|15|Kapitel 1

Ein letzter Versuch

2151 November – Illinois – ehemals Amerikanische Föderation

 

Vielleicht wäre es besser gewesen, dachte Lyn und strich sich hastig eine Strähne ihres glatten, schwarzen Haares zurück, wenn sie wenigstens ein einziges Mal in ihrem Leben selbst jemanden eliminiert hätte. Dann würde sie nun nicht dastehen wie eine Anfängerin, und ihre Hand, die den Fusionslaser hielt, würde nicht so stark zittern, dass sie kaum in der Lage war, ihr Ziel zu fixieren.

Red Collart, Drill-Instructor der Antirevolutionstruppen der Neuen Welt, zuständig für die Ausbildung der Kadetten an den Handfusionswaffen, hatte ihnen bereits im zarten Alter von zehn Jahren beigebracht, wie man damit umging und wie diese Waffe funktionierte. Die unvorstellbare Hitze des Fusionslasers wurde mittels Kavitationsenergie erzeugt, die mit Hilfe natürlich vorkommender Myonen aus der kosmischen Umgebungsstrahlung eine Bläschenfusion erzeugte, die einen pulsierenden Strahl von 5000 Grad Celsius freisetzte. Die ergonomisch angepasste Waffe mit einem 25 Zentimeter langen Lauf bestand aus einer speziell angefertigten Wolfram-Rhenium-Legierung, die dafür sorgte, dass das Material trotz der entstehenden Hitze stabil blieb. Das Ergebnis war beeindruckend. Menschen konnten damit in einer Pikosekunde zu Staub zerblasen werden. Mit einem entsprechend größeren Modell und der richtigen Dosierung des Strahls war es möglich, ganze Hypergleiter verschwinden zu lassen.

Collart hatte bei der Erschießung von Delinquenten gegenüber seinen Zöglingen niemals das geringste Anzeichen von Mitleid gezeigt – im Gegenteil, es schien ihn sogar zu amüsieren, wenn er im Angesicht seiner Rekruten seine uneingeschränkte Macht über Leben und Tod |16|demonstrierte. An manchen Tagen töteten Collarts Schüler auf seine Anweisung hin Hunderte von Verdammten, die alle auf einer sogenannten Abschussliste standen. Entweder weil sie aufgrund genetischer Fehlausstattung als nicht lebenswert beurteilt worden waren oder weil sie im Verdacht standen, zu den National American Rebels zu gehören, einer geheimen Untergrundorganisation, die sich verbotenerweise gegen Regierungsinteressen wandte und die es mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu vernichten galt.

Nicht selten schloss Collart mit seinen Rekruten vorher Wetten ab, wie viel Asche wohl von einem der Todgeweihten nach dem Beschuss übrig bleiben würde. Besonders, wenn es sich um ältere Gefangene handelte, die mitunter mehr Körperfülle aufwiesen, weil ihnen im Gegensatz zu den jüngeren Opfern das formstabilisierende Fisch-Gen fehlte.

Im Nachhinein erschien es Lyn als merkwürdig, dass sie lediglich Überraschung empfunden hatte, als sie zum ersten Mal Zeugin einer Hinrichtung wurde, bei der ein Delinquent allein aus Demonstrationsgründen pulverisiert worden war. Im Laufe der Zeit gewöhnte sie sich daran, wenn der allgegenwärtige Sturm die gefriergetrockneten Überreste eines Leichnams über den kalten Marmor des Exerzierplatzes hinweg fegte und der immerwährende Regen die kläglichen Reste menschlichen Lebens von den schwarzen Platten wusch. Manchmal dachte sie des Nachts an die Erstarrung in den Pupillen der Opfer kurz vor der Tötung, aber der Chip in ihrem Hirn unterdrückte sofort jegliche emotionale Sensibilität, die zaghaft aus ihrem Inneren emporzusteigen drohte.

Erst viel später, nachdem Lion Ho Chang, der Anführer der National Rebels, sie aus dem Lager befreit und ihr den Chip entfernt hatte, begriff Lyn das ganze Ausmaß von Collarts menschenverachtendem Vorgehen. Regelmäßig dachte er sich während der Schießlektionen kleine Spiele aus. Eines nannte er »Russisch Roulette«, wobei er den Laser in einer Weise auflud, dass nicht jeder Schuss automatisch scharfgemacht wurde. Danach konnte keiner seiner jugendlichen Kadetten wissen, ob der nächste Treffer den Delinquenten eliminierte oder nicht. Lyn hingegen verfügte selbst unter Einflussnahme des Chips über nahezu hellseherische Fähigkeiten. Stets hatte sie den Laser an einen der Jungs weitergereicht, wenn er eine tödliche Bedrohung für |17|die Opfer darstellte. Collart hatte Punkte an jene Rekruten vergeben, die sich freiwillig als Schützen gemeldet hatten und bei denen der Laser auslöste. Wem es auf diese Weise gelang, die meisten Delinquenten zu eliminieren, der durfte Collart nach Hause begleiten. Was immer das auch bedeutete, war ein Geheimnis, und jene, welche in den Genuss kamen, mühten sich, diese Auszeichnung wieder und wieder zu erlangen. Lyn war nicht erpicht darauf, Collarts Gunst zu gewinnen. Ihr Instinkt und seine abweisende Haltung sagten ihr, dass es besser war, ihm nicht zu nahe zu kommen. Ihrer Schwester Rona war es anscheinend ähnlich ergangen, deshalb hatte sie stets auf Lyns Reaktionen geachtet und den Laser nur angenommen, wenn sie ihr mit einem kaum merklichen Zwinkern versichert hatte, dass er nicht schussbereit war. Ganz im Gegensatz zu Mako, ihrem gleichaltrigen Bruder, der aus derselben Brutserie stammte wie sie selbst und der ganz wild darauf war, endlich in den Fokus seines Meisters zu gelangen, was er jedoch bis zum Tag ihrer Befreiung niemals geschafft hatte. Wie durch ein Wunder hatten weder Mako noch Collart bemerkt, dass die beiden jungen Frauen sich davor drückten, den Henker zu spielen. Doch selbst wenn es Mako aufgefallen wäre, hätte er wohl nichts darüber gesagt. Gefühle zu zeigen konnte leicht den eigenen Tod bedeuten oder zog eine neuerliche Hirnoperation nach sich, die ihre Persönlichkeit noch weiter eingeschränkt hätte.

Erst an dem Tag, als Lion und seine Leute unerwartet ins Camp eingedrungen waren und Lyn und ihre beiden Geschwister aus den Klauen der Neuen Welt befreit hatten, war ihnen klargeworden, wie unglaublich stark menschliche Emotionen sein mussten, wenn man sie nicht mit biotechnischen Mitteln unter Kontrolle behielt. Der Hass in Lions braunen Augen, als er bei seinem furiosen Abgang aus dem Camp höchstpersönlich seinen Fusionslaser auf Collart richtete, abdrückte und im Anschluss daran den kläglichen Überrest ihres ehemaligen Drill-Instructors mit den Worten »Asche zu Asche« kommentierte, hatte sie zunächst verwirrt und im höchsten Maß irritiert. Erst recht, als Lions braune Augen sich mit Tränen füllten, weil es ihm nicht gelungen war, noch mehr ihrer Brüder und Schwestern zu befreien. Ein ungewohnter Anblick. Denn dort, wo Lyn, Rona und Mako ihre Jugend verbracht hatten, weinte man nicht. Es war eine zutiefst verabscheuungswürdige Geste, die einen getreuen Söldner der Neuen |18|Welt von abtrünnigen Rebellen und Spionen unterschied – und diesen nicht selten zum Verhängnis wurde, weil man sie unter der Folter an ihren Gefühlsausbrüchen erkannte. Erst später, nachdem Lion den entführten Rekruten den Chip aus den Hirnen entfernt und sie damit wieder zu empathischen Lebewesen umfunktioniert hatte, erspürte sie seine Gefühle, und das mit geballter Intensität. Ein wunderbarer Zustand, der gleichzeitig unbeschreibliche Schmerzen mit sich brachte, wenn er in Trauer, Angst und Entsetzen umschlug.

Ein Grund, warum Lyn im Augenblick ihre wiedergewonnenen emotionalen Fähigkeiten verfluchte. Sie blinzelte kurz, um ihre genetisch manipulierten Nachtsichtlinsen zu befeuchten, die auch die finsterste Umgebung in gestochen scharfen Graugrünabstufungen erscheinen ließ.

»Du musst ihn beim ersten Schuss treffen«, zischte eine dunkle Stimme unter ihr.

Es war Mako, ihr männliches Ebenbild. Sein Kopf mit den schulterlangen schwarzen Haaren und dem feingeschnittenen asiatischen Gesicht streckte sich an ihr vorbei. Dabei zwängte er seinen schlanken, langen Körper durch den engen Kanalschacht. Offenbar interessierte ihn, warum es nicht wie geplant voranging. Schließlich stand er leicht geduckt hinter ihr und fixierte ihr Opfer mit seinen schmalen, bernsteinfarbenen Katzenaugen, als ob er ein Raubtier auf Beutezug wäre. Weiter unten auf der nicht enden wollenden Titanleiter, die in einen einhundert Meter tiefen Schacht mündete, stand Rona und gab ihnen Deckung, dabei blinzelte sie ungeduldig zu ihnen herauf. Seit Lion sie wieder zu einem echten Menschen umfunktioniert hatte, wurde sie manchmal von aggressiven Emotionen überflutet, die Lyn als ausgesprochen lästig empfand. Nicht zum ersten Mal stellte sie sich die Frage, warum Lion neben Mako ausgerechnet Rona für diese Mission ausgesucht hatte. Sie war mitunter ziemlich aufbrausend, aber möglicherweise schätzte Lion gerade ihre Aggressivität und den damit verbundenen Kampfeswillen.

Rona machte ihrem Ruf alle Ehre, indem sie ungebeten nach oben kletterte und Mako wieder nach unten zerrte. Sie war stärker als er und zwang ihn damit, ihre Position zu übernehmen. Nachdem er einen leisen Fluch über ihr rücksichtsloses Verhalten ausgestoßen hatte, konzentrierte sich Lyn erneut auf das vor ihr liegende Einsatzgebiet.

|19|Rona tauchte neben ihr auf und sondierte die Lage. »Sei vorsichtig«, riet sie ihrer Schwester. »Wenn sie uns entdecken, sind wir erledigt.«

Lyn ließ sich von Ronas Warnungen nicht irritieren. Sie wusste längst, dass sie den Schachtdeckel nur einen Spaltbreit anheben durfte, um von dem patrouillierenden Wachmann nicht bemerkt zu werden.

Über ihnen erstreckte sich eine riesige Halle mit einem beweglichen Glaskuppeldach. In etwa fünfzig Meter Entfernung stand der Hypergleiter, auf den sie es abgesehen hatten, mutterseelenallein im Hangar. Ein silbern glitzernder, länglicher Vogel aus einer Titanlegierung, in dem mindestens sechs Menschen Platz fanden und der schneller war als jede Regierungsmaschine. ONOGEN 11, der Name eines pharmazeutischen Großkonzerns, der mit Wissen der Neuen Welt im illegalen Drogenhandel operierte, stand darauf sowie die Nummer des Gleiters. Offiziell vertrieb man bei ONOGEN alle Sorten von erlaubten neuronalen Nachbrennern, die den Menschen halfen, ihre Arbeitsleistung zu steigern, damit ihre Ausbeutung durch die kapitalfeudalen Machthaber noch effizienter verlief.

In den Containertürmen neben der Halle befanden sich unzählige Depots mit den gängigsten Nanodrogen, wie die Aufschrift verriet und die offensichtlich auf ihren Abtransport warteten. EXO 23 zur Gedächtnisauffrischung bei Hirninfarkt, PED 04 als Trainingsdroge zur Steigerung der Lernfähigkeit, LEX 77 zur Verhinderung vorzeitiger Alterungsprozesse und SN 303, ein Stoff, der exotische Träume versprach, selbst wenn man über ein Hirnimplantat verfügte, das im Normalzustand sämtliche Gefühle unterdrückte. Bis auf die letzte Sorte, die meist in den verbotenen Spelunken verhökert wurde, handelte es sich um legalen Stoff, der in der Regel gestreckt war, aber zu denselben Preisen verkauft wurde wie das kaum zu unterscheidende Original.

Der Vorstand des Konzerns setzte sich überwiegend aus korrupten Regierungsmitgliedern der Neuen Welt zusammen, die seit ihrer Machtübernahme vor gut fünfzig Jahren gegenüber der nichtsahnenden Erdbevölkerung ein doppeltes Spiel trieben. Vordergründig unterwarfen sie sich den strengen moralischen Regeln der Behörden – inoffiziell strichen sie horrende illegale Gewinne ein und teilten sie mit den Mächtigsten.

»Das war schon so, als ich noch ein Kind war«, hatte Lion mit einer |20|wegwerfenden Handbewegung erklärt, als Lyn ihn einmal gefragt hatte, ob diese Zustände erst nach der neuen Kapital-Revolution aufgetreten seien. »Korruption hat in der menschlichen Gesellschaft eine lange Tradition, auch wenn immer halbherzig versucht wurde, sie zu bekämpfen.«

Lion kannte alle Tricks seiner Gegner und hatte es sich zum Ziel gesetzt, die Welt zum Besseren zu verändern. Dass Lyn und ihre Geschwister nun Teil dieses Plans wurden, hatte sie mit Stolz erfüllt, auch wenn ihnen immer noch nicht ganz klar war, wie sie diese Veränderung zustande bringen konnten und wie diese letztendlich aussehen würde.

Dass der zuvor beschlossene Plan nicht einfach durchzuführen war, lag in der Natur der Sache. Lion befand sich ständig auf der Flucht. Schließlich gehörte er zu den meistgesuchten Terroristen der Neuen Welt. Er lebte mal hier. mal dort und verkroch sich an den unwirtlichsten Orten, falls er nicht gerade seine schärfsten Widersacher bekämpfte. Lyn und ihre Geschwister fristeten ihr Dasein derweil unerkannt in den Armutsghettos im mittleren Westen der ehemaligen amerikanischen Föderation.

Lion besaß einen selbstkonstruierten Hypergleiter, der eine außerordentliche Geschwindigkeit erreichte und natürlich nicht der staatlichen Flugüberwachung gemeldet war. Allerdings verfügte er wegen des hohen Energieverbrauchs über eine auffällige Quantensignatur, die ihn bei längerfristigem Einsatz zu einer leichten Beute für die Häscher der Neuen Welt machte. Daher lautete der Auftrag für Lyn, Rona und Mako, zunächst einen Hypergleiter von ONOGEN zu stehlen, um damit unabhängig von Lion zu einem zuvor vereinbarten Treffpunkt zu gelangen, dessen Umgebung durch die dort vorherrschenden Stürme genug Materie-Turbulenzen verursachte, um eine Magnetfeldortung zu erschweren.

Lion selbst durfte es aus Gründen der Tarnung nicht riskieren, sie in ihrem Versteck abzuholen. Hinzu kam, dass die Hypergleiter von ONOGEN wegen der illegalen Geschäfte, zu denen sie genutzt wurden, ebenfalls nicht der staatlichen Flugüberwachung gemeldet waren. Im Falle eines Verdachts würden seine Vorsichtsmaßnahmen bei den in Frage kommenden Verfolgern genug Verwirrung stiften, um ihnen einen ausreichenden Vorsprung für die Durchführung ihres Plans zu sichern.

|21|Nach Lions Berechnungen würden sie auf diese Weise die 8000 Meilen zum Zielort unbehelligt überwinden können.

»Dieser Bande von korrupten Verbrechern wird es nicht wehtun, wenn sie zukünftig auf einen Firmengleiter verzichten müssen«, hatte Lion bei einer geheimen Hypervisionskonferenz augenzwinkernd bemerkt, als Rona ihn danach fragte, ob es nicht zu riskant sei, ausgerechnet dort einen Gleiter zu stehlen.

Ob es ONOGEN auch nichts ausmachte, in Zukunft auf einen oder mehrere Mitarbeiter zu verzichten, durfte bezweifelt werden. Lyn zog unwillkürlich die Stirn in Falten bei dem Gedanken, den in unmittelbarer Entfernung stehenden, stämmigen Aufpasser zu Staub zu zerblasen. Dass sie ihn nicht am Leben lassen konnte, stand außer Frage. Schließlich nannte er eine verhältnismäßig riesige Fusionskanone sein Eigen, die er lässig um die Schulter gegürtet trug. Mit dieser Waffe wäre er durchaus in der Lage, einen ganzen Gleiter mitsamt seiner Besatzung zu eliminieren. Normalerweise waren solche Waffen allein den Sicherheitskräften der Neuen Welt vorbehalten. Aber wer scherte sich schon darum, wenn der Boss eines solchen Unternehmens regelmäßig Unsummen an Bestechungsgeldern an die höchsten Regierungskreise zahlte?

Der Wachhabende wirkte entsprechend entspannt. Sein Dienst war reine Formsache. Eine der üblichen Machtdemonstrationen für angemeldete Besucher. Offenbar rechnete er nicht mit perfekt geschulten Rebellen, die als ehemalige Agenten der Neuen Welt eher unfreiwillig und überraschend die Seite gewechselt hatten. Der Hangar war bei Nacht zwar elektronisch gesichert, aber mit Lions neu konstruiertem Nano-Decoder war es kein Problem gewesen, einen Virus in die computergenerierten Sicherheitssysteme einzuschleusen, der eine dauerhaft unauffällige Lagebeurteilung in die automatisierten Überwachungszentren implizierte.

Mako drängte sich nun auch weiter nach oben, und Rona machte eine unwirsche Bewegung, weil er ihr den ohnehin knappen Platz nahm und im Notfall den Rückzug versperrte. Mako schnaubte verärgert, als sie ihn so heftig zurückstieß, dass er beinahe das Gleichgewicht verloren hätte und in die Tiefe gestürzt wäre. Dieses Geräusch allein reichte aus, um die Aufmerksamkeit des Wachmanns auf sie zu lenken.

Als der Kerl Lyn entdeckte und sie mit kalten, graublauen Augen |22|anpeilte, musste sie einen Entschluss fassen, ob es ihr gefiel oder nicht. Ein kaum hörbares Zischen begleitete den wabernden Fusionsball. Der Mann erstarrte mit überraschter Miene, als er getroffen wurde. Sein Körper wechselte so schnell die Farbe, dass es für das normale menschliche Auge nicht sichtbar war. Das eben noch lebendige Rosa seiner hellen Haut verwandelte sich schlagartig in ein metallisches Kupferbraun. Seine Waffe blieb davon verschont, weil die Energie des Lasers dafür berechnet war, nichtmenschliche Ressourcen zu verschonen. Scheppernd fiel sie zu Boden. Das Geräusch holte Lyn in die Wirklichkeit zurück. Gleich würden weitere Wachleute auftauchen, inzwischen war der Mann zu einem silbernen Häuflein Asche zerfallen.

»Los, kommt voran«, raunte Lyn ihren Geschwistern zu und kletterte mit einer geschmeidigen Bewegung auf den stählernen Hallenboden. Rona und Mako folgten dicht hinter ihr. Gemeinsam rannten sie zum Hangar, wobei Lyn das Herz vor Aufregung bis zum Hals schlug. Eine ebenso unangenehme wie unnötige Begleiterscheinung, die sie ebenfalls der Entfernung des Chips zu verdanken hatte. Den eigenen Fusionslaser fest umklammert, griff sie sich im Vorbeilaufen die Fusionskanone des Getöteten. Dabei hoffte sie, dass Mako und Rona ihr auf den Fersen blieben. Von weitem hörte sie bereits den heulenden Alarm und hektisches Stimmengwirr. Ohne weiter darüber nachzudenken, berührte sie den quantenmechanischen Türöffner, der die von Lion implantierte energetische Generalcodierung in ihren Fingerspitzen ohne Probleme erkannte und ihr einen direkten Zutritt zur Führungskapsel des Gleiters gewährte. Die Seitentüren unter den Stabilisatoren dematerialisierten sich, indem sie unsichtbar wurden und ihnen somit ungestörten Einlass gewährten. Rona schoss im Sprung an ihr vorbei und ließ sich rückwärts in die Steuerungskabine hineinfallen, die Umgebung des Gleiters immer noch fest im Blick. Mako folgte seiner Schwester in kurzem Abstand und hechtete ebenfalls kopfüber in den Gleiter. Lyn sprang als Letzte in die hochtechnisierte Maschine, nachdem sie ihren Geschwistern Feuerschutz gegeben hatte.

Keine Sekunde zu früh landeten sie auf dem gepolsterten, silbergrauen Boden und zogen instinktiv den Kopf ein. Sie waren entdeckt worden. Mindestens zehn Wachleute tauchten am Ende der riesigen Halle auf.

Während Rona mit einer fließenden, kreisförmigen Handbewegung |23|den leuchtend holographischen Terminal heraufbeschwor und den Gleiter allein kraft ihrer Gedanken startete, gerieten sie unter Beschuss. Lyn war es mit einem weiteren Gedankenbefehl gelungen, den Spiegelreflexschutzschild zu aktivieren, der sie zumindest nach außen hin unsichtbar werden ließ. Mako hatte unterdessen die Fusionskanone mit einem summenden Geräusch hochgefahren und feuerte im Abflug durch die offene Tür auf die am Boden stehenden Wachmannschaften. Er zuckte noch nicht einmal mit einer Wimper, als er auf einen Schlag sechs Männer und zwei gepanzerte Fahrzeuge eliminierte.

»Das Hallendach«, schrie Rona, die erkannt hatte, dass irgendjemand im letzten Augenblick das große Haupttor des Hangars geschlossen hatte.

Mako lehnte sich ungesichert über die Außenkante des Gleiters, und während der Fusionsball eines am Boden schießenden Gegners ihn so dicht streifte, dass ein Teil seiner wehenden Mähne verdampfte, richtete er die Kanone auf das gläserne Kuppeldach.

Ein einziger Schuss reichte aus, um einen regelrechten Ascheregen auszulösen, der ihn zum Husten brachte. Der Gleiter kippte für einen Moment nach rechts, weil Rona weiterem Beschuss vom Boden ausweichen musste. Lyn erwischte in letzter Sekunde Makos Arm, bevor er hinauszustürzen drohte. Beinahe hätte er das Gleichgewicht verloren. Dabei war ihm die Fusionskanone aus den Händen geglitten. Tatenlos musste er mit ansehen, wie sie mehrere hundert Meter zu Boden segelte und kurz darauf mit einer gewaltigen Explosion aufprallte. Die nach oben steigende Hitzeblase drückte den Gleiter unvermittelt in die Höhe. Atemlos krallte er sich an einem Holm im Innern des Gleiters fest. Lyn hatte in aller Eile dafür gesorgt, dass sich die geschlossene Tür materialisierte. Zum einen, um Mako vor einem Absturz zu bewahren, zum anderen, um sie vor weiteren Angriffen vom Boden zu schützen. Mit fahrigen Händen sicherte Mako seine Position, indem er das Magnetfeld in seinem Sitz mit einer leichten Berührung der holographischen Steuerungstafel aktivierte. Die künstlich aufgebaute Schwerkraft hielt ihn automatisch an seinem Platz und verhinderte auch bei starken Schwankungen, dass er durch die Kabine stürzte.

»Das war knapp«, bemerkte er leise und lehnte sich erschöpft zurück. Sein Gesicht war immer noch bleich. Für einen Moment senkte er die Lider und hoffte wohl, dass die Mädchen seinen Anflug von |24|Furcht nicht bemerkt hatten. Lyn setzte sich neben ihn und strich ihm über die Hand, die er ihr sofort mit einem verächtlichen Blick entzog.

Rona erwiderte nichts. Sie blickte stur geradeaus auf den holographischen Steuerbildschirm, der in einer schwebend erleuchteten Abbildung weite Teile des völlig verödeten Südostens Amerikas aufzeigte. Kraft ihrer Gedanken beschleunigte sie den Gleiter und damit auch die Bildabfolge auf dem Schirm.

»Auf nach Corpus Christi«, sagte sie und setzte eine überlegene Miene auf, als sie sich zu ihren Geschwistern umwandte. »Lion erwartet uns in einer Stunde am alten Hafenhangar. Wir dürfen ihn nicht enttäuschen.«

 

Es regnete immer noch, tagelang, wochenlang, und die Stürme hatten den Höhepunkt ihrer Vernichtungskraft noch lange nicht erreicht. Der Süden der ehemaligen Vereinigten Staaten von Amerika war wegen der zunehmenden Klimaveränderung zur Heimat gigantischer Tornados geworden. Was vor einhundert Jahren ab und an einmal geschehen war, gehörte mittlerweile zur Tagesordnung. Die Gegend, die früher einmal zu Texas gehört hatte, war schon seit langem so gut wie unbewohnbar, weil sie permanent unter Wasser stand. Lion Ho Chang, der von der Neuen Welt am meisten verfolgte Rebellenführer, wusste um den Vorteil der Katastrophe, als er seinen Hypergleiter gut dreißig Meter über den aufpeitschenden Wassermassen in den ehemaligen Hafen von Corpus Christi steuerte. Von den früheren, auf bis zu zwanzig Meter hohe Stelzen gebauten Vorratstanks für Öl und sonstige Chemikalien ragten nur noch die Kuppeln aus den Fluten. Wellen so hoch wie die Ruinen von Manhattan türmten sich auf und stoben unter dem scharfen Wind über die versinkende Speicherstadt. Lions Handfläche strich über das imaginäre holographische Steuerungspult, während die nackten Aluminiumgerüste der ehemaligen Hafenanlagen wie ein stählerner Wald an ihm vorbeisausten.

»Stabilisatoren neu berechnen.« Der automatisierte Befehl aus der Steuerungskanzlei drang lautlos in sein Gehirn. Ein weibliches Gesicht manifestierte sich aus Millionen von tanzenden Lichtpunkten. Es war denen von Lyn und Rona ähnlich. Ihr Konterfei hatte ihm für die Konfiguration der Steuerungskonsole des Gleiters Pate gestanden. Auch die vier Timeserver, die er mit Hilfe längst vergessener Konstruktionspläne reaktiviert hatte, zeigten ihnen ähnlich sehende Konterfeis.

|25|Die Befreiung der drei Geschwister aus einem der berüchtigten Zuchtlager der Neuen Welt war recht unruhig verlaufen. Lion und seine Getreuen hatten nicht zum ersten Mal auf diese Weise ihre jungen Krieger rekrutiert. Wie üblich hatten sie nichts dem Zufall überlassen und den Akt der Entführung als missglückten Fluchtversuch getarnt. Wahrscheinlich glaubten die ehemaligen Bewacher der drei immer noch, dass sie auf ihrer vermeintlichen Flucht ums Leben gekommen waren. Der damals von Lion eingesetzte zweite Gleiter war wie geplant mit einer spektakulären Explosion an einem Felsen zerschellt und aufgrund des berstenden Fusionsantriebes zu kosmischem Staub atomisiert, der jegliche DNA-Überprüfung unmöglich machte.

In Wahrheit hatte man die jungen Leute mit einem anderen Gleiter in die Tiefen des sterbenden amerikanischen Kontinents gebracht, um sie in den Katakomben der brodelnden Armenviertel von Chicago wieder in echte Menschen zu verwandeln. Noch an Bord hatte Lion seinen drei neuen Schützlingen in einer kurzen, schmerzlosen Operation den Überwachungschip entfernt. Lion war nicht nur Physiker, nebenbei war er Humanmediziner und hatte lange genug in der Hirnforschung gearbeitet, um jeden Chip im Körper eines Menschen auffinden und entfernen zu können.

Von diesem Moment an waren die drei sogenannte Nobodys, die nur noch als Schatten existierten. Ihr Dasein konnte fortan nicht mehr von den Überwachungsscannern der Neuen Welt, wie sich das Konsortium aus fünf Pseudostaaten mit ihren Regierungen und den in Wahrheit herrschenden Wirtschaftsunternehmen nannte, überwacht werden. Das bedeutete Freiheit, aber auch, dass ihnen keinerlei staatliche Essensrationen mehr zustanden, geschweige denn staatliche Fürsorge in Form eines Jobs, der ihnen in sklavenhafter Abhängigkeit das Auskommen gesichert hatte.

Relativ rasch begann Lion damit, die drei jungen Leute im Untergrundlager der National Rebels zu dem auszubilden, was man in Regierungskreisen als Terrorist bezeichnete. Von hier aus zogen seine Zöglinge über sämtliche Kontinente, um das Unrechtsregime der Neuen Welt zu destabilisieren. Doch so einfach, wie es sich anhörte, war es nicht. Der Feind verfügte über brillante Abwehrdienste, so dass es zu einem Umsturz bisher noch nicht gereicht hatte.

Vielleicht hatten es die Verlierer dieser letzten Schlacht nicht besser |26|verdient, sinnierte Lion in endlosen Nächten, die ihm auf brutale Weise seine Einsamkeit vor Augen führten. Anstatt die Gefahr zu erkennen und sich zu einer Großmacht zusammenzuschließen, hatten sich die Verfechter der monotheistischen Weltreligionen in einem mehr als hundertjährigen Krieg den Garaus gemacht. Zu lange hatte man sich um Öl, Gas und Territorialansprüche gestritten und das Volk mit hohl klingenden Dogmen betäubt, die jener hirnlosen Herde von Schafen den letzten Rest von Verstand geraubt hatten. Genug, um die einstigen Machthaber Chinas oder den »König des Ostens«, wie der alles vernichtende Feind in der Johannes-Apokalypse genannt wurde, auferstehen zu lassen und zu beflügeln, alles an sich zu reißen, was ihre kalten Herzen schon immer begehrt hatten.

Lion würde es nicht dabei bewenden lassen, das war er seinen Anhängern und vor allem ihren Nachkommen schuldig, die als freigeborene friedliebende Menschen die Erde bevölkern sollten.

Lion gegen Goliath lautete deshalb seine Devise. Spätestens seit ihm vor zwei Jahren in der ehemaligen Area 51 eine versiegelte Datei in die Hände gefallen war, die etwas enthielt, was den Heuschrecken offensichtlich entgangen war, als sie das Land überfallen hatten wie jene biblische Plage. Der geheimnisvolle Fund hatte in ihm die Hoffnung geschürt, dass vielleicht doch noch nicht alles verloren war. Wie er den längst verschollenen Aufzeichnungen, die in mehreren Quantenkartuschen gespeichert waren, entnehmen durfte, handelte es sich um die Konstruktionspläne einer mindestens fünfzig Jahre zurückliegenden Zeitreisetechnik, die anscheinend noch vor dem großen Krieg vorangetrieben worden war. Leider war kein Originalexemplar des darin beschriebenen Timeservers vorhanden gewesen, und so musste sich Lion auf sein eigenes, technisches Geschick verlassen. Bis auf eine Handvoll Wissenschaftler, die bei der Eroberung Amerikas ihr Leben gelassen hatten, wusste anscheinend niemand etwas über die vorangegangenen Experimente, die offenbar Zeitreisen in längst vergangene Epochen ermöglicht hatten. Verwunderlich, wenn man bedachte, dass die Amerikaner in den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts sogar eine Mondlandung vorgetäuscht hatten, um ihre Gegner zu beeindrucken.

In stetiger, heimlicher Kleinarbeit hatte Lion verschiedene Prototypen jenes Wunderwerks erschaffen und ihre Energiespeicher mit modernster Fusionstechnik ausgerüstet. Wegen des holographischen |27|Kopfes, der kraft einer Gedankenbrücke erschien, wenn man das automatische Steuerungssystem öffnete, hatte Lion die kleinen unscheinbaren Timeserver auf den Namen CAPUT getauft, was lateinisch »Kopf« bedeutete und die Abkürzung für das US-Forschungsprojekt Center of Accelerated Particles in Universe and Time gewesen war, dessen Betreiber vor mehr als einhundert Jahren mit den Experimenten zu diesem Projekt begonnen hatten. Daneben hatte er die Zahlen eins bis fünf für jede Weiterentwicklung des Prototyps vergeben und eine Acht als Symbol für die Unendlichkeit angehängt. Auf den alten Servern des längst verfallenen, wissenschaftlichen Zentrums hatte er – seltsam genug – inzwischen streng verbotene, historische Dateien gefunden, die ihn über den ehemaligen Orden der Templer informierten. Vielleicht war es kein Zufall, dass man Daten über eine Organisation gesammelt hatte, die als militärischer Ritterorden um das Jahr 1119 in Jerusalem gegründet worden war und der die Bemühungen um Verständigung zwischen den Religionen letztendlich zum Verhängnis geworden war. Der französische König hatte den Orden im Jahre 1307 unter anderem unter dem Verdacht der Häresie – mit Unterstützung des damaligen Papstes – auflösen und seine Mitglieder verhaften und nicht selten hinrichten lassen.

Beinahe augenblicklich wurde Lion von dem Gedanken beseelt, wie die Welt wohl aussehen würde, wenn die Vernichtung des Ordens niemals stattgefunden hätte? Was wäre, wenn es ihm mit Hilfe seiner Rekonstruktion des Timeservers gelingen sollte, in die Vergangenheit zurückzureisen und die Geschichte so zu beeinflussen, dass sämtliche Katastrophen niemals stattfinden würden?

Der Dritte Weltkrieg zwischen Muslimen, Juden und Christen, der zur globalen Katastrophe geführt hatte, konnte seinen eigenen Hochrechnungen zufolge verhindert werden, wenn man bereits vor tausend Jahren einer solchen Entwicklung entgegenwirken würde. Tag und Nacht hatte Lion diese Idee nicht mehr losgelassen, und schließlich hatte er einen Entschluss gefasst, bei dessen Umsetzung ihm Lyn, Rona und Mako nun behilflich sein würden.

Er hatte sich im Rat der Rebellen, dessen Vorsitz er innehatte, bei der Planung des Projekts für die drei Geschwister eingesetzt. Rona trat in seinen Augen stark und unverwundbar auf, was sie zwar nicht war, aber zumindest würde sie den anderen beiden Mut machen, ganz gleich, wie aussichtslos die Lage auch sein würde. Lyn hingegen besaß |28|einen hochsensiblen Charakter, anpassungsfähig wie ein Bambus im Wind. Mako als Dritter brachte seinen draufgängerischen Mut ein, was die Frauen dazu verführte, ihren Bruder zu beschützen und sie davon abhalten würde, selbst zu große Risiken einzugehen. Zusammen bildeten sie ein perfektes Team.

Aber da war noch etwas, das sie besonders geeignet machte. Sie hatten nur sich, niemanden sonst. Wenn ihnen etwas zustoßen sollte oder sie nicht wie geplant zurückkehren konnten, musste keiner um den anderen trauern.

Allein Lion, der für die drei eine gewisse, beinahe väterliche Verantwortung empfand, würde diesen Verlust verkraften müssen.

Der Gleiter schaukelte ungeduldig, als er an den Löschturm andockte, und prallte dabei geräuschvoll an die verrottenden Stützpfeiler.

Der Sturm nahm an Kraft zu, und Lion wurde trotz Gleichgewichtsregelung und Schwerkraftausgleich in seinen Sitz gepresst, als er den magnetisch aufgeladenen Korridor über dem Eingangsportal der ehemaligen Überwachungskapsel zu aktivieren versuchte. Durch das Panoramafenster am Boden der Steuerungskapsel fiel sein Blick auf die graue schäumende See, die ihm wie ein brodelnder Abgrund erschien. Er schaltete auf Handbetrieb, obwohl die Stimme in seinem Kopf ihm immer noch dringend davon abriet, bei diesem Wetter die Schleuse auszufahren. Als er die holographische Tür entmaterialisierte, stob ihm eine scharfe Böe die weißen, glatten Haare ins Gesicht, die er aus Protest nicht in ein sattes Schwarz färbte, wie es in höheren Gesellschaftsschichten üblich war. Man sollte ihm sein Alter ruhig ansehen. Einhundert Jahre entsprachen mittlerweile der unteren durchschnittlichen Lebenserwartung eines Erdenbürgers und waren nichts, weshalb man sich Sorgen machen musste. Er hatte den großen Krieg noch miterlebt und die nachfolgende Invasion der religiös unabhängigen chinesischen Diktatur – oder besser gesagt, er hatte das apokalyptische Chaos als Säugling überlebt, weil seine katholischen Eltern ihn rechtzeitig außer Landes geschafft hatten. Nach Taiwan – von wo aus sie Jahre zuvor in die damals noch bestehende Amerikanische Föderation eingewandert waren.

Während man seine Eltern überraschend zur feindlichen Armee einberufen hatte, sorgte seine Großmutter, eine anerkannte Quantenphysikerin, für seine Ausbildung und brachte ihm in den Wirren der darauffolgenden Eroberungsfeldzüge der Neuen Welt, wie sich die die |29|neuen Machthaber nannten, alles bei, was er für seine unrühmliche Zukunft benötigte. Neben allerlei technischem und wissenschaftlichem Knowhow verdankte er ihr vor allem grundlegende Lektionen in Sachen Menschlichkeit und den Respekt vor der Existenz jeglichen Lebens. Etwas, wovon die neuen globalen Machthaber wenig hielten. Die anhaltenden Gräueltaten an den besiegten Nationen wurden bildlich dokumentiert, und nach der Unterwerfung der ehemals führenden Regionen USA und Europa per Chip in die Hirne der übrig gebliebenen Bevölkerung implantiert, damit niemand an der Macht der neuen Regierung zweifelte. Jegliche Form der Religionsausübung war bei Todesstrafe verboten. Täglich produzierte man unter diesem Vorwand unzählige Leichen, und die Absicht, die Erdbevölkerung auf zehn Milliarden Einwohner zu halbieren, hatte System. Jenen, die den neuen Regeln nicht folgen wollten, gewährte man keine Gnade.

Der Gedanke an all die getöteten und spurlos verschwundenen Menschen ließ Lion erschauern. Mit Beruhigung stellte er fest, dass Rona, Lyn und Mako, wie geplant, einen weiteren Hypergleiter gekapert und kurz nach seinem Eintreffen an der maroden Verladerampe angedockt hatten. Bis hierher hatten sie jeglichen Kontakt über den Hyperraum vermeiden müssen, weil der Feind den telepathischen Austausch per Gedankenscan überwachte.

 

Rona horchte auf, als ein metallisches Pochen Besuch in ihrem sturmumtosten Versteck ankündigte. Sie machte ein stummes Zeichen und nickte Lyn zu, die angespannt die Aluminiumschleuse observierte. Mako riss sich als Erster aus der Erstarrung und schlich mit einem Fusionslaser in der Hand zur kreisrunden Tür, die dem Einstieg eines Unterseebootes ähnelte. Mit einiger Kraftanstrengung öffnete er die rückständig anmutende Verriegelung, nachdem es noch mal hohl und scheppernd geklopft hatte.

Rona atmete erleichtert auf, als sie das markante Gesicht ihres großen Vorbildes erblickte. Lion taumelte in den leicht wankenden Raum und lächelte sie erschöpft, aber auch zuversichtlich an.

»Lion!« Rona vergaß jeglichen Respekt und fiel ihrem großen Vorbild mit einem erstickten Aufschrei um den Hals.

Lyn begrüßte ihn nicht ganz so stürmisch, aber auch sie spürte seine Wärme und sog seinen Duft in sich ein. Dabei unterdrückte sie ein |30|paar Tränen der Rührung. Es war also so weit. Ihre Geschwister und sie selbst würden die lang angelegte Reise antreten – oder auch nicht; je nachdem ob die Technik hielt, was Lion sich von ihr versprach. Tests hatte man nicht durchführen können, weil es unmöglich gewesen wäre, unbemerkt so viel Energie zu bewegen.

Lion löste sich sanft aus Lyns Umarmung und schaute angespannt in die Runde. »Habt ihr alles erledigt, was ich euch aufgetragen habe?« Sein Blick richtete sich auf den einzigen Mann in der Gruppe.

Mako nickte beflissen, obwohl er die Verantwortung in Einsätzen nicht selten seinen Schwestern überließ.

Falls man sie erwischte, wäre das der sichere Tod. Jedoch für Lion zu sterben, da waren sich alle einig, würde eine Ehre sein.

Kritisch beäugte Lion ihre Aufmachung. »Bleibt zu hoffen, dass ihr euch in der Kleidung des zwölften Jahrhunderts nicht zu sehr von den Menschen der damaligen Zeit unterscheidet.«

Im Augenblick trugen sie anthrazitfarbene Overalls, die sich wie eine zweite Haut an ihre schlanken Körper schmiegten und einmal mehr ihre Gleichheit herausstellten. Mit dem Unterschied, dass Lyns Augen in einem irritierenden Veilchenblau erstrahlten und Ronas in einem satten Waldgrün leuchteten.

Dazu kamen noch die Geschlechtsmerkmale. Die Mädchen waren vollwertige Frauen, obwohl bei ihnen keine herkömmliche Fortpflanzung mehr vorgesehen war. Auch Mako war optisch ein ganz normaler Mann, dem jedoch der Wunsch nach einer Partnerschaft mit einer Frau aberzogen worden war.

»Kommt schon«, bemerkte Lion ungeduldig. »Wir haben keine Zeit, die Ausrüstung zu prüfen. Ihr müsst euch an Bord meines Gleiters umziehen. Außerdem habe ich noch eine Überraschung für euch.« Wortlos folgten sie ihm in seinen Gleiter.

Lion gab das Ziel erst jetzt in den Bordcomputer ein. Sie hatten eine Stunde Zeit, um Jerusalem zu erreichen.

Der von ihm konstruierte Schutzschild würde sie für eine Weile vor der Magnetfeldüberwachung der Neuen Welt schützen. Allerdings nicht ewig. Erst recht nicht, wenn es zum Einsatz des Timeservers kam. Wegen der gewaltigen Ausschläge im Gesamtgefüge des Energiehaushaltes des Planeten war eine rasche Entdeckung durch satellitengestützte Überwachungssysteme zu befürchten.

|31|Nachdem alle ihre Plätze in Lions Gleiter eingenommen hatten, eliminierte er im Abflug mit einer eingebauten Fusionskanone das Ursprungsgefährt seiner jungen Begleiter, um Spuren zu beseitigen.

Unter der ausgewählten Beschleunigungskurve verschwand Corpus Christi im Zeitraffer von den holographischen Bildschirmen. Lion schaltete auf automatische Steuerung und wandte sich mit einem bemühten Lächeln zurück an seine Hoffnungsträger, wie er die drei gerne nannte.

Für einen Moment musste er ihren erwartungsvollen Blicken ausweichen.

Manchmal wünschte er sich, es gäbe tatsächlich einen Gott, der ihm das Vertrauen und die Zuversicht verlieh, dass alles gut ging, und wenn nicht, dass es nicht umsonst geschah. Vielleicht war es der starke Glaube gewesen, der ihn bei den Tempelrittern faszinierte und ihn hoffen ließ, dass alles besser werden würde, wenn sie in Gestalt eines tausendjährigen Ordens wieder auferstehen würden.

»In den Kisten ist alles, was ihr für die Mission benötigt«, sagte Lion und zeigte mit einem knappen Wink auf drei mittelgroße Titanbehältnisse im hinteren Teil des Gleiters. Während er mit einer knappen Handbewegung für die automatische Öffnung der Kisten sorgte, bemühte er sich um einen möglichst neutralen Gesichtsausdruck.

Rona erhob sich als Erste aus ihrem Sitz und ging vor den Behältern auf die Knie.

Die Kostüme, die Lion ihnen beschafft hatte, muteten merkwürdig an. Wallende, farbenfrohe Gewänder, die bis zu den Füßen reichten und der Mode vor exakt tausend Jahren entsprachen. Lyn förderte ein blutrotes, brokatbesticktes Kleid zutage, das ein entzücktes Erstaunen in ihr zartes Gesicht zauberte.

»Wie schön!«, flüsterte Lyn, und Lion schmunzelte amüsiert, weil sämtliche genetische Beeinflussung den weiblichen Anteil ihrer Gefühlswelt nicht hatte zerstören können.

Rona überwand spielend ihr burschikoses Naturell; fasziniert ließ sie ihre Hände über den grün schimmernden Damast gleiten, einen Stoff, der vor rund tausend Jahren wohlhabenden Edeldamen vorbehalten gewesen war.

»Eine taiwanesische Schneiderin, die wie wir im Exil lebt, hat die Kleidung in meinem Auftrag hergestellt«, bemerkte Lion. »Schnitt und |32|Ausstattung entsprechen – soweit ich das beurteilen kann – exakt den Vorgaben der damaligen Zeit.«

Mit staunender Miene holte Lyn ein Paar einfache Lederstiefel mit einer goldenen Spange hervor. Eine Spezialanfertigung, die sowohl langes Marschieren als auch Klettern ermöglichte und trotzdem mittelalterlichem Schick entsprach.

Mako interessierte sich weniger für sein prächtiges Gewand, das aus einer knielangen, hellblauen Jacke und einer kompliziert verschnürten, schwarzen Hose bestand. Beeindruckt zog er stattdessen einen reich verzierten Gürtel aus dickem, blauem Rindleder aus der Kiste, an dem sich ein Schwert in einer gleichfarbigen Scheide befand. Gekonnt schlang er den Schwertgürtel um seine schmalen Hüften. Die Spitze der Schwertscheide reichte, obwohl er einen Meter neunzig maß, beinahe bis zum Boden.

Gekonnt zog er die archaische Waffe mit einem leicht singenden Geräusch aus ihrer Umhüllung und vollführte trotz der Enge, die im Gleiter herrschte, einige schwungvolle Drehungen. Lyn wich angstvoll zurück, als die Spitze des Schwertes haarscharf an ihrer Nase vorbeifuhr.

»Sieh, Lion, ich habe die letzten Wochen bei Meister Kobe mit einer vergleichbaren Waffe geübt, aber diese schlägt die Übungswaffe in Schönheit und Eleganz um Längen«, bemerkte Mako nicht ohne Stolz. Seine bernsteinfarbenen Augen glänzten mit den im T-Heft des Schwertes eingearbeiteten Edelsteinen um die Wette. Griff und Blutrinne des Schwertes waren vergoldet, und sein Blatt war über und über mit eingravierten, geschwungenen Ornamenten verziert.

»Eine wundervolles Stück«, entfuhr es ihm, und dabei setzte er eine ehrfurchtsvolle Miene auf. »Ich kann es kaum erwarten, bis wir unser Ziel erreichen, damit ich es benutzen kann.«

»Hm«, brummte Lion, während Lyn ein weiteres Mal erschrocken den Kopf einzog, als Mako eine Drehung vollführte. »Aber du setzt das Ding nur im Notfall ein. So wie wir es besprochen haben«, schärfte er seinem Zögling noch einmal ein. »Ich will nicht, dass ihr an eurem Einsatzort in unnötige Kampfhandlungen verwickelt werdet. Sobald ihr in Jerusalem angekommen seid, müsst ihr wie die Adligen dieser Epoche auftreten. Das bedeutet, ihr dürft euch durchaus selbstbewusst geben, aber zurückhaltend, was Konflikte betrifft. Wir wissen kaum etwas |33|über die Kultur dieser Menschen. Das Wenige, was ich den zerstörten Dateien entnehmen konnte, reicht nicht für eine komplette Analyse. Ihr müsst euch also vor Ort kundig machen, wie man korrekt miteinander umgeht.«

Lyn lächelte amüsiert und vollzog eine beiläufige Verbeugung, während sie das Kleid an ihre Brust hielt und geschickt den fließenden Stoff raffte, bis ihr Unterschenkel zum Vorschein kam. »Mylord, zu Euren Diensten.« Ihr Augenaufschlag erschien Lion eine Spur zu aufdringlich, dabei wurde ihm schlagartig klar, dass Lyn und ihre Geschwister nicht die geringste Ahnung von zwischenmenschlichen Beziehungen hatten, wie sie vor der nun herrschenden Diktatur üblich gewesen waren. Liebe und Sex waren schon lange kein öffentliches Thema mehr. Jedenfalls nicht in der gewöhnlichen Bevölkerung. Wie bei den Söldnern der Neuen Welt unterdrückte man auch dort alle gefährlich erscheinenden Gefühlsausbrüche per Chip. Und selbst nach der operativen Entfernung waren körperliche Annäherungen zwischen den Bewohnern der Rebellenlager kein Thema gewesen, weil Kinder schon lange nicht mehr auf natürliche Weise gezeugt wurden und der Umgang zwischen Männern und Frauen weitgehend gleichberechtigt und geschlechtsneutral ablief. Schon alleine deshalb, weil sie sich unter der ständigen Jagd durch Agenten der Neuen Welt keinen Geschlechterkampf leisten konnten. Körperliche Liebe galt als dekadenter Luxus, den sich allenfalls die Privilegierten der Neuen Welt im Verborgenen leisteten.

»Keinerlei geschlechtliche Verbindung«, betonte Lion streng. »Selbst wenn man euch so etwas anträgt. Ihr habt überhaupt keine Erfahrung in solchen Dingen, und es könnte euch im wahrsten Sinne des Wortes in Teufels Küche bringen.«

»Definiere geschlechtliche Verbindungen?« Mako setzte eine ironische Miene auf. »Du meinst doch nicht etwa den Austausch von Körperflüssigkeiten?« Nun konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Schon vergessen? Es wurde uns aberzogen. Verschüttet, vergraben. Und …«, konstatierte er mit erhobenem Zeigefinger und gespielt moralinsaurer Miene: »Es gefährdet die Revolution!« Wieder grinste er breit. »Aber warum eigentlich nicht? Man könnte es ja wenigstens einmal ausprobieren. Schließlich sieht uns ja keiner.« Wieder lachte er und schaute auffordernd in die Runde. »Also wenn ihr mich fragt, ich finde |34|es aufregend, in eine Zeit zu gelangen, in der Menschen noch auf natürliche Weise gezeugt wurden.«

»Das ist kein Spiel«, warnte ihn Lion mit finsterem Blick. »Und ich rate euch dringend, es nicht einmal ansatzweise zu versuchen. Es führt nur zu unnötigen emotionalen Verwicklungen, die ihr nicht einschätzen, geschweige denn beherrschen könnt.« Er schaute abwechselnd in die Runde. »Wenn ihr Jerusalem betretet, gebt ihr euch als adlige Kaufleute aus dem Osten aus, die den Gründern des Templerordens die Ehre erweisen möchten. Ihr werdet ihnen andeuten, dass ihr über ein spezielles Wissen verfügt, das dem Orden zu gewaltigen, finanziellen Mitteln verhelfen kann und zu unbegrenzter Macht und Einfluss.« Lion machte eine kurze Pause. »Das wird in jedem Fall das Interesse der verantwortlichen Würdenträger wecken.«

Rona nickte und schenkte Lion ihre ganze Aufmerksamkeit. Es beruhigte ihn, dass sie diejenige war, die das Unternehmen leiten würde. Auf sie konnte er sich verlassen. Sie kannte den Ablauf aus den geheimen Meetings auswendig. Mehr als einhundert Mal waren sie den geplanten Verlauf ihrer Mission durchgegangen.

Eigentlich war es überflüssig, im Anflug auf die gesperrte Zone noch einmal alles zu besprechen. Aber es verlieh Lion die Sicherheit, an alles gedacht zu haben, und außerdem hielt es ihn davon ab, wieder und wieder zu überlegen, was alles schiefgehen konnte.

»Wie sieht es mit euren Arabisch-, Altfranzösisch- und Hebräischkenntnissen aus?«

Wieder so eine rein rhetorische Frage, die davon ablenken sollte, wie sehr ihn die Aufregung packte, je mehr sie sich dem Zielort näherten. Er hatte ihre Hirne in den letzten Wochen mit biochemisch unterstützten Sprachtools regelrecht überflutet.

Während der Gleiter ohne Probleme die Stratosphäre durchpflügte, rezitierte Mako altfranzösische Gedichte, und Lyn und Rona versuchten sich an arabische Weisheiten aus jener Zeit zu erinnern, in der Emire und Kalifen den Nahen Osten beherrschten und das Leben wie ein einziges Märchen aus Tausendundeiner Nacht abzulaufen schien.

»Es ist anzunehmen, dass man euch nach eurer Ankunft Hugo de Payens vorstellt«, fuhr Lion schließlich fort. »Er war nicht nur der Templer der ersten Stunde. Er war Schatzmeister, Anführer und Architekt des Ordens zugleich. Zu einer Zeit, wo die Übergabe der Unterkünfte |35|im ehemaligen Salomonischen Tempel noch gar nicht abgeschlossen war. Er wird euch vermutlich empfangen. Wenn ihr ihm die Botschaft überbracht habt und ihr meint, dass er den Inhalt verstanden hat, kommt ihr zum Treffpunkt zurück, setzt das Signal, und ich werde euch nach Hause holen. Mit etwas Glück ist die Welt dann nicht mehr die gleiche wie jetzt, sondern hat sich zu einer besseren verändert.«

Rona fasste sich unwillkürlich ins Haar, an jene Stelle des Schädels, wo Lion ihnen Realitätsstabilisatoren in die Nähe des Hypothalamus implantiert hatte. Sie sendeten schwach energetische Impulse aus und sollten dafür sorgen, dass ihr Zeitempfinden stabil blieb. Nur so würden sie sich nach einem weiteren Zeitsprung erinnern, was vorher gewesen war, und registrieren können, was sich verändert hatte.

Zu ihrer Überraschung öffnete Lion mit einem Handzeichen einen weiteren Stauraum und zog neben einer holographischen Infotafel, die alle besprochenen Punkte noch einmal vorführte, eine kleine Aluminiumkiste heraus.

»Hier«, sagte er. »Das habe ich euch als kleinen Vorschuss mitgebracht, damit ihr angespornt seid, die Mission erfolgreich abzuschließen.«

Lyn trat zögernd hervor und ließ den Deckel der Kiste mit einer fahrigen Handbewegung aufspringen. Ihre Augen weiteten sich vor Überraschung, als sie den Inhalt erblickte. Frisches Obst. Rote Erdbeeren leuchteten mit dicken Orangen um die Wette, dazwischen lagen Trauben, so grün wie Ronas Augen. Mako steckte seine Nase in ein paar andere Schachteln, aus denen ein verführerischer Duft emporstieg. Gedünsteter Tofu und echter Basmatireis. Algengemüse und Brot. Frisches, knuspriges Brot.

»O Mann«, sagte er und wich wie betäubt zurück. Wie lange hatten sie keine frisch zubereiteten Lebensmittel mehr zu sich genommen? Dort, wo sie lebten, gab es Nahrung lediglich in Pulverform oder als Trockenoblaten, angereichert mit künstlichen Geschmacksverstärkern.

Rona schaute Lion gerührt an. »Das muss ein Vermögen gekostet haben«, flüsterte sie beinahe ehrfürchtig.

Mako kniete nieder und betrachtete den unverhofften Schatz aus der Nähe, dabei blähten sich seine Nüstern, als ob ihn alleine der Duft schon high werden ließ. »Ist das unsere Henkersmahlzeit?« Er blickte zu Lion auf, und sein Lächeln gefror, als er dessen ernste Miene sah.

»So etwas Ähnliches.« Lion lachte immer noch nicht. »Ich wollte |36|euch mit einer angenehmen Erinnerung in die Ungewissheit schicken und euch gleichzeitig ein Gefühl dafür geben, was geschieht, wenn die Mission gelingt. Dann werden wir jeden Tag solche Köstlichkeiten zu uns nehmen können.« Er war wenigstens ehrlich. Das zeichnete ihn aus.

Mako nahm ein Stück Tofu, das er mit geschlossenen Augen zwischen seinen Lippen verschwinden ließ. Für einen Moment kaute er, und sein Gesicht verzog sich zu einer undefinierbaren Grimasse des vollkommenen Genusses, während er schluckte. Dann grinste er plötzlich.

»Wahnsinn«, hauchte er mit verwaschener Stimme, die Augen immer noch geschlossen.

»Dort, wo wir hingehen, gibt es noch viel mehr davon«, sagte Lyn und lächelte zuversichtlich. »Im Mittelalter gab es keine dehydrierten Nahrungskonzentrate. Die Menschen waren es gewöhnt, die Früchte direkt vom Baum zu pflücken.« Der Ausdruck ihrer Augen verriet, dass sie nicht sicher war, ob der Preis dafür trotzdem weit höher sein würde.

 

»Wir sind da.« Lions Stimme klang, als ob er einen Sonntagsausflug ankündigen würde. In Wahrheit hatten sie soeben das Tor zur Hölle erreicht.

Innerhalb einer Stunde hatten sie scheinbar unbemerkt die Datumsgrenze überschritten, und der Horizont über dem Gleiter hatte sich von hellem Morgengrau in ein tiefes Nachtschwarz verfärbt. Die hellerleuchtete holographische Anzeige in der Führungskanzel zeigte nervöse Ausschläge, als sie etwa vier Meilen vor dem hügeligen Gelände, das die Umgebung des ehemaligen Jerusalems prägte, zur Landung ansetzten. Mit einem leisen Fauchen setzte der Hypergleiter kaum merklich auf dem verseuchten Wüstenboden auf. Im grünlich schimmernden Scheinwerfer der Landeleuchten wirbelte nuklear verseuchter Staub auf. Die holographische Anzeige bezeugte 98% Kontamination der Erdoberfläche mit einem üblen Gemisch aus Cäsium 137, Stronthium 90, Iridium 192 und Plutonium 238. Die Revolutionstruppen Irans hatten ganze Arbeit geleistet und noch vor der ersten Großoffensive gegen die Vereinigten Staaten von Amerika eine paar hübsche Raketen der Marke »schmutzig und effizient« in Richtung Israel entsandt, wo sie direkt über dem Boden zur Detonation gebracht wurden. Innerhalb von Sekunden hatten sie die gesamte Region unbewohnbar gemacht und damit jegliche Diskussionen über zukünftige Siedlungspolitik beendet.

|37|Das Gebiet war für Menschen schon lange gesperrt, allenfalls Überwachungsroboter tummelten sich hier. Lion wusste, dass ihnen nicht viel Zeit blieb, ihr Vorhaben zu realisieren. Nicht nur wegen der ständigen Gefahr der Entdeckung – auch aus gesundheitlichen Gründen. Selbst wenn ein jeder von ihnen bis zum Anschlag mit Nanoreparatureinheiten geimpft worden war, hieß das noch lange nicht, dass ihre Zellen auf Dauer radioaktiver Strahlung trotzten.

»Los, los, los«, mahnte Lion leise, als ob sie hier draußen irgendjemand hören konnte. Beiläufig verteilte er kleine, metallische Atmungscontroller, die man sich lediglich in die Nasenlöcher einsetzte und die beim Einatmen schädliche Partikel fernhielten. Rona, Lyn und Mako hatten sich unterwegs umgezogen. Ihre mittelalterliche Kleidung erwies sich schon beim Aussteigen als unpraktisch, weil Rona sich in ihrem Kleid verhedderte und Lyn ihren Umhang nach sich zog, als wäre sie ein Schlossgespenst. Lion reichte ihr eine geräumige Ledertasche, die Mako schulterte. Darin befanden sich eine medizinische Notfallausrüstung in moderner Standardausführung und einer der Timeserver, die Lion in mehrfacher Ausfertigung entwickelt hatte.

Caput 58 gab ihnen zum einen die Möglichkeit, jederzeit weiter in die Vergangenheit reisen zu können, zum anderen ermöglichte der Server ihnen, ein Signal im Hyperraum abzusetzen, damit Lion sie orten konnte. Das Zeitreise-Prinzip, das sich Lion so unvermittelt offenbart hatte, wies leider einige unschöne Lücken auf, die er bisher noch nicht hatte schließen können. Der Weg in die Vergangenheit war mit der Nutzung des Timeservers zwar jedem offen, der ihn besaß und die genetischen Voraussetzungen erfüllte, wollte man jedoch zurück in die Zukunft, so musste man jemanden haben, der einen von dort aus abholte, indem er seinen Gegenpart in der Vergangenheit zunächst ortete und dann transferierte.

Dagegen war es nicht möglich, ohne einen solchen Fluchtpunkt in die Zukunft zu reisen. Die Energieversorgung des Servers verhinderte, dass das Gerät selbstständig Personen über den eigenen Ereignishorizont hinaus in die Zukunft transferierte. Das hatten zumindest die wenigen Dateien verraten, die Lion im ehemaligen Forschungsbunker des amerikanischen Militärs vorgefunden hatte. Vielleicht lag es daran, dass die selbstständige Energiesteuerung des einzelnen Individuums zu schwache Impulse in Richtung Zukunft sandte. Ein Nachteil, der sich |38|als Vorteil erweisen konnte, wenn es um die Möglichkeit einer Veränderung zukünftiger Ereignisse ging.

Möglicherweise waren die Strukturen nicht so starr wie befürchtet, und eine Einflussnahme war durchaus möglich, auch wenn es jedweder menschlicher Logik widersprach.

Für diese Hoffnung hatte Lion gelebt, und es war ein Grund, warum er die gefahrvolle Reise nicht selbst angetreten hatte. Ganz gleich was auch geschah, er und seine Vertrauten würden alleine für die Rückkehr der drei verantwortlich sein.

Hastig nahm er den kleinen Titankoffer an sich und öffnete mit einer angedeuteten Beschwörungsformel den Deckel. Die Geräte reagierten allgemein auf akustische Signale, später, wenn der Rechner erst einmal gestartet war und mit seinem User Kontakt aufgenommen hatte, funktionierte es auch über energetisch gesteuerte Telepathie. Kein Hexenwerk, wusste man nun doch schon eine Weile um die exakt berechnete Energieabstrahlung eines Gedankens und wie man ihn rechnerisch so entschlüsselte, dass man mit modernen Computersystemen gedanklich in Verbindung treten konnte und umgekehrt.

Caput 48 würde die drei Probanden direkt ins Jahr 1119 katapultieren. Caput 38, den er ebenfalls mit sich führte, war Lions Versicherung gegen einen Ausfall. Caput 28 und 18 waren in seinem Entwicklungslabor in den Tiefen des amerikanischen Kontinents zurückgeblieben und wurden dort von zwei Vertrauten in einem eigens dafür versiegelten Labor überwacht. Von Beginn an war klar gewesen, dass er die Mission nur mit seinen engsten Weggefährten würde durchführen können. Eine reine Schutzmaßnahme gegen zu viele Mitwisser und die Gefahr, von Agenten der Neuen Welt aufgebracht zu werden. Im Falle einer Entdeckung durch seine Feinde würde er sich und sein Equipment unverzüglich eliminieren müssen. Die wenigen wissenschaftlichen Mitarbeiter seines Teams waren zumindest in die Funktionsweise der Geräte eingeweiht, auch wenn sie selbst nicht in der Lage waren, einen Timeserver zu bauen. Also sollte es möglich sein, Rona, Lyn und Mako zurückzuholen, selbst wenn er nicht mehr existierte.

Ein Zischen klang durch die mondlose Nacht. »Was war das?« Mako sah sich angespannt in der Dunkelheit um. Stück für Stück scannte er mit seiner genetisch manipulierten Nachtsichtfähigkeit den Horizont ab. Doch außer Steinen und Staub war nichts zu sehen. Die anderen |39|hatten das Geräusch auch gehört. Zu viert verharrten sie einen Moment im Schatten des Gleiters, bevor Lion sich aus der Erstarrung löste.

»Keine Ahnung«, bemerkte er mit einem Blick auf die Datenscala im Cockpit des Gleiters, die sich nach wie vor nicht beruhigen wollte.

Mit einem nervösen Zucken um die Mundwinkel verkündete Lion seinen Schützlingen die letzten Anweisungen. »Sobald ihr das Tageslicht seht, marschiert ihr in Richtung Jerusalem.« Entschlossen reckte er seine ausgestreckte Linke in Richtung der östlich liegenden, vollkommen kahlen Hügellandschaft. Die Vorstellung, dass sich hier einst ein blühendes Land mit einer bedeutenden Stadt befunden hatte, wollte sich bei keinem von ihnen einstellen.

»Lasst euch von niemandem aufhalten«, fuhr Lion mit befehlsgewohnter Stimme fort, »und redet nur, wenn euch jemand anspricht. Bei den Stadttoren angekommen, fragt euch nach den Ordensunterkünften von Hugo de Payens und seinen Rittern durch. Ausschließlich überbringt ihr die besprochene Botschaft.«

Rona nickte wie betäubt, während die Kühle der Nacht in ihre schweren Kleider kroch. Mako hatte sich in seiner altertümlichen Kluft zu einer Geste der Entschlossenheit aufgerichtet und starrte suchend ins Nirgendwo, während Lion in aller Eile den flachen Quantenrechner startete, den er vor dem Gleiter auf der Titankiste im Wüstensand wie auf einem Altar aufgebaut hatte. Wenig später erhob sich auf der zunächst dunklen, horizontalen Oberfläche des Servers ein gleißender Lichtbogen aus türkisfarbenen Funken. Mehr und mehr formierte sich daraus eine rotierende Hand, die mit aufleuchtenden Pfeilen bedeutete, was als Nächstes zu tun war.

»Legt eure Hände hier rein!«, befahl Lion mit einer rauen Stimme, die für einen Moment das Aufflackern seiner Emotionen verriet. Die etwa drei Sekunden, die eine DNA-Analyse des Zeitreiseprobanden benötigte, erschienen Lion wie eine halbe Ewigkeit. Mit dieser Prozedur versicherte sich das System der Reisefähigkeit des jeweiligen Kandidaten in die angewählte Zeitperiode. Keine energetisch verschlüsselte Zeiteinheit – und nichts anderes war ein menschlicher Körper – konnte mehrfach in ein und derselben Magnetfelddichte existieren. Die energetischen Muster der Realitätsabbildung eines Menschen bewegten sich in Wellen durch ein Geflecht von elektromagnetischen Netzstrukturen, die sich zum einen an einem universellen Energiefeld orientierten, |40|zum anderen am Kraftfeld des jeweiligen Standortes. Der Prüfmechanismus sorgte dafür, dass ein Aufeinandertreffen zweier gleichgeschalteter Systeme der beteiligten Elementarteilchen und damit eine Kollision des Organismus mit sich selbst ausgeschlossen wurde, da dies eine Vernichtung des Individuums zur Folge gehabt hätte. Sämtliche materiellen Objekte glitten durch Zeit und Raum wie Züge auf Schienen, die jederzeit in der Lage waren, zu kollidieren und zu entgleisen, wenn die erforderlichen Bedingungen zur Stabilisierung der Materie aus dem Gleichgewicht gerieten.

Lion hatte mehr als genug von der Möglichkeit gelesen, dass eine fehlerhafte Programmierung den Zeitreiseprobanden unwiderruflich in seine molekularen Einzelteile zerschießen konnte. Beim Anblick von Lyns gazellenhafter Gestalt, deren Schönheit ihm geradezu vollkommen erschien, überlief ihn ein kalter Schauer, wenn er daran dachte, dass eine falsche Einstellung sie am anderen Ende des Tunnels wohlmöglich zu dampfendem Hackfleisch verarbeiten könnte.

Mako sollte als Erster gehen. Sein schmales Gesicht wirkte im schwachen Schein des aufleuchtenden Hologramms wie versteinert, als er seine Hand in den bläulichen Nebel legte. Ein weiblicher Kopf, der nun über der Oberfläche des Servers schwebte und den drei Zeitreisenden verblüffend ähnlich sah, gab letzte Informationen über Ablauf der Programmierung und die damit verbundene Zieleinwahl.

Jerusalem 1119 a. C. Lion schluckte. Mehr als tausend Jahre, doch was war schon Zeit – angesichts all des Wahnsinns, der seitdem auf der Erde regiert hatte und immer noch regierte.

Wenn seine Berechnungen stimmten, musste sich etwas Gravierendes an den aktuellen Umständen ändern, und zwar schon gleich, nachdem die drei vom niemals versiegenden, universellen Datenstrom verschluckt worden waren. Die Einflussnahme seiner drei Schützlinge in der Vergangenheit musste eine historische und politische Umwälzung hervorrufen, die ihresgleichen suchen würde, andernfalls hätte er ein großes Problem, wie sein allzeit bereites Frühwarnsystem nun erkennen ließ.

Plötzlich war das zischende Geräusch wieder zu hören. Lyn zuckte erschrocken, ließ ihre Hand jedoch lange genug im Nebel, damit alle Daten eingelesen werden konnten.

»Aufklärungsdrohnen.« Mako sprach es als Erster aus. Und dann |41|sah er sie. Wie eine Horde überdimensional großer Heuschrecken erschienen die Flugaufklärer von der Größe eines Adlers am Horizont und verteilten sich über das karge Gelände. Die Formation, die sie dabei einnahmen, ließ vermuten, dass sie den Gleiter und seine Besatzung einzukreisen drohten, um sie danach festsetzen zu können. Ausgerüstet mit komprimierten Fusionskanonen waren sie mühelos in der Lage, Menschen und Maschinen in Staub zu verwandeln.

Der Server hatte Ronas Prüfung abgeschlossen. Die Abstrahlung des Analysetransmitters überzog die drei Zeitreisenden mit einer türkisfarbenen Netzstruktur, die mittlerweile ihre kompletten Gestalten umrahmte.

»Verdammt, geht das nicht schneller!«, fluchte Lion.

Rona verengte ihre Lider. »Sie werden dich töten«, stieß sie aufgeregt hervor. »Du musst mit uns kommen.«

»Ich muss hierbleiben und sicherstellen, dass die Systeme funktionieren«, blaffte Lion. »Oder wollt ihr atomisiert werden?«

Lyn schaltete sich ein. »Rona hat recht, du kommst hier unmöglich lebend raus. Sie werden dich verdampfen, bevor wir verschwunden sind.«

»Dann erledigt gefälligst euren Job«, fluchte Lion. »Es geht hier nicht nur um mich, es geht um den ganzen Planeten. Ich dachte, ihr hättet das begriffen.«

Die Drohnen hatten bereits damit begonnen, in ihre Gedanken einzudringen, und forderten sie zur Aufgabe auf. Als sie nicht reagierten, eröffneten sie das Feuer. Laserblitze zuckten durch die Nacht.

»Deckung!«, schrie Lion und schnappte sich den Server, der den Countdown so quälend langsam herunterbetete, als ob er sich in einem Ruhemodus befände. Im Laufen setzte er zu einem waghalsigen Sprung an, während ein weiterer Blitz zwischen seinen Füßen einschlug. Kurzzeitig fand er Schutz unter dem Gleiter, den Server im Arm wie ein Baby, das von seiner Mutter gestillt werden will. Währenddessen entfernten sich Rona, Lyn und Mako im Zickzackkurs, um hinter dem nächstbesten Felsen Schutz zu finden. Maximal dreißig Yards Feldumgebung durften überschritten werden, damit der Erfassungsradius des Servers noch seine Wirkung entfaltete.

In ihrer Panik hatte Rona zuvor den Fusionslaser aus Lions Oberschenkelholster gezogen. Eine lebensrettende Entscheidung, wie sie |42|befand, weil sich die Drohnen nun ganz auf sie und die beiden anderen hellerleuchteten Gestalten konzentrierten. Mit Lyn im Nacken, die mit ihrem Gepäck hinter ihr Deckung suchte, feuerte Rona unaufhörlich auf die Überzahl ihrer Widersacher. Dass sie erfolgreich war, sah sie an den winzigen Verpuffungsexplosionen. Doch ihre Feinde feuerten erbarmungslos zurück. Plötzlich wurde es taghell, und die Luft roch nach elektrostatischer Aufladung.