.
Lyn spürte Khaleds Blicke im Nacken, aber sie reagierte nicht. Sie wollte abwarten, ob er von sich aus etwas sagte. Als er weiterhin schwieg und auch sonst keinerlei Anstalten machte, sich ihr zu nähern, wandte sie sich ihm zu und sah, dass er mit verschränkten Armen an einem Grabstein lehnte und sie im Mondlicht betrachtete.
Lyn versuchte sich an einem Lächeln. »Zweifelst du etwa daran, dass ich ein normaler Mensch bin und das, was wir euch gezeigt haben, wahr ist?«
Khaled brachte es nicht über sich zurückzulächeln. Wenn sie nur ahnte, wie nah sie mit ihrer Vermutung der Wahrheit kam. Nach allem, was geschehen war, wunderte es ihn nicht, dass ihm mit einem Mal nicht nur Lyn und ihre Schwester, sondern auch André de Montbard und die ganze Umgebung unwirklich erschienen. Ein einziger Blick auf Lyn reichte aus, um zu wissen, dass sich sein eigenes Leben, das bisher in Bedeutungslosigkeit zu versinken drohte, in nur einem Herzschlag geändert hatte – wegen einer Frau, die so schön war wie ein Engel und gleichzeitig so geheimnisvoll wie Fatima selbst. Spätestens seit er einen Blick in ihr seltsames Kästchen werfen durfte, schwirrten ihm tausend und ein Gedanke durch den Kopf. Angesichts ihres überwältigenden Wissens fühlte er sich plötzlich minderwertig und einfältig und stellte |212|sich unentwegt die Frage, ob er überhaupt würdig war, weiterhin mit ihr sprechen zu dürfen.
Und nun hatte sie ihn unter einem Vorwand nach draußen gelockt – offenbar, weil sie mit ihm reden wollte.
»Ich frage mich die ganze Zeit, wie es dort ist, wo du herkommst, und wie du dort gelebt hast?« Seine Stimme war leise und rau, aber sie zitterte nicht mehr. Khaled hatte seine Furcht überwunden, spätestens nachdem Bruder André so besonnen auf das Erscheinen und die Vorführung der beiden Frauen reagiert hatte.
Merkwürdigerweise war der Seneschall der Templer überhaupt nicht überrascht gewesen.
»Also trifft es zu«, hatte Montbard geraunt und sogleich wieder geschwiegen, als er Khaleds fragende Blicke bemerkt hatte. Ohne nähere Erklärungen abzugeben, hatte er Khaled beiseitegenommen und ihm mit verschwörerischer Miene den Eid abverlangt, über alles zu schweigen, was er im Zusammenhang mit den beiden Frauen gesehen oder gehört hatte, selbst gegenüber der Königin. »Niemand«, hatte er mit heiserer Stimme geflüstert, als er mit Khaled nach draußen gegangen war, »niemand darf je erfahren, wer sie in Wahrheit sind und woher sie stammen.«
Khaled hatte – obwohl er sich über Montbards Verhalten wunderte – noch im Gehen die Rechte auf sein Herz gelegt und auf Allah geschworen, dabei hatte er bedauert, dass er – wenn er sich an den Eid hielt – selbst seinem eigenen Emir, Alī bīn Wafā, nicht von dieser außergewöhnlichen Geschichte berichten durfte. Der Meister der Nizâri würde vielleicht wissen, wie man das Phänomen der Zeitreise und die Fähigkeiten der beiden Frauen vor dem Hintergrund der geheimen Lehren erklären könnte.
Nach dem Glauben der Isma’iliten existierten in der verborgenen, unvergänglichen Wahrheit sieben Epochen, die bis zum heutigen Tag jeweils von einem Sprecher, dem Natiq, eingeleitet worden waren – Adam, Noah, Abraham, Moses, Jesus und Mohammad.
Der kommende Natiq würde Muhammad Ibn Ismai’il sein. Bei seinem Erscheinen würde die weltliche Ordnung auf den Kopf gestellt. Er würde eine völlig neue Herrschaft errichten, und alle Religionen, selbst der Islam, abgeschafft werden würden. In der Welt dieser beiden Frauen gab es weder Juden noch Christen, noch Muslime. So wie es |213|aussah, hatte ein überirdisches Feuer sie in nicht ganz tausend Jahren von der Erde gefegt.
Ein verrückter Gedanke ließ Khaled trotz der nächtlichen Hitze das Blut in den Adern gefrieren. Was wäre, wenn die beiden Frauen aus einer Zeit kamen, in der Muhammad Ibn Ismai’il längst erschienen war? Nein, das konnte nicht sein. Der verborgene Imam würde den Frieden bringen, und das, was er in dem merkwürdigen Kasten gesehen hatte, war vom Frieden weiter entfernt als das Ende der Welt. Kein Wunder, dass der Seneschall der Templer ihn zur Verschwiegenheit verpflichtete. Wie hätte er das, was er gesehen hatte, je einem gottesfürchtigen Menschen erklären sollen, ohne dafür mit dem Tode bestraft zu werden?
»Selbst den Königshof müssen wir aus der Sache heraushalten«, hatte Montbard mit verbissener Miene hinzugefügt.
Khaled fragte sich, wie das gehen sollte, vor allem weil Nesha die beiden Frauen schon gesehen hatte und auch alle anderen, die zu der Karawane gehört hatten. Aber am dringlichsten erschien ihm die Frage, warum André de Montbard so besonnen und überlegt reagierte, obwohl er zu diesem Zeitpunkt – mit Ausnahme dessen, was Khaled ihm von den bisherigen Geschehnissen erzählt hatte – doch noch gar nichts über die beiden Frauen wissen konnte. Ja, natürlich war er einer der Eingeweihten und Mitbegründer des Templerordens. Und hinter vorgehaltener Hand munkelte man, die Templer wüssten sogar, wo sich König Salomos Bundeslade verbarg, aber Bruder André hatte nie auch nur ein Sterbenswörtchen über dieses Thema verlauten lassen und sich in Khaleds Gegenwart nicht ein einziges Mal als Hellseher und Visionär hervorgetan, wie manch Außenstehende gern von ihm behaupteten.
»Ist es wahr«, Khaled bedachte Lyn mit einem ungewohnt scheuen Blick, »dass du wirklich alles über unsere Zukunft weißt? Welche Schlachten wir noch führen werden, ob wir gewinnen und wer von uns welchen Tod sterben wird?« Trotz der Dunkelheit suchte er in ihren funkelnden Augen nach einer Antwort. »Wenn du weißt, dass der Angriff auf Damaskus scheitert, weißt du vielleicht auch, ob ich dabei ins Paradies auffahren werde?«
Lyn wich seinem fragenden Blick nicht aus, sondern sah ihn geradewegs an. »Ich fürchte, ich muss dich enttäuschen.« Ihre Stimme war voller Bedauern. »Ich habe keine Ahnung vom deinem Paradies. Wie |214|du sehen konntest, entstamme ich einem Ort, den deinesgleichen eher als Hölle bezeichnen würden, und was in Damaskus geschieht, weiß ich lediglich aus Geschichtsdateien. Trotzdem wäre es mir lieber, du würdest diesem Wahnsinn so weit wie möglich aus dem Weg gehen.«
»Und was ist, wenn ich keine Wahl habe?«, erwiderte er trotzig.
König Balduin III. würde ihm und seinen Leuten nicht erlauben, sich aus dem geplanten Feldzug herauszuhalten, und wenn er ehrlich war, wollte er es auch gar nicht. Und auch Melisende würde sich wohl kaum gegen ihren Sohn stellen, falls Balduin und seine Verbündeten nach Khaleds Truppe verlangten. Er und seine Brüder waren als Vermittler zwischen Muslimen und Christen, aber auch als Kundschafter in feindlichen Gebieten einfach zu wichtig, um auf sie verzichten zu können.
»Meine Nizâri-Krieger und ich unterstehen dem Königreich Jerusalem«, erklärte Khaled mit düsterer Miene. »Melisende und ihr vermaledeiter Sohn zahlen all unsere Rechnungen, dafür verlangen sie Loyalität.«
Lyn warf ihm einen schrägen Blick zu. »Ich kann nur allen raten, die noch etwas Verstand besitzen, von dieser Damaskus-Geschichte die Finger zu lassen – so wie von vielen anderen Unternehmungen, die noch in der Zukunft liegen und auch scheitern werden.«
Khaled wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Schließlich seufzte er. »Was nützt eine Prophetin, wenn sie einem nicht verrät, auf welche Weise man sich dem bevorstehenden Unheil entziehen kann?«
»Ich bin keine Prophetin, denn das würde bedeuten, dass sich nichts mehr ändern ließe, aber genau das ist das Ziel. Ich kann euch allenfalls berichten, was laut den Geschichtsdateien, die mir zur Verfügung stehen, bereits geschehen ist, aber ich kann es nicht analysieren oder voraussagen, was man besser machen könnte. Dafür weiß ich zu wenig über die politischen Verhältnisse und die Menschen, die hier leben.« Lyn tippte sich mit dem Finger an die Stirn. »Meine erlernten Erinnerungen an eure Zeit kommen mir vor wie ein lückenhaftes, uraltes Buch, in dem ich nachschlage und hier und da ein paar Seiten fehlen. Unsere Informationen sind nicht vollständig, weil die historischen Quellen unserer Vergangenheit nach dem dritten Krieg zerstört und deren Überreste von den neuen Machthabern beschlagnahmt worden sind. Es war ein glücklicher Zufall, dass unser Anführer illegales Material gefunden hat, mit dem wir diese Mission vorbereiten konnten.«
|215|Khaled drückte sich von dem Stein ab und ging langsam auf sie zu. Das Verlangen, sie anzufassen, um sich selbst zu beweisen, dass sie aus Fleisch und Blut bestand wie jede andere Frau, die er bisher begehrt hatte, wurde übermächtig. »Wenn du keine Prophetin bist, was bist du dann?«, flüsterte er. »Ein Engel? Eine Zauberin? Eine Hexe?«
»Da, wo wir herkommen, glaubt niemand mehr an Zauberei«, erwiderte Lyn nüchtern. »Rona und ich sind ehemalige Söldner der Neuen Welt. Unser Anführer ist ausgezogen, um uns aus der Knechtschaft einer grausamen Diktatur zu befreien. Wir sollen ihm dabei helfen, die Geschichte zu verändern. Er hat uns auserwählt, diese Mission zu bestreiten, weil wir ausgebildete Kämpferinnen sind und weil wir außer unserem Leben und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft nichts besitzen, das es wert wäre, die damit verbundenen Risiken nicht einzugehen. Lion hat uns das Schicksal der gesamten Menschheit anvertraut – alleine deshalb müssen wir erfolgreich sein.«
»Und das Kästchen, mit dem du und deine Schwester die Bilder in unsere Köpfe …«, er zögerte, weil ihm kein anderes Wort dafür einfiel… »gezaubert habt … könnte euch dabei helfen?«
Lyn kniff die Lippen zusammen. Dann seufzte sie leise. Khaled schloss daraus, dass sie langsam die Geduld verlor, ihm alles aufs Neue erklären zu müssen. Aber, in Allahs Namen, wie sollte man so etwas auch verstehen?
»Nicht das Kästchen kann uns dabei helfen. Der Timeserver hat uns lediglich die Zeitreise ermöglicht und liefert die dafür notwendigen Aufzeichnungen, um Entscheidungsträger wie André de Montbard zum Umdenken zu bewegen, damit sie die bereits geschriebene Zukunft zum Besseren wenden.«
Er nickte verständig, froh darüber, ihr einigermaßen folgen zu können.
»Ansonsten wäre die endgültige Vernichtung unserer Zivilisation in ferner Zukunft nicht mehr aufzuhalten.« Sie machte eine kleine Pause und begann dann von neuem, wobei sie mit ihrer Hand sein Gesicht berührte, leicht und zart wie eine Feder. »All das ist erklärbar …« Sie stockte und sah ihn an, als ob sie verzweifelt nach Worten suchte. »Wir nennen es Quantenphysik.«
Khaled hatte das Wort noch nie in seinem Leben gehört, und doch nickte er.
|216|»Quantenphysik«, wiederholte er mit einem fragenden Unterton. Sie stand so dicht vor ihm, dass er ihren Atem spüren konnte. Er fasste all seinen Mut zusammen, um ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen, damit er ihr direkt in die Augen schauen konnte. Als sie seinem Blick nicht auswich, ergriff er ihre Hand und zog sie mit sanfter Gewalt in den Schatten einer großen Zypresse. Hier fühlte er sich nicht so beobachtet wie auf der Plattform, und die Atmosphäre um sie herum war mit einem Mal intimer als draußen in der Stadt, wo er sie zum ersten Mal geküsst hatte.
»Ich werde dir alles erklären, was du wissen möchtest«, flüsterte sie. »Wenn du mich dafür noch einmal mit deinen Lippen berührst.« Wie selbstverständlich strich sie ihm das Haar aus dem Gesicht und zeichnete anschließend die Kontur seines Mundes mit ihren Fingerspitzen nach.
Khaled zuckte nicht zurück, obwohl er glaubte zu träumen. Nach allem, was er inzwischen über sie erfahren hatte, erschien sie ihm wie eine unberührbare Heilige und nicht wie eine gewöhnliche Frau, bei der man darauf vertraute, dass sie willig genug war, dem eigenen Werben ohne Widerspruch nachzugeben. Nein, Lyn – ganz gleich, was sie war – stammte gewiss nicht aus dieser Welt. Wieder kam ihm der Gedanke an die geheimen Lehren seiner Glaubensbrüder, die auch er seit seiner Aufnahme bei den Nizâri verinnerlicht hatte. Dort war im Buch der Einzelheiten von der Ankunft gläubiger Frauen die Rede, die es zu prüfen galt und deren geheimes Wissen schwer und schwierig sei, so dass niemand dieses Wissen zu ertragen vermochte, es sei denn, er war ein Engel oder ein Rechtschaffener oder ein geprüfter Bekenner des Gottesreiches.
»Khaled?« Lyn setzte ein Lächeln auf, für das er notfalls gestorben wäre, und drängte sich näher an ihn heran.
Bei Allah, dachte er nur, bewahre mich vor einer weiteren Torheit. Doch es war schon zu spät, um vernünftig zu sein.
»Ja?«, erwiderte er mit belegter Stimme. Alles hatte er erwartet, aber nicht, dass eine solch unglaubliche Frau ihn so offensichtlich begehrte. Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem unsicheren Lächeln, doch bevor er sich abwenden konnte, zog sie seinen Kopf zu sich herab und küsste ihn mit leicht geöffneten Lippen direkt auf den Mund.
Khaled konnte nicht widerstehen. Er umarmte Lyn mit behutsamer Entschlossenheit, dabei intensivierte er seinen Kuss, indem er vorsichtig |217|seine Zunge zwischen ihre Lippen schob, um ihren Mund zu erforschen. Obwohl sie ohne Zweifel aus verschiedenen Welten stammten, erwiderte sie sein Verlangen in einer Weise, die Khaled ganz schwindelig werden ließ, und er musste unmerklich Abstand nehmen, damit sie nicht spürte, wie sehr ihn ihre Gegenwart erregte.
Als sie sich voneinander lösten, bemerkte er Lyns verzückten Blick und sah, wie ihre rosige Zungenspitze noch einmal genüsslich über ihre leicht geschwollenen Lippen fuhr, als ob sie soeben eine Köstlichkeit verzehrt habe.
»Ist das auch …« Er räusperte sich. »… Quantenphysik?«
»Nein, das muss Zauberei sein.« Sie lächelte. »Nie zuvor habe ich so etwas erlebt. Es ist einfach wunderbar.«
Khaled schüttelte schmunzelnd den Kopf. »Bedeutet das, du wurdest noch nie von einem Mann in dieser Weise berührt?«
Lyn spürte, wie sie errötete. »Ich fürchte, nein. So etwas tut man bei uns nicht.«
»Und wie kommen eure Nachkommen zustande, wenn man so etwas … nicht tut?«
Sie wich seinem forschenden Blick aus. »Dazu bedarf es keiner intensiveren Berührung. Jedenfalls nicht so, wie es in dieser Zeit offenbar üblich ist.«
»Bei Fatima«, raunte Khaled und beugte sich noch einmal zu ihr hinunter. »Das ist keine Welt, in der ich leben wollte.«
Sein drängender Mund vermittelte ihr das Gefühl, mit ihm zu verschmelzen. Seine Energie vermischte sich mit ihrer zu einem warmen Gefühl unglaublicher Geborgenheit. Etwas, das sie niemals zuvor erlebt hatte. Sie schmiegte sich tiefer in seine Arme, und die Zeit schien tatsächlich stillzustehen.
Dass sie es nicht tat, hörte man am dumpfen Läuten einer Glocke, und plötzlich wurde die Umgebung lebendig. Harte Schritte und das Klirren von Kettenhemden und Schwertern hallten über den Hof.
Khaled entließ Lyn augenblicklich in die Kühle der Nacht und schaute alarmiert auf.
»Wir haben im wahrsten Sinne des Wortes die Zeit vergessen«, murmelte er. »Sie läuten bereits zu den Vigilien. Bruder André wird sich fragen, wo wir abgeblieben sind.«
|218|»Vigilien?« Lyn schaute fragend zu ihm auf.
»Templer sind Mönche«, erklärte er. »Sie beten mehrmals am Tag zu Christus und auch in der Nacht, falls sie nicht wegen irgendwelcher Aufträge davon befreit sind. Außerdem haben sie etwas mit deinem Volk gemeinsam – sie berühren keine Frauen und zeugen somit gewöhnlich keine Nachkommen. Meistens jedenfalls.« Er grinste. »Bei ihrer Aufnahme in den Orden müssen sie ein Keuschheitsgelübde ablegen, das ihnen den direkten Kontakt zu Frauen verbietet. Deshalb mögen sie es auch nicht, wenn man hier auf dem Gelände eine Frau in den Arm nimmt und küsst. Ich denke, es führt ihnen schmerzhaft vor Augen, worauf sie verzichten müssen.«
»Hört sich ähnlich an wie bei uns«, sagte Lyn leichthin. »Den Söldnern der neuen Welt ist enger Körperkontakt zu anderen Menschen verboten, ganz gleich, welches Geschlecht sie besitzen. Es sei denn, man muss eine Person töten und kann dies nicht aus der Ferne erledigen.«
Khaleds Blick verriet seine Fassungslosigkeit. »Wenn all das stimmt, was ich in eurem Kästchen gesehen habe, erscheint mir eure Welt unendlich grausam. Ich kann kaum glauben, dass man dort, wo ihr herstammt, ein glückliches Leben führt.«
»Glück ist ein weit gefasster Begriff«, entgegnete Lyn leise und sah ihm abermals tief in die Augen. »Nach allem, was ich bisher über diese Zeit erfahren durfte, geht es hier kaum besser zu. Es gibt scheußliche Krankheiten, schwere Verletzungen und wenige, wenn nicht gar keine Heilungsmöglichkeiten, was euch dazu verurteilt, nicht selten bereits in jungen Jahren grausam zu sterben.«
»Und du denkst, ihr könntet das ändern?« Der Ausdruck in Khaleds Stimme schwankte zwischen Hoffnung und Spott.
»Vielleicht … aber ich bin mir nicht sicher.«
»Ich denke an die Wunde des Jungen«, sagte Khaled mit gedämpfter Stimme. »Mit eurem Wissen ist allem Anschein nach so einiges möglich, das selbst die Fähigkeiten der Ärzte im Maristan von Damaskus übertrifft. Aber André de Montbard spricht die Wahrheit, wenn er sagt, dass man eure Existenz und eure Erkenntnisse unbedingt vor Uneingeweihten verbergen muss.«
Er machte eine Pause, wobei er sie mit einem Wink aufforderte, zum Hauptportal von al-Aqsa zurückzukehren.
|219|»Es ist gefährlich, wenn machthungrige Dummköpfe etwas über eure Möglichkeiten erfahren – oder christliche Fanatiker, die mit einem gnadenlosen ›Gott will es‹ jeden lynchen, dessen Meinung nicht mit ihren christlichen Evangelien übereinstimmt.«
Sie gingen dicht nebeneinander, und Khaled war versucht, zu Lyns Schutz einen Arm um ihre Schultern zu legen, worauf er aber im Angesicht mehrerer Templer verzichtete, die im Halbdunkel zur Kapelle eilten.
»Dort, wo ich herstamme«, fuhr er mit verhaltener Stimme fort, »sind die Gelehrten weitaus besser ausgebildet als die einfältigen Christen, die in der Medizin vieles als Teufelszeug bezeichnen, was wir Muslime längst praktizieren. Aber vielleicht weißt du das ja bereits.«
»Ehrlich gesagt«, bekannte Lyn freimütig, »spätestens seit ich dich kennengelernt habe, bin ich mir nicht mehr sicher, ob meine Studien über eure Kultur und eure Lebensweise mit der Realität übereinstimmen.« Sie lächelte. »Aber ganz gleich, was noch kommt – ich glaube, André de Montbard ist ein echter Glücksgriff. Er ist ehrlich gewillt, uns zu helfen. Es ist gut, dass du uns zu ihm geführt hast.«
»Ja«, bestätigte Khaled in bedächtigem Tonfall. »Ich kenne keinen ehrenvolleren Menschen als ihn. Er war sofort bereit, mir zu glauben, als ich ihm von euch und von den Toten vor der Mauer erzählt habe. Jeder andere christliche Führer hätte mich unter dem Verdacht gefangen genommen, die Männer im Auftrag der Nizâri getötet zu haben, und euch hätten sie wahrscheinlich als mongolische Spioninnen angeklagt. Aber André hat keinen Herzschlag lang gezweifelt, dass ich die Wahrheit sage.«
Lyn wurde mit einem Mal bewusst, dass Khaled ein ziemliches Risiko für sie eingegangen war, als er nach dem Tod der Männer mit ihr und Rona die Mauer hochgeklettert war. Wenn Montbard nicht anwesend gewesen wäre, hätte ihn jeder andere, uneinsichtige Zeitgenosse leichtfertig des Mordes an den drei Christen beschuldigen können.
»Vielleicht haben die Toten schon etwas in eurer Zukunft verändert«, bemerkte Khaled mit einem beiläufigen Blick in den Sternenhimmel. »Unabhängig von eurem Gespräch mit Bruder André«, fuhr er fort und sah ihr tief in die Augen, als ob dort die Bestätigung für seine Theorien zu finden sei. »Ich meine, die getöteten Männer können keine Nachkommen mehr zeugen und keine weiteren Menschen töten, |220|die dann keine Nachkommen mehr zeugen könnten. Habe ich recht?«
»Das stimmt.« Lyn sah ihn überrascht an. Daran hatte sie in all der Hektik noch gar nicht gedacht. »Aber wir können es nicht prüfen – weil wir kurz vor dem Angriff auf die Stadt jeglichen Kontakt zu unserer Basisstation in der Zukunft verloren haben.«
»Vielleicht ist der Kontakt nur abgebrochen«, sinnierte Khaled, »weil die Zukunft, wie ihr sie verlassen habt, gar nicht mehr existiert.«
»O Khaled!« Ihr Gesicht verzog sich zu einer freudigen Miene. »Du bist unglaublich! Daran habe selbst ich nicht gedacht. Ich muss sofort mit Rona sprechen. Sie denkt die ganze Zeit an nichts anderes, als die Templer zu retten, dabei könnte der Flügelschlag eines Vogels schon etwas zum Guten verändert haben.«
Ihre Augen erstrahlten im Angesicht des Mondes, der die Umgebung in ein gespenstisches Spiel von Licht und Schatten hüllte. Khaled fuhr ihr mit den Fingern ins Haar. Auf einmal kam sie ihm nicht mehr so überlegen vor. »Es beruhigt mich, dass ich auch etwas zu deinem Glück beitragen kann«, flüsterte er. Seine Hand ruhte immer noch auf ihrer Wange. »Ich hatte schon Angst, dass mein Herz für einen Dschinn entflammt wäre. Aber wenn André de Montbard an euch und eure Maschine glauben kann, ohne dem Wahnsinn zu verfallen, werde ich es auch können.«
Khaled spürte, wie sein Herz plötzlich heftiger pochte. Er räusperte sich, dann brach es aus ihm heraus.
»Könnte man mit dem Kasten auch meine Vergangenheit ändern?«, fragte er beinahe schüchtern. »Ich meine, könnte ich mit eurer Hilfe in der Zeit zurückgehen und meinen Vater retten.« Seit sie den Versammlungssaal mit Rona und Montbard hinter sich gelassen hatten, geisterte Khaled nichts anderes im Kopf herum als die Frage, ob man das Leben seines Vaters und seiner Familie mit einer solchen Höllengabe zum Guten verändern könnte – ja, ob man deren Leben noch retten könnte.
»O Khaled!« Lyns Stimme brach, weil sie spürte, wie sehr er mit den Tränen kämpfte. Eine Welle negativer Energie schwappte zu ihr herüber, die aus einer diffusen Mischung aus seelischem Leid und körperlichem Schmerz bestand, den sie schon auf dem Weg nach Jerusalem gespürt hatte.
|221|Mit erstickter Stimme erklärte er ihr, was damals mit seiner Familie geschehen war.
»Es tut mir so leid«, flüsterte sie, während sie beinahe durch ihn hindurch schaute, als vor ihrem geistigen Auge ein kleiner, hilfloser Junge erschien, nur mit einer fadenscheinigen Decke bekleidet, der im vollen Galopp bei Nacht mit einer Gruppe von Reitern eine von Feinden brodelnde Stadt hinter sich ließ.
Sie konnte das Grauen in seinen Augen erkennen, als er im Vorbeireiten realisierte, wie die hässlichen Vögel das Fleisch von den Knochen seines zerstückelten Vaters rissen, dessen sterbliche Überreste man an die Stadtmauer genagelt hatte. Sie spürte Khaleds rasenden Puls, als er mit dem Rest seiner Familie samt ihren Verbündeten hinaus aus Damaskus verfolgt wurde, und sein Entsetzen, als seine Mutter, die hinter einem der Reiter gesessen hatte, in einem Hagel von Pfeilen starb, die ihren schlanken Körper wie Butter durchbohrten. Außer seiner jüngeren Schwester, die wie er im Haushalt der Könige von Jerusalem aufgenommen worden war, hatte er mit einem Schlag niemanden mehr, der ihm wirklich nahestand.
»Ja«, brachte Lyn nach einigem Zögern hervor. »Es wäre möglich, dass du zurückgehst und deinen Vater vor seinen Feinden warnst, aber nicht zu jener Zeit, in der du selbst bereits auf dieser Welt existiert hast – die Schwangerschaft deiner Mutter eingeschlossen. Weil es aus Gründen, die im Moment zu umfassend sind, um sie dir erklären zu können, nicht möglich ist, auf einer Zeitebene doppelt zu existieren. Aber selbst wenn du in die Zeit vor deiner Geburt reisen würdest, bleibt die Frage, ob dein Vater dir glauben könnte, wenn du ihm die Umstände erklärst, und wenn ja, ob du je gezeugt werden würdest, um ihn auf diese Weise zu warnen. Das alles sind Dinge, die wir selbst erst herausfinden müssen.«
»Ich befürchte, gegen dich bin ich ein einfältiger Narr, der nichts von der Welt weiß«, bekannte Khaled resigniert.
»Du bist nicht mal halb so einfältig wie ich.« Ihre Stimme klang amüsiert. »Denkst du wirklich, Weisheit hat etwas mit Wissen zu tun?« Sanft zog sie ihn zu sich herab, um ihn noch einmal zu küssen. »Ich glaube eher, es hat etwas mit dem Herzen zu tun, und da bist du eindeutig im Vorteil.«
|222|Montbard sprang von seinem Stuhl auf, als Lyn und Khaled nach gut einer halben Stunde ins Obergeschoss des Hauptquartiers zurückkehrten. Er hatte zusätzliche Wachen vor den Türen aufstellen lassen und selbst auf eine Teilnahme an der nächtlichen Messe verzichtet. Sein strenger Blick verriet, dass er sich Sorgen gemacht hatte, weil die beiden so lange ausgeblieben waren, aber als er Lyns leicht gerötete Wangen registrierte, verzichtete er auf einen Kommentar und lächelte milde, bevor er halbwegs entspannt wieder Platz nahm.
Rona war da weit weniger rücksichtsvoll und stemmte anklagend die Hände in die Hüften. »Wo wart ihr so lange? Wir haben uns Sorgen gemacht.«
Lyn überging ihren Einwand. »Khaled hatte eine Menge Fragen«, erwiderte sie, »die ich ihm nicht unbeantwortet lassen wollte.«
Ihr Blick fiel auf den langen Holztisch. Montbard hatte in ihrer Abwesenheit Brot, Käse und einen Teller mit aufgeschnittenem Obst servieren lassen. Dazu zwei weitere Glaskaraffen – eine mit rotem Wein und eine mit heller Limonade, wie er hilfreich erklärte.
»Greift zu!«, forderte der Seneschall mit einer jovialen Geste auf. »Die Nacht könnte länger werden als gedacht. Es gibt da noch viele Dinge zu klären.«
Khaled hatte sich zunächst gewundert, warum Montbard keinen Schreiber hinzugebeten hatte und auch sonst auf die Gesellschaft seiner Offiziere verzichtete. Doch inzwischen war klar, dass er keine Zeugen bei dieser außergewöhnlichen Unterredung dabeihaben wollte.
Natürlich würde er irgendwann das geheime Konzil der Eingeweihten einberufen werden, doch Khaled hatte bisher nicht herausfinden können, wer dazugehörte. Nur so viel war ihm bekannt, dass mitunter noch nicht einmal der Großmeister der Templer über geheime Absprachen unter den Mitgliedern des hohen Rates informiert wurde – schon gar nicht, dass er selbstverständlich dazugehörte.
Khaled ließ sich nicht lange bitten, etwas zu trinken, doch anstatt für Wein entschied er sich für die schmackhafte Mischung aus Wasser, dem Saft des Zuckerrohrs und von grünen Limonen.
Als Nizâri griff er ohnehin selten zu Alkohol, und nun war schon gar nicht der richtige Zeitpunkt, um sich die Sinne zu vernebeln. Zuerst bediente er Lyn, die glaubte, dass dieses Getränk an Geschmack sogar den Begrüßungstrunk übertraf. Schluck für Schluck |223|ließ sie die fruchtige Säure auf ihrer Zunge zergehen und probierte dann das exotisch anmutende Angebot aus Feigen, Pfirsichen und Bananen.
Rona trank ein Glas Wein und genehmigte sich ein kleines Stück Käse.
Montbard beobachtete seine Gäste in scheinbarer Ruhe, wobei er den beiden Frauen weit mehr Aufmerksamkeit schenkte als seinem muslimischen Freund.
Lyn spürte, wie der Blick des Templers auf ihren Händen ruhte und dann wieder ihr Gesicht erforschte. Als es ihr zu viel wurde, schaute sie ihn unverwandt an und erwiderte seinen überraschten Blick.
»Warum starrt Ihr mich so an?« Im gleichen Moment, als sie es gesagt hatte, bereute sie ihren unfreundlichen Ton. »Sieht man mir an, dass ich hier fremd bin?«
»Verzeiht meine Neugier«, erwiderte Montbard. »Mir begegnen nicht alle Tage so außergewöhnlich schöne Frauen, die dazu noch aus einer weit entfernten Zukunft stammen.« Mühelos hielt er ihrem prüfenden Blick stand, was nichts weiter bedeutete, als dass er nichts zu verbergen hatte. Seine freundlichen, braunen Augen weckten in Lyn spontanes Vertrauen, und sie schämte sich, ihn so angefahren zu haben. Er war ganz sicher kein Mann, von dem sie etwas zu befürchten hatten.
»Ich bewundere euren Mut«, bekannte er, abwechselnd an Lyn und Rona gerichtet. »Es ist sicherlich eine große Ehre für euch, für eine solche Reise auserwählt worden zu sein, und beweist den hohen Grad eurer Fähigkeiten.« Montbard schwieg einen Moment, bevor er fortfuhr. Vielleicht, um ihnen Gelegenheit zu einer Antwort zu geben, doch nicht einmal Rona ergriff das Wort.
»Um euch und euer Wissen zu schützen, wird uns nichts anderes übrig bleiben, als zu einer List zu greifen. Nach allem, was Rona mir berichtet hat und was ich sehen durfte, müssen wir euch unter einem Vorwand hier verstecken.« Sein Blick wendete sich an Khaled, der angespannt auf einem Stück Fladenbrot kaute.
»Sosehr ich Königin Melisende auch schätze, aber nicht einmal sie darf erfahren, wer diese Frauen in Wahrheit sind.« Montbard hob eine Braue, um sich Khaleds Zustimmung zu versichern.
|224|»Worauf ihr euch verlassen könnt, Seigneur – bei Allah, seinen Propheten und beim Leben meiner Schwester.«
»Wir werden die von dir erdachte Legende weiter verbreiten, dass es sich bei den beiden um gestrandete, mongolische Prinzessinnen handelt«, fuhr Montbard fort. »Ich werde sie dem Orden und dem Königshaus als privilegierte Geiseln präsentieren, die wir uns für einen Gefangenenaustausch auf allerhöchster Ebene vorbehalten. Dass sie bis dahin mit allem Komfort bedacht werden, die der Orden zu bieten hat, ist eine Selbstverständlichkeit. Wir werden sie in den Königsgemächern unterbringen und ihnen nicht nur eine doppelte Wache zuteilen. Ich werde die Königin darüber hinaus bitten, dich als Anführer der örtlichen Nizâri-Krieger zu ihrem persönlichen Schutz abzustellen, um ein Defizit an Bewachung in unseren eigenen Reihen aufzufangen – wenigstens so lange, bis der Hohe Rat einen Termin gefunden hat, um über die weitere Vorgehensweise zu beraten.«
»Heißt das, Lyn und Rona sind ab sofort Geiseln des Ordens?« Khaled, der sich zwar geschmeichelt fühlte, dass Montbard ihn als Schutz für die Frauen sogar den eigenen Leuten vorzog, konnte dem Sinn dieser Entscheidung nicht folgen. Die beiden Frauen würden unter strenger Bewachung keinen Schritt außerhalb des Geländes tun können – genaugenommen waren sie ab sofort Gefangene des Tempels. Daran würde selbst seine Anwesenheit kaum etwas ändern können.
»Nur zum Schein. Auch wenn es wenig komfortabel klingt«, bekannte Montbard entschuldigend. »Wir benötigen einen triftigen Grund, warum wir sie hierbehalten und nicht dem Gewahrsam des Königshauses überantworten.« Er deutete auf das Westfenster, von wo aus man die Stadt überblicken konnte. »Ihr seid heute Abend bereits angegriffen worden, und wir wissen nicht von wem. Es kann Zufall gewesen sein, oder man hat euch bereits verfolgt, weil nicht nur dir aufgefallen ist, dass die beiden etwas Besonderes sind. Vielleicht waren es Sklavenhändler, die einen Tipp bekommen haben, dass zwei Schönheiten in der Stadt aufgetaucht sind, die zu niemandem gehören. Solange wir nicht wissen, ob es da noch jemanden gibt, der an ihnen interessiert ist, können wir die beiden jungen Frauen nicht einfach ihrem Schicksal überlassen.«
Rona und Lyn blieb im Moment nichts anderes übrig, als zuzustimmen. Eigentlich war ihre Mission so gut wie erledigt. Die Templer wussten in Person von Montbard über ihr zweifelhaftes Schicksal Bescheid, |225|und dass Montbard die Geschicke des Ordens in die richtige Richtung zu lenken vermochte, stand für die beiden außer Frage.
»Werdet ihr nun in eure Zeit zurückkehren können?« Khaled schien ihre Gedanken zu erraten, und er war sich nicht sicher, ob ihm diese Option gefiel, als er die beiden Frauen in Gesellschaft von Montbard und zwei hünenhaften normannischen Templern zu den vornehmen Gastgemächern begleitete, in denen sie bis auf weiteres untergebracht werden sollten.
»Diese Option steht uns zurzeit nicht offen«, bemerkte Rona beiläufig. »Wir haben ein Problem mit unserer Maschine. Nach dem Brandanschlag funktioniert sie nicht so, wie sie sollte.«
Damit schien alles gesagt zu sein. Lyn, die das wertvolle Kästchen am Körper trug, warf Khaled einen Blick zu, der alles bedeuten konnte.
Das majestätisch wirkende Gebäude, das Jahrzehnte nach der blutigen Eroberung Jerusalems den christlichen Königen eine luxuriöse Zuflucht geboten hatte und dessen Erbauung direkt an der Westmauer noch von Gottfried von Boullion vorangetrieben worden war, ließ keinerlei Wünsche offen. Marmorböden, Stofftapeten, offene Feuerstätten und beheizbare Bäder im Untergeschoss boten jeglichen Komfort, den man sich vorstellen konnte. Wie Montbard nicht ohne Stolz versicherte, hatten diese Räumlichkeiten noch vor knapp zwei Wochen den deutschen Kaiser und den französischen König nebst seiner anspruchsvollen Gemahlin und deren Gefolge beherbergt.
Tag und Nacht stand den Gästen die Ordonnanz der Templer zur Verfügung, die aus nichtkämpfenden Brüdern des Ordens bestand.
Montbard hatte ein paar dieser Männer, die braune Gewänder trugen, herbeigerufen, um die Frauen in ihre Suite einzuweisen, die aus zwei ineinander übergehenden Räumen bestanden und in denen sie nun auf unbekannte Zeit hinaus ihr Lager aufschlagen würden. Die glänzenden Böden waren mit Mosaiken versehen, und darüber hatte man dicke, handgeknüpfte Beduinenteppiche mit schillernden Mustern ausgelegt. Kleine Sitzecken und einladende Ruhestätten mit bunten, seidenen Kissen und golddurchwirkten Decken luden zum Verweilen ein. Der Duft von Rosenblüten und Sandelholz lag in der Luft. Der Luxus hier hatte so gar nichts mit den spartanischen Unterkünften der kämpfenden Truppe gemein.
|226|Montbard ließ Obst und frisches Wasser in Krügen bringen und versprach den beiden Frauen sogar ein heißes Bad, sobald die Küchenmägde ihren Dienst angetreten hatten.
Khaled verabschiedete sich ungern von Lyn, er versprach aber, am nächsten Morgen wiederzukommen. Sobald er die Erlaubnis seiner Königin hatte, über einen längeren Zeitraum in die Dienste des Templerordens zu treten, um Lyn und Rona zu beschützen, beabsichtigte er, ganz in ihrer Nähe ein Quartier zu beziehen. Damaskus und seine Rachegelüste waren auf einmal so weit weg wie das Ende der Welt, und Khaled hoffte, dass es Montbard gelingen möge, Melisende und Balduin davon zu überzeugen, auf ihn und den Einsatz seiner Truppe bei der bevorstehenden Eroberung zu verzichten. Nicht nur wegen Lyn, sondern vor allem, um seine Männer vor einem wahrscheinlichen Tod zu bewahren. Er wartete, bis Montbard nach draußen gegangen war und den beiden streng dreinschauenden Templern letzte Anweisungen gab.
Bis zur Ablösung im Morgengrauen würden die Ordensbrüder sich nicht wegrühren dürfen, nicht einmal zum Pinkeln.
Bevor Khaled dem Seneschall folgte, verabschiedete er sich von Lyn, in dem er sie in eine Nische zog und sie kurz und leidenschaftlich küsste, dabei kümmerte es ihn nicht, dass Rona sie sehen konnte. »Ich wäre enttäuscht«, raunte er an ihre Lippen, »wenn du einfach in deine Zeit verschwinden würdest, ohne dich in aller Form von mir zu verabschieden.« Lyn wirkte verblüfft, und Khaled zwinkerte ihr zu, dann ging er hinaus, ohne auf eine Antwort zu warten.
Rona saß noch eine Weile schweigend auf einem der pompösen Betten, nachdem sich Montbard mit der Ankündigung verabschiedet hatte, gleich am nächsten Morgen nach ihnen sehen zu wollen, um die weitere Vorgehensweise zu klären.
Im Kamin hatte einer der braungekleideten Templer ein Feuer entzündet und ihnen eine Kanne mit heißem Wasser zubereitet, in das er wohlriechende, getrocknete Blätter einrührte. Dazu brachte er Fladenbrot und Zuckersirup – dann war er lautlos verschwunden, während draußen vor der Tür zwei riesige Templer aufgezogen waren, um die Nacht über auf sie aufzupassen.
Lyn vermisste Khaled schon jetzt, obwohl Montbard ihnen versichert |227|hatte, dass er und seine muslimischen Krieger schon bald die Männer vor der Tür ablösen würden. Allem Anschein nach hielt Montbard Khaled und seine Assassinen für fähiger, was den Schutz ihres Lebens und ihrer Geheimnisse anging, als seine eigenen Leute.
»Gib mir den Server.« Rona streckte die Hand aus und forderte Lyn unmissverständlich auf, den unscheinbaren Quantencomputer aus ihrem Rucksack zu nehmen.
»Was hast du vor?«, fragte Lyn. »Wir haben unsere Mission erfüllt. Warum sollten wir noch mal versuchen, ins Jahr 1119 zu kommen?«
Rona stellte den Server auf eines der roten Polsterbetten und ließ sich in die Kissen sinken. »Ich will nicht ins Jahr 1119. Ich will nach Hause, um zu sehen, ob wir erfolgreich waren.«
Lyn war nicht sicher, ob sie das, was Rona vorhatte, gutheißen sollte. Trotzdem sang sie den Öffnungs-Code, und Rona steuerte das holographische Programm kraft ihrer Gedanken in Richtung des Jahres 2151, dorthin, wo es ihr vor Stunden noch gelungen war, jemanden aus dem Hauptquartier zu kontaktieren. Außer einem atmosphärischen Rauschen war nichts zu hören. Sie versuchte sich an mehreren Frequenzen, doch nichts geschah.
»Vielleicht hat sich wirklich schon etwas zum Guten verändert«, vermutete Lyn, »und der Kontakt kann gar nicht mehr hergestellt werden.«
Rona warf ihr einen angriffslustigen Blick zu. »Lion hat für zeitunabhängige Bojen gesorgt, die uns nach Hause holen können, ganz gleich, was geschieht«, fauchte sie und versuchte es im blau aufleuchtenden Licht der Holographie noch einmal, ohne aufzuschauen. Ihr düsterer Blick bewies Lyn, wie verzweifelt sie war. Als nichts geschah, schlug sie mit den Fäusten auf die Kissen. »Verfluchte Scheiße! Wir haben getan, was er von uns verlangt hat. Warum lässt er uns jetzt im Stich?«
Lyn ging zu ihrer Schwester und legte ihr die Hand auf die Schulter, um sie zu beruhigen, doch Rona entzog sich ihr mit einem unwirschen Schnauben.
»Er wird uns nach Hause holen«, flüsterte Lyn und versuchte es noch einmal, indem sie Rona gegen deren Willen umarmte. »Er hat es versprochen.«
»Und was ist, wenn er gar nicht mehr lebt?« Die Stimme ihrer Schwester war tonlos, während sie stur auf den Server schaute.
|228|»Er hat gesagt, alles wird gut«, erklärte ihr Lyn mit der Zuversicht einer Mutter, die ihr Kind tröstet, »wenn wir den Templerorden vor seiner Vernichtung warnen. Also – das haben wir heute Abend getan.«
Rona schien sich zu beruhigen. Sie war aufgestanden und hatte sich aus Lyns Umarmung gelöst, dann kehrte sie ihr den Rücken zu und ging langsam zu dem kleinen, rundverglasten Fenster, das gen Westen zeigte. Gedankenverloren schaute sie auf die erwachende Stadt. »Er wollte, dass wir ins Jahr 1119 reisen.« Abrupt drehte sie sich um und sah Lyn mit funkelnden Augen an. »Und was ist, wenn es falsch war, hierzubleiben, und Lion deshalb niemals geboren wurde und dadurch alles noch schlimmer geworden ist?«