1153 – Jerusalem
Struan MacDhoughaill hatte sich bisher immer für einen hartgesottenen Kämpfer gehalten, einen schottischen Fels in der Brandung, den so gut wie nichts aus der Ruhe brachte. Jedoch spätestens seit er im Herbst 1307 beinahe zu Tode gefoltert worden war und undurchsichtige Kräfte ihn mit seiner Gefährtin ins Jahr 2004 katapultiert hatten, war seine Welt aus den Fugen geraten. Dass es Gott dem Herrn gefiel, ihn und die Seinen in der Zukunft mit Kühlschränken, Fernsehern, Autos und Flugzeugen zu konfrontieren, wäre ja noch verzeihlich gewesen, aber mit Zeitmaschinen hatte der Allmächtige zu viel des Guten getan. Und wenn Struan geglaubt hatte, der Rücktransfer aus dem Jahr 2005 ins Jahr 1153 könne die Angelegenheit nicht schlimmer machen, so hatte er sich gründlich getäuscht.
Sein dunkler, unergründlicher Blick lag auf Matthäus, der sich weinend an Gero klammerte. Allein die Verzweiflung in Geros Blick, dass nicht nur er und seine Männer, sondern nun auch der Junge dem Tode geweiht sein würde, ließ den Schotten erschauern.
Noch katastrophaler waren die Ausführungen dieses Möchtegerntemplers Anselm Stein, der wie ein verlorenes Schaf inmitten einer Herde von Verdammten hockte und irgendetwas von einem misslungenen Einsatz faselte. Misslungen war so ziemlich alles in den letzten paar Tagen, und wenn kein Wunder geschah, würde auch in den nächsten Stunden alles misslingen.
Johan sprang schließlich auf und kniete sich vor Anselm hin, packte ihn bei den Schultern und richtete den Mann so weit auf, dass er ihm in die Augen blicken musste. »Hör zu, Anselm«, sagte er mit gedämpfter Stimme. »Jetzt noch mal ganz von vorne. Wieso seid ihr plötzlich hier, und was genau ist geschehen?« Struan glaubte seinen Ohren nicht zu trauen, als Anselm in altfranzösischer Sprache die ganze Misere offenlegte.
Dass vielleicht keine Rückkehr mehr möglich war, wäre noch zu verkraften |528|gewesen, aber dass ihr Frauen sich nun auch in dieser Zeit, keinen Tagesritt von Jerusalem entfernt in Askalon befanden und dort von irgendeinem schmierigen Sarazenen in einem Harem gefangen gehalten wurden, war ein kaum zu überbietendes Übel.
Der Schotte war ehrlich entsetzt. »Sag bloß, Amelie ist auch dabei?«, entwich es ihm ungläubig. Das Liebste, was er je besessen hatte, der einzige Engel, nach dem sich jede verdammte Nacht sehnte, hier in diesem Chaos? Eine grauenhafte Vorstellung!
»Es tut mir leid«, stotterte Anselm. »Eure Frauen wollten sich nach dem Unfall nicht mit dem Gedanken zufriedengeben, euch nie wiederzusehen. Ich konnte Hannah nicht einmal davon abhalten, Karen Baxter mit einer Pistole in ihre Gewalt zu bringen. Nachdem Paul den Server gestartet hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als die drei und Matthäus zu begleiten, weil ich dachte, dass sie ohne einen Mann in dieser Zeit unmöglich zurechtkommen würden.«
»Gut gemacht!«, stieß Gero völlig außer sich hervor. »Wie kann man sich so sehr überschätzen? Mein Gott, Anselm!« Wutentbrannt schüttelte er den Kopf. »Du hast schon immer gemeint, alles besser zu wissen. Dabei hast du nicht die geringste Ahnung, wie sehr sich diese Welt von der euren unterscheidet.«
»Entführungen durch islamistische Terroristen in der Wüste sind auch zu meiner Zeit keine Seltenheit«, gab Anselm entschieden zurück.
»Umso schlimmer«, erwiderte Gero schmallippig. »Du hättest Hannah davon abhalten müssen, hierherzukommen, allein schon wegen Mattes.« Immer noch hielt er den schluchzenden Jungen im Arm. »Genauso hatte ich mir mein Familienleben vorgestellt«, fluchte er höhnisch. »Ich am Galgen und mein Weib im Harem eines fatimidischen Hurensohnes! Und Mattes muss das alles mitansehen, in Erwartung eines furchtbaren Schicksals.«
»Hannah hat sich nicht abhalten lassen«, erwiderte Anselm mit verzweifeltem Blick. »Du weißt doch besser als ich, wie sie ist!«
»Du kannst Anselm nicht dafür verantwortlich machen, dass die ganze Geschichte gründlich in die Hose gegangen ist«, tönte es aus dem Hintergrund. Jack Tanner war zu neuem Leben erwacht. »Ihr Templer habt es auch nicht besser hinbekommen. Schließlich haben wir es eurem verdammten Gottvertrauen in eurem ach so ehrvollen Orden zu verdanken, dass wir jetzt in der Scheiße sitzen. Diese |529|verkorksten Typen da oben in ihren weißen Mänteln sind nichts weiter als eine gottlose Bande von Mördern und Verbrechern. Von wegen heiliger Gral!«
»Halt dein schmutziges Maul!«, blaffte Gero zurück. »Deine US-Armee hat mit einer einzigen Bombe Hunderttausende unschuldige Menschen getötet, das ist mehr als alle Kreuzritter in zweihundert Jahren auf ihr Gewissen geladen haben.«
»Der Unterschied ist, dass wir die Welt zu einem besseren Ort machen wollen«, erwiderte Jack aufgebracht, »ohne in Anspruch zu nehmen, in Gottes Namen zu handeln.«
»Hört, hört!« Gero lachte grimmig. »Abgesehen davon, dass euer Präsident nicht weniger häufig die Bibel bemüht, um seine fragwürdigen Pläne zu rechtfertigen, frage ich mich, warum wir erst hierherkommen mussten, um die angekündigte Apokalypse zu verhindern? Hättet ihr aus all dem Elend, das eure Vorfahren gesät haben, nicht schon längst etwas lernen können.«
»Hey, Kameraden.« Johan hob seine Hände, wobei demonstrativ die Ketten an seinen Handgelenken rasselten. »Wenn wir uns gegenseitig zerfleischen, bleibt nichts mehr, was Tramelay und seine Verbündeten an den Galgen bringen könnte. Also denkt nach, wie wir am besten hier rauskommen können, und wenn euch nichts einfällt, sollten wir wenigstens für ein Wunder beten.«
Stephano de Sapin, der an Anselms Seite gekrochen war, um seinem treuen Freund aus der Zukunft beizustehen, indem er ihm eine Hand auf die Schulter gelegt hatte, hob mit seiner klaren, hohen Stimme zu einem gregorianischen Choral an, in den alle einfielen, bis auf Anselm und Tanner, die beide den Text nicht kannten. Auch Struan hielt sich zurück, weil ihn wegen seiner schottischen Reibeisenstimme alle für einen lausigen Sänger hielten.
Vielleicht war das der Grund, warum dem Schotten als Erstes auffiel, wie es im Gang plötzlich heller wurde und eine von Templern eskortierte, verschleierte Gestalt erschien, die den Gang entlang auf sie zumarschierte. Struan spannte sämtliche Muskeln an, bereit, bis auf den letzten Atemzug um sein Leben und das seiner Brüder zu kämpfen, falls sie in wenigen Augenblicken zum Galgen geführt werden sollten. Zu seiner Überraschung kam aber niemand in den Käfig hinein, und es zerrte sie auch niemand heraus.
|530|Die kostbar in Samt und Seide gekleidete Frau, deren Gesicht er wegen des Schleiers nicht sah, blieb direkt vor ihm stehen. Umringt von sechs martialisch auftretenden Brüdern löste sie den cremefarbenen Schleier erst, als Peter de Vezelay, der sie begleitete, ihr ein Zeichen gab, dass sie vor der richtigen Zelle stand. Die Frau war schon älter, aber immer noch ungewöhnlich schön. Ein langer roter Zopf, mit Perlen und Juwelen bestückt, flutete aus ihrem hellblauen Samtumhang hinab bis zu den Hüften, die von einem goldfarbenen Gürtel betont wurden, der ihr fließendes, langes Kleid auf Figur brachte.
Aussehen und Haltung erinnerte Struan an die Heilige Muttergottes. Dass sie keine Heilige war, erkannte er an ihrem anzüglichen Blick, mit dem sie ihn taxierte.
»Verneigt euch vor eurer Königin«, rief Vezelay, der nun nach vorne trat.
Der Schotte blieb sitzen, senkte aber – wie die anderen auch – sein Haupt. Von Melisende, der temperamentvollen Königin, hatte er auch in seiner Zeit schon einige Legenden gehört. Angeblich hatte sie zahlreiche Liebhaber gehabt, die nach und nach alle eines seltsamen Todes gestorben waren.
»Sind das die zum Tode verurteilten Männer?«, fragte sie laut. Mit abgespreiztem kleinem Finger hielt sie sich ein parfümiertes Tüchlein vor die Nase, während sie auf den Schotten herabblickte. Ihr lüsterner Blick streifte jede Stelle seines muskulösen Körpers, und auch seine Kameraden betrachtete sie mit dem Interesse einer Pferdehändlerin bei der Auswahl junger Zuchthengste. Einen Moment verweilte sie bei Gero, der sich schützend vor den Jungen gestellt hatte.
»Bruder André hat vollkommen recht«, bemerkte sie schneidend. »Es wäre ein Jammer, ihre Leichen den Geiern zum Fraß vorzuwerfen. Sagt meinem Sohn, ich zahle einen angemessenen Preis, wenn Ihr sie begnadigt und in den Rang eines kämpfenden Ritters zurück versetzt.
Einzige Bedingung ist, dass sie bei der Eroberung von Askalon zum Einsatz kommen.« Sie warf dem Seneschall einen berechnenden Blick zu. »Fünfhunderttausend Goldbezant sollten reichen, denkt Ihr nicht?«
Vezelay begann zu husten, wahrscheinlich weil er sich wegen der unglaublichen Summe verschluckt hatte. »Sehr wohl, Eure Hoheit. Aber Ihr könnt dem Großmeister die frohe Botschaft gerne persönlich |531|überbringen, er lädt Euch und Bruder André nachher zu einem bescheidenen Mahl in seine Gemächer ein.«
»Ich faste zurzeit zu Ehren der Heiligen Mutter«, erwiderte Melisende. »Außerdem schuldet Euer Meister mir keinen Dank. Wenn überhaupt, dann ist es mein Sohn, der sich mir verpflichtet fühlen müsste. Er kann es wohl kaum erwarten, seinem kleinen Bruder eine Fatimidenfestung zu schenken.«
Sie wollte sich schon abwenden, als sie noch einmal innehielt und ihren Blick über die Kerkerinsassen schweifen ließ. Bei Struan machte sie halt.
»Dieser eine hier«, sagte sie und vollführte mit einer eleganten Handbewegung eine herrische Geste, »soll fortan als mein Leibwächter dienen. Sagt Tramelay, er soll ihn bis auf weiteres in den Palast abkommandieren, nachdem Ihr ihm die Chlamys zurückgegeben habt.«
Ihr kokett fragender Blick streifte den hageren Seneschall. »Denkt Ihr, das ließe sich einrichten?«
Vezelay leckte sich lüstern die Lippen. »Aber natürlich, meine Königin«, raunte er hinter vorgehaltener Hand. »Es geht doch nichts über einen stattlichen Bruder des Tempels vor dem eigenen Schlafgemach. Er wird Euch garantiert eine sorgenfreie Nachtruhe bescheren.«
Nachdem Melisende samt ihrem Gefolge davongerauscht war, kehrte Vezelay noch einmal zu den Gefangenen zurück. »Denkt nicht, weil euch die Königin euren Habit zurückkaufen will, könnt ihr Hosianna singen. Wenn auch nur einer von euch sich dem Befehl des Marschalls widersetzt, wird er sterben wie ein Hund. Habt ihr mich verstanden?«
»In Gottes Namen, Beau Sire«, entgegnete Gero mit gespielter Demut.
»Erst wenn die Verhandlungen zwischen der Königin und dem Großmeister endgültig abgeschlossen sind«, fuhr Vezelay in jovialem Ton fort, »werdet ihr diesen Kerker als freie Brüder verlassen. Und erst dann wird man euch Kleider, Pferde und Waffen zurückgeben.«
Nachdem Vezelay gegangen war, stieß Gero einen verhaltenen Schrei der Erleichterung aus.
»Es gibt einen Gott«, rief er, den Tränen nahe. Dann traf sein Blick Matthäus, der sich immer noch an ihm festhielt. Mit Schwung küsste er den Scheitel des Knaben. »Und er liebt uns!«
|532|Als Melisende die Gemächer des Großmeisters der Templer in der ersten Etage des Refektoriums betrat, wartete André de Montbard bereits mit verschränkten Armen an ein Stehpult gelehnt auf sie.
Bernard de Tramelay, Peter de Vezelay und Berengar von Beirut lauerten am ovalen Eichenholztisch, um den sich immer noch die gleichen zwölf Stühle scharten wie vor gut dreißig Jahren, als der Orden in Jerusalem eingeführt worden war.
Melisende erinnerte sich noch gut daran, dass Graf Hugo de Payens das Holz einer tausendjährigen Eiche für die Herstellung des Tisches und der Stühle extra aus der Champagne ins Heilige Land hatte einschiffen lassen. Als Symbol für die Unvergänglichkeit der Bruderschaft der Templer und ihre darauf eingeschworene Treue.
Als Melisendes Vater, König Balduin II. von Jerusalem, die Ansprache zur Einführung des Ordens im engsten Kreis seiner Vasallen gehalten hatte, war sie selbst noch ein junges Ding von fünfzehn Jahren gewesen. Sie hatte nicht weit entfernt von ihrem Vater in der Apsis der Basilika vom Heiligen Grabe gestanden, neben den ranghöchsten Vertretern des Hofstaates, und aufmerksam zugehört, als ihr Vater vor seinen Untertanen von den neun edlen Rittern geschwärmt hatte. Der König hatte sogar davon gesprochen, dass sie mit von Gott gesandten Heiligen zu vergleichen wären, die dem Christentum in diesem Land zum endgültigen Sieg verhelfen würden.
André de Montbard, damals neunzehnjährig, hatte auch dazugehört und Melisende nach dieser ersten Begegnung so manche schlaflose Nacht bereitet. Allerdings nur in ihren Träumen. Bereits als junger Bruder war er ein Ausbund an Keuschheit gewesen. Und das hatte sich leider niemals geändert.
Gegenüber Tramelay und dessen Mitstreitern wirkte er jedenfalls wie ein erhabener Falke unter Geiern. Leicht gebräunt, männlich, kraftvoll und mit seinen graubraunen, leuchtenden Augen entsprach der alternde Templer jenem Ideal von einem Mann, dessen Charisma sich Melisende nicht entziehen konnte.
Tramelay, der ungeduldig darauf wartete, dass sie endlich auf einem der Stühle Platz nahm, war nicht mit Männern wie Montbard und seinen Gründungsbrüdern zu vergleichen. Melisende bereitete es eine diebische Freude, den rotgesichtigen Hitzkopf mit dem weißblonden Bart nervös zu machen, und so wanderte sie zunächst am Tisch vorbei, |533|um zum Südfenster zu gehen, von wo aus sie einen Blick über das sonnenüberflutete Kidrontal werfen konnte.
Der Großmeister schien ihre Gelassenheit wenig zu schätzen. Als sie sich nach ihm umwandte, trat er fahrig von einem Bein aufs andere, wie ein Knappe, dem es während der Messe verboten war, seine volle Blase zu erleichtern.
Vezelay, der alberne Galan, dem Eingeweihte nachsagten, dass er vorzugsweise junge, zarte Knappen für spezielle Dienste in seine Gemächer lockte, verfolgte jede ihrer Bewegungen wie ein Schakal, der seine Beute fixiert.
Lächelnd wandte sie sich Montbard zu, der vor Jahren selbst als Seneschall in diesen Gemächern residiert hatte. Ihr Sohn Balduin III. hatte nach seiner Machtübernahme auf die Ernennung Bernard von Tramelays als Großmeister bestanden. Und die Führungsoffiziere des Templerordens waren seiner Empfehlung gefolgt, anstatt – wie es der Reihenfolge nach richtig gewesen wäre – André de Montbard in dieses Amt zu erheben. Selbst die Barone hatten dieser Entscheidung jubelnd zugestimmt, nur um Melisende zu schwächen. Mit Montbard als Großmeister und seinem Heer folgsamer Ordensritter in der Hinterhand hätten sich ihr Sohn und die geifernden Hyänen, die ihn umgaben, wohl kaum getraut, der amtierenden Königin den Thron streitig zu machen. Seitdem waren Unvernunft und Habgier in diese ehrwürdigen Hallen eingezogen, und Melisende war überzeugt, dass all dies noch mal ein schlimmes Ende nehmen würde, wenn sie nichts unternahm.
»Ihr und die Euren dürft gerne Platz nehmen, Meister Bernard«, bemerkte sie mit hochgezogenen Brauen gegenüber Tramelay, damit er endlich zur Ruhe kam.
Tramelay folgte ihrer Aufforderung mit sauertöpfischer Miene und ließ sich am Kopf des Tisches nieder, dort, wo der Stuhl mit der erhöhten Lehne des Meisters auf ihn wartete. Seine zwei Brüder folgten ihm, indem sie sich auf die gewöhnlichen Stühle rechts und links neben ihm setzten.
»Ist es das viele Geld, das Euch so erregt?«, spöttelte Melisende und schaute dem Großmeister von oben herab in die leicht vorstehenden Augen. »Oder der Umstand, dass die Münzen aus den Truhen einer einflussreichen Frau stammen?«
|534|»Eure Günstlinge sind Mörder«, erwiderte Tramelay scharf. »Und Ketzer, die mit dem Satan im Bunde stehen.« Sein tadelnder Blick streifte Montbard. »Die Frage darf erlaubt sein, warum Euch diese Männer so viel bedeuten? Niemand hat sie je zuvor gesehen, und keiner weiß, unter welchem Stein sie hervorgekrochen sind.«
»Soweit ich weiß«, warf Montbard dazwischen, »verfügen sie über ordentliche Wappenbücher, die ihre adlige Herkunft und die Aufnahme in den Orden nachweisen, oder irre ich mich?«
Tramelay brummte etwas Unverständliches, das Montbard und die Königin als Zustimmung werten durften. »Aber das gibt ihnen nicht das Recht, unsere Männer zu töten.«
»Sofern ich das beurteilen kann«, begann Montbard mit undurchsichtiger Miene, »war die Geschichte eher ein tragischer Unfall. Eure Männer waren nicht als Templer zu erkennen. Wer mit dem Teufel reitet, kann durchaus in der Hölle landen. Ihr solltet Euch also nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.«
»Was wollt Ihr damit andeuten?«, zischte Tramelay wütend.
Montbard ließ die Frage unbeantwortet, und Melisende hob ungeduldig ihre rechte Hand, um Einspruch zu erheben.
»Bruder André hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass in letzter Zeit unverhältnismäßig viele Ritter in Kämpfen mit überraschend angreifenden Sarazenen ihr Leben gelassen haben«, bemerkte sie mit einem bedauernden Lächeln. »Versprengte, kleine Truppen, die Versorgungszüge angreifen oder vorwiegend nachts zuschlagen, wenn es an Wachen fehlt. Ich stimme Bruder André zu, dass es sinnvoller ist, die verurteilten Brüder im Krieg gegen die Sarazenen ihre Sünden sühnen zu lassen, als sie an einen sinnlosen Tod zu verschwenden. Jeder macht einmal einen Fehler, und hat unser süßer Herr Jesus nicht selbst gesagt: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein?«
Sie bedachte Tramelay mit einem ruchlosen Blick, während sie mit einem Ende ihres durchsichtigen Schleiers spielte.
»Und warum wollt Ihr dann ausgerechnet den Schotten für Euch haben?«, fragte er mit einem zweideutigen Lächeln. »Soll er Euch etwa im Schwerkampf unterrichten?«
»Ich benötige einen Leibwächter«, antwortete sie. »Die Zeiten sind gefährlich, und ich bin eine vermögende Frau. Niemand weiß, was geschieht, wenn sich herumspricht, dass ich über gewisse Mittel verfüge. |535|Bruder Struan ist eine imposante Erscheinung. Alleine durch seinen Anblick wird er etwaige Attentäter und Entführer von mir fernhalten.«
In Wahrheit dachte sie eher an Khaled. Sie würde nicht zulassen, dass der Assassine ihr nochmals den Dolch an den Hals setzte. Allerdings war auch Balduin zuzutrauen, dass er seine ungeliebte Mutter von seinen Schergen in einen ungemütlichen Kerker entführen ließ und sie so lange bedrängte, bis sie ihm ihre Geldverstecke verriet. Struan MacDhoughaill hingegen war ein Ritter von Ehre. Sein stolzer, unnahbarer Blick hatte ihr verraten, dass er eherne Grundsätze in sich trug, die mit Geld nicht zu kaufen waren. Darüber hinaus war er auch nur ein Mann, was nichts anderes bedeutete, als dass er in einsamen Stunden durchaus fürs Bett zu gebrauchen war.
»Wollt Ihr mir nichts zu trinken anbieten?«, fragte sie Tramelay scheinheilig. Während der Großmeister lautstark nach einer Ordonnanz rief, nutzte Melisende die Zeit, um sich zu sammeln. Sie zwinkerte Montbard unauffällig zu. Keinesfalls wollte sie sich gegenüber Tramelay und seinen Getreuen anmerken lassen, dass sie mit Bruder André in dieser Sache ein Geschäft eingegangen war. Er hatte schließlich die grandiose Idee entwickelt, die fremden Templer in Tramelays Truppe einzuschleusen, damit sie im Falle der Eroberung der Festung und der Erstürmung der Schatzkammer den von ihr lang ersehnten Kelch für sie in Sicherheit brachten.
Als Tramelay kurz darauf einen verschwenderischen, apulischen Rotwein in filigranen, syrischen Gläsern servieren ließ, erhob Melisende ihren Kelch mit einem übertriebenen Lächeln. »Auf Askalon und meinen jüngeren Sohn Amalric«, hob sie an, »der – so hoffe ich – die letzte Bastion der Fatamiden in wenigen Wochen als Grafschaft übernehmen wird.«
Als Montbard am frühen Morgen in den Stallungen des Salomo erschien, hatten die Knechte des Ordens im hinteren Kerker die täglichen Folterungen bereits wieder aufgenommen. Es beruhigte ihn, zu sehen, dass die von Melisende freigekauften Ritter nicht gezüchtigt worden waren.
Gero von Breydenbach saß am Boden und schaute wenig hoffnungsvoll, bis er Montbards Gesicht erblickte.
|536|»Bringt Ihr uns nun eine frohe Botschaft, Beau Seigneur«, fragte er mit einem leicht ironischen Unterton, »oder kündet Ihr uns vom bevorstehenden Jüngsten Gericht?«
»Keines von beidem«, erwiderte Montbard mit einem zuversichtlichen Lächeln. Sein Blick fiel auf den blonden Jungen und dann auf Anselm. »Hat hier eine wunderbare Vermehrung stattgefunden?«
»Sie gehören zu uns«, sagte Gero mit fester Stimme. »Sie sind uns gefolgt und wurden wie wir zu Unrecht von Tramelay und seinen Schergen in diesen Kerker geworfen.«
Montbard schnippte mit den Fingern. Eine der Wachen eilte herbei und öffnete auf seine Anweisung hin die Kerkertür. Er trat unbewaffnet hinein und befahl dem Bruder, den Käfig offen stehen zu lassen und die Anwesenden von den Ketten zu befreien.
Johan van Elk reagierte als Erster und sprang verblüfft auf. Mit großen Schritten kam er auf ihn zu. Trotz des härenen Hemds lag in seinem Gang die Würde eines Grafen.
»Bedeutet das, die Königin hat gezahlt, und der Orden lässt uns einfach ziehen?«
»Euch einfach ziehen zu lassen wäre zu viel gesagt.« Montbard lächelte schwach. »Dem Herzen nach seid Ihr immer noch Templer, oder irre ich mich?«
Als er sah, dass alle bis auf zwei und der Junge nickten, fuhr er mit bedächtiger Stimme fort: »Das sollt Ihr bleiben. Auch wenn Ihr mehrmals die Zeiten gewechselt habt, entbindet Euch das nicht von Eurem Gelübde als Ordensbrüder.«
»Woher wisst Ihr …« Bruder Gero warf ihm einen verwunderten Blick zu.
»In der syrischen Herberge wartet ein gewisser Moshe Hertzberg auf Euch und Euer Bruder Arnaud de Mirepaux, der mich nach der Kapitelversammlung aufgesucht und über alles aufgeklärt hat. Dazu die beiden Frauen, nach denen Ihr sucht. Soweit man mir sagte, der Grund, weshalb Ihr diese absonderliche Reise auf Euch genommen habt.«
»Ich glaub’s nicht«, stammelte Johan. Wie vom Donner gerührt, schaute er in die Runde, als ob er sich vergewissern wollte, sich nicht verhört zu haben.
»Was ist mit unserem Bruder und dem Alten. Geht’s ihnen gut?«
»Ja, es geht ihnen gut. Bleibt zu hoffen, dass sich Tramelay nicht an |537|sie erinnert. Falls nötig, werde ich ihnen eine neue Identität geben müssen, so lange, bis Ihr Eure Pflichten erfüllt habt.«
Gero war aufgesprungen und näherte sich ungläubig. »Was meint Ihr mit Pflichten?«
»Kraft meines Amtes entlasse ich Euch unverzüglich in die Freiheit und entbinde Euch auf alle Zeiten von den Verpflichtungen des Ordens, wenn Ihr zuvor eine Mission erfüllt.«
Nun war auch Struan hinzugekommen und schaute Montbard prüfend an. »Was kommt denn jetzt?«, fragte er mit rauer Stimme. »Ein Pakt mit dem Teufel?«
»Nein«, widersprach Montbard und hielt nach der Wache Ausschau. Mit einem kurzen »Hey« rief er den jungen Bruder herbei. »Hast du nichts anderes zu tun?« Allein sein Blick duldete keinen Widerspruch, und der Mann verschwand augenblicklich hinter dem nächsten Pfeiler.
»Ein Pakt mit dem Himmelreich«, flüsterte Montbard. »Habt Ihr schon einmal etwas vom Kelch von Askalon gehört?«
»Alleine deshalb sind wir hier«, gestand Gero.
Montbard gab sich erstaunt über diese Offenbarung. »Und ich dachte, Ihr seid wegen der beiden Frauen hier? Hertzberg hat jedenfalls nichts von einem Kelch gesagt.«
»Hertzberg und seine Auftraggeber wissen nichts von dem Kelch.«
In kurzen Zügen berichtete Gero, was er im Jahr 2005 im Lac d’Orient gefunden hatte, und sprach von ihrer Hoffnung, im Hier und Jetzt nicht nur Antworten, sondern auch die Erlösung aus ihrer Knechtschaft in der Zukunft zu finden, so, wie es die Legende um den Kelch versprach.
»Ihr habt den Kelch tatsächlich in Händen gehalten?« Montbard hielt mit seiner Überraschung nicht hinter dem Berg. »Das bedeutet, er wird in den Besitz des Ordens gelangen. Und warum seid Ihr seiner Botschaft nicht gefolgt?«
»Wie hätte das geschehen sollen?«, fragte Gero. »Erstens hatte ich keine Gelegenheit, die Vision zu vertiefen, und zweitens hätte man uns nicht lange genug aus den Augen gelassen, um unbeobachtet vom Ort unserer Knechtschaft fliehen zu können. Ihr habt offensichtlich keine Ahnung, über welche Möglichkeiten die Menschen zu Beginn des zweiten Jahrtausends verfügen.«
Montbard nickte bedächtig. »Doch, ich ahne es – Rona und Lyn haben |538|mir so viel Wissen vermittelt, dass meine Vertrauten und ich uns eine Vorstellung davon machen konnten. Schade, dass wir diese Kenntnisse nicht so ohne weiteres für unsere Zeit anwenden können.«
»Nun – dann wisst Ihr auch, dass sie tausend unsichtbare Augen haben und sogar vom Himmel aus alles überwachen, was sich bewegt. Der Gedanke, dass ihnen die Wirkungsweise des Kelches durch mein unbedachtes Handeln zuteilwerden könnte, hat mich von einem Alleingang in der Zukunft abgehalten. Deshalb haben meine Kameraden und ich unsere ganze Hoffnung in diese Reise und nicht zuletzt in Euch gesetzt, in dem festen Glauben, dass Ihr und der Hohe Rat uns helfen könntet, unsere missliche Lage zu verbessern, in die wir nach unserer Ankunft im Jahr 2004 geraten sind.«
»Ich muss Euch leider enttäuschen«, antwortete Montbard mit Bedauern im Blick. »Ich befürchte, Gott der Herr hat Euch entsandt, damit wir das Geheimnis des Kelches zusammen lüften. Ohne unser gemeinsames Handeln, mein junger Bruder, wird es kaum möglich sein, den Kelch eines Tages in einem See in der Champagne zu entdecken.«
»Soll das heißen«, Johan sah Montbard fassungslos an, »erst wir sollen den Kelch für Euch finden?«
»Nicht finden«, verbesserte Montbard ihn. »Wir wissen aus sicheren Quellen, dass der Kelch in der Schatzkammer des Wesirs von Askalon verborgen sein soll. Die Fatimiden haben bei all ihrem Tand, den sie besitzen, anscheinend nicht die geringste Ahnung, welcher Schatz sich hinter ihren Mauern verbirgt. Deshalb wäre ›in Sicherheit bringen‹ die bessere Formulierung. Bisher hatten wir keine Gelegenheit, dorthin vorzudringen. Aber durch die Belagerung von Askalon mit Balduin und seinen Verbündeten spitzt sich die Lage langsam zu. Wir müssen dafür sorgen, dass der Kelch während der Kampfhandlungen weder in christliche noch in fatimidische Hände gerät, und wenn man berücksichtigt, dass Ihr den Kelch schon in Händen gehalten habt, müsste es wohl zu schaffen sein, ihn zu sichern und herauszuholen.«
Montbard hüstelte und vergewisserte sich noch einmal, dass er mit den Gefangenen alleine war. »Man sagt, er habe magische Kräfte und seine Weisungen führen direkt zum Geheimnis der Bundeslade. Ich muss Euch nicht sagen, dass dies das Zentrum der göttlichen Macht bedeutet.«
»Bei allem Respekt, Meister André, wir wissen, um was es hier geht«, |539|erklärte Gero und schaute in die Runde seiner Kameraden, die ihm mit einem Nicken zustimmten.
»Dann wisst Ihr vielleicht auch, dass wir mit unserem Interesse an dem Kelch nicht alleine dastehen. König Balduin, der Großmeister der Templer und Königin Melisende sind seit Jahren daran interessiert, dieses Geheimnis zu lüften. Dafür ist ihnen jedes Mittel recht. Unsere Aufgabe ist es, am Ende die Bundeslade und deren Inhalt vor diesen machthungrigen Narren in Sicherheit zu bringen, denn ihr Auffinden könnte, wenn wir den Überlieferungen Glauben schenken wollen, ebenso gut den Weltuntergang bedeuten, wenn sie in falsche Hände gerät«, erklärte Montbard.
»Das heißt, wir müssen Tramelay und den Rittern des Königs zuvorkommen?« Gero taxierte ihn aus schmalen Lidern.
»Aber wenn die historischen Aufzeichnungen in der Zukunft wahr sind, werden Tramelay und seine Leute beim Angriff auf die Festung sterben«, fügte Struan tonlos hinzu. »In noch nicht einmal zwei Wochen. Die Fatimiden werden sie köpfen und an der Wehrmauer aufhängen.«
»Und wir werden mit ihnen draufgehen, wenn Tramelay uns zwingt, ihm zu folgen.« Johan schüttelte missmutig den Kopf. »Oder denkt Ihr, wir sollten Tramelay und seine vierzig Brüder vor dem Angriff warnen, indem wir eine geheimnisvolle Weissagung vornehmen und ihnen von dem Sturm abraten?« Der Flame grinste fatalistisch, was seine Brandnarben noch furchterregender aussehen ließ.
»Gott bewahre«, erwiderte Montbard. »Das würde ihn in seinem Glauben, dass Ihr Ketzer und Zauberer seid, erst recht bestärken.« Er schüttelte den Kopf. »Nein, im Gegenteil. Ihr werdet Tramelay und den König darin bestärken, die Festung zu nehmen. Auch wenn es sich nicht gerade brüderlich anhört, es ist die einzige Chance für Euch, unerkannt dort hineinzugelangen und den Kelch vor allen anderen an Euch zu nehmen. Und es ist meine einzige Chance, mit Eurer Unterstützung zukünftig als Großmeister zu regieren. Ohne diese Wendung wüsste ich nicht, wie ich die Welt tatsächlich zu einem besseren Ort machen könnte, so, wie es Rona und Lyn von Beginn an geplant hatten.«
»Denkt Ihr nicht, das alles sei bereits vorherbestimmt?« Geros Blick verriet seine Verwunderung darüber, dass Montbard den bevorstehenden |540|Tod des jetzigen Großmeisters und seiner Kameraden offensichtlich eiskalt ins Kalkül zog, um seine eigenen Karriereüberlegungen voranzutreiben. Und dass er es für möglich hielt, dass es anders kommen könnte, falls sie nicht eingreifen würden.
»Ich ahne, was Ihr und die anderen Brüder von mir denkt«, fuhr Montbard unbeeindruckt fort. »Aber ich halte die Zukunft für veränderbar, auch wenn es bisher keine Anzeichen dafür gibt. Deshalb wähle ich lieber den sicheren Weg, wenn er sich bietet. Ich sehe keine andere Möglichkeit, zu verhindern, dass Tramelay und König Balduin in den Besitz des Kelches gelangen. Was durchaus geschehen könnte, wenn den beiden der erste Angriff entgegen allen Prophezeiungen gelingt.«
Gero gab seine Zustimmung, indem er kaum merklich nickte.
»Und was ist, wenn wir den Kelch in Händen halten? Hat Melisende uns nicht freigekauft, weil sie den Kelch und das damit verbundene Geheimnis für sich gewinnen möchte?«
»Melisende ist ein reizvolles, kluges, aber auch herrschsüchtiges Weib. Sie hat nicht begriffen, dass die alten Zeiten nie wiederkehren.« Montbard lächelte freudlos. »In früheren Zeiten ging es ihr um die Zukunft Jerusalems und der Menschen, die in ihrem Königreich leben. Dabei kam es ihr nicht darauf an, ob es Christen, Juden, Sarazenen oder Mischlinge waren. Nun will sie sich am liebsten an all jenen rächen, die ihrem Sohn geholfen haben, sie so schändlich zu entmachten. Sosehr ich sie früher als Königin verehrt habe …« Er zögerte einen Moment, bevor er weitersprach. »Ich halte nichts davon, sie unter dieser Voraussetzung in Gottes größte Geheimnisse einzuweihen. Sollten wir Erfolg haben, werden wir ihr sagen, die Mission sei misslungen, der Kelch auf nicht nachvollziehbare Weise verschwunden. So einfach ist das.«
Gero schlug zögernd in Montbards geöffnete Hand ein – mit überkreuzten Armen, so wie es bei den Templern noch in den nächsten einhundertfünfzig Jahren Sitte sein würde, wenn man einen brüderlichen Pakt besiegeln wollte.
»Noch eins«, sagte der angehende Großmeister, und seine Augen nahmen einen verschwörerischen Ausdruck an. »Melisende vertraut mir, oder sagen wir, sie tut jedenfalls so. Sie weiß nichts über Ronas und Lyns Herkunft, geschweige denn über deren Auftrag und deren Fähigkeiten. Sie denkt immer noch, dass sie mongolische Prinzessinnen |541|sind, die sie und ich vor dem Harem des Emirs von Damaskus gerettet haben. Also kein Wort über die wahren Hintergründe. Auch was Euch betrifft. Zu niemandem.«
»Worauf ich Euch mein Wort und das meiner Männer gebe«, erklärte Gero feierlich.
»Habt Ihr eine Ahnung, Beau Sire, was sich – über die biblischen Prophezeiungen hinaus – wahrhaftig hinter der Lade verbirgt?«
Struan ehrte Montbard überraschend mit der Anrede des Großmeisters, schrammte jedoch mit seiner Frage knapp an der Häresie vorbei.
Montbard reagierte mit Nachsicht. »Tut mir leid, mein schottischer Bruder, Euch enttäuschen zu müssen«, sagte er leise. »Es handelt sich um ein unvergleichliches Mysterium, für das es keine Sprache gibt. Aber glaubt Ihr ernsthaft, ich würde Euch in eine beinahe aussichtslose Schlacht schicken, wenn ich mir nicht absolut sicher wäre, dass es sich lohnt, diesen Schatz zu erbeuten, weil uns allein damit Gottes Güte und Größe offenbar werden kann?«
Gero hatte sich hinter Matthäus gestellt und ihm eine Hand auf die Schulter gelegt. »Und wie soll es jetzt weitergehen? Heißt das, wir erhalten unsere Chlamys zurück und tun, als wäre nichts geschehen?«
»Ich werde den Kerkermeister beauftragen, zunächst Eure Ketten aufzuschlagen. Danach nehmt ein Bad und lasst Euch vom Drapier Eure Chlamys und Eure Ausrüstung zurückgeben«, sagte Montbard. »Nach der Frühmesse treffen wir uns am bronzenen Haupttor von al-Aqsa. Danach haben wir in den Gemächern des Großmeisters eine Zusammenkunft mit Tramelay. Nur er kann Euch offiziell wieder in den Stand eines Ordensritters erheben.«
Gero hatte ganz andere Sorgen, als von Tramelay wieder als Templer akzeptiert zu werden. Seit Anselm von seiner Flucht aus Askalon berichtet hatte, dachte er an nichts anderes mehr als an Hannah. Die Angst, dass ihr etwas Grausames zugestoßen sein könnte, machte ihn schier verrückt. Dass es Struan und Johan nicht anders erging, war ihnen anzusehen. Aber niemand sprach mit Montbard darüber. Wie hätte man dem alten Templer auch erklären sollen, dass sie inzwischen aufgrund all der seltsamen Umstände ihr Gelübde gebrochen und geheiratet hatten? Umso mehr lockte die Aussicht darauf, schon bald von höchster Stelle aus dem Orden entlassen zu werden, und zwar |542|sobald sie Montbards Auftrag erfüllt hatten. Vom Kelch, der ihnen vielleicht neue, unergründliche Möglichkeiten würde bieten können, einmal ganz abgesehen.
Es musste Gottes Fügung sein, dachte Gero, als er sich vergegenwärtigte, dass sie nun ausgerechnet jene Festung angreifen sollten, in denen Hannah, Freya und Amelie gefangen gehalten wurden. An den fahrigen Blicken seiner Brüder erkannte er, dass sie wie er vor Aufregung vergingen, noch bevor man sie von ihren Ketten befreit hatte.
Nach einem kurzen, eiskalten Bad übergab der Gehilfe des Drapiers jedem von ihnen Unterwäsche, Hosen und einen gestärkten, weißen Habit. Auch ihre Stiefel erhielten sie zurück, dazu die von Staub und Schmutz gereinigte Chlamys mit dem roten Kreuz auf Rücken und Schulter. Kettenhemden und Waffen würde man ihnen später geben.
Anselm und Matthäus lehnten dankend ab, als man sie in die braunen Einheitsgewänder der Knappen stecken wollte. Ihnen war durchaus erlaubt, ihre eigene Kleidung zu tragen.
Berengar von Beirut warf den ungeliebten Ankömmlingen missbilligende Blicke zu, als sie mit Montbard die Treppen zum ersten Stock im Refektorium neben al-Aqsa hinaufstiegen.
Gemeinsam mit dem Großmeister betraten sie wenig später dessen persönliche Gemächer. Dass Anselm und der Junge immer noch bei ihnen waren, beunruhigte Gero. Am liebsten hätte er die beiden zu Arnaud in die Herberge geschickt, doch Montbard hatte angedeutet, dass sie leider Teil der Verhandlungen gewesen waren und somit nicht einfach verschwinden konnten.
Tramelay und seinem Seneschall, Peter de Vezelay, war anzusehen, dass ihnen die Entwicklung der letzten Stunden gehörig die Laune verdorben hatte. Die bereits zum Tode verurteilten Brüder nun mit dem in Templerkreisen umstrittenen André de Montbard empfangen zu müssen, anstatt sie am Galgen baumeln zu sehen, widersprach ihrem Verständnis von den ordenseigenen Statuten. Das Urteil des Kapitels konnte nur in absoluten Ausnahmefällen zurückgenommen werden, schon gar nicht gegen Geld.
Die Begrüßung durch Gero, der für seine Männer als Sprecher fungierte, fiel korrekt, aber frostig aus.
Tramelay reagierte nicht weniger eisig. »Ihr habt gehört, was André de Montbard Euch zu sagen hatte. Ihr habt es der Großzügigkeit unserer |543|Königin zu verdanken, dass Ihr vorerst am Leben bleibt. Dafür werdet Ihr uns in die Belagerung von Askalon folgen. In der kommenden Woche ist eine Großoffensive geplant, in der ich Euch an vorderster Front sehen möchte.«
Gero entging nicht, dass Tanner unruhig wurde, und auch Anselm schien sich zu fragen, was die Aussage des Großmeisters für ihn bedeutete.
»Ist es möglich, dass ich meinen jungen Knappen bei André de Montbard zurücklassen kann?«, fragte Gero und strich Matthäus über die blonden Locken. »Er ist den Krieg noch nicht gewöhnt. Ebenso wie mein treuer Waffenknecht, der noch nie im Outremer gekämpft hat und sich zunächst einmal an das Klima gewöhnen muss.«
»Oh …«, frozzelte Tramelay mit höhnischem Lächeln und sah sich bestätigungsheischend nach seinen zwei Mitstreitern um. »Hat man so etwas schon gehört. Seit wann befinden wir uns hier in einem Hospital?« Plötzlich zog er wütend die Brauen zusammen. Mit einem unterkühlten Blick zu Montbard fuhr er fort: »Melisende hat einen Haufen Geld für diese Männer bezahlt, angeblich, weil sie das Wohl ihres Sohnes im Blick hat. Von verzärtelten Waffenknechten und bockigen Knappen war nie die Rede!« Er schnaubte verdrossen. »Entweder alle oder keiner!« Mit einem düsteren Blick streifte er Struan, der breitbeinig dastand.
»Bevor ich’s vergesse«, sagte Tramelay und bedachte Struan mit einem süffisanten Grinsen. »Auf den da müssen wir ja auch schon verzichten, weil die Königin sich für ihr vieles Gold einen stattlichen neuen Bettvorleger gewünscht hat.«
»Was soll das bedeuten?« Struan zog seine schwarzen Brauen zusammen und ergriff ohne Erlaubnis das Wort.
»Du wirst in den Palast abkommandiert«, erwiderte Tramelay scharf. »Und dort unterstehst du bis auf weiteres dem Befehl der Offiziere des Heiligen Grabes, die die Palastwache stellen. Verstanden?«
Montbard, der sah, dass der Schotte kurz davor war, sich zu vergessen, fasste Struan am Arm und nickte versöhnlich. »Es tut mir leid«, sagte er schlicht. »die Abmachungen gelten als getroffen und sind von den Schreibern bereits vertraglich festgehalten worden. Die Königin ist bekannt dafür, dass sie bereits geschlossene Verträge niemals revidiert. Wir können es uns nicht erlauben, sie zu verärgern.«
|544|Gero sah, wie Struan schluckte. Ihm ging es um die Rettung von Amelie, und dafür würde er notfalls fahnenflüchtig werden.
»Und was ist mit dem Jungen?« Gero versuchte, nicht allzu verzweifelt zu klingen. »Er könnte bei Struan bleiben und ihm als Knappe dienen.«
Er wollte sich nicht vorstellen, Matthäus in eine Schlacht mitzunehmen, bei der bereits feststand, dass sie mindestens vierzig tote Templer fordern würde.
»Den Jungen behalten wir hier in unserer Obhut«, erklärte Tramelay. »Als Unterpfand, auf dass Ihr Eure Pflichten uns und dem Orden gegenüber anständig erfüllt.«
Montbard trat hervor und fasste Matthäus bei der Schulter. Dann zog er den verängstigt dreinblickenden Jungen an sich und hielt ihn fest. »Wenn du erlaubst, Bruder, werde ich mich um ihn kümmern, bis Ihr Euren Sieg errungen habt. Sollte die Geschichte nicht zu Eurer Zufriedenheit verlaufen, bekommt ihr ihn wieder und könnt mit ihm verfahren, wie es Euch beliebt. Ich gebe Euch mein Wort als Bruder und Templer.«
»Was gilt das Wort eines Mannes, der schon mehreren Gefangenen des Ordens zur Flucht verholfen hat?«
»Tut mir leid, Bruder« erwiderte Montbard mit Unschuldsmiene. »Ich kann dir nicht folgen.«
»Denke nicht, ich wäre ein Idiot.« Tramelay hob warnend die Hand und wanderte langsam um Gero und seine Leute herum. »Ein Vöglein aus dem Hospital hat mir gezwitschert, dass dem alternden Begleiter, den die Brüder bei ihrer Ankunft dabeihatten, die Flucht von seinem luxuriösen Krankenlager gelungen ist, noch bevor er geheilt werden und das Kapitel über ihn Gericht halten konnte. Schließlich war er bei den ungeheuerlichen Taten der Ritter dabei.« Tramelay kniff die Augen zusammen. »Ein anderes Vögelchen berichtete, dass die beiden falschen Nonnen, die in Wahrheit immer noch mongolische Prinzessinnen sind, gar nicht mehr in Sankt Lazarus weilen, sondern dem Alten zur Flucht verholfen haben.« Sein Tonfall war schneidend.
Montbard hingegen setzte die reinste Spielermaske auf.
»Davon weiß ich nichts«, log er. »Was den Alten betrifft, so werde ich auch ihn gerne für dich im Palast aufnehmen, sobald er mir über den Weg laufen sollte. Zu den beiden Frauen habe ich, seit sie in Sankt |545|Lazarus ihr Gelübde als fromme und keusche Schwestern abgelegt haben, keine Verbindung mehr. Ich …«
»Ich kann dich nur warnen«, fuhr Tramelay ihm zynisch ins Wort. »Unser Orden und ich stehen mit dem jungen König im Bunde. Er besitzt mehr Macht über die Barone, als das Geld seiner Mutter je kaufen könnte. Solltet ihr uns täuschen, landen nicht nur diese fünf hier am Galgen, auch deine Tage wären gezählt.«
»Ich kümmere mich um den Jungen, es wird ihm an nichts fehlen«, versprach Montbard und klopfte Gero auf die Schulter, als er sich von ihm und seinen Männern vor al-Aqsa verabschiedete. »Und auch Eure Freunde werde ich unter meinen Schutz nehmen.« Gero und seine Brüder waren zu ihren Unterkünften befohlen worden, um sich auf die Abreise mit dem Hauptcorps nach Gaza vorzubereiten. Der Gedanke, den Jungen und den Schotten einem ungewissen Schicksal überlassen zu müssen, beunruhigte ihn.
Matthäus klammerte sich zum Abschied mit Tränen in den Augen an seinen Herrn. Gero küsste den Jungen auf die Stirn und sprach ihm leise Mut zu. Montbard hatte ihn gewiss nicht aus Mitleid zu sich genommen, sondern auch weil er befürchtete, Tramelay und seine Leute könnten ihn nach der Herkunft seiner Herren ausfragen, was bisher Gott sei Dank noch nicht geschehen war.
»Macht Euch keine Sorgen, Bruder Gerard«, fügte Montbard leise hinzu. »Ich werde Hertzberg, den Jungen und auch die beiden Frauen mit Melisendes Hilfe nach Nablus bringen und sie dort in deren Palast verstecken, bis ich Großmeister bin.«
Schließlich ließ Montbard die Brüder auf dem Tempelberg zurück. Mit Struan MacDhoughaill, der sich als Melisendes persönlicher Beschützer beim Kommandeur vom Orden des Heiligen Grabes melden sollte, und dem eingeschüchterten Jungen eilte er auf Schleichwegen zur Herberge, immer darauf bedacht, dass ihnen niemand folgte.
Als sie gemeinsam die Kammer betraten, in der Khaled und die anderen auf sie gewartet hatten, brandete Montbard mit der Nachricht »Sie sind vorerst gerettet« eine Woge der Erleichterung entgegen. Nachdem Arnaud de Mirepaux den Schotten mit einer überschwänglichen Umarmung begrüßt hatte, fiel sein Blick auf Matthäus. »In Gottes Namen, wie kommst du denn hierher?«, rief er ihm entgegen |546|und kniete sofort vor ihm nieder. Dann herzte er den Jungen so sehr, dass dieser nach Atem rang.
Unterdessen erzählte Struan die ganze Geschichte. Wie gewöhnlich verzog der Schotte keine Miene, als er von Anselms und Matthäus’ Schicksal berichtete und erzählte, warum und wie sie hierhergekommen waren und was womöglich ihren drei Frauen widerfahren war.
Montbard begriff, dass die Ritterbrüder ihm nicht alles erzählt hatten. Anscheinend hatten sie in der Zukunft mit dem Orden längst abgeschlossen, ansonsten wären sie nicht gegen die Regeln eine Ehe eingegangen. Der Anblick von Khaled und Lyn, die immer noch eng umschlungen neben der Tür standen, stimmte den alten Templerrecken milde, bei dem Gedanken, dass die Liebe sich nicht selten gegen die Ordensregel ihre eigenen Wege bahnte. Er kam zu dem Schluss, dass es ihm ohnehin nicht zustand, über die moralischen Qualitäten von Brüdern zu urteilen, die offiziell noch nicht einmal geboren waren.
»Also gibt es hier noch ein weiteres Problem«, bemerkte er knapp und kniff seine Lippen zusammen, als er in die Runde schaute.
»Und wie soll es jetzt weitergehen?« Rona war die Unruhe anzusehen, die sie angesichts der Tatsache empfand, dass Tramelay über ihre Flucht informiert war. In dieser Beziehung passte sie gut zu dem provenzalischen Templerbruder, der immer noch bei dem Jungen hockte und den sie kaum aus den Augen ließ.
»Es war die Grundlage ihrer Freilassung, dass Gero von Breydenbach und seine Brüder für Tramelay und den König bei der Eroberung von Askalon kämpfen«, erklärte Montbard und ließ die Geschichte mit dem Kelch zunächst unerwähnt. »Ansonsten hätte der Großmeister der Aufhebung des Urteils nicht zustimmen können.«
»Das bedeutet – das Todesurteil wurde abgewendet, um durch ein neues ersetzt zu werden?« Arnaud de Mirepaux schaute ihn ungläubig an. »Was ist, wenn sie den Angriff nicht überleben? Oder Balduin den Templern zuvorkommt? Und was wird aus Hertzberg und dem Jungen?«
»Hertzberg und Matthäus sind sozusagen Geiseln des Ordens«, warf Struan unvermittelt ein. »Wenn unsere Brüder Tramelay den Gehorsam verweigern oder er sie der Spionage überführt, wird er an den beiden Rache üben.« Sein Blick streifte Montbard. »Oder habe ich den Großmeister und Euch falsch verstanden?«
|547|»Und was ist mit uns?« Arnaud war aufgesprungen. Seiner kämpferischen Haltung war anzusehen, dass auch seine Geduld am Ende war.
»Macht Euch keine Sorgen!«, versuchte Montbard zu beschwichtigen. »Lasst uns unsere Beratungen in meine Gemächer im Palast verlegen. Dort sind wir auf jeden Fall vor Tramelays Spionen sicher, und ich kann Euch die Hintergründe meiner Pläne in Ruhe erklären.«
Eine Stunde später fanden sie sich in Montbards Gemächern wieder.
Hertzberg und der Junge sollten an der Besprechung nicht teilnehmen, weil Montbard befürchtete, dass Tramelay sie unter der Folter nach Einzelheiten befragen könnte. Der Professor protestierte zunächst, als er von einem Diener zusammen mit Matthäus in ein Nachbarzimmer komplimentiert wurde, doch Montbard hatte den längeren Atem und schloss hinter ihm die schwere Zedernholztür. Im Besprechungszimmer forderte er die Anwesenden auf, an dem großen Tisch Platz zu nehmen, und klärte sie über seine Pläne auf, die er mit Gero abgesprochen hatte, mit der strikten Auflage, auch gegenüber der Königin zu schweigen.
»Ich hätte nicht gedacht«, bemerkte Arnaud am Ende der Unterredung, »dass es in Wahrheit Euch und all den anderen nur um den Kelch geht. Dann war sozusagen alle Hoffnung umsonst, dass Ihr uns weiterhelfen könnt, die Bundeslade zu finden.«
»Nein«, sagte Montbard. »Wir werden uns verbünden und nach dem Auffinden des Kelches das Geheimnis gemeinsam enträtseln.«
Der graubärtige Templer hatte indessen noch einen ganz anderen Plan, in den er auch Melisende zum Teil einweihen musste, weil sie in der ganzen Angelegenheit eine zu wichtige Rolle spielte.
Melisende zeigte sich überrascht, als sie hinzukam, so viele Menschen und neben Khaled vor allem Rona und Lyn unter den Anwesenden vorzufinden.
Montbard erklärte ihr die Zusammenhänge unter Auslassung aller spektakulären Hintergründe. Dass Arnaud jener Bruder war, dem die Flucht vor der unrechtmäßigen Verhaftung gelungen war und dass er dabei eher zufällig auf Lyn und Rona gestoßen war, die ihn in seiner Not zu Montbard geführt hatten. Dass Ioveta davon ebenso wenig Kenntnis erlangen durfte wie Tramelay, verstand sich von selbst. Leicht hätte man den Lazarus-Orden der Mithilfe beschuldigen können, |548|wenn herauskam, dass sie Arnaud gepflegt und ihm zur Flucht verholfen hatten. Das klang selbst für Melisende logisch und hielt sie von weiteren Fragen ab.
»Am besten verschweigst du deiner Schwester unsere kleine Unterredung, falls sie sich in der Sache überhaupt an dich wendet«, schlug Montbard diplomatisch vor.
Melisende schien im Moment sowieso vollkommen andere Prioritäten zu setzen. In erster Linie interessierte sie der Kelch. Deshalb reagierte sie wie erwartet aufgeschlossen, als Khaled im Auftrag Montbards vorschlug, zusammen mit Arnaud und Struan eine eigene Truppe, getarnt als sarazenische Sklavenhändler, nach Askalon zu führen, um möglichst noch vor Gero und Tramelay an den Kelch zu gelangen.
»Ganz nebenbei«, erklärte er harmlos, »müssen wir die Schwestern der hier anwesenden Templer aus den Klauen Malik al-Russaks retten.«
Melisende warf ihm einen misstrauischen Blick zu. »Wie kommt es, dass ausgerechnet deren Schwestern in die Gewalt des Wesirs geraten sind und warum hat al-Russak noch kein Lösegeld verlangt?«
Khaled zuckte mit den Schultern. »Wahrscheinlich weiß er gar nicht, wen er da beherbergt.«
»Sie waren auf einer Pilgerfahrt nach Jerusalem, wo sie mit ihren Verwandten zusammentreffen wollten. Unterwegs sind sie von Sarazenen geraubt und als Sklavinnen an die Fatimiden verkauft worden«, fügte Montbard mit treuem Blick hinzu.
Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten, dachte Khaled und lächelte insgeheim, als er in Melisendes grünen Augen erkannte, wie sie ins Grübeln kam, ob sie den Ausführungen der Männer vertrauen konnte.
»Es beruhigt mich mein Freund«, sagte sie schließlich zu Khaled »dass du nicht allein reisen willst.« Sie rang sich ein Lächeln ab, das in Wahrheit nichts anderes besagte, als dass sie ihm von Grund auf misstraute. »Bruder André und ich müssten uns ansonsten sorgen, dass du den Kelch am Ende alleine für dich beanspruchen würdest. Immerhin könnten Muhammad Ibn Buzurg und deine Brüder in Masyāf auch etwas damit anfangen. Oder?« Ihr provozierender Blick wanderte zu Montbard, der sich nicht anmerken ließ, ob er ähnliche Befürchtungen hegte.
»Gut möglich«, erwiderte der Templer mit einem Lächeln. »Damit niemand von uns übervorteilt wird, möchte ich unserem jungen Nizâri |549|eben jene zwei Templer an die Seite stellen, die uns treu ergeben sind und zudem ihre ganz eigenen Interessen hegen, indem sie ihre Schwestern befreien möchten. Wir sollten dieser bewährten Allianz vertrauen.« Er schaute von Khaled zu Melisende, dann von Struan zu Arnaud. »Ohne Khaled wäre ein solcher Einsatz nicht durchführbar. Nur er kennt sich in Askalon und Umgebung aus und beherrscht die Sprache der Fatimiden wie ein Einheimischer. Und die anderen beiden werden ihm jenen Geleitschutz bieten, den er für eine solch gefahrvolle Reise benötigt. «
»Wenn das so ist …« Melisende zwinkerte dem gewaltigen, schwarzhaarigen Schotten lächelnd zu. »… habt ihr meinen Segen.«
»Unser Dank sei Euch gewiss, Hoheit.« Struan war bemüht, seine Erleichterung zu unterdrücken. Khaled entgingen die Tränen der Rührung nicht, die er in seinen schwarzen Augen wegblinzelte. Dem Schotten und seinem provenzalischen Gefährten würde die Rettung der Frauen tatsächlich weitaus wichtiger sein als der Kelch. Also hatte Khaled alle Zeit der Welt, seine Beute, wenn sie ihm denn in die Hände fiel, unauffällig verschwinden zu lassen.
»Und wer sollte Euch als Ware dienen, wenn Ihr als Sklavenhändler auftreten wollt?«, fragte Rona – wie immer leicht aggressiv und nicht gerade unterwürfig.
»Was wollt Ihr damit sagen, meine Liebe?« Melisende zog verärgert die Stirn in Falten. Sie ließ sich nicht gern in ihre Pläne hineinreden, schon gar nicht von diesen beiden Mongolinnen, die sich nicht demütig an einmal getroffene Abmachungen hielten und ihr von Beginn an suspekt erschienen waren.
»Ich will damit sagen, dass Lyn und ich uns als Sklavinnen anbieten werden.
Wir sind auch die Einzigen, die dadurch freien Zugang in den Harem erhalten, und somit werden wir Khaled und die beiden Templer bei ihrem Vorhaben, in die Festung zu gelangen, um die drei Frauen zu retten, eine strategisch überzeugende Unterstützung bieten können.«
»Seid ihr verrückt?«, entfuhr es Khaled. »Das ist viel zu gefährlich!« Verdammt, die beiden Schwestern konnte er bei dieser Geschichte nun wirklich nicht gebrauchen. Sosehr er Lyn liebte und sie nur ungern zurückließ, bis er seine Mission erfüllt hatte. Natürlich wollte er nach dem Diebstahl des Kelches hierher zurückkehren, jedoch nicht, bevor |550|er das Geheimnis um die Lade gelüftet hatte. Erst danach würde er Lyn zu sich holen und sie und ihre Schwester davon überzeugen, dass es besser war, nach Masyaf zu den Nizâri-Brüdern zu fliehen, um den Ruhm ihrer Entdeckung zu ernten, als weiterhin auf das Wohlwollen eines alternden Templers und einer launischen Königin angewiesen zu sein.
»Ach ja?« Rona warf ihm ein provozierendes Lächeln zu. »Und du denkst, die Wachen von Askalon lassen euch so einfach in ihre Festung marschieren.«
»Das kann niemand im Voraus sagen«, gab Khaled vorsichtig zurück.
»Was ist, wenn man euch gefangen nimmt und zu den anderen Frauen sperrt oder nach Ägypten verkauft?« Natürlich wusste er, über welch übernatürliche Kräfte die beiden verfügten und dass sie, was Kampfgeist und Schnelligkeit betraf, es leicht mit jedem Krieger aufnehmen konnten. Trotzdem hatte er Angst, dass Lyn bei der Sache etwas zustoßen konnte. Wenn ihre Absichten von den Fatimiden entdeckt würden und man sie schnappte, stünde ihnen eine grausame Bestrafung bevor. Allein der Gedanke, sich innerhalb der Festung von den beiden Frauen trennen zu müssen, verursachte ihm Herzklopfen.
Melisende, die nichts von den geheimnisvollen Kräften der beiden wusste, sah die Sache mit einem Mal offenbar in einem ganz neuen Licht. Ihr zustimmendes Lächeln zeugte von ihren boshaften Gedanken. Ihre Sorge um Rona und Lyn hielt sich in Grenzen – dagegen war ihr Interesse, vor allem Lyn irgendwie loszuwerden, nicht von der Hand weisen.
»Im Grunde habt ihr recht«, bestätigte sie Ronas Einwand, ohne Khaled Beachtung zu schenken. »Sklavenhändler ohne Sklaven wirken äußerst unglaubwürdig, und mit Eurem Aussehen öffnet Ihr den dreien garantiert sämtliche Tore.«
Khaleds Miene verfinsterte sich, aber wenn er ehrlich war, musste auch er Ronas Überlegungen zustimmen.
»Gut«, beschied Rona. »Wann brechen wir auf?«
Montbard wurde plötzlich das Gefühl nicht los, dass Melisende und er nicht die Einzigen waren, die es auf den Kelch abgesehen hatten. Neben Khaled war nun auch noch Rona hinzugekommen, die darin ihre ganz eigenen Möglichkeiten erkannte, eine Veränderung ihres Schicksals herbeizuführen. Montbard hatte sich oft genug anhören |551|müssen, dass die beiden nicht länger in dieser Abhängigkeit leben wollten, und dann war da noch Lion, ihr Auftraggeber in der Zukunft, den sie nicht vergessen hatten und der irgendwo in unglaublichen tausend Jahren Entfernung auf seine Erlösung hoffte.
Melisendes Augen glitzerten verräterisch. »Ich werde Euch eine Karawane zusammenstellen lassen«, erklärte sie großzügig. »In spätestens drei Tagen seid Ihr abmarschbereit. Bis dahin erteile ich Euch Ausgangsverbot und ordne von nun ab absolutes Stillschweigen an. Tramelay und Balduin dürfen von diesem Unternehmen auf keinen Fall erfahren.«
»Um was geht es hier eigentlich?« Hertzberg schaute konfus in die Runde, als Montbard ihn nach der Besprechung im Nebenzimmer aufsuchte.
»Um unsere und eure Zukunft«, antwortete er dem Alten und lächelte vieldeutig. »Ihr bleibt mit dem Jungen in meiner Obhut, bis die anderen zu uns zurückkehren«, beruhigte er ihn.
Plötzlich war sich Arnaud nicht mehr sicher, ob hinter Montbards lauteren Absichten nicht in Wahrheit kühle Berechnung stand. Vielleicht wusste er längst, was sich hinter dem Kelch verbarg, und schickte alle, die ahnten, dass es da etwas gab, das den göttlichen Charakter in seiner Reinheit offenbarte, absichtlich in die Hölle, um das Geheimnis ganz alleine für sich zu behalten.
Die letzte Nacht im Jerusalemer Hauptquartier der Templer war überaus hart gewesen. Zum einen waren sie dreimal geweckt worden, um an der Messe teilzunehmen. Zum anderen brachte Gero die Sorge um Hannah und den Jungen um den Schlaf.
Johan hatte im Traum nach Freya gerufen, auch ihm war anzumerken, dass er sich große Sorgen um ihr Wohlergehen machte.
Zudem stand Anselm und Tanner die Unruhe über das, was ihnen bevorstand, ins Gesicht geschrieben und beunruhigte sie. Die ganze Nacht über hatten sie sich auf dem Eimer abgewechselt, um sich zu erleichtern.
Tramelay und seine Kommandeure hatten angeordnet, dass sämtliche Templer, die unter Waffen standen, am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang das Haupthaus in Richtung Blanche Garde verlassen mussten. |552|Um sechs saßen Gero und seine Männer vollständig angekleidet in einem wattierten Unterwams, Kettenhemd, Lederhose und Überrock im Refektorium, wo sie mit dreißig anderen Brüdern schweigend das Frühessen einnahmen. Tanner fluchte leise, weil ihm schon beim ersten Bissen Brot der Schweiß auf der Stirn stand, und kassierte prompt den bösen Blick eines Kaplans, der während des Essens aus der Heiligen Schrift las. Diener servierten den üblichen Haferbrei, dazu reichten sie Datteln, getrocknete Feigen und Ziegenkäse.
Kurz bevor Gero, Johan, Tanner und Stephano ihre Pferde besteigen durften, erhielten sie Kettenhose, Schuhe und Sporen. Am Ärmelabschluss baumelten Fäustlinge aus feinen Kettenringen, und jeder vernünftige Mensch konnte sich vorstellen, dass der Stahl bei vierzig Grad im Schatten und fünfzig in der Sonne, wenn man keine Lederhandschuhe darunterzog, Brandblasen verursachte. Zuletzt legten sie die weiße Chlamys an, um das Kettenhemd vor der Sonne zu schützen. Erst danach erhielten sie ihre Waffen. Für jeden einen Schwertgurt und einen Anderthalbhänder sowie einen Streitkolben, eine Axt, einen schwarzweiß bemalten Schild aus Eichenholz und eine Lanze.
Anselm wurde angewiesen, als Waffenknecht seinen Herren zur Hand zu gehen.
Tanner kämpfte mit seinem Equipment und mit seinem rabenschwarzen Hengst, auf den sich die Unruhe des Reiters übertrug, der es nicht einmal schaffte, seine Lanze in die Halterung am Sattel zu schieben. Noch bevor sie zum Haupttor hinausgeritten waren, hatte er mit der Stange drei Brüder beinahe aus dem Sattel gehoben.
»He, pass doch auf, du Trottel!«, zeterte Tramelay und drohte Tanner einen zehn Meilen langen Fußmarsch an, wenn er Pferd und Lanze nicht umgehend in den Griff bekommen sollte.
Anselm hatte mehr Glück. Als Knecht hatte man ihm eine sanftmütige Stute gegeben. Trotzdem war ihm die Anstrengung anzusehen, und es dauerte keine fünfhundert Meter, bis ihm der Schweiß in Strömen übers Gesicht rann. Er musste sich einer Handvoll älterer Knappen anschließen, die einige schwerbeladene Maultiere beaufsichtigten.
Tramelay legte trotz der Hitze ein hohes Tempo vor. Bereits am Nachmittag wollte er Blanche Garde erreichen und am Tag darauf bis Gaza weiterziehen, weil dort König Balduin mit seinen Baronen und den Rittern des Patriarchen auf ihn wartete.
|553|Auch Anselm zog einen weiteren Maulesel hinter sich her, auf dem sich Schwerter, Helme und Schilde befanden. In Blanche Garde würden sie auf weitere Knappen und Pferdeknechte treffen, mit denen er die Verantwortung für die Ausrüstung teilen musste.
»Prächtige Aussichten«, murmelte Anselm, als er zu Gero aufschloss.
»Maul halten und zurück in die Reihe«, rief jemand hinter ihm.
Xavier de la Trenta, ein portugiesischer Untermarschall, erinnerte ihn an das Redeverbot und daran, dass man selbst in der niederen Reiterei eine klare hierarchische Ordnung einhielt. Das bedeutete, dass die Ritter zuerst in Zweierreihenaufstellung zu reiten hatten, dann folgten die Sergeanten im schwarzen Ornat, insgesamt waren es vier, gefolgt von den Knappen und Waffenknechten.
Stephano de Sapin zwinkerte Anselm aufmunternd zu, während sich Johan van Elk hoch erhobenen Hauptes an die Regeln hielt. Auch Tanner hatte sein Gleichgewicht wiedergefunden und sich an Geros Seite eingeordnet, obwohl man dem Amerikaner ansehen konnte, dass er am liebsten fahnenflüchtig geworden wäre.
Gegen Mittag erreichten sie Blanche Garde, eine trutzige Festung mit vier Rundtürmen, die sich farblich kaum von der karstigen Wüstenlandschaft abhob und erst vor wenigen Jahren von den Templern erbaut worden war.
Ein breites Tor führte ins Innere der Burg. Dass längst nicht alle hier lagernden Soldaten in die Festung passten, sah man an dem riesigen Feldlager, das die Burg mit unzähligen Rundzelten umgab. Überall waren die unterschiedlichsten Banner zu sehen, und der heiße Wind, der sie bewegte, trug den Gestank von Kot, Urin und Fäulnis über die Ebene.
»Absitzen!«, brüllte de la Trenta stellvertretend für seinen Großmeister, als sie den Hauptzugang des Lagers erreichten. Zugleich machte er klar, dass sie an diesem Ort nur eine Nacht verbringen würden, bevor es weiterging in Richtung Gaza, wo die Templer eine weitere Burg besaßen und von wo aus man den Hauptangriff auf Askalon plante. Mit wenigen Worten wies er die Neuankömmlinge in die örtlichen Gegebenheiten ein. Rechts vom Hauptpfad lagen die Mannschaftsunterkünfte der Templer. Ein ortskundiger Bruder würde ihnen ein Feldbett zuweisen. Die heilige Messe fand sonntags in der Festungskapelle |554|statt, doch das würde sie nicht mehr betreffen, weil sie vorher nach Gaza aufbrechen mussten. Die übrige Zeit hatte ein jeder Ritter selbst dafür zu sorgen, dass er die Stundengebete einhielt.
»Sieh zu, dass deine Männer ausreichend zu trinken bekommen«, mahnte der Portugiese Gero. Tramelay hatte ihm gegenüber behauptet, sie seien blutige Anfänger, erst vor wenigen Wochen aus der kalten Heimat gekommen. »Die Neuen sind immer die Ersten, die uns hier umkippen.«
Geros Kameraden hingen längst an den Wasserschläuchen, auch wenn der Inhalt alles andere als schmackhaft war.
»Denk dran«, erinnerte Tanner, als er sah, wie gierig Anselm die bitter schmeckende Brühe schluckte, »wir besitzen kein Antibiotikum mehr.«
»Was bleibt mir übrig«, erwiderte Anselm resigniert. »Entweder sterbe ich an der roten Ruhr oder an Austrocknung. Wundert mich, dass ich überhaupt pissen muss.« Suchend sah er sich nach den Latrinen um.
»Der Abort ist dort drüben«, erklärte ihm Gero und zeigte zwischen den Zelten auf eine Grube, wo bereits andere hockten und ihr Geschäft unter dem Ansturm unzähliger Fliegen im Freien erledigten.
»Ich sehe schon«, murrte Anselm, »mit größeren Geschichten warte ich lieber, bis es Abend wird.«
De la Trenta wies ihnen den Weg zum Verpflegungszelt, wo Knappen unter einer Zeltüberdachung gelbe Kichererbsensuppe aus großen Eisenkesseln und ein Stück Brot in Holzschalen an Ordensritter, aber auch an andere Bedürftige verteilten. Doch zunächst mussten die Neuangekommenen ihre Pferde und Maultiere füttern und tränken. »Das Tier steht immer an erster Stelle«, mahnte de la Trenta, bevor er sich zu den Offiziersunterkünften verabschiedete.
Auf dem Weg zurück von den Stallungen, wo sie ihre Pferde zur Nacht eingestellt hatten, kamen sie an den Lazarettzelten vorbei.
Der Anblick der Schwerverletzten setzte ihnen gehörig zu. Obwohl die von Balduin III. organisierte Versorgung durch griechische, jüdische und arabische Ärzte ungleich besser war als die von den üblichen christlichen Scharlatanen, sorgten die aufgeplatzten, eiternden Wunden und die unter reichlich Opiumgabe amputierten Gliedmaßen sogar bei Gero für Übelkeit. Wohin er auch blickte, sah er abgetrennte Arme und Beine, aufgeschlitzte Leiber, zertrümmerte Gesichter.
|555|Tanner kommentierte hier und da die Möglichkeiten zur Heilung, die eine zukünftige Medizin ihnen bieten würde, wenn ein Sanitätsteam seiner Armee zur Verfügung stünde.
Johan reagierte entnervt. »Wir befinden uns aber nicht in deiner Zeit«, stieß er verärgert hervor. »Falls wir jemals zurückgelangen, kannst du Tom anweisen, dass er moderne Ärzte und entsprechende Gerätschaften schickt.« Gero spürte, wie sehr der Zustand der Verwundeten seinen Brüdern ans Herz ging. Ein markerschütternder Schrei riss ihn aus seinen Gedanken.
Fast gleichzeitig schauten er und die anderen in eine weiter entfernte Gasse des Lagers. Von einem Freiplatz, umgeben von den aufgepflanzten Bannern des Heiligen Grabes, wehte ihnen der unangenehm süßliche Geruch von verbranntem Fleisch entgegen. Ein Haufen augenscheinlich betrunkener Ritter des Patriarchen hatten einen nackten Sarazenen an Armen und Beinen gefesselt zwischen zwei hohen Pfählen aufgespannt, als wäre er eine abgezogene Tierhaut, die man zum Trocknen aufhängt. Bei näherer Betrachtung wurde klar, dass die Peiniger den Wehrlosen mit glühenden Eisen traktierten. Bevor der Geschundene sich von der letzten Attacke erholte, näherte sich sein Folterknecht mit dem glühenden Metall einer Lanze und befragte ihn auf Latein. Doch der Mann reagierte nicht auf dessen Befragung. Entweder weil er nichts verstanden hatte oder weil er vor Schmerzen beinahe ohnmächtig war. Den Folterknecht interessierte das jedoch nicht. Gezielt berührte er den Hoden des Mannes mit der glühenden Spitze einer Lanze. Ein weiterer, markerschütternder Schrei hallte von den Festungsmauern wider, quer über das riesige Lager und mischte sich mit dem Gemecker von Ziegen, dem Blöken von Kamelen, dem Gewieher von Pferden, gebrüllten Befehlen, fränkischen Saufliedern und dem Keifen von Marketenderinnen. Außer dem Folterknecht schien sich niemand für die Leiden des Sterbenden zu interessieren.
Anselm, der Gero nicht von der Seite wich, war ganz bleich im Gesicht. »Wir sind da in eine verdammte Scheiße reingeraten? Habe ich recht?«
»Wenn es nicht um Hannah und die Frauen ginge«, raunte Gero ärgerlich, »würde ich Montbard und seinen Kelch zum Teufel jagen und sofort hier verschwinden.«
Plötzlich tauchte Tramelay vor ihnen auf und stellte sich ihnen in |556|den Weg. Stiernacken und Stirn trieften vor Schweiß. Die kalten, graugrünen Augen des Großmeisters fixierten Gero und seine Männer. »Ich beobachte Euch«, raunte er böse. »Niemand kann mir weismachen, dass Ihr nicht doch mit dem Teufel im Bunde seid. Ebenso wie Euer Beschützer Montbard und seine Bande von Namenlosen, die keiner von uns je zu Gesicht bekommen hat. Fühlt Euch nur nicht zu sicher, jetzt, wo er weit genug weg ist«, knurrte er, die rechte Hand demonstrativ auf den Knauf seines Schwertes gelegt. »Niemand hat von uns verlangt, dass Ihr diese Schlacht überleben müsst.«
»Dann sind wir ja ausnahmsweise einer Meinung«, erwiderte Gero kühl. »Denn das Gleiche möchte ich auch von Euch behaupten.«
Gero wollte einen Bogen um Tramelay und seine zwei Bewacher machen, die wie zwei Kettenhunde in ihrer weißen Chlamys neben ihm standen, doch der Großmeister packte ihn beim Arm und hielt ihn auf.
»Nehmt Euch in Acht, Bruder Gerard!«, zischte er. »Sonst sorge ich dafür, dass Euer Gerippe schon bald in der Sonne bleichen.«
»Ihr habt da etwas falsch verstanden«, erwiderte Gero mit einem boshaften Grinsen. »So, wie ich gehört habe, wird die vollständige Summe von Königin Melisende erst gezahlt, wenn wir heil zu ihr zurückgekehrt sind.«
»Was nicht bedeutet, dass Ihr nicht durch die Hand eines Sarazenen fallen dürft«, erwiderte Tramelay mit einem gehässigen Grinsen.
Gero setzte seinen Weg fort und gab den anderen ein Zeichen, dass sie ihm zu den Mannschaftsunterkünften folgen sollten.
»Hundesohn!«, rief Tramelay ihm nach. »Wenn das alles vorbei ist, werde ich dich persönlich zu Strecke bringen!«
Stephano sah Gero fragend an, nachdem Tramelay hinter der nächsten Biegung verschwunden war.
»Wen meint er mit Bande von Namenlosen?«
»Ich denke«, führte Gero vorsichtig aus, »es ist seine Bezeichnung für den Hohen Rat des Tempels, dem Montbard auch nach seiner Entmachtung immer noch vorsteht. Anscheinend hat selbst Tramelay diesen elitären Kreis der ältesten Templer bisher noch nicht zu Gesicht bekommen.«
»Denkst du, sie existieren tatsächlich?« Auch Johan interessierte sich für die Hintermänner des Ordens.
»Natürlich, Henri d’Our war schließlich auch einer von ihnen«, versicherte |557|ihm Gero mit einem spöttischen Lächeln. »Oder glaubst du tatsächlich, Montbard will den Kelch für sich selbst?«
André de Montbard hatte persönlich dafür gesorgt, dass Melisendes Vorbereitungen so unauffällig wie möglich verliefen. Als die Karawane aus zwei Kamelen und drei Araberhengsten am späten Nachmittag des nächsten Tages abmarschbereit in der Nähe des Davidstors stand, hätte niemand vermutet, dass ihre fünf Reiter keine arabischen Kaufleute waren. Schon gar nicht, dass sich zwei Frauen unter ihnen befanden. Rona und Lyn hatten sich als Männer verkleidet, und diese Verkleidung wollten sie so lange aufrechterhalten, bis sie in der Nähe von Askalon angelangt waren.
»Ihr müsst nicht nur Räubern und wilden Tieren trotzen«, gab Montbard den beiden Frauen mit seinen letzten Instruktionen zu bedenken, die er der ungleichen Truppe in Anwesenheit der Königin in seinen Gemächern erteilte. »Im Umkreis von mehreren Meilen um Askalon patrouillieren Balduins Kreuzritter auf der Jagd nach Heckenschützen und versprengten Kampftruppen des Wesirs. Sie foltern und töten jeden, der in den Verdacht gerät, zu Malik al-Russaks Verbündeten zu gehören.«
»Hinzu gesellen sich die eigentlichen Sklavenhändler«, bemerkte Khaled leise, »die wie Wolfsrudel aus dem Nichts auftauchen und bei ihren Beutezügen die Unterstützung der muslimischen Bevölkerung nutzen, wie Anselm uns anschaulich berichtet hat.«
»Ohne deren Hilfe wäre es den Schurken wohl kaum möglich gewesen, den Belagerungsring der Franken zu durchbrechen«, erklärte Melisende, durchaus von mütterlichem Stolz erfüllt, was die Leistung der Heere ihres Sohnes betraf.
»Ihr werdet euch absolut unauffällig bewegen müssen«, mahnte Montbard mit Blick auf Khaled, der die Truppe anführen sollte, »damit ihr bei der pro-fatimidischen Landbevölkerung im Grenzgebiet zwischen Ägypten und der Grafschaft von Gaza kein Misstrauen erregt.«
»Die Fatimiden besitzen wie alle Sarazenen ein gutes System von Spähern«, bestätigte Khaled die Überlegungen des alten Templers. »Sowohl die Männer al-Russaks als auch die Banden der Sklavenhändler und Diebe sind durchaus in der Lage, jede noch so kleine Bewegung der Franken zu registrieren. Außerdem sind ihre Brieftauben exzellent |558|darauf abgerichtet, jede auch noch so heikle Nachricht an den richtigen Ort zu überbringen.« Khaled schaute prüfend in die Runde. »Bis hierher alles verstanden?«
Arnaud und die anderen nickten stumm.
»Gut«, sagte Montbard und erhob sich. Damit gab er das Zeichen zum Aufbruch. »Khaled übernimmt das Kommando, Bruder Struan bildet die Nachhut. Ich habe dafür gesorgt, dass euch Äxte, Streitkolben und Schwerter in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen. Darüber hinaus erhält jeder von euch den schnellen Bogen eines Turkopolen mit Pfeilen für zweihundert Schuss.« Er lächelte zuversichtlich. »Wenn ihr gut seid, könnt ihr damit schon einigen Schaden anrichten, bevor euch jemand zu nahe tritt, der euch ans Leben will.«
Auf dem Weg hinaus fragte sich Arnaud, ob er dem Assassinen wirklich über den Weg trauen konnte. Die Königin tat es jedenfalls nicht, sonst hätte sie Khaled auch alleine nach Askalon schicken können. Bei Montbard war er nicht sicher, was der Templer tatsächlich im Schilde führte. Vielleicht hatte er wirklich Mitleid mit Hannah, Freya und Amelie, obwohl er sie doch gar nicht kannte.
Draußen wunderte sich Arnaud, wie anpassungsfähig Rona und Lyn auf ihre Umgebung reagierten. Von weitem sahen sie allein wegen ihrer Größe wie Männer aus. Sie trugen den gleichen Turban aus langen, schwarz gefärbten Leinenschals, mit deren unterem Ende sie Kinn, Mund und Nase bedeckten. Beigefarbene Hosen, Kaftane und kniehohe Stiefel ergänzten das trügerische Bild eines männlichen Beduinen. Routiniert erklommen sie ihre Kamele und machten es sich im Sattel bequem, bevor der Diener den Tieren den Befehl gab, sich zu erheben.
Arnaud schwang sich gleichzeitig mit Struan und Khaled auf einen der Araberhengste und neigte sein Haupt vor Montbard und der Königin, bevor er kurz die Hand zum Abschied erhob und dann seinen Hengst zum Davidstor hinaustrieb. Auch Struan grüßte Montbard und die Königin ein letztes Mal. Nur Khaled verzichtete auf jegliche Abschiedsgeste und blickte noch nicht einmal zurück, nachdem er die Spitze des Trupps übernommen hatte.
Im Grunde hatte Arnaud nichts dagegen einzuwenden, dass Khaled, obwohl er kein Christ war, die Führung übernahm. In seiner Familie hatte es schließlich auch Sarazenen gegeben. Aber dieser hier war kein |559|gewöhnlicher Muslim. Er war Assassine – und diese Sorte von Sarazenen hatte zu Arnauds Zeiten einen ausgesprochen schlechten Ruf genossen. Als Meuchelmörder, Frauenschänder, kurz – Satansbrut.
Dass die Königin sich vor Khaled fürchtete, war Arnaud nicht entgangen.
Khaled hasste sie, weil sie laut Lyn eine Mitschuld an seinem grausamen Schicksal trug. Aber galt seine Abneigung dann nicht auch den übrigen Christen? Wobei … Rona und Lyn waren gar keine Christen, sie waren … Sie glaubten an nichts. Und auf wessen Seite sie sich schlagen würden, wenn es zu Kämpfen zwischen Christen und Sarazenen kam, durfte erst noch abgewartet werden.
Khaled führte sie bis zum frühen Morgen quer durch Judäa über Hochebenen und hinein in flache Täler, immer bemüht, die vielen kleinen Dörfer zu umgehen.
Bei einer Rast am Abend wagte Arnaud, dem Assassinen eine Frage zu stellen. Sie hatten kein Feuer entzündet, aber der Mond war hell genug, dass er den Umriss seines markanten Gesichts erkannte. »Wo hast du gelernt, dich so gut an den Sterne zu orientieren?«
»Einem Nizâri wird so etwas in die Wiege gelegt«, erwiderte Khaled, während er die Pferde aus dem Wasserschlauch versorgte.
»Bedeutet das, alle Assassinen können sich von Geburt an am Sternenhimmel orientieren?«
»Das kann ich dir nicht sagen«, entgegnete Khaled düster und verschnürte den Schlauch. »Ich kenne nur die Bruderschaft der Nizâri.«
»Dann bist du also gar kein Assassine«, beeilte sich Arnaud zu sagen. »Ich hatte keine Ahnung …«
»Aber davon mehr als genug…« Khaleds Augen funkelten verräterisch, als er den Schlauch zur Seite legte und seinen Gebetsteppich nahm, der ihn ständig begleitete und den er nun auf den steinigen Boden legte.
»Was?« Arnaud glaubte sich verhört zu haben. Er packte Khaled am Arm und riss ihn herum. »Was denkst du eigentlich, wen du hier vor dir hast?«
»Einen nichtsahnenden Ungläubigen.«
Khaled störte sich nicht an Arnauds empörtem Schnauben. Mit einem Ruck befreite er sich aus dessen Umklammerung und kniete nieder, um in aller Seelenruhe Allah zu preisen.
|560|Doch Arnaud packte noch einmal zu. Einen Moment später stürzte er zu Boden, und Khaled saß über ihm und hielt ihm einen Dolch an die Kehle. »Wag es nicht, mich noch einmal bei meinen Gebeten zu stören«, zischte der Assassine ihm zu.
»Lass ihn los!«, befahl eine dunkle Stimme. Struan drückte Khaled die Spitze seines Anderthalbhänders ins Genick.
»Was soll das werden?« Plötzlich tauchte Rona hinter ihm auf, gefolgt von ihrer Schwester. »Seid ihr noch klar im Hirn, oder hat euch die Sonne eure Synapsen verschmort?«
»Was?« Khaled schaute irritiert auf und ließ seinen Dolch sinken.
Lyn warf einen Blick auf ihr Armband. »Unkontrollierter Adrenalinanstieg und ein erhöhter Testosteronspiegel.« Seufzend schüttelte sie den Kopf.
Khaled stieg schnaubend von Arnaud ab, der sofort aufsprang und eine kampfbereite Haltung einnahm.
Khaled ignorierte ihn mit abweisender Miene, nahm seinen Teppich und ging ein Stück weiter.
»Worüber habt ihr euch gestritten?«, wollte Rona von Arnaud wissen.
»Offenbar stört es ihn, dass ich ihn als Assassinen bezeichnet habe.«
»Du hast ihn einen Assassinen genannt?« Lyn schenkte ihm ein mitleidiges Lächeln. »Ich glaube, es gibt kaum etwas, auf das er heftiger reagiert.«
Rona schüttelte verständnislos den Kopf. »Wie sollen wir in der Festung mit den Fatimiden fertig werden, wenn ihr jetzt schon gegeneinander antretet?«
Bis sie den nächsten Rastplatz, eine alte Ruine aus byzantinischer Zeit, erreichten, war die Stimmung reichlich gedrückt. Niemand sagte ein Wort, als Khaled sie in eine verfallene, aus riesigen Steinblöcken erbaute Festung führte, zwischen deren geborstenen Deckenpfeilern der Morgenhimmel hervorschimmerte. Lyn pflückte ein paar Feigen von einem uralten Baum.
Khaled versicherte sich mit einem Rundgang, dass niemand sonst hier sein Lager aufgeschlagen hatte. Erst danach befahl er, die Tiere anzubinden. An einer Klärung des Streits schien er nicht interessiert zu sein.
Arnaud half Rona, die Gepäckstücke in die Ruine zu tragen und die |561|Tiere hinter zwei großen Terpentinbüschen zu verstecken. Danach suchte er sich einen Platz direkt neben Rona.
Khaled machte es sich unterdessen mit Lyn neben einem gewaltigen Steinquader gemütlich. Einzig der Schotte stand draußen und starrte in die Nacht. Er hatte sich bereiterklärt, die erste Wache zu übernehmen.
Arnaud erhob sich noch einmal, um vor den Mauern hinter einem Busch seine Notdurft zu verrichten. Er wollte sich gerade niederlassen, als ein Dolch durch die Luft sauste und in bedenklicher Nähe zu seinem Hinterteil im sandigen Untergrund stecken blieb. Erschrocken sprang er auf und schaute sich hektisch um. Dann sah er, wie Khaled mit einem selbstzufriedenen Lächeln auf ihn zuschritt.
»Du Hurensohn!«, blaffte Arnaud ihn an und wollte schon auf ihn zustürmen, als Khaled eine abwehrende Haltung einnahm.
»Vielleicht blickst du erst mal zurück, bevor du mich in tausend Stücke zerreißt?«
Irritiert schaute Arnaud auf jene Stelle, wo nun eigentlich seine Exkremente liegen sollten. Als er sich bückte, um das zusammengerollte, bräunliche Etwas näher zu betrachten, begriff er, in welcher Gefahr er sich befunden hatte.
»Eine Sandviper«, bestätigte Khaled seine schlimmsten Befürchtungen.
»Sie schleicht sich an, ohne eine Geräusch zu machen. Ein einziger Biss, der übrigens ziemlich schmerzhaft sein soll, und du wähnst dich in der Hölle.«
»Hab Dank.« Arnaud hielt seinen Blick immer noch auf die an sich harmlos wirkende Schlange gerichtet, in deren Kopf der Dolch steckte.
Als er aufblickte, lächelte Khaled. »Glaubst du mir jetzt, mein ungläubiger Bruder, dass ich dir und deinem Kameraden nichts Böses will?«
Arnaud ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand. »Meine Großmutter gehörte selbst zu den Sarazenen«, bekannte er in fließendem Arabisch. »Obwohl ich zugeben muss, auch sie hat mir erzählt, dass deinem Volk ein miserabler Ruf anhängt.«
»Und womit begründete sie diese Ansicht?« Khaled begleitete ihn ein Stück auf dem Weg zur Ruine, dabei schaute er Arnaud interessiert in die Augen.
»Soweit ich mich erinnere, werden deine Leute in einigen Jahren einen neuen Anführer gewinnen. Ihm wird es gelingen, eure Stämme |562|zu einem einzigen zu vereinen. Auch er wird nicht damit aufhören, Morde an hochrangigen Herrschern anzuordnen. Nicht nur andersgläubige Sarazenen, auch ein paar Christen werden darunter sein. Das macht den Leuten Angst. Ist doch verständlich, oder?«
Khaled war stehen geblieben. Er wirkte nachdenklich. »Und was wird sein, wenn wir den Kelch finden? Wenn wir das Geheimnis der Lade entdecken? Wird dann alles gut werden? Die Alten sagen, dass eines Tages der Erlöser erscheinen wird. Sahib-ul-zaman – der Fürst der Zeit. Er wird die Lade besitzen und das heilige Schwert des Propheten. Er könnte die Völker vereinen. Den Frieden bringen. Hast du eine Ahnung, was das für die Menschheit bedeutet?«
»Allein Jesus ist im Stande, uns zu erlösen«, erklärte Arnaud mit bedächtiger Stimme.
»Und was ist, wenn es doch anders kommt und es uns mithilfe des Kelches gelingt, all das Unglück abzuwenden, von dem Lyn und Rona berichtet haben?« Khaled sprach leise und eindringlich. »Er könnte unser aller Seelen retten, auch die der Christen, verstehst du das nicht?«
Arnaud sah ihn aus schmalen Lidern an. »Wieso glaubst du, ausgerechnet ein Sarazene könnte dieses Wunder vollbringen? Denkst du, ihr könnt uns zu eurem Glauben bekehren? Willst du deshalb den Kelch für dich haben?«
»Du bist ein Narr«, schimpfte Khaled bedrückt. »Alle Christen sind Narren. Vielleicht mit Ausnahme von Montbard«, lenkte er ein. »Wenigstens machen er und seine eingeweihten Brüder keine Unterschiede zwischen Christen, Sarazenen und Juden. Ganz im Gegensatz zu Tramelay und seinen Rittern, die ihm wie Lämmer in eine Schlacht folgen, die nicht zu gewinnen ist.«
»Sprichst du vom Hohen Rat der Templer, wenn du Montbards Vertraute erwähnst?« Arnauds Interesse war geweckt. Der Hohe Rat war von Beginn an ein Mysterium des Ordens gewesen, zu dem herkömmliche Brüder keinen Zugang hatten. Selbst das Amt des Meisters war keine Garantie dafür, dass man im Rat der zwölf Weisen aufgenommen wurde. Montbard hatte bei allem Entgegenkommen gegenüber Gero und seinen Brüdern keine Anstalten gemacht, sie in die Geheimnisse der verborgenen Bruderschaft einzuweihen, obwohl man getrost davon ausgehen durfte, dass er der Kopf dieser Organisation war.
|563|»Deren Mitglieder sind über den halben Outremer und das Abendland verteilt«, erklärte Khaled. »Einige von ihnen sind längst verstorben, und ich weiß nicht, ob es angesichts Montbards schwindender Macht fähige Nachfolger gibt, die jenseits des eigenen Ruhms etwas bewirken wollen und können. Deshalb ist es fraglich, ob er und seine Getreuen überhaupt noch die Kraft haben, sich gegen das Schicksal zu stemmen und diesem Land weitere Kreuzzüge zu ersparen.«
Arnaud sah Khaled noch eine Weile hinterher, als der ohne weiteren Kommentar davonging, um zu Lyn in die Ruine zurückzukehren.
Mit einem leisen Seufzer verzog Arnaud sich wenig später hinter die schützenden Mauern, in die gleiche Ecke, wo Rona sich mit ihrem Gepäck ausgebreitet hatte. Zuvor schaute er unter jeden Stein, um sicherzugehen, dass sich dort weder Schlangen, Ratten oder Skorpione versteckten, vor denen sie Montbard eindringlich gewarnt hatte.
Gott sei Dank war alles in Ordnung.
Rona lächelte ihn einladend an, als er sich, eingerollt in seine Kameldecke, neben sie legte. Sie lag bereits auf dem Rücken, die Decke bis zur Nasenspitze hochgezogen, und verfolgte jede seiner Bewegungen mit Blicken. Sie so nah neben sich zu wissen ließ sein Herz höher schlagen. Ihr süßer Leib ging ihm seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf, seit sie sich vor ihm ausgezogen hatte.
»Woran denkst du?«, fragte sie ihn so unvermittelt, dass er sich vor Schreck verschluckte, weil er fürchtete, dass sie vielleicht sogar seine Gedanken lesen konnte.
»Ich denke an das, was Khaled zu mir gesagt hat«, log er.
»Was hat er denn gesagt?«
»Dass der Kelch und sein Geheimnis in der Lage sein könnte, die Zukunft doch noch zum Guten zu wenden.«
Sie schwieg einen Moment. »Du meinst, den großen Krieg zu vermeiden, der durch die verschiedenen Glaubensrichtungen ausgelöst wird?«
»Ist es das, was uns die Bilder in eurer Maschine gezeigt haben?«, fragte er leise.
Rona drehte sich zu ihm hin und sah ihm in die Augen.
»Du hast die Bilder gesehen? Wann?«
»Im Jahr des Herrn 1307, im Herbst, als ich eure Maschine zum ersten Mal erblickte und später, 2005, bevor wir auf diese Reise geschickt |564|wurden«, antwortete er zögernd. »Offenbar waren die Menschen zu dieser Zeit bereits auf dem besten Weg, ihre Welt zu vernichten.«
»Hertzberg hat uns angedeutet, dass sie durch unsere Prophezeiungen wissen, was in der Zukunft geschieht. Aber dass sie noch nicht wissen, was sie dagegen unternehmen können«, erklärte Rona. »Er sagte, sie haben all ihre Hoffnungen auf uns gesetzt. Das ist nach allem, was wir in den letzten fünf Jahren hier erleben mussten, nicht gerade ermutigend.«
Arnaud sah, dass Rona fror. Hastig befreite er sich von seiner Decke und breitete sie über sie und sich aus. Darunter ergriff er ihre kalten Hände und rieb sie zwischen seinen Fingern, bis sie warm wurden.
»Gott lenkt«, sagte er schließlich. »Das weiß doch jeder.«
»Und was macht der Mensch?«
»Ist es nicht so, dass wir alle Gottes Helfer sind?« Er rückte noch ein wenig näher an Rona heran, die sich auf die Seite gedreht und ihm ihr Gesicht zugewandt hatte. Es fehlte nicht viel, und ihre Nasen berührten sich. Ihr glattes, schwarzes Haar duftete nach Rosenwasser. Noch vor der Abreise hatten sie und ihre Schwester im Hamam der Königin ein Bad genommen.
»Wobei«, räumte er mit einem verlegenen Lächeln ein, »Gottes Helfer nicht unbedingt fehlerfrei sind und mitunter von finsteren Mächten geleitet werden.« Sein Daumen streichelte ihren Handrücken. Er grinste verlegen.
»Khaled könnte mit seinen Vermutungen recht behalten«, sagte sie leise und erwiderte Arnauds zärtliche Geste. »In den heiligen Schriften seiner Bruderschaft ist eine Abfolge von Ereignissen aufgezeichnet, deren Inhalt in beängstigender Weise den genauen Verlauf des zukünftigen Untergangs beschreibt. Die Parallelen zur Realität sind erschreckend.«
»Was steht darin?«
»Bevor die drei großen monotheistischen Religionen sich gegenseitig zerstören, wird es zu Machtveränderungen innerhalb der arabischen Staaten kommen. Das wird zu Aufständen führen, die wie ein Brandherd die gesamte Weltpolitik erfassen werden. Danach folgt ein Chaos wegen der am Boden liegenden Wirtschaft. Die Finanzwelt wird aus dem Gleichgewicht kippen und eine große Armut unter den Menschen verbreiten. Die verschlechterten Lebensumstände werden einen weltweiten Krieg auslösen. Am Ende dieser Schlacht sind sämtliche Großmächte |565|beteiligt, und die Weltordnung wird vollkommen zerstört. Danach werden Moral und Anstand unter den Menschen verschwunden sein, allein die Profitgier wird regieren. Es wird weder Freunde noch Feinde geben. Nur noch Herrschende und Beherrschte.«
»Das klingt ja wie die Apokalypse des Johannes«, flüsterte Arnaud und erschauerte bei dem Gedanken.
»Bleibt zu hoffen«, entgegnete Rona. »Dass diese Bundeslade hält, was sich alle erhoffen. Ansonsten haben wir ein echtes Problem.«
Arnaud näherte sich ihrem Gesicht so weit, dass er ihren Atem auf seinen Lippen spürte. »Das würde bedeuten, es gibt doch einen Gott, der alles lenkt.«
»Es würde bedeuten«, erwiderte sie leise, »dass deine Theorie von einer dem Menschen übergeordneten göttlichen Instanz, die sämtliche Zeitabläufe bestimmt und diese deshalb von Menschenhand nicht umkehrbar sind, zutreffen würde. Es hieße aber auch, dass wir durch diese Instanz vollkommen fremdbestimmt wären und nichts selbst steuern können, weil wir alle eine Stimme im Ohr hätten, die uns sagt, was als Nächstes zu tun ist. Im Umkehrschluss wäre diese Instanz dann aber auch für all unsere Sünden zuständig. Ob du sie Gott nennst, Allah oder das Universum, spielt dabei keine Rolle.«
»Du bist eine Ketzerin, das ist dir hoffentlich klar.« Arnaud bemühte sich um Strenge im Blick, was ihm angesichts ihres Lächelns, mit dem sie ihn versöhnlich stimmen wollte, schwerfiel. »Und was wäre, wenn man sein von Gott gelenktes Schicksal letztendlich doch selbst bestimmen kann?« Er drückte ihre Hände noch ein wenig fester.
»Also du meinst ein Prinzip, das sich normalerweise ausschließt und trotzdem funktioniert, so wie Teilchen und Welle in der Quantenphysik?«, fragte sie und schaute ihn dabei an wie eine Schlange, die ihr Opfer betört. Arnaud verlor sich in ihrem rätselhaften Blick. Er hatte ihren Vergleich nicht verstanden. Sie erschien ihm um einiges klüger als er. Aber selbst wenn zwischen ihnen ein Gleichstand an Wissen bestanden hätte, so war er kaum fähig, in ihrer Nähe einen einzigen klaren Gedanken zu fassen.
»Meinst du vielleicht, wenn man etwas tut, das gegen alle Regeln verstößt, und gleichzeitig Gottes Segen erwartet?« Ohne noch weiter darüber nachdenken zu wollen, küsste er sie zart. Zu seiner Überraschung entzog sie sich nicht, was ihn ermutigte, noch einen Schritt weiterzugehen. |566|Er presste seinen leicht geöffneten Mund auf ihre vollen, noch unerfahrenen Lippen. Ihre Zunge berührte die seine, und Arnaud schoss schmerzhaft das Blut in die Lenden. Er zog sie fest zu sich heran und küsste sie mit ungezügelter Leidenschaft. Rona erwiderte seine Küsse mit der gleichen Begeisterung. Für eine Frau, die angeblich noch nie etwas mit einem Mann gehabt hatte, schmiegte sie sich unerwartet willig in seine Arme.
»Vergiss die Zeit«, sinnierte sie flüsternd an seine Lippen. »Lass uns die Gegenwart auskosten, bevor wir an ein Morgen denken, das eigentlich schon ein Gestern ist.«