August 1153 – Sinai
Mit einem Gefühl der Unwirklichkeit, das sie seit dem Sprung in diese Epoche nicht verlassen hatte, registrierte Hannah in der Ferne das azurblaue Meer unter einem goldenen Himmel. Eine perfekte Urlaubsidylle, wie sie sich für einen winzigen verrückten Moment einzureden versuchte. Wenn da nicht die drei Templer auf den Araberhengsten an |662|ihrer Seite gewesen wären. Und die Tatsache, dass sie noch in der Nacht der Gewalt eines Mannes entronnen war, der seine Vorliebe für fränkische Frauen mit dem Leben bezahlt hatte.
Sicherheit ist das Einzige, was zählt, dachte Hannah, als sie in der warmen Nachmittagssonne Richtung N’alia galoppierten. Dass Gero an ihrer Seite ritt, hätte sie glücklich stimmen können, aber ohne Matthäus, dessen Schicksal nicht geklärt war, hatte die Angst sie immer noch fest im Griff.
Solange der Kampf um den Kelch nicht ausgefochten war, durfte sie nicht davon ausgehen, den Jungen lebend wiederzusehen.
Geros Erklärung, dass er sich bei einem Ordensbruder von André de Montbard in sicherer Obhut befand, überzeugte sie jedenfalls nicht. Denn Geros Ansicht, dass Templer Ehrenmänner seien, traf allem Anschein nach nicht auf jeden zu, der zum Orden gehörte.
Das rote Kreuz auf dem Umhang der Reiter erinnerte sie an Henri Dunant, den Begründer des Roten Kreuzes. Ob er diese Männer im Sinn gehabt hatte, als er dieses Zeichen als Symbol des Friedens und der Sicherheit in Kriegszeiten aus der Taufe gehoben hatte?
Falls es so war, konnte auch er nur ein Realist gewesen sein, der wusste, dass im Krieg andere Gesetze herrschten.
Hannah ahnte, dass Gero an diesem Tag irgendjemanden getötet hatte. Davon zeugte nicht nur das Blut an seinem Mantel. Auch die Verletzungen der übrigen Männer verrieten, dass sie in Kämpfe auf Leben und Tod verwickelt gewesen waren. Dazu kam, dass Khaled, Arnaud oder Struan den Tod des Wesirs auf dem Gewissen hatten. Was bedeutete, dass sie die gleiche Gewalt an den Tag legen konnten wie ihre Gegner und dass sie immer noch Feinde hatten. Menschen, die sie abgrundtief hassten und die kein Problem damit hatten, mit ihnen das Gleiche zu tun, wenn sie in deren Hände fielen. Plötzlich fühlte sie sich vor der ockerfarbenen Wüstenlandschaft in ihrem geborgten, weißen Mantel wie auf einem Präsentierteller. Horrorszenarien von massakrierten Menschen tauchten vor ihrem geistigen Auge auf. Hannah ließ dem temperamentvollen Araber die Zügel, was nicht sonderlich riskant war, weil das Tier nicht mehr die gleiche Begeisterung zeigte wie am Morgen. Sie hatte das vage Gefühl, dass es nicht mehr weit sein konnte, bis sie die Höhlen erreichten, in denen die anderen hoffentlich noch auf sie warteten und sie wenigstens vorübergehend Schutz suchen konnten.
|663|Gero ritt auf ihrer Höhe und zwinkerte ihr aufmunternd zu. Woher er diesen Optimismus nahm, war ihr schleierhaft. Genaugenommen konnten sie nirgendwohin. André de Montbard, der ehemalige Templergroßmeister, würde auf die Auslieferung des Kelches bestehen, ansonsten würde er wohl kaum sein Versprechen halten und Matthäus und Hertzberg endgültig aus den Händen der Templer befreien. Die Königin, die es – soweit Arnaud erzählt hatte – auch auf den Kelch abgesehen hatte, würde Montbard unangenehme Fragen stellen, wenn die von ihr angeheuerten Männer erfolglos geblieben waren. Und die überlebenden Templer von Jerusalem erinnerten sich mit Gewissheit an die sechs abtrünnigen Brüder und ihren leicht korpulenten Waffenknecht.
Khaled weigerte sich unterdessen strikt, den Kelch herauszurücken, jedenfalls nicht, bevor er selbst das Geheimnis des Artefakts gelüftet hatte. Das Interesse von Rona und Lyn war Hannah bisher rätselhaft geblieben, aber vielleicht erhofften die beiden sich von dem Kelch und seinem Geheimnis eine Art Wunder, das ihre Chancen auf eine baldige Heimkehr erhöhte.
Hannah überlegte, ob dieses Wunder auch sie selbst und ihre Leidensgenossen wieder dorthin zurückbringen konnte, wo sie hergekommen waren. Ansonsten musste ihnen ein verdammt guter Trick einfallen, wie sie Tom in knapp eintausend Jahren den im Kelch befindlichen Kristall zuspielen konnten.
Gemeinsam mit Gero und den anderen tauchte Hannah in den erlösenden Schatten der Bäume ein. Sie musste dringend etwas trinken und sich ausruhen. Immerhin war sie im zweiten Monat schwanger. Die Zunge klebte ihr am Gaumen, und der Rücken schmerzte.
Als die Schritte der Pferde sich verlangsamten, reichte Gero ihr einen Wasserschlauch aus Ziegenleder herüber, ganz so, als ob er ihre Nöte erkannt hatte. Sein Blick, als sie zurückhaltend trank, war seltsam entrückt.
»Ist es wirklich wahr?«, fragte er leise, nachdem Arnaud sie in eine versteckte Schlucht geführt hatte, wo Einheimische im Laufe der Jahrhunderte unzählige Höhlen in die hohen Kalksandsteinfelsen gehauen hatten.
Gero ritt so dicht neben ihr, dass er ihr wie zufällig die flache Hand auf den Bauch legen konnte. Trotz aller widrigen Umstände huschte ein Grinsen über sein Gesicht. »Wir bekommen wirklich ein Kind?«
|664|»Ich hatte Angst, du würdest mir Vorwürfe machen.« Hannah lächelte tapfer zurück, wenn auch etwas gequält. Stunde um Stunde, die sie in dieser Zeit verbrachte, wurde ihr mehr bewusst, dass es für ein Neugeborenes wohl kaum eine feindlichere Umgebung geben konnte.
»Warum sollte ich?«, erwiderte er. »Wenn Gott es so gewollt hat, werden wir dieses Geschenk mit Freuden annehmen.« Geros liebevolles Lächeln erlosch, als ein hochgewachsener Mann aus dem Schatten eines Granatapfelbaumes hervortrat. Er trug einen golden blitzenden Krummsäbel an seiner Hüfte, und sein ebenmäßiges, stolzes Gesicht, umrahmt von schwarzen, schulterlangen Haaren, wirkte nicht gerade einladend. Erst als der Mann Arnaud erkannte, entspannten sich seine Züge, und er gab seine kriegerische Haltung auf.
Hannah hatte ihn sofort erkannt, aber Gero hatte den Assassinen bisher nur einmal flüchtig gesehen, wie Arnaud ihr erzählt hatte.
Khaled begrüßte die Neuankömmlinge mit dem ihm eigenen »assalāmu ’alaikum«. Dabei legte er die Rechte auf sein Herz und verbeugte sich leicht.
Dass Gero ihm misstraute, konnte Hannah mühelos erkennen. Doch zumindest gingen sie höflich miteinander um, nachdem Khaled sie in die Höhle hineingeführt hatte.
Die Begrüßung mit den anderen fiel weitaus herzlicher aus.
Freya stürmte Johan, kaum dass er sich seines Helms und seiner Handschuhe entledigt hatte, mit einer Wucht entgegen, dass es ihn von den Füßen hob. Die Begine auf seinem Schoß, landete er unsanft auf dem Hintern. Sie küssten sich so leidenschaftlich, dass Arnaud sich genötigt sah, amüsiert Beifall zu klatschen. »Und wer küsst mich?«, fragte er und grinste Rona von der Seite an, wobei sie sich ein seltenes Lächeln abrang und verlegen die Lider senkte.
Gero hob eine Braue und betrachtete Rona und ihre Schwester eingehend.
»Wir haben wohl einiges verpasst während unserer Abwesenheit«, bemerkte er, den Blick fragend auf Hannah gerichtet, die ihm daraufhin die beiden Frauen vorstellte, die, ohne es zu wissen, über ihr Schicksal entschieden hatten.
Danach ging er auf Struan zu und begrüßte ihn mit einem überkreuzten |665|Handschlag, bevor er Amelie eine herzliche Umarmung zuteilwerden ließ. Tanner und Anselm kümmerten sich unterdessen im hinteren Teil der Höhle um Stephano. Seine Beinverletzung hatte sich trotz eines neuen, sauber angelegten Verbands entzündet. Lyn hockte auf Knien neben dem blonden Templerbruder und unterzog dessen tiefe Fleischwunde einer Analyse mit ihrem Armband, um Gero zu zeigen, wo das Problem lag.
»Einige wichtige Muskeln sind betroffen, und die Umgebung zeigt bereits den Befall mit Bakterien«, stellte sie fest. »Er benötigt dringend ein Medikament, das ihm hilft, die Entzündung zu bekämpfen, sonst könnte es noch schlimmer werden und zu einer Blutvergiftung kommen.«
Gero und seine Kameraden hatten inzwischen zumindest eine Idee, was das Wort Bakterien bedeutete, und auch sonst hatten sie, was medizinisches Wissen betraf, deutliche Fortschritte gemacht, seit sie in der Zukunft gelandet waren.
Khaled hatte bereits zuvor mehr über die inneren Prozesse des Körpers gewusst, weil die Muslime den Christen in Sachen Medizin um Jahrhunderte voraus waren. »Um eine solche Verletzung ausreichend zu kurieren, müssten wir ihn in den Maristan von Damaskus bringen«, erklärte er.
»Montbards Hoher Rat verfügt meines Wissens auch über Salben und Tinkturen, die eine Heilung versprechen«, meinte Rona und betrachtete dabei die offene Wunde. »Spätestens seit wir sie über unser Wissen informiert haben, experimentieren sie mit allerlei Möglichkeiten, die unter den hiesigen Bedingungen herbeigeführt werden können. Aber auch der Rat ist zu weit weg, um uns helfen zu können.«
»Was ist mit eurem Wundermittel?«, fragte Khaled hoffnungsvoll.
»Davon haben wir nichts mehr«, gab Lyn mit Bedauern zurück.
Stephanos Augen waren leicht fiebrig, und an seinem schmerzverzerrten Gesicht konnte jeder sehen, wie sehr er unter der Wunde litt.
»Freya kennt sich mit pflanzlichen Heilmitteln aus.« Hannah bedachte die ehemalige Beginenschwester, die immer noch turtelnd mit Johan am Boden saß und nun aufschaute, weil sie ihren Namen gehört hatte, mit einem fragenden Blick. »Kannst du Stephano helfen?«
In ihrer ersten Freude, Johan lebend wiederzusehen, hatte Freya für einen Moment Stephanos Zustand verdrängt.
»Ich hab’s schon versucht«, sagte sie und näherte sich dem Templer, |666|der vor Fieber und Schmerzen halb ohnmächtig war. »Aber ohne Kräuter kann auch ich nicht viel ausrichten.«
»Wir können nach draußen gehen und schauen, was wir finden«, bot Khaled ihr an.
»Kommt gar nicht in Frage«, knurrte Johan und stellte sich dem Assassinen in den Weg. »Oder glaubst du tatsächlich, dass ich meine Frau alleine mit einem Sarazenen durch die Berge irren lasse?«
Khaled sagte nichts und hob eine Braue. Sekundenlang musterten Johan und der Assassine sich feindselig.
Amelie warf Hannah einen vielsagenden Blick zu.
Hoffentlich erfährt Johan niemals, dass Freya – wenn auch aus der Not heraus – etwas mit dem Wesir von Askalon gehabt hatte, dachte Hannah.
»Ich komme mit«, sagte Gero und entspannte dadurch die Lage.
Nach einer Weile kamen sie zu dritt zu Stephano zurück. Khaled kniete neben ihm nieder und hielt ihm ein Sträußchen wild wachsender Blätter entgegen.
»Kau das!«, riet er ihm. »Es hilft gegen die Schmerzen und betäubt deine Sinne.«
Stephano riss ihm die Blätter regelrecht aus der Hand. «Danke, Bruder«, stieß er heiser hervor. Ohne zu zweifeln oder Freya um Rat zu fragen, stopfte er sich die Blätter einzeln in den Mund.
Anselm reichte ihm den Wasserschlauch, damit er seinen Mund befeuchten konnte.
»Was ist das?«, fragte er und schaute zu Khaled auf, der sich wieder erhoben und Lyn zugewandt hatte. Er drehte sich zu Anselm um und sagte: »Qat. Ich habe die Blätter ganz in der Nähe gepflückt. Wenn sie welk werden, verlieren sie leider rasch ihre Wirkung. Deshalb werden sie uns keine Hilfe sein können, wenn wir nach Süden aufbrechen. Es sei denn, wir finden unterwegs welche.«
»Nach Süden?« Gero warf ihm einen fragenden Blick zu.
»Sinai, wo uns die Vision des Kelches hinführen wird«, antwortete Khaled, als ob es die selbstverständlichste Sache der Welt wäre, zu wissen, wo es langging.
»Woher weißt du das?«, fragte Gero den Assassinen.
Ohne ein Wort ging Khaled zum Höhleneingang, dorthin, wo er die Satteltasche mit dem Kelch abgestellt hatte, und zog ihn mit dem Tuch |667|heraus, das ihn einhüllte. Als er zu Gero zurückkehrte, übergab er dem deutschen Templer den Kelch mit den Worten: »Du musst einen Augenblick tief hineinschauen, dann offenbart sich dir das Wunder.«
»Ich weiß«, flüsterte Gero und wagte einen vorsichtigen Blick. »Ich habe schon einmal hineingeschaut, aber offenbar nicht lange genug.«
Hannah sah den eigentümlichen Glanz in Geros Augen, als er sich anschickte, das Innere des Bechers zu inspizieren. Sie trat an seine Seite, weil sie diese Erfahrung teilen wollte.
»Warum hast du mir nichts davon erzählt?«, flüsterte sie. »Damals, als ihr aus Frankreich zurückgekommen seid?«
»Weil du geredet hättest«, antwortete er, ohne sich von dem Kelch abzuwenden. »Falls dich die Amerikaner aus irgendeinem Grund einem Verhör unterzogen hätten. Ich konnte ein solches Risiko nicht eingehen.«
»Misstraust du mir, weil ich eine Frau bin?«, fragte sie leise.
Gero schaute missmutig auf. »Natürlich nicht«, sagte er tonlos. »Vielmehr stand zu befürchten, dass du die Bedeutung des Kelches nicht verstehst und ihn dem Grunde nach für wertlos hältst, weil du keine gläubige Christin bist. Oder wärst du bereit gewesen, für ein solches Geheimnis dein Leben zu opfern?«
Sein freundlicher Blick versöhnte sie nicht. »Du denkst also, ich halte deinen Glauben für Blödsinn.«
»Es tut mir leid, wenn ich mich falsch ausgedrückt habe«, erklärte er bedauernd. »Aber du hast der heiligen Kirche aus freien Stücken den Rücken gekehrt und hältst Beten für einen nutzlosen Zeitvertreib. Wie hätte ich dir jemals klarmachen können, welches göttliche Geheimnis sich hinter der Botschaft des Kelches verbirgt, ohne von dir für verrückt erklärt zu werden?«
Er berührte sie mit der freien Hand an der Schulter und sah ihr beinahe flehend ins Gesicht. »Hättest du mich gehen lassen, wenn ich dir verraten hätte, dass ich allein wegen der möglichen Macht eines Kelches all das hier auf mich nehme?«
»Nein, du hast recht«, antwortete Hannah resigniert. »Ich hätte die ganze Geschichte für sinnlos gehalten. Und wenn du ehrlich zu dir selbst bist: Was ist das für ein Gott, der zulässt, dass sich seine Anhänger gegenseitig massakrieren? Sieh dir doch nur das Misstrauen an, das ihr Khaled entgegenbringt, weil er für euch nicht zur richtigen Seite |668|gehört. Wobei ich nicht behaupten möchte, dass es umgekehrt besser wäre. Dabei fußt euer Glauben auf denselben Wurzeln. Ist es nicht paradox, sich wegen unterschiedlicher religiöser Ansichten zu hassen?«
»Ja«, sagte Gero mit betretener Miene. »Dabei haben gerade Montbard und seine Leute immer für Toleranz gegenüber Andersgläubigen geworben.«
»Dann nimm dir daran ein Beispiel«, antwortete Hannah. »Und im Übrigen wäre es schön, wenn ihr diese Toleranz auch auf nichtgläubige Frauen ausdehnen könntet.«
Ohne ein weiteres Wort ließ sie Gero stehen, um noch einmal nach Stephano zu schauen.
Zufrieden beobachtete sie aus einiger Entfernung, wie Gero sich zusammen mit Khaled, Johann, Arnaud, Tanner und den übrigen Frauen in seltener Eintracht um ein frisch entfachtes Lagerfeuer versammelte, während Khaled ihnen erklärte, welchen Weg sie nehmen mussten, wenn sie den Anweisungen des Kelches folgten. »Wir reiten nach Süden zum Berg Sinai«, erklärte der Assassine so selbstverständlich, als ob es sich um einen Ausflug handelte. »Dort, wo Moses von Gott die Zehn Gebote empfangen hat. Ganz in der Nähe muss sich das Geheimnis der Bundeslade befinden. Der Kelch wird uns leiten, wenn wir dort angelangt sind.«
»Sinai?«, fragte Tanner voller Unverständnis. »Weißt du, was du da redest? Das sind mindestens dreihundert Kilometer quer durch die Wüste! Mit Pferden und Kamelen sind wir bestimmt eine Woche unterwegs. Stephano geht’s wirklich nicht gut, und soweit ich weiß, haben wir keine ausreichenden Vorräte mehr.« Mit fragendem Blick wandte er sich an Gero und die anderen.
»Ja«, sagte Gero kurz angebunden. »Aber uns bleibt gar nichts anderes übrig, als es zu versuchen. Welche Alternative haben wir denn? Außer uns zu ergeben oder in dieser Höhle sitzen zu bleiben, bis wir sterben?«
»Und was ist mit dem Jungen?« Hannah war hinzugetreten und hatte sich hinter Gero gestellt. »Wir können doch nicht einfach hier verschwinden und Matthäus und Hertzberg bei diesen Barbaren zurücklassen?«
»Das habe ich längst bedacht.« Gero schaute zu ihr auf, und seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war er beleidigt, dass sie annehmen konnte, er würde den Jungen einfach im Stich lassen. »Ich werde bei |669|Anbruch der Dunkelheit zu Montbard nach Gaza reiten und ihn zur Herausgabe des Jungen zwingen.«
»Wie willst du das machen?« Hannah schaute ihn zweifelnd an. »Hast du nicht gesagt, er hält den Jungen in Jerusalem gefangen?«
»Können wir nicht einfach dorthin reiten«, fragte Freya hoffnungsvoll, »und ihn befreien, bevor wir zum Sinai aufbrechen?«
»Einfach geht gar nichts«, meldete sich Arnaud zu Wort. Er hatte unterdessen ebenfalls einen Blick in den Kelch geworfen und ihn nun an Johan weitergegeben. »Montbard wird den Kleinen nur gegen den Kelch herausgeben, doch unser Freund Khaled, dem wir einiges zu verdanken haben, hat dagegen votiert, dass wir den Kelch an wen auch immer abtreten, bevor wir nicht selbst das Geheimnis ergründet haben.«
»Ich denke, Khaled weiß nun, wo der Schatz begraben liegt, und Gero hat immerhin eine Ahnung«, warf Hannah dazwischen. »Also, warum geben wir dem alten Templer nicht einfach, was er haben will? Dann übernehmen wir Hertzberg und den Jungen und reiten dorthin, wo wir das Geheimnis lüften können?«
Khaleds bernsteinfarbene Augen nahmen einen rebellischen Ausdruck an.
»Erstens benötigen wir den Kelch, um den genauen Platz zu finden, und zweitens hätte Montbard alle Zeit der Welt, uns eine Armee von Templern hinterherzuschicken, um uns als Mitwisser töten zu lassen, bevor wir auch nur einen Fuß auf den Sinai gesetzt haben. Wenn er den Kelch besitzt, benötigt er uns nicht mehr. Solange er ihn nicht in Händen hält, muss er sich berechtigte Sorgen machen, dass wir den Kelch – auf welche Weise auch immer – vernichten könnten und damit das Geheimnis für immer unauffindbar machen.«
»Glaubst du, zu so etwas wäre Montbard fähig?« Johan schaute Khaled zweifelnd an, doch der lachte nur.
»Wie kann ein gestandener Ritter, noch dazu ein Templer, wie du es bist, so naiv sein«, raunte er kopfschüttelnd. »Bruder André ist im Sternzeichen des Skorpions geboren. Er ist ein gerissener Hund, dem nichts fremd ist, wenn es um die Abgründe der menschlichen Seele geht. Obwohl ich ihn und seine freizügigen Ansichten schätze, ist mir das bei unserer Unterredung im Palast wieder einmal bewusst geworden. Wenn es um die Durchsetzung seiner Ideen – sprich der Ideale des Hohen Rates – geht, nimmt er jede Sünde in Kauf. Er lügt, betrügt, |670|nimmt Geiseln, betört dümmliche Weiber und geht über Leichen. Kurz, die Zehn Gebote, die Gott Moses offenbarte, sind ihm ziemlich egal.«
Für einen Moment herrschte betretenes Schweigen.
Gero kniff die Lippen zusammen. Ihm war anzusehen, wie es hinter seiner breiten Stirn arbeitete, weil ihn das Schicksal von Matthäus nicht losließ. »Ich muss den Jungen zuvor aus den Händen dieser Aasgeier befreien«, murmelte er. »Ich könnte es nicht ertragen, wenn ihm etwas zustößt.« Das Wort »Sterben« wollte ihm nicht über die Lippen kommen. Zu groß war die Angst, den Tod des Jungen durch sein unbedachtes Verhalten provozieren zu können. Natürlich bestand auch die Möglichkeit, dass ihre Widersacher den Jungen in die Sklaverei verkauften, aber das würde in etwa aufs selbe hinauslaufen. Er schluckte schwer, und sein Blick fiel auf Hannah, der ein schmerzliches Seufzer entwich. Matthäus war zwar schon dreizehn und in Geros Augen beinahe erwachsen, aber er gehörte zu ihrer kleinen Familie wie ein eigenes Kind.
»Und was wird mit Hertzberg?« Tanner, der die Entwicklung der vergangenen Tage rund um den Kelch mit Erstaunen zur Kenntnis genommen hatte, glaubte sich offenbar für seinen einzigen Verbündeten einsetzen zu müssen.
»Werdet ihr euch jetzt an uns rächen, für das, was Lafour euch im Auftrag unseres Präsidenten angetan hat?« Tanner brachte die Dinge mit entwaffnender Offenheit auf den Punkt. »Ich meine, wo Hertzberg und ich ja offensichtlich die eigentlichen Bösen in diesem Spiel sind.«
»Red keinen Unsinn, Jack.« Gero legte ihm versöhnlich eine Hand auf die Schulter. »Du hast dir alle Mühe gegeben, uns zu helfen. Außerdem bist du auch nur ein Befehlsempfänger, wie wir alle es einmal waren – oder noch sind. Dass ich Hertzberg unerwähnt gelassen habe, liegt vor allem daran, weil mir der Junge weitaus wichtiger ist.«
»Ich denke, uns würde es trotz der Vorgeschichte leidtun, wenn Hertzberg etwas geschieht«, fügte Hannah hinzu. »Aber er ist ein alter Mann, und Matthäus hat sein Leben noch vor sich.«
»Was hast du vor?« Khaled hatte die Konversation in einer Mischung aus Altfranzösisch und Deutsch, so gut es ging, verfolgt. Er konnte sich denken, dass Gero sich weder das Geheimnis des Kelches noch den Jungen entgehen lassen wollte. Und er würde darum kämpfen, falls er, Khaled, eine andere Meinung vertreten sollte.
»Ich werde noch heute Abend als einheimischer Händler getarnt |671|nach Gaza reiten«, erklärte Gero bestimmt. »Dort werde ich Montbard vor ein Ultimatum stellen. Er bekommt den Kelch, wenn er mir vorher den Jungen überlässt und – doch erst, nachdem wir selbst das Geheimnis des Kelches ergründet haben.«
»Ich komme mit.« Arnaud baute sich vor Gero auf, als ob er ihn im Zweifel persönlich davon abhalten würde, ein solches Risiko alleine einzugehen. Struan nickte bedächtig, und mit einem entschlossenen Blick hin zu Amelie sagte er: »Ich werde meinen Bruder ebenfalls begleiten. Wenn Khaleds Vermutungen zutreffen und Montbard eine List im Schilde führt und dich ebenfalls festsetzen lässt, sind wir keinen Schritt weiter.«
»Selbst wenn er mich festsetzen würde, hätte er keinen Gewinn, wenn ihr ohne mich und den Jungen losreitet. Aber wenn er gleich drei Leute von uns erwischt, sieht die Sache schon anders aus. Warum, glaubst du wohl, ist es üblich, einen Unterhändler alleine zu schicken, anstatt gleich eine ganze Horde?«, fragte Gero. »Hast du dir darüber schon einmal Gedanken gemacht?«
»Weil bei Nichtgefallen des Angebotes nur einer den Tod findet und nicht alle drei«, gab Johan stellvertretend für die anderen zur Antwort.
»Genau«, bestätigte Gero mit grimmiger Genugtuung. »Und deshalb werde ich alleine gehen. Entweder Montbard folgt meinen Forderungen und ich bekomme den Jungen, oder er und seine Hintermänner können sich den Kelch sonst wohin schieben. Daran würde auch eure Gesellschaft nichts ändern.«
Hannah half Gero Kettenhemd und Templerchlamys gegen ein unauffälligeres Gewand zu tauschen. Als sie seinen durchgebluteten Verband am rechten Oberarm betrachtete, seufzte sie. »Es sieht viel schlimmer aus, als ich dachte«, sagte sie leise. »Freya soll deine Armwunde wenigstens noch mal ordentlich verbinden.«
Gero ließ sich nicht anmerken, ob er Schmerzen hatte. »Im Vergleich zu Stephanos Verletzung ist das ein Kratzer«, wiegelte er die Besorgnis der Frauen ab.
Lyn analysierte den Schnitt, ähnlich wie bei Stephano. »Du solltest die Wunde wenigstens mit irgendetwas desinfizieren«, riet sie Freya, die sich bereits bei Stephano einer Essigflasche bedient hatte, deren Inhalt zum einen zum Auswaschen von Wunden genutzt wurde, zum anderen, mit Wasser verdünnt, als schmackhafte Erfrischung diente. |672|Gero biss auf die Zähne, als sie mit der unverdünnten Version die Wunde gründlich spülte und anschießend eine doppelt gefaltete Mullbinde daraufdrückte, um die Verletzung anschließend mit frischen Leinenstreifen zu verbinden.
»Gut gemacht, Mädchen«, sagte Gero augenzwinkernd. »Was täten wir ohne dich.« Zum Dank drückte er Freya einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Anschließend schlüpfte er in die braunen Hosen und den schneeweißen Kaftan, die Johan ihm aus den Satteltaschen geholt hatte.
Nachdem er seine Stiefel übergezogen hatte, sah er auf und blickte Hannah in die Augen. Er umarmte sie fest und wandte sich dabei ein wenig von den anderen ab. Er küsste sie lange und intensiv, und sie spürte, wie sein Herz schlug, gleichmäßig und kräftig.
»Ich werde den Jungen frei bekommen, ich verspreche es dir und unserem Kind«, versicherte er ihr mit rauer Stimme und strich ihr über den noch flachen Bauch.
Hannah kämpfte mit den Tränen. »Pass auf dich auf«, flüsterte sie mit bebender Stimme, als er zu den Pferden marschierte und eines der Tiere ohne Brandzeichen bestieg, das aus den geheimen Stallungen der Königin stammte. Zaumzeug und Sattel waren mit farbenprächtigen Troddeln versehen, wie es hierzulande bei reichen Adligen und Händlern üblich war. Von weitem würde ihn niemand für einen Soldaten halten.
Arnaud gab Gero noch eine gut gefüllte Kalebasse mit Wasser, und Khaled fügte einen Beutel mit getrockneten Datteln hinzu, die er noch aus ihrem Vorrat übrig hatte. »Damit du nicht auf die Gastfreundschaft deiner Ordensbrüder angewiesen bist«, sagte er mit einem ironischen Grinsen.
»Deren Verpflegung war ohnehin nicht empfehlenswert«, witzelte Johan, doch auch ihm war anzusehen, dass er sich in Wahrheit ganz andere Sorgen machte.
»Wenn ich zum Anbruch der Nacht nicht zurück sein sollte«, sagte Gero, »müsst ihr ohne mich und den Jungen aufbrechen. Denn dann könnt ihr getrost davon ausgehen, dass man euch bis zum Jüngsten Gericht jagen wird.«
»Denk dran«, flüsterte Hannah, als sie zum Abschied noch einmal seine Hand drückte, »es gibt da noch jemanden, der auf deine Rückkehr wartet.«
|673|Dichter Rauch lag über der steinigen Ebene vor Askalon, als Gero, von der untergehenden Sonne geblendet, am Hauptlager der Franken vorbei in Richtung Gaza ritt. Überall auf dem Schlachtfeld hatte man Feuer entzündet. Es stank nach verbranntem Fleisch, menschlichem Fleisch. Er hatte diesen Geruch schon öfter in der Nase gehabt, wenn man in seiner Zeit Ketzer verbrannt hatte, und er würde ihn nie mehr vergessen, solange er lebte. Im Vorbeireiten sah er einen Knappen, der allem Anschein nach zu einer versprengten Truppe ausländischer Ritter gehörte, die ganz in der Nähe ihre Zelte stehen hatten.
»Was ist die Ursache dieses Feuers?«, fragte Gero den Jungen, während er von seinem Pferd aus in die Ferne schaute.
»Was interessiert Euch das?« Der pausbäckige Kerl, kaum sechzehn mit kurzgeschorenen, roten Haaren und Sommersprossen, schaute ihn misstrauisch an. »So, wie ihr ausseht, habt Ihr doch ohnehin nicht an der Schlacht teilgenommen.«
»Es gab eine Schlacht?« Gero gab sich betont unwissend.
Der Junge setzte eine ungeduldige Mine auf und rang nach Atem. »Heute Morgen hat der Sturm gegen die Festung von Askalon begonnen, und was Ihr dort seht, ist das Ergebnis.«
»Und?«, fragte Gero. »Wurde die Festung eingenommen?«
»Nein«, sagte der Junge mit zusammengekniffenen Lippen. »Die Templer haben den Arsch vollbekommen, und aus purer Rache werden gerade die auf dem Schlachtfeld übrig gebliebenen Heiden verbrannt – ganz gleich, ob sie tot oder lebendig sind.« .
»Was bedeutet, den Arsch vollbekommen?«
»Ihr wollt es aber genau wissen«, beschwerte sich der Junge. Dann seufzte er. »Tramelay und seine Leute wollten die Festung im Alleingang erstürmen. Jedenfalls durften die unseren nicht nachrücken. Um die Heiden zu besiegen, hat das aber offenbar nicht gereicht. Vierzig Templer sind im Innern der Festung von den Fatimiden massakriert worden, und bevor der Nachschub organisiert werden konnte, haben sie die Bresche von innen mit den herabgefallenen Steinen wieder geschlossen.«
»Und woher wisst ihr, dass die Templer getötet und nicht gefangen genommen wurden?«, fragte Gero.
»Sie haben die Köpfe der Templer mit einem Katapult über die Festungsmauern geschleudert und ihre nackten, kopflosen Kadaver an den Zinnen aufgehängt. Es heißt, der Kopf des Großmeisters sei sechshundert |674|Fuß weit geflogen. – Selbst schuld, diese Idioten«, schimpfte der Junge. »Das Schicksal hätte sie für ihre Einfältigkeit und Habgier ruhig noch schlimmer bestrafen sollen.«
Damit gab der Junge offensichtlich die Meinung seiner grimmig dreinblickenden Herren wieder, die sich, immer noch voll bewaffnet, in sicherer Entfernung einen Rausch angetrunken hatten und genuesische Hurengesänge grölten.
Gero bedankte sich knapp für den Bericht und trieb seinen Hengst an.
Von weitem war das riesige Heerlager vor Gaza zu sehen. Auf dem Weg dorthin überholte Gero ganze Karawanen, die nach der Niederlage bereits wieder ihren Weg zurück vom Hauptversorgungslager zum eigentlichen Heerlager angetreten hatten. Überall sah er betrübte bis wütende Gesichter und jede Menge Betrunkene. Wortfetzen drangen an sein Ohr, und irgendwie erzählte jeder eine andere Variante von den vermeintlich wahren Geschehnissen. Aber niemand schien zu begreifen, warum die Templer die Frontlinie nach hinten dichtgemacht und niemanden sonst zur Festung hatten vordringen lassen.
Am Lager vor Burg Gaza gab Gero sein Pferd bei einem Wechselstall in Obhut, wo man seine Tiere gegen bare Münze unterstellen konnte, wenn man keinem Orden angehörte und keinen eigenen Pferdeknecht besaß. Auch hier torkelten überall Betrunkene herum, und wenn die Fatimiden die Gunst der Stunde für einen Angriff genutzt hätten, wäre das christliche Morgenland zumindest in dieser Region hoffnungslos verloren gewesen.
Gero hatte seinen dunkelblonden Schopf unter einem Turban versteckt und den Schal zum Schutz gegen fliegenden Sand so hochgebunden, dass nur sein halbes Gesicht zu erkennen war. Auf dem Weg zur Burg überlegte er, wie er am besten unerkannt zu Montbard vordringen konnte. Das riesige Spitzbogentor zwischen den beiden Haupttürmen wurde streng bewacht, und nach der Niederlage gegen die Fatimiden würde man niemandem ohne Begründung Einlass gewähren. Unauffällig inspizierte er das weitläufige Gelände unterhalb der Zugbrücke und beobachtete dabei einen alten Berber, der mit einem mit Säcken voll beladenen Maultier in Richtung Templerburg marschierte. Er ließ den Kopf hängen, als sei seine Aufmerksamkeit bereits getrübt, und so schaute er ein wenig desorientiert auf, als Gero |675|plötzlich neben ihm auftauchte und ihm anbot, dass er sich getrost ausruhen könnte, während er den Muli mitsamt den Säcken zur Festung führte.
Der Alte fixierte Gero mit seinen eisgrauen Augen, als ob er ein Schwerverbrecher wäre. »Du willst mich um mein Geld bringen«, krächzte er, weitaus wachsamer, als es von weitem den Anschein gehabt hatte. »Das hier sind fünf Säcke Hafer, die Fatima und ich unter Einsatz unseres Lebens aus Akko herbeigeschleppt haben. In diesen lausigen Zeiten ist das ein wahres Vermögen, verstehst du, mein Junge?«
Prüfend kroch sein Blick über Geros Gesicht, der seinen Schal ein wenig gelockert hatte, so dass der Alte seinen Mund und den blonden, kurzgeschorenen Bart zu sehen bekam. »Aber sicher verstehst du das«, setzte der Berber hinzu, »deshalb willst du mir die Ware so kurz vor dem Ziel abspenstig machen.«
»Aber wo denkst du hin!«, widersprach Gero und zückte demonstrativ einen der Goldbyzantiner aus seinem Beutel, die ihm Arnaud in weiser Voraussicht zugesteckt hatte. »Damit wären der Maulesel und der Hafer beglichen. Und ich bringe dir den Esel und den Gewinn für die Säcke zurück, sobald ich meine Geschäfte erledigt habe. Sag, was hältst du davon?«
Der Alte biss auf die Münze und grinste zufrieden, als das Material kaum merklich nachgab. »Entweder seid Ihr ein Irrer oder ein Gauner oder beides«, bemerkte er in einem lakonischen Tonfall.
»Oder ein Heiliger«, fügte Gero scherzhaft hinzu. »Nun, was ist?«
»Amüsiert euch gut«, sagte der Alte und übergab ihm die Zügel des Tieres. »Ihr Name ist Fatima, und wenn sie nicht will, gebt ihr einen leichten Schlag auf den Hals, das mag sie nämlich überhaupt nicht.« Er lächelte, während Fatima wie zur Bestätigung mit ihren Ohren wackelte. »Soll ich hier vor der Brücke auf euch warten?«
»Ja, das wird das Beste sein«, sagte Gero, nicht wissend, welchen Weg nach draußen er würde nehmen müssen. »Sollte ich aus irgendeinem Grund nicht mehr hier auftauchen, versucht hineinzukommen, unter dem Vorwand, dass ihr Fatima abholen wollt.«
»Ihr seid ein Gauner? Hab ich recht?«
»Ob ihr’s glaubt oder nicht«, erwiderte Gero mit einem Lächeln, »ich bin ein Templer.«
»Das läuft auf dasselbe hinaus«, sagte der Alte.
|676|Ohne noch etwas zu entgegnen, machte Gero sich mit der durchaus willigen Fatima auf den Weg über die Brücke. Der Wachposten, der ihn kontrollierte, ein Sergeant im schwarzen Habit, schien an seiner Herkunft nicht sehr interessiert zu sein, nachdem Gero ihm in gebrochenem Altfranzösisch den Inhalt der Säcke aufgezeigt hatte. In Erwartung des dringend benötigten Pferdefutters verzichtete der Mann auf weitere Fragen und erklärte Gero stattdessen, wie er am schnellsten zu den Stallungen kam und zum dortigen Bruder der Verwaltung, der für den Einkauf des Futters zuständig war.
Gero führte den Maulesel bis vor die Tore des Pferdestalls und band Fatima an einem Pfahl fest. Dann nahm er den schnellsten Weg zum Dormitorium und zu Montbards Gemächern, die sich im ersten Stock des Gebäudes befanden, wo man entsprechende Unterkünfte eigens für hohen Besuch eingerichtet hatte. Gero nahm zwei Stufen auf einmal, als er das finstere Treppenhaus hinaufhastete, um so schnell wie möglich zu Montbard zu gelangen. Auf dem Weg dorthin musste er einen Haken schlagen, nachdem er die erste Etage erreicht hatte, und sich hinter einer Marmorsäule verstecken, weil er plötzlich die Stimme Peter von Vezelays zu hören glaubte. Aus einer Nische heraus beobachtete er, wie tatsächlich Vezelay und Berengar von Beirut den Gang herunter an ihm vorbeimarschierten, um zum Treppenhaus zu gelangen. Allem Anschein nach hatte Tramelay die beiden Offiziere bei seinem Sturmangriff nicht dabeihaben wollen, was ihnen einen grausamen Tod erspart hatte. Aber welche Rolle spielten sie jetzt?
»Was ist, wenn sie Montbard tatsächlich schon morgen zum Großmeister wählen?«, mutmaßte de Vezelay. »Was wirst du dann tun?«
»Was soll ich schon tun?«, knurrte Berengar missmutig. »Dass der alte Fuchs uns beide übergehen will, ist doch so klar wie Quellwasser. Montbard muss irgendetwas in der Hinterhand haben, das ihn für den König als Großmeister interessant macht. Warum sonst sollte er ihn als Nachfolger Tramelays vorgeschlagen haben? Immerhin war er bisher am königlichen Hofe eine Persona non grata. Erst mit Auftauchen dieser merkwürdigen Ritter hat sich das Blatt für ihn gewendet. Dabei hat er sich merkwürdigerweise nicht im Kapitel für deren Freilassung stark gemacht, sondern erst über Melisende, und es interessiert mich brennend, mit welcher Gegenleistung er ihr das Geld für diese fünf seltsamen Taugenichtse aus der Tasche gelockt hat.«
|677|Berengar von Beirut war mitten im Chorgang stehen geblieben und sah sich mit einem verschwörerischen Blick um. Erst als er sicher war, von niemandem belauscht zu werden, fuhr er fort. »Vielleicht steckt da etwas Größeres dahinter?«
»An was denkst du?« Offenbar konnte Vezelay seinem Ordensbruder nicht folgen.
»An den Kelch, den Bruder Bernard im Auftrag des Königs beschaffen sollte. Vielleicht haben Montbard und die Königin unsere Absichten durchschaut? Vielleicht hatten sie ähnliche Pläne. Und jetzt, wo Bruder Bernard einen sinnlosen Tod gestorben ist, schmiedet man neue Pläne, um in den Besitz des Geheimnisses zu gelangen.« Berengar zuckte mit den Schultern. »Vielleicht weiß Montbard etwas, das wir nicht wissen.«
»Was ist denn mit seinen Günstlingen geschehen?«, wollte Vezelay wissen. »Sie haben Meister Bernard bei dem Angriff auf Askalon begleitet. Sind sie tot?«
Berengar kniff seine ohnehin schmalen Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. »Ihre Leichen wurden nicht gefunden, und ihre Köpfe waren bei den Katapultgeschossen auch nicht dabei.«
»Das ist merkwürdig«, murmelte de Vezelay. »Ich denke, wir sollten dem nachgehen.«
»Fürwahr«, erwiderte Berengar. »Und zwar bevor der Papst in Rom ausgerechnet Montbard zum neuen Großmeister vorschlägt.«
Gero zwängte sich tiefer in seine Nische, als die beiden ihn mit düsterer Miene passierten.
Dass Montbard das Wissen um den Kelch an den jungen König verkaufen könnte, um seine Position innerhalb des Ordens als Großmeister zu stärken, war Gero noch gar nicht in den Sinn gekommen.
Nachdem de Vezelay und Berengar von Beirut im Treppenhaus verschwunden waren, hastete Gero zu den Gästeunterkünften. Vorsichtig öffnete er eine Tür nach der anderen. Keinesfalls wollte er dabei auf die Königin oder ihr weibliches Gefolge stoßen.
Nach der vierten Tür wurde er fündig. Er erkannte Montbards lederne Aktentasche, die er vor Gericht bei sich gehabt hatte, und außerdem hing eine zweite, saubere Chlamys an einem Haken, in deren Kragen sein Name eingestickt worden war: Frater André de Montbard.
Draußen läutete man anstatt zur Vesper zur Totenmesse, und Gero wurde mit einem Mal bewusst, dass es ebenso ihn und seine Kameraden |678|hätte erwischen können. Wahrscheinlich hatte Montbard im Moment Wichtigeres zu tun, als in seiner Klause zu fasten und zu beten. Der Kampf um die Nachfolge Tramelays schien in vollem Gange. Aber wenn er wissen wollte, wo Matthäus zu finden war, blieb Gero gar keine andere Wahl, als Montbard noch einmal zur Rede zu stellen. Ungeduldig wanderte er in dem kleinen Zimmer umher und warf einen Blick durch ein offenes, schmales Fenster auf die abendliche Brandung. Unten im Lager hatte man schon einige Feuer entzündet, und es roch nach gebratenem Fisch. Nach all der Hektik vom Mittag war es nun erstaunlich ruhig. Männer und Frauen, die gestern noch dort unten gelacht und gefeiert hatten, wirkten mit einem Mal wie gelähmt.
Plötzlich waren Schritte zu hören. Gero versteckte sich hinter der Tür. Stimmen von einem Mann und einer Frau erklangen. Melisende! Herrgott, was trieb ausgerechnet sie hierher? Als die Tür aufsprang und Montbard ins Zimmer trat, war sie es, die ihm in seine Klause folgte und ihm dabei verhaltene Vorwürfe machte.
»Was ist jetzt mit unserem Plan?«, keifte sie. »Tramelay ist tot, und wo sind deine ach so fähigen Ritter? Wir haben weder etwas von deinen Spionen gehört noch von Khaled und deinen mongolischen Prinzessinnen? Und verdammt, was ist mit dem Kelch und wie soll es nun weitergehen?«
Gero hörte, wie die Königin offenbar mit ihren zierlichen Stiefelchen auf dem Marmor aufstampfte. »Denkst du, ich werde deine Wahl zum Großmeister mit einem Haufen Geld unterstützen, wenn du mir bloß heiße Luft dafür bietest?«
Der zukünftige Großmeister stieß einen Seufzer aus. »Komm erst mal herein«, zischte er. »Es muss dich ja nicht jeder hören.«
»Wer sollte mich hören?«, keifte sie weiter. »Sie hocken alle unten beim Patriarchen und versuchen, die verbliebenen Heerführer für einen weiteren Angriff zu begeistern. Was uns jedoch nichts nützen wird, weil wir niemanden mehr haben, der für uns den Kelch sichern könnte.«
Durch einen Spalt konnte Gero sehen, wie Montbard die Geduld verlor und Melisende am Ärmel ihres Gewandes in seine Unterkunft zog und die Tür hinter ihr ins Schloss fallen ließ. In diesem Augenblick stand Gero schutzlos da, und Montbard starrte ihn an, als ob er ein Gespenst gesehen hätte. Sofort war seine Hand am Knauf seines |679|Schwertes, doch inzwischen hatte auch Melisende bemerkt, dass hier irgendetwas nicht stimmte, und fuhr hastig herum.
»Ihr?« Sie erbleichte, und ihre großen, grünen Augen weiteten sich. »Was ist mit Euren Gefährten?«
»Wir haben den Sturm mit Gottes Hilfe überlebt«, entgegnet Gero, »und nun bin ich gekommen, um den Jungen zu holen.«
»Den Jungen?« Melisende sah ihn begriffsstutzig an und hatte wohl vergessen, dass es da noch einen dreizehnjährigen Knappen gab, den Montbard im Auftrag der Templer faktisch als Geisel hielt. »Viel wichtiger als irgendein dahergelaufener Bengel ist die Frage: Wo habt Ihr den Kelch?«
Gero blickte an ihr vorbei zu Montbard. »Bevor ich irgendetwas zu dem Kelch sage, will ich den Jungen haben«, erklärte er mit Nachdruck.
»Ihr habt den Kelch also«, triumphierte die Königin. »Ihr müsst aus ganz besonderem Holz geschnitzt sein, dass es Euch gelungen ist, diesen blutrünstigen Heiden zu entkommen und dabei Euren Auftrag zu erfüllen.« Sie ging einen Schritt auf Gero zu, und ihre Augen spiegelten ein unverhohlenes, körperliches Interesse wider. »Jetzt müsst ihr uns das gute Stück nur noch aushändigen, und Ihr seid ein gemachter Mann, der sich auf Lebzeiten der Gunst seiner Königin erfreuen kann.« Sie lächelte anzüglich. »Die Sache mit Eurem Knappen regelt sich dann von ganz alleine.«
»Seid Ihr taub, Gnädigste?« Gero vergaß jegliche Höflichkeit. Er tat einen Schritt vor und baute sich zu voller Größe vor ihr und Montbard auf, wobei er mit seinem breiten Rücken den Ausgang versperrte. »Ich will den Jungen, und zwar sofort. Erst wenn ich ihn in Sicherheit weiß, überlege ich mir, ob Ihr es überhaupt wert seid, eine solche Kostbarkeit wie den Kelch in Händen zu halten. Immerhin haben vierzig bedauernswerte Männer dafür ihr Leben gelassen.«
Melisendes Gesicht lief rot an, jeden Moment würde sie nach den Wachen rufen. »Ich werde Euch in den Kerker werfen und foltern lassen«, giftete sie, »wenn Ihr nicht tut, was ich verlange!«
»Das heißt«, erwiderte Gero grimmig, »Ihr wollt, dass alle Welt erfährt, warum Ihr in Wahrheit Euren Sohn mit Unsummen bei der Eroberung von Askalon unterstützt habt?« Er räusperte sich mit einem ironischen Lächeln.
|680|»Die Barone werden interessiert zuhören, wenn ich ihnen unter der Folter gestehe, dass es Euch nicht um die Bekämpfung der Heiden ging, sondern um die Durchsetzung Eurer persönlichen Machtansprüche.«
Montbard machte eine beschwichtigende Geste. »Wir wollen uns doch nicht unnötig aufregen. Ich mache Euch einen Vorschlag zur Güte.« Er zwinkerte Gero verschwörerisch zu. »Ihr beschafft uns die Bundeslade und bekommt dafür Hertzberg und den Jungen, unversehrt und in bester Verfassung.«
Gero nickte zögernd. »Und wer garantiert mir, dass Tramelays Anhänger ihre Wut über den Tod ihres Anführers und unser Verschwinden nicht an den beiden auslassen und sie auf dem nächstbesten Sklavenmarkt verkaufen?«
»Ich«, entgegnete Montbard fest. »Wenn ich, so Gott will, schon morgen zum Großmeister bestimmt werde, habe ich alle Macht, um den Orden von jeglichem Gesindel zu säubern. Bis dahin darf es keine Skandale geben. Ansonsten wäre meine Ernennung gefährdet.« Sein Blick fiel auf Melisende, die nicht zu wissen schien, was sie von Montbards Argumenten halten sollte.
»Nun gut.« Gero nahm eine entspanntere Haltung ein. »Und wohin sollen wir euch die Lade bringen?« Er legte dabei einen harmlos anmutenden Plauderton an den Tag. Melisende schien die darin versteckte Ironie nicht zu bemerken.
»Ihr wisst sogar schon, wo sich die Lade befindet?« Ihre grünen Katzenaugen glühten vor Gier. »Bringt sie nach Nablus!«, kam sie Montbard zuvor. »In meinen Palast, ich werde euch reichlich entlohnen!«
»Aber das kann einige Zeit in Anspruch nehmen«, gab Gero zu bedenken.
»Ich gebe Euch vier Wochen, keinen Tag mehr«, erwiderte die Königin bestimmt. »Spätestens dann will ich wissen, was genau hinter ihren göttlichen Verheißungen steckt.«
Montbard hatte sie reden lassen, doch Gero war das leichte Kopfschütteln des künftigen Großmeisters der Templer nicht entgangen. »Schickt zuvor einen Boten nach Jerusalem«, sagte er mit ruhiger Stimme, »damit ich die Übergabe Eurer Gefährten vorbereiten kann. Ich denke, es ist eine gute Idee, wenn Ihr uns die Arbeit mit der Lade abnehmt und sie unversehrt an uns übergebt. Weder die Königin noch |681|ich wären in der momentanen Situation in der Lage, uns vom Hof zu entfernen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Und je eher wir ohne Mitwisser in den Besitz der Lade gelangen, umso besser.«
Gero war mit diesem Kompromiss alles andere als glücklich, wie offenbar auch Montbard erkannte.
»Ihr braucht Euch nicht zu sorgen«, bekräftigte der zukünftige Großmeister nochmals. »Dem Jungen wird nichts geschehen. Ihr werdet ihn schon bald wohlbehalten an Eure Brust drücken können.«
»Wenn dem Jungen ein Leid geschieht«, raunte Gero, »werde ich Euch dafür zur Rechenschaft ziehen. Und dabei ist es mir ziemlich egal, ob Ihr inzwischen Großmeister seid. Wenn es sein muss, werde ich in einem solchen Fall persönlich dafür sorgen, dass die Geschichte des Ordens einen anderen Verlauf nimmt. Habe ich mich klar ausgedrückt, Beau Seigneur?«
Sich vorsichtig umschauend, trat Gero kurz darauf in die Halle, immer noch erstaunt darüber, wie willfährig Montbard bei seiner Drohung genickt hatte. Der alternde Templer hatte einzig darauf bestanden, dass er sich zügig aus Gaza entfernte. Niemand durfte ihn sehen, und schon gar nicht durfte man ihn mit Montbard oder der Königin in Zusammenhang bringen. Offiziell würde Montbard ihn und seine Kameraden für tot erklären lassen, auch wenn ihre Köpfe nicht über die Mauer katapultiert worden waren.
Hastig eilte Gero zum Ausgang. Ob Hannah enttäuscht war, weil er sein Versprechen, Matthäus zurückzubringen, nicht hatte halten können? Natürlich hatte Montbard es am Ende nicht auf den Kelch, sondern auf die Lade abgesehen. Angeblich hatten die Templer unterhalb des Berges Moriah jahrelang danach gesucht und nichts gefunden.
Blieb für Gero zu hoffen, dass sie die Lade tatsächlich fanden und sie transportabel genug war, um sie gegen Hertzberg und den Jungen austauschen zu können.
Es dämmerte bereits, als Gero den Innenhof überquerte, um sich dem Maulesel zuzuwenden, den er dem Alten draußen vor der Brücke zurückbringen musste. Unversehens stieß er mit einem Schatten zusammen, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war.
»Bei der Heiligen Mutter«, entfuhr es dem anderen mit rauer Stimme, als er Geros Profil im Schein der Feuerkörbe erkannte. Berengar von Beirut, der Komtur von Jerusalem! Herr im Himmel, wie |682|konnte man so viel Pech haben? Gero war bemüht, kein Aufsehen zu erregen, und versuchte rasch weiterzukommen, doch der andere bekam ihn am Ärmel zu fassen.
Gero riss sich los und schwang sich auf das Maultier, das sich jedoch nicht von der Stelle bewegte.
»Alarm!«, brüllte sein Verfolger. »Breydenbach«, zischte er und zog sein Schwert. »Wie kann es sein, dass du dieser Hölle entkommen bist?«
Gero hatte sein Schwert ebenfalls gezogen, jedoch nicht um Berengar zu parieren, sondern um dem Maultier mit der flachen Seite auf den Hals zu schlagen. Gero schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass es half, und tatsächlich, das Tier machte einen gewaltigen Satz, und Berengars Klinge verfehlte Geros Bein um Haaresbreite.
Das Maultier besann sich auf seinen Fluchtinstinkt und galoppierte mit Gero hinunter auf die Brücke. Dabei schien die gute Fatima völlig vergessen zu haben, dass sie einen Reiter trug. Gero spürte bereits die ersten Verfolger hinter sich – Hunde, die bei der Bewachung der Burg eingesetzt wurden und sich nun an die Flanken von Fatima hefteten. Kurz hinter der Brücke brachte Gero das Tier mit grober Gewalt zum Stehen und sprang ab. Seinem verblüfften Besitzer drückte er die Zügel in die Hand, dann verschwand er in der Menschenmenge.
Zielstrebig wandte sich Gero an den Wechselstall und löste seinen Araber aus. Als er das Lager in Richtung Süden verließ, musste er sich beherrschen, den Hengst nur langsam antraben zu lassen, um sich nicht den Anschein eines Flüchtenden zu geben.
»Was ist nach uns geschehen?«, fragte Tanner, der sich inzwischen wie Johan seiner Templerchlamys entledigt hatte und zur Tarnung die Sarazenenkleider trug, die Anselm ihnen noch vor dem Angriff auf die Festung beschafft hatte. Sein interessierter Blick fiel auf Ronas außergewöhnlich ebenmäßige Gesichtszüge, deren Künstlichkeit im flackernden Licht noch mehr zur Geltung kam. Sie starrte nachdenklich ins Feuer, das Khaled mit trocknen Sträuchern am Leben erhielt, damit sie im Innern der Höhle nicht völlig im Dunkeln saßen. »Und wie kam es«, bohrte er weiter, »zur Entwicklung des Timeservers, und warum seid ihr ausgerechnet in diese Epoche gereist?«
»Meinst du den Krieg oder das, was danach geschehen ist?« Ronas Stimme klang leicht provozierend, dabei schaute sie ihn nicht an, sondern |683|starrte weiter ins Feuer. Inzwischen wusste sie, dass Tanner zu denen gehörte, die im zwanzigsten Jahrhundert geboren worden waren, also zu jener Generation, die eher eine Verantwortung für den großen Krieg trug als alle Generationen zuvor.
»Alles«, antwortete Jack. Er fixierte sie mit einem so intensiven Blick, als ob er sie beschwören wollte, ja nichts auszulassen.
Leise und gefasst erzählte Rona ihre Geschichte. »Zuerst war da der Krieg zwischen den monotheistischen Religionen. Sie haben sich gegenseitig fertiggemacht bis hin zu einer atomaren Katastrophe. China, Russland und Indien haben sich zunächst aus der Sache herausgehalten und auf eine Chance gelauert, um die durch den Krieg freigewordenen Ressourcen übernehmen zu können. Russland hat versucht, mitzuspielen, musste dann aber, als die terroristischen Anschläge im eigenen Land zunahmen, zwangsläufig Partei für die Christen ergreifen, was wiederum dazu führte, dass die Wirtschaftsbosse des Landes endgültig die Regierung übernahmen. Hinzu kamen klimatische Probleme. Es gab große Temperaturschwankungen, bedingt durch einen Polwechsel und verstärkte Aktivitäten von Sonnenflecken. Das stürzte zusammen mit dem Krieg, der alles in der westlichen Welt zerstörte, die gesamten Wirtschaftssysteme vorübergehend ins Chaos. Die Folge war die Entstehung eines weltumspannenden, neuen politischen Systems, das die überlebenden, völlig entmündigten Erdbewohner in eine konsumabhängige Knechtschaft zwang. Um sie unter Kontrolle zu halten, pflanzte man ihnen bereits bei der Geburt diverse Kontrollchips ins Hirn. Somit konnte man sie jederzeit manipulieren. Damit niemand aus der Reihe tanzte, wurde eine Eliteeinheit geschaffen, die dafür sorgte, dass keiner diesen Kreislauf durchbrach. Lyn und ich wurden als Soldaten in sogenannten Brutfarmen gezeugt. Wir haben nie etwas anderes kennengelernt als den Kampf gegen die Rebellion und das Töten von systemuntreuen Subjekten.« Ihre Blicke wanderten über das Feuer hinaus, um die flackernden Schatten an der Wand zu beobachten, als ob dort alles noch mal in einem Film zu sehen sei. »Lion war Rebellenführer, er stand ganz oben auf der Vernichtungsliste der Neuen Welt. Er war es, der mich und meine Schwester und viele andere aus diesem Elend befreit hat. Er hat uns den Chip entfernt und uns damit unsere Gefühle zurückgegeben. Er besaß die Gabe, aus ehemaligen Biorobotern wieder Menschen zu machen. Er hat die Pläne für den |684|Server in einem versteckten Bunker der Amerikaner gefunden. Ohne ihn säßen wir jetzt nicht hier.«
Tanner räusperte sich. »Denkst du, wir könnten etwas an dieser Entwicklung ändern, wenn wir es schaffen, in meine Zeit zurückzukehren, und rechtzeitig etwas dagegen unternehmen?«
Rona wandte sich ihm nun doch zu. Ihre grünen Augen leuchteten unnatürlich. Als sie seine Irritation bemerkte, lachte sie leise. »Katzen-Gene – sie ermöglichen uns, auch bei stockfinsterer Nacht etwas sehen zu können«, erklärte sie, wohlwissend, dass die Genmanipulation zu seiner Zeit noch in den Kinderschuhen steckte. »Ich weiß es nicht, Jack«, fuhr sie fort. »Ich habe mich mehr als einmal gefragt, warum uns Lion ausgerechnet in diese Zeit geschickt hat und nicht achthundert Jahre später in eure. Dort hätten wir vermutlich viel direkter Einfluss nehmen können als in diesem Chaos, wo diese verblendeten Bibelfreaks jeden als Ketzer verurteilen, der nicht ihre kindische Unwissenheit teilen will.« Sie atmete tief ein und wieder aus. »Aber wer weiß das schon? Jetzt, wo wir ohnehin alle in der gleichen Scheiße sitzen.« Als sie aufschaute, bemerkte Jack zum ersten Mal, dass ihre Augen vollkommen gleich geschnitten waren und ihre Haut keinen einzigen Makel aufzeigte. »Vielleicht kann uns diese Bundeslade eine Antwort liefern.« Sie hob ihre Hand, um ihn auf ihr Armband aufmerksam zu machen. »Der Stein in dem Kelch hat eine enorm starke Frequenzstrahlung. In jedem Fall könnte eine naturwissenschaftliche Sensation hinter der Sache stecken. Wer weiß, vielleicht kann man damit sogar physikalische Grundsätze außer Kraft setzen. Wundern würde es mich nicht.« Sie lächelte ihn zum ersten Mal an.
»Löscht das Feuer!« Khaled, der nach draußen gegangen war, um sich zu erleichtern, stürmte zur Höhle hinein und wartete nicht ab, bis jemand seinen Befehl ausführte, sondern zertrat die spärliche Flamme.
»Hey, was soll das?«, fragte Tanner, der Khaled immer noch misstraute.
»Fatimiden«, antwortete der Assassine knapp.
Struan, Arnaud und Johan zogen ihre Schwerter und begaben sich zum Ausgang, wo der aufgehende Mond ein wenig Licht spendete.
Im Flüsterton forderte Khaled seine Begleiter auf, ihre Sachen zusammenzupacken. »Wir müssen davon ausgehen, dass sie nach uns suchen«, erklärte er. »Abu Aziz ist an ihrer Spitze. Nachdem die Franken |685|so ruhmreich besiegt worden sind, muss er im Moment nicht befürchten, von ihnen angegriffen zu werden. Man darf getrost davon ausgehen, dass er der neue Wesir werden möchte, und seine Chancen stehen gar nicht so schlecht, wenn er dem aufgebrachten Mob die Köpfe der Mörder seines Vorgängers auf einem goldenen Tablett serviert.«
»Und wo sollen wir hin?«, fragte Arnaud und sprach damit aus, was die anderen dachten. »Außerdem ist Gero noch nicht zurückgekehrt. Wir können nicht einfach verschwinden, ohne ihm eine Nachricht zu hinterlassen.«
»Wenn Abu Aziz unsere Spur verfolgt«, stieß Khaled warnend hervor, »und uns hier findet, sind wir alle des Todes. Er führt mindestens fünfzig Krieger mit sich. Selbst wenn jeder von uns ein ausgebildeter Kämpfer wäre, kämen wir gegen eine solche Übermacht nicht an.«
Khaled dachte einen Moment lang nach. »Gero weiß, dass wir uns Richtung Süden wenden und die Grenze nach Ägypten am Gabal al-Sabha passieren müssen. Er braucht uns nur zu folgen.«
Hannah protestierte lautstark. »Gero kennt sich in dieser Gegend nicht aus. Bis zum Sinai gibt es Hunderte Berge und Täler. Was ist, wenn er sich ohne uns in der Wüste verirrt?«
»Wir könnten versuchen, uns Abu Aziz und seinen Leuten entgegenzustellen«, brummte Struan, doch Arnaud winkte ab. »Denk an unsere Frauen. Im Gegensatz zu Rona und Lyn können sie sich wohl kaum gegen eine solche Übermacht zur Wehr setzen. Was wäre, wenn sie erneut in Gefangenschaft geraten? Nein«, er schüttelte den Kopf, »das ist zu gefährlich. Ich bleibe hier und warte auf Gero. Zu zweit kann man sich besser gegen wilde Tiere und Räuber zur Wehr setzen. Wir folgen euch dann so schnell, wie wir können.«
»Räuber? Wilde Tiere?« Hannah glaubte, den Verstand zu verlieren.
»Ich bleibe auch hier und werde dir Gesellschaft leisten«, erklärte Rona. Sie würde Arnaud nicht einfach seinem Schicksal überlassen, dafür mochte sie ihn inzwischen zu sehr.
»Schön«, sagte Hannah, »dann wären wir schon zu dritt.«
»Soll das heißen, du willst auch hier auf ihn warten?« Anselm hatte sich mit einem erstaunten Gesicht von Stephanos Lager erhoben.
»Klar, wieso nicht?«, antwortete sie. »Du würdest Stephano ja auch nicht einfach hier liegen lassen, oder irre ich mich da?«
»Das ist doch ganz etwas anderes«, setzte sich Anselm zur Wehr. »Er |686|ist schwer verletzt, ihn alleine zurückzulassen wäre ein Akt der Barbarei.«
Hannah ging nicht näher auf das Verhältnis zwischen den beiden ein. Anselm und der blonde Templer aus der Nähe von Reims waren inzwischen gute Freunde geworden, aber vielleicht waren sie auch schon mehr als das.
»Es ist besser, wenn du mit uns kommst«, sagte Johan, der sich Khaled anschloss, nicht weil er Angst um sich selbst hatte, sondern weil er wusste, dass weder Freya noch Amelie zur Flucht zu bewegen sein würden, wenn sie ihre Männer nicht an ihrer Seite wussten. Auch Struan schien ein Einsehen zu haben.
Eilig packte die kleine Gruppe ihre Sachen zusammen. Anselm half dem fiebernden Stephano auf eines der Kamele, während die anderen die Pferde sattelten. Khaled ließ Arnaud und den Frauen zwei Pferde zurück, weil sie selbst nicht genug Tiere hatten, um jedem ein eigenes Pferd oder Kamel zu überlassen.
Hannah fror, obwohl die Nacht verhältnismäßig lau war, nachdem sie sich von Freya, Amelie und den anderen verabschiedet hatte.
Arnaud, der mit ihr und Rona zurückgeblieben war, übernahm die Rolle des Beschützers, indem er Hannah tröstend in den Arm nahm und ihr Mut zusprach, dass Gero wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Gemeinsam mit Rona, die wegen ihrer besonderen Fähigkeiten bei Nacht alles weitaus besser im Blick hatte, postierten sie sich auf einem Felsüberhang oberhalb der Höhle. Hannah schrak zusammen, als sie in der Ferne das Fauchen eines wilden Tieres hörte und das Jaulen eines Wüstenschakals, der in dieser Zeit in Israel und Ägypten so häufig vertreten war wie der Wolf in Mitteleuropa. Dass es auch Löwen gab, wusste sie von Rona, die ihr von Arnauds Zustand erzählt hatte, als er mit beinahe tödlichen Bisswunden im Lazarus-Kloster aufgetaucht war.
»Was ist, wenn Gero von einem wilden Tier angefallen wurde?« Hannah glaubte kaum atmen zu können, so sehr beunruhigte sie dieser Gedanke.
»Ich glaube, die Menschen hier sind gefährlicher als die Tiere«, brummte Arnaud, aber trösten konnte er sie damit nicht.
»Da kommt ein Reiter«, stellte Rona unvermittelt fest. »Aber ich kann |687|nicht sehen, ob es Gero ist. Und Khaled hatte recht«, fuhr sie fort. »Von Askalon nähert sich ein Kontingent weiterer Reiter. Und es sieht ganz danach aus, als ob der einzelne Reiter von weiteren verfolgt würde.«
»Wir sollten die Pferde klarmachen«, empfahl Arnaud. »Wir können unmöglich hier bleiben.«
»Heißt das, ihr wollt Gero nun doch im Stich lassen?« Hannah spürte all ihre Hoffnungen schwinden.
»Es heißt, dass wir dem Weg der Vernunft folgen«, erwiderte Arnaud. »Gero hat nichts davon, wenn wir in ein Scharmützel hineingeraten.«
Widerwillig folgte Hannah den beiden zu den Pferden. Nur ungern ließ sie sich von Arnaud auf den nervös tänzelnden Araber helfen.
»Wir könnten Gero eine Nachricht hinterlassen.« Hannah klammerte sich an jeden Strohhalm.
»Und was sagen wir ihm?« Arnaud hatte sich hinter ihr in den Sattel geschwungen.
»Dass wir vorausgeritten sind.«
»Das kann er sich denken, wenn er uns nicht antrifft.«
»Aber so denkt er vielleicht, dass uns etwas zugestoßen sein könnte!« Hannah ließ nicht locker.
Arnaud kniff die Lippen zusammen und seufzte. »Was willst du tun?«
»Ich schreibe ihm eine Botschaft in den Sand, direkt neben dem Feuer.«
»Also gut«, sagte Arnaud, »tu, was du nicht lassen kannst, aber beeil dich.« Er half Hannah vom Pferd und wartete mit Rona, die das zweite Pferd genommen hatte, vor der Höhle auf sie.
Arnaud hatte das Feuer bereits vor einer Weile ausgetreten, damit niemand Rückschlüsse ziehen konnte, wann sie die Höhle verlassen hatten. Hannah suchte sich ein Stück Holzkohle, und im fahlen Mondlicht begann sie, ihre Botschaft für Gero an die Höhlenwand zu kritzeln. Ob er sie finden würde, blieb fraglich. Uns geht es gut, schrieb sie in Deutsch. Wir sehen uns …
»Komm!«, drängte Arnaud. Der Klang seiner Stimme reichte aus, um ihr zu zeigen, dass sie keine Sekunde länger warten durften. Ein metallisches Geräusch alarmierte sie. Arnaud hatte sein Schwert gezogen, wahrscheinlich weil auch er das dumpfe Klopfen der Hufe gehört hatte. Hannah ließ die Kohle fallen und rannte zu Rona, die ihr die Hand reichte, um sie auf ihr Pferd zu ziehen, damit Arnaud mehr |688|Handlungsspielraum blieb, falls es zu einem Kampf kam. Hastig zogen sie sich hinter den Felsen zurück.
Aus dem Augenwinkel sah Hannah, wie ein Reiter den Hügel hinaufstürmte und direkt auf die Höhle zuhielt. Dort verharrte er einen Moment, als ob er nach etwas suchen würde. Dann sprang er aus dem Sattel und rannte zum Eingang. »Hannah?«
»Gero«, stieß sie atemlos hervor, und obwohl sie einen Moment lang zweifelte, warf sie Arnaud einen auffordernden Blick zu. »Es ist Gero!«
Arnaud gab seinem Braunen zu verstehen, dass er getrost zur Höhle vorpreschen durfte. Als Gero ihn sah, rief er ihm leise Anweisungen zu.
»Heilige Mutter, ihr seid noch da!« Fließend schwang er sich auf den Rücken seines Pferdes. »Wo sind die anderen?«
»Hannah und Rona warten hinter dem Felsen«, gab Arnaud zur Antwort. »Was ist mit dem Jungen?«
»Das ist eine längere Geschichte«, antwortete Gero gehetzt. »Aber bevor ich alles erkläre, sollten wir schnellstens verschwinden. Unten vor dem Hügel tummeln sich nicht nur Fatimiden, sondern auch eine Abordnung von Bruder Berengars Verbündeten. Ich fürchte, sie haben meine Verfolgung aufgenommen, als ich aus Gaza fliehen musste.«
Hannah fiel ein Stein vom Herzen, als Gero an ihrer Seite auftauchte.
»Du lebst!«, stieß sie atemlos hervor.
»Was sonst?«, antworte er grinsend und gab ihr mit einem Wink zu verstehen, dass sie auf sein Pferd wechseln sollte.
»Die anderen sind vorausgeritten«, erklärte sie ihm, während er sie mit seinem starken Arm auf sein Pferd zog.
Als sie hinter ihm zu sitzen kam, schmiegte sie sich an ihn, das Ohr an sein klopfendes Herz gelegt. Es war wunderbar, den festen rhythmischen Schlag zu hören. Seine Hand lag über ihren Händen und wärmte sie, während er sein Pferd antrieb, damit sie zusammen mit Rona und Arnaud durch den dichten Pinienwald entkamen.
»Wo ist Matthäus?« Diese Frage konnte nicht warten.
»Immer noch in der Obhut Montbards«, antwortete Gero mit einem Hauch von Resignation in der Stimme. »Bruder André will, dass wir ihm zuerst die Lade bringen, erst dann sollen wir den Jungen bekommen.«
»Vertraust du ihm?« Hannah war nicht sicher, ob der berüchtigte Templer sein Wort halten würde.
»Was bleibt uns anderes übrig«, gab Gero zu bedenken und ließ seinem |689|Hengst die Zügel, um Arnaud und Rona, die hinter dem provenzalischen Templer saß und ihm den Weg wies, zu folgen. Das Tier stob in abenteuerlicher Weise im Dunkeln davon.
»Um überhaupt etwas finden zu können, müssen wir zunächst unsere Verfolger abhängen«, rief Gero.
Nachdem sie mindestens eine Stunde geritten waren, zügelte Gero mitten in der Einöde sein Pferd und gab Arnaud und Rona zu verstehen, dass sie sich neu orientieren mussten. Anhand der Sterne berieten sie darüber, wohin sie ihren Weg fortsetzen mussten.
Anschließend lenkten sie die Pferde zu einem ausgetrockneten Flusstal hinunter, das in der Dunkelheit schwach zu erkennen war. Arnaud und Rona waren dicht neben ihnen.
»Habt ihr eine Vorstellung, wo es langgeht?«, fragte Hannah, die den Überlegungen der anderen nur vage hatte folgen können.
»Mach dir keine Sorgen«, erwiderte Gero. »Die Vision des Kelches hat sich regelrecht in meinen Geist eingebrannt. Ich hätte nicht vermutet, dass dessen Anweisungen so präzise in meinem Gedächtnis verblieben sind. Jetzt müssen wir lediglich unsere Verfolger loswerden und die anderen finden, dann sind wir schon beinahe am Ziel unserer Träume.«
»Beinahe«, sagte Hannah und erinnerte sich daran, dass ihnen nicht nur Löwen, Schakale, rachsüchtige Templer und blutrünstige Fatimiden das Leben schwermachen konnten. Ihre Wasservorräte gingen zur Neige, und sie hatten kaum noch etwas zu essen.