Die Bilder sind dem Menschen offenbart, aber
das Licht, das in ihnen ist, ist verborgen im Bild.
(Auszug Thomasevangelium, 83)
August 1315 – Schottland – MacDhoughaills Land
»Bei der Heiligen Mutter?« Amelie schwankte einen Moment, als ob sie das Gleichgewicht verlieren würde, doch dann fand sie an Struans Arm Halt und erkundete mit ungläubigen Blicken Berge, Täler und reißende Wasserfälle, die wie aus dem Nichts von den Felsen stürzten. »Was in Gottes Namen ist das?« Tiefhängende Wolken jagten über das weite, grüne Land. Über allem brach eine strahlende Sonne aus dunklen Wolken hervor und beschien die hohen, mit Pinien bewaldeten Berghänge, grasendes Wild und munter sprudelnde Gebirgsbäche, die wie glitzernde Seidenschnüre zwischen den schroffen Felsen hervorblitzten. All das stand in einem direkten Gegensatz zur kahlen, ausgetrockneten Felsenlandschaft des Sinai, die sie noch vor kurzem durchwandert hatten.
Struans unergründlicher Blick streifte über das fruchtbare Land. Er hielt immer noch den schwarzen Hengst am Zügel, den er Abu Aziz und seinen Männern während der Flucht gestohlen hatte. Nur der Teufel wusste, wie das Tier mit ihnen hierhergekommen war. Sichtlich überrascht blähte es seine Nüstern, um die Mischung von Salzwasser, frischem Gras und fetter, dampfender Erde in sich aufzunehmen. In der Ferne konnten sie das Meer sehen, wie es die Insel mit seiner blau glitzernden Farbe umspülte. Nordöstlich davon erhob sich unterhalb der nebelumwölkten Bergspitzen eine mächtige Burg.
»Das ist Meudarloch – MacDhoughaills Land«, erklärte Struan mit einer ausschweifenden Geste. »Meine Heimat. Dort oben auf der Burg meiner Vorfahren wurde ich geboren.« Verhaltener Stolz klang in seiner Stimme, als er auf seine staunende Frau herabblickte. Dann bückte |723|er sich, um mit der offenen Hand über das hohe Gras zu streichen, als ob er es liebkosen wollte.
»Heißt das …« Amelie stockte der Atem. »… wir sind in Schottland?«
»Ich denke schon«, bemerkte Struan mit seiner rauen Stimme und grinste ungläubig. »Offenbar hat der Mönch die Wahrheit gesagt.«
»Das bedeutet«, stellte Amelie fest, »du hast dir gewünscht, hierher zurückzukehren, und ich habe mir gewünscht, bei dir zu sein, ganz gleich, wohin es uns verschlägt.«
»So wird es sein«, antwortete er, und auf seinen Lippen zeichnete sich ein breites Lächeln ab.
Er half Amelie aufs Pferd und führte den Hengst mit der gebotenen Vorsicht in Richtung der Burg, die einst sein Zuhause gewesen war.
»Jetzt müssen wir nur noch zu Gott beten, dass man uns freundlich empfängt.«
»Hast du Zweifel daran?«, fragte sie zaghaft. Mit ihren blonden Locken und dem zarten Gesicht sah sie aus wie ein Engel.
»Ich … äh …« Struan zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Vielleicht gefällt es dir nicht, wie wir leben. Notfalls müssen wir nach einer anderen Lösung suchen.« Bei ihrem Anblick haderte Struan mit sich, ob man einer vornehmen Französin, die obendrein noch eine Weile in der Zukunft gelebt hatte, ein solches Chaos zumuten durfte. Auf der Burg seines Vaters war es immer kalt und zugig gewesen, das Essen war knapp, und die Sitten waren verroht.
Sein Vater hatte ihn stets einen Bastard genannt, und falls der Alte noch lebte, musste er aufpassen, dass er Amelie nicht an die Wäsche ging.
»Mein Vater Duncan ist ein Tyrann«, bekannte er ehrlich. »Und er hat mich gehasst. Er war der Meinung, dass ich meine Ehre nur durch den Dienst bei den Templern wiedererlangen könne.«
»Was hast du getan?«, fragte sie leise.
»Ich habe meine hilflose Mutter gegen diesen Schwachkopf verteidigt und ihn in einem Zweikampf beinahe in die Hölle geschickt.«
»Und wo ist deine Mutter jetzt?«
»Sie ist aus Angst vor ihm zu ihrer Familie geflohen und später am Fieber gestorben. Damals konnte sie nichts für mich tun, außer um |724|Gnade zu winseln, aber das hätte die Sache fast noch schlimmer gemacht.«
»Denkst du, er hat sich gebessert?« Amelie standen arge Zweifel ins Gesicht geschrieben, als sie sich nach einer Weile einer Brücke aus grauen Steinen näherten, die über einen gemächlich dahinfließenden Fluss führte. Rechts und links wurde der Brückenkopf von Weiden und Erlen gesäumt. Von weitem war das Burgtor zu sehen. Ein paar zottelige, braune Kühe hielten beim Wiederkäuen inne und gafften zu ihnen herüber, ansonsten schien sich niemand für ihre unerwartete Ankunft zu interessieren.
Als Struan jedoch unvermittelt sein Schwert zog und der Hengst vor Schreck einen Satz machte, stieß Amelie einen erstickten Schrei aus. Plötzlich wurde die Umgebung lebendig. Gut ein Dutzend zerlumpter Gestalten sprang halbnackt und mit bloßen Füßen hinter den Büschen hervor. Im Nu hatten sie Struan und Amelie umringt. Die meisten waren jung und kräftig und hatten nur ein abgetragenes, kariertes Tuch um die Hüften, das sie mit einem Ledergürtel auf Taille gebracht hatten. Den Schwertgürtel trugen sie jeweils überkreuzt um die muskulöse Brust geschlungen, und oberhalb der Schulter kam das T-Heft einer gewaltigen Waffe zum Vorschein.
Einer der Männer trat näher, ein junger Kerl mit schwarzen, glatten, schulterlangen Haaren und einem wilden Bart. Wenn man genau hinschaute, hätte er die jüngere Ausgabe von Struan sein können.
»Müsst ihr der Dame so einen Schreck einjagen«, wies ihn Struan unfreundlich zurecht. »Es könnte euch nicht schaden, wenn euch jemand ein wenig französisches Benehmen beibringt!«
Die ansonsten so rebellische Miene seines Gegenübers verwandelte sich in ein breites Grinsen, und aus dem schmutzigen Gesicht strahlten ein paar braune Augen und weiße, kräftige Zähne hervor. »Struan!« Der junge Mann rang nach Luft, dann lachte er glücklich.
»Malcolm, mein Bruder! Komm her und lass dich umarmen!«, rief Struan. Er strahlte nicht weniger, als er sein Schwert sinken ließ und den Jüngeren mit einem harten Schlag auf den Rücken umarmte. Auch die übrigen Angreifer gaben ihre feindliche Haltung auf, obwohl sie dem Frieden noch nicht so ganz zu trauen schienen.
Malcom verdrückte verlegen eine Träne, als sie sich anschließend voller Freude die Schultern klopften. Sein Blick fiel auf Amelie. »Sag |725|nur, du hast uns diese Schönheit aus Frankreich mitgebracht?«, fragte er neugierig.
»Darf ich vorstellen?«, erwiderte Struan voll Stolz. »Das ist Amelie Bratac, mein vor Gott angetrautes Eheweib.«
»Dein Weib«, staunte Malcolm. »Ich dachte, als Templer ist es dir nicht erlaubt zu heiraten?«
»Der Papst hat den Orden verboten, und ein wahrhaftiger Großmeister hat mir die Absolution erteilt, den Habit ablegen zu dürfen, also muss ich mich nicht mehr an die Regeln halten.« Struan lächelte zufrieden.
»Wenn das so ist, bist du spät dran«, erklärte Malcolm. Für einen Moment blieb sein Augenmerk auf Amelies grazile Gestalt gerichtet. »Im letzten Jahr haben uns geflohene Templer in der Schlacht von Bannockburn zur Seite gestanden. Da hätten wir dich gut gebrauchen können.«
Struan, der aus der Zukunft wusste, was damals geschehen war, ging nicht weiter darauf ein. Es gab Wichtigeres, was ihn interessierte.
»Sprich, was ist mit dem Alten?«, fragte er in Anspielung auf seinen vermaledeiten Vater. Dabei spürte er unangenehm, wie sein Herz schneller schlug. »Ist er noch am Leben?«
»Du hast Glück«, erwiderte der Jüngere mit einem Grinsen. »Du hättest dir keinen besseren Moment aussuchen können, um von den Templern zurückzukehren. Unser Vater ist in der Schlacht auf Seiten Edwards II. gefallen. Roderic und Angus hat’s an der Seite von Robert the Bruce erwischt. Wie du weißt, konnten die beiden ebenso wenig mit dem Alten wie du und haben plötzlich eine Gelegenheit gesehen, ihn loszuwerden, indem sie sich gegen ihn gestellt haben. Dass sie dabei selbst dran glauben mussten, konnte niemand vorhersehen.«
Struan schluckte, weil der Tod seiner beiden älteren Brüder ihn weitaus schlimmer traf als der Tod seines Vaters. Malcom warf ihm einen hoffnungsvollen Blick zu. »Jetzt steh ich mit unseren Jungs ganz alleine da, und Onkel Hamish macht mir unseren Besitz streitig, weil er meint, ich sei noch zu jung, um den Clan zu führen.«
Struan ließ die Worte seines Bruders für einen Moment auf sich wirken. Dann blickte er zu Amelie hinüber, die offenbar kein Sterbenswörtchen verstand, weil Malcom Gälisch gesprochen hatte. Die Frage blieb, ob er ihr das gefahrvolle Leben an der Seite eines Clanchiefs auf |726|Dauer zumuten konnte. Und doch wünschte er sich nichts mehr, als Herr dieser Burg und dieser Familie zu sein, mit einer schönen Frau an seiner Seite und als stolzer Vater von Söhnen und Töchtern.
»Und was sagst du?«, drängte Malcolm. »Kannst du dir vorstellen, unser neues Oberhaupt zu werden?«
Wieder schaute Struan zu Amelie hin. Er hätte sie gerne gefragt, aber das war nicht möglich, wenn er sich den Respekt der übrigen Männer erhalten wollte, die ihn alle hoffnungsvoll anstarrten.
Amelie schien instinktiv zu verstehen, um was es hier ging. »Ich habe mir gewünscht, dort zu sein, wo du sein willst«, bekannte sie leidenschaftlich. »Und selbst wenn es in der Hölle wäre.«
Struan spürte, wie pures Glück seine Adern durchflutete. »Ja«, sagte er aus vollem Herzen und grinste seinen jüngeren Bruder und dessen Begleiter verheißungsvoll an. »Bei der Heiligen Muttergottes. Ich bin euer Mann!«
August 1315 – Breydenburg – Lichtertanz
Die plötzliche Kühle war verwirrend, und das Rauschen des Flusses klang im Gegensatz zum heißen, unbarmherzigen Wüstenwind wie eine ferne, unwirkliche Symphonie. Das gleißende Leuchten, das Gero noch einen Moment zuvor geblendet hatte, verwandelte sich in eine goldene Sonne, deren Strahlen in unzähligen Lichtern auf der Oberfläche eines schnell dahinfließenden Wassers tanzten.
»Sind wir im Paradies?« Matthäus stierte mit weit aufgerissenen, blauen Augen in die dicht bewaldete Umgebung.
Gero war nicht minder irritiert und hielt den Jungen und Hannah bei der Hand, als ob sie mit ihm verwachsen wären. Hannah schaute ihn hilfesuchend an, und ihre grünen Augen leuchteten durch das einfallende Licht unnatürlich auf.
»Wo sind wir?«, flüsterte sie und blickte verwundert in die fremde und doch irgendwie vertraute Umgebung.
Vor ihnen lag ein dampfender Wald, in dem es kurz zuvor geregnet hatte. Der modrige Geruch von verrotteten Blättern und feuchter Erde stieg darin auf wie ein wabernder Nebel, der alles umhüllte. Aber da waren noch ein paar andere, bekannte Gerüche, die den ersten Eindruck |727|überdeckten: glimmende Holzkohle und der Duft nach frisch gebrautem Bier.
»Nein, Matthäus, das ist nicht das Paradies«, flüsterte Gero wie benommen. »Das ist was Besseres.« Sein fassungsloser Blick fiel auf Hannah, die langsam zu begreifen schien, was ihnen widerfahren war. »Wenn mich nicht alles täuscht«, erklärte er mit belegter Stimme, »sind wir wirklich zu Hause.« Mit den Augen folgte er dem Weg hinauf durch den Wald zu einem nackten Felsen, der in einer gigantisch anmutenden Burg gipfelte.
Hohe Mauern, ein Bergfried und drei stattliche Aussichtstürme. »Wir sind tatsächlich zu Hause!«, schrie Gero außer sich vor Freude und machte einen Luftsprung, der sämtliche Vögel aus den Bäumen aufschreckte und sie laut protestierend davonfliegen ließ. Dann packte er Hannah und wirbelte sie herum, bis ihr ganz schwindlig wurde. Keuchend setzte er sie ab und küsste sie.
»Ich kann kaum glauben, dass der Mönch die Wahrheit gesagt hat und unsere Wünsche mithilfe des Gesteins in Erfüllung gegangen sind.«
»Bist du sicher, dass wir uns in der richtigen Zeit befinden?«
Hannah fürchtete, dass so viel Glück irgendwo einen Haken haben musste.
Gero legte einen Arm um sie und deutete in die Ferne. »Siehst du den Kirschbaum, dort, wo der Weg die Biegung macht?« Seine Stimme verriet seine Aufregung. »Der ist mindestens auf das Doppelte gewachsen, seit wir von hier fortgegangen sind.«
»Das bedeutet, es sind ein paar Jahre vergangen, seit wir das letzte Mal hier waren?« Hannah glaubte zu träumen. »Hast du dir das so vorgestellt?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete Gero verunsichert. »Ich weiß nur, dass ich mit dir und dem Jungen hierher zurückwollte, und meine einzige Bedingung war, dass Phillip IV. von Franzien das Zeitliche gesegnet hat und die Verfolgung des Ordens Vergangenheit ist.«
Hoffentlich leben wenigstens seine Eltern noch, dachte Hannah, als Gero sie und den Jungen erwartungsfroh den Berg hinaufzog. Vor Jahren hatten sie sich noch bester Gesundheit erfreut. Allerdings war es in dieser Zeit alles andere als normal, dass man uralt wurde. Sie schritten vorbei an holpernden Ochsenfuhrwerken, an keuchenden Mägden mit |728|Körben voller Birnen und Äpfel und an einem Ziegenhirten, dem bei ihrem Anblick die Kinnlade herunterfiel. Gero trug immer noch einen Turban und Hannah eine für diese Zeit absolut unakzeptable Hose sowie einen abgetragenen orientalischen Kaftan, Kleidung, die es in dieser Umgebung sicher nicht oft zu sehen gab.
Geros Herz hämmerte, als er sich am Burgtor den Turban vom Kopf riss und den völlig verblüfften Wachen seine kurzgeschorenen Haare präsentierte. Irgendjemand von den finster dreinblickenden Männern erkannte ihn. »Der junge Herr ist nach Hause gekommen!«, rief der Wächter aus und stieß vor Freude dreimal in eine Fanfare, die eigentlich zur Warnung oder Ankündigung von hohem Besuch gedacht war. Aus allen Ecken liefen Menschen auf dem Burghof zusammen, und als die Ersten erkannten, dass es wahrhaftig Gero war, der zusammen mit Hannah und dem Jungen mitten im Hof stand, wurde das Stimmengewirr so laut, dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen konnte. Als Gero seinen Vater erblickte, wie er schlohweiß, aber ansonsten ganz der Alte, aus dem Hauptportal des Pallas heraustrat und beim Anblick seines jüngsten Sohnes komplett die hochherrschaftliche Fassung verlor, wusste er, dass es kein Traum war.
»O herrlicher Heiland, Junge!« Richard von Breydenbach fiel seinem Sohn um den Hals und drückte ihn so fest, dass er beinahe nicht mehr atmen konnte. Beide Männer sanken in die Knie und gaben sich hemmungslos ihren Gefühlen hin. Schluchzend legte Richard von Breydenbach seinen Kopf auf die Schulter seines Sohnes, und so hockten sie auf den kahlen Steinen und hielten sich stumm umarmt in der warmen Nachmittagssonne. Dabei waren sie so sehr in ihre Wiedersehensfreude vertieft, dass sie nicht einmal bemerkten, wie Jutta von Breydenbach nach Atem ringend Hannah und Matthäus in Empfang nahm.
Die Burgherrin sah im Gegensatz zu ihrem Mann deutlich älter aus als beim letzten Mal. Für eine Frau verhältnismäßig groß und doch zart von Gestalt, wirkte sie zerbrechlich, aber immer noch schön. Ihr war anzusehen, dass sie ihren Sohn schmerzlich vermisst hatte. Ihre grünblauen Augen leuchteten vor Freude aus dem blassen Gesicht heraus, als Gero auf sie zutrat und sie voller Liebe umarmte.
»Heilige Muttergottes, steh mir bei«, schluchzte sie. »Wie kommt ihr denn hierher?« Immer noch rannen ihr Tränen über die geröteten |729|Wangen, als sie Matthäus noch einmal an sich drückte, als ob es ihr eigenes Kind wäre. Dann schaute sie zu Hannah auf und blinzelte ungläubig, weil sie offenbar nicht fassen konnte, was hier soeben geschah. Hastig putzte sie sich die Nase mit einem Tüchlein, das sie im Ärmel trug, und trocknete ihre Tränen. »Meine Tochter«, krächzte sie heiser, und als Jutta von Breydenbach sie in den Arm nahm, holte Hannah der vertraute Duft von Rosenwasser endlich in die Wirklichkeit zurück. Sie waren tatsächlich auf der mittelalterlichen Breydenburg gelandet.
»Wie kann es sein, dass ihr den Weg zu uns zurückgefunden habt?«, wisperte Geros Mutter. »Richard hat mir anvertraut, dass es euch an diesen fernen Ort verschlagen hat …« Sie schwieg und schaute sich ängstlich um, als ob sie von der Hölle sprechen würde. »Ich konnte es nicht glauben … ach …« Ihre Stimme erstarb in einem weiteren Schluchzen. »Ganz gleich wie … die Muttergottes hat meine Gebete erhört«, stieß sie mit erstickter Stimme hervor.
»Es ist anders als das letzte Mal …«, versuchte Hannah ihr zu erklären. »Diesmal hat uns allein Gott und unser Glaube hierhergeführt … und ich hoffe, dass wir für immer bleiben können.« Sie verschluckte sich beinahe an dem Satz, weil sie niemals damit gerechnet hatte, dass ihr ein solcher Ausspruch je über die Lippen kommen würde.
Leicht zerknirscht musste sie einsehen, dass dieses Wunder weitaus schwieriger zu erklären war als ein Timeserver. Sie dachte an Tom. Und was er wohl sagen würde, wenn er vielleicht eines Tages von der Wirkung dieser Höhle erfahren sollte. Ja – ob sie in ihrer Zeit überhaupt noch existierte? Und da blieb die Frage, warum d’Our und seine Templer eher auf den Timeserver gesetzt hatten als auf die Wirkung dieses unglaublichen Geheimnisses. Vielleicht lag es daran, dass man im Jahr 1307 aufgrund des verlorenen Heiligen Landes keinen Zugang mehr zur Höhle gehabt hatte und nicht genug Menschen mit dem Gestein in Kontakt bringen konnte, die kraft ihrer Gedanken etwas zum Positiven hätten bewegen können. Vielleicht war es aber auch ganz anders, und das, was sie sah, war nur eine Illusion – ihre Illusion, so, wie der Mönch es ihnen zu verstehen gegeben hatte. »Wenn Ihr Gott vertraut und Euren Weg klar genug vor Euch sehen könnt, wird Euer Glaube genau die Welt manifestieren, die Ihr im Herzen tragt …«
»Gottes Güte ist größer als alles«, flüsterte Jutta von Breydenbach und fasste sie bei der Hand.
|730|Gero half seinem Vater auf die Beine. Wie zwei Ertrinkende hielten die beiden sich aneinander fest und richteten sich gegenseitig auf.
»Ich habe es geahnt«, raunte Richard von Breydenbach.
»Was hast du geahnt?« Gero schaute ihn überrascht an.
»Ich habe gewusst, dass in den nächsten Tagen ein Wunder geschehen würde.« Hastig rieb sich der alternde, aber immer noch stattliche Burgherr die Tränen aus den Augen. Erst danach begrüßte er Hannah mit einem Kuss auf die Wange und Matthäus mit einem väterlichen Schulterklopfen.
Gero legte seiner Mutter einen Arm um die Schulter und führte sie, gefolgt von seiner Familie, durch ein Spalier von Gesinde zum Eingang des Pallas. »Wie konnte er unsere Ankunft voraussehen, Mutter?«, fragte er leise.
»Heute Morgen kam ein Bote«, erklärte Jutta von Breydenbach. »Er überbrachte uns diese merkwürdige Depesche, von der wir zunächst glaubten, sie sei ein schlechter Scherz.«
Richard von Breydenbach zog ein zusammengerolltes Pergament vom Gürtel und übergab es seinem Sohn, der innehielt und es mit der gebotenen Aufmerksamkeit studierte: »Graf Johan Bechtold van Elk und das Edelfräulein Freya Maria Rosamunde von Bogenhausen geben sich anlässlich ihrer Vermählung die Ehre … Im Jahre nach der Fleischwerdung des Herrn 1315 …«
»Kaum zu fassen«, flüsterte Gero und warf Hannah einen ungläubigen Blick zu. »König Phillip IV. ist tatsächlich tot, ebenso wie Papst Clemens V., der Templerorden ist aufgelöst, und Johan und Freya sind bei Johans Familie in Flandern in Sicherheit und haben geheiratet!«
»… und die Amerikaner«, führte Hannah seine Aufzählung in lakonischem Tonfall fort, »… hocken siebenhundert Jahre in der Zukunft und versuchen vergeblich, den Server wieder in Gang zu bringen. André de Montbard hat als Großmeister längst das Zeitliche gesegnet, und Königin Melisende ist in Sankt Lazarus eines einsamen Todes gestorben. Die Fatimiden wurden 1171 durch Saladin gestürzt …«
» … und kein Hahn kräht je wieder nach ihrem Verbleib«, beendete Gero den Satz.
Mit einem überwältigenden Glücksgefühl widmete er sich dem Brief, indem er ihn Hannah und den anderen laut vorlas:
»Lieber Gero, solltet Ihr es geschafft haben, dorthin zu gelangen, wo ich |731|glaube, dass Eure Sehnsucht Euch hingeführt hat, so schickt uns baldmöglichst einen Boten, der ein Lebenszeichen von Euch überbringt …
Struan ist mit Amelie in Schottland gelandet, wie ich gestern durch einen Boten erfuhr – nur von Arnaud, Stephano und den anderen habe ich nichts mehr gehört …
Ich bete mir Gottes Segen für ihre Unversehrtheit und auch für Dich, Hannah und den Jungen …
In Liebe
Euer ergebener Freund und Bruder
Graf Johan van Elk«
»Die Prophezeiung hat sich also nicht nur für uns erfüllt«, murmelte Gero und hielt Hannah und seine Mutter fest im Arm, während sie gemeinsam Matthäus hinterherschauten, der voller Ungeduld zu den Stallungen lief.
Richard von Breydenbach hatte ihm erzählt, dass dort Atlas auf ihn wartete, Geros altes Streitross, für das er vor Jahren verantwortlich gewesen war.
»Obwohl acht Jahre vergangen sind«, stellte Geros Mutter verblüfft fest, »der Junge ist gar nicht älter geworden, seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe.«
»Dasselbe gilt für dich«, erklärte Gero im Brustton der Überzeugung. Seine Mutter strahlte übers ganze Gesicht, und dann legte er seine Hand auf Hannahs Bauch. »Ich denke nicht, dass sich das je ändern wird, auch wenn du schon bald Großmutter bist.«
August 2005 – Eifel – Grenzenlos
»Wir sind in deinem Haus?« Stephano schaute sich verwundert um, als er Anselm zwischen Schilden und Schwertern in der Waffenkammer seines ansonsten modernen Anwesens in der Eifel stehen sah.
Fahles Nachmittagslicht fiel durch die kleinen Fenster, die typisch waren für das aufwändig renovierte Fachwerkhaus.
Alles stand noch an seinem Platz, so, wie Anselm sein Zuhause vor seinem Aufbruch nach Israel verlassen hatte.
Hektisch löste er sich aus seiner Erstarrung und registrierte nur zögernd, |732|dass er mit Stephano alleine war. Sein Blick fiel auf die Einstellung einer digitalen Uhr, den einzigen modernen Luxus, den er sich in seinem Lagerraum für antiquierte Waffen und Kostüme leistete. 15. August 2005. Laut dieser Uhr war er beinahe vier Wochen weg gewesen.
»Wo sind die anderen?«, fragte er irritiert.
»Woanders«, mutmaßte Stephano. »Anscheinend hat jeder das bekommen, was er sich gedacht hat.«
»Warum bist du meinen Vorstellungen gefolgt?«, fragte Anselm fassungslos. »Du hättest nach Hause gehen können. Nach Reims oder Sapin? In deine Zeit, dorthin, wo du alles kennst. Warum wolltest du ausgerechnet bei mir bleiben?«
Stephano trat auf ihn zu und sah ihm ernst in die Augen. Anselm und er waren in etwa gleich groß, obwohl Stephano etwas schlanker war. »Weil ich dich liebe«, flüsterte er, »und weil ich diese Liebe in meiner Zeit niemals leben könnte.«
»Ich liebe dich auch«, gestand Anselm stockend und schaute ihm wie hypnotisiert in die blaugrauen Augen.
Stephano legte seine Arme um Anselm und zog ihn näher zu sich heran. Anselm spürte die weichen, warmen Lippen des Mannes auf seinem Mund. Er inhalierte seinen Atem, während Stephano ihn lange und ausdauernd küsste.
»Darauf habe ich solange gewartet«, gestand Stephano leise und liebkoste Anselms Hals, seine Kehle und die kleine Vertiefung dort, wo das Blut pulsierte.
»Komm«, sagte Anselm und befreite sich vorsichtig aus der Umarmung des blonden Templers. Mit einem ungläubigen Kopfschütteln zog er seinen Geliebten ins Haupthaus, wo er in einem gesicherten Tresor eine nicht unbedeutende Summe Geld aufbewahrte.
»Ich habe es eigentlich für die Cash-Abwicklung meiner Firmengeschäfte zurückgelegt«, erklärte er, während er dem verdutzten Templer einhunderttausend Euro in bar vorzeigte. »Doch was spielt das nun für eine Rolle. Der Himmel hilft uns, unsere Träume zu erfüllen, da wollen wir ihm doch nicht im Weg stehen, oder? Den Rest hole ich mir morgen von der Bank. Ich werde eine Hypothek auf das Haus aufnehmen. Dabei müssten auch noch mal locker siebenhunderttausend Euro rumkommen.«
|733|Stephano sah ihn entgeistert an. »Warum tust du das? Es handelt sich um dein Haus, deine Heimat.«
»Irgendwann werden die Amerikaner hier auftauchen«, erklärte Anselm, »und spätestens dann sollten wir über alle Berge sein.«
»Wo sollen wir hin?«, fragte Stephano stirnrunzelnd.
»Irgendwohin, wo sie uns nicht finden«, antwortete Anselm, während er das Geld in einem Koffer verstaute. Lächelnd blickte er auf. »Wir sind nur zu zweit. Und falls Tanner auch im Jahr 2005 gelandet sein sollte, weiß er nicht, dass wir hier sind. Aber er könnte es ahnen, und bis dahin müssen wir handeln.«
»Und was tun wir als Nächstes?«
»Eine Dusche, etwas zum Essen und frische Kleidung sind die halbe Miete«, fuhr Anselm fort. »Dann sehen wir weiter.« Rasch trat er ans Fenster und schob die Gardine beiseite. Die Sonne schien, und das Eifeldörfchen, in dem sein Anwesen stand, gab sich wie üblich vollkommen unverdächtig.
Einen Moment lang überlegte er, ob er seiner Schwester einen Brief hinterlassen sollte, doch dann entschied er sich dagegen. Vielleicht kassierte sie so wenigstens irgendwann ohne schlechtes Gewissen seine Lebensversicherung. Jedenfalls gab es nichts, das ihn an die Amis verriet, wenn man von der Hypothek einmal absah. Aber bis Lafour und seine Leute das herausbekamen, waren er und Stephano schon fort.
Stephano folgte ihm ins Bad und führte willig Anselms Anweisungen aus, sich seiner Kleider zu entledigen, um sich frischzumachen. Anselm, der ebenfalls nackt war, zog ihn unversehens unter die Dusche und drehte das warme Wasser auf. Von all den zwanghaft zurückgehaltenen Gefühlen überrumpelt, begannen sie sich gegenseitig einzuseifen, um ihre erhitzten Körper zu erforschen.
»Wir sind tatsächlich im Himmel«, keuchte Stephano und strich Anselm voller Verlangen über die behaarte Brust, während sein Freund ihn näher an sich zog. Später, nachdem sie völlig außer Atem im ausladenden Baldachinbett des Hausherrn gelandet waren, küsste Anselm ihn zärtlich und ermunterte ihn, sich unter seinen Liebkosungen vollkommen zu entspannen.
»Es ist verboten, was wir hier tun«, flüsterte Stephano mit erstickter Stimme.
|734|»Wir sind im Himmel«, berichtigte ihn Anselm schwer atmend. »Hier ist nichts verboten.«
»Ich meine vor Gott«, erwiderte Stephano mit zitternder Stimme, die den Grad seiner Erregung verriet.
»Du hast doch gehört, was der Mönch gesagt hat«, entgegnete Anselm. »Wir sind Teil dieses Gottes und erschaffen unsere Wirklichkeit selbst.«
Stephano lag in Anselms Armen und schmiegte sich an ihn. »Das heißt, in dieser Welt ist unsere Liebe keine Sünde?«
»Nicht im Geringsten.« Anselm lachte und fuhr ihm mit einer Hand durch den blonden Bart, der wie Stephanos Haar in den letzten beiden Wochen ein ganzes Stück gewachsen war.
»Morgen fahren wir gemeinsam nach Luxemburg«, erklärte Anselm. »Dort wohnt ein guter Freund von mir. Ein Meister der Urkundenherstellung. Er unterhält gewisse Beziehungen, von denen ich bisher nichts wissen wollte. Aber nun hat der Wind sich gedreht. Wir besorgen dir neue Papiere und reisen irgendwohin, wo man sich nicht für uns interessiert. Seychellen, Malediven, die Galapagos-Inseln. Hast du schon einmal einen lebendigen Leguan gesehen? Er sieht aus wie ein kleiner Drachen. Alles ist möglich, wir müssen nur auf uns selbst vertrauen.«
Als Stephano keine Antwort gab, sah Anselm, dass er eingeschlafen war. »Ab heute«, flüsterte Anselm, »bin ich endgültig davon überzeugt, dass es keine Grenzen gibt. Weder in der Zeit noch im Raum.«
August 2005 – Texas – Ahnentafel
Jack Tanner blinzelte in das gleißende Sonnenlicht, und einen Moment lang glaubte er, wieder in der Wüste des Sinai gelandet zu sein. Doch dann sah er die hölzerne Koppel. Ein Palomino-Hengst schnaubte so dicht an seinem Ohr, dass er vor Schreck zur Seite sprang. Angespannt schaute er sich um. Die Hitze war immer noch da, und auch der Staub war der gleiche, aber sonst war nichts wie vorher.
Ein Gewirr von weiß getünchten Holzstangen verriet ihm, dass er sich auf einer Farm befand, wo man unter anderem Pferde züchtete. |735|Das Stimmengewirr einiger Männer, die aus den Stallungen kamen, war eindeutig texanisch, und je mehr er sich orientierte, umso mehr wurde ihm klar, dass dies nicht irgendeine Farm war, sondern die seines Vaters.
Fünfzehn lange Jahre hatte er sich hier nicht mehr blicken lassen. Nach einem Familienstreit hatte er sich entschieden, zur Army zu gehen, und war seitdem nicht wieder hierher zurückgekehrt. Seine Mutter war kurz zuvor verstorben, und wahrscheinlich wäre sie die Einzige gewesen, die den Frieden hätte wiederherstellen können.
Jack hielt inne und schüttelte ungläubig den Kopf, als er an sich heruntersah. Seine Kleidung glich eher der eines afghanischen Bauern und hatte so gar nichts von einem amerikanischen Pferdezüchter. Merkwürdigerweise fehlte ihm die Bewaffnung. Warum war er hier in dieser Zeit gelandet und nicht irgendwo anders?
Eine Horde Cowboys stob auf ihren Pferden an ihm vorbei. Die Männer ritten zu fünft auf eine riesige Koppel hinaus, deren Ende hinter dem nächsten Hügel verschwand. Sie störten sich nicht an ihm. Er kannte sie nicht, und sie mussten ihn, so, wie er aussah, für einen mexikanischen Tagelöhner halten, der wie so viele heruntergekommene Wanderarbeiter aus dem Süden nach einem Job suchte. Einen Moment lang fragte Jack sich, wo wohl seine Begleiter aus der Höhle abgeblieben waren. Hatte der alte Mönch nicht gesagt, man solle durch das Licht gehen und sich auf das besinnen, was einem wirklich wichtig war, und nicht auf das, was andere von einem verlangten?
War die Farm seines Vaters tatsächlich das, wovon er in Wirklichkeit träumte? Hatte er sich all die Jahre etwas vorgemacht, als er unter Einsatz seines Lebens diversen Generälen und ihren Befehlen gefolgt war? Im Nachhinein erschien ihm der Krieg, so wie er ihn in der Gegenwart und in der Vergangenheit erlebt hatte, so, ohne jeden Zweck und erst recht ohne Ziel. Wenn er genau darüber nachdachte, hatte er sich von Beginn an einer Sache verpflichtet, die im Grunde genommen keinen Sinn ergab. Jagen und gejagt werden, töten und getötet werden. Und am Ende, wenn alles vorbei war, gingen die anderen, die diesen Krieg angezettelt und selbstverständlich überlebt hatten, wieder zur Tagesordnung über. Sein Gang zur Armee war eine einzige Flucht gewesen. Eine Flucht vor sich selbst und seiner Vergangenheit, hin zu einem Meer von Flüchtenden, die im Kampf um Anerkennung und Achtung |736|ihre Seele an jene verrieten, die in den allermeisten Fällen nicht an der Rettung der Welt, sondern nur an ihrer eigenen Macht interessiert waren. Wenn es so weiterginge, käme am Ende jenes Chaos zu Tage, von dem die Johannes-Apokalypse bereits berichtet hatte und was ihm von Rona und Lyn eindrucksvoll bestätigt worden war.
Entschlossen richtete Jack seinen Blick auf die Backsteinvilla. Ein imposantes, weißes Gebäude, mit einer von dicken Säulen gestützten Veranda, das sein Vater vor mehr als fünfzig Jahren erbaut hatte. Es bildete das Herzstück der beeindruckenden Anlage aus kleineren Häusern, Scheunen und Stallungen.
Ohne Scheu schritt Jack voran. Irgendetwas in ihm hatte ihn hierhin geführt, etwas Göttliches, etwas Unbegreifliches, und es würde ihn auch darüber hinaus leiten.
Als er die Tür zum Sekretariat öffnete, kam ihm eine hübsche Blondine im Minirock entgegen, ein richtiges Südstaatenmädchen. Wobei sie in Wahrheit kein Mädchen mehr war. Sie hatte bereits ein paar Fältchen um die Augen, aber immer noch eine perfekte, leicht füllige Figur, auf die Jack so sehr stand. Er mochte keine Hungerhaken, wie er es nannte, aber selbst dafür war ihm in den letzten Jahren kaum Zeit geblieben.
»Jack?« Die Frau schaute ihn prüfend an. »Mein Gott, Jack?« Sie lächelte ein strahlendes und doch unsicheres Lächeln, während sie seine merkwürdige Aufmachung mit ihren großen, blauen Augen scannte. »Trägt man so was jetzt bei der Army?«
Er rang sich ein gequältes Lächeln ab. »Bella Lacrosse, ich glaube es nicht«, erwiderte er und rollte das R länger als nötig. Indem er ihr einen Namen gab, wurde sie automatisch Realität. Sie waren zusammen zur Highschool gegangen und hatten sich nach einem harmlosen Flirt aus den Augen verloren. Jetzt schien sie für seinen Vater zu arbeiten. Sie trug keinen Ring. Das sah er sofort. »Wusste gar nicht, dass eine Highschool-Queen wie du mit einer Schreibmaschine umgehen kann?«
Sie schluckte die Anspielung auf ihre heiße Vergangenheit ohne ein Wort und schaute ihm neugierig ins Gesicht. »Weiß dein Vater, dass du hier bist?«
»Nein.« Er schüttelte energisch den Kopf. »Ist eine Überraschung:«
»Die wird dir gelingen«, sagte sie und lachte hell auf. »Vielleicht sollte ich schon mal seine Herztabletten bereitlegen.«
|737|Jack schaute alarmiert auf. »Geht’s ihm nicht gut?«
Sie grinste frech und griff zum Telefon. »Ich glaube, es gibt kaum einen Siebzigjährigen, der fitter ist als er.«
Als der weißhaarige Arthur Hilarius Tanner wenige Minuten später im Sekretariat seiner Ranch eintraf, gerieten seine ansonsten vitalen Knie so unvermittelt ins Zittern, dass er sich am Türrahmen festhalten musste. Wie vom Donner gerührt, betrachtete er seinen Sohn, der entgegen seiner sonstigen Gewohnheit nun einen blonden Vollbart trug.
»Dad?« Jacks Stimme bebte ungewollt, als er dieses Wort aussprach, als ob es selbstverständlich wäre – was es nicht war.
Schnell hatte der alte Tanner zu seiner gewohnten Fassung wiedergefunden, als feststand, dass es tatsächlich sein Sohn war, der sich da vor ihm aufbaute. Mit krächzender Stimme bat er ihn in sein privates Sprechzimmer. »Haben sie dich in Afghanistan rausgeschmissen?«, fragte er trocken.
»So ungefähr, Dad«, erwiderte Jack mit einem flüchtigen Grinsen. »Die Sache mit dem heiligen Krieg ist mir mit der Zeit auf den Magen geschlagen, und deshalb würde ich nun gerne bei dir anheuern.«
»Du bist dir tatsächlich sicher, dass dir lieber Pferdeäpfel um die Ohren fliegen sollen statt Granaten?« Hilary, wie ihn hier alle scherzhaft nannten, schaute seinen Sohn immer noch an, als ob er an dessen Verstand zweifeln würde. »Aber du bist nicht irgendwie krank, oder?« Er blickte ihn mit schmalen Lidern an und tippte sich an die faltige Stirn. »Ich meine im Kopf. So was soll bei Leuten, die aus dem Krieg zurückkommen, keine Seltenheit sein, habe ich mir sagen lassen. Ich kenne es noch von Vietnam, und schließlich war es der Grund, warum ich nicht wollte, dass du zur Armee gehst. «
»Nein«, antwortete Jack. »Mach dir keine Sorgen, Dad. Ich habe mich nie besser gefühlt.«
Hilarius schien dem Braten immer noch nicht zu trauen. »Okay«, sagte er gedehnt. »Dann halt dich an diese bezaubernde Lady dort draußen in meinem Empfang. Sie wird dir den Plan für die Woche diktieren, du fängst Montag an, wie alle anderen. Denk bloß nicht, dass dir hier jemand ein extra Steak brät, nur weil du der Sohn des Chefs bist.«
»Dad?«
»Ja?« Hilarius war bereits bei der Tür, um sie zu öffnen und seinen Sohn höflich, aber bestimmt hinauszukomplimentieren. Jack konnte |738|beinahe körperlich spüren, wie viel Kraft es seinen Vater kostete, zumindest nach außen hin gleichgültig zu bleiben. Doch so leicht kam er Jack nicht davon. Jacks Blick fiel auf die Ahnentafel, die über dem Schreibtisch hing. Er war Hilarius’ Erstgeborener und hätte eigentlich nach dessen Tod Anspruch auf die Farm gehabt. Doch das war ihm nun nicht mehr wichtig. Viel wichtiger war ihm, dass ihm der Alte vergab. Er ging auf ihn zu, und als er nahe genug war, fiel er seinem überraschten Vater um den Hals und drückte ihn fest. In einem Spiegel konnte er sehen, wie sein Vater tatsächlich ein paar Tränen wegblinzelte. Als er sich von Jack löste, räusperte er sich und wandte sich zur Tür. »Du stinkst nach Kamelmist, Junge, hat dir das schon jemand gesagt? Vielleicht solltest du ein Bad nehmen, bevor du anfängst zu arbeiten, sonst irritierst du mir noch die Stuten.«
Als Jack der attraktiven Bella in eines der Arbeiter-Apartments folgte, wo er auf eigenen Wunsch einziehen würde, fiel sein Blick beim Eintreten auf das altmodische Schnurtelefon, das im Eingang auf einem Schränkchen verstaubte. Nachdem Bella gegangen war und er sie beim Abschied nach ihrer privaten Mobiltelefonnummer gefragt hatte, mit dem Hinweis, dass man gelegentlich mal zusammen einen Drink nehmen könnte, um an alte Zeiten anzuknüpfen, zog es ihn zu dem lindgrünen, an sich harmlos aussehenden Apparat.
Einen Moment lang haderte er mit sich, bevor er zum Hörer griff und ihm ein Freizeichen bestätigte, dass das Telefon tatsächlich funktionierte.
Zögernd wählte er eine altbekannte Nummer.
»Ist da das Pentagon?«
»Ja. Wen möchten Sie sprechen?«
»Geben Sie mir bitte den Sonderbeauftragten für Israel und die arabischen Staaten. Ich hätte da eine wichtige Mitteilung zu machen.«
August 1119 – Damaskus
Lyn schmiegte sich immer noch in Khaleds Umarmung, in die er sie spontan gezogen hatte, als plötzlich das geheimnisvolle Licht aufgeleuchtet hatte. Erstaunt blickte sie über seine Schulter hinweg in ein |739|zerklüftetes Land, das von Kirchen und Klöstern dominiert wurde. Inmitten einer riesigen Talsenke lag eine weitverzweigte Stadt mit etlichen Türmen und kleinen Palästen.
»Nablus«, flüsterte er. »Warum hat uns das Wunder des Steins ausgerechnet hierhergeführt?«
»Keine Ahnung«, antwortete Lyn, immer noch ganz ergriffen von der jähen Veränderung. »Ich habe mir nur vorgestellt, für immer bei dir zu sein, ganz gleich, wohin es uns verschlägt.«
»Bei Allah, er ist groß und erhaben, es ist das Gleiche, was ich gedacht habe.« Seine dunkle Stimme jagte ihr einen wohligen Schauer über den Rücken. Sie spürte seinen warmen, feuchten Atem an ihrem Ohr und wie er die Stelle dahinter küsste.
»Damaskus wäre mir lieber gewesen.« Er lachte leise. »Ich habe mir so fest gewünscht, meinen Vater noch einmal lebend zu sehen, ihn vielleicht vor seinen Mördern warnen zu können.«
»Wer sagt dir, dass das nicht mehr möglich ist? Wer den Felsen berührt, für den ist alles möglich.« Sie küsste sein bärtiges Kinn, und dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und traf seinen Mund. Seine Lippen verführten sie zu mehr, und sie verlor sich mit ihm in einem intensiven Kuss.
»Lass uns nicht länger warten«, sagte sie schließlich und fasste ihn bei der Hand. »Wir sollten herausfinden, wo wir sind und was uns widerfahren ist.«
»Hast du Geld?«, fragte Khaled.
»Natürlich.« Lyn fasste in ihre Taschen und zog ein Säckchen mit Goldmünzen hervor. »Außer an dich habe ich an alles gedacht, was wir benötigen, um angemessen leben zu können«. Sie lächelte verschwörerisch.
Gemeinsam wanderten sie mit unzähligen Menschen zum Stadttor, bezahlten den Zoll, und Lyn fragte beiläufig einen Soldaten, welches Jahr man schrieb. »1119 Jahre nach der Fleischwerdung unseres Herrn«, brummte der Wachhabende, ein struppiger Kerl, der nur einen Speer und einen zerschlissenen Wappenrock des Königs von Jerusalem trug.
»Ist es die richtige Zeit?« Lyn schaute Khaled fragend an.
»Ich denke ja«, murmelte Khaled. »Mein Vater müsste nun fast dreißig Jahre alt sein. Ich war der Zweitjüngste in meiner Familie und werde erst in zehn Jahren geboren.«
|740|Der Soldat hatte das Gespräch interessiert verfolgt und schaute verwundert hinter ihnen her.
»Könnt Ihr uns eine Herberge für die Nacht empfehlen«, fragte Lyn einen Kamelhändler, während sie ihm die zwei Goldmünzen für das Tier hinzählte, das sie sich bis Damaskus ausleihen wollten, und noch eine Silbermünze dazu, damit er es noch bis zum nächsten Tag in seine Obhut nahm.
»Die einzige Herberge, die Zimmer vermietet, steht dort drüben«, sagte der Mann und deutete auf einen mehrstöckigen Flachbau, der von hohen Dattelpalmen umgeben war und vor dessen Eingang mehrere angebundene Pferde standen.
Gelächter schallte herüber. »Franken«, zischte der Kamelwirt und spuckte verächtlich aus. »Sie sind eben erst von der Küste gekommen und benehmen sich bereits, als ob ihnen die ganze Stadt gehörte.«
Khaled sagte kein Wort, als Lyn und er die staubige Straße hinuntergingen.
Er als ihr Ehemann immer einen Schritt voraus, wie er ihr erklärt hatte, damit niemand dumme Fragen stellte oder sie für eine Dirne hielt, was leicht geschehen konnte, wenn sie Hand in Hand umhergestreift wären.
Im Untergeschoss der Herberge hatte der Wirt ein paar Tische und Stühle aufgestellt und ein Fass Wein geöffnet, aus dem der syrische Rote in Strömen floss. Eine Schar von Männern, grobschlächtig, bärtig und bis an die Zähne bewaffnet, vergnügte sich mit ein paar halbangezogenen Weibern, die jedes Mal in anzügliches Kreischen verfielen, wenn ihnen grobe Männerhände unter die Kleider langten und ihnen Brüste und Hintern quetschten.
Als die Männer Lyn entdeckten, grölten sie ein paar anzügliche Bemerkungen. Khaled wollte das nicht auf sich sitzen lassen und bedrohte einen von ihnen mit seinem Krummschwert. Im Nu brach ein Tumult aus. Lyn wurde gegen einen Tisch gestoßen, und Khaled hielt ein paar Männer mit Schwertern in Schach. Der Wirt machte eine ängstliche Geste, weil er um sein Mobiliar fürchtete.
»Lasst die beiden in Ruhe«, rief jemand auf Altfranzösisch aus dem Hintergrund.
Dort saß eine Gruppe von neun im Vergleich friedlich wirkenden Männern, obwohl mit Schwertern und Dolchen bewaffnet und in verschiedenfarbigen |741|Wappenröcken, die allesamt französischer Herkunft waren, wie Khaled bemerkte. Einer der Männer hatte sich erhoben. Im Nu war es still, und Khaled verharrte wie ein sprungbereites Raubtier vor Lyn, um sie im Zweifel vor sämtlichen Kerlen zu schützen.
Obwohl der Mann, der das Wort ergriffen hatte, schon älter war und mit seinen kurzen rotbraunen Haaren und dem kurzgeschorenen Bart eher unscheinbar wirkte, ging von ihm eine besondere Schwingung aus, die nicht nur Lyn mühelos spüren konnte.
»Wer seid Ihr?«, fragte sie und warf einen raschen Blick auf seine Gefährten, die sich mit ihm erhoben hatten. Obgleich sie ausnahmslos jünger waren, strahlten sie eine ähnliche, stille Würde aus wie ihr Anführer. Er lächelte steif. »Wenn Ihr mir verraten wollt, mit wem ich die Ehre habe, junge Dame, sage ich Euch gerne meinen Namen.«
»Mein Name ist Lyn«, antwortete sie. »Mein Ehemann und ich wollen nichts weiter als ein wenig Ruhe, um zu essen und zu trinken und ein Zimmer für die Nacht.«
»Meine Männer und ich werden dafür sorgen, dass Euch niemand behelligt.« Sein strenger Blick fiel auf die Meute, die nun murmelnd zur Ruhe gefunden hatte. »Setzt euch doch zu uns.«
Nachdem Lyn und Khaled Platz genommen und ihre Bestellung aufgegeben hatten, räusperte sich ihr Beschützer, der immer noch aufrecht neben ihnen stand.
»Zu unserer Ehre muss ich gestehen: Die Männer gehören eigentlich nicht zu uns. Es sind angeheuerte Söldner des Königs, die uns nach Jerusalem begleiten, wo wir am Königshof erwartet werden.« Er verbeugte sich formvollendet. »Hugues de Payens, Herr von Montigny-Lagesse, Begründer eines neuen Ordens zu Ehren der Heiligen Mutter.«
Lyn rang vor Überraschung nach Atem. Payens war der Begründer des Ordens der Templer. Nur dass sie nun noch nicht so hießen. Schließlich stand die Übergabe des Ordenshauses auf dem Tempelberg erst unmittelbar bevor. Aber dieser Mann war unzweifelhaft derjenige, nach dem Rona und sie laut Lion hätten suchen sollen. Sein Name war es, den sie Jahre später auf einem Templer-Grabstein lesen würde.
Rasch fuhr ihr Blick über seine Begleiter. Und nun erst sah sie, dass einer von ihnen André de Montbard sein musste. Viel jünger, als sie ihn in Erinnerung hatte. Ein stattlicher Jüngling, groß, athletisch, mit kurzem, braunem Haar und klaren, graubraunen Augen, die eine unergründliche |742|Begeisterung ausstrahlten. Ein anderer war Godefroy Bisol. Schlaksig wie auch später noch, fiel ihm das blassblonde Haar in die hohe Stirn, und in seinen hellen Augen lag eine leichte Verwirrung, die er auch im Alter nicht ablegen würde. Noch hatten die jungen Ritter keine Ahnung, was in den nächsten Jahren alles auf sie zukommen würde.
»Wenn Ihr der seid, der Ihr vorgebt zu sein«, erwiderte sie leise, »geht mit mir nach nebenan, in einen abgeschlossenen Raum, ich muss dringend mit Euch unter vier Augen sprechen.«
»Denkst du, Payens hat dir alles geglaubt«, wollte Khaled wissen, als sie nach einer kurzen Nacht im Dunst des anbrechenden Tages ihr Kamel abholten.
Die Templer waren bereits im Morgengrauen aufgebrochen. »Er hat meine Prophezeiungen merkwürdig kommentarlos zur Kenntnis genommen«, erwiderte Lyn. »Ich habe ihm alles erzählt, über uns und meine spätere Begegnung mit Montbard und Bisol. Er war sehr interessiert, aber ich konnte nicht spüren, ob es ihn nachhaltig beeindruckt hat.« Sie seufzte. »Wenigstens hat er mich nicht verflucht. ‚In Gottes Namen’ war das Einzige, was er gesagt hat. Und dass ich mit niemandem sonst darüber sprechen soll.«
Khaled lächelte schwach. »Immerhin hat er dich nicht ausgelacht oder dich wegen Häresie gefangen nehmen lassen, das ist doch schon was.«
Lyn saß hoch oben auf dem Kamel und lächelte.
»Er hat es nicht für sich behalten«, sagte sie. »Bruder André war nicht nur über das Versteck des Kelches informiert – er wusste, wo das Geheimnis der Lade zu finden war, und es muss der Grund gewesen sein, warum er nicht überrascht reagiert hat, als er uns zum ersten Mal begegnet ist.«
»Denkst du, dass der Überfall auf uns im mauretanischen Viertel geplant war? Ich meine, wenn jemand gewusst hat, dass wir kommen, könnte er es auch auf uns abgesehen haben.«
»Das werden wir nicht mehr herausfinden. Ich glaube, nur die Eingeweihten wussten um das Geheimnis. Und trotzdem haben sie nichts geändert«, bemerkte Lyn nachdenklich.
»Wer weiß«, sagte Khaled. »Vielleicht haben sie ja etwas geändert, aber für uns ist es unbemerkt geblieben.«
Als sie inmitten von Damaskus vor dem Herrschaftssitz der Familie |743|al-Mazdaghani haltmachten, schlug Khaled das Herz bis zum Hals. Er und Lyn hatten sich neu eingekleidet, um nicht wie Bettler daherzukommen. Khaled trug eine goldbraune Hose, einen golddurchwirkten Kaftan und neue Stiefel. Lyn hatte eine bodenlange, veilchenblaue Seidentunika gewählt, die ihre einzigartige Augenfarbe unterstrich, dazu einen passenden Schleier und goldene Lederpantoffeln. Außerdem hatten sie ein paar Geschenke eingekauft: Parfüm, seldschukischen Honig und etwas Weihrauch. In dem weißen, palastähnlichen dreistöckigen Gebäude hatte Khaled seine kurze Kindheit verbracht. Nur noch vage erinnerte er sich an die Palmenhaine, die das Haus umgaben, und den kühlen Innenhof, in dem ein Springbrunnen mit einem Löwenkopf an heißen Tagen für die nötige Erfrischung sorgte.
Eine Dienerin huschte hinaus und war ganz erschrocken, als Khaled sie am Arm packte, um sie aufzuhalten. Als sie an ihm hochschaute, war ihr Blick noch verwirrter. »Seid Ihr ein Verwandter meines Herrn?«, fragte sie verblüfft.
»Ich denke schon«, gab Khaled geistesgegenwärtig zurück. »Jedenfalls sagte mir das meine verstorbene Mutter, die vor ihrem Tod meinte, in diesem Haus würde ein entfernter Oheim von uns leben.«
»Bei Allah und seinem Propheten, Ihr seht genau aus wie unser Herr«, erwiderte die Frau lächelnd. »Ihr könntet glatt sein jüngerer Bruder sein.«
Mit einer leichten Verlegenheit bat sie ihn und Lyn, die Khaled als seine Frau vorstellte, ins Haus. Dann verschwand sie hinter einer der vielen Türen.
Khaled und Lyn warteten gemeinsam eine Weile in der prächtigen Halle, die an Decken und Wänden mit reichen Goldornamenten geschmückt war.
Lyn ergriff Khaleds Hand, die trotz der Hitze eiskalt war.
»Man sagte mir, ich habe Besuch.« Die Stimme war dunkel und wohltönend.
Die beiden fuhren herum. Der Mann klang wie Khaled, und er sah aus wie Khaled. Nur dass er im Gegensatz zu seinem Sohn eine blütenweiße Hose und einen Kaftan trug, der mit Goldborten verziert war. Auch ihm war die Verblüffung über Khaleds Aussehen anzumerken.
»Kennen wir uns?« Mahmud Al-Mazdaghani Ibn Asnar schaute seinen Gästen prüfend ins Gesicht.
|744|»Ich fürchte nein«, entgegnete Khaled und wunderte sich über sich selbst, dass seine Stimme so fest blieb. »Mein Name ist Khaled, und man sagte mir, wir seien verwandt.«
»Das glaube ich gerne«, erwiderte der Mann und breitete seine langen Arme aus. »Wer immer du auch bist, mein Bruder, wenn ich dich so ansehe, gibt es keinen Zweifel, dass du zu unserer Familie gehörst. Komm zu mir und lass dich umarmen.«
Khaled machte einen Schritt nach vorn, und als der Mann ihn an sich drückte, spürte er dessen Herz schlagen. Ein dumpfes Pochen, das in seinem eigenen Herzen ein Echo fand. »Vater«, flüsterte er lautlos, und während er Lyn, die abseits stand, anschaute, rann ihm eine Träne über das Gesicht.
August 2151 – Sinai – Lion
»Es ist ausgesprochen mutig von dir, dass du mit mir gehen willst«, hatte Rona noch soeben gesagt, als sie durch das Licht gegangen waren. Sie hatte dabei Arnauds Hand so fest umklammert, dass es ihn schmerzte. Immerhin war sie so stark wie fünf Kerle, und ihre Zartheit war nur eine Tarnung. Dass er sie mehr als anziehend fand, stand nicht zur Debatte, und für die Entscheidung, sie nicht verlieren zu wollen, ganz gleich, was er mit ihr durchleben musste, hatte es keines Wimpernschlags gebraucht. Dabei hatte er sich keine Illusionen gemacht, was sie womöglich erwartete. Nach allem, was er von ihrer Welt in den Aufzeichnungen des Timeservers gesehen hatte und nach all ihren düsteren Erzählungen über das Chaos, das dort herrschte, rechnete er mit einer Hölle, doch nun standen sie inmitten eines Paradieses.
Rona schien selbst total überrascht. »Was …«, stammelte sie und sah sich staunend um. Umgeben von einer blühenden Landschaft, trafen ihre Blicke ausschließlich auf gepflegte Parkanlagen, und die Menschen um sie herum trugen bequeme, helle Kleidung und wirkten äußerst entspannt. Die Sonne schien, der Wind strich warm und weich über Büsche und Blumen. Überall herrschte ein geschäftiges Treiben, und die Häuser ringsumher hatten seltsam glatte Formen mit großen Fenstern und runden Dächern, die sich harmonisch in die Natur einfügten. Der Himmel war klar und blau, und die Luft roch sauber |745|und frisch, denn so, wie es aussah, gab es hier weder Autos noch Flugzeuge.
Rona hielt Arnaud immer noch an der Hand gefasst und zog ihn mit sich, hinauf zu einem Hügel, auf dem ein monumentales Gebäude thronte, davor war das metallisch funkelnde Denkmal eines Mannes zu sehen. Er sah aus wie ein griechischer Gott. Groß und athletisch, mit kurzgeschnittenem Haar. Allerdings trug er im Vergleich zu den Fußgängern, die den großen Platz ringsumher überquerten, einen altmodischen Anzug, wie er zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts üblich gewesen war.
Rona hielt nach jemandem Ausschau, der ihr geeignet erschien, um ihr eine Auskunft über ihren Aufenthaltsort zu erteilen. Dass sie sich weit in der Zukunft befanden, daran bestand kein Zweifel. Es gab Teleportationskammern, die offenbar die Funktion von Bushaltestellen übernahmen, und holographische Anzeigen gehörten flächenübergreifend zum Alltag. Jedoch die Botschaften, die sie überbrachten, waren so ganz anders, als Rona es aus ihrem Leben gewohnt war.
Arnaud war vor der Statue stehen geblieben und rieb sich ungläubig die Augen, als er den Bronzemann näher betrachtete.
»Das ist doch Tanner, oder sind meine Augen durch das Licht aus der Höhle geblendet?«
Rona schaute flüchtig zu der Figur hoch. »Seltsam, er sieht Tanner tatsächlich verblüffend ähnlich.« Völlig irritiert hielt sie eine Passantin an. Die Frau strahlte eine unablässige Freundlichkeit aus. »Friede sei mit dir, meine Schwester«, sagte sie und schaute an Rona hinab, als ob sie höchstpersönlich für deren heruntergekommenen Aufzug verantwortlich wäre.
»Ich benötige dringend eine Auskunft.« Rona nahm die Frau ein wenig beiseite, weil sie nicht wollte, dass jemand ihr Gespräch belauschte. »Wir sind nicht von hier, wie du dir vielleicht denken kannst«, begann sie vorsichtig. »Ich wüsste gerne, wo wir sind, welches Jahr wir schreiben und wer hier die politische Führung innehat.«
Die Frau warf ihr einen seltsam berührten Blick zu. »Kommt ihr aus einer anderen Zeit?«
»Woher weißt du …?« Rona verschlug es beinahe die Sprache.
»Du siehst so aus, als ob du aus der Ära vor der großen Wende kommst. Manchmal tauchen Gestrandete hier auf, die das Geheimnis |746|des Steins noch vor seinem eigentlichen Entdecker gefunden haben. Ihre Vorstellung von einer besseren Welt trägt sie hierhin.«
»Entdecker?« Rona sah sie begriffsstutzig an. »Welcher Entdecker?«
»Jack Tanner«, bekannte die Frau mit einem merkwürdigen Glanz in den Augen. »Ihm haben wir es zu verdanken, dass sich die Welt von einer Hölle in ein Paradies verwandelt hat. Er hat damals die Höhle mit den heiligen Steinen gefunden.« Sie deutete auf einen von Glas eingefassten Felsen, der Teil des monumentalen Gebäudes war. »Seither hat die Menschheit einen Gedankenwechsel vollzogen und lebt nun ohne Gewalt, ohne Hunger und ohne Angst.« Sie lächelte milde. »Es muss ziemlich furchtbar gewesen sein, dort, wo ihr herkommt.«
Rona musste sich einen Moment fassen, bevor sie weitersprechen konnte. »Kennt man hier vielleicht einen Lion Ho Chang?« Sie musste es einfach wissen, ob er noch lebte – ja, überhaupt je gelebt hatte –, immerhin war er ein gefürchteter Rebellenführer gewesen, vielleicht kannte die Frau ihn noch aus historischen Aufzeichnungen.
»Kennen?« Die Frau lachte herzhaft. »Er ist unser Präsident, und das nun schon seit mehr als fünfzig Jahren. Wenn ihr Fragen an ihn habt – dort drüben ist das Parlamentsgebäude. Er hält dort einmal am Tag eine holographische Audienz, um mit den Bewohnern des gesamten Planeten zu sprechen. Aber soweit ich weiß, sind die Rückmeldungen wegen fehlender Probleme ziemlich gering. Deshalb verfügt er über eine Menge Zeit.«
Rona bedankte sich mit einem sprachlosen Nicken. Ihr hatte es die Stimme verschlagen. Arnaud sah sie aufmunternd an. »Offenbar sind Gottes Wege doch unergründlich, und sie lassen sich sogar verändern, wenn man über den richtigen Zugang verfügt.«
»Ich weiß nicht, ob ich damit zurechtkomme«, murmelte Rona und starrte selbstvergessen auf den in Glas gefassten Felsen.
»Womit?« Arnaud sah sie herausfordernd an. »Mit dem Frieden?«
»Damit, dass es hier nichts mehr gibt, wofür ich kämpfen muss.«
»Da möchte ich dir widersprechen.« Er lächelte sie an. »Wenn du willst, können wir um die Liebe kämpfen, jeden Tag. Ich stelle mich freiwillig als dein Trainingspartner zur Verfügung.« Ohne ihre Zustimmung abzuwarten, zog er sie in seine Arme und küsste sie. Er hielt inne und seufzte. »Ich hoffe, du bist mir nicht böse. Dich und den Frieden, das war alles, was ich mir gewünscht habe.«
|747|Gemeinsam gingen sie auf den Präsidentenpalast zu und traten in eine Art Thronsaal. Aus irgendeinem Grund fühlte sich Rona zwischen den glatten, weißen Mauern nicht wohl. Arnaud erschrak leicht, als das blaue Licht vor ihm in eine fließende Bewegung überging und ein mongolisch anmutender Mann vor ihm saß, den er nur aus Ronas Erzählungen kannte.
»Meine Tochter, mein Sohn, was kann ich für euch tun?«
Rona starrte ihr holographisches Gegenüber an, als habe sie einen Geist vor sich stehen. Er hatte sich nicht sehr verändert, jedoch in seinen Augen fehlte das Feuer, für das sie ihn immer so bewundert hatte.
»Ich bin’s, Rona … Erkennst du mich noch? Hat Tanner von uns erzählt?« Sie wartete eine gefühlte Ewigkeit, doch er reagierte nicht. »Lion, sieh mich an, du hast uns damals in die Vergangenheit entsandt, um die Welt zum Guten zu verändern. Glückwunsch, offenbar ist es dir mithilfe unseres Kameraden Jack Tanner tatsächlich gelungen.«
Auf dem Gesicht ihres ehemaligen Vorbilds zeichnete sich eine leichte Irritation ab, doch dann fing er sich wieder. »Das heißt, du und dein Begleiter, ihr wart mit Jack zusammen auf dieser Mission?«
Rona nickte. Nervös schaute sie sich um. Sie spürte die Gefahr, konnte jedoch nicht sagen, woher. Sie drückte Arnauds Hand, damit er bemerkte, dass etwas nicht in Ordnung war, schließlich trug er immer noch sein gewaltiges Schwert.
Als plötzlich vier weißgekleidete Männer wie aus dem Nichts auftauchten und sie mit einem Fusionslaser bedrohten, stieß sie einen Fluch aus. »Was soll das, Lion?«, schrie sie das Hologramm an. »Was hast du mit uns vor?«
»Du musst das verstehen, Rona. Ich kann hier niemanden dulden, der mit Gewalt konfrontiert worden ist. Es ist wie ein Virus, der um sich greifen könnte. Wir müssen entweder alle eure Erinnerungen löschen oder euch töten. Es bleibt mir keine andere Wahl.«
Ronas panischer Blick fiel auf den glitzernden Felsen, der von der durchsichtigen Scheibe geschützt wurde. Blitzschnell zog sie Arnaud das Schwert vom Gürtel und griff einen der Männer an, der einen Fusionslaser auf sie gerichtet hielt. Mit einem gezielten Hieb schlug sie ihm die Waffe aus der Hand.
Arnaud, der kaum wusste, wie ihm geschah, duckte sich gerade noch rechtzeitig, bevor ihn der helle Strahl eines Angreifers erwischte. Rona |748|hielt ihren Gegner mit dem Schwert auf Abstand und griff sich den Laser. Im Grunde hatte sich überhaupt nichts verändert, ging es ihr durch den Kopf, als sie ihn mühelos scharf stellte. Es war alles noch wie in jenen Tagen, als sie vor den Agenten der Neuen Welt geflohen waren, mit der Ausnahme, dass die Menschen in dieser Welt nicht hungerten und offenbar ein merkwürdiger Friede herrschte und dass Lion nun der Chef dieser vermeintlichen Idylle war.
Mit einem gezielten Schuss zerstörte sie die Scheibe, die den Felsen umhüllte, und im Nu breitete sich ein gleißendes Licht aus, das all ihre Sinne erfasste. Lions Schergen wurden wie sie selbst von der Frequenz des freigelegten Steins erfasst und hielten sich ihre Köpfe.
Arnaud war mit Rona zu Boden gegangen. »Was ist hier los?«, brüllte er im allgemeinen Tumult.
Rona blieb ihm eine Antwort schuldig. »Wo wärst du mit mir hingegangen, wenn nicht hierher?«, schrie sie zurück, die Waffen ihrer Angreifer, die jeden Moment wieder zu sich kommen konnten, immer noch im Blick.
»Nach Hause, in den Languedoc, in die Zeit nach dem Tod Phillips IV. von Franzien«, rief er ihr atemlos zu.
»Rasch, stell dir vor, dort zu sein!« Sie schloss die Augen und krallte sich in seine Kleider, als ob sie eine Ertrinkende wäre.
»Kein Problem«, raunte Arnaud und schloss die Augen.
Dann war es plötzlich still. Eine Nachtigall zwitscherte, ein Wolf heulte, und ein warmer Nachtwind rauschte von den Bergen herab durch die dunklen Täler.
»Wo sind wir?«, krächzte Rona und stellte beruhigt fest, dass Arnaud neben ihr auf einem steinigen Vorsprung hockte.
»In meiner Heimat«, flüsterte er und deutete mit aufgerissenen Augen auf die schwarze Silhouette einer stattlichen Burg, die sich unter einem strahlenden Vollmond auf dem gegenüberliegenden Felsplateau erhob. »Darf ich vorstellen«, er grinste entrückt, »der Familiensitz der Herren von Mirepaux. Wenn du willst, könnte das unser neues Zuhause werden.«
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