Kapitel 11

Sprung ins Ungewisse

Juli 2005 – Deutschland – Israel

 

»Lafour will was?« Paul Colbach, der bereits ahnte, dass ihm nicht alles bekannt war, was in den Köpfen seiner Auftraggeber herumspukte, warf seinem Kollegen Tom Stevendahl einen angespannten Blick zu. »Ist er nun vollends verrückt geworden?« Nervös fuhr sich der Informatiker durch seine rotblonden Haare, mit dem Ergebnis, dass sie ihm zu Berge standen, was seinen Gemütszustand eindrucksvoll widerspiegelte. Der Luxemburger fühlte sich alles andere als wohl bei dem Gedanken, als Erfüllungsgehilfe des amerikanischen Präsidenten ein weiteres Zeitreiseexperiment zu wagen, das genug Risiken barg, um im Zweifelsfall die gesamte Menschheit zu vernichten. Seit Tagen versuchten er, Tom und Karen im unterirdischen Hochsicherheitstrakt des Forschungszentrums C.A.P.U. T., das in einem ehemaligen Atombunker der US-Streitkräfte in der Südeifel stationiert war, ein Experiment vorzubereiten, das wohl zu den waghalsigsten Unternehmungen gehörte, für die der amerikanische Präsident je eine Genehmigung erteilt hatte.

»Nicht so laut«, zischte Tom und sah sich suchend um, als ob er befürchtete, abgehört zu werden. Nachdem er tief durchgeatmet hatte, weihte er seine Kollegen in gedämpftem Tonfall in Lafours haltlose Idee ein, den Kreuzzug mit modernen Waffen endgültig für die Christen zu entscheiden.

|290|Paul wich die Farbe aus dem Gesicht. »Wir haben nicht die leiseste Ahnung, was passiert, wenn wir auch nur eine Laborratte dorthin schicken, geschweige denn eine ganze Armee mit modernen Waffen.«

»Lafour meint, dass bisher nichts Gravierendes passiert ist, selbst nachdem wir die Templer ins Jahr 2004 transferiert haben. Also sagt er sich, man könnte durchaus bewusst eingreifen, indem wir versuchen die Geschichte durch gezielte Tötungsmaßnahmen zu verändern.«

Auf Pauls Gesicht spiegelte sich Entsetzen. »Wen hat er denn im Visier? Die Könige von Jerusalem oder die Vorfahren Bin Ladens?«

»Keine Ahnung«, bekannte Tom. »Ich habe versucht, ihm die Sache auszureden, aber er hat mir mit harten Konsequenzen gedroht, wenn ich seine Absichten dem Präsidenten vortrage.«

»Der General ist komplett inkompetent!«, ereiferte sich Karen Baxter. »Möglicherweise haben wir bisher nur Glück gehabt, dass das Raum-Zeit-Kontinuum nicht aus dem Gleichgewicht geraten ist.«

»Und wer garantiert uns, dass wir nach diesem Trip überhaupt noch existieren?« Paul rang nach Luft. »Du musst Lafour von diesem absurden Gedanken unbedingt abbringen. Das ist einfach zu gefährlich!«

»Ich habe es schon versucht«, erwiderte Tom. »Ohne Lafour zu unterrichten, habe ich dem Pentagon einen Bericht vorgelegt, der aus quantenphysikalischer Sicht von direkten Manipulationen im Ablauf der Geschichte abrät.

Ich habe darauf verwiesen, dass wir nicht umsonst das Ansinnen ablehnen mussten, ersatzweise für einen Probanden aus unserer Zeit einen der Templer ins Jahr 2001 zu entsenden, um den Anschlag des 11. September zu verhindern. Wir wissen zu wenig, um die Konsequenzen einer solchen Mission absehen zu können. Ich habe mich auf die Untersuchungen von Professor Hagerty berufen. Vielleicht kannst du dich erinnern. Er ist ein anerkannter Physikphilosoph und hält Eingriffe in die Zeitgeschichte mittels eines Zeitreisemechanismus für schlichtweg unmöglich.«

Paul lächelte schwach. »Aber dieser Hagerty hat nicht die leiseste Ahnung, wie nah wir seinen Theorien bereits gekommen sind, oder irre ich mich?«

Tom schüttelte den Kopf. »Das ist auch gar nicht nötig. Nach allem, was ich von ihm gelesen habe, teile ich seine Meinung und habe dem Präsidenten ein entsprechendes Dossier vorgelegt. Darin habe ich dargelegt, |291|dass ich dem Transfer der beiden Frauen aus dem Jahr 1153 in die heutige Zeit trotz einiger Bedenken zustimmen kann. Sie stammen, soweit uns bekannt ist, aus dem Jahr 2151, gehören also nicht von Geburt an in diesen Zeitabschnitt. Somit stehen die Chancen für einen erfolgreichen Transfer meiner Einschätzung nach besser, als wenn sie schon immer dort gelebt hätten. Ich habe die hohen Herrn in Washington bereits darauf hingewiesen, dass wir eine Einflussnahme auf das Zeitgefüge erst planen können, wenn wir mithilfe der beiden Frauen mehr über die technischen und physikalischen Zusammenhänge erfahren haben.«

Toms Augenmerk fiel auf den ersten Quantencomputer, den Professor Hagen vor zwei Jahren entwickelt hatte. In dem steril wirkenden Labor erschien er den beiden jungen Wissenschaftlern wie ein Mahnmal, dass es nichts gab, was unmöglich bleiben musste. Obwohl Tom nie ein gutes Verhältnis zu seinem verstorbenen Chef gehabt hatte, wünschte er sich im Moment nichts sehnlicher, als dass Hagen von den Toten auferstand, um wie früher das Ruder an sich zu reißen. Nicht nur wegen seines Knowhows über quantenphysikalische Vorgänge – sondern auch, weil er die Rolle des Ungeheuers, das Tom in Hannahs Augen unweigerlich sein würde, falls das Experiment misslingen sollte, klaglos übernommen hätte. Sie hatte den grauhaarigen Professor regelrecht gehasst, weil er es gewesen war, der Gero und seinen Knappen aus reiner Profilierungssucht ihrer Zeit entrissen hatte. Aber es half nichts. Tom musste da durch, selbst wenn er sich mit dieser Aktion bei Hannah bis in alle Ewigkeit ins Aus schießen würde. Immerhin war der viel kleinere Quantenlaptop, den sein Kollege und er mit Geros Hilfe in den unterirdischen Klostergängen von Heisterbach entdeckt hatten, weitaus intelligenter konstruiert als Hagens improvisiertes Ursprungsmodell – trotzdem konnte der futuristische Server aus einer weit entfernten Zukunft allem Anschein nach keine Toten zum Leben erwecken und auch niemanden einem Zeitstrom entreißen, in dem er aus verschiedenen Gründen energetisch fest verankert gewesen war. Tom stieß einen Seufzer aus.

»Es wäre sicher besser«, wandte Paul ein, »wenn man uns ein wenig mehr Zeit ließe, um den Server und seinen komplexen Mechanismus eingehender erforschen zu können, bevor wir einen so umfangreichen Versuch starten.«

|292|»Der Präsident und seine Kettenhunde wollen dieses Experiment aber sofort«, erwiderte Tom, »und wir haben nicht die geringste Chance, etwas dagegen zu unternehmen. Es sei denn, du willst deine Karriere an den Nagel hängen und spurlos im Nirgendwo verschwinden.«

Dr. Karen Baxter, die in einem figurbetonten Laborkittel vor einem der vielen Computerbildschirme saß, blickte erschrocken auf. Sie hatten nie darüber gesprochen, aber allen dreien war klar, dass sie schon viel zu tief in der Sache drinsteckten, um sich einfach ausklinken zu können. Wenn auch nur einer von ihnen seinen Dienst verweigerte, würde das unabsehbare Konsequenzen für ihre eigene Sicherheit haben.

»Lafours Leute sind bereits seit zwei Wochen in Israel, um alles für den Transfer vorzubereiten«, bemerkte Tom tonlos. »Außer uns stellt sich offenbar niemand mehr die Frage, ob es überhaupt gelingen kann, acht Menschen mit Pferden und mittelalterlicher Ausrüstung in eine achthundert Jahre entfernte Vergangenheit zu entsenden.«

Tom blickte von seinen Laborergebnissen auf, die ihm der Drucker soeben in Papierform ausgespuckt hatte. Abwesend griff er zu seiner Kaffeetasse und führte sie an die Lippen. Der abgestandene Inhalt war eiskalt. Angewidert stellte er die Tasse zurück.

Vor seinem geistigen Auge liefen die Aufzeichnungen ab, die sich auf dem Server befunden und von denen auch die Templer nach ihrer Ankunft im Herbst 2004 berichtet hatten. Erschreckende Bilder von einem Dritten Weltkrieg, der in knapp fünfzig Jahren die drei großen Weltreligionen für immer von der Erde hinwegfegen würde. Vielmehr jedoch beunruhigte den amerikanischen Präsidenten die Tatsache, dass laut dieser düsteren Vision danach chinesische Großkonzerne die Herrschaft über den Planeten übernehmen würden. Amerika und Europa spielten in den Expansionsfantasien diverser Handelskonsortien dann nur noch insofern eine Rolle, als man deren Bevölkerung in Milliarden ferngesteuerter Bioroboter umwandelte, indem man deren Gehirne mit einem von Geburt an eingebauten Chip manipulierte.

Karen war hinter Paul getreten. Gemeinsam hatten sie den ganzen Abend in der hermetisch abgeschotteten Laborhalle verbracht und einen erneuten Check an dem Timeserver durchgeführt. Das Ergebnis war niederschmetternd. Nur zwei von acht Zeitreise-Durchgängen waren im Tierversuch erfolgreich gewesen. Vier weiße Kaninchen hatte |293|man heil in die Vergangenheit und wieder zurück transferieren können. Sechs weitere waren nach einem kurzen Verschwinden als nicht identifizierbares blutiges Etwas zurück auf dem Versuchstisch gelandet, und bei dem Rest hatte der Server die Annahme der DNA für einen Zeitsprung verweigert. »Ich finde, das Ganze entwickelt sich zunehmend zu einer makabren Zaubershow.« Karen schaute ihre beiden Wissenschaftskollegen resigniert an. »Oder habt ihr eine Ahnung, was uns das sagen will.« Als Molekularbiologin und Medizinerin war sie im Team für alles Lebendige zuständig, ganz gleich, ob mit oder ohne Fell. »Im Klartext würde es bedeuten«, sie hielt ein braunes Fellbündel am Genick gepackt in die Höhe, »dass es die Tiere in der angewählten Epoche schon gab – was wenig wahrscheinlich ist, weil unsere Kaninchen noch gar nicht geboren waren, um innerhalb des ausgewählten Zeitstroms mit sich selbst konfrontiert werden zu können.«

»Außerdem gehen sie wohl kaum selbstständig auf Zeitreise?« Paul hob eine Braue, während er dem strampelnden Versuchsteilnehmer streng in die Augen schaute. »Oder etwa doch?« Er nahm Karen das verängstigte Tier ab und barg es in seinen Armen. Karen schenkte ihm ein warmherziges Lächeln. Die Art, wie Paul das Kaninchen streichelte, erinnerte sie daran, dass er ein zärtlicher Liebhaber war und als Vater ihrer zukünftigen Kinder ernsthaft in Frage kam.

Paul hatte jedoch für solche Gedanken im Moment wenig Sinn. Er brachte das Tier zurück in den Käfig und seufzte. »Die Ablehnung des Servers hatte vielleicht andere Gründe, die wir bisher nicht nachvollziehen können.«

»Unter diesen Umständen ist es eigentlich Wahnsinn, weiterhin Menschen zu transferieren, zumindest so lange, bis wir die genauen Hintergründe kennen«, fügte Karen mit besorgter Miene hinzu. »Wir dürfen den Präsidenten darüber nicht im Unklaren lassen.«

»Keine Chance«, widersprach Tom. »Ich habe Lafour und seine Vorgesetzten bereits ausreichend darauf vorbereitet, dass es Probleme geben könnte. In der Führungsetage des Pentagons hat man nur abgewinkt und gesagt: ‚Stevendahl, Sie schaffen das schon.’«

Tom schwieg für einen Moment, bevor er von neuem ansetzte. »Na ja …«, sagte er leise, »vielleicht sollte es mir auch egal sein, wie die Sache ausgeht. Hauptsache, es ist nicht unsere Schuld, wenn sich die ganze Geschichte am Ende zu einem Desaster entwickelt.«

|294|»Spekulierst du etwa darauf, dass die Missionsteilnehmer nicht heil zurückkehren?« Paul sah seinen dänischen Kollegen aus schmalen Lidern an. Jeder hier konnte zumindest ahnen, dass Tom seinem Erzrivalen Gero von Breydenbach am liebsten die Pest an den Hals gewünscht hätte, weil Hannah vielleicht zu ihm zurückgekehrt wäre, wenn dieser verdammte Templer sich nicht an sie herangemacht hätte.

»Und wenn es so wäre?« Trotz lag in Toms Blick. »Zumindest könnte Hannah mir nicht den Vorwurf machen, dass ich ihn absichtlich hätte verschwinden lassen.« Die Tatsache, dass er den damals bewusstlosen Ritter aus dem Mittelalter nach dem missglückten Zeitreiseexperiment selbst in das Bett seiner Exverlobten gelegt hatte, machte die Angelegenheit für ihn nicht eben verträglicher. Herrgott, wie hätte er auch ahnen können, dass Hannah sich in diesen Barbaren verliebte.

»Das kannst du nicht bringen«, ermahnte ihn Karen. »Sie vergöttert Gero – sie ist mit ihm verheiratet, möchte mit ihm eine Familie gründen. Seit sie weiß, dass die Amis ihn und seine Kameraden für ein weiteres Zeitreiseexperiment einsetzen wollen, ist sie ganz verrückt vor Angst. Erst gestern war sie bei mir und hat mich gebeten, die geplante Mission aus humanitären Gründen abzulehnen.«

»Sie wusste von Beginn an, was mit dem Kerl los ist«, raunte Tom, ohne von seinem Bildschirm aufzusehen. »Im Mittelalter hätte sie mit ihm auch kein normales Leben führen können. Und dass unsere amerikanischen Freunde auf diese Barbaren und ihr Wissen um die Vergangenheit nicht einfach verzichten wollen, versteht sich von selbst.«

»Er ist kein Barbar, Tom«, erwiderte Karen missbilligend. »Nach allem, was ich über diese Männer herausfinden konnte, halte ich sie für weitaus kultivierter als manchen Kerl hier auf der Air Base. Nur weil jemand siebenhundert Jahre zuvor aufgewachsen ist, heißt das noch lange nicht, dass er kein Herz und keinen Verstand hat. Außerdem sind diese Leute sehr gebildet, mehrsprachig erzogen und für ihre Zeit erstaunlich weit herumgekommen.«

»Muss Paul sich Sorgen machen?« Tom grinste. »Immerhin sind noch zwei der Templer zu haben.«

Karen schüttelte den Kopf. »Du kannst es nicht lassen, oder?«

Tom tat so, als habe er die Frage nicht gehört.

»Und was ist mit Hannah?« Karen sah ihn fragend an. »Willst du ihr die Sache nicht persönlich erklären, damit sie das Projekt akzeptiert?«

|295|»Das habe ich schon getan. Ich bin Wissenschaftler und kein Monster«, bemerkte Tom erstaunlich gelassen. »Deshalb habe ich ihr in Absprache mit Professor Hertzberg versprochen, dass sie und die anderen Frauen mit nach Israel reisen dürfen und den Transfer beobachten können. Was Lafour betrifft, so hoffe ich, dass der Präsident ihm die Weisung erteilt, seine Expansionsideen im Mittelalter zunächst noch auf Eis zu legen. «

Paul nickte. »Ich muss dir ein Lob aussprechen. Hätte nicht gedacht, dass sich die Amerikaner von dir bequatschen lassen, was diverse Vorsichtsmaßnahmen betrifft. Geschweige denn, dass sie unbeteiligte Beobachter beim Transfer dulden. Bleibt zu hoffen, dass wir die Aufbruchsstimmung im Weißen Haus nicht enttäuschen müssen.«

»Das hoffe ich auch.« Tom machte sich daran, die seitlichen Energiekammern des Servers zu öffnen. »Die Brennstoffzellen machen mir ebenfalls Sorgen«, erklärte er und fuhr mit dem Finger über jene Stelle, wo der Kernfusionsreaktor untergebracht war, der in etwa so groß war wie eine Streichholzschachtel. Ein blaugrünes Leuchten erhob sich aus dem flachen Gerät, das in Größe und Form einer anthrazitfarbenen Zigarrenkiste glich. Die Energie, die das winzige Kraftwerk produzierte, würde ausreichen, um eine Stadt wie München dem Erdboden gleichzumachen – falls etwas schieflief. Dabei nutzte der Transfermechanismus diese künstlich hergestellte Energie lediglich als Türöffner, um die Kraft der schier unerschöpflichen Umgebungsmaterie anzuzapfen. Nur ein Fingerhut voll destilliertes Wasser, das von jeglichen DNA-Spuren befreit war, reichte aus, um eine gewaltige Kettenreaktion in Gang zu setzen.

Die labortechnische Herstellung dieses reinen Wassers gestaltete sich am aufwändigsten, weil man es von jeglichem menschlichen und tierischen Gen-Material befreien musste. Hertzberg hatte herausgefunden, dass es zu Moses’ Zeiten bereits ein Gerät gegeben haben musste, das man Attik Jommim nannte und das mittels eines komplizierten Glaskolbens in der Lage war, sogar aus Wüstenluft Wasser zu destillieren. Wer dieses Gerät erfunden und wozu man es genau benutzt hatte, war allerdings bisher ein Rätsel geblieben.

»Das Wasser unter absolut sterilen Bedingungen herzustellen ist nicht alleine das Problem«, bemerkte Karen. »Den Tank zu öffnen und es dort dekontaminiert einzufüllen, erscheint mir wesentlich schwieriger.«

|296|»Lafour hat uns bis nächsten Dienstag Zeit gegeben«, erinnerte Paul, »das Problem zu lösen, dann will er erste Testläufe mit größeren Objekten fahren.«

»Den Berechnungen zufolge sind zumindest einige der Kaninchen in den angewählten Epochen angekommen, aber sie können ja leider nicht sprechen, um genau zu sagen, ob sie tatsächlich in der richtigen Zeit gelandet sind«, meinte Tom mit einem gewissen Bedauern.

Karen schaute von ihrem Monitor auf. »Im Moment erscheint es mir nicht weniger wichtig, zu wissen, ob die Frauen, die Lafour in die Zukunft transferiert haben möchte, sich dort aufhalten, wo sie allem Anschein nach zuletzt gewesen sind.« Auf dem Bildschirm erschien ein Tagebuchauszug der beiden Wissenschaftlerinnen, die sich laut Eintrag Lyn und Rona nannten. Sie hatten vor nicht ganz achthundert Jahren vom Tempelberg in Jerusalem einen Notruf abgesetzt, indem sie eine auf Pergament geschriebene Nachricht in einer fremdländisch anmutenden Sprache in eine Aluminiumplombe gesteckt und sie als Grabbeigabe in eine Gruft mit sechs gefallenen Templern versenkt hatten. Die Botschaft hatte der verstorbene Quantenphysiker Professor Dr. Hagen von einem befreundeten Architekten aus dem Libanon erhalten, der sie bei Bauarbeiten am Tempelberg in Jerusalem gefunden hatte. Sie enthielt neben ein paar Koordinaten, die den Aufenthalt der beiden Frauen auf dem Tempelberg in Jerusalem beschrieben, auch eine mehr oder weniger vollständige Beschreibung eines sogenannten Timeservers, eines Gerätes, mit dem man in den unendlich erscheinenden Zeitstrom eindringen konnte. Allerdings ging es damit zunächst nur in die Vergangenheit. Wollte man zurück, so musste man sich aus der Zukunft wieder abholen lassen.

Tom erinnerte sich jedes Mal daran, wenn er die Videosequenz über das Entschlüsseln der Schrift auf dem Bildschirm sah, wie viele Stunden Professor Hagen in das Projekt investiert hatte, um aus den bruchstückhaften Beschreibungen eine halbwegs funktionierende Zeitmaschine zu bauen, die am Ende tausendfach größer war als der anthrazitfarbene Kasten, der nun vor ihnen lag.

Die Gewissheit, dass es sich dabei um das in der Plombe beschriebene Objekt handeln musste, stellte sich ein, nachdem sie den Überraschungsfund aus dem geheimen Gang der alten Klosterruine von Heisterbach geborgen und analysiert hatten. Doch nichts deutete darauf |297|hin, wo die ehemaligen Besitzerinnen, die augenscheinlich einer mehr als einhundert Jahre entfernten Zukunft entstammten, am Ende geblieben waren.

»1153«, sagte Karen und inspizierte die Daten, die sie auf dem Rechner gefunden hatten. »Das ist der letzte Eintrag, den wir entdeckt haben.«

Bisher hatte man auf dem Server nur diesen holographischen Film über eine schreckliche Zukunft entdeckt und mehrere Protokolldaten, die von den vergeblichen Versuchen der beiden Frauen kündeten, Kontakt mit einer für sie mehr als tausend Jahre entfernten Zukunft aufzunehmen. Demnach waren die beiden Wissenschaftlerinnen aus dem Jahre 2151 im Jerusalem von 1148 gestrandet und hatten fünf Jahre in der heiligen Stadt zugebracht, wie den Zeittafeln und Koordinaten der Kontaktprotokolle zu entnehmen war. Was sie in dieser Zeit dort erlebt hatten, konnte anhand der lückenhaften Aufzeichnungen nicht bestimmt werden.

»Was bleibt uns anderes übrig, als nach ihnen zu suchen und zu hoffen, dass bei dem Transfer alles glattgeht?« Tom setzte ein müdes Lächeln auf.

»Also gut«, bemerkte Karen resigniert, »dann liegt es also allein an uns, dass bei der Sache möglichst alles funktioniert.«

 

»Struan?« Amelies Stimme klang zaghaft im Halbdunkel des fürstlich eingerichteten Schlafzimmers. Der schottische Templer zog seine Frau unter der leichten Daunendecke instinktiv näher zu sich heran. Seit mehr als acht Monaten lebten sie nun in einer Zukunft, die sie nicht verstanden. Seit die Amerikaner Struan mit fünf weiteren Kameraden in die Gegenwart transferiert und gesund gepflegt hatten, betete er jeden Tag zu Gott und bedankte sich dafür, wenigstens Amelie an seiner Seite zu haben. Hier in dieser fremden Welt hielten sie sich gegenseitig fest, wie zwei Ertrinkende, die sich aneinanderklammerten.

Seine zierliche Frau zitterte, als ob sie spürte, was in ihm vorging. Erst vor ein paar Tagen hatte er erfahren, dass General Lafour ihn und seine Kameraden noch einmal Hunderte von Jahren in der Zeit zurückschicken würde. Eine angeblich unaufschiebbare Mission, die weitaus gefährlicher zu sein schien als die Befreiung von Henri d’Ours aus einem Kerker des französischen Königs. Wenn er jedoch Gero vertraute, |298|würde die Roise ihnen eine Möglichkeit eröffnen, sich dem Martyrium der Amerikaner zu entziehen. Gero hatte im Lac d’Orient etwas entdeckt, über das er vor Hertzberg und ihren Auftraggebern eisern geschwiegen hatte. Seitdem hatten er und die Kameraden wieder Mut gefasst, in der bevorstehenden Mission an geheime Erkenntnisse des Templerordens zu gelangen, die es ihnen ermöglichten, mit ihren Frauen dieser Knechtschaft zu entfliehen.

»Du brauchst keine Angst zu haben, Lassie«, flüsterte er und ließ seine große Hand unter die Bettdecke gleiten, um sie zärtlich über Amelies nackte Brüste wandern zu lassen. »Die heilige Jungfrau wird uns beschützen.« Er versuchte sie von ihren trüben Gedanken abzulenken, indem er sie küsste und ihr lächelnd das Nachthemd hochzog, um sie zwischen den Schenkeln zu liebkosen. Für gewöhnlich liebte sie das, doch nun begann sie plötzlich zu weinen. Verdammt, Struan war ratlos, was er noch tun sollte, um sie auf leichtere Gedanken zu bringen, wenn nicht einmal das half. Vielleicht lag ihre trübe Stimmung auch daran, dass sie immer noch hoffte, endlich ein Kind von ihm zu empfangen, aber bisher hatte der Herr ihren Leib nicht gesegnet, obwohl sie während des Beischlafs immer einen geweihten Rosenkranz um den Hals trug. Dabei war Struan längst nicht sicher, ob sie nach ihrer Fehlgeburt überhaupt noch schwanger werden konnte. Karen Baxter, eine außerordentlich gute Heilerin, hatte diese Frage durchaus bejaht, aber Struan überlegte schon seit geraumer Zeit, ob es unter den gegebenen Umständen nicht besser war, auf Nachkommen zu verzichten.

»Struan?« Amelie kam ihm so nahe, dass er ihren nach Minze duftenden Atem riechen konnte. »Wie ist das, wenn man mit einem Flugzeug fliegt?«

»Wie kommst du ausgerechnet jetzt auf diese Fragen?« Struan konnte sein Erstaunen nicht unterdrücken.

»Hannah hat mir erzählt, dass die Amerikaner mit euch ins Heilige Land fliegen wollen und dass wir euch im Flugzeug begleiten dürfen, um – wie sagte sie noch – diesem Versuch beizuwohnen.«

»Woher weiß sie das?« Struan spürte einen Stich im Herzen. Er hatte es so lange wie möglich vor Amelie verschweigen wollen, und am liebsten hätte er es ihr gar nicht erzählt, weil es hieß, sie seien in drei Tagen sowieso wieder zurück. Gemeinsam hatte er mit seinen Kameraden daher |299|beschlossen, die Frauen im Unklaren zu lassen. Heimlich ärgerte es ihn, dass Gero offenbar vor Hannah geplaudert hatte.

»Sie weiß es von Tom.«

Aha, also doch nicht Gero, sondern Tom – dieser fragwürdige Maleficus, dem er überhaupt nicht vertraute.

»Struan?«, fragte Amelie leise. Ihre Hand fuhr in seine schulterlangen, schwarzen Locken. »Wusstest du davon?«

Struan überlegte einen Moment. »Ja«, gab er zögernd zu. »Ich wusste davon, aber ich wollte es dir nicht sagen, bevor es nicht feststehen würde.«

»Ich fürchte mich«, bekannte sie und schmiegte sich an ihn.

»Vor dem Fliegen?« Er lächelte unbeholfen. »Es ist gewiss nicht so schlimm, wie du glaubst«, sagte er beschwichtigend, obwohl er selbst großen Respekt davor hatte, in einen solchen eisernen Vogel zu steigen. Jeden Tag sah er sie, wenn sie mit ohrenbetäubendem Krach über den Himmel donnerten.

Er selbst war erst ein einziges Mal geflogen. Man hatte ihm erzählt, dass die amerikanischen Soldaten ihn während seiner tiefen Bewusstlosigkeit mit einem Helikopter von Franzien aus in die deutschen Lande transportiert hatten. Aber er konnte sich nicht daran erinnern und hatte es seitdem nicht noch einmal versucht. Ihm reichte es vollkommen, in einem Auto zu fahren.

»Es ist nicht das Fliegen. Wirst du aus der Vergangenheit zu mir zurückkehren?« Amelies Stimme klang unschuldig, aber Struan traf die Frage wie ein Schlag in den Magen.

Seit er sie im Herbst 1307 auf der Breydenburg hatte zurücklassen müssen, hatte er sich geschworen, nie mehr von ihr getrennt zu sein. »Wer sagt denn, dass wir nicht zurückkehren werden?« Struan nahm ihr Gesicht in seine Hände und küsste ihre Stirn.

»Ich weiß von Freya, dass Hannah alles versucht hat, um eure Reise in die Vergangenheit zu verhindern. Daraus schließe ich, dass an der Geschichte etwas nicht stimmt. Ich finde es nicht recht, wenn dieser Tom schon wieder Gott ins Handwerk pfuschen will und ihr dafür büßen sollt.«

Struan strich ihr über die blonden Locken, als er spürte, wie ihr die Stimme versagte. »Ich habe furchtbare Angst, dass ihr nicht lebend zurückkommen werdet.«

|300|Zur Hölle, sie war also längst nicht so unbedarft, wie er gedacht hatte.

Er hielt sie an sich gedrückt. »Ich bin doch bei dir«, flüsterte er, dabei war ihm selbst zum Heulen zumute. Alles, was hier geschah, war irgendwie gottlos und falsch. Sie hätten niemals in diese Zeit gelangen dürfen.

»Mach dir keine Sorgen«, fuhr er leise fort. »Wir haben uns untereinander beraten. Gero weiß, was er tut, und ich kann mir nicht vorstellen, dass er auf Hannah und Matthäus einfach verzichten wird.«

»Ja, du hast recht«, wisperte sie. »Sie lieben sich genauso sehr wie wir. Gero würde Hannah und den Jungen niemals im Stich lassen.«

Oder sie ihn, dachte Struan, aber das sagte er nicht.

»Schlaf jetzt, Lassie«, ermahnte er sie leise und küsste sie auf den Scheitel. »Gott wird mit uns sein. Ich werde für uns beten.«

 

Gedankenverloren beobachtete Johan, wie Freya an ihrem Frisiertisch die roten, hüftlangen Haare kämmte. Sie waren das Erste gewesen, das ihm in einem Wald in der Nähe von St. Mihiel an ihr aufgefallen war. Mit ihren olivfarbenen, leicht schräg stehenden Augen und den vollen Lippen hatte sie ihn so sehr in ihren Bann gezogen, dass sein Keuschheitsgelübde noch am gleichen Abend in Vergessenheit geraten war. Niemals hätte er geglaubt, dass diese Frau ihn für sich erwählen würde. Schon alleine wegen seiner entstellenden Brandnarben im Gesicht, die er einer Ladung heißem Pech zu verdanken hatte, die bei der Eroberung einer Räuberfestung auf ihn herabgekippt war.

Freya aber liebte ihn, auch wenn seine Lippen verbrannt waren und sein roter Bart wegen der Narben eher einem mottenzerfressenen Teppich glich. Damals, vor siebenhundert Jahren hätten sie keine Zukunft gehabt – er als verfolgter Templer und sie als verarmte Beginenschwester. Trotzdem war sie ihm gefolgt und hatte für ihn und seine Sache ihr Leben riskiert.

Seit sie seine Frau geworden war, fragte er sich, ob sie unter diesen merkwürdigen Umständen ein besseres Leben haben würden.

Nachts, wenn er nicht schlafen konnte, glaubte er darüber den Verstand zu verlieren, doch dann war es Freya, die ihm Zuversicht gab.

»Willst du mir etwas sagen?« Mit einem Lächeln hatte sie sich zu ihm umgedreht und beobachtete interessiert, wie er unter einem Seidenlaken verborgen auf sie zu warten schien.

|301|»Du weißt es«, sagte er und gab sich keine Mühe, überrascht zu wirken.

»Ja«, antwortete sie, und ihr Lächeln verlosch. »Hannah hat es mir heute Abend gesagt.« Freya stand auf und bewegte sich mit wiegenden Hüften auf sein Bett zu. Sie trug ein lavendelfarbenes Seidenhemd, das bis zum Boden reichte und ihre vollen Brüste betonte. Er rutschte ein Stück beiseite, als sie sich neben ihn setzte, seine Hand nahm und ihm prüfend in die Augen sah. »Wolltest du einfach verschwinden, ohne dich von mir zu verabschieden?«

»Nein«, sagte er mit stockender Stimme. »Ich wollte es nur nicht schlimmer machen.« Seine blaugrünen Augen nahmen einen verzweifelten Ausdruck an. »Obwohl uns alles genau erklärt wurde, habe ich meine Zweifel, ob Tom und seine Schergen wissen, was sie da mit uns anstellen.«

»Gott wird euch schützen.« Freya hätte fragen könne, warum er diesem Unternehmen überhaupt seine Zustimmung gegeben hatte, aber sie war eine kluge Frau. Sie wusste, dass er kaum eine Wahl hatte und sie seinen Stolz noch mehr verletzen würde, wenn sie ihn mit dieser Frage konfrontierte.

»Gero glaubt, eine Lösung für unser Problem gefunden zu haben«, erklärte er müde, »aber ich kann nicht vor dir darüber sprechen. So absurd es klingen mag – doch so, wie es aussieht, müssen wir erst ins Jahr 1153 abtauchen, um wieder nach Hause kommen zu können.«

Freya sah ihn eine Weile an und erwiderte nichts, dann strich sie ihm über die roten Stoppeln auf seinem Kopf und lächelte wehmütig. »Ich bin überall zu Hause, wo du bist«, flüsterte sie. »Allein deshalb musst du wieder zu mir zurückkommen, ganz gleich, was geschieht. Ich könnte in der Hölle leben, aber nicht ohne dich.«

Johan hielt den Atem an, während er sich für einen Moment von ihr abwandte, weil ihm Tränen in die Augen schossen. Dann fasste er sich und zog ihren Kopf zu sich herab. »Ich liebe dich, Freya van Elk«, murmelte er an ihren Lippen. »Ich habe dich zu meiner Gräfin gemacht, und ich werde dich eines Tages nach Hause auf die Burg meiner Väter führen, und wenn ich dafür einen Pakt mit dem Teufel eingehen muss.«

 

Hannah beschlich ein Gefühl der Unwirklichkeit, als die israelische Wüste an dem kleinen Flugzeugfenster vorbeirauschte. Gero drückte |302|ihre Hand ein wenig fester, als die Boeing 727 der amerikanischen Streitkräfte zur Landung ansetzte. Auf der israelischen Hatserim Military Air Base am Rande der Negev-Wüste erwartete sie am Ende der Landebahn ein Spalier von Sicherheitsfahrzeugen, das die Maschine zum Hangar geleitete.

In den Blicken von Geros Kameraden lag eine gewisse Lethargie, die keinen Rückschluss darauf zuließ, ob sie Angst vor dem empfanden, was hier auf sie zukommen würde. Amelie und Freya schienen nervös zu sein, aber offenbar hatten auch sie sich in ihr Schicksal gefügt. Allein Matthäus wirkte aufgedreht und debattierte hinter ihnen mit Anselm Stein, der die Reise nach Israel als einziger Außenstehender begleiten durfte, über den Flug. Für die Frauen und den Jungen hatte man zivile amerikanische Pässe ausgestellt. Matthäus beschäftigte hauptsächlich die Frage, warum Gott es zuließ, dass ein Flugzeug nicht einfach vom Himmel fiel, sondern sich wie ein Vogel verhielt. In seiner kindlich anmutenden Neugier hatte er den Hintergrund dieser Reise kaum hinterfragt, und aus verschiedenen Gründen war niemand auf die Idee gekommen, ihn einzuweihen, um was es hier wirklich ging.

Tom, Karen und Paul waren schon seit Dienstag vor Ort und hatten mit hochrangigen Vertretern der NSA letzte Feldversuche mit dem Timeserver durchgeführt. Anlässlich des Transfers würde sogar Senator K. J. Dekker mit einem Stab von Beratern in geheimer Mission anreisen; als außerordentliche Vertreter des amerikanischen Präsidenten wollten er und seine Leute dem Verlauf des Experimentes direkt beiwohnen. Der Präsident hatte davon Abstand genommen, den einzigartigen Versuchsablauf vor Ort zu verfolgen. Erstens wollte man den israelischen Geheimdienst durch die Einreise des amerikanischen Präsidenten nicht auf die Fährte bringen. Zum anderen barg das Experiment verschiedene, nicht vorhersehbare Gefahren, die nicht nur das Leben des Staatsoberhauptes gefährden konnten. Sollte es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen zu Verschiebungen im Raum-Zeit-Gefüge kommen oder zu sonstigen Anomalien, würde der Präsident dort sein, wo er hingehörte – in seinem Land, an der Seite seines Volkes.

Gero und seine Kameraden hatte man gegenüber den Israelis offiziell als Sicherheitspersonal der amerikanischen Botschaft deklariert. Durchtrainiert, mit kurzgeschorenen Haaren und exakt getrimmten Bärten, wie es bei den Templern zu allen Zeiten üblich gewesen war, |303|hätte wohl auch kaum jemand vermutet, dass es sich bei ihnen nicht um die üblichen Marinesoldaten handelte, die man zu solchen Aufgaben heranzog. Zumal sie noch keine mittelalterliche Chlamys, sondern Jeans und T-Shirt trugen. Auch die Frauen hatte man neu eingekleidet. Es hatte Karen Baxter einiges an Überredungskunst gekostet, Amelie davon zu überzeugen, dass sie ausnahmsweise auf ihre traditionelle, bodenlange Gewandung zu verzichten hatte. Stattdessen trug sie ein wadenlanges, hellblau geblümtes Sommerkleid und flache, weiße Schuhe. Damit sah sie noch hinreißender aus. Struan gefiel es nicht sonderlich, dass Lafours Männer das Mädchen unentwegt anstarrten. Die schwarzen Augen des Schotten funkelten finster, und Hannah befürchtete schon, dass er irgendwann ausrasten und einem von Lafours Leuten das Genick brechen würde.

Die eigentliche Zeitreise der Männer sollte etwa drei Tage dauern. In erster Linie galt es, die beiden Frauen aus der Zukunft im Jerusalem des Jahres 1153 aufzuspüren und in die jetzige Zeit zurückzubringen.

Die Israelis durften auf keinen Fall Verdacht schöpfen, was hier geschah, und bevor sie dahinterkommen konnten, wollte man im wahrsten Sinne des Wortes schon längst wieder über alle Berge sein. General Lafour hatte als Einziger des Trupps eine gesunde Gesichtsfarbe, was wahrscheinlich an seinem überhöhten Blutdruck lag – oder daran, dass er sich während des vierstündigen Fluges mindestens vier Gläser Whisky gegönnt hatte.

Der Wüstenwind schlug Hannah unangenehm heiß ins Gesicht, als sie ohne Gepäck die Gangway zum Vorfeld hinuntergingen. Freya bändigte mit Mühe ihre lange, rote Mähne und blinzelte ins tiefstehende Sonnenlicht, während sie den sich drehenden Radarschirm beobachtete. Amelie setzte sich rasch eine große Sonnenbrille auf, die Hannah ihr geschenkt hatte und die ihre verweinten Augen verbarg.

Hannah fühlte sich kaum besser, als sie Gero und den übrigen Männern zu den bereitstehenden Vans folgte. Bis zuletzt hatte sie einen aussichtslosen Kampf gekämpft – gegen Tom, gegen Lafour und gegen Hertzberg und seine krude Idee, die fünf Templer auf ihrer Reise begleiten zu wollen.

Hannah fürchtete, dass, wenn nun auch noch Hertzberg von der Bildfläche verschwand, niemand mehr da sein würde, der ihre und die Interessen der Templer im Ernstfall vertrat.

|304|Lafour, der früher einmal bei den Ledernacken gewesen war, übernahm die kurze Begrüßung des israelischen Kommandanten der Air Base mit der gewohnten Souveränität. Die Augen verdeckt von einer nachtschwarzen Oakley-Black-Iridium-Sonnenbrille, tischte er dem hochrangigen Offizier der israelischen Air Force irgendeine Geschichte auf, warum man überhaupt nach Israel gekommen war. Dann regelten er und sein Adjutant Colonel Decks Humphrey, der mit seinen breiten Schultern und der Glatze aussah wie Lafours jüngere Ausgabe, alle notwendigen Formalitäten. Der Rest der Crew erhielt einen Wink, dass alles in Ordnung war, und stieg in mehrere dunkle, gepanzerte Vans, die am Rande des Flugfeldes bereits auf sie gewartet hatten, um sie unverzüglich zur amerikanischen Botschaft nach Tel Aviv zu bringen.

Gero und seinen Kameraden war die Anspannung, aber auch die Neugier anzusehen. Struan sog die Luft des Heiligen Landes ein, die ganz unheilig stark nach Kerosin roch. Amelie schmiegte sich an den schwarzhaarigen Hünen, als ob sie sich in seinem Schatten verstecken wollte, und Hannah fragte sich, wie es wohl für sie werden würde, wenn ihr Geliebter im unberechenbaren Universum der Zeit verschwand. Johan wirkte angespannt, und auch Freya, die ihre rote Haarpracht inzwischen zu einem Knoten geschlungen hatte, setzte eine ungewohnt ernste Miene auf, als sie an Be’er Sheva vorbei in Richtung Tel Aviv davonrasten. »Asheklon« stand wenig später auf einem Schild, das auf eine Abfahrt hinwies.

»Askalon«, murmelte Arnaud, der ihnen im Fond des Fahrzeugs gegenübersaß. Er blickte Gero bedeutungsvoll an, und Hannah spürte, dass es zwischen den beiden ein Geheimnis gab.

Die braunen Locken ungewohnt kurz, hatte Arnaud sich seinen dunklen Bart auf Drei-Tage-Niveau geschoren und war damit kaum von den modebewussten Einheimischen zu unterscheiden, die ihr in den vorbeifahrenden Sportwagen ins Auge fielen. Hannah konnte ihn sich gut in einem weißen, langen Gewand vorstellen, als attraktiven, orientalischen Prinzen mit einem weißen Tuch auf dem Kopf.

In einer Templerchlamys, wie er sie beim Transfer tragen sollte, hatte sie ihn noch nie gesehen. Als sie ihm zum ersten Mal im Kerker von Chinon begegnet war, hatte er völlig zerfetzte Lumpen getragen und später die bunte Kleidung eines Spielmanns.

|305|»Jerusalem«, erwiderte Gero leise, als die nächste Abfahrt in Sicht kam. Wieder wechselte er einen Blick mit Arnaud, als ob es ein geheimnisvoller Code wäre, den er ihm mitteilte.

Hannah hätte wetten mögen, dass seine blauen Augen einen merkwürdigen Glanz angenommen hatten. Matthäus zappelte ungeduldig auf seinem Sitz herum, während Anselm, der neben Arnaud Platz genommen hatte, in Erklärungen schwelgte, die das Heilige Land der Kreuzfahrer mit dem verglichen, was davon übrig geblieben war.

Hannah hätte am liebsten ihren MP3-Player aufgesetzt, um sich mit beruhigender Musik berieseln zu lassen. Aber sie war zu aufgeregt, um irgendetwas anderes zu tun, als Geros Hand zu halten.

Die nächste Nacht verbrachten sie in einem grauen, mehrstöckigen Gebäude in Tel Aviv das – streng bewacht – die Vereinigten Staaten von Amerika in Israel repräsentierte. Gegen Mittag des nächsten Tages wollte man in die Gegend von Ubaidya aufbrechen, gut dreißig Kilometer südöstlich von Jerusalem entfernt, auf dem halben Weg zum Toten Meer. Dort hielten sich Tom und das Team der NSA in mehreren, großen Beduinenzelten auf, von denen es im arabischen Teil Israels eine Menge gab. Niemandem würde es seltsam erscheinen, wenn ein Van mit Allradantrieb inmitten von Schafen und Kamelen in dem baumlosen, hügeligen Gelände parkte. Keiner würde auf die Idee kommen, dass sich hinter einer Fassade aus Trinkwassertanks, Gasflaschen, Wäscheleinen und blauen Müllsäcken, wie sie bei Wüstencamps ohne kommunale Versorgungsanbindung obligatorisch waren, ein spektakuläres Zeitreiseexperiment verbarg. Aus diesem Grund hatte man dieses Areal für den geplanten Transfer gewählt und nicht den Keller des amerikanischen Konsulats in Jerusalem. Zudem wäre es kaum möglich gewesen, acht Pferde nach Jerusalem zu bringen, ohne das Aufsehen der zuständigen Behörden zu erregen.

Weder Hannah noch Gero konnten in der Nacht schlafen. Es war heiß, draußen zirpten ein paar Grillen. Von Ferne brandete das Rauschen des Meeres gegen die Fenster. Ab und an war Musik zu hören, die aus den Strandbars und Diskotheken zu ihnen herüberschwappte. Irgendjemand sang im Vorbeigehen etwas auf Hebräisch, und eine Frau brach in schrilles Gelächter aus. Die Klimaanlage summte leise, und Hannah hatte ihren Kopf auf Geros nackte Brust gebettet. Er hatte einen Arm um sie gelegt und kraulte ihr den Rücken.

|306|»Es ist nicht nur«, begann sie mit belegter Stimme, »dass mich der Gedanke, es könnte dir etwas zustoßen, völlig fertigmacht. Ich frage mich, was geschieht, wenn es euch doch gelingt, die Geschichte zu verändern.«

»Es tut mir leid«, gestand Gero heiser. »Ich habe nicht die geringste Ahnung, was da auf uns zukommt. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns auf Gottes Güte zu verlassen.«

»Wir würden uns vielleicht nie wiedersehen.« Hannahs Stimme brach für einen Moment. »Ja – vielleicht werden wir beide nie geboren.«

»Wenn wir nicht geboren werden, kann das alles hier gar nicht stattfinden, und dann können wir auch nichts verändern.« Gero drehte sich mit einem Seufzer zu ihr hin, nahm sie in die Arme und zog sie noch näher zu sich heran. »Das Einzige, was mich an der Sache wirklich beunruhigt, ist, dass mein Leben von den Fähigkeiten deines früheren Verlobten abhängt. Tom hätte sicher nichts dagegen, wenn er mich dort lassen könnte, wo der Pfeffer wächst.« Er lächelte schwach.

»Sollte mir der Eindruck entstehen, dass er dich nicht zurückholen will«, erklärte Hannah in grimmigem Ton, »werde ich ihn eigenhändig zum Eunuchen machen.«

»Das wird nicht nötig sein«, meinte Gero amüsiert. »er ist ohnehin kein richtiger Kerl.« Dann wurde er ernst und näherte sich mit seinem Mund ihrem Ohr. »Wenn ich dort finde, was ich suche«, flüsterte er und jagte Hannah mit jedem Atemzug einen Kälteschauer über den Rücken, »werden wir nicht mehr auf Tom, die Amerikaner und ihre waghalsigen Versuche angewiesen sein.«

Überrascht hob sie den Kopf. »Du willst mir immer noch nicht sagen, um was es geht, oder?«

Gero antwortete nicht, sondern küsste ihren Hals. »Vertrau mir«, murmelte er schließlich. »Es ist besser, wenn du nichts davon weißt, und wenn es funktioniert, wirst du es als Erste bemerken.«

Sanft legte sie eine Hand auf ihren noch flachen Bauch. Bis zuletzt hatte sie mit sich gerungen, ob sie ihm von ihrer Schwangerschaft erzählen sollte, doch das hätte die Angelegenheit noch komplizierter gemacht.

 

Am nächsten Morgen stiegen sie in aller Frühe in zwei abgedunkelte Vans, die sie von Tel Aviv über eine Schnellstraße in Richtung Süden brachten. Der Himmel war überraschend verhangen, und die Sonnenstrahlen |307|durchbrachen die Wolken wie Speere aus Licht, was für diese Gegend typisch zu sein schien und Hannah an das Heiligenbild über dem Bett ihrer Großeltern erinnerte. Bei dem Motiv – einem Schafe hütenden Jesus, der mit verklärter Miene auf den Betrachter herabschaute – hatte sie sich immer gefragt hatte, welchen Einfluss dieser Anblick wohl auf das Liebesleben der beiden genommen hatte. Ihre Großeltern waren vor Jahren gestorben, als sie noch mit Tom zusammen gewesen war. 1995 war ihr Vater, ein Radartechniker der Bundeswehr, einem seltenen Krebsleiden erlegen. Ihre Mutter war zuvor mit einem italienischen Pizzabäcker nach Australien verschwunden, und seitdem hatten sie sich ab und an geschrieben und ein paar Mal telefoniert und dabei heftig gestritten, das letzte Mal vor zwei Jahren. Andere Verwandte hatte sie nicht. Faktisch waren also Gero und Matthäus ihre einzigen Angehörigen.

Ihr Blick fiel auf Struan und Amelie, die Händchen hielten und kleine zärtliche Gesten austauschten. Beide sprachen kein Wort, und auch Gero blieb stumm. Matthäus saß mit Anselm in einem anderen Van.

An Jerusalem waren sie in greifbarer Nähe vorbeigefahren, und den Templern war die Ungeduld anzumerken gewesen, die sie beim Anblick der heiligsten aller Städte ergriffen hatte, obwohl äußerlich kaum noch etwas so war wie vor achthundert Jahren. Im alten Stadtkern jedoch würde sich ein Pilger des Jahres 1153 durchaus noch zurechtfinden, wie Hertzberg mehrfach versichert hatte.

Nach zwei Stunden Fahrt passierten sie den Checkpoint an der acht Meter hohen Sperranlage, die das israelische Kernland vom Westjordanland abschirmte. Überall patrouillierten israelische Soldaten in Kampfanzügen, Gewehre im Anschlag.

Der Fahrer des Vans zeigte einen Passierschein, und sie wurden ohne weitere Nachfragen durchgewinkt. Offiziell hieß es, der Zaun sei errichtet worden, um zukünftig islamistische Selbstmordattentäter abzuhalten.

Nachdem sie von der Straße abgefahren und in ein schmales Tal gelangt waren, sahen sie die grauen Zelte eines Camps. Sie hatten ihr Ziel erreicht.

Hinter den Zelten parkten vier größere Wohnmobile mit Satellitenschüsseln, die zur codierten Übertragung digitaler Videosignale auf der Rückseite der Fahrzeuge Richtung Felsen versteckt angebracht waren.

|308|Tom hatte Hannah versprochen, dass sie mit Matthäus, Anselm und den Frauen hier ausharren durfte, bis man die Templer und – hoffentlich – die beiden Frauen aus der Zukunft zurück in die Gegenwart transferiert hatte.

Nachdem sie ausgestiegen waren, schaute sich Hannah gründlich um.

Zwischen Gesteinsbrocken suchten braune Fettschwanzschafe im ausgetrockneten Gestrüpp mühselig nach Nahrung. Auch sie waren nichts weiter als Tarnung. Männer mit Palästinensertüchern und abgetragenen Armeejacken hockten auf den umliegenden Felsen und spähten mit hypermodernen Ferngläsern in die steinige Landschaft, um nach ungebetenen Gästen Ausschau zu halten. Ihre Gesichter waren sonnengebräunt, und die meisten trugen neben rabenschwarzen Sonnenbrillen verwegene Bärte, die Hannah das Gefühl vermittelten, im Lager von Ali Baba und den vierzig Räubern angekommen zu sein.

In einer Koppel fielen ihr mehrere Pferde auf, die sich unruhig in ihrem viel zu engen Gefängnis drängten.

Hertzberg und seine Crew waren zu der Überzeugung gelangt, dass es besser wäre, wenn man die Templer zusammen mit Pferden in die Vergangenheit transferierte. Allein schon, weil ein Templer ohne Pferd undenkbar war und man nach der Ankunft im Jahr 1153 keine Zeit für den Ankauf von Tieren verschwenden wollte. Hertzberg hatte zudem zu bedenken gegeben, dass zu dieser Zeit im Königreich Jerusalem Ausnahmezustand herrschte und es schwierig sein könnte, überhaupt ein Pferd zu beschaffen. Seiner historischen Recherche nach hatte die Belagerung von Askalon von Januar bis zum späten August angedauert. Tausende christliche Kämpfer waren mit ihren Pferden im Einsatz, was den Mangel an Tieren noch wahrscheinlicher machte. Unter der Beratung von Stephano und Arnaud hatten Hertzbergs Leute vor Ort die benötigten Pferde beschafft. Drei Araberhengste, drei Friesen und zwei Percheron – wahre Schönheiten, deren Kauf ein kleines Vermögen verschlungen hatte. Man würde es darauf ankommen lassen müssen, ob sie sich als Schlachtrösser eigneten. Der Befehl des Weißen Hauses, endlich den Countdown zu starten, war so rasch gekommen, dass keine Zeit geblieben war, sie zu testen.

Von Karen wusste Hannah, dass Tom mehrere Telefonate mit dem Präsidenten geführt hatte, die den mächtigsten Mann der Erde davon überzeugen sollten, dass keine modernen Waffen mitgeführt werden |309|durften. Schnellfeuergewehre, Handgranaten und Raketenwerfer erschienen Tom nicht als geeignetes Mittel der Verteidigung, bevor man nicht sicher sein konnte, ob das empfindliche Zeitgefüge durch einen solchen Einsatz vielleicht durcheinandergeriet. Allem Anschein nach hatte Tom sich mit seiner Meinung durchsetzen können. General Lafour und seine engsten Berater waren durch den Leiter des Pentagons zurückgepfiffen worden, was wohl einigen Ärger zwischen der militärischen und der wissenschaftlichen Ebene dieses Projekts verursacht hatte.

Hannah traute ihren Augen kaum, als ihnen Tom in einem traditionellen Beduinengewand aus einem der Zelte entgegenmarschierte. Genervt nahm er den Turban ab und fuhr sich mit einer Hand durch die verschwitzten Locken, bevor er zunächst Lafour begrüßte, der seinen Handschlag mit einer steifen Miene entgegennahm, und dann Major Dan Simmons, den offiziellen Vertreter des Pentagon.

»Geht’s Ihnen gut, Sir? Merkwürdiges Wetter heute. Wie war die Fahrt?« Tom beherrschte den amerikanischen Smalltalk perfekt und setzte ein Lächeln auf, das Hannah sofort als unecht entlarvte.

Mit keiner Silbe ließ Tom sich anmerken, ob er aufgeregt war. Doch Hannah kannte ihn gut genug, um das nervöse Zucken in seinem Gesicht zu bemerken und zu wissen, dass er im Grunde ein kleiner Junge geblieben war, der es nicht lassen konnte, Dinge auseinanderzubauen, ohne zu wissen, ob er sie hinterher wieder zusammensetzen konnte.

Tom begrüßte jeden persönlich – sogar Gero und seine Kameraden. Bei Hannah zögerte er einen Moment, er spürte wohl instinktiv ihre ablehnende Haltung und verzichtete darauf, sie wie früher zu umarmen.

Das Hauptzelt war groß genug, um eine halbe Armee darin zu beherbergen. Im Inneren versahen etliche finster dreinblickende Soldaten in Beduinenkleidung ihren Dienst.

»Der Countdown läuft«, meldete Tom mit Blick auf eine große, digitale Uhr, die sogar die Sekunden rückwärts zählte.

Noch zwei Stunden, dann würde das Experiment gestartet werden.

»Tanner und Tapleton gehen zuletzt«, bestimmte Major Simmons mit entschlossener Miene. Damit meinte er die beiden NSA-Agenten, die sich mit den echten Rittern seit ein paar Wochen auf diesen Einsatz vorbereitet hatten. Tanner legte, Kaugummi kauend, die übliche |310|Coolness an den Tag. Sein Kollege Agent Tapleton, ein schwarzhaariger Texaner mit heller Haut, sah noch blasser aus als gewöhnlich und erschien Hannah weitaus nervöser. Er schaute ständig auf seine Armbanduhr, bei der sich Hannah fragte, ob er sie wohl anbehalten durfte, wenn man ihn in eine achthundert Jahre zurückliegende Vergangenheit katapultierte.

Karen hatte berichtet, dass Tom vorhatte, vor dem Transfer sogar das Gepäck der Pferde auf verbotenes Material kontrollieren zu lassen.

Senator Dekker, ein weißhaariger Endfünfziger, stapfte auf Tom zu und drückte ihm die Hand. »Good luck, Mr. Stevendahl«, rief er mit einem Seitenblick auf Lafour und klopfte Tom auf die Schulter.

Hannah kam der Gedanke, dass er nicht Tom alles Gute wünschen sollte, sondern seinen menschlichen Versuchskaninchen, die weitaus mehr Glück gebrauchen konnten. Aber der Senator hatte kein Auge für Gero und die anderen Templer. Anscheinend waren ihm die zeitreisenden Ritter immer noch suspekt. Wenn er sie erwähnte, sprach er von ihnen in der dritten Person, als ob sie Statisten in einem Film wären.

»Ich hoffe, Professor, es hat niemand etwas dagegen, wenn ich, bevor es losgehen kann, eine kurze Ansprache im Namen unseres Präsidenten halte.« Dekkers Blick fiel auf Hertzberg, der zu ihnen gestoßen war, und dann auf Karen Baxter, die hinter einem Computer hervorlugte und einen hellen Militäroverall trug.

Hertzberg nickte, und auch Lafour, der neben ihm stand, ließ sich ein zustimmendes Grunzen entlocken. In seiner Rechten hielt er ein gegrilltes Hähnchenbein, von dem er zuvor herzhaft abgebissen hatte. Vor dem Zelt hatte man eilig ein üppiges Buffet errichtet, das mit einem Berg von gebratenem Fleisch und einer Batterie von verschiedenen Hamburgern und Cheeseburgern ganz dem amerikanischen Geschmack von einem guten Barbecue entsprach. Matthäus war ehrlich begeistert und hatte bereits kräftig zugelangt.

Lafour bat alle Anwesenden zu Tisch. »Es geht doch nichts über eine vernünftige Henkersmahlzeit«, scherzte er kauend, während sein verstohlener Blick Major Simmons galt.

Nicht zu fassen, dachte Hannah. Er schien sich lustig zu machen, während den anderen vor Angst der Appetit verging. Sie schnaubte vor Wut. Auf dieses feuchtfröhliche Bankett konnte sie gerne verzichten.

Gero und seine Kameraden blieben ruhig und nahmen Lafours Einladung |311|kommentarlos an, indem sie sich am Buffet bedienten und sich zum Essen auf den bereitgestellten Bänken niederließen. Gero winkte Hannah zu sich heran, doch sie schüttelte wortlos den Kopf und ging zu Tom, um von ihm zu erfahren, ob er überhaupt wusste, was er hier tat.

Im Inneren des Techniker-Zeltes herrschte regelrecht Chaos. Paul und Karen nahmen zusammen mit einigen Wissenschaftsassistenten letzte Untersuchungen vor. Sie programmierten das Gewicht der Tiere, die Beschaffenheit des Materials und die Maße der zu transferierenden Menschen. Den Gesundheitszustand der Templer hatte Karen noch vor ein paar Tagen gecheckt; sie war zu dem Schluss gekommen, dass zumindest, was ihren körperlichen Zustand betraf, einem Transferversuch nichts entgegenstand. Bei Professor Hertzberg, der in den letzten Tagen äußerst hartnäckig darauf bestanden hatte, die Mission begleiten zu dürfen, sah die Sache allerdings ein wenig anders aus. Hannah beobachtete, wie Karen dem Neunzigjährigen ein kreislaufstabilisierendes Mittel spritzte, und sie fragte sich, wie der alte Mann eine solche Tortur überstehen sollte.

In der Mitte des Zeltes befand sich ein freier Platz, der einer Zirkusmanege glich. »Dies wird die Plattform sein, von der wir Pferde und Männer in den Zeitstrom transferieren«, erklärte Paul Colbach den anwesenden Ehrengästen.

Man konnte die Nervosität, die er empfand, an den hektischen Flecken an seinem Hals erkennen. Seit man Gero vor zehn Monaten mit dem Timeserver in die Vergangenheit geschickt hatte, um Amelie zu holen, hatte kein weiterer Transfer mit einem Menschen stattgefunden.

Hertzberg hatte für die Teilnehmer der Mission einige Helfer aus den militärischen Ordonanzen organisiert, die ihnen beim Ankleiden helfen sollten.

Mit einem mulmigen Gefühl verfolgte Hannah, wie Gero und seine Kameraden in einem Seitentrakt zuerst in ihre wattierte Unterwäsche und dann in Lederhosen, Stiefel und Kettenhemden stiegen. Danach legten sie in einem beinahe andächtigen Akt die weiße Templerchlamys von 1153 an. Der knielange, ärmellose Kapuzenumhang trug das rote Kreuz des Ordens. Darüber befestigten die Männer ihre Schwertscheide mit einem doppelten Ledergurt, den sie über dem Waffenrock um die Hüften anlegten, sowie drei verschieden lange Messerscheiden, |312|in die sie die passenden Dolche steckten. Ein Kampfhammer sowie eine Streitaxt komplettierten ihre Ausstattung. Hannah gruselte sich bei der Vorstellung, dass Gero mit solchen Mordwerkzeugen hantieren würde.

Lafour ließ es sich nicht nehmen, den Männern ihre Schwerter aus wertvollem Damaszenerstahl zu überreichen, eine Sonderanfertigung einer deutschen Schwertschmiede, die sich auf echte Kampfschwerter spezialisiert hatte.

Agent Tanner nahm die eindrucksvolle Waffe kommentarlos entgegen. Tapleton war hingegen anzusehen, dass er sich in seiner neuen Rolle als Ritter unwohl fühlte. Warum er bei dieser Mission dabei sein musste, war Hannah ein Rätsel. Nach allem, was sie in den Trainingseinheiten gesehen hatte, machte er ihr nicht den Eindruck, als ob er einem Auftritt als Templer unter Echtzeitbedingungen gewachsen wäre.

Professor Hertzberg dagegen schien es Spaß zu bereiten, in das farbenfrohe Gewand eines Kaufmanns zu schlüpfen. Sein faltiges Gesicht glühte vor Vorfreude.

Anselm stand hinter ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Ich darf sagen, dass ich Sie beinahe beneide«, bemerkte er in perfektem Altfranzösisch. »Aber Ihnen ist hoffentlich klar, dass dies kein Spaziergang wird, vor allem nicht in Ihrem Alter.«

Arnaud, der sich in seiner Templerchlamys nicht weniger wohlzufühlen schien als Hertzberg, blickte grinsend auf den Professor herab. »In meiner Zeit gab es kaum Menschen, die ein solches Alter erreicht haben.«

»In meiner Zeit auch nicht«, erwiderte Hertzberg mit einem süffisanten Schmunzeln.

»Jerusalem sehen und sterben, so heißt es doch, nicht wahr?« Dann drehte er sich um und breitete vor versammelter Mannschaft die Arme aus, so dass die Ärmel seines nachtblauen Brokatumhangs wie Flügel zu Boden wallten. »Perfekt.« Er strahlte wie ein Kind vor dem Weihnachtsbaum.

Fehlten nur noch ein spitzer Hut und ein Zauberstock, dachte Hannah, und ihre Vorstellung von Merlin wäre komplett.

Lafour baute sich vor ihnen auf und schaute missmutig in die Runde. »Wenn die Modenschau vorbei ist, möchte ich Sie zu einer kurzen Besprechung |313|ins Nachbarzelt bitten. Dort beginnt in zehn Minuten die Videokonferenz mit dem Weißen Haus. Danach kann es losgehen.«

Gero ging auf Hannah zu und nahm sie in den Arm. Er küsste sie lange. »Ich liebe dich«, murmelte er, als er sich von ihr löste. »Vergiss das nicht.«

Hannah verschluckte sich fast, als sie etwas erwidern wollte. »Das hast du schon einmal zu mir gesagt, und wir wären beinahe alle gestorben.«

Ihre Finger krallten sich in den festen Stoff seiner Chlamys. Dann ließ sie ihn los und unterdrückte ihre Tränen, als er sich zu Matthäus beugte und den Dreizehnjährigen in den Arm nahm, wie ein Vater, der sich von seinem Sohn in den Krieg verabschiedet. Anselm hatte den Jungen zwischenzeitlich über alles, was hier vor sich ging, aufgeklärt.

»Es ist nicht gut«, sagte Matthäus zu Gero, der ihn seit einiger Zeit schon nicht mehr in der dritten Person ansprach, wie es zu früheren Zeiten üblich gewesen war, »wenn du ohne deinen Knappen in einen Kampf ziehst.«

»Das wird kein Krieg«, beruhigte ihn Gero. »Und einer von uns muss ja hierbleiben, um auf Hannah achtzugeben, nicht wahr?«

Er fuhr dem Jungen durch die blonden Locken und wandte sich ab, ohne Hannah noch einmal in die Augen zu schauen.

Am Zelteingang traf Hannah auf Arnaud. Ohne Scheu nutzte er die Gelegenheit, sie endlich einmal in den Arm zu nehmen.

Sie sträubte sich nicht, sondern ließ ihren Gefühlen freien Lauf, indem sie ihn auf die bärtige Wange küsste. »Pass auf dich auf«, sagte sie leise.

»Ich bringe ihn dir zurück«, erwiderte er mit einem Lächeln.

Stephano de Sapin blieb ihr gegenüber bei seinem Abschied eher förmlich und hielt sie mit einem angedeuteten Handkuss auf Abstand. Ganz im Gegensatz zu Anselm, den er beinahe stürmisch umarmte. Anschließend umfasste er Anselms Linke mit einer Hand zum überkreuzten Gruß der Templer und grinste ihn wehmütig an.

»Denk dran«, raunte Anselm ihm zu: »Non nobis Domine, non nobis, sed nomini tuo da gloriam!«

Nicht uns, o Herr, nicht uns, sondern Deinem Namen sei Ehre. Der Schlachtruf der Templer. Hannah hatte ihn von Anselm schon dutzende Mal gehört, aber noch nie aus dem Mund eines Templers.

|314|Anselm war anzusehen, dass er die Männer am liebsten begleitet hätte. Doch das hatten Lafour und seine Vorgesetzen konsequent abgelehnt. Allein seiner unbeabsichtigten Mitwisserschaft hatte Anselm es zu verdanken, dass man ihn von amerikanischer Seite als Sprachexperten eingestellt hatte – und als »Vermittler zwischen den Welten«, wie Lafour seinen Job als Betreuer der Zeitreisenden bezeichnete.

Aus einem Augenwinkel sah Hannah, wie sich Johan und Freya still und zärtlich verabschiedeten, als sie plötzlich einen verhaltenen Schrei hörte. Voller Panik drehte sie sich um. Amelie hatte das Bewusstsein verloren, und Struan hatte sie gerade noch auffangen können. Völlig verstört hockte er mit ihr am Boden und hielt nach Hilfe Ausschau. Karen Baxter war sofort zur Stelle. »Ich nehme an, eine Hyperventilationstetanie«, sagte sie zu dem Schotten, den das nicht unbedingt zu beruhigen schien. »Ich muss ihr eine Injektion geben, und dann ist sie schnell wieder auf den Beinen.«

Hannah setzte sich neben den Schotten, um ihn zu trösten, während Karen am Arm des Mädchens eine Infusionsnadel anlegte und zwei Sanitäter anwies, Amelie ins Lazarettzelt zu bringen.

»Bevor ich nicht weiß, wie es ihr geht«, sagte Struan, der sich erhoben hatte, »gehe ich nirgendwohin.«

»Fuck«, zischte Lafour, umrahmt von einem Pulk militärischer Beobachter, »der Countdown läuft, wir können nicht einfach hier abbrechen. Schließlich gibt es Vorgaben des Pentagons, die wir einhalten müssen.«

»Ihren Countdown können Sie sich in den Hintern stecken«, erwiderte Gero scharf. Ihm war anzusehen, dass er sich nur mühsam beherrschen konnte, Lafour nicht an den Hals zu gehen. »Solange Struan nicht sicher sein kann, dass es seiner Frau gutgeht, können wir nicht starten.«

Hertzberg kam herbeigeeilt, weil er sich wunderte, dass noch niemand im Zelt erschienen war.

»Das wird schon wieder«, versuchte er mit einem Blick auf Amelies flatternde Lider zu beschwichtigen, die auf der Trage bereits wieder zu sich kam.

Lafour setzte indes eine verärgerte Miene auf. »Ich habe doch gleich gesagt, dass man die Frauen besser in Spangdahlem gelassen hätte«, erklärte er hart.

|315|Tom hatte die Szene aus sicherem Abstand beobachtet und näherte sich Hannah mit der gebotenen Vorsicht.

»Hannah … ich«, stotterte er. »Ich verspreche euch, dass alles glattgehen wird. Wir haben in den letzten Wochen unzählige Experimente mit Kaninchen durchgeführt. Die Fehlerquote lag am Ende unter fünf Prozent. Es gibt also keinen Grund, sich Sorgen zu machen.«

»Fünf Prozent … Kaninchen?« Sie schaute ihn an, als ob er den Verstand verloren hätte. » Ist dir eigentlich klar, dass du dich und euer Projekt gerade um Kopf und Kragen redest?«

Amelie schien es indes wieder besser zu gehen. Auf Karens Anweisung hin hatten die Sanitäter noch damit gewartet, sie in eines der Wohnmobile zu transportieren. Sie hob den Kopf, und als sie Struan erblickte, der besorgt neben ihr stand, bat sie ihn, sich zu ihr hinunterzubeugen. »Geh«, sagte sie schwach. »Du kannst die anderen nicht im Stich lassen. Aber versprich mir, dass du heil zu mir zurückkehrst.«

»Versprochen«, sagte er rau und küsste ein letztes Mal ihre Stirn, während die Sanitäter sich mit ihr in Bewegung setzten. Mit schweren Schritten ging er zurück zu den anderen, die ihn mit verständnisvollen Blicken in Empfang nahmen.

Hannah beschloss, den Transfer nicht persönlich zu verfolgen. Sie lächelte Gero ein letztes Mal zu, nahm Matthäus, der neben ihr ausgeharrt hatte, bei der Schulter und bedeutete ihm, mit ihr in einem der Wohnmobile zu verschwinden, wo man Amelie weiter behandelte.

Im Inneren des Wagens befanden sich zwei Krankenbetten mit Notfallausstattung, OP-Lampen, Beatmungsgerät und Defibrillator.

»Warum können wir Gero und die anderen nicht begleiten«, fragte der Junge naiv.

»Dort, wo die Männer hingehen, gibt es wilde Tiere«, antwortete Hannah ausweichend. »Das wäre zu gefährlich für uns.«

Ihr Blick aus dem Fenster fiel auf die kahlen Berge, die sich in der Dämmerung wie riesige, schwarze Schatten vor einem grauen Himmel absetzten. Vor achthundert Jahren hatte es hier in der Umgebung Pinienwälder gegeben, in denen Löwen und Hyänen umherstreiften. Malaria, Cholera, Typhus, rote Ruhr hatten in den Wintermonaten in den Sümpfen grassiert. Karen hatte die Templer und ihre Begleiter zuvor entsprechend zur Impfung gebeten und für Krankheiten, wo das nicht möglich war, mit Notfallmedikamenten versorgt.

|316|»Sie tragen Waffen und könnten sich und uns schützen«, erwiderte der Junge. »Hertzberg wird ihnen sogar Lanzen mitgeben.«

»Gero ist in ein paar Tagen wieder hier«, versuchte Hannah seine Einwände zu übergehen. »Wir würden nur stören.«

Sie verscheuchte die wilden Tiere aus ihrem Kopf, und dachte an Gero und die anderen, die in wenigen Minuten in einer anderen Welt sein würden.

 

Tom glaubte vor Nervosität nicht mehr atmen zu können. Er und seine Mitarbeiter starrten auf die freie Fläche in der Mitte des Zeltes, auf der sich Zug um Zug Menschen und Tiere versammelten. Dann fixierte er den Timeserver, der wie eine wertvolle Trophäe auf einer leeren Munitionskiste platziert worden war.

Lafour hatte sich mit dem Senator und einigen anderen ranghohen Militärs in ein benachbartes Zelt begeben, um in sicherem Abstand den Transfer auf einer Großleinwand zu verfolgen. Achtzehn Hochgeschwindigkeitskameras sollten die Geschehnisse direkt vor Ort aufzeichnen und deren Bilder verschlüsselt über eine Standleitung direkt nach Washington ins Oval Office übermitteln.

Die Luft knisterte förmlich vor Spannung, als Tom unter Anleitung von Paul den Server hochfuhr. Der gregorianische Choral, der mittlerweile von einer eigens dafür geschaffenen Datenbank abgespielt wurde, öffnete wie von Zauberhand den Deckel des Servers und präsentierte das bekannte Hologramm eines asiatisch anmutenden Frauenkopfes. Die perfekt aussehende Dame übermittelte ihre Anweisungen per Gedankentransfer, der an alle jene gesandt wurde, die sich in einem Radius von dreißig Metern um den Server befanden. Danach wechselte die Figur in einen türkisfarbenen Nebel, der sich zu einer rotierenden Hand formte und den Beginn des eigentlichen Transferprogramms markierte. Durch direkte Berührung des Nebels wurde die DNA der Zeitreisenden zur Überprüfung eingelesen und ein Check vorgenommen, ob ein Transfer in die angegebene Zeitebene überhaupt möglich war. Niemand durfte zweimal im gleichen Zeitstromabschnitt existieren, dafür sorgte das Programm mit seinen eingebauten Kontrollfunktionen, die einen Abgleich des menschlichen Energiefeldes per DNA-Test vornahmen. Arnaud hatte sich offenbar als Erster freiwillig gemeldet, und Tom beobachtete sichtlich angespannt, |317|wie er seine Hand ohne Zögern in den holographischen Nebel tauchte.

 

Hannah, die neben Freya an Amelies Bett stand, musste den Jungen zurückhalten, damit er nicht zu Toms Zelt lief, um den Transfer direkt zu beobachten. »Bleib hier«, sagte sie und fasste ihn am Arm. »Das ist zu gefährlich, und außerdem würden sie dich sowieso nicht zu ihm lassen.« In Wahrheit fürchtete sie, dass Matthäus in Panik geriet, wenn Gero so unvermittelt verschwand.

»Und wann kommen sie zurück?« Der Blick des Jungen verriet seine Angst.

»Sie kommen doch zurück, oder?«

»Tom sorgt dafür, dass sie in drei Tagen wieder bei uns sind.« Hannah versuchte ihrer Stimme einen zuversichtlichen Tonfall zu verleihen. »Er holt sie an genau dieser Stelle wieder ab. Jedenfalls hat er das versprochen.«

»Und was ist, wenn er die Sache vermasselt?« Matthäus wusste, was Gero von Tom hielt. Er hatte ihn schon oft genug in Gegenwart des Jungen als glücklosen Maleficus bezeichnet.

»So was darfst du nicht einmal denken.« Während Hannah den Jungen drohend anschaute, hoben sich Freyas Mundwinkel zu einem ironischen Lächeln. Sie saß neben Amelie auf einem Stuhl und hielt ihr die Hand. Matthäus stand neben ihr auf Augenhöhe. Er runzelte beunruhigt die Stirn. »Du hast dich schneller in dieser Zeit eingelebt als jeder andere von uns«, sagte sie zu Matthäus, dann blickte sie zu Hannah auf, die hinter dem Jungen stand. »Er spricht eure Sprache, als ob er hier aufgewachsen wäre, und er weiß ziemlich genau, was er von wem zu halten hat.«

»Wenn Tom es vermasselt«, beantwortete Hannah die Frage des Jungen mit düsterer Miene, »werden wir ihn vierteilen und seine Überreste an der Außenmauer der Air Base aufhängen.«

Matthäus nickte zufrieden. »Nichts anderes hätte er in so einem Fall verdient.« Hannah biss sich auf die Lippe, anstatt etwas zu erwidern. Trotz aller Fortschritte hatte der Junge eine immer noch vergleichsweise archaische Weltanschauung, die ihm so schnell wohl niemand abgewöhnen würde.

 

|318|Tom atmete auf, als er begriff, dass Arnaud tatsächlich im Nichts verschwunden war. Also funktionierte das Ding wenigstens, und er konnte die Geschichte gegenüber dem Senator als Erfolg verbuchen. Als Nächster folgte Stephano, und auch er löste sich, nachdem der Nebel ein leuchtendes Gitternetz über seinen gesamten Körper gezogen hatte, unter einem Sturm von türkisfarbenen Funken in Nichts auf. Es folgten zwei Pferde, die man nahe genug heranführte, um ihr Maul in den Nebel halten zu können. Karen hatte den Tieren ein leichtes Beruhigungsmittel verabreicht, und eine schwarze Augenbinde aufgesetzt, damit sie nicht in Panik gerieten.

Tom atmete sichtbar auf, als die Pferde wie in einem Science-Fiction-Film unter einem bläulichen Flimmern dematerialisierten. Mit ihnen verschwand auch das Gepäck auf ihrem Rücken, das unter anderem keimfreies Wasser in Kalebassen enthielt und getrocknetes Fleisch und Studentenfutter.

Hertzberg verschwand ebenfalls ohne Probleme und mit ihm Johan van Elk, der einen Rucksack voller verschiedener Goldmünzen mit sich trug. Als Nächster kamen Gero und Tanner an die Reihe. Auch sie führten mehrere Pferde mit sich.

Tapleton war der Letzte in der Truppe, und so wie es aussah, war seine Bereitschaft, diese Reise in ein unberechenbares Nirwana anzutreten, nicht unbedingt größer geworden.

Als Karen ihn aufforderte, seine Hand in den Nebel zu legen, verkrampfte sich sein Körper. Seine Hände zitterten leicht, und sein Blick war zu Panik erstarrt. Doch das Gerät verweigerte überraschend den Transfer.

Tapleton entspannte sich, und für einen Moment huschte Erleichterung über sein Gesicht. Nur zu gern trat er zur Seite, als sich ein Techniker an ihm vorbeidrängte, um zusammen mit Tom die Fehlerquelle zu analysieren.

»Was soll denn das werden?«, schaltete sich General Lafour über Lautsprecher ein.

»Gehen Sie gefälligst zurück an Ihren Platz, Soldat!«, brüllte er, als Tapleton den Anschein erweckte, das Gelände verlassen zu wollen.

»Vielleicht liegt es an der Energiezufuhr?«, rätselte Paul, während er die Technik des Gerätes untersuchte. »Der Transfer von Menschen und Tieren hat möglicherweise ein paar Schaltkreise überlastet.«

|319|»Versuchen Sie es erneut, Stevendahl«, befahl der amerikanische Präsident aus Washington über eine Videodirektschaltung.

Tapleton schien kurz vor dem Kollaps zu stehen, als Tom sich anschickte, den Transfer erneut zu starten. Die Maschine fuhr erwartungsgemäß hoch, und Tapleton wurde von dem Nebel erfasst. Plötzlich jedoch erfüllte ein türkisblauer Lichtblitz das Zelt, und eine ohrenbetäubende Detonation erklang. Der Server schaltete sich selbstständig ab, und mit ihm fiel die gesamte Lagerbeleuchtung aus. Erst als die Notstromversorgung ansprang und ein paar Reserveleuchten zum Leben erwachten, schien es, als habe man Tapleton erfolgreich ins Jahr 1153 transferiert. Doch dann roch es plötzlich nach verbranntem Fleisch.

»Mike!« Irgendjemand schrie entsetzt auf. Es war Major Decks Humphrey, den Lafour zur Überwachung des Vorgangs ins Transferzelt beordert hatte. Er stürzte zu Boden, wo Tapleton bis zur Unkenntlichkeit entstellt lag und sich nicht mehr rührte.

»Sanitäter!«, brüllte er. Mit weit aufgerissenen Augen suchte er nach Karen Baxter.

Doch Karen konnte nur noch Tapletons Tod feststellen. Neben seinem Leichnam befanden sich eine verbeulte Splittergranate und ein unversehrtes Maschinengewehr mit mehreren Hundert Schuss Munition.

»Verdammt!«, fluchte Tom und sprang mit einem gewaltigen Satz über die Kontroll-Konsole. »Wie konnte das geschehen?« Fassungslos deutete er auf die Granate. »Das stand mit Gewissheit nicht auf der Transferliste.«

»Wir müssen hier raus«, murmelte Humphrey. Entschlossen packte er Tom am Arm.

Als Tom ihn immer noch begriffsstutzig ansah, wurde er lauter. »Die Granate kann jeden Moment hochgehen. Wir müssen das gesamte Gelände evakuieren und einen Entschärfer holen! Sofort!«