Juli 1148 – Jerusalem
Am 25. Safar – dem 14. Juli im Kalender der Christen – ritt Khaled unter Fanfarenklängen zusammen mit seinen Brüdern hinter einer Schwadron von sechzig Templern zum Davidstor hinaus.
|266|Der Patriarch von Jerusalem hatte zuvor zu Ehren des Heiligen Aquila, eines christlichen Märtyrers, dessen Gedenken man an diesem Tag beging, eine Messe unter freiem Himmel abgehalten. Danach hatte er die Ritter, die von Jerusalem aus nach Damaskus zogen, mit Unmengen von Weihwasser gesegnet und Khaled mit seinen dreißig muslimischen Kämpfern geflissentlich ignoriert.
Königin Melisende hingegen ließ es sich nicht nehmen, jedem einzelnen Kommandeur des königlichen Gefolges höchstpersönlich eine blaue Seidenbanderole mit ihrem Wappen zum Zeichen ihrer Verbundenheit an das Halfter seines Pferdes zu binden. Khaled war versucht, diese Geste zu ignorieren, brachte es aber nicht über sich, als Melisende ausgerechnet bei ihm länger stehen blieb. »Es tut mir leid, dass ich nichts für euch tun konnte«, flüsterte sie hastig. Und während er noch überlegte, ob dieses späte Bekenntnis der Wahrheit entsprach, raunte sie ihm etwas zu, das jede Hoffnung auf Reue zerstörte. »Du hast mich ziemlich vernachlässigt in den letzten Tagen. Ich werde täglich zur Heiligen Jungfrau beten, damit sie dich unversehrt zu mir zurückbringt, auf dass du künftig weißt, wo dein Platz ist.« Ihr fordernder Blick war Khaled Bestätigung genug, dass sie sich nicht die geringste Mühe gegeben hatte, ihn und seine Männer aus diesem Konflikt herauszuhalten.
Khaled erwiderte nichts. Was hätte er auch sagen sollen? Sie hatte in der vergangenen Woche mehrmals nach ihm schicken lassen, zunächst freundlich, dann fordernd und schließlich unter der Drohung, dass er es bitter bereuen sollte, wenn er dem Ruf seiner Königin nicht zu folgen gedachte. Khaled hatte die Boten stets kommentarlos abgewiesen, selbst auf die Gefahr hin, dass Melisende ihn vom Hof verbannte oder ihm die regelmäßigen Zahlungen strich, die ihm und seinen Männern einen respektablen Lebensunterhalt sicherten.
Alī bīn Wafā, ihr kurdischer Heerführer, den sie regelmäßig mit Informationen über die Christen und ihre Absichten versorgten, würde eine solche Nachricht nicht eben freuen. Ebenso wenig Muhammad I., der als Großda’i noch über bin Wafa stand und von der Burg Alamut im Herzen des Elburs-Gebirges das gesamte Reich der Isma’ilijja regierte. Sollte Khaled lebend aus diesem Krieg zurückkehren, wäre sein Schicksal weiterhin ungewiss. Aber selbst wenn er nach Alamut zurückberufen würde und es im Adlerhorst ihres höchsten Oberhauptes |267|wesentlich strenger und gefahrvoller zuginge als in Jerusalem, wollte Khaled sich keinen Tag länger dieser Art von Hurerei hingeben. Königin hin oder her – kein Weib würde ihn je wieder so herablassend behandeln.
Falls er den Angriff auf Damaskus überlebte, würde er seinen Großda’i um die Erlaubnis ersuchen, mit seinen Männern ins Hauptquartier nach Alamut zurückkehren zu dürfen. Lyn würde er bitten, mit ihm zu kommen. Dort war sie in jedem Fall sicherer als in diesem fränkischen Schlangennest. Irgendwie würde er seinem geistigen Führer schon beibringen, dass er sie inzwischen zur Frau genommen hatte. Auch wenn er keine Gelegenheit gehabt hatte, seinen Großda’i um Zustimmung zu bitten.
Sein Großvater hatte als konservativer Muslim noch vier Frauen und etliche Konkubinen gehabt. Khaled reichte eine einzige Frau, und das nicht nur, weil es bei den Nizâri durchaus so üblich war, sondern weil er Lyn mehr als alles andere auf der Welt liebte.
Als er mit seinen Männern die Stadtmauer am Hauptquartier der Templer in östlicher Richtung passierte, richtete sich sein Blick auf den Turm neben al-Aqsa, in dem er Lyn und ihre Schwester vermutete.
André de Montbard hatte Lyn davon abgeraten, zum Abschied ihre Gemächer zu verlassen, damit sie Khaled ein letztes Mal zuwinken konnte. Er wollte kein unnötiges Aufsehen erregen. Khaled hatte sich vorher von Lyn verabschiedet, und nun war ihm, als ob sie dort oben am Fenster stand und ihm noch ein letztes Mal zulächelte. Unwillkürlich griff er sich an den Brustbeutel, den er unter seinem eisengepanzerten Lederharnisch trug.
Lyn stand am Fenster. Am liebsten wäre sie Khaled auf der Stelle gefolgt, als er mit seiner Truppe am Haupttor der Templer vorbeiritt. Das Gefühl, nichts für ihn und seine Leute tun zu können, brachte sie schier um den Verstand.
»Ich hätte ihn aufhalten müssen.« Ihr verzweifelter Blick glitt zu Rona, die sich abermals an einer neuen Programmierung des Timeservers versuchte. Bislang ohne Erfolg.
»Viel schlimmer ist«, erwiderte ihre Schwester, ohne aufzuschauen, »dass wir offensichtlich keine Alternativen haben, diesem Wahnsinn zu entkommen.«
|268|»Wenn Khaled diesen Krieg überlebt, gehe ich nicht zurück. Ich werde bei ihm bleiben. Wenn er es will.«
»Wenn alles exakt so abläuft, wie in den Dateien gespeichert«, murmelte Rona ungerührt, »sieht es nicht nur für Khaled und seine Leute schlecht aus, sondern auch für uns.«
Vor Khaleds Mannschaft ritt Berengar von Beirut mit seinen Männern, den schwarzweißen Baucent als Erkennungszeichen der Templer an einer aufgerichteten Lanze befestigt. Seit dem Erscheinen der Frauen und dem Vorfall an der Mauer hatte Berengar mit Khaled kein Wort mehr gewechselt. Vielleicht lag es daran, dass er Khaled das Vertrauen neidete, das André de Montbard ihm offensichtlich entgegenbrachte.
Als Seneschall nahm Bruder André nicht an der Schlacht teil, weil ja jemand die Geschäfte des Ordens regeln musste. Allerdings hatte er Khaled bei seiner Ehre versprochen, in der Zeit der Abwesenheit das Leben von Lyn und Rona zu hüten wie seinen eigenen Augapfel.
Nicht bei ihr sein zu können war schlimmer als alles andere. Khaled tätschelte Morgentau stellvertretend den Hals. Vor dem Abrücken nach Damaskus hatte er seinen treuen Hengst mit ausreichend Hafer und Wasser versorgt. Auch seine Kameraden hatte er angewiesen, die Verpflegung der Pferde nicht den königlichen Knappen zu überlassen, sondern selbst zu übernehmen, damit sie nicht vernachlässigt wurden. Die Rücken der mitgeführten Maultiere bogen sich unter Säcken von Hafer und Heu.
Auch die Sicherstellung ihrer eigenen Vorräte hatte er diesmal ernster genommen als bei anderen Feldzügen. Ihre Bestände an Fladenbrot, getrockneten Feigen und Trauben sowie Nüssen und Dörrfleisch waren auf seinen Befehl hin weitaus umfangreicher ausgefallen, als von den königlichen Proviantmeistern empfohlen. Darüber hinaus trugen sie die doppelte Ration Wasser in festverzurrten Holzkalebassen mit sich. Auch ohne Ronas düstere Prophezeiungen war nicht anzunehmen, dass die Heerführer während ihrer mehrtägigen Reise nach Damaskus genügend Wasserstellen vorfanden. Unübersehbar, wie die Masse an Tieren und Menschen war, würden feindliche Späher dafür sorgen, dass sämtliche Tümpel und Brunnen, auf welche die vorwiegend muslimische Landbevölkerung nicht zwingend angewiesen war, ungenießbar gemacht, wenn nicht gar vergiftet wurden.
|269|Schon alleine deshalb benötigten sie einen Vorrat an Medikamenten. Gegenmittel bei Vergiftungen und Durchfällen. Dazu ausreichend Verbandmaterial – selbst wenn Lyn ihm versprochen hatte, dass ihre seltsamen Kapseln fast jede Verletzung auf der Stelle heilen konnten.
Außerdem war es unmöglich, seinen Männern die magische Wirkung dieser Kapseln im Vorfeld zu erklären. Sie würden Fragen stellen, die er nicht beantworten konnte – oder ihn schlichtweg für verrückt halten, wenn nicht gar der Zauberei bezichtigen.
Hinzu kam, dass er nicht genug von den Kapseln besaß, um einer größeren Anzahl von Kriegern helfen zu können. Zwanzig enthielt der Beutel, wenn er richtig gezählt hatte. Also würde er im Ernstfall nicht für jeden seiner Männer eine erübrigen können.
Azim und seine Brüder hatten ihn angesichts der Tatsache, dass selbst Balduins Truppen weit weniger Aufwand mit ihren Vorbereitungen betrieben, bereits für verrückt erklärt. Auch weil das alles ein kleines Vermögen verschlungen hatte, das sie eigentlich gar besaßen. Doch Khaled hatte ihnen zur Erklärung nur ein »Tut, was ich euch sage« hingeworfen. Wie hätte er seinen Leuten auch offenbaren sollen, dass dieser angeblich vielversprechende Beutezug aller Wahrscheinlichkeit nach in einer Katastrophe von biblischem Ausmaß enden würde?
Auf Höhe von Nablus trafen sie auf die deutschen und französischen Ritter, die von Akko aus zu Tausenden aufgebrochen waren. Begleitet wurden sie von einer Unzahl von Pilgern, die das Heer der Könige von Deutschland und Frankreich als Fußvolk verstärken wollten. Meile um Meile gesellten sich die Mannschaften der einzelnen Baronien des Königreiches von Jerusalem hinzu.
Die dichte Staubwolke über dem Tal von Nablus kündigte das wahre Ausmaß der christlichen Truppen an, die neben dem stattlichen Reiterheer inzwischen auf fünfzigtausend Fußsoldaten angeschwollen waren. Aus der Ferne sah es aus wie ein dicker, gelber Sandsturm, der die Stadt zu ersticken drohte.
Nach fünf Tagen, in denen sie sich kaum eine Pause gönnten, erreichten die Truppen das Gebiet um Damaskus – oder wie die Alten sagten, die »mit Blut bedeckte« Stadt. Eine Bezeichnung, die sich schon bald von neuem bewahrheiten sollte, wenn die Prophezeiungen zutreffen würden, dachte Khaled und spürte, wie er trotz der Hitze erschauerte. Von weitem schon sah man den Dschabal Quasyun, einen |270|hohen Berg, an dessen Fuß angeblich Abel von seinem Bruder Kain erschlagen worden war. Es konnte kein Zufall sein, dass Allah – er war groß und erhaben – ausgerechnet diesen Ort auserkoren hatte, um Khaled und seinen Männern vor Augen zu führen, wie wenig Bruderliebe die Christen untereinander hegten. Besonders der Zustand der christlichen Pilger, die sich fast ausnahmslos als Fußsoldaten verdingten, war erbärmlich. Die meisten von ihnen waren nur mit brüchigen Lanzen, schlechten Schwertern oder lediglich mit einem mit Nägeln besetzten Knüppel bewaffnet. Außerdem fehlte ihnen die entsprechende Kleidung, die sie vor Hitze und Kälte schützte, und ohne festes Schuhwerk hatten sich nicht wenige bereits die Füße blutig gelaufen, von einem lebensrettenden Harnisch gar nicht zu sprechen. Zum Essen hatten sie bloß trockenes Brot und lungerten schon nach wenigen Tagen mit dürstender Zunge um Khaleds mitgeführte Wasserkalebassen herum. Kaum jemand kümmerte sich um ihre Not, am allerwenigsten ihre christlichen Anführer. Auf Khaleds Anraten hin war die Heerleitung endlich so klug gewesen, das Lager von Manazil al’Asakir aufzugeben und nach al-Mizza umzuziehen, einem Ort nicht weit vor den Stadtmauern von Damaskus, an dem es immerhin ausreichende Wasserquellen gab, so dass eine längere Belagerung seitens der christlichen Heere überhaupt erst möglich wurde. Vom Durst befreit fiel das hungernde Fußvolk wie Heuschrecken über die Obstplantagen her und verspeiste die meisten Früchte noch im halbreifen Zustand. Was in Zusammenhang mit dem nun vorhandenen Wasser zahlreiche Durchfallerkrankungen auslöste, die mitunter tödlich verliefen.
Bevor Khaled sich jedoch die Frage stellte, wie man mit solchen Menschen eine Stadt erstürmen wollte, galoppierte ein Bote Balduins heran und befahl ihm und seinen Männer, unverzüglich beim König vorzusprechen.
Melisendes Ältester erwartete Khaled auf einem weißen Hengst, dessen himmelblaue Seidenschabracke über und über mit den goldenen Kreuzzugsinsignien Jerusalems bestickt war. Der junge Königssohn selbst, in die gleichen Farben gekleidet und umringt von seinen angeblich getreuen Baronen, hatte den mit Silber beschlagenen Normannenhelm abgesetzt. Sein mittelblondes, glattes Haar klebte schweißnass an seiner Stirn. Seine sonst so wachen Augen wirkten müde. Unwirsch fuhr er sich mit dem Saum seines Umhangs über Hals |271|und Gesicht, um den hellen Bart zu trocknen. Aber nicht er erteilte Khaled in kühlem Ton den Tagesbefehl. Manasses von Hierges, der grauhaarige Konstabler der Königin, hatte ebenfalls seinen Helm abgesetzt und übernahm diesen Dienst mit sichtlicher Genugtuung. Hager, das strenge, bärtige Gesicht von der Sonne gegerbt, saß er aufrecht auf einem prachtvoll ausgestatteten Araberhengst, der aus derselben Zucht stammte wie Morgentau. Khaled spürte die Eiseskälte in Manasses’ abschätzigem Blick, trotz der unbändigen Hitze, die zwischen ihnen stand. Dabei dachte er an Melisendes Ausspruch: »Er nennt dich etwas ungalant ›meinen jungen Assassinenbock‹.« Die Mimik des Konstablers verriet mühelos, wie sehr er Khaled verachtete.
»Du und deine Männer«, begann Manasses ohne Respekt in der Stimme, »ihr werdet als unsere Vorreiter und Kundschafter fungieren. König Ludwig und die Barone haben vorgeschlagen, zunächst die Gärten des Maidan al-Ahda vor Damaskus mitsamt dem dazugehörigen Flussabschnitt zu erobern, damit wir dort den Proviantnachschub und die Wasserzufuhr für die Stadt abschneiden können. Deine Leute sind erfahrene Kämpfer, sie kennen sich in der Umgebung gut genug aus, um die Vorhut zu bilden. Außerdem beherrschen sie die Waffenkünste der Sarazenen und sprechen die Sprache der Einheimischen.«
Khaled erwiderte nichts – er ignorierte den Konstabler und verbeugte sich vor dem erschöpft wirkenden Balduin, wobei er entgegen seiner Überzeugung die Rechte auf sein Herz legte. »Allah – er ist allwissend und gütig – sei mit Euch und den Unseren«, murmelte er mehr zu sich selbst. Auch dem Dümmsten musste klar sein, dass der Konstabler ihn und seine Leute mit Balduins Einvernehmen geradewegs in den Tod schickte. Mu’in ad-Din Unur al-Atabeg – der Statthalter von Damaskus – hatte nach Lyns Erkenntnis längst seine Bogenschützen mobilisiert.
»Ihr habt den Auftrag, die Westflanke der Gärten von Feinden zu säubern, damit unsere Leute gefahrlos dort eindringen können«, erklärte Balduin mit unduldsamer Miene. »Wenn du der Meinung bist, die Zeit ist reif, dass wir euch folgen können, entzünde ein Feuer, und ich lasse zum Angriff blasen.«
Khaled nickte und lenkte Morgentau zu seinen Kriegern zurück, um ihnen die nicht unbedingt frohe Botschaft zu überbringen.
»Die Idee König Ludwigs, über die Gärten anzugreifen, ist nur in |272|Teilen logisch«, erwiderte Azim, als Khaled seinem Bruder und Adjutanten die Absichten der Franken erklärte.
»Das Gebiet ist absolut unübersichtlich, und ja, man kann sich dort hervorragend verstecken, um einem Pfeilhagel zu entgehen, aber erstens bringt es nichts, die Feinde unsererseits mit Pfeilen anzugreifen, weil uns die nötige Distanz fehlt, und zum Zweiten möchte ich wetten, dass die Damaszener sich aus dem gleichen Grund längst dort verschanzt haben.«
»Wem sagst du das?«, erwiderte Khaled. Er schaute in die versteinerten Mienen seiner Männer. »Allerdings ist ein Angriff zu Pferd, bevor man die Gegend von Feinden befreit, ein direkter Ritt ins Verderben.«
»Ich frage mich«, murrte Mahmud, ein bulliger Kerl mit struppigem Bart, »warum ausgerechnet wir die Drecksarbeit erledigen müssen?«
Aus den Augenwinkeln sah Khaled in dreihundert Königsellen Entfernung Everhard de Barres, der mit seinen Templern viel weiter hinten, in den Reihen von König Konrad Aufstellung genommen hatte, der – so hieß es – den sicheren Nachtrab führte.
Offenbar hatte Montbard seinem Großmeister gesteckt, dass die Aussichten auf einen Sieg eher gering sein würden und ein Auftreten an vorderster Front somit nicht empfehlenswert war.
»Man hat uns die Aufgabe erteilt, weil niemand so rasch und gründlich töten kann wie ein Nizâri«, entgegnete Khaled leise und wandte sich wieder seinen Männern zu. »Selbst die Templer nicht.«
Sein Blick schweifte zum französischen König, dessen schwarzer Hengst in einiger Entfernung mit den Hufen scharrte. Um ihn herum hatte sich seine normannische Leibgarde versammelt, der die reine Blutgier in den vernarbten Gesichtern geschrieben stand. Dahinter lauerten Genueser, Lombarden, Pisaner, Provenzalen, Lothringer und etliche andere Nationen in seltener Eintracht. Offenbar konnten sie es kaum erwarten, all das Gold zu erbeuten, das man ihnen bei Eroberung der Stadt versprochen hatte.
Ungefähr sechshundert Königsellen vor der zu erobernden Oase befahl Khaled seinen Kriegern, von den Pferden abzusteigen. Unbemerkt für seine Feinde und die in sicherer Entfernung wartenden christlichen Truppen, gab er seinen Brüdern die letzte Gelegenheit für ein stummes Gebet zu Allah, damit sie sich würdig auf einen möglichen Tod vorbereiten konnten.
|273|»Den Rest des Weges schleichen wir uns zu Fuß zu den Lehmeinfassungen der Gärten«, befahl er leise. »Von dort aus schlagen wir uns zu den Häusern und Mauerkronen durch und töten jeden, der uns über den Weg läuft. Haltet Pfeil und Bogen, aber auch eure Säbel und Dolche bereit!«
Ronas Zaubermaschine hatte nicht zu viel versprochen, als sie von einem Desaster kündete, das losbrach, als Khaled und seine Männer sich im Zuge der Dämmerung den Gärten der Oase von Ghuta näherten, die genährt durch das Flüsschen Barada mit ihren blühenden Sträuchern und Bäumen voller Früchte den Eindruck eines Paradiesgartens machte.
»Schilde hoch«, zischte Khaled, als ein wahrer Pfeilhagel auf sie herniederprasselte, während sie hinter dem üppigen Blattwerk Schutz suchten. Als der Beschuss für einen Moment aufhörte, gab er seinen Männern ein Zeichen, bis zu einer der Lehmmauern vorzurücken, die sich wie ein Labyrinth durch die gesamten Gärten schlängelten. Lautlos überwanden sie in der hereinbrechenden Dunkelheit die brüchigen Einfassungen, mit denen die Bauern ihre Parzellen abgrenzten.
An ihrem Gürtel hielten Khaled und seine Leute die Dolche bereit, deren Schneide so scharf war, dass ein Schnitt im ersten Moment nicht zu spüren war. Ihre Gegner auf der anderen Seite stießen noch nicht einmal einen Laut der Überraschung aus, bevor sie mit aufgeschlitzten Kehlen zu Boden gingen. Khaled und seine Männer arbeiteten sich Stück für Stück zu den Häusern und Scheunen vor und töteten jeden, der ihnen in die Quere kam.
»Es sind zu viele, um sie alle auf diese Weise erledigen zu können«, flüsterte Azim und meinte damit die Übermacht ihrer Gegner, die sich gut bewaffnet in den Plantagen herumtrieben und auch für Balduins Heer eine ernsthafte Gefahr darstellten.
»Wir müssen einen Späher zum Lager der Christen schicken«, befand Khaled nüchtern, »der ihnen sagt, dass sie sich einen anderen Plan ausdenken sollen, falls sie nicht sterben wollen wie die Fliegen.«
Als eine größere Gruppe von Damaszenern ihren Weg zu kreuzen drohte, versteckten Khaled und seine Männer sich in einem ummauerten Hof. Die Tür des Hauses stand offen, und ein spärliches Licht brannte im Obergeschoss. Doch niemand war zu sehen.
Ihre Frauen und Kinder hatten die Anwohner allem Anschein nach |274|an geheimen Orten versteckt, was bei einem solchen Angriff nicht ungewöhnlich erschien und Khaled durchaus entgegenkam.
Er befahl, das Gebäude in Augenschein zu nehmen und jeden zu töten, der ihnen über den Weg lief.
Lautlos wie Raubtiere überwanden sie Treppen und Vorsprünge und entledigten sich ebenso lautlos zweier Damaszener, die an einem offenen Fenster gestanden hatten, um in die Nacht hinauszuspähen.
Als Khaled nach Azim das oberste Geschoss des Flachbaus erreichte, glaubte er, das Jammern eines Säuglings zu hören. Als er das schwach erleuchtete Zimmer betrat, sah er, wie Azim sich über das Kind beugte, offenbar in der Absicht, ihm den Garaus zu machen.
»Nein! Azim! Nicht!« Khaled blickte auf das wimmernde Bündel und dann zu Azim, dessen Dolch noch mit dem Blut anderer Opfer besudelt war. Plötzlich stand Khaled das Schicksal seiner eigenen Familie vor Augen, damals in Damaskus, als Jusuf Ibn Firuz, der Militärgouverneur der Stadt, sogar die Kinder der Nizâri hatte hinmetzeln lassen.
Azim warf Khaled einen verwirrten Blick zu, den Dolch immer noch gezückt, als ob er die Unentschlossenheit seines Anführers nur für eine vorübergehende Verirrung hielt.
»Ein Junge«, erklärte er düster. »Noch ein paar Jahre und er wird selbst zum Mörder.«
»Nein!«, keuchte Khaled und stürzte vor, um Azim am Ärmel seines Gewandes festzuhalten. »Bei Allah, lass das Kind leben. Im Zweifel nehmen wir es mit.«
»Bist du von Sinnen?« Azim sah ihn ungläubig an, während sich hinter ihm die anderen Männer versammelten.
»Das Haus ist von allen abgründigen Seelen gereinigt«, rief Mahmud in die Runde hinein. Zum Beweis hielt er den abgeschnittenen Kopf eines männlichen Bewohners an dessen schwarzem Haarschopf gepackt in die Höhe.
»Dieser hier hat gestanden, dass er uns mit Pfeilen beschossen hat!«
»Wir haben ihn und seine Brüder in die Hölle geschickt«, erklärte Raul, ein schlanker Jüngling mit lockigem Haar.
»Bis auf einen.« Azim blickte zu dem immer noch schluchzenden Kind. Khaled hingegen sah, wie das Blut aus dem abgeschlagenen Kopf auf den Boden tropfte. Vielleicht war dieser Mann der Vater des Kindes gewesen. Als Nizâri hatte man kein Mitleid mit seinen Feinden, aber |275|seit er Lyn und ihr Geheimnis kannte, hatte sich etwas in ihm geändert. Ihr Mitgefühl mit seinem eigenen Schicksal und die vielen Gespräche mit ihr über den Unsinn des Krieges und ihre Sehnsucht nach einer besseren Welt hatten ihn zum Nachdenken gebracht.
»Niemand rührt den Kleinen an«, wandte er sich unmissverständlich an seine Kameraden.
»Verlangst du etwa auch noch, dass wir ihm die Brust geben?« Azim grinste. »Ohne eine Amme muss er ohnehin bald sterben.«
Khaled schaute ihn wütend an. »Wir nehmen den Jungen mit und überlassen ihn der nächstbesten Frau, die für ihn sorgen kann.« Er hob das Kind aus der Wiege und drückte es mit einer solchen Zärtlichkeit gegen seine breite Brust, dass es sofort aufhörte zu weinen.
»… und töten beide …« Azim warf ihm einen finsteren Blick zu.
»Red keinen Unsinn. So lange, bis wir jemanden gefunden haben, spielst du die Amme«, bestimmte Khaled ungerührt. Mit diesen Worten reichte er den kleinen Damaszener, der nichts als eine Windel trug, an seinen verdutzten Adjutanten weiter.
»Er stinkt.« Azim hielt den Säugling demonstrativ auf Abstand.
»Kinderscheiße bringt Glück«, erwiderte Mahmud mit einem Grinsen.
»Von Hunden habe ich so was gehört«, erklärte der dürre Djamal, der zu Khaleds besten Kämpfern zählte. »Aber von Kindern …«
»Schaut mal, was ich hier gefunden hab«, rief Ahmed, der die Treppe heraufgestampft kam, eine zierliche, unverschleierte Frau am Arm gefasst, der er einen Dolch an die Kehle hielt.
Die Frau war beinahe ohnmächtig vor Angst. Khaled sah sofort, dass ihre panisch geweiteten Augen auf das Kind starrten, das Azim weit von sich gestreckt in den Händen hielt – und dass ihr Gewand an den Brüsten von Milch durchnässt war, die durch das dünne Leinen sickerte. Sie musste also die Mutter oder zumindest die Amme sein.
»Gehört das Bürschchen zu dir?« Khaled sah sie auffordernd an.
Wegen des Dolches an ihrer Kehle getraute sie sich kaum zu nicken.
»Gib ihr das Kind!«, befahl er Azim.
Die Frau schluchzte vor Freude, als sie den Säugling wieder in ihren Armen hielt. Aber ihr Blick war immer noch ängstlich, und erst als sich Khaled ein Lächeln abrang und ihr zunickte, öffnete sie ihr Gewand und gab dem schreienden Jungen die Brust, um ihn zu beruhigen.
|276|Für einen Moment waren die Männer von dem Anblick ganz gefangen, wie das mollige Kerlchen schmatzend an der langgezogenen Zitze nuckelte und alles Elend um sich herum zu vergessen schien.
»Sie wird uns verraten«, zischte Djamal und holte Khaled in die Realität zurück. Was das bedeutete, war allen klar. Djamal hatte recht, wenn ihre Feinde nicht auf sie aufmerksam werden sollten, musste man die Frau und das Kind zum Schweigen bringen. Doch was Khaled bei dem Kind schon nicht möglich gewesen war, erschien ihm bei der Frau noch unmöglicher. Sie ähnelte Lyn, obwohl sie viel kleiner war. Ohne Zweifel war sie mongolischer Abstammung, wahrscheinlich eine Sklavin, die ihrem Herrn einen Bastard geboren hatte.
»Hört ihr das auch?«, fragte Mahmud und lenkte die Aufmerksamkeit aller ins Treppenhaus.
Von draußen war ein lautes Knistern zu hören. Wenig später quoll Rauch die Treppe empor.
»Jemand hat das Haus angezündet«, stellte Azim ungerührt fest.
»Gibt es einen Hinterausgang?« Khaled warf Ahmed, der zuvor im Untergeschoss Wache gestanden hatte, einen suchenden Blick zu.
»Ja, aber das Haus scheint umstellt zu sein.«
»Wir verschwinden über das Dach«, bestimmte Khaled.
»Und was ist mit denen?« Azim sah zu der Frau und dem Kind hinüber.
»Wir lassen sie gehen.«
»Aber sie wird uns ihre Brüder hinterherschicken.«
»Das spielt jetzt sowieso keine Rolle mehr«, bemerkte Khaled tonlos. »Wenn das Haus brennt, denkt Balduin, das wäre das Zeichen. Wir müssen unverzüglich einen Boten entsenden, der ihm meldet, dass er und seine Ritter sich einen anderen Weg zur Stadt suchen müssen.«
Während seine Männer die Leiter zum Dach hinaufkletterten, wandte sich Khaled an die Frau.
»Du wirst uns nicht verraten, nicht wahr?«
Sie nickte hastig und schaute zu Boden.
»Allah, er ist groß und erhaben, schütze dich und dein Kind«, sagte er leise und hob ihr Kinn, um ihr noch einmal in die Augen zu schauen. Doch er hatte sich getäuscht, sie waren nicht so hell und klar wie Lyns Augen, sondern beinahe schwarz, und statt Zuneigung loderte Verachtung in ihnen.
|277|Als Khaled oben auf dem Dach stand, hörte er ihren markerschütternden Warnschrei und wusste, dass sie keine Zeit verlieren durften, den herannahenden Damaszenern zu entkommen.
Zum Glück hatte sich bereits die Nacht über die Oase gesenkt. Auf der Flucht würde die Dunkelheit ihr Verbündeter sein. Khaled suchte Djamal aus, um Balduin die schlechte Nachricht zu überbringen, dass ein Angriff über die Gärten zu riskant sein würde. Der Junge bewegte sich wie eine Schlange und würde allein viel schneller zu den Truppen gelangen.
Während Khaled und seine Brüder die Mauern entlanghasteten, hagelte es weiterhin Brandpfeile, die ihre Gegner systematisch nach Gehör abschossen. Khaled hatte sein Schwert eingesteckt und seinen Schild auf den Rücken gebunden, um dem dauernden Beschuss von oben zu entgehen. Beim Sprung über einen mit Wasser gefüllten Kanal erwischte es Azim. Ein Pfeil durchbohrte von vorn seine Brust. Röchelnd stürzte er zu Boden. Mahmud war gleich bei ihm, doch auch er wurde getroffen.
Eine Fackel war zu Boden gefallen, und Khaled nahm sie auf, bevor sie verglühen konnte. Am Boden hockend untersuchte er die Verwundungen seiner Kameraden. Mahmud biss die Zähne zusammen, der Pfeil hatte ihn oberhalb der Hüfte getroffen und sich in sein Gedärm vorgeschoben.
Er übergab sich vor Schmerz, und Khaled suchte verzweifelt nach einem Ort, wo er sich mit den beiden verstecken konnte. Im spärlichen Lichtkegel der Fackel ließ sich eine Hütte erahnen, die ihnen wenigstens Zuflucht vor weiteren Pfeilen bieten konnte. Er half Azim, auf die Beine zu kommen, und ermunterte Mahmud, die wenigen Schritte noch auszuhalten. Von den anderen Kameraden war unterdessen nichts mehr zu sehen. Khaled stieß ein stummes Gebet aus, in der Hoffnung, dass sie unversehrt zu den Pferden gelangt waren.
Erleichtert stellte Khaled fest, dass die Tür der Hüte sich öffnen ließ, und schob Mahmud und Azim hinein. Im Innern roch es nach gegorenen Früchten und abgestandenem Wein. Khaled verbarrikadierte die Tür mit einem Obstkarren und ein paar Leitern.
»Lass mich mal sehen«, forderte er Azim auf und beleuchtete mit seiner Fackel die Stelle, wo der Pfeil noch im Fleisch steckte.
»Ich werde sterben«, stieß Azim keuchend hervor. »Da gibt es nichts mehr zu retten.«
|278|Mahmud hockte neben ihm am Boden und übergab sich mit einem tierisch anmutenden Laut.
»Vertrau mir«, sagte Khaled und schnitt mit einer Hand die Riemen entzwei, die den Harnisch seines Adjutanten an den Seiten zusammenhielten. Der Pfeil hatte sich auf Höhe der rechten Brust durch die Lunge gebohrt. Azim spuckte bei jedem Atemzug Blut. Khaled legte die Fackel so ab, dass sie nicht ausbrennen konnte. Dann packte er das Ende des Pfeils und stieß den hölzernen Zain mit aller Wucht in Azim hinein, nach hinten durch die Rippen und unter dem Schulterblatt hindurch, so dass die Spitze am Rücken hinausragte. Azim riss vor Panik die Augen auf und stieß einen markerschütternden Schrei aus, der ihn das letzte Quäntchen Atem kostete. Röchelnd versuchte er zurückzuweichen, doch Khaled ließ sich nicht beirren und brach den hölzernen Zain oberhalb der blattförmigen Klinge so geschickt ab, dass er den restlichen Pfeil anschließend mit einem Ruck hinausziehen konnte.
Wie tot lag Azim auf dem Rücken und starrte mit vor Panik aufgerissenen Augen zum Dach.
Mahmud, dem vor Schmerz und Übelkeit der Schweiß aus allen Poren rann, sah entsetzt zu, wie Khaled sich scheinbar ungerührt an seinem Brustbeutel zu schaffen machte.
»Du hast ihn umgebracht«, stieß er voller Entsetzen hervor.
»Wart’s ab«, sagte Khaled und schob Azim eine der Kapseln unter die Zunge, die Lyn ihm gegeben hatte, und zerquetschte sie mit den Fingern. Dann hielt er dem immer noch leise röchelnden Kameraden den Mund zu.
Bange Momente vergingen, bis Khaled sah, wie Azim die Augen bewegte und erstaunt um sich blickte. Sein Atem setzte ruckartig ein und ging ruhig und regelmäßig.
Mahmud schaute ungläubig auf die schartenartige Wunde in der Brust, die sich rasch zu schließen begann. »Bei Allah«, murmelte er.
»Komm her!«, befahl Khaled ihm knapp. »Jetzt zu dir.«
»Was hast du vor?« Mahmud schrak ängstlich zurück, während Azim sich ungläubig aufrichtete.
Khaled hielt seinem misstrauisch dreinblickenden Bruder eine der silbern schimmernden Perlen zwischen Daumen und Zeigefinger entgegen. »Die neueste Medizin aus dem Maristan von Chorasan«, log er |279|ungeniert. »Sie kann keine Toten zum Leben erwecken, aber sie kann jede Verwundung im Handumdrehen heilen.«
»Das glaubst du doch selber nicht«, keuchte Mahmud voller Zweifel.
»Willst du leben oder sterben?« Khaled bedachte ihn mit einem ungeduldigen Blick.
»Ich will … leben.«
Mahmud biss die Zähne aufeinander und sackte, nachdem Khaled den Pfeil aus seinem Körper gezogen hatte, halb ohnmächtig in die Knie. Doch auch ihm konnte geholfen werden. Der Schmerz verschwand so schnell wie die hässliche Wunde, und schon bald stand er unversehrt da, frisch wie ein neugeborener Knabe, unfähig zu begreifen, was soeben mit ihm geschehen war.
Khaled drückte seinen völlig verdutzten Kameraden die Schwerter in die Hand. Azim zitterte immer noch leicht, als er Khaled ermahnte, dass das Paradies trotz dieses Wunders noch nicht erreicht sei und draußen Dutzende von Damaszenern darauf warteten, sie in Stücke zu zerhacken. Khaled fasste den Beschluss, den beiden Kameraden zwei seiner Kapseln in die Hand zu drücken. »Wenn es euch noch einmal erwischt und ich nicht dabei bin, zerbeißt eine Perle und lasst den Inhalt unter der Zunge zergehen«, mahnte er sie.
»Diese Perlen stammen nicht aus dem Maristan«, entgegnete Azim mit einer verschwörerischen Miene. »Gib‘s zu, du hast die Pillen von den beiden Frauen bekommen, die wir in der Wüste aufgefunden haben, nicht wahr?«
»Ich habe auch von ihnen gehört«, murmelte Mahmud, der beim Auffinden von Rona und Lyn nicht dabei gewesen war. »Man erzählt sich merkwürdige Dinge über sie. Angeblich haben sie Zauberkräfte.«
Khaled kniff die Lider zusammen. »Ganz gleich, von wem ich die Pillen bekommen habe, Hauptsache, sie zeigen eine Wirkung.«
»Beim Propheten«, stöhnte Mahmut, »solange sie nicht dem Hort des Satan entstammen …«
Die Tür flog auf, und plötzlich sahen sie sich einer Übermacht von Kriegern gegenüber, die die Kleidung muslimischer Fürsten trugen.
Khaled schaffte es gerade noch, zu Schwert und Schild zu greifen, bevor er sich im Schein mehrerer Fackeln auf einen aussichtslosen Kampf einließ.
Wie ein Berserker schlug er um sich und versuchte sich zusammen |280|mit Azim und Mahmut der eindringenden Übermacht zu erwehren.
Sein Körper funktionierte wie von selbst, während er spürte, wie seine Waffe in festes Fleisch eindrang, seine geschickte Drehung einen Kopf vom Rumpf trennte. Es war wie ein blutrünstiger Tanz, den er tausendmal einstudiert hatte und der doch immer einem anderen Rhythmus folgte.
Der Schlag, der ihn stoppte, kam so unvermittelt wie die Pfeile zuvor. Khaled spürte, wie ihm warmes Blut die Hüfte hinablief, zu seinem Bein und den Stiefel füllte. Er verlor schlagartig die Kraft in den Armen und stürzte zu Boden. Dabei büßte er nicht nur seinen Schild, sondern auch seinen Säbel ein.
Die feindlichen Krieger rauschten wie eine Welle über ihn hinweg, und sein einziger Gedanke galt dem Brustbeutel, den er um den Hals trug. Mit letzter Kraft schaffte er es, den Beutel zu öffnen, dabei fielen die restlichen Perlen zu Boden. Khaled tastete in dem Tumult nach den Kapseln. Er versuchte sich unter der Masse an Menschen, die auf ihn einstachen, zu drehen, was ihm aber nicht gelang, und so war es ein weiteres Wunder, dass er mit seiner durchstochenen Hand eine Perle erwischte, die auf seiner blutüberströmten Brust kleben geblieben war. Mit tauben Fingern steckte er sie in den Mund. Plötzlich glaubte er, Lyn vor sich zu sehen, mit einem Lächeln auf den Lippen. Dabei hatte er die Worte, um ins Paradies zu gelangen, noch gar nicht gesagt. »Es gibt keinen Gott außer Allah«, flüsterte er, bevor es schwarz um ihn wurde.
Als Khaled wieder zu sich kam, war er zwar unverletzt, aber gefesselt. Nichts war so, wie er sich das Paradies vorgestellt hatte. Eher schien er in den Vorhof der Hölle geraten zu sein.
Der dunkelhäutige Anführer der Angreifer, dessen stattliche Gestalt in feinstes Ziegenleder gehüllt war, sah ihn hasserfüllt an. Abu Aziz Maulā, wie er von seinen Leuten genannt wurde, war eindeutig ein Fatimide. In seinem ägyptischen Akzent rollte er jeden Buchstaben auf der Zunge, als könnte man diese Sprache förmlich schmecken.
Irgendwann einmal hatten die Ismailiten und die Fatimiden gemeinsame Wurzeln gehabt, doch dann hatten sie sich in blutigen Fehden entzweit und bekämpften sich seitdem bis auf den Tod. Khaled konnte sich denken, was man mit ihnen anstellen würde. Häuten und Vierteilen |281|bei lebendigem Leib erschien ihm durchaus als gängige Methode der Demütigung.
»Wie hast du das gemacht?«, fragte Abu Aziz und stieß Khaled mit einem Stock in die Rippen. »Kein normaler Mensch hätte eine solche Attacke überlebt, aber du hast nicht einmal eine Schramme.«
Khaled sah in die Runde von aufgebrachten Gesichtern. Erleichtert stellte er fest, dass Mahmut den Angriff ebenso unverletzt überlebt hatte. Er saß gefesselt in einer Ecke, bleich wie Kalk. Azim war nirgendwo zu entdecken.
»Suchst du diesen hier?«, fragte sein Peiniger spöttisch und hob etwas in die Höhe, das Khaled als das Haupt seines Bruders und besten Freundes ausmachen konnte. Nein! Der kaum zu ertragende Schmerz über Azims Tod schoss Khaled wie ein Blitz durch die Eingeweide. Das durfte nicht sein! Azim hatte kurz zuvor die Kapsel geschluckt. Doch was hatte Lyn gesagt? Gliedmaßen konnte das Mittel nicht nachwachsen lassen.
»Wir wollten herausfinden, ob ihr wirklich unverletzlich seid«, erklärte Abu beinahe amüsiert. »Aber anscheinend kennt selbst der Satan, mit dem ihr im Bunde seid, seine Grenzen.«
Khaled begann wie wild an seinen Fesseln zu zerren, weil ihn die Wut und die Trauer um Azim übermannten. »Ich schwöre dir, du fatimidischer Wurm«, zischte er, »eines Tages werden dich die Nizâri im Staub zermalmen.«
Abu grinste und hielt nochmals Azims Kopf in die Höhe, wobei er ihm direkt in die gebrochenen Augen schaute. »Reinrassige Isma’iljja«, erklärte er mit getragener Stimme, »gesegnet mit ganz besonderen Gaben. Daneben waghalsige Späher im Gefolge der Frankenkönige.« Er ließ das Haupt sinken und warf es Khaled vor die Füße. »Und was wirst du erst tun, wenn du erfährst, dass euch eure eigenen Leute ins Verderben geführt haben?«
»Was willst du damit sagen?« Khaled blickte starr geradeaus, weil er sich sein Misstrauen keinesfalls anmerken lassen wollte.
»Es bedeutet, dass der Krieg für euch vorbei war, schon bevor er begonnen hat«, schnarrte Abu. »Er kann ohnehin nicht gewonnen werden, weil ihr mehr verräterische Schlangen in euren Reihen habt, als eure Könige Hofschranzen besitzen.« Er kam ihm so nahe, dass Khaled sein aufdringlich süßes Parfum riechen konnte.
|282|»Der Königssohn ist dümmer als Schweinescheiße. Die Schergen seines Befehlshabers haben uns den Hinweis gegeben, dass Khaled al-Mazdaghani Ibn Mahmud mit seinen Leuten als Erster in die Gärten geschickt wird.« Abu, dem auffiel, wie Khaled die Farbe aus dem Gesicht wich, lachte gehässig auf.
»Manasses von Hierges, von dem man sagt, dass er mit Melisende das Bett teilt, hat uns in ihrem Auftrag eine Warnung überbringen lassen.«
Khaled glaubte für einen Moment zu ersticken. Es war also tatsächlich, wie Ronas Aufzeichnungen vermuten ließen. Die Königin steckte mit den Baronen und den Damaszenern unter einer Decke. Keiner von ihnen war an einer Eroberung der Stadt interessiert. Nur dass in Wirklichkeit alles noch viel schlimmer war. Melisendes Konstabler hatte den verrückten Coup, über die Gärten anzugreifen, von Beginn an geplant und den übrigen Heerführen mitsamt dem jungen König schmackhaft gemacht. Khaled und seine Leute vorauszuschicken war ein kluger Schachzug, weil auf diese Weise keinerlei Verdacht auf die Königin und ihren Heerführer fiel. Melisende würde wohl kaum mit Absicht ihre treuen Assassinen ins Verderben schicken.
Dass sie es sehr wohl konnte, traf Khaled härter als das Schicksal, das ihm in Kürze bevorstehen würde. Aber da gab es noch etwas, das ihm weit mehr zusetzte als alles andere.
Es war anzunehmen, dass Manasses nicht davor zurückschreckte, Khaleds restliche Mannschaft, falls ihnen der Rückzug gelungen war, als Verräter hinrichten zu lassen, weil sie Balduin und seine Ritter nicht rechtzeitig gewarnt hatten.
Abu weidete sich an Khaleds Entsetzen. »Keine Angst«, sagte er in beschwichtigendem Ton. »Wir werden dich und deinen Gefährten nicht töten. Falls eure falschen Herren auf die Idee kommen sollten, gegen Askalon zu ziehen, werden wir euch zum Gefangenenaustausch zurückbehalten. Und falls man euch nicht haben möchte, wird uns schon etwas Hübsches einfallen, wie wir uns die Zeit mit euch vertreiben können.«
Verschnürt wie gebändigte Löwen, festgezurrt im Bauch eines ägyptischen Schiffes, gelangten Khaled und sein Bruder Mahmud eine Woche später in den Hafen von Askalon. Trotz der Schmerzen, die Khaled in |283|seinen Gliedern verspürte, als man ihn gefesselt und geknebelt über eine Rampe ins Innere der Festung trieb, tat er einen letzten tiefen Atemzug, bevor er im Reich des Blutes und des Todes verschwand.
Der Kerker, in den Abu Aziz Maulā sie werfen ließ, war schlimmer, als man sich die Hölle in seinen schrecklichsten Fantasien vorstellen konnte.
Vier bullige Schergen zerrten Khaled, dem die Kleidung in Fetzen herabhing, in ein felsiges Verlies. Ausgedörrt und vom Hunger gepeinigt, musste er sich gefallen lassen, dass die fatimidischen Söldner ihn mit dem Gesicht zur Wand an den ausgestreckten Armen an einen Felsen ketteten.
Einer der Kerle riss ihm die restliche Kleidung vom Körper.
Khaled ahnte, dass er von nun an verloren sein würde. Schon die Tage zuvor hatte man bei jedem falschen Blick auf ihn eingedroschen, aber als er die groben Hände des Folterknechts an seinem Geschlecht zu spüren bekam, entwickelte er beinahe überirdische Kräfte. Man wollte ihn entmannen, gar keine Frage. Er trat um sich und riss so sehr an den Ketten, dass er für einen Moment das Gefühl hatte, sie würden nachgeben, dabei waren es seine Arme, die sich schmerzhaft in ihren Gelenken dehnten. Seine Peiniger blieben unbeeindruckt, und einer quetschte ihm erbarmungslos den Hoden. Khaled schrie vor Schmerz und sackte in sich zusammen.
Die beiden Folterknechte nutzten seine Schwäche und ketteten seine Füße so eng an zwei in den Boden getriebene Eisenringe, dass er breitbeinig zu stehen kam. Eine Peitsche sauste ihm mehrmals über den Rücken und schnitt ihm ins rohe Fleisch. Ab und an traf ihn ein gezielter Schlag zwischen die Beine, der ihn am ganzen Körper erzittern ließ. Khaled biss sich die Lippen blutig, um nicht noch mal zu schreien. Offenbar wollte man ihn lediglich demütigen und nicht zum Eunuchen machen.
Doch es gelang ihm nicht, ein Stöhnen zu unterdrücken, als zwei kräftige Hände seinen Hintern packten und brutal auseinanderzogen. Das Geräusch, wie jemand Speichel durch den Schlund zog, hätte ihn warnen können, erst recht, als der Wächter den Auswurf gezielt auf Khaleds Anus platzierte.
Mit dem Ausspruch »Ich hatte noch nie eine nizârische Jungfrau« rammte der Scherge seine stattliche Rute tief in Khaleds Eingeweide.
|284|Khaled glaubte vor Hass zu vergehen, als sein Peiniger sich unter rhythmischem Grunzen in ihm entleerte. Für einen Moment schloss er gequält die Augen und schickte ein Gebet zum Erhabenen, das dem Mann der Schwanz abfaulen und ihn anschließend der Blitz treffen möge, doch nichts geschah. Vielmehr war zu befürchten, dass die fatimidischen Schweine es nicht dabei bewenden ließen und es noch Jahre dauern konnte, bis der Tod ihn von solchen Qualen erlöste. Plötzlich dachte er an Lyn, dass er sie wohl nie mehr wiedersehen würde. Es sei denn, es gelänge ihm, eine List zu ersinnen und irgendwie des Kelches habhaft zu werden, von dem Melisende gesprochen hatte.
Lyn wusste instinktiv, dass André de Montbard nichts Positives zu vermelden hatte, als er nach Wochen des vergeblichen Wartens ihre Gemächer aufsuchte. In seinem Gefolge befand sich Godefroy Bisol, ein hagerer, grauhaariger Mann mit schmalem Gesicht und einer viel zu großen Nase, den Montbard aus den Anfängen des Ordens kannte und dem er – wie er sagte – jederzeit sein Leben anvertrauen würde.
Montbard hatte ihn kurz nach dem Erscheinen von Rona und Lyn in deren Geheimnisse eingeweiht. Bisol gehörte zum inneren Kreis des Hohen Rates, und Lyn hatte sich gewundert, dass der Mann beim Anblick des Servers vollkommen ruhig geblieben war. Dabei war durchaus verständlich, dass Montbard, was den Timeserver betraf, andere Brüder, denen er vertraute, zu Rate zog. Es mussten mehrere sein, mit denen er sich regelmäßig beriet, weil Montbard stets in der Mehrzahl sprach, wenn er Lyn und Rona von den Versammlungen berichtete, die er seit ihrer Ankunft auf dem Tempelberg einberufen hatte. Dass es besonders vertrauenswürdige Männer sein mussten, konnte Lyn daran ersehen, dass er Rona und ihr den Schwur abgenommen hatte, mit niemandem außer ihm und Godefroy über ihre Herkunft und ihre Absichten zu sprechen.
Instinktiv spürte Lyn, dass Montbards Besuch mit Khaled zu tun haben musste. »Ist er tot?«, stieß sie ängstlich hervor. Seit Khaleds Abzug hatte sie keine Nacht mehr ruhig schlafen können, so sehr vermisste sie ihn. Am Tag hatte sie ständig versucht, wenigstens einen mentalen Kontakt zu ihm aufzubauen, was ihr jedoch nicht gelungen war und ihre Angst um ihn nur noch mehr gesteigert hatte.
|285|Montbard kniff seine Lippen zusammen und schwieg einen quälend langen Moment. Bisol stand neben ihm und verzog keine Miene.
»Laut königlichem Register ist er nach einem Angriff einfach verschwunden, und allem Anschein nach gibt es bis zum heutigen Tag keine Leiche. Also könnte er durchaus noch leben.« Montbard sah sie hoffnungsvoll an.
Lächerlich! Als ob sie das trösten würde. Lyn konnte in den Augen des Templers lesen, dass die Wahrheit womöglich weitaus schlimmer war.
Er beugte sich vor und umarmte sie sanft, doch diese Geste konnte Lyn nicht darüber hinwegtäuschen, dass er ihr etwas verschwieg.
Als der Seneschall sich von ihr löste, sah er Lyn fest in die Augen. »Khaled ist nicht tot.« Montbard gab sich alle Mühe, seiner Stimme einen überzeugenden Klang zu verleihen. »Ihr werdet ihn wiedersehen. Da bin ich mir sicher.«
Offenbar verfluchte er sich inzwischen selbst, dass er Khaled so einfach hatte ziehen lassen.
Lyn wurde schwindlig. Sie musste sich aufs Bett setzen. »Verdammt«, fluchte sie. »Was macht Euch so sicher?«
»Glaub ihnen nicht!«, rief Rona. Ihr Gesicht hatte einen feindseligen Ausdruck. »Die Templer machen sowieso nicht, was wir ihnen sagen.« Sie hockte vor dem Server. Mit einem provozierenden Lächeln blickte sie auf und schaute Montbard direkt in die Augen. »Liegt es daran, dass wir Frauen sind?«
»Nein, natürlich nicht«, beeilte sich Montbard zu erwidern.
»Woran liegt es dann?« Rona richtete ihren Blick auf Godefroy Bisol, dessen Miene im selben Moment gefror. »Der Krieg ist verloren, ganz so, wie wir es vorhergesagt haben. Khaled gehört zu den Opfern wie viele tausend andere auch.« Ronas bodenlanges, rosafarbenes Seidenkleid raschelte leise, als sie aufstand und mit verbittertem Blick auf die beiden eingeweihten Templer zuging. »Wir hätten es verhindern können. Warum habt ihr nicht auf uns gehört?« Ihr Ton war respektlos.
»Es ist nicht so leicht, wie Ihr glaubt, Madame.« In Montbards Stimme lag eine gehörige Portion Ironie. Bisol hielt die Arme vor seinem weißen Mantel verschränkt, ganz so, als ob er sich vor Ronas Angriff in Sicherheit bringen wollte.
»Ich glaube nicht, dass ihr eine Ahnung von dem habt, was hier gerade |286|geschieht«, meinte Bisol. »In Eurer Welt dreht sich alles um Maschinen. Ihr habt nicht die geringste Verbindung zu Gott. Er herrscht über allem. Euer kleiner schwarzer Kasten kann ihm noch nicht mal das Wasser reichen, geschweige denn ihn ersetzen.«
»Warum fragt ihr dann nicht Gott, wie man einen solchen Krieg verhindern kann, oder hat euch Gott gesagt, ob der Assassine noch lebt?«
»Ja«, erwiderte Montbard ohne einen Funken Zweifel im Blick. »ER hat es mir gesagt. Hier drin!« Er deutete auf seine Brust, dort, wo das Herz saß. Lyn wusste nicht, was sie von dieser Aussage halten sollte, erst recht, als Godefroy Bisol ihm einen verschwörerischen Blick zuwarf, den Montbard nicht weniger verschwörerisch erwiderte. »Er ist ein intelligenter Bursche und ein guter Kämpfer.« Für einen Moment wich er ihrem forschenden Blick aus, als ob er spürte, dass Lyn darin lesen konnte, wenn er nahe genug an sie herantrat. »Inzwischen hat man die sterblichen Überreste von einigen seiner Getreuen gefunden«, erklärte er und versuchte nicht nur Lyn, sondern auch Rona damit abzulenken. »Khaleds Leiche war nicht dabei.« Sein Blick fiel auf Bisol, als ob er von dort eine Bestätigung erwartete, der daraufhin zögerlich nickte. »Was uns die Hoffnung gibt, dass er fliehen konnte. Aber was viel schlimmer ist – Manasses de Hierges hat Khaled und seinen Leuten die Schuld am misslungenen Auftakt des Angriffs in die Schuhe geschoben. Er sagt, sie hätten vom König den Auftrag erhalten, die Lage in den Gärten zu erkunden und den Angriff der übrigen Truppen vorzubereiten, indem sie ein Zeichen geben sollten, wenn die richtige Zeit zum Angriff gekommen wäre. Manasses wirft ihnen vor, König Balduin mit falschen Informationen versorgt zu haben, weil das Feuer zu einem Zeitpunkt erfolgte, als es in den Gärten nur so von Damaszenern wimmelte. Als Muslime hätten sie angeblich mit dem Emir von Damaskus kollaboriert. Balduin hat dem Konstabler geglaubt und die überlebenden Assassinen aus Khaleds Truppe noch vor Ort köpfen lassen.«
Lyn wandte sich mit einem Aufschrei ab. »Nein!« Sie konnte sich an einige der Männer erinnern. Khaled wäre für seine Gefolgsleute durch jedes Feuer gegangen. Es waren allesamt aufrichtige Männer, die gewiss keinen solchen Tod verdient hatten. Tränen schossen ihr in die Augen.
»Das darf nicht sein! Ihr wart es, der das alles zugelassen hat. Es waren gute Männer. Für Khaled waren es seine Brüder!« Tränen traten in ihre Augen.
|287|»Damit ist der Verlauf des Kampfes also tatsächlich so eingetreten, wie wir befürchtet hatten«, bemerkte Rona kühl. »Damaskus wurde verloren, und die Christen haben nicht nur Tausende von Opfern hinzunehmen, sondern die Stadt an Nūr ad-Dīn verloren, was weitaus schlimmer sein dürfte als der Verlust von einem Haufen gutgläubiger Assassinen.«
»Wie kannst du so etwas sagen?« Lyn starrte sie entsetzt an. »Khaled und seine Männer waren nicht gutgläubig. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als in diesen Wahnsinn zu ziehen.«
Einzelne, dicke Tränen kullerten über ihre Wangen. »Ich liebe ihn«, flüsterte sie und ließ ihr Kinn auf die Brust sinken. »Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass er tot sein soll.« Als sie zu Montbard und Bisol aufblickte, sammelte sich ihre ganze Hoffnungslosigkeit in ihrem Blick. »Sagt eurem verdammten Gott, er soll ihn zu mir zurückbringen, koste es, was es wolle.«
»Er wird unsere Gebete erhören«, versicherte ihr Montbard und nahm ihre Hand.
Lyn wich seinem Blick aus, um nicht schon wieder weinen zu müssen.
»Eure Prophezeiung ist eingetroffen«, erwiderte Montbard mit betrübtem Blick, an Rona gerichtet. »Und Ihr müsst mir – uns – glauben, wenn ich sage, dass wir alles in unserer Macht Stehende getan haben, um das Ereignis zu verhindern. Denkt ihr, wir wären glücklich darüber, dass Everhard de Barres sich nun die Behauptung gefallen lassen muss, die Templer hätten die Sache verraten. Zumal wir ihm noch nicht einmal sagen konnten, warum wir diesen Krieg ablehnen. Ich habe lediglich ihn und unseren Komtur von Jerusalem warnen können, indem ich ihnen versichert habe, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen sei, weil eine Verschwörung dahintersteckt. Dabei habe ich meine wahre Quelle verschwiegen und ihnen stattdessen gesagt, ich hätte die Information von muslimischen Spionen erhalten, dass der Feind vorbereitet und Verstärkung durch Nūr ad-Dīns Truppen aus dem Norden beschlossenen Sache sei. Abgesehen davon, dass es eine Notlüge war, hätte dies aber auch jeder andere strategisch denkende Anführer vorhersehen können.«
»Wie wahr«, bemerkte Rona spitzfindig. »Und warum ist es dann trotzdem schiefgegangen?«
|288|Montbard stieß einen tiefen Seufzer aus. »Bruder Godefroy hat recht, wenn er sagt, dass Gottes Wege unergründlich sind und Er sich nun mal nicht an Gesetzmäßigkeiten hält, die der Mensch erschaffen hat. Allem Anschein nach gehen unsere Macht und unser Wissen nicht weit genug, um Gottes Willen zu beeinflussen.«
Lyn sprang auf und war mit drei Schritten bei Rona, die neben dem Server kniete und überrascht aufschaute.
»Ich will, dass du den Server startest!« Solange sie noch eine Chance sah, das Ruder herumzureißen, würde sie sie nutzen, um Khaled zu retten.
Ronas Brauen schnellten hoch, wie zu einer Frage, doch Lyn nahm eine entschlossene Haltung an. »Sofort.«
Montbard und Bisol warfen sich verstörte Blicke zu, wagten es aber nicht, sich in den Schwesterdisput einzumischen.
»Und du verrätst mir auch, was du vorhast?« Ronas Stimme klang ungläubig.
»Ich will zurück. Drei Wochen. Ich will es versuchen. Ich werde Khaled vor diesem Wahnsinn bewahren und ihm sagen, dass er uns warnen soll, noch bevor die Fatimiden Mako erschlagen können.«
»Du bist wahnsinnig«, erklärte Rona. »Selbst wenn es funktioniert, was ist, wenn ich dich nicht zurückholen kann? Dann kollidierst du mit deinem eigenen Energiestrom und wirst vernichtet.«
»Ihr könnt Gott nicht ins Handwerk pfuschen, wenn er andere Pläne hat«, gab Montbard merkwürdig ruhig zu bedenken.
»Woher wollt Ihr das wissen?« Lyn warf ihm einen prüfenden Blick zu.
»Ich weiß es«, sagte Montbard.
Rona hatte inzwischen den Server gestartet, auch wenn sie von der Sache wenig überzeugt war. Aber das Argument, es noch einmal zu versuchen und Mako im Nachhinein retten zu können, zog weit mehr als die Rettung von Khaled.
Montbard und Bisol wirkten im Gegensatz zu Lyn, die vor Ungeduld nicht ruhig stehen konnte, geradezu andächtig, als das holographische Bild von Ronas Zwilling erschien.
»Eingangsdaten kalibrieren«, sagte die sanfte Stimme. Lyn legte ihre Hand in den türkisfarbenen Nebel. Das Ergebnis ließ indes nicht lange auf sich warten. Zielort verweigert.
|289|Rona stieß einen Seufzer aus. »Das System lässt es nicht zu, weiß der Teufel warum.«
Lyn warf einen Blick auf die beiden Templer, bevor sie Rona anschaute. »Was ist«, sagte sie mit erstickter Stimme, »wenn Lion sich geirrt hat und nichts mehr verändert werden kann, weil sich alles wie in einem zeitlich vorbestimmten Vakuum abspielt, zu dem kein Mensch einen Zugang hat, ganz gleich, was er noch erfindet?«