Kapitel 22

Totenklage

Juli 1153 – Gaza

 

Gegen halb fünf Uhr morgens tat Thibault, der als Glücksbringer berüchtigte Festungshahn, seinen ersten Schrei. Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten der rund einhundert Templer, die zusammen mit ihren Waffenknechten und Knappen die Nacht im provisorisch eingerichteten Dormitorium der Templer-Festung in Gaza verbracht hatten, schon längst auf den Beinen. Tanners Plan, eine Belagerungsmaschine mit mehreren hundert Pfund Donnerkraut in geschlossene Fässer zu füllen, um sie dann in unmittelbarer Nähe zur Festungsmauer von Askalon mithilfe eines Brandpfeils zur Explosion zu bringen, war auf fruchtbaren Boden gefallen.

Jack war entsprechend nervös, als er sich neben Gero erhob und auf das geschäftige Treiben um sie herum blickte. Nachdenklich rieb er sich den Nacken und begann sich anzukleiden. Beim Anblick seines Schwertes und des danebenliegenden Kettenhemdes stieß er ein Schnauben aus. »Vielleicht hätte ich einfach mal meine vorlaute Klappe halten sollen«, sinnierte er laut und beobachtete Gero, der über seinem weißen Wappenrock mit dem roten Kreuz auf der Brust nun den doppelten Schwertgürtel um die Hüfte legte.

»Wenn das funktioniert, was du vorgeschlagen hast«, sagte Anselm, der übernächtigt auf seiner Pritsche hockte, »bekommst du wahrscheinlich einen Orden, der mehr wert ist als alle Auszeichnungen der US Army.« |627|Tanner lachte freudlos. »Falls ich es überleben sollte …«

»Mensch«, munterte Anselm ihn auf, »stell dir vor, du bist es, der die Geschichte verändert.«

»… oder dazu beiträgt, dass sie sich wiederholt.«

Tanner ließ seinen Blick durch die kahle, hohe Halle schweifen, durch deren offene Spitzbogenfenster die erste Morgenröte hereinleuchtete. Von draußen wehte ein frischer Wind durch die Ritzen, und das Rauschen des Meeres entfaltete eine beruhigende Wirkung, die das Aufstehen erschwerte. Die meisten Männer bereiteten sich davon unbeeindruckt auf ihren Tagesdienst vor. »Meinst du nicht, die Jungs hier wären früher oder später von selbst auf die Möglichkeit mit dem Schwarzpulver gekommen?«

Gero schüttelte den Kopf. »Diese Idee hatte bisher noch niemand, obwohl sie so naheliegend scheint. Noch in der Nacht hat Balduin den Befehl gegeben, die notwendigen Rohstoffe für die von dir vorgeschlagene Mischung aus den übrigen Festungen herbeizuholen. Außerdem hat er die Belagerungsmaschine bis auf dreitausend Fuß in eine vorläufige Position bringen lassen. Jetzt muss er sie nur noch mit dem Sprengstoff füllen und dafür sorgen, dass die Fatimiden ihm mit ihren Brandpfeilen nicht zuvorkommen.«

Tanner stützte seine Ellbogen auf die Knie und schlug die Hände vor das Gesicht. »Wieso musste mir so was auffallen?«

»Gestern Abend auf der Lagebesprechung waren alle ziemlich beeindruckt von dir«, ermunterte ihn Gero. »Wundere dich also nicht, wenn Tramelay dir eine Beförderung zukommen lässt.«

»Die er mir spätestens dann wieder nimmt, wenn er mich im Zweikampf mit einem Sarazenen beobachtet«, erwiderte Tanner.

»Ich habe gehört«, wandte Johan ein, der bereits mit Stephano für das Frühessen bereitstand, »dass die Fatimiden durchaus Ausfallkontingente stellen, die kurz und zielgerichtet aus der Festung hervorstoßen und damit versuchen, die Christen auf Abstand zu halten.«

»Was will er uns damit sagen?« Tanner schaute fragend in die Runde.

»Dass du am Arsch bist, wenn dir einer von denen zu nahe kommt.« Anselm hob eine Braue und grinste schadenfroh.

»Danke für den Hinweis«, sagte Tanner und beeilte sich, das schwere Kettenhemd überzuziehen, wobei ihm Johan bei der seitlichen Schnürung half. Gero reichte ihm den Waffengürtel. Als Jack seine |628|Chlamys anlegte, fiel sein Blick auf das rote Kreuz, und er seufzte. »Hoffentlich kann ich damit genug Eindruck schinden, dass mich die Heiden erst gar nicht herausfordern«, scherzte er.

Gero wusste, was in ihm vorging. Tanner hatte Angst, würde es aber nicht sagen, selbst wenn er direkt in die Hölle einfahren müsste.

»Glaub mir«, sagte Gero und schlug Tanner auf die Schulter. »Das ist normal, uns geht es auch nicht anders. Lass uns zur Messe gehen, das hilft.«

Die Glocken hatten bereits zur Prim geläutet, dem ersten Morgengebet um sechs Uhr. Danach stand das Frühessen auf dem Plan, bei dem nicht allzu viel Kulinarisches erwartet werden durfte. Allerdings war offenbar in den letzten Tagen eine überraschende Besserung eingetreten. Nachdem Melisende ihr Schatzkästlein Geros und seiner Brüder wegen geöffnet hatte, hatte man endlich wieder Brot, Bier und Wein und auch Obst und Fleisch für die Ordensbrüder kaufen können. Hafer und Heu für die Pferde sollte ebenfalls per Schiff aus Marseille herangeschafft werden.

Nach dem Frühessen gab es eine weitere Lagebesprechung, an der Gero als neuer Kommandeur teilnehmen musste, und um neun Uhr läuteten schon wieder die Glocken zur Terz.

»Ich bin kein Christ«, gestand Tanner, als er Gero zum zweiten Mal an diesem Tag hinaus zur Kapelle folgte.

»Nicht?« Gero war überrascht. Über Tanners Glauben hatten sie sich nie unterhalten.

»Was denkst du denn, wer die Welt erschaffen hat?« Es war mehr eine Frage der Höflichkeit, als dass Gero sich wahrhaftig für Tanners Gedanken interessiert hätte.

»Ich halte die Möglichkeit, dass das Universum in einem Urknall entstanden ist und wir vielleicht von Außerirdischen abstammen, die einst auf unserem Planeten gelandet sind, für viel wahrscheinlicher.«

»Außerirdische!« Geros tonlose Bestätigung bezeugte, für wie irrsinnig er diese Äußerung hielt.

»Er meint menschenähnliche Wesen, die mit fliegenden Untertassen auf der Erde gelandet sind«, fügte Anselm hinzu, wobei er sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte.

Gero versuchte trotzdem ernst zu bleiben. Immerhin ging es um |629|Tanners religiöse Glaubensgrundsätze, denen er nicht respektlos begegnen wollte.

»Du meinst also, wir stammen von Engeln ab?«, versuchte er ihm entgegenzukommen.

»Nein.« Tanner schüttelte den Kopf. »Anselm ist der Sache schon nahegekommen, obwohl er sich ziemlich dämlich ausgedrückt hat. Ich denke, dass unsere Vorfahren vor Tausenden von Jahren von anderen Sternen auf die Erde gekommen sind, in einer Art Flugzeug, und dann sind sie hier gelandet und haben die menschliche Rasse begründet.«

»Und warum haben sie ihr Wissen nicht an die Menschheit weitergegeben?«

Johan, der neben ihnen schlenderte, warf Tanner einen fragenden Blick zu. »Ich meine, zu unserer Zeit, im Jahre des Herrn 1307, wusste niemand, wie man ein Flugzeug baut. Und hier freut man sich über Donnerkraut, das zu meiner Zeit gar keine Frage mehr wert war. Es ist doch merkwürdig, wenn du sagst, dass unsere Vorfahren angeblich bereits vor Tausenden von Jahren Flugzeuge bauen konnten und dass sie ihre nachfolgenden Generationen mit Steinschleudern haben hantieren lassen?«

Tanner überlegte einen Moment, furchte die Stirn und blieb Johan eine Antwort schuldig.

Auch Stephano war plötzlich munter geworden. Seine blaugrauen Augen leuchteten. »Werden dir diese … äh … Außerirdischen … wenigstens im Kampf beistehen, wenn du zu ihnen betest?«

Tanner stieß ein Schnauben aus und hob abwehrend die Arme. »Vergesst den Blödsinn«, meinte er, »ich habe einen Spaß gemacht.«

Für einen Moment herrschte betretenes Schweigen. Doch dann wurden sie mit einem Pulk von übermüdeten Kriegern mitgerissen, die unterschiedlich gerüstet aus sämtlichen Lagern zum Steinportal der großen Kapelle strömten. Unterdessen dröhnte vom Turm ein harter, sich ständig wiederholender Glockenschlag, der noch einen halben Tagesmarsch entfernt auch dem letzten Heiden klarmachen würde, dass die Christen sich soeben göttlichen Beistand sicherten.

Im Innern der voll besetzten Kapelle herrschte bis auf ein verhaltenes Husten hier und da absolutes Schweigen. Laut hallten die Schritte von Nachkömmlingen über den glatten Steinboden.

Balduin hatte mit seinen Grafen und Baronen in der ersten Reihe der |630|Kirchenbänke direkt am Altar Platz genommen. Den gewöhnlichen Rittern blieben Stehplätze. Gero stand mit seinen Leuten am Rande neben dem Eingangsportal und beobachtete aufmerksam das Geschehen.

Vor dem großen Opfertisch huschten Bischöfe und Kirchendiener umher, die dem Patriarchen dabei halfen, dessen goldene Insignien an die richtige Stelle zu platzieren. Über dem massiven Marmorblock, der mit einem juwelenbesetzten Tuch bedeckt war, baumelte in schwindelnder Höhe ein ausladender, schmiedeeiserner Rundleuchter, in dem zwölf armdicke weiße Kerzen brannten, für jeden Apostel eine. Der Geruch von verschwitzten Männern mischte sich mit dem von Bienenwachs, abgebrannten Dochten und Weihrauch. Hinter dem Altar hatte man das mannshohe silberne Kreuz aufgestellt, das man eigens von den Zinnen heruntergeholt hatte, damit es Balduin und seine Truppen wie immer in die Schlacht begleiten konnte.

Der Patriarch, ein gebücktes, uraltes Männchen mit schlohweißem Haar und einer runzligen Hakennase, erschien in einem blutroten Umhang und besprengte das Kreuz unter sonorem lateinischem Gemurmel mit einem, kunstvoll gefertigten goldenen Sprengel. Unermüdlich schöpfte er damit geweihtes Wasser aus einem goldgeschmiedeten Eimer, den ein Messdiener an einem Henkel neben ihm her trug.

Das Kirchengeläut ebbte ab, und der Patriarch kam endlich zu seiner eigentlichen Berufung – der Segnung der Ritter und Fußsoldaten. Aus eigener Erfahrung wusste Gero, dass der Segen der Mutter Kirche, der vor der Messe erteilt wurde, nicht nur die Kampfkraft stärkte, sondern auch die Gewissheit eines jeden einzelnen Söldners, im Paradies zu landen, falls die Schlacht nicht so glimpflich ablief, wie man es sich erhoffte.

Trotz seines hohen Alters und seines angegriffenen gesundheitlichen Zustandes eilte der Patriarch durch die engen Reihen der Krieger, um ja niemanden auszulassen. Stoisch ertrugen die Männer den stetigen Weihwasserregen, der mit einem »In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti« auf sie und ihre Schwerter herniederprasselte. Gero tropfte es auf die Lippen, und an dem Salzgehalt, den er schmeckte, als seine Zunge darüber fuhr, stellte er fest, dass es sich nicht um Süßwasser, sondern Meerwasser handelte. Bei der Wasserknappheit, die in der Festung und im gesamten Umland herrschte, sicher kein Frevel. Tanner |631|rieb sich den salzigen Segen irritiert aus den Augen, was sein Nachbar als gutes Zeichen wertete.

»Zumindest dein Augenlicht bleibt dir erhalten«, brummte er freudig.

Immer noch strömten Soldaten und Bedienstete anderer Orden in das überfüllte Gotteshaus. Offenbar hatte der Patriarch alles im Blick, weil er auch die Neuankömmlinge zuverlässig mit dem gesegneten Nass beglückte.

Insgesamt hatte Balduin mehr als fünftausend Soldaten unter Waffen, die nicht alle in die Kapelle passten, was bedeutete, dass der Patriarch noch einige seiner Bischöfe nach draußen ins Feld entsandt hatte, um die Fußsoldaten, Waffenknechte, Knappen und sogar Pferde und Maulesel zu segnen. Etwa zweieinhalbtausend Krieger würden am Angriff beteiligt sein. Der Rest hielt sich in Gaza und Umgebung bereit, um den Nachschub zu sichern oder einen Angriff aus dem Hinterhalt abzuwehren.

Plötzlich erscholl eine Fanfare. Selbst der fast hundertjährige Patriarch, der aufgrund seines Alters ein wenig schwerhörig war, hielt mitten in seinem Segen inne und schaute interessiert Richtung Eingangsportal.

Jemand stieß mit einem Zermonienstock hart auf den Steinfußboden und brüllte: »La Reine – die Königin!«

Geros überraschter Blick glitt zu Balduin, an dessen Lippen man ablesen konnte, was er dachte … »Il ne plus que ça – das hat gerade noch gefehlt.«

Sobald die Königin sich anschickte, die Kirche zu betreten, fielen sämtliche Ritter der Reihe nach demonstrativ auf die Knie. Melisende rauschte davon unbeeindruckt mit hocherhobenem Haupt, in einen blauen Samtumhang gehüllt, durch die Mitte des Kirchenschiffs und steuerte auf den Altar zu, wo ihre beiden Söhne mit sämtlichen Würdenträgern des Königreiches Platz genommen hatten. Sie ergatterte den letzten noch freien Stuhl neben Aimery, ihrem jüngsten Sohn, der wie Balduin und die übrigen Adligen zwar aufgestanden war, aber keine Anstalten machte, ihr seinen Platz zu überlassen. Beide Söhne neigten vorschriftsmäßig ihr Haupt und küssten der Mutter eher zögernd die Hand, die sie ihnen demonstrativ entgegenhielt.

Erst als Melisende ein kurzes, herrisches Zeichen gab, erhoben sich |632|die übrigen Adligen und Ritter wieder aus ihrer unterwürfigen Erstarrung. Die meisten von ihnen hielten jedoch nach wie vor ehrerbietig den Kopf gesenkt.

Gero spürte eine Hand an seiner Schulter, und als er sich umdrehte, war er überrascht, in Montbards graubraune Augen zu schauen. Nicht weit entfernt entdeckte er ein anderes Augenpaar, das einem Falken glich, der auf seine Beute lauert. Berengar von Beiruts teuflisch anmutender Blick sollte ihn wohl ängstigen, doch Gero schaute unbeeindruckt an ihm vorbei. Als er sicher sein konnte, dass er den Komtur von Jerusalem mit seiner Gleichmütigkeit verärgert hatte, wandte er sich wieder Montbard zu, wobei er allerdings die weiteren Geschehnisse am Altar nicht aus den Augen ließ.

»Wo habt ihr den Alten und meinen Knappen gelassen?«, flüsterte Gero Montbard von der Seite her zu. Nach wie vor war er beunruhigt, dass das Schicksal des Jungen nicht in seiner Hand lag.

»Ich habe Eure beiden Angehörigen in die Obhut meines treuen Bruders Godefroy Bisol gegeben«, raunte Montbard ihm zu. »Falls die Sache hier wider Erwarten schiefgehen sollte und Ihr zu Tode kommt, wird er sich um das Wohlergehen der beiden kümmern.«

»Wie beruhigend«, zischte Gero verärgert. »Ihr wollt mich also mit dem Leben der beiden unter Druck setzen?«

»Wo denkt Ihr hin, Bruder!«, beschwichtigte Montbard. »Ich habe sie nur vor Bruder Berengars Gier und Melisendes Rachegelüsten in Sicherheit bringen wollen, damit ihnen so lange nichts geschieht, bis ich dauerhaft für ihre Sicherheit garantieren kann.«

»Und was wird aus ihnen und uns, wenn Euer Plan nicht funktioniert und wir trotzdem am Leben bleiben?« Gero hatte Mühe, seine Gereiztheit zu unterdrücken. »Bruder Arnaud und Euer Assassine sind mir nach einem Zwischenfall, bei dem de la Trenta getötet wurde, in den Bergen begegnet. Durch Zufall habe ich von Arnaud erfahren, dass Ihr ihn und seine Begleiter, als Sarazenen verkleidet, im Auftrag der Königin zur Festung von Askalon entsandt habt, um das Geheimnis von dieser Seite zu lüften. Was geschieht, wenn sie zum Zeitpunkt unseres Angriffs noch auf der Festung sind? Und warum müssen meine anderen Brüder und ich unser Leben aufs Spiel setzen, wenn es Eurem Assassinen gelingen sollte, den Kelch schon vor Erstürmung der Festung für Euch in seine Obhut zu bringen?« Gero setzte eine unduldsame |633|Miene auf, bevor er fortfuhr. »In meinen Kreisen würde man sagen, Ihr spielt ein doppeltes Spiel, in dem am Ende alle die Verlierer sind – nur Ihr nicht.«

Montbard legte einen Finger auf die Lippen, während der Patriarch den feierlichen Choral anstimmte. »Euch geht es doch sowieso in erster Linie um die Rettung Eurer Frauen. Denkt Ihr, ich wüsste das nicht?«

Gero schwieg für einen Moment. Der Alte hatte ins Schwarze getroffen.

»Daher solltet ihr kein Risiko eingehen«, flüsterte Montbard mit einem lächerlich treuen Blick. »Vertraut mir einfach und fügt Euch Gottes Willen!«

Ohne das von Montbard empfohlene Gottvertrauen ging Gero zurück ins Dormitorium und verteilte seine Befehle.

»Anselm, du gehst in die Stallungen und sattelst unsere Pferde. Danach kontrollierst du unser Gepäck und unsere Wasserrationen. Auch das Verbandzeug muss überprüft werden. Unser Marschall besteht übrigens darauf, dass die Waffenknechte mit in den Kampf ziehen. Ihr werdet dem Haupttrupp in sicherem Abstand folgen, um bei Waffenverlusten oder wenn ein Tier zu Schaden kommt, für Ersatz zu sorgen.«

Gero sah dem deutschen Kameraden aus der Zukunft an, dass ihm seine Aufgaben nicht behagten. Rasch ging er dazu über, den übrigen Rittern die weitere Vorgehensweise zu erläutern.

Zur Mittagszeit wollte man den Belagerungsturm so nahe an die Festung herangebracht haben, dass eine einzige Sprengung die volle Wirkung entfalten konnte, um die Mauern zum Einsturz zu bringen. Dafür mussten zuvor syrische Turkopolen mit ihren schnellen Reflexbögen dafür sorgen, dass die Festungsmauern von fatimidischen Bogenschützen gesäubert wurden. Mit ihren Brandpfeilen bildeten die Fatimiden nicht nur eine Gefahr für die Belagerungstürme und deren Personal, sondern auch für das darin enthaltene Schwarzpulver und die Verteidigungslinien der Ritter, die möglichst zügig von allen Seiten herangeführt werden mussten, um Menschen und Material gegen die plötzlichen Reiterattacken der Fatimiden zu schützen.

»Ich würde etwas darum geben, wenn ich noch Zeit hätte, um bei den Jungs eine Keramik-Titanium-Weste einführen zu können«, scherzte Jack Tanner, nachdem Templer-Marschall und Oberbefehlshaber |634|Hugo Salomonis de Quily noch einmal höchstpersönlich in den Mannschaftsräumen erschienen war, um den donnernden Befehl zu erteilen, dass jeder kämpfende Ordensbruder zusätzlich Eichenholzplatten in der Waffenkammer zu empfangen habe, die ihn, vor Brust und Rücken verschnürt, gegen Armbrust- und Bogenpfeile schützen sollten.

Gero fragte sich schon seit dem Abmarsch aus Jerusalem, was mit dem Verbandmaterial und den Medikamenten geschehen war, die sie aus der Zukunft mitgebracht hatten. Nach ihrer Verurteilung blieb es spurlos verschwunden, und niemand hatte ein weiteres Wort darüber verloren.

»Und wenn der Feind dich ins Auge trifft, bist du verloren«, höhnte Johan leise.

»Ich nicht«, meinte Tanner. »Mir wurde das Weihwasser des Patriarchen direkt in die Pupille gespritzt.«

Gero hatte Jack bereits zuvor beim Anlegen der Leder- und Kettenbeinlinge geholfen. Beiläufig reichte er ihm nun die gepolsterte Sturmhaube und riet ihm, die Kettenkapuze darüberzuziehen, bevor er den im Feuer gestählten Normannenhelm mit Nasenschutz aufsetzte. Gero prüfte noch einmal den richtigen Sitz der Waffe in der hölzernen Schwertscheide, die mit einem Lederriemen gesichert war, damit sie nicht herausrutschen konnte.

Tanners Blick wirkte gequält, als er an sich herabblickte. »Als ehemaliger Angehöriger der US Marines bin ich schweres Gerät durchaus gewöhnt«, gab er nörgelnd zum Besten, »aber das hier ist mit Abstand die unbequemste Ausrüstung, die ich je getragen habe.«

»Wenn ich mich recht erinnere«, bemerkte Johan mit einem Augenzwinkern, »schützt eure Ausrüstung in deiner Zeit ebenso wenig vor dem Tod.«

»Da hast du recht«, musste Tanner bedauernd zugeben. »Andere Zeiten, andere Sitten und immer die gleichen Risiken für jene, die ihren Arsch hinhalten. Ist doch seltsam, oder?«

Geros Blick fiel auf den Eingang des Dormitoriums, dessen offenes Tor direkt zum Festungshof führte, wo bereits am Morgen die Sonne die Luft so weit aufgeheizt hatte, dass man auf den Mauern ein Ei braten konnte.

»Sei froh, dass du wenigstens diese Rüstung hast. Ohne sie könnte |635|es noch unbequemer werden«, prophezeite Gero und gab Johan und Stephano, die auf Tanner gewartet hatten, ein Zeichen, mit ihnen gemeinsam zu den Stallungen zu gehen, dann quer über den Hof durch ein weiteres Tor zu einem riesigen, mit Holz überdachten Bau, der Platz für Hunderte Reittiere bot.

Auf dem Weg dorthin brach Tanner der Schweiß aus. Erst recht, als sie am Eingang der Stallungen auf Anselm trafen, dessen verschwitzter Kopf wirkte, als hätte man ihn in kochendes Wasser getaucht.

»Ich habe die Pferde schon gesattelt, und einer der Knappen hat mir geholfen, Wasserflaschen, Proviant und Verbandzeug in die Satteltaschen zu packen«, vermeldete er mit einem gewissen Stolz. Auch er trug ein Schwert, das aber – so hoffte Gero – nicht zum Einsatz kommen würde. Wegen der vielen Tiere, die ihre Exkremente einfach unter sich gehen ließen, und der Menschen, die anstatt auszumisten, damit beschäftigt waren, ihren Abmarsch vorzubereiten, stand die Luft so sehr vor Feuchtigkeit und Dreck, dass es einem den Atem nahm.

Ausreichend Wasser in Lederschläuchen oder Holzkalebassen war das Gebot der Stunde, doch die Versorgung mit Wasser war auf Burg Gaza genauso schlecht wie alles andere. Anselm hielt das mit wattierten Decken und Kettenringen gepanzerte Pferd ruhig, damit Tanner sich in den Sattel hieven konnte.

»Ich fühle mich wie Prinzessin auf der Erbse«, jammerte Tanner. »Ich spüre jeden einzelnen Kettenring unter meinem Hintern, ist das normal?« Fragend schaute er Gero an, der unter seinem Helm kaum zu erkennen war.

»Du musst das Hemd unter dem Hintern wegziehen«, riet ihm Gero, der wie Tanner seine Kettenbeinlinge an ledernen Strapsen trug und die beiden Enden des knielangen, seitlich geschlitzten Hemdes lose über Steiß und Oberschenkel gelegt hatte.

Er machte ein Zeichen, als ob er ein Visier heben müsste, das es zu dieser Zeit überhaupt noch nicht gab, und steuerte seinen unruhig tänzelnden Araberhengst in eine Reihe, direkt hinter Johans Pferd, um vor einer eigens eingerichteten Waffenstation hinter einer langen Schlange von mindestens weiteren einhundert Rittern auf die Zuteilung der Lanzen zu warten.

Nicht alle auf der Festung anwesenden Ordensritter waren zur ersten Attacke eingeteilt. Montbard, der ohnehin nicht offiziell zur |636|Truppe gehörte, war im Gästehaus bei der Königin verblieben, die sich aus der Ferne über den Verlauf des Angriffs unterrichten lassen wollte. Aber auch Berengar von Beirut machte keinerlei Anstalten, mit seiner Truppe die Festung zu verlassen.

Gero überlegte, nachdem er seinen nervösen Braunen beruhigt hatte, wann er jemals so gerüstet zu einem Einsatz aufgebrochen war. In seiner Zeit hatte es keine Kreuzzüge mehr gegeben. In den Jahren zwischen 1303 und 1307 hatten sie vorwiegend Raubritternester ausgehoben, Geldtransporte überwacht und den Papst auf seinen Reisen gegen Angriffe von Plünderern und Feinden der Kirche geschützt. Dabei hatten sie völlig andere Taktiken verfolgt, als bei einem großangelegten Kampf im freien Feld notwendig waren. Tanner jonglierte immer noch in abenteuerlicher Weise mit seiner Lanze herum, während sich Hunderte Ritter vor der Festung reihenweise zu Bataillonen formierten.

Gero ritt noch einmal die Aufstellung seiner eigenen Leute ab und nutzte die letzte Gelegenheit, um Johan und Stephano zu ermahnen, nicht ihr Leben für einen Krieg aufs Spiel zu setzen, der nicht ihr eigener war.

»Ihr wisst, was danach zu tun ist?«

»Es geht um unsere Frauen.« Johan nickte. »Mehr als um alles andere.«

Stephano fasste mit einer Hand an seine Satteltasche. Noch kurz vor Einbruch der Dunkelheit hatte Gero am Abend zuvor Anselm auf den Bazar außerhalb der Festungsmauern geschickt. Dort hatte er den Auftrag gehabt, jedem von ihnen einen braunen Kaftan und ein schwarzes Tuch für einen fatimidischen Turban zu kaufen, damit sie sich zu gegebener Zeit in Sarazenen verwandeln konnten, wenn Tramelay und seine Leute damit beschäftigt waren, in Askalon einzudringen und die Fatimiden auf Abstand zu halten.

Als ob ihn der Teufel gerufen hätte, ritt Tramelay auf einem feurigen, weißen Hengst an Gero vorbei und forderte ihn mit einer herrischen Handbewegung auf, endlich seine Position hinter Marschall de Quily einzunehmen, der die Speerspitze des Angriffs mit rund einhundert Templern führte. Der Marschall, der den gesamten Angriff koordinierte, würde in wenigen Augenblicken zum Abmarsch blasen lassen. Nachdem Gero seine Truppe ins Feld vor der Festung geführt hatte, wo sich sämtliche Reiter nach ihrer Zugehörigkeit formierten, schaute er sich um und blickte in die Gesichter der vorwiegend jungen Männer, |637|die hinter ihm die Hände zu einem letzten Gebet falteten. Nach einer Schweigeminute bekreuzigten sie sich, wobei vereinzelte Ritter ihre kleinen Silberkreuze unter ihren Kettenhemden hervorholten und sie küssten.

Spontan fasste Gero einen Entschluss. Er wusste noch nicht wie, aber er musste es Tramelay sagen. Selbst wenn er diesen Mann hasste wie das Beulenfieber, wollte er junge Männer wie Florentin nicht einfach einem grausamen Tod überlassen.

Als Gero seinen temperamentvollen Araber wendete und an den ähnlich hitzigen, weißen Hengst des Großmeisters heranritt, erkannte er das Erstaunen in den Augen des Reiters. Tramelay leitete die Truppe wie üblich von rechts außen, im Gegensatz zu Gero, den er an vorderster Front in der Mitte der ersten Reihe postiert hatte.

»Was wollt Ihr denn jetzt noch, Bruder Gerard?«, fragte er mit einem ungeduldigen Zug um die Mundwinkel. »Anstatt mich zu behelligen, solltet Ihr eher Jakobus von Tannenberg zur Räson bringen, damit er endlich seine Lanze aufrecht stellt. Ich habe selten so einen ungeschickten Nichtsnutz in meiner Truppe gehabt.

»Meister Bernard.« Gero hatte seine Stimme unbotmäßig erhoben, ohne die Erlaubnis zum Sprechen zu haben, doch er musste sich bei Tramelay Gehör verschaffen, selbst wenn die Aussicht darauf, dass er ihm glauben würde, eher gering stand. Sein Herz ließ ihm keine andere Wahl.

»Ich muss unbedingt mit Euch reden.« Er sah, dass Tramelay ihm trotz seines Unmutes Aufmerksamkeit schenkte. Wahrscheinlich rechnete er damit, Gero würde ihm nun endlich sein wahres Geheimnis offenbaren.

»Ich höre«, sagte der Großmeister und hob arrogant seine Nase, ohne ihn anzuschauen.

»Wenn der Turm tatsächlich eine Bresche in die Mauer sprengt, so rate ich Euch dringend, auf die Truppen Balduins zu warten, bevor Ihr uns das Kommando zum Angriff gebt.« Gero überlegte fieberhaft, wie er sein Wissen an diesen Mann heranbringen sollte, ohne sein Geheimnis preisgeben zu müssen. »Ich hatte heute Nacht eine Vision«, begann er mutig. »Ich sah, dass Ihr die Festung im Alleingang genommen habt und vierzig Templer dabei ihr Leben lassen mussten. Ihr wart auch dabei. Seigneur, ich bitte Euch, die Fatimiden sind zu stark, als dass wir |638|die Festung alleine mit unseren Brüdern erobern könnten. Sie werden uns gefangen nehmen, köpfen und unsere Kadaver an den Festungsmauern zur Schau stellen.«

Tramelays Blick zeigte eiskalte Berechnung, und seine blassblauen Augen, die ohnehin schon hervorstanden, traten noch mehr aus ihren Höhlen. »Wer seid Ihr, Bruder Gerard?«, geiferte er gefährlich leise. »Dass Ihr es wagt, mir taktische Ratschläge zu geben? Seid Ihr etwa doch mit dem Teufel im Bunde wie unser ungeliebter Bruder André de Montbard, der offenbar auf Euch setzt und dabei seine ganz eigenen Pläne schmiedet?«

Gero versuchte, gelassen zu bleiben. Tramelay hatte Montbards Absichten offenbar durchschaut, und doch würde er keine Chance gegen den verhassten Bruder haben, wenn die Prophezeiungen recht behielten. Aber vielleicht konnte man ihn wenigstens davon abhalten, seine Leute blindlings ins Verderben zu führen.

»Beau Seigneur«, versuchte es Gero ein letztes Mal. »So hört … wenn die Bresche geschlagen ist, wartet einfach ab, bis uns der König mit seinen Truppen zu Hilfe kommt. Tut Ihr es nicht, sind alle beteiligten Templer des Todes.«

»Eine Vision …« Tramelay schüttelte boshaft lachend den Kopf. »Wahrscheinlich entspringt diese Vision nicht Eurem, sondern Montbards krankem Hirn. Ich bin nicht blöd, Breydenbach. Denkt Ihr ernsthaft, ich will bei einem Erfolg auf meinen Triumph verzichten? Im Übrigen steht Ihr aus purer Berechnung an vorderster Front. Den Teufel kann man nur mit dem Einsatz von Teufeln bezwingen«, höhnte er abfällig. »Ihr und die Euren werdet meinen Befehlen gehorchen und uns entweder den Weg zum Sieg bereiten oder – wenn es Gott dem Herrn gefällt – uns in den Untergang folgen. Und nun zurück in die Reihe!«

Einen Moment lang waren nur der Wind und das Flattern des Banners zu hören.

»Im Namen Gottes, Beau Seigneur!«, bestätigte Gero den Befehl seines Vorgesetzten resigniert. Schweigend lenkte er sein Pferd in die vorderste Reihe seines Bataillons zurück und ließ sich nicht anmerken, wie unglaublich töricht er das Verhalten des Großmeisters fand.

Für die Reiter galt es zunächst, eine Stunde lang hügeliges Gelände zu überwinden und dann noch mal dreitausend Fuß durch eine weiße |639|Geröllebene, die sich an den Felsen von Askalon wie ein Teppich aus spiegelnder Hitze schmiegte.

Der Marschall hob die Hand zum Signal, und ein Sergeant im schwarzen Mantel stieß in ein Horn, dessen langgezogener Ton die Truppe dazu ermunterte, ihren gepanzerten Pferden sacht in die Flanken zu treten. Die Tiere tänzelten nervös und schnaubten noch einmal, bevor sie trotz ihrer schweren Last in Richtung Festung davonstoben, als ob es ein Rennen zu gewinnen gäbe.

Die harten, donnernden Schläge der Hufe betäubten Geros Ohren und übertrugen sich wie ein dunkles Summen auf jede Faser seines Körpers. Ihn ergriff das Gefühl, mit den Pferden und Reitern in seiner Umgebung zu verschmelzen, und bald stellte sich jener Rausch ein, der unter den älteren Rittern das himmlische Feuer genannt wurde, das angeblich dafür sorgte, dass man jegliche Furcht und auch sein Gewissen verlor, wenn es in der Konfrontation mit dem Gegner darum ging, ihn mit größtmöglicher Brutalität und Entschlossenheit zu schlagen.

Von weitem waren bereits die riesigen, hölzernen Belagerungsmaschinen zu erkennen, wie sie unaufhörlich nach vorne rückten, gezogen von einem Himmelfahrtskommando aus Tieren und Menschen, die offenbar weder Tod noch Teufel scheuten. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie auf Gegenwehr stießen. Die Fatimiden konnten schließlich nicht seelenruhig dabei zusehen, wie die verhassten Franken ihre Festung bedrohten. Gero gab ein weiteres Zeichen, das die Reiter dazu brachte, nach allen Seiten an den Maschinen vorbei Richtung Festung zu strömen.

Noch waren sie nicht nahe genug, um vom Beschuss der Brandpfeile betroffen zu sein, als sich plötzlich das Haupttor von Askalon öffnete und eine Truppe von Hunderten schwarz gekleideter Reiter aus der Festung hervorquoll, um sich ihnen mit aller Macht entgegenzustellen.

 

Den Rest der Nacht nach ihrer Flucht hatten Khaled und seine Gefährten ungeduldig am Rande eines Pinienwaldes unterhalb von N’alia verbracht. Geschützt von einer Schäferhöhle, in der sich bereits ein provisorisches Lager aus Ästen und Schilfstroh befand, hatten sie den Morgen abgewartet. Und obwohl Rona und Lyn durchaus in der Lage waren, auch im Dunkeln zu sehen, hatte Khaled, dem diese Gabe unheimlich |640|erschien, davor gewarnt, zu früh aus ihrem Versteck hervorzukommen, weil sie nicht sicher sein konnten, ob Abu Aziz sie trotz der fränkischen Bedrohung von Spähern hatte verfolgen lassen. Die Christen näherten sich seit Mitternacht in Scharen der fatimidischen Festung.

Er selbst hatte sich über Stunden mit dem Kelch beschäftigt und war mitunter in eine Art Trance verfallen, dabei hatte er eine Karte gesehen, die direkt zum Geheimnis der Lade führte. Am liebsten wäre er sofort aufgebrochen, um das Geheimnis zu lüften, doch davon hielten ihn seine Versprechungen ab.

Im ersten Morgenlicht trat er an den Rand der Anhöhe, um sich einen Überblick zu verschaffen. Dabei nahm Rona ihm unvermittelt das Gefäß aus der Hand.

Khaled fuhr ärgerlich herum, weil sie ihn nicht um Erlaubnis gefragt hatte. Sie reagierte mit einem zweideutigen Lächeln. »Ich sehe keinen Grund, warum wir uns dieses umstrittene Artefakt nicht auch einmal ansehen dürfen, schließlich haben auch wir unser Leben dafür aufs Spiel gesetzt.«

Zähneknirschend ließ Khaled sie gewähren und beobachtete fasziniert, wie sie mit ihrem magischen Armband über den eingefassten Stein am Boden des Kelches strich und danach in einem schwach leuchtenden Feld darin etwas ablas.

»Holla«, sagte sie und wiederholte den Vorgang, weil sie offenbar dem Ergebnis misstraute. »Die Abstrahlungsfrequenz ist signifikant höher als alles, was ich im Zusammenhang mit unseren Kristallen bisher gesehen habe.« Ihr Blick fiel auf Lyn, die sich auf Khaled konzentrierte und dabei seine Hand hielt, als müsse sie ihn beruhigen.

»Komm her, das musst du dir anschauen«, forderte Rona ihre Schwester auf, ohne den Blick vom Innern des Kelches abzuwenden. »Sieht ganz so aus, als ob das gute Stück aus dem gleichen Material besteht wie unsere Frequenzkristalle.«

Hannah beobachtete interessiert, wie Lyn den Kelch von ihrer Schwester entgegennahm und ihn von allen Seiten inspizierte. Dann steckte sie ihre Nase in das Innere, als ob sie den darin befindlichen Kristall beschnuppern wollte.

Nach einem kurzen Moment des Erstaunens stieß sie den Kelch unvermittelt von sich, als ob sie sich daran verbrannt hätte. Hannah wich |641|erschrocken zurück. Der ansonsten harmlos aussehende, goldene Becher war scheppernd zu Boden gegangen, und niemand bückte sich, um ihn aufzuheben, als ob irgendeine Gefahr von ihm ausging.

»Was machst du da?«, rief Khaled und bedachte Lyn mit einem unverständlichen Blick. Er war sogleich zur Stelle, um den Kelch wieder an sich zunehmen.

»Puh«, sagte Lyn und wischte sich mit einer Hand über das Gesicht. »Wenn das ein Vorgeschmack auf die Bundeslade sein soll, möchte ich nicht wissen, was sich tatsächlich dahinter verbirgt. Ich wurde noch nie bei der Untersuchung eines Kristalls mit einer solch starken Energiequelle konfrontiert.«

Hannah näherte sich interessiert. »Was ist mit dem Kelch?« Ihr Blick glitt zwischen den beiden Schwestern hin und her. »Hat er tatsächlich irgendwas Magisches an sich.«

Rona räusperte sich, dann schaute sie Hannah mit ihren grünen Augen an, als ob sie nicht sicher war, ob die ihre Erklärungen verstand. »Ich versuche es einfach zu formulieren«, begann sie zögernd. »Du und Arnaud habt uns berichtet, dass man in der Zukunft Probleme mit unserem Server hat. Die Energiezufuhr ist nicht mehr ausreichend gedeckt, um jemanden aus der Vergangenheit in die Zukunft zurück zu transferieren. Habe ich recht?«

Hannah nickte. »Ja, so habe ich es jedenfalls verstanden.«

»Ich vermute«, fuhr Rona fort, »dass bei der Explosion, die nach dem Transfer der Männer aufgetreten ist, einer der inneren Frequenzkristalle im Server zerstört wurde. Und so, wie es aussieht, ist der Stein am Fuße des Kelches ein ebensolcher Frequenzkristall. Allerdings von einer wesentlich besseren Qualität, als wir ihn je besessen haben.«

»Heißt das …« Hannah wagte den Gedanken fast nicht auszusprechen.

»… Tom könnte uns damit zurückholen?«

»Ja«, bestätigte Lyn ihre Vermutung. »Der Stein könnte eventuell den zerstörten Kristall ersetzen. Doch dafür müssten eure Leute in der Zukunft, den Stein erst mal haben, und ihnen müsste klar sein, dass man mit dessen Frequenzwellen auf chemischem Wege eine kalte Fusion herbeiführen kann. Das war 2005 noch Science Fiction, ebenso wie die Möglichkeit, zum Mars zu reisen, um an solche Kristalle heranzukommen.«

|642|»Wenn der Stein vom Mars stammt, wie kommt er dann in diesen Kelch hinein?« Hannah konnte ihre Verwunderung nicht verhehlen.

»Das wüsste ich auch gerne«, sinnierte Rona. »Es muss ein irdisches Vorkommen geben, das uns bisher unbekannt war.« Ihr Blick fiel auf Khaled. »Vielleicht gibt es für euer biblisches Geheimnis eine rein wissenschaftliche Erklärung?«

Arnaud und Khaled hatten aufmerksam zugehört, doch man konnte beiden ansehen, dass sie Mühe hatten, Ronas Überlegungen zu folgen.

Arnaud sah sie aus schmalen Lidern an. »Bedeutet das: Wenn der Kelch mit dem Stein in der Zukunft in die Hände von Tom gelangen könnte«, führte er nachdenklich aus, »wäre der Maleficus in der Lage, die Maschine mithilfe des Steins zu reparieren und uns in seine Zeit zurückzuholen?« Ihm war anzusehen, dass er nicht sicher wusste, ob ihm diese Möglichkeit wirklich behagte.

»Im Grunde genommen schon«, bestätigte Lyn die Ausführungen ihrer Schwester. »Vorausgesetzt, er weiß, wie man den Stein in den energetischen Regelkreis einbaut und die elektrochemischen Verbindungen nutzt.«

Hannah hob den Blick und sah Arnaud direkt in die Augen. »Aber hast du mir heute Nacht nicht erzählt, dass Gero den Kelch in unserer Zeit in seinen Händen gehalten hat?« Sie konnte kaum verbergen, dass sie immer noch wütend und verletzt war, weil Gero ihr den Fund des Kelches verschwiegen hatte.

»Das bedeutet, Kelch und Stein existieren noch immer irgendwo in der Zukunft, und wir müssten Tom und seinen Leuten nur eine Botschaft zukommen lassen, wo das Ding zu finden ist und was es damit auf sich hat.«

»Möglicherweise wäre das eine Lösung«, erwiderte Arnaud. »Aber Gero wollte nicht, dass jemand davon erfährt, und wir haben ihn in dieser Meinung bestätigt. Wir befürchteten, dass die Amerikaner hinter das wahre Geheimnis des Kelches kommen könnten und damit noch mehr Unheil anrichten würden, als ohnehin schon seit dem Untergang des Ordens geschehen ist. Allein der Kelch war der Grund, warum wir uns überhaupt auf diese Reise eingelassen haben.« Er warf Rona einen schuldbewussten Blick zu. »Es ging uns nicht in erster Linie darum, euch zu retten und in die Zukunft zurückzuholen. Es ging |643|uns um unsere eigene Rettung. Wir dachten, Montbard und sein Hoher Rat wüssten um das Geheimnis und könnten uns vielleicht helfen, einen Weg aus unserer Knechtschaft zu finden.« Er hielt inne. Auch ihm war die Aufregung anzusehen.

»Und wie habt ihr euch das vorgestellt?«, fragte Hannah mit einem Hauch von Ironie. »Wolltet ihr ohne uns Frauen hier leben?«

»Nein, natürlich nicht«, entgegnete Arnaud aufgebracht. »Gero ist davon ausgegangen, dass wir wieder zurückkommen würden. Wir hegten die Hoffnung, dass das Geheimnis der Bundeslade uns vielleicht helfen könnte, irgendwo gemeinsam und unerkannt ein neues, freies Leben zu beginnen.«

»O mein Gott!«, entfuhr es Hannah. »Und ich habe geglaubt, dass es euch Kerlen in erster Linie um die Rettung des Templerordens ging. Gero hat zwar ein paar Andeutungen gemacht, dass er einen Weg finden wollte, uns von der Überwachung der Amerikaner zu erlösen, aber ich dachte, er hoffte dies damit zu erreichen, dass er ihnen ein letztes Mal zu Willen war.« Hannah kniff die Lippen zusammen und schaute in die Runde der fragenden Gesichter. Rona und Lyn war anzusehen, dass ihnen Hannahs Offenbarungen über die Amerikaner des Jahres 2005 immer suspekter wurden. Amelie hatte ein leises, aber energisches Gespräch mit Struan begonnen, indem sie ihm Vorwürfe machte, warum er nicht ehrlich zu ihr gewesen war.

»Und was ist nun mit dem Kelch in der Zukunft?«, fragte Hannah schließlich. »Habt ihr ihn wenigstens irgendwo versteckt, damit ihn niemand finden kann?«

»Soweit ich weiß«, antwortete Arnaud, »ist das gute Stück in ein Museum gewandert, und unsere amerikanischen Gastgeber wissen ebenso wenig darüber wie unsere fatimidischen Freunde.«

Hannah schüttelte den Kopf. »Warum hat Gero den Kelch überhaupt den Amerikanern überlassen? Wäre es nicht besser gewesen, er hätte ihn einfach an sich genommen und versteckt?«

»So, wie Johan und er uns erklärt haben, war das nicht möglich. Hertzberg hat den Kelch kurz in Händen gehalten und Gero sogar gefragt, ob er eine Bedeutung habe, und Gero ist nichts anderes übrig geblieben, als den wahren Hintergrund zu verleugnen und sich unwissend zu stellen. Danach hatte er keine Möglichkeit mehr, an den Kelch heranzukommen. Aber er wusste aus Legenden, um welche Kostbarkeit |644|es sich handeln musste und dass es hieß, Montbard und seine Ritter hätten um die Macht des Kelches gewusst.«

»Wahrscheinlich war ihm die Geschichte zu heikel«, beantwortete Rona die Frage. »Offensichtlich war ihm klar, welche Kraft in dieser winzigen Probe lag, und er hat geahnt, dass man mit dem, was dahintersteckt, womöglich die ganze Welt vernichten kann, falls das Geheimnis in die falschen Hände gerät.«

»Oder sie retten«, mischte Khaled sich ein. »Das Geheimnis der Bundeslade ist offenbar so mächtig wie die Schöpfung selbst. Es in eine simple Fassung pressen zu wollen käme einer gewaltigen, nicht wiedergutzumachenden Sünde gleich.«

»Kann uns der Kelch denn wenigstens irgendwie aus unserer Misere heraushelfen?« Hannah schaute den Assassinen mit einer Mischung aus Hoffnung und Misstrauen an.

»Der Kelch nicht«, antwortete Khaled, »aber vielleicht das, was dahintersteckt.«

»Was wird nun aus Gero und den anderen?« Hannahs Stimme zitterte, als sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich und ihren Blick in die weite, staubige Ebene richtete. Von Arnaud wusste sie, dass Gero und seine Kameraden dort unten im Heer zu finden waren, und auch Matthäus und Hertzberg befanden sich immer noch in Gefahr, jedenfalls solange sie noch bei diesem obskuren Templer in Jerusalem festsaßen.

»Wir müssen sie irgendwie warnen und ihnen sagen, dass ihr gerettet seid und wir den Kelch haben«, sagte Arnaud. »Ich habe nur leider noch keine Ahnung wie. Vor allen Dingen weiß ich nicht, was aus Hertzberg und dem Jungen werden soll, wenn wir, wie Khaled vorschlägt, einfach abhauen und Montbard und die Königin ohne Kelch zurücklassen.«

»Montbard bekommt den Kelch nicht eher, bis wir selbst das Geheimnis der Lade entschlüsselt haben«, bestimmte Khaled düster. »Keiner weiß, ob wir ihm wirklich trauen können. Wegen eines Paktes mit der Königin hat er mich schon einmal im Stich gelassen. Wahrscheinlich würde er auch ein zweites Mal so handeln, wenn es ihm nützlich ist.«

»Du kannst doch für so einen Kelch nicht einfach zwei Menschenleben opfern?« Hannah war außer sich vor Sorge wegen Matthäus.

|645|»Und ob ich das kann«, brummte der Assassine stur. »Für die Entdeckung dieses Geheimnisses sind ganze Völker gestorben. Bevor ich nicht weiß, was sich in Wahrheit dahinter verbirgt, werde ich niemandem den Vortritt lassen.«

Hannah biss sich vor Verzweiflung auf die Lippen. Wenn Gero doch nur hier wäre, dachte sie.

Rona stand neben ihr auf der Anhöhe und schützte ihre empfindlichen Augen gegen die aufgehende Morgensonne, indem sie die Handfläche wie einen Schirm darüber hielt.

»Was kannst du sehen?«, fragte Arnaud, der hinzugekommen war und mit ihr die Staubwolken verfolgte, die ein Reiterheer verursachte, das durch die Ebene preschte.

»Von Gaza nähert sich an der Spitze ein Templerbataillon«, erklärte Rona und zögerte einen Moment, als ob sie jeden einzelnen Reiter nachzählen müsste. »Schätze, ungefähr fünfzig Ordensritter, gefolgt von weiteren einhundert Reitern. Dahinter positionieren sich mindestens zweitausend Fußsoldaten, die zu Balduins Truppen gehören müssen. Man kann sie an ihren blauen Überwürfen erkennen. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass sie mit dem Angriff auf Askalon begonnen haben.«

»Denkst du, dass unsere Männer dabei sind?« Hannah versuchte die Angst in ihrer Stimme zu unterdrücken. Doch sie war nicht die Einzige, die sich Sorgen machte.

»Ich frage mich ernsthaft, worauf ihr noch wartet«, schimpfte Freya. Mit ihren wirren, roten Haaren und dem Blut des Wesirs an ihrem Seidenkaftan erweckte sie den Eindruck, eine leibhaftige Furie zu sein.

Khaled hob irritiert eine seiner schwarzen Brauen und trat näher an sie heran.

Freya, die sich weder von seinem düsteren Ruf noch von seinem guten Aussehen beeindrucken ließ, trat ihm verärgert entgegen. »Wir hätten längst einen Boten entsenden müssen, der nach unseren Männern sucht und ihnen sagt, dass wir gerettet sind und sich dieser vermaledeite Kelch in unseren Händen befindet. Woher sollen sie wissen, dass sie ihr Leben vollkommen umsonst aufs Spiel setzen, wenn sie diesem größenwahnsinnigen Großmeister folgen?«

»Ich habe dir doch gesagt«, verteidigte sich Khaled, »dass das nicht so einfach ist, wie es klingt. Wir wissen nicht, wo Abu Aziz sich gerade aufhält. Und ich habe nicht die geringste Ahnung, ob wir Tramelay geradewegs |646|in die Arme laufen, wenn wir dort hinunterreiten. Er weiß, dass wir nicht auf seiner Seite stehen, und wird sich umso mehr wundern, wenn wir auf dem Schlachtfeld auftauchen und ein paar seiner Templer zur Fahnenflucht überreden. Wenn er auch nur ahnt, dass wir etwas über den Kelch wissen, kommt er womöglich sogar auf die Idee, seine Pläne, die Festung zu erobern, zu ändern und uns verfolgen zu lassen. Außerdem ist so ein Kampf kein Spaziergang. Wenn man zwischen die Fronten gerät und nicht aufpasst, wird man zermalmt wie ein Käfer unter einem Stiefelabsatz.«

»Ach ja?« Freya wollte sich mit dieser Antwort keineswegs zufriedengeben.

»Wenn ihr Kerle zu feige seid, gehen Hannah und ich eben allein. Wir geben uns als Marketenderinnen aus, die dem Tross folgen. Vom Heerlager aus werden wir uns nach vorne arbeiten. Irgendwo werden Johan, Gero und die anderen schon sein, wenn es stimmt, dass Montbard sie wegen des Kelches in diese Mission entsandt hat und sie befürchten müssen, dass wir uns immer noch auf der Festung befinden.«

»Ich glaube, der Kelch ist ihnen inzwischen ziemlich gleichgültig«, berichtigte Arnaud die Lage. »Aber es trifft zu, wenn du sagst, dass wir sie davon abhalten müssen, zusammen mit Tramelay die Festung zu erstürmen.« Über seinen wachen, braunen Augen hatten sich Sorgenfalten gebildet. »Ich habe nur noch keine Vorstellung, wie wir am schnellsten und am unauffälligsten an sie herankommen können.«

»Ich mache das.« Struan war aufgestanden und hatte dabei Amelie, die sich immer noch schutzsuchend an ihn schmiegte, sanft zur Seite geschoben.

Die ganze Nacht über hatte er seine Frau in den Armen gehalten. Von früheren Erlebnissen traumatisiert, war sie nicht so leicht zu beruhigen. Groß und breit baute er sich nun vor Freya und Khaled auf und schaute sie abwechselnd an. »Arnaud wird mich begleiten. Wenn wir keine Turbane tragen, könnten wir uns durchaus als Waffenknechte und Knappen in die hinteren Reihen schmuggeln und von dort aus nach vorne durchbrechen.« Er klopfte seinem provenzalischen Bruder kameradschaftlich auf die Schulter.

Khaled musterte die beeindruckenden Arme des Schotten, dessen kantiges Gesicht und den gefährlichen Blick, der sogar die Fatimiden nervös gemacht hatte. »Klar«, sagte er tonlos und lächelte ironisch. |647|»Wenn die denken sollen, dass du ein Knappe bist, war meine Mutter ein Dschinn.«

Amelie war aufgesprungen und klammerte sich an Struans Unterarm.

»Sosehr ich mir wünsche, dass Gero, Johan, Stephano und Anselm nichts Böses geschieht«, stieß sie ängstlich hervor, »bitte, Struan, lass mich nicht noch einmal alleine.«

»Sie werden euch entweder für Sarazenen halten oder für fahnenflüchtige Krieger «, bekräftigte Khaled seine Bedenken.

 

Rona schüttelte den Kopf. »Ich denke, das müssen wir selbst irgendwie hinbekommen.« Sie warf ihrer Schwester einen angespannten Blick zu.

»Lyn und ich würden euch gerne helfen, aber Tramelay und seine Leute dürfen uns keinesfalls erkennen, sonst wissen sie sofort, dass wir etwas mit der Sache zu tun haben. Und verschleiert brauchen wir da unten im Moment nicht aufzutauchen, dafür ist das Misstrauen gegenüber den Fatimiden zu groß. Man würde uns an jedem Kontrollposten auffordern, unsere Gesichter zu zeigen, um sicherzustellen, dass wir keine Spione sind.«

 

»Wenn uns sonst niemand unterstützen kann«, gab Hannah mit einem zerknirschten Blick Richtung Struan und Arnaud zurück, »gehen Freya und ich eben alleine dort hinunter.« Ihr Wille, Gero möglichst bald unversehrt in ihre Arme schließen zu können, war ungebrochen. Was danach geschah, würde man sehen. Ob es einen Sinn hatte, den Versuch zu starten, Tom eine Nachricht über die Bedeutung des Kelches zuzuspielen, oder ob man sich zunächst einmal dem Geheimnis dieser sagenumwobenen Bundeslade zuwenden wollte, sollten Gero und seine Kameraden entscheiden.

»Jeanne d’Arc hat es schließlich auch geschafft, sich ohne Blessuren in einen Krieg einzumischen«, argumentierte Hannah trotzig, ohne darüber nachdenken zu wollen, dass die französische Nationalheldin später dafür mit dem Leben bezahlt hatte.

»Gut«, entschied Freya, erleichtert, endlich etwas tun zu können, und ging zu den Tieren. Ohne die Meinung der anderen abzuwarten, sattelte sie zwei der Pferde und band sie los.

|648|»Bei der Heiligen Mutter«, stöhnte Arnaud und warf Freya einen zweifelnden Blick zu, bei dem er ihre kostbare, wenn auch züchtige Haremskleidung begutachtete, die aus einem dicht gewebten, grünlichen Seidenkaftan und einer langen Hose bestand, die so weit wie ein Rock fiel. Hannah trug ein ähnliches Gewand, allerdings in blauer Farbe.

»In dieser Aufmachung könnt ihr unmöglich alleine losziehen. Ihr werdet überall auffallen.«

Während Hannah noch zweifelnd an sich herabblickte, kam Rona hinzu und übergab den beiden Frauen die Männerkleidung, die sie und ihre Schwester auf dem Weg von Jerusalem nach Askalon getragen hatten.

»Ich komme trotzdem mit euch«, entschied Arnaud, nachdem Freya und Hannah sich umgezogen hatten. »Im Notfall werde ich mich als euer Sklave ausgeben.« Er grinste verhalten. »Ich nehme dein Pferd«, sagte er zu Khaled, der keinen Widerspruch einlegte, als er auf dessen silbergrauen Hengst aufsaß. »Ich lasse dir unsere Freundinnen und meinen schottischen Kameraden zur Unterhaltung zurück. Solltest du auf die Idee kommen, dich mit dem Kelch aus dem Staub zu machen, werden sie auch noch ein Wörtchen mitzureden haben.«

»Denkst du ernsthaft, ich würde einfach abhauen und meine Frau im Stich lassen?« Khaled war beleidigt, weil Arnaud ihm unterstellte, dass er ein Versprechen brach, das er Lyn aus tiefster Seele gegeben hatte.

»Du wärst nicht der Erste, dem so etwas einfiele«, spottete Freya und schwang sich in den breiten Rittersattel von Arnauds Hengst. Auch Hannah hatte bereits einen Fuß in den Steigbügel von Struans feurigem Araber gesetzt und saß auf. Sie versuchte, sich mit dem nervös tänzelnden Tier anzufreunden, indem sie ihm den Hals tätschelte und beruhigend auf es einredete.

»Deine Frau betrügst du vielleicht nicht«, erwiderte Arnaud, nachdem er die Zügel gestrafft hatte, um ein Lospreschen des Tieres zu vermeiden. »Aber uns.«

Khaled schnaubte verächtlich. »Ein Nizâri hält immer sein Wort, im Guten wie im Bösen, dafür sind wir bekannt.«

 

Gero dachte an Hannah, als er immer näher an die Belagerungstürme herangaloppierte und die Welt um ihn herum in einem gelben Nebel |649|verschwand. Alle Geräusche, das Donnern der Hufe, die von Tramelay und de Quily gebrüllten Befehle, das Bataillon zu teilen und zwischen den Türmen nach vorne Richtung Mauer hindurchzureiten, gingen darin unter. Wie in einem schlechten Traum strömten ihnen unzählige feindliche Reiter entgegen. Fatimiden, die einen letzten verzweifelten Versuch unternahmen, die unermüdlich heranrückende Bedrohung der Franken im Keim zu ersticken.

Gero gab dem Bannerträger ein Zeichen zum Angriff, der daraufhin nach rechts ausscherte und den nachfolgenden Truppen damit den Befehl erteilte, die Lanzen zu senken, um die entgegenstürmenden Heiden im ersten Anlauf und im vollen Galopp von ihren Pferden zu stoßen.

Die Schenkel eng an den Sattel gepresst, ließ Gero die Zügel seines Hengstes los und hielt mit der einen Hand die gesenkte Lanze, mit der anderen seinen schwarzweißen Schild in der vorschriftsmäßigen Haltung. Nicht zu hoch, damit er ihm nicht die Sicht versperrte, und nicht zu tief, damit sein Oberkörper vor einem Frontalangriff eines Gegners optimal geschützt war. Schemenhaft erkannte er Johan und Stephano, die auf seiner Höhe ritten. Irgendwo hinter ihnen musste sich Tanner befinden, der zwar ein hervorragender Reiter war, aber leider kein vorschriftsmäßig ausgebildeter Ordensritter.

Bevor es zum Zusammenprall zwischen Gero und dem ersten Fatimiden kam, wurde er durch einen Pfeilhagel irritiert, der über ihn hinweg in Richtung Askalon seinen tödlichen Weg nahm. Die rund fünfzig syrischen Turkopolen, die ihnen folgten, funktionierten beinahe mechanisch, als sie ihre Reflexbögen im rasenden Galopp erneut spannten und die nächste Salve in Richtung Festung entließen. Im gleißenden Licht der Morgensonne sah Gero, wie die ersten Heiden vor einem klaren, blauen Himmel auf der Mauerkrone getroffen sechzig Fuß in die Tiefe stürzten und leblos im Sand liegen blieben. Mit einem Gegenbeschuss war so lange nicht zu rechnen, wie sich die fatimidische Reiterei unmittelbar vor ihnen befand. Es war davon auszugehen, dass die Heiden kaum ihre eigenen Leute gefährden würden.

Der Angriff fand in scheinbarer Lautlosigkeit statt, weil die donnernden Geräusche der Pferdehufe alles verschluckten. Niemand schrie, niemand rief, niemand stöhnte, selbst die Pferde wieherten nicht. Erst als Gero den immensen Aufprall seiner Lanze auf dem |650|Schild seines Gegners spürte, beendete Krachen und Splittern von Holz diesen Zustand. Schreien, Wiehern und Stöhnen setzten fast gleichzeitig ein, als hätte jemand dafür ein Zeichen gesetzt. Gero schwankte und bemerkte sofort, wie seine Armmuskeln unter der weichenden Anspannung zu zittern begannen, aber er war unversehrt. Sein Hengst brach kurz aus, fing sich dann wieder und gab ein hartes Wiehern von sich, als Gero ihm in die Flanken trat, um den nächsten Feind ins Visier zu nehmen: einen kräftigen Fatimiden, der zu Pferd auf ihn zustürmte. Auch sein Gegner besaß eine Lanze. Aber Gero lenkte seinen Hengst ganz leicht nach rechts, bevor es zum Aufprall kam, und erwischte den anderen mit seiner Lanze am unteren Rand des Schildes, worauf es zur Seite schnellte und der Lanzenklinge einen Durchlass erlaubte. Der geschliffene Stahl bohrte sich erbarmungslos in die Seite des Gegners. Der Mann kippte mit einem Aufschrei aus dem Sattel, und Gero schnellte die Lanze aus den Händen, weil er es nicht schaffte, sie rechtzeitig aus dem Leib des Mannes herauszuziehen. Das Ende des Schafts schlug ihm unter das Kinn. Betäubt vor Schmerz, hielt er sich den Unterkiefer, der für einen Moment gefühllos zu sein schien. Bevor Gero an den Toten heranreiten konnte, um der Lanze wieder habhaft zu werden, wurde er von einem plötzlich herannahenden Fatimiden überrascht, der seinen Krummsäbel gezogen hatte und ihm die Waffe im Vorbeireiten so dicht über den Kopf zog, dass sie seinen Helm streifte. Gero zog sein Schwert und wehrte geschickt die Schläge des anderen ab. Dabei drehten sich ihre beiden Araberhengste wie in einem Tanz um sich selbst. Gero sah für einen Moment die braunen Augen und das sonnengebräunte Gesicht des Mannes vor sich und den Schweiß, der ihm in Strömen über die Stirn und in die Augen lief. Dabei fühlte er sich an seinen beinahe aussichtlosen Kampf auf Antarados im Herbst 1302 vor der syrischen Küste erinnert, als ihn ein ähnlicher Gegner beinahe einen Kopf kürzer gemacht hatte. Auch damals hatte er zuerst einen Schlag an den Kopf erhalten. Und als ob ihm Gott mit diesem Gedanken eine Warnung hatte geben wollen, riss er instinktiv seinen Schild hoch und wurde von der Brachialgewalt eines Kampfhammers getroffen, allerdings nicht von vorne, sondern von der Seite. Ein weiterer Fatimide hatte sich an ihn herangemacht. Mit einer schnellen, überlegten Bewegung versetzte Gero seinem Vordermann einen Schlag zwischen die Rippen, der das Kettenhemd des Mannes |651|sprengte und ihn zumindest so schwer verletzte, dass er eine Weile außer Gefecht sein würde. Als er sich jedoch nach dem Gegner mit dem Kampfhammer umsah, war kein Fatimide mehr zu sehen, sondern Tramelay, der offenbar einem Feind im Vorbeireiten den Schädel zertrümmert hatte. Überall lagen nun Leichen herum, und Gero sah, dass sich einige Brüder ihrer Pferde entledigt hatten und in einen erbarmungslosen Bodenkampf verwickelt waren. Er hielt einen Moment inne, um nach Tanner oder Johan und Stephano Ausschau zu halten.

Erst nach längerem Suchen bemerkte er, dass sich Tanner tatsächlich in arger Bedrängnis befand. Er saß zwar wie auch sein Gegner immer noch auf seinem Pferd, aber der andere hatte ihn an der linken Hand erwischt. Tanner hatte allem Anschein nach seinen Handschuh verloren und blutete stark. Und weil Jack wie Gero auch Linkshänder war, konnte er kaum noch sein Schwert halten und versuchte nun mit dem Schild verzweifelt, die Schläge des anderen abzuwehren. Gero trat seinem Hengst in die Flanken, um das Tier an die beiden heranzubringen. Der Angreifer hob seinen Krummsäbel, um Tanner den Rest zu geben. Gero schlug ihm im Vorbeireiten mit einer solch kraftvollen Bewegung den Arm ab, dass der Arm samt Schwert vor die Hufe von Tanners Hengst stürzte. Tanner schaffte es mit Mühe, das Tier zu bändigen, und als er es wieder im Griff hatte, schaute er auf den sterbenden Mann hinunter und machte ein Gesicht, als ob er den Verstand verlieren würde.

»Folge mir!«, rief Gero ihm zu und führte ihn in einem Zickzackkurs durch die feindlichen Linien, bis er Johan und Stephano im Gewimmel der Kämpfenden entdeckte. Stephano hatte eine Traube von vier Fatimiden an sich hängen und Johan weitere drei. In einem abenteuerlichen Schlagabtausch hoben sie ihren Schild gegen die herniederprasselnden Schläge und teilten gleichzeitig mit dem Schwert aus. Gero ritt heran, um die Gegner davon abzubringen, von allen Seiten auf die beiden einzudreschen, indem er mit seinem Schwert zwischen die Angreifer ging und die aufeinandertreffenden Klingen mit einem einzigen Schlag auseinandersprengte. Johan nutzte die Irritation, um einen der Fatimiden zu köpfen. Ein weiterer wurde von Stephano ins Paradies geschickt, als er ihn so schwer in der Seite traf, dass er aus dem Sattel stürzte und mit aufgeschlitztem Leib liegen blieb. Für einen Moment war Stephano zu abgelenkt, um sich auf einen dritten konzentrieren zu können. Gero sah den Schatten hinter ihm und trat seinem Hengst |652|so arg in die Flanken, dass er sich aufbäumte und seitlich gegen das Tier des Angreifers sprang. Das Pferd strauchelte, und der Mann schnellte herum, wobei sein Säbel sich eher unbeabsichtigt in Geros linke Schulter grub. Das Kettenhemd zersprang, und auch wenn es die größte Wucht des Schlages abgehalten hatte, so fügte die Schneide ihm doch eine Fleischwunde zu, aus der sofort das Blut herausschoss. In Stephanos Augen spiegelte sich pures Entsetzen, als er sah, dass es Gero erwischt hatte. Und obwohl die erste Lektion eines jeden Ritters lautete, sich zunächst um die eigene Sicherheit zu kümmern und dann erst um die des Kameraden, war er zu gebannt, um einen weiteren Angreifer zu bemerken, dessen Lanze sein Ziel nur verfehlte, weil Stephanos Hengst einen erschrockenen Satz zur Seite machte. Trotzdem streifte die Lanzenspitze Stephanos Bein und schlitzte ihm die Kettenhose und seinen Oberschenkel auf. Der blonde Templer, der in Friedenszeiten für seine Sanftmut bekannt war, verlor die Balance und stürzte mit einem Aufschrei aus dem Sattel auf den harten Wüstenboden, wo er für einen Moment reglos liegen blieb.

Gero und Johan stürmten von beiden Seiten auf den Fatimiden zu. Als er erkannte, dass er es mit zwei Templern zu tun bekam und sich keiner seiner Kameraden in der Nähe befand, um ihm zu helfen, entfernte er sich johlend mit erhobenem Säbel in Richtung Stadttor.

Johan und Gero ließen ihn ziehen, weil ihnen der Zustand von Stephano wichtiger war. Johan kniete neben seinem vor Schmerz keuchenden Bruder nieder und begutachtete die Verletzung. Die Wunde des Bruders war tief, aber nicht tödlich.

Tanner hatte sich den Schnitt in der Handinnenfläche bereits selbst notdürftig verbunden, als er sich daranmachte, Stephano mit Verbandmaterial aus seiner Satteltasche zu helfen, während Johan die Umgebung sicherte. Der Amerikaner war offenbar versiert, was die Behandlung von Verletzten betraf. Gero hatte Stephano von seiner beschädigten Kettenhose befreit und schnitt danach mit einem Dolch seine Lederhose auf. Dann half er Tanner dabei, Stephano einen Druckverband anzulegen, um die Blutung zu stoppen. Gero ließ den Amerikaner gewähren und versorgte sich selbst, indem er ein mehrfach gefaltetes Stück Leinen aus seiner Satteltasche nahm und sich den festen Stoff auf seine Armwunde presste. Erst dann fiel ihm auf, wie nah sie schon an die Festung herangekommen waren und dass die Belagerungsmaschine |653|dicht an der Mauer stand, höchstens neunhundert Fuß von ihnen entfernt. Die überlebenden, fatimidischen Reiter hatten sich geschlagen hinter die Festungsmauern zurückgezogen.

Hier und da fanden noch vereinzelte Scharmützel zwischen versprengten, muslimischen Soldaten und fränkischen Rittern statt. Tramelay hatte seine Leute auch ohne Geros Unterstützung rund um den Hauptbelagerungsturm verteilt, als wollte er damit seinen Besitzanspruch wahren. Von Süden war zudem eine Verstärkung von mindestens einhundert Templern herangerückt, die nachfolgende Truppen auf Abstand hielten, dahinter steckte angeblich Balduins Plan, die eigenen Leute zu schützen, weil niemand wissen konnte, wie heftig die bevorstehende Explosion ausfallen würde. Die wahren Absichten, so wusste Gero inzwischen, lagen eher in der gemeinsamen Habgier des jungen Königs und des Templergroßmeisters, die den in der Festung vermuteten Schatz keinesfalls mit Pisanern, Genuesen, Rittern vom Heiligen Grab oder gar Hospitalitern teilen wollten.

Tanner stand plötzlich neben Gero und half ihm, das Kettenhemd auszuziehen und seine Verletzung ordentlich zu verbinden. Danach zog Gero sich wieder an und beobachtete aus der Ferne das weitere Vorgehen seiner ahnungslosen Ordensbrüder aus dem zwölften Jahrhundert.

Dass Tramelay Gero und seinen Leuten plötzlich keinerlei Beachtung mehr schenkte, ließ vermuten, dass er sein Ziel erreicht hatte und keine unliebsamen Begleiter gebrauchen konnte bei dem, was nun folgen sollte.

Stephano war ohnehin nicht mehr in der Lage zu kämpfen. Nachdem Gero ihm auf die Beine geholfen hatte, humpelte er zu seinem Hengst. Gero blickte zweifelnd zur Festung, dann wandte er sich Tanner und Stephano zu. »Reitet ins Lazarett und versucht, Anselm zu finden. Sagt ihm, dass wir uns nach der Eroberung außerhalb der Kampfzone in den Olivenhainen unterhalb jenes Ortes treffen, in dem de la Trenta sein Leben lassen musste. Unterwegs dorthin habe ich einige Höhlen gesehen, in denen man sich leicht verstecken kann.«

Tanner warf ihm einen zweifelnden Blick zu. »Und was wird mit Hertzberg und dem Jungen?«

»Wir holen sie uns, wenn wir die Frauen befreit haben«, erklärte Gero.

|654|Tanner runzelte die Stirn. »Und was wird, wenn euch dort drin etwas zustößt? Montbard hat die beiden noch immer in seiner Gewalt. Wenn wir ihm diesen verdammten Kelch nicht liefern, wird er sie wohl kaum herausrücken. Zumal ihm die Königin mit ihren Forderungen im Nacken sitzt.«

Gero schnaubte verdrossen. »Bis es so weit ist, müssen Johan und ich erst mal abwarten, ob wir überhaupt in die Festung hineingelangen können. Wobei wir es in jedem Fall versuchen werden, mit oder ohne Tramelay. Und auch wenn es uns nicht gelingen sollte, den Kelch zu finden, bei der Heiligen Mutter, wir werden Freya, Hannah und Amelie aus den Klauen dieses Heiden befreien.«

Johan lächelte dankbar. »Ich dachte schon, du hättest aufgegeben.«

»Wo denkst du hin?« Gero klopfte demonstrativ auf seine Satteltasche, in der sich die muslimische Kleidung befand. »Notfalls versuchen wir einen Durchbruch als Fatimiden verkleidet von der Meerseite her.«

»Passt gut auf euch auf!«, empfahl Tanner beunruhigt. »Ich möchte mir nicht vorstellen, ohne euch in diesem Wahnsinn zurückbleiben zu müssen.«

»Zu dumm«, stieß Stephano zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, »dass wir nicht wissen, ob es Arnaud und sein muslimischer Freund inzwischen geschafft haben, mit den beiden Frauen aus der Zukunft in die Festung zu gelangen.«

»Ich gebe dir recht«, witzelte Tanner. »Ein Königreich für ein Satellitentelefon.«

»Ach, dafür benötigt man auch einen Satelliten?« Johan hatte einiges in den paar Monaten gelernt, in denen er sich in der Zukunft aufgehalten hatte. Die Kommunikation jener Zeit, mit Telefon, Fernsehen und Computern hatte ihn am meisten fasziniert.

»Ich glaube, Brieftauben sind in einem solchen Fall zuverlässiger«, warf Gero ein.

»Die haben wir aber nicht«, nahm ihm Johan den Wind aus den Segeln.

»Wir werden auf Gottes Hilfe und Güte vertrauen«, presste Gero mit gespielter Zuversicht hervor, als Stephano und Tanner auf ihren Pferden saßen und sich anschickten, durch die eigenen Linien zum Hauptlager zu reiten, in dem sich Anselm mit dem Proviant und dem Nachschub befand.

|655|Plötzlich sirrten riesige Brandpfeile über ihre Köpfe hinweg, dazu Kugeln aus griechischem Feuer, die sich jedoch hauptsächlich gegen die Belagerungsmaschinen richteten.

Tramelay und sein Marschall gaben den Befehl zum kurzzeitigen Rückzug auf fünfzehnhundert Fuß, um dem Brandangriff, aber auch der zu befürchtenden Detonation zu entgehen. Der Großmeister hatte allen Rittern befohlen, für den Sieg zu beten, was sie denn auch mit mehr Enthusiasmus taten.

Die Heiden schossen unterdessen, was das Zeug hielt. Gero hatte mit Johan und den Pferden hinter einem Katapult Schutz gesucht, als zwei der Türme unter dem frenetischen Freudengeschrei der Fatimiden in Flammen aufgingen. Johan hielt sich bereits die Ohren zu. Gerade als er die Hände wieder herunternehmen wollte, traf eine Kugel den Turm mit dem Schwarzpulver, und ein ohrenbetäubenden Knall setzte dem vorübergehenden Rückzug der Franken ein jähes Ende. Für einen Moment erzitterte die Erde, und der Luftdruck der Explosion schleuderte die fatimidischen Feuerschützen ins Innere der Festung. Steine flogen wie große Geschosse umher. Die Pferde scheuten und traten nach allen Seiten aus. Gero und Johan hatten Mühe, die Tiere davon abzuhalten, sich loszureißen und einfach davonzustürmen. Für einen Moment war das Prasseln von Steinen zu hören und ein sonores, fernes Rumpeln, das den Zusammenbruch eines größeren Gebäudes ankündigte.

Als Gero vorsichtig um die Ecke des massiven Eichenholzgestells spähte, sah er, dass die von Tanner eingebrachte Idee ein voller Erfolg gewesen war. Auf einer Länge von drei Metern Breite und dreißig Metern Höhe war die Festungsmauer aufgebrochen, und mit den herabgestürzten Steinen war ein schmaler Einfall entstanden, durch den Tramelays Truppen hineinströmen konnten. Die Fatimiden waren offenbar zu entsetzt, um eine direkte Gegenwehr zu organisieren. Tramelay und Hugo Salomonis de Quily ließen sich nicht lange bitten und gaben den Befehl zum Angriff. Etwa vierzig Templer bahnten sich mit brutaler Gewalt Zutritt zu der plötzlich entstandenen Bresche. Einzelne fatimidische Krieger, die versuchten, deren Eindringen zu verhindern, wurden niedergemetzelt. Gleichzeitig war es für Balduins Truppen unmöglich, Tramelay und seinen Rittern zu folgen, weil der Großmeister offenbar seinen nachrückenden Templerbrüdern den Befehl gegeben |656|hatte, niemanden durchzulassen, der nicht zum Orden gehörte. Somit war die gesamte Gegend rund um die zerstörte Festungsmauer für andere Ritter und Fußsoldaten unerreichbar.

Johan stieß ein missmutiges Geräusch aus. »Als Muslim verkleidet kommen wir da schon gar nicht hinein«, meinte er düster, als er sah, dass Tramelay sogar direkt an der Bresche kontrollieren ließ, wer sich Zugang verschaffte. Wenn überhaupt, würde man sie also nur als Ordensbrüder hindurchlassen.

»Wir müssen dort hinein, egal wie«, bestimmte Gero mit entschlossener Stimme. »Dann ziehen wir die muslimische Kleidung eben unter unsere Chlamys und entkleiden uns in einem unbeobachteten Moment, wenn wir im Innern der Festung angelangt sind.«

Im Schutz des Katapultes versicherten die beiden sich, dass sie niemand bei ihrem hastigen Kleiderwechsel beobachtete.

Johan half Gero wegen seiner Verletzung beim An- und Ablegen von Kettenhemd und Chlamys, und dann machten sie sich, immer noch als Templer zu erkennen, eilig zu Fuß auf den Weg.

Tramelay hatte längst damit begonnen, mit den vor Ort befindlichen Brüdern in die Stadt einzurücken. Brutal gingen sie gegen die verzweifelten Fatimiden vor, die sich ihnen kraftlos entgegenstellten, weil sie für einen Moment jeglichen Mut verloren hatten, die Festung gegen die Franken halten zu können.

Gero und Johan näherten sich der Öffnung, die wegen der heruntergefallenen Steine nur kletternd zu bewältigen war. Aus dem Innern der Festung drangen Schreie von Männern, Frauen und Kindern, und Gero spürte sein Herz davonrasen bei dem Gedanken, dass sich die davongekommenen Fatimiden an den noch auf der Festung befindlichen, gefangenen Franken für ihre getöteten Landsleute rächen könnten.

»Ihr bekommt keinen Durchlass«, sagte eine kehlige Männerstimme, und schon sahen sich Gero und Johan mit fünf jungen Templern konfrontiert, die ihnen die Schwerter vor die Nase hielten. »Befehl von Meister Bernard.«

Einer der Männer war Bruder Florentin, der Gero mit Häme angrinste.

»Der Großmeister hat auch ausdrücklich befohlen, dass wir euch festsetzen sollen, sobald ihr hier auftaucht«, schnarrte ein älterer Bruder, den Gero in der Truppe bisher noch nicht bemerkt hatte. »Ihr habt euch der |657|Kollaboration mit dem Feind verdächtig gemacht. Er hat bereits einen Boten entsandt, damit man euch abführt, sobald ihr hier auftaucht.«

»Das Urteil gegen uns wurde aufgehoben«, erwiderte Johan barsch. »Außerdem hat Tramelay es allein uns zu verdanken, dass die Sprengung der Mauer überhaupt möglich war. Und jetzt lasst uns durch.« Er wollte sich an den Brüdern vorbeidrängen, hatte jedoch sofort zwei blutbesudelte Klingen an der Kehle.

»Wenn du uns nicht einlässt, werde ich dich töten«, sagte Gero ruhig und hob sein Schwert.

»Dann musst du uns alle fünf töten«, erwiderte ein dritter Templer und stellte sich Gero mit gezogenem Schwert in den Weg.

»Außerdem nähert sich just eure Eskorte.« Der ältere Templer deutete mit der Spitze seines Schwertes in die verstaubte Ebene hinein, wo sich zwei Ordensbrüder in rasendem Galopp näherten.

»Verdammt, ihr Idioten!«, brüllte Gero ihn an. »Ihr werdet alle draufgehen da drin, wenn ihr den Zugang weiter blockiert und auf unsere Hilfe verzichten wollt. Die Fatimiden sind zu stark, als dass man ihnen mit einer Handvoll Brüder beikommen könnte.«

»Befehl ist Befehl.« Die Ordensbrüder zeigten sich stur, und Gero und Johan blieb zunächst nichts anderes übrig, als sich abzuwenden, zumal sich die beiden anderen Brüder bereits auf dreißig Fuß genähert hatten.

»Macht keine Dummheiten und folgt den beiden Gesandten ohne Widerspruch nach Gaza. Dort werdet ihr unter Arrest auf die Rückkehr des Großmeisters warten!«, rief der ältere Templer.

Gero spuckte aus und wandte sich den beiden Ankömmlingen zu. Es würde ihnen keine große Mühe machen, die beiden auszuschalten, und dann würden er und Johan versuchen, die Festung vom Hafen her zu erstürmen. Anselm hatte ihm verraten, über welchen Zugang er von der Festung zum Meer gelangt war.

Der ältere Templer nickte den beiden herbeireitenden Brüdern zu. »Bringt sie nach Gaza und sorgt dafür, dass sie unter Arrest bleiben!«, rief er ungeduldig, weil er sich des Problems so schnell wie möglich entledigen wollte, um hinter Tramelay nachrücken zu können.

Gero beobachtete die beiden Neuankömmlinge auf ihren Hengsten mit zusammengekniffenen Lidern. Irgendwie kamen ihm die beiden seltsam vor. Zumal der schmächtigere von beiden einen offensichtlich zu großen Helm trug, der mit einer Nasenmaske das halbe Gesicht bedeckte. |658|Dazu hatte er einen weißen Schal, wie er eigentlich nur bei muslimischen Reitern üblich war, den er über Kinn und Mund gezogen hatte. Johan schien ebenfalls irritiert zu sein, zumal der Größere von beiden einen ähnlichen Helm trug und ihm in seiner aufrecht trotzigen Haltung irgendwie bekannt vorkam.

»Los, ihr beiden!«, rief der Größere zu ihnen herüber. »Seht zu, dass ihr auf eure Gäule kommt und folgt uns zum Versorgungslager.«

Arnaud! Kein Zweifel, Gero erkannte ihn an der dunklen melodischen Stimme. Sein Herz hüpfte einen Moment vor Freude. Dem alten Poulani war es also tatsächlich gelungen, die Templer zu überlisten und deren Schutzwall zu durchbrechen. Aber hatte er es auch geschafft, Hannah und die Frauen zu befreien? Und wer war der zweite Templer an Arnauds Seite?

»Struan kann es nicht sein«, flüsterte Johan ihm zu. »Der Schotte ist viel kräftiger.«

Beim Näherkommen blickte Gero in das Gesicht des unbekannten Bruders. Erst jetzt sah er, dass dessen Arme und Hände zitterten, als ob tiefster Winter wäre.

Von unten herauf blickte er in klare, hellgrüne Augen. Sie waren mit Tränen gefüllt. Ihn durchlief ein Schauer. Jedoch bevor er seine Vermutung aussprechen konnte, flüsterte sie seinen Namen.

»Gero.«

»Kein Wort«, zischte Arnaud durch seine zusammengekniffenen Lippen. »Seht zu, dass ihre eure Pferde findet und dann nichts wie weg von hier.«

Gero hob eine Braue und nickte. Im Moment hätte er ohnehin nicht sprechen können, so dick war der Kloß, der seine Kehle versperrte.

Sein Mädchen lebte, und sie war hier, nur einen Schritt von ihm entfernt.

Nun hatte auch Johan erkannt, wer der zweite Templer war.

»Was ist mit Freya?«, formten seine Lippen stumm.

»Es geht ihr gut«, raunte Arnaud. »Den anderen auch.«

Johan stieß einen Seufzer aus, als er Gero zu den Pferden folgte.

Tramelays Meute beobachtete zufrieden, wie sie ihre Hengste bestiegen und mit den vermeintlichen Wachleuten davontrabten.

In gut dreihundert Fuß Entfernung beschleunigte Arnaud das Tempo und wechselte die Richtung. Dann galoppierten sie am Belagerungsring |659|vorbei in Richtung Hauptlager, und auch dort schlugen sie einen Haken und verschwanden in einem Olivenhain, an den sich ein Pinienwäldchen anschloss.

Erst dort berichtete Arnaud seinen deutschen Brüdern, was im Hauptlager vorgefallen war. »Anselm hat Tanner und Stephano im Hauptlager in einem Lazarettzelt mit Wasser, Brot und Verbandmaterial versorgt, als plötzlich vier unbekannte Templer aus einem anderen Bataillon auftauchten, die unsere beiden Brüder ohne Anklage unter Arrest stellen wollten. Hannah, Freya und ich sind auf der Suche nach euch zur rechten Zeit hinzugekommen, gerade als die vier Anselm und unsere beiden Brüder überwältigen wollten. Gemeinsam ist es uns gelungen, Tramelays Schergen vorübergehend unschädlich zu machen. Zuvor ging aus Gesprächen der Männer hervor, dass man zwei von ihnen auf Befehl Tramelays Richtung Askalon schicken wollte, um euch beide gefangen nehmen zu lassen. Mithilfe der Frauen haben wir die vier bewusstlosen Brüder geknebelt und gefesselt unter einer gewachsten Zeltplane versteckt.«

Arnaud grinste verhalten. »Wahrscheinlich sind sie darunter weichgekocht, wenn sie vor heute Abend niemand findet. Anselm ist mit Freya, Tanner und Stephano auf dem Weg zu einer Höhle, hier ganz in der Nähe, wo die anderen bereits mit dem Kelch auf uns warten.«

Als der Pinienwald ein wenig dichter wurde, zügelten sie die Pferde, und Gero ritt an Hannahs Hengst heran und ergriff die Zügel. Einen Moment lang wusste er trotz aller Erleichterung nicht, ob er wütend sein oder sich freuen sollte.

»Warum hast du sie bis an die Festung herangeschleppt?«, herrschte er Arnaud unvermittelt an. »Du hättest Tanner oder Anselm nehmen sollen. Es hätte weiß Gott was passieren können, wenn Tramelays Männern der Betrug aufgefallen wäre.«

»Er kann nichts dafür«, rief Hannah ihm atemlos zu. »Freya musste den Verwundeten helfen, ansonsten wären wir beide aufs Feld geritten, um euch zu suchen.« Rasch befreite sie sich von ihrem weißen Schal und riss sich den Helm vom Kopf, worauf ihr kastanienbraunes Haar über ihre Schultern flutete. »Außerdem hatte ich Bedenken, dass du Arnaud vielleicht nicht glaubst, wenn er dir sagt, dass es ihnen gelungen ist, uns zu befreien.« Sie glitt aus dem Sattel und stand plötzlich vor ihm. »Dafür kenne ich dich inzwischen zu gut. Ich weiß doch, wie stur du sein kannst.«

|660|Die anderen warteten geduldig, als Gero aus dem Sattel sprang, um sie zu umarmen, obwohl Johan anzusehen war, dass auch er darauf brannte, Freya endlich wieder in seine Arme zu schließen.

Großer Gott, dachte Gero und atmete tief durch, als er ihren Kopf an seiner Brust spürte. In der viel zu großen Chlamys, mit ihren erhitzten Wangen und den nass glänzenden Augen war Hannah noch schöner, als er sie in seinen kühnsten Fantasien vor sich gesehen hatte. Sofort löste er den Gurt seines Helms unter dem bärtigen Kinn und befreite sein Haupt von der Kettenkapuze und der wattierten Haube, die völlig durchnässt war. Ein warmer Luftzug kühlte sein verschwitztes, kurzgeschorenes Haar, als er sich zu ihr hinabbeugte und sie küsste.

Obwohl sie nicht klein war, kam sie ihm nun geradezu zierlich vor. Ihr Gesicht war etwas schmaler geworden, was vielleicht daran lag, dass die Fatimiden ihr nichts zu essen gegeben hatten.

»Geht es dir gut«, flüsterte er und sah, dass sie nickte. »Haben die fatimidischen Schweine dir und den anderen Frauen ein Leid zugefügt?«

»Nein, du musst dir keine Sorgen machen.« Ihre Stimme hatte diese unglaubliche Sanftheit.

Er drückte sie noch fester an sich, als ob er sichergehen wollte, dass er sie nie wieder hergeben musste.

»Autsch, ist das unbequem«, neckte sie ihn lächelnd, und gleichzeitig schlang sie ihre Arme um seinen Hals. Er küsste sie hemmungslos, und als sie ihm ihre kleine rosige Zunge zwischen Lippen schob, bemerkte er ein heftiges Ziehen in den Lenden.

Hannah war sensibel genug, um zu spüren, dass er nicht ganz auf der Höhe war. Besorgt zog sie sich zurück und schaute ihn prüfend an.

»Was ist?«, fragte sie und begann sogleich sein verdrecktes Gesicht zu inspizieren, dabei entdeckte sie die blutunterlaufene Schwellung unter seinem Kinn. Vorsichtig fuhren ihre zarten Finger darüber. »Das sieht nicht gut aus«, entschlüpfte es ihr. Dann entdeckte sie den Verband an seinem Arm, der inzwischen wieder durchgeblutet war.

»Du brauchst einen Arzt!«

»Hier wimmelt es von Ärzten, mein Herz«, scherzte Gero leichthin und schaute ihr in die Augen. »Mach dir keine Sorgen.«

»Wenn wir nicht bald von hier verschwinden«, mahnte Arnaud, »wimmelt es nicht von Ärzten, sondern von aufgebrachten Templern.«

»Du hast recht«, sagte Gero und löste sich widerwillig von seiner Frau.

|661|»Irgendwann in ein paar Stunden, wenn das Schicksal sich grausam wiederholt«, prophezeite Arnaud mit wachsender Ungeduld, »werden Tramelay und seine Leute massakriert von den Festungsmauern Askalons baumeln. Und wenn dessen überlebende Verbündete uns zufällig entdecken, kann es durchaus geschehen, dass man uns die Schuld dafür gibt. An den Hass der Königin, wenn sie ihren Kelch nicht bekommt, möchte ich gar nicht erst denken.«

»Kommt«, sagte Johan, den es vor Unruhe kaum noch im Sattel hielt. »Die anderen warten schon auf uns.«

»Liebst du mich?«, hauchte Hannah Gero ins Ohr.

»Wie kannst du je daran zweifeln?« Gero half Hannah beim Aufsteigen auf den nervös tänzelnden Hengst. Für einen Moment hielt er ihre Hand und schaute sie beinahe tadelnd an.

Mit einem geradezu ängstlichen Blick sah sie ihn an.

»Ich dachte, du bist mir böse, weil ich dir gefolgt bin und damit so viel Unheil angerichtet habe. Aber ich war nicht fähig, mit dem Gedanken zu leben, dich vielleicht nie wiederzusehen.«

»Du hättest meinetwegen nicht dein Leben aufs Spiel setzten dürfen«, erwiderte er sanft und küsste ihre Finger.

»Ich habe es nicht für dich getan«, flüsterte sie und beugte sich zu ihm herab, um seine bärtige Wange zu streicheln. »Ich habe es für unser Kind getan. Ich wollte nicht, dass es ohne seinen Vater aufwächst.«