Kapitel 20

Im Namen des Herrn

Juli 1153 – Gaza/Askalon

 

Der Harem war ein Paradies für Männer, nicht aber für Frauen, wenn man von schönheitsfördernden Maßnahmen, wie Massagen, heißen Bädern, und duftenden Ölpackungen einmal absah, von denen man im Palast von Askalon trotz des anhaltenden Belagerungszustandes durch die Christen offenbar nicht lassen wollte.

Den ganzen Tag über spielten ein paar junge Mädchen auf verschiedenen orientalischen Zupfinstrumenten oder schlugen ein Tamburin, was in Anbetracht der aussichtslosen Lage ziemlich nervtötend war.

»Wir werden alle sterben«, wisperte Amelie, als sie Agil, den rundlichen, stark geschminkten Obereunuchen, dabei beobachtete, wie er Elaine, ein hellhäutiges, schwarzhaariges Mädchen aus dem Land der Seldschuken, aus dem Frauengemach zerrte, um sie einem Gast des Wesirs für die Nacht anzubieten. Als sie sich am Ausgang zur Treppe, die zu Maliks Privatgemächern führte, immer noch widerspenstig zeigte, befahl er zwei Wachen, die draußen vor dem Tor dafür sorgten, dass niemand den Harem betreten oder daraus fliehen konnte, sie festzuhalten. Vor den Augen aller Frauen hob er ihren durchscheinenden Rock so weit an, bis sich ihr nackter, weißer Hintern zeigte. Agil spreizte mit |567|einer Hand ihre zierlichen Rundungen und rammte der jungen Frau den Knauf seines Lederstöckchens mit einem gezielten Stoß so hart in den Anus, dass sie mit einem schrillen Aufschrei zusammenfuhr. Beinahe allen Frauen, die Zeuge dieser brutalen Vorführung geworden waren, stand der Schock ins Gesicht geschrieben. Nur wenige wandten sich ab, ohne eine Regung zu zeigen, wahrscheinlich aus Angst, sie könnten die Nächsten sein. Während Agil den Stock im Innern seines Opfers hin und her bewegte, murmelte er etwas, das niemand verstand, worauf das vor Schmerzen winselnde Mädchen jedoch sogleich verstummte. Selbst nachdem er den Stock aus ihrem Hintern gezogen hatte, kam kein Laut mehr über ihre Lippen. Danach ließ Agil sie abführen.

Dass der Eunuch seine eigenen Methoden anwendete, die Frauen dieses Harems gefügig zu machen, stand außer Frage. Aber bisher war keine der Frauen so sehr von ihm misshandelt worden, dass es ihre Makellosigkeit beschädigt hätte. Was jedoch nicht bedeutete, dass manche der Sklavinnen nach einer anstrengenden Nacht ohne Blessuren zurückkehrten. Bisswunden im Hals- und Brustbereich und blaue Flecke an der Innenseite der Schenkel waren keine Seltenheit und führten dazu, dass die Mädchen von den übrigen Konkubinen eine Weile getrennt wurden, bis die Male verschwunden waren. Überhaupt gab es anscheinend einen Unterschied zwischen Frauen, die als Sklavinnen für jedermann gehalten wurden, und solchen, die ausschließlich dem Wesir vorbehalten waren.

»Wir können froh sein«, sinnierte Freya, »dass wir offensichtlich zu jenen gehören, die der Wesir für sich selbst reserviert hat. Allein das hat uns eine solche Behandlung bisher erspart.«

»Das haben wir ganz alleine deinem selbstlosen Einsatz zu verdanken.« Hannah lächelte Freya dankbar an. »Ich möchte mir nicht ausdenken, was geschehen wäre, wenn du Amelie nicht vor diesem Scheusal gerettet hättest.«

»Wer weiß, wie lange er sich mit mir zufriedengibt«, bemerkte Freya mit zweifelnder Miene. Hannah ahnte, dass der Wesir seine Vorlieben jederzeit ändern konnte. Im Gegensatz zu manchen jungen Frauen unter ihnen, die es offenbar als Ehre ansahen, wenn sie vom Herrscher für eine Nacht erwählt wurden, versuchten sich Hannah und Amelie möglichst unauffällig zu verhalten. Ihre langen Haare hielten sie konsequent unter einem Schleier verborgen, und sie steckten sich heimlich |568|Kissen unter die Kleidung, um möglichst unförmig zu wirken. Langes, kräftiges Haar von möglichst heller Farbe, eine grazile Gestalt und große Brüste erfreuten den Gebieter, wie es allgemein hieß. Man munkelte, dass der Wesir seine Frauen aussuchte, indem er sie, hinter einem Paravent versteckt, von der Balustrade aus beobachtete.

»Wenn seine Wahl auf mich fiele, könnte ich für nichts garantieren«, gab Hannah zu bedenken. »Außerdem bin ich schwanger und habe Angst, das Kind zu verlieren.« Besorgt war sie vor allem über die vielen grassierenden Krankheiten. Gegen Tuberkulose, rote Ruhr, Cholera und einiges mehr war in dieser Zeit kein Kraut gewachsen. Jeden Tag starben Menschen in ihrer neuen Umgebung an irgendwelchen Seuchen, die meist mit Durchfall, Fieber und rötlichem Ausschlag einhergingen. Erst gestern hatte man ein achtjähriges Mädchen zu Grabe getragen, von dem man nicht wusste, ob es vom Sumpffieber hinweggerafft worden war, was nichts anderes als Malaria bedeutete.

»Ich könnte nicht so abgebrüht sein wie du«, sagte Amelie an Freya gewandt. »Ich kann mir gar nicht vorstellen, mit einem anderen Mann als Struan das Lager zu teilen.«

»Was heißt hier abgebrüht?« Freya fühlte sich offenbar missverstanden und warf ihr einen schrägen Blick zu. »Denkst du, es macht mir Spaß, jede Nacht mit diesem selbstgefälligen Galan zu verbringen? Erst gestern hat er verlauten lassen, dass es ihn wegen der immer härter werdenden Belagerung durch die Franken nach weiteren Erben verlangt, die ihn überdauern, sollte er im Kampf fallen. Ich möchte doch bitte möglichst bald einen Sohn von ihm empfangen, der seine Kampfkraft mit meiner Schönheit vereint.« Sie schüttelte sich bei dem Gedanken. »Ich glaube, er hat wirklich etwas für mich übrig. Keine Ahnung, wie lange ich ihm noch die begeisterte Nebenfrau vorspielen kann.«

»Ich frage mich, wie du das alles verkraftest?« Hannahs mitleidiger Blick traf die rothaarige Begine aus tiefster Seele, aber Freya, die halbnackt auf einem Divan lag und sich von einer jungen Dienerin den Rücken massieren ließ, wischte die Bedenken mit einer Geste hinweg. »Solange die alte Wächterin mich mit Zitronensaft und Schwämmen versorgt, damit der Traum dieses Despoten nicht in Erfüllung geht, will ich mich nicht beklagen. Und was den Wesir betrifft, so habe ich schon weitaus schlechtere Kerle gehabt. Wenigstens weiß er, wie man mit einer Frau umgeht, damit sie auch ihren Spaß hat.«

|569|»Ist es das Gleiche wie mit Johan? Oder hast du ihn schon vergessen?« Amelie setzte eine missbilligende Miene auf. Sie hatte der Wächterin sofort klargemacht, dass sie eher sterben wollte, als sich einem Sarazenen hinzugeben.

»Hör zu, mein kleiner Blondschopf«, giftete Freya hinter vorgehaltener Hand. »Du hast es ganz allein meiner Großzügigkeit zu verdanken, dass der Wesir mich und nicht dich zu seiner Lieblingsfrau erkoren hat. Wenn ich mich ihm nicht angedient hätte, wärst du vielleicht diejenige, die demnächst sein Kind unter dem Herzen tragen soll. Mit ein bisschen Glück sähe es dann so aus wie Struan, und du könntet es später als seines ausgeben – falls du ihn je wiedersiehst.«

»Du bist grausam«, murmelte Amelie den Tränen nahe.

Hannah seufzte gereizt. Sie wusste, was in den beiden Frauen vorging. Tag und Nacht dachte sie darüber nach, ob es nicht vielleicht doch eine Möglichkeit gab, diesem Alptraum zu entkommen.

»Und wenn du es genau wissen willst«, schob Freya ärgerlich hinterher. »Es gibt niemanden, der mir Johan ersetzen könnte. Weder im Bett noch im Herzen. All das hier nehme ich auf mich, damit wir unsere Männer eines Tages lebend wiedersehen.«

»Wir sind alle vollkommen überfordert«, versuchte Hannah zu beschwichtigen. »Amelie hat bloß Angst wie wir alle. Glaub mir, Freya, wir wissen, was wir dir schuldig sind.«

Gegen Nachmittag entstand einige Aufregung im Harem, weil Adiba, die allgemein die Wächterin genannt wurde, in einer Wolke aus hellgrüner Seide hereinschwebte und von allen Anwesenden mit durchdringender Stimme Aufmerksamkeit forderte. Sie gab an, eine Liste verlesen zu müssen, auf der jene Frauen genannt wurden, die in den nächsten Tagen mit einem Schiff nach Ägypten in Sicherheit gebracht werden sollten.

Hannah war zu nervös, um richtig zuhören zu können, außerdem sprach Adiba Arabisch, was noch nicht einmal Freya verstand.

Erst auf Nachfrage übersetzte Adiba ihre Aufforderung in Latein.

»Der Wesir hat entschieden, die kostbarsten Blüten unter euch dem Kalifen von Kairo zum Geschenk zu machen, um ihn wohlgesinnt zu stimmen, damit er uns neue Schiffe und Truppen übersendet, um die Franken ein für alle Mal in die Flucht schlagen zu können. Also dürft |570|ihr euch glücklich schätzen, euren Gebieter bei seinem Sieg gegen die Ungläubigen unterstützen zu können.«

»Was soll das heißen?«, fragte Freya die Frau. »Sind wir dabei oder nicht?«

»Du nicht«, erwiderte Adiba mit einer gewissen Befriedigung im Blick. »Deine Freundinnen schon.«

Hannah hatte genug verstanden, um zu wissen, dass es brenzlig wurde.

»Was hat sie gesagt?« Amelie stand die nackte Panik in den Augen. »Werden wir getrennt?«

»Sie wollen euch nach Ägypten verschiffen«, erklärte Freya. »Ich werde versuchen, ob ich Malik becircen kann, damit wir zusammenbleiben können.«

Hannah spürte, wie sie den Boden unter den Füßen verlor. So rasch wie möglich suchte sie nach einer Sitzgelegenheit und ließ sich auf einem gepolsterten Hocker nieder. Ihr war das erste Mal wieder übel, seit sie von ihrer Schwangerschaft erfahren hatte.

»Euer Schiff geht in drei Tagen«, rief Adiba über die schwatzende Menge hinweg. »Bis dahin müsst ihr gezupft und rasiert, gebadet und geölt werden, dazu muss ich euch die passenden Kleider heraussuchen. Also, es ist keine Zeit zu verlieren, das Beste aus euch herauszuholen.« Sie klatschte in die Hände, während sie sich in Richtung Hamam entfernte.

»Drei Tage«, murmelte Hannah mit Blick auf Freya, der man ansehen konnte, dass sie fieberhaft nachdachte. »Sieh zu, dass du bei unserem Wesir tausendundeine Nacht daraus machst«, forderte sie ihre rothaarige Freundin mit einem freudlosen Lächeln auf.

»Wie soll mir das denn gelingen?«, gab Freya voller Entsetzen zurück. »In spätestens einer Woche müssen wir alle verschwunden sein«, fügte sie leise hinzu, »denn soweit ich mich erinnere, wird dann die Festung von den Templern erstürmt, und ich bin überzeugt, dass die Franken die Ersten sein werden, an denen die Fatimiden Rache üben werden.«

 

Eine weitere unruhige Nacht neigte sich ihrem Ende zu, als Gero und seine Männer noch vor Sonnenaufgang vom Horn des wachhabenden Lagerverwalters geweckt wurden. Johan erhob sich stöhnend und sprach hastig sein erstes Morgengebet. Schon seit geraumer Zeit |571|konnte er nicht mehr damit aufhören, sich zu kratzen. Ein geringschätziger Blick auf die verlauste, graue Pferdedecke entlarvte die Übeltäter. »Flöhe«, fluchte er laut.

»Warum sollte es dir besser ergehen als uns?«, rief ein dunkel gelockter Genueser, der sich bereits den Bart blutig gekratzt hatte.

»Sie suchen sich immer das zarteste Fleisch«, spottete ein blonder Hüne mit lothringischem Dialekt.

Gero warf Johan einen mitleidigen Blick zu, als der seine lange Unterwäsche hochkrempelte und seine rötlich behaarten Arme und Beine vorführte, die bald mehr Flohbisse aufwiesen als Sommersprossen.

Auch Tanner hatte es erwischt.

»Na prima«, schimpfte er, als er die kirschroten Flecken sogar unter seinen Armen entdeckte. »Übertragen Flöhe nicht die Pest?«

»Sei froh, wenn es keine Mücken sind«, gab Anselm zu bedenken. »Hab irgendwo gehört, dass hier früher die Malaria grassierte.«

»Was meinst du mit ‚früher‘?« Tanner schaute alarmiert auf.

»Na, jetzt«, antwortete Anselm und grinste schwach. »Fragt sich, was besser ist, oder?«

»Ihr macht euch zu viele Sorgen um die falschen Dinge.« Gero erhob sich, nur mit einer unbequemen Unterhose bekleidet, die in dieser Zeit üblich war, und reihte sich in die Schlange derer ein, die sich auf den morgendlichen Weg zur Latrine begaben. Das Waschzelt war primitiv und weder mit den Hamams der Sarazenen zu vergleichen noch mit dem Komfort, den er in Hannahs Welt kennengelernt hatte. Aber aus seinem alten Leben in der Komturei von Bar-sur-Aube war er nichts Besseres gewöhnt. Eine Katzenwäsche mit mehrfach genutztem Wasser über einem Bottich musste ausreichen, damit man hier draußen nicht total verdreckte.

Gero hatte die halbe Nacht kein Auge zugetan und dabei unentwegt an Hannah gedacht. Ob es ihr gutging und wie man sie und die anderen Frauen am schnellsten aus dieser Hölle befreien konnte. Mit Stephano de Sapin hatte er abwechselnd Wache geschoben, damit ihnen niemand etwas Belastendes unterschieben oder etwas antun konnte, während sie schliefen.

Schließlich teilten sie das Zelt mit etlichen anderen Templern, die Gero allesamt loyal genug erschienen, um Tramelays Befehle in die Tat umzusetzen.

|572|Nach der heiligen Messe, die für alle unter freiem Himmel stattfand, ging es zum Frühessen, und nachdem ein jeder sein Fladenbrot mit einem Becher verdünntem Wein hinuntergeschlungen hatte, gab Kommandeur de la Trenta seiner Rotte, wie eine unvollständige Formation von Reitern genannt wurde, den Befehl, das Gepäck zu sammeln und aufzusitzen. Danach ritt die Truppe in einen neuen, glühend heißen Tag hinein.

Askalon und die davorliegende Hügellandschaft hatten sie in südlicher Richtung weitläufig umrundet, als sie die weite Ebene hin zur ägyptischen Grenze erreichten. Ein trockener Wind stob über die steinige, kalkweiße Landschaft, die sich zum Meer hin in einem breiten ockerfarbenen Dünenstreifen absetzte. Im grellen Sonnenlicht wirbelten ein paar Staubhosen auf, hinter denen sich die weißen, erst kürzlich errichteten Türme der Templerfestung von Gaza erhoben. Manche der Ritter nannten den Ort auch Gadris, genau wie die Ruinenstadt, deren Trümmerfeld die trutzige, noch im Bau befindliche neue Templerbehausung umgab. Das Gelände war dem Orden vor eineinhalb Jahren von König Balduin zuerkannt worden, und erst vor ein paar Monaten hatte man mit dem Innenausbau der Festung begonnen; inzwischen war das Refektorium fertiggestellt worden. Auch ein Teil des Dormitoriums, das den Rittern als Schlafstatt diente, konnte als bewohnbar bezeichnet werden, wie de la Trenta betonte. Natürlich war alles noch nicht so, wie man es sich später einmal vorstellen wollte, aber der momentane Komfort reichte aus, um König Balduin III. und seinen Baronen als würdiger Befehlskopf in einer seit sieben Monaten währenden Belagerung zu dienen. Von hier aus würde man in wenigen Tagen das letzte Bollwerk der Fatimiden erobern, das wie eine dicke Eiterpustel am Hintern des Heiligen Landes saß, wie de la Trenta verächtlich hinzufügte. Askalon lag von Gaza etwa eineinhalb Stunden entfernt, und außer dem kristallklaren Meer, das die Festung wie eine Halbinsel umspülte, sah Gero in der Ferne die gewaltigen Belagerungsmaschinen, mit denen zurzeit wohl weit mehr Handwerker beschäftigt waren als mit der Aufschichtung der imposanten Kalksteinblöcke zur weiteren Befestigung der Burg Gaza.

Hinter den flirrenden Luftspiegelungen tauchten in der Ferne die Zinnen und zahlreichen mehrgeschossigen Häuser der letzten Sarazenenzuflucht auf. Wie Schwalbennester klebten die steinernen Aufbauten auf der Meeresseite am Felsen und verbanden sich mit der Schutzmauer, |573|die das Innere der Stadt und den Palast schützte. Gero bemerkte an Johans sehnsüchtigen Blicken, was in dem Flamen vorging und dass dessen Gedanken über die Mauern der feindlichen Fatimiden wanderten. Zu wissen, dass Hannah so nah war und doch so unerreichbar, brach Gero schier das Herz. Gern hätte er seinem Hengst die Sporen geben und wäre gegen die Mauern gestürmt, nur um sich selbst zu beweisen, dass er fähig war, die angeblich uneinnehmbaren Wälle allein mit der Kraft seiner Liebe zu sprengen. Dass dies eine ziemlich törichte Idee gewesen wäre, davon zeugten zwei Katapulte, die man bis auf achthundert Fuß an die Festung herangeschoben hatte und die anscheinend noch nichts hatten bewirken können.

Dass man bis zum Sieg lieber auf die Kraft des fließenden Blutes setzte, belegten die mit Männern und Waffen überfüllten, hohen Rundzelte mit Rittern und Söldnern aus aller Herren Länder. Mindestens dreitausend Krieger hatten sich in Gaza versammelt und noch mal zweitausend in Bayt Dschibril, einer Festung weiter südlich, auf der man nicht nur den Nachschub verwaltete, sondern auch ein weiteres Kommando der Hospitaliter für den Einfall aus dem Süden bereithielt. De la Trenta erwähnte beiläufig, dass Balduin und seine Verbündeten die Stadt von drei Seiten angreifen wollten.

Der portugiesische Kommandeur führte seine Truppe auf das gut zehn Meter hohe Spitzbogentor der Burg Gaza zu, in das man bereits eine eiserne Falltür eingebaut hatte. Deren Spieße zeigten sich wie bedrohliche schwarze Zähne, die jeden abschrecken sollten, der nicht befugt war, die Burg zu betreten. Mehrere Templer standen am Ende der Brücke mit Schwertern und Lanzen bewaffnet Wache, ungeachtet der prallen Sonne, denen sie in voller Rüstung gnadenlos ausgesetzt waren. Auch um das verlauste Gesindel abzuhalten, wie de la Trenta die heruntergekommenen Zivilisten und Huren nannte, die sich vor den Zelten tummelten.

Als die Truppe in den gepflasterten, riesig anmutenden Innenhof ritt, wurde Gero und seinen Begleitern bewusst, dass sie sich von nun an in höchst erlauchter Gesellschaft bewegten.

Neben König Balduin III. hatten offenbar sämtliche seiner Barone im Refektorium Quartier bezogen. Bernard von Tramelay gab sich als Oberhaupt der Templer hier ebenso die Ehre wie Raymond du Puy, seines Zeichens Großmeister der Hospitaliter, sowie Patriarch Fulko |574|von Jerusalem als Oberhaupt aller römischen Bischöfe, die im Outremer vertreten waren. Die Anwesenheit dieser Würdenträger war an den einzelnen Wappen zu erkennen, die über einem Eingangsportal aufgehängt worden waren.

Anselm, der sich mit Heraldik beschäftigt hatte, erkannte unter anderem das rote Kreuz auf gelbem Grund des Hauses Ibelin sowie den roten Löwen auf gelbem Grund des Hauses du Puy. Außerdem entdeckte er das Wappen des Guido von Beirut, dessen Bruder Berengar der ihnen verhasste Hauskomtur von Jerusalem war, und das Wappen des Walter von Saint-Omer, dessen Vorfahre maßgeblich an der Gründung des Templerordens beteiligt gewesen war.

Ein paar Knappen sprangen herbei und nahmen ihnen die Pferde ab. Dann folgten Diener, die sie mit verdünntem Wein versorgten.

Gero dachte an Matthäus, der sich unter Tränen von ihm verabschiedet hatte und dass er dem Jungen einen Eid gegeben hatte, zu ihm zurückzukehren. Ein Blick zu den Burgzinnen bestätigte ihm, dass man dort das mannshohe, vergoldete Silberkreuz aufgerichtet hatte, von dem auch in seiner Zeit immer wieder die Rede gewesen war. Verborgen unter dem blank polierten Metall, befand sich in einem Hohlraum angeblich ein armlanger Splitter jenes Holzbalkens, den Jesus durch die Straßen der Via Dolorosa geschleppt hatte und an den er später auf dem Hügel von Golgatha gekreuzigt worden war.

Jemand hatte die prunkvolle Umhüllung mit der Reliquie darin an die erst kürzlich erbauten Zinnen gekettet, um ein Zeichen zu setzen.

Anselm war Geros Blicken gefolgt. »Also wenn ihr mich fragt«, bemerkte er vieldeutig, »verleihen die Ketten dem Ganzen eine ziemlich zweifelhafte Symbolik.«

»Du hast recht«, erwiderte Johan. »Es sieht aus, als hätten sie unseren Herrn Jesus persönlich geknechtet, damit er es sich nicht anders überlegen kann.«

»Seit der Eroberung von Jerusalem verzichtet kein König im Outremer auf dieses Symbol, wenn er in eine Schlacht zieht«, wusste Stephano leise zu berichten, während sie de la Trenta über den Hof folgten.

»Und? Hat’s was genützt?« Tanner grinste provozierend, schwieg aber sofort wieder, als er bemerkte, dass seine gotteslästerliche Einstellung nicht das war, was man hier hören wollte.

Gero war nicht sicher, ob er darauf etwas erwidern sollte. Zumal de |575|la Trenta ihnen allen einen mahnenden Blick zuwarf, weil an diesem Ort ein noch strengeres Schweigegebot herrschte als sonst und niemand etwas sagen durfte, der nicht ausdrücklich von seinem Vorgesetzten Redeerlaubnis erhalten hatte. Tramelay hatte sich mit seinen Offizieren an die Spitze des Zuges gesetzt und marschierte auf die Anmeldung zu, ein schlichtes Holzpult, hinter dem ein Bruder der Verwaltung stand, der sich zu jedem Ankömmling Notizen machte. Vor dem Pult hatte sich eine längere Schlange gebildet, und offensichtlich wurde der Großmeister der Templer bei der Eintragung bevorzugt, der Rest musste jedoch geduldig abwarten, bis er an die Reihe kam.

Gero nutzte die Zeit, um sich umzuschauen. Während sein Blick über die mehrstöckigen Gebäude wanderte, überlegte er, ob Tanner vielleicht recht hatte, wenn er die Wirkung des Kreuzes anzweifelte. In gut dreißig Jahren würde Balduins Sohn Jerusalem an Saladin verlieren, obwohl ihm das Kreuz auch dann zur Seite stehen würde. Ein bitterer Einschnitt, was den Machterhalt der Christen in diesem Land betraf, und Gero fragte sich immer noch, ob Gott sie dadurch von ihrem Hochmut hatte erlösen wollen.

Unter Beifall und Hurrarufen aller Anwesenden trat der König ins Freie, um die neuangekommenen Templer zu begrüßen. Balduin von Jerusalem war ein ausgesprochen gut aussehender Mann. Gekleidet in die Ehren-Chlamys eines Templers, war er mindestens genauso groß wie Gero. Sein blondes Haar war dicht und reichte ihm bis auf die Schulter. Sein Bart über dem breiten Kinn war kurz und gepflegt. Er besaß die klaren, grünblauen Augen seiner Mutter, aber im Gegensatz zu ihr einen vollen, breiten Mund. Wenn er sprach, zeigten sich seine wohlgeformten Zähne und tiefe Grübchen in den Wangen, wenn er lachte. Die Stimme war kraftvoll und sein majestätisches Auftreten dem eines Königs überaus würdig. Alles in allem ein junger Mann in den besten Jahren, der sein Amt zu genießen schien.

Hinter ihm schob sich ein pickliger, etwa sechzehnjähriger Bursche vor, der nicht weniger prachtvoll gekleidet war. Sein dunkles, schulterlanges Haar hatte einen Stich ins Rötliche, ebenso wie sein Gesicht, dessen Haut allem Anschein nach empfindlich auf die Sonne reagierte. Aus den Tuscheleien eines Nebenmannes erfuhr Gero, dass es sich um Aimery I. handelte, Balduins sechs Jahre jüngeren Bruder, den er vor zwei Jahren mit der Grafschaft Jaffa belehnt hatte.

|576|Balduin kümmerte sich nicht um seinen Bruder, sondern begrüßte Tramelay mit einem herzlichen Lächeln, und es schien, als ob die beiden recht vertraut miteinander wären. Tramelay stellte ihm die neueingetroffene Truppe vor, und Gero entging nicht, wie der Großmeister dem König etwas zuflüsterte und dessen Blick auf Gero und seine Männer lenkte. Balduin wirkte plötzlich nachdenklich, als er sich ans bärtige Kinn fasste, anstatt etwas zu erwidern, doch im nächsten Moment lächelte er schon wieder und machte ein paar Schritte in Geros Richtung.

»Gott sei mit Euch, mein König«, sagte Gero und machte einen Kniefall, dabei senkte er artig sein Haupt und den Blick. Die anderen Templer taten es ihm gleich. Keiner würde dem König in die Augen blicken, wenn er es nicht ausdrücklich wünschte.

»Erhebt Euch«, befahl Balduin, und Gero löste sich aus seiner unterwürfigen Erstarrung. Als er aufblickte, befand er sich mit dem König auf Augenhöhe.

»Dann haben wir es also Euch zu verdanken, dass meine Mutter, diese geizige Ziege, endlich ihre Schatullen geöffnet hat.«

Gero erwiderte nichts, sondern blickte den König lediglich an, ganz so, als ob er diese Ungeheuerlichkeit überhört hätte.

»Was habt Ihr an Euch, das sie so großzügig macht? Seid Ihr etwas Besonderes? Eine Art Geheimwaffe wie das griechische Feuer? Oder sind es Eure himmelblauen Augen, die das kalte Herz des alten Mädchens erwärmt haben?«

Gero schwieg standhaft. Was hätte er Balduin auch sagen sollen? Eure Mutter hat es gar nicht auf Euren Sieg über die Sarazenen abgesehen, sondern auf den Kelch von Askalon? Deshalb sind wir hier. Nicht um Euch zu unterstützen, sondern um Euch auszuspionieren und um Euren Triumph zu bringen?

»Vielleicht sollten wir sie mit de la Trenta auf Patrouille gegen die Fatimiden schicken«, schlug Tramelay vor, nachdem er mit einem linkischen Grinsen hinzugetreten war. »Dann können sie unter Beweis stellen, was in ihnen steckt.«

Was immer Tramelay damit auch gemeint hatte, für Gero klang es besser, als einfach auf dieser Festung zu hocken und abzuwarten, was geschah.

»Brillant«, erklärte der König. Seine Miene war mit einem Mal wie |577|eingefroren. »Im Pakt meiner Mutter habe ich keinen Passus entdecken können, der besagt, dass wir sie keinerlei Gefahr aussetzen dürfen.«

 

Arnaud schrak auf. Ein Geräusch hatte sich in seine ohnehin verworrenen Träume geschlichen. Es war das heisere Blöken eines Kamels, wie er beruhigt feststellte, als er die Augen aufschlug. Ungläubig blinzelte er in die Sonne, die sich bereits dem späten Nachmittag zuneigte. Hatte er nach der Wachablösung am Vormittag tatsächlich so lange geschlafen, oder war das auch nur ein Traum?

Plötzlich war alles wieder präsent. In den frühen Morgenstunden hatte er Rona geküsst, so lange und leidenschaftlich, dass er beinahe um einiges weitergegangen wäre, wenn ihn der trostlose Anblick des Schotten, der einsam auf der Mauer gesessen hatte, nicht davon abgehalten hätte. Khaled hingegen schien die Einsamkeit und die Furcht seiner christlichen Begleiter ziemlich gleichgültig zu sein. Der Assassine hatte sich zusammen mit Ronas Schwester seiner Leidenschaft hingegeben. Wobei die beiden zumindest so viel Anstand besessen hatten, sich hinter einer Mauer zu verbergen. Somit hatte Arnaud zwar nichts gesehen, aber sehr wohl gehört. Das Rascheln ihrer Kleidung, hier und da ein verhaltenes Kichern. Dann leises, aber immer intensiver werdendes Stöhnen, und zum Ende hin ein Schwall arabischer Liebesschwüre, die in einem erstickten Keuchen untergegangen waren. Nun ja, die beiden liebten sich anscheinend wirklich und hatten sich fünf lange Jahre nicht gesehen. Und wer wusste schon, wie lange sie noch Gelegenheit haben würden, beieinander zu liegen?

Rona hatte mit geschlossenen Augen in Arnauds Armen gelegen und so getan, als habe sie die Wonnen ihrer Schwester glatt überhört.

Nun stand sie über ihm, gekleidet wie eine arabische Prinzessin und in ihrem enganliegenden Kaftan so schön anzusehen, dass es ihm den Atem verschlug. Die hellgrüne Seide umspielte ihre schlanke Gestalt und zeigte jede ihrer Rundungen so deutlich, als ob der Stoff eine zweite Haut wäre. Ihr Haar war unter einem goldfarbenen Turban verborgen, und ihr Gesicht wurde von einem durchsichtigen Schleier verhüllt, der nur ihre malachitfarbenen Augen erkennen ließ.

»Du hast dich schon umgezogen«, sagte er. Eigentlich hätte er ihr zuerst ein Kompliment machen sollen, doch ihm kam kein vernünftiger |578|Satz über die Lippen, solange er rätselte, was sie tatsächlich für ihn empfand.

»Gut geschlafen?«, fragte sie mit dem Lächeln, das zu einer Heiligen gepasst hätte. Bis gestern hatte sie sich zumeist ziemlich abweisend und spröde gegeben, doch nun lag ein sanftes Leuchten in ihren Augen.

»Ich sollte jetzt sagen, an deiner Seite kein Wunder, aber das könntest du als Beleidigung missverstehen.« Er grinste lässig, und dabei mühte er sich auf, um zu schauen, was die anderen machten.

Khaled hatte die Tiere gesattelt, und Struan schärfte sein Schwert. Wie er es tat, verbissen und mit zusammengekniffenen Lippen, verriet seine Anspannung. Es musste schrecklich sein, wenn man sich ernsthaft um sein geliebtes Weib sorgte.

Lyn hatte sich ebenfalls umgezogen. Sie trug einen rosafarbenen Seidenkaftan und eine lange, weit geplusterte Hose. Ihre veilchenblauen Augen leuchteten regelrecht hinter dem gleichfarbigen Schleier. Nur wenn die Sarazenen keine richtigen Männer waren, würden sie auf diese Aufmachung nicht hereinfallen.

Khaled schnaubte verächtlich, als Arnaud den Frauen seine offene Bewunderung zeigte.

»Wir gehen auf keine Hochzeit«, bemerkte er abfällig. »Wir haben eine Verabredung mit dem Tod.«

»Wie weit ist es noch bis Askalon?«, fragte Arnaud. Er wollte dem Gespräch eine harmlosere Wendung geben.

»Gut zwei Stunden zu Pferd.« Khaled sah ihn nicht an, sondern schulterte sein Gepäck und die Waffen, um sie zu den Kamelen zu tragen. Arnaud wollte ihm helfen, doch er winkte ab.

»Das heißt, bei Einbruch der Dunkelheit erreichen wir die Stadt?«

»Ja, aber bis dahin kann noch so manches geschehen«, erwiderte Khaled und runzelte die Stirn. Mit einem Ruck zog er einem der Kamele den Sattelgurt enger um den Bauch. Das Tier protestierte mit einem Blöken und tänzelte unruhig hin und her.

»Und wie willst du vorgehen?« Arnaud hatte gehofft, dass Khaled seine weitere Planung mit ihnen besprechen würde. »Oder willst du alles mit dir allein abmachen?«

Struan war hinzugekommen. Auch er erwartete anscheinend nähere Erläuterungen, wie es nun weitergehen sollte.

»Wenn ich einen Alleingang geplant hätte, wären wir jetzt nicht gemeinsam |579|hier.« Khaled seufzte und hielt einen Moment in seinen Bemühungen inne, das Geschirr der Tiere zu überprüfen.

»Also, ich habe beschlossen, dass Arnaud offiziell unser Anführer sein wird«, erklärte er zur Überraschung aller. »Du sprichst ein verständliches Arabisch, und von den Fatimiden hat dich noch keiner zu Gesicht bekommen. Struan wird dein Leibwächter sein, dem man einst wegen eines grausamen Vergehens die Stimme genommen hat. Das lässt ihn als deinen Beschützer umso gefährlicher wirken und erklärt, warum er nicht antworten kann. Ansonsten hätten wir ein Problem, weil er die Sprache des Propheten nicht spricht, was spätestens bei den Gebeten erwartet wird. So reicht es, wenn er die Lippen bewegt.«

»Wir sollen eure heidnischen Gebete aufsagen? Ich glaube, ich habe mich verhört!« Struans Brauen zogen sich über seinen schwarzen Augen zusammen.

Khaleds Blick richtete sich auf den riesigen Schotten, der ihn betrachtete, als ob er den Verstand verloren hätte. »Zu Allah beten tut nicht weh, hörst du?« Langsam verlor er die Geduld. »Viel schlimmer ist, dass Er euer Gebrabbel ertragen muss. Aber du kannst ja gerne versuchen, den Fatimiden das ›Gegrüßest seiest du Maria‹ näherzubringen.« Er grinste spöttisch. »Mal schauen, wie lange wir das überleben.«

»Und was machst du?« Arnaud konnte seine Verblüffung über diese Entwicklung nicht verbergen.

»Ich werde euer Diener sein. Es macht mich unauffällig, weil niemand einem Diener Beachtung schenkt. Das ist wichtig, weil ich zwar bis auf den kurzen Kinnbart glatt rasiert bin und einen halbwegs vernünftigen Anblick biete, aber genau das könnte mir auch zum Verhängnis werden, wenn mir die falschen Leute über den Weg laufen. Ich weiß nicht, ob auf der Festung nicht doch jemand weilt, der mich wiedererkennen könnte.«

»Wer sollte das sein?« Lyn schaute ihn fragend an.

»Es gab da einen fatimidischen Offizier, sein Name war Abu Aziz Maulā. Er war es, der uns in Damaskus gefangen genommen hat. Meinen Bruder Mahmud hat er vor meinen Augen zu Tode foltern lassen. Er hatte eine Menge Helfer, die ihm bei seinen teuflischen Spielchen zur Seite standen. Später habe ich den Mann und seine Schergen nie wiedergesehen. Was nicht unbedingt bedeutet, dass sie inzwischen von der Hölle verschluckt worden sind.«

|580|Lyn berührte Khaled sacht am Arm. »Du hast mir nicht erzählt, dass Mahmud im Kerker gestorben ist«, sagte sie leise. »Es tut mir leid, dass du das mitansehen musstest.«

»Ich habe noch ganz andere Dinge mitansehen müssen«, entgegnete er hart. »Aber ich werde diese Geister erst wecken, wenn sie mir nützlich sind.«

 

Was König Balduin mit seiner zweideutigen Bemerkung gemeint hatte, bekamen Gero, Johan, Stephano und Jack Tanner nach der Sext zu spüren, dem Mittagsgebet, für das sich fünfzig Templer und zweihundert Ritter anderer Orden in der kleinen Kapelle drängten.

Die letzte Strophe des Chorals war kaum verklungen, als Xavier de la Trenta eine Truppe von acht Rittern zusammenstellte, deren Führung er auf Geheiß Tramelays ab sofort übernahm.

»Was wird das jetzt?«, flüsterte Anselm, als er von einem fremden Ritterbruder mit einer ruppigen Geste angehalten wurde, noch fehlende Morgensterne herbeizuschaffen.

»Keine Ahnung«, sagte Johan leise. »Tu einfach, was er sagt, und dann kommst du zu uns zurück.«

Aber bevor Anselm aus der »chevestrerie en la carravane«, der sogenannten Rüstkammer, geeilt kam, den Arm voller Totschläger, die er so umsichtig hielt, als wäre es ein Strauß äußerst dorniger Rosen, hatten Gero und seine Kameraden schon aufsitzen müssen.

Die Köpfe der Morgensterne steckten zum Schutz in harten Ledermanschetten, die mit Schlaufen an den Sätteln befestigt wurden. Anselm half, die noch fehlenden Waffen an die betreffenden Ritter zu verteilen. Auch Stephano gehörte zu denen, die bisher noch keinen Morgenstern empfangen hatten.

»Kannst du mir vielleicht verraten, wen ihr damit erschlagen sollt?« Anselm riskierte einen Blick zu dem blonden Ritter, den er mit Fug und Recht als guten Freund bezeichnen durfte.

»Mal den Teufel nicht an die Wand«, raunte Stephano, dem die ganze Geschichte genauso wenig geheuer war wie den übrigen vier Brüdern.

Plötzlich erschien ein weiteres bekanntes Gesicht auf dem Hof und musterte die abmarschbereiten Ritter so intensiv, als ob es seine eigenen Söhne wären: Hugo Salomonis de Quily, derzeitiger Ordensmarschall der Templer, dessen blankpolierte Glatze und der zottelige, bis |581|zur Brust reichende, angegraute Bart einen gewissen Wiedererkennungswert garantierten. Voll ausgerüstet in Kettenhemd und Chlamys, trug er ein Schwert am Gürtel, auf dessen Scheide neben dem roten Kreuz das Wappen seiner Familie in farbigem Leder aufgezogen war.

»Männer«, erhob de Quily seine Stimme. »Auf Geheiß des Königs werdet ihr die umliegenden Dörfer nach Sarazenen und aufständischen Anhängern der Fatimiden durchkämmen. Dabei habt ihr alle Freiheiten, gegen den Feind vorzugehen. Frei nach dem Grundsatz: Nur ein toter Fatimide ist ein guter Fatimide. Wer von euch dabei sein Schwert gegen Unschuldige erheben muss, soll wissen, dass ihm spätestens in der nächsten heiligen Messe der Ablass gewiss ist. Ihr kämpft nicht wie unsere Feinde im Namen des Satans, sondern im Namen des Herrn! Vergesst das nie!« Der Marschall streckte die rechte Faust gegen den Himmel und schlug sich mit der linken wie ein römischer Feldherr vor die Brust.

»Non nobis Domine, non nobis, sed nomini tuo da gloriam!«, schallte der Schlachtruf der Templer aus unzähligen Kehlen über den Hof und von den Festungsmauern wider. Zum Glück für Gero und seine Männer, denn sie waren auf dieses Ritual nicht vorbereitet. Obwohl ihnen die Losung bekannt war, hatte man zu ihrer Zeit auf solch theatralische Auftritte verzichtet und lediglich ein gemeinsames Gebet gesprochen, bevor man sich in einen gefahrvollen Einsatz begab.

Einzig Xavier de la Trenta, der die Truppe anführen sollte, war aufgefallen, dass die Neuen die Losung zur Ehre des Ordens verpasst hatten. Mit misstrauischem Blick inspizierte der dunkelbärtige Portugiese seine Neuzugänge. Als Kommandeur wusste er, was Gero und seinen Brüdern zur Last gelegt wurde und warum sie eine zweite Chance in der Truppe bekommen hatten, anstatt längst in der Hölle zu schmoren.

Mit einem Handzeichen mahnte Bruder Xavier zur Aufstellung, wobei er die Lanze mit dem schwarzweißen Beaucéant – dem Kriegsbanner der Templer – an einen jungen Leutnant aus Marseille weiterreichen ließ, der das Ende des Lanzenstiels aufrechtstehend in einen Einschub an seinem Sattel steckte und ihn so zur Kennzeichnung der Truppe vor sich hertragen würde.

Nachdem alle noch einmal sichergestellt hatten, dass die Wasserflaschen gefüllt und fest mit Leder verschlossen waren, ging es zum Tor hinaus in die gleißende Sonne.

|582|Gero schaute sich noch einmal nach Anselm um und winkte ihm aufmunternd zu, doch der Kamerad aus der Zukunft sah alles andere als glücklich darüber aus, dass er bei diesem Haufen fremder Barbaren zurückbleiben musste.

De la Trenta führte sie westlich von Askalon zu den Bergen Samsons hin. Dort wollte er einen Ort inspizieren, der sich Baala nannte. Angeblich standen dessen Bewohner im Verdacht, die Fatimiden zu unterstützen, indem sie Waffenschmugglern aus Damaskus Unterschlupf gewährten.

Während die Truppe durch zerklüftete Felsen und ausgedörrte Wadis ritt, in denen sich im Winter das Wasser staute, erklärte der Portugiese den Neuen, von welchen Gefahren man in dieser Gegend ausgehen durfte, angesichts der zahlreichen Höhlen und der hier üblichen Waldbestände aus uralten Olivenbäumen, Weihrauchsträuchern, Pinien und Zypressen, in denen nicht selten Verstecke von Aufständischen und Schmugglern lagen.

»Wir wissen, dass die Bevölkerung der Dörfer rund um Askalon unter dem Einfluss ihrer fatimidischen Wurzeln die Heiden bei der Beschaffung von Waffen und Lebensmitteln unterstützt«, bemerkte er abschätzig. »Diese Zuneigung zum Feind gilt es mit Stumpf und Stiel auszurotten. Deshalb schickt uns Tramelay im Auftrag des Königs beinahe täglich auf Patrouille.« Er stieß ein unechtes Lachen aus. »Nur wenn sich die Heiden vor uns noch mehr fürchten als vor den Fatimiden, können wir sicher sein, dass sie auf unserer Seite stehen.«

Gero schwante nichts Gutes, als sie von weitem auf eine Ansiedlung mit geschlossenen Flachbauten und halboffenen Scheunen aus weiß getünchtem Lehm zuhielten. Auf dem freien Platz in der Mitte des Dorfes tummelten sich ein paar Knaben, die mit lautem Gelächter einer Horde Ziegen hinterherstoben. Eine alte Frau kam mit einem Besen hinzugehumpelt und versuchte vergeblich einen der Jungen mit ausladenden Schlägen zu erwischen. Die Jungs rannten lachend in alle Richtungen und begannen ihr Spiel von neuem, indem sie die Verfolgung der Ziegen wieder aufnahmen.

Der Wind wehte aus südwestlicher Richtung, und die Frau, die viel zu beschäftigt damit war, der ungezogenen Bande Herr zu werden, bemerkte die Truppe von acht martialisch gerüsteten Templern auf ihren temperamentvollen Hengsten erst, als sie so weit herangekommen waren, |583|dass die riesige Staubwolke, die sie hinter sich herzogen, nicht mehr zu übersehen war. Für einen Moment von der Sonne geblendet, hielt die Frau inne und wischte sich über die Augen, als ob sie ihnen nicht trauen wollte.

Von plötzlicher Panik ergriffen, blieb sie wie erstarrt stehen und stieß einen spitzen Schrei aus, mit dem sie die restlichen Dorfbewohner alarmierte.

Die Jungen reagierten sofort, indem sie zu den Hütten stürmten und hinter den halbgeöffneten Türen verschwanden.

De La Trenta gab seinem Hengst die Sporen und verdoppelte damit das Tempo der Truppe. Wie eine Lawine aus Pferden und Rittern walzten sie die eben noch vollkommen friedlich wirkende Dorfstraße hinunter. Dabei übersprang de la Trenta mit seinem Hengst mühelos eine halbhohe Mauer, die das Dorf umgab.

Die Alte selbst hatte es aus Angst um ihre Ziegen nicht geschafft, sich rechtzeitig in ihrer Hütte zu verschanzen. Der Kommandeur umkreiste die schmächtige Frau mit seinem Pferd, die schweren Hufe des steigenden Tieres eine Armlänge von ihrem knochigen Körper entfernt. Die Alte drehte sich in immer wilder werdender Verzweiflung, bis sie sich vollkommen entrückt auf den Boden warf und lautstark zu schluchzen begann.

Gero sprang von seinem Hengst und stellte sich wie ein Bollwerk mit erhobenen Händen vor die weinende Frau.

»Lasst sie in Ruhe«, herrschte er de la Trenta an. »Sie ist alt und krank. Ihr bringt sie um! Wie wollt Ihr für Euch in Anspruch nehmen, ein Christ zu sein?«

De la Trenta sah Gero aus hasserfüllten Augen an. »Aus dem Weg, Bruder Gerard!«, herrschte er ihn an und zog sein Schwert. Seine Vertrauten, ein syrischer Turkopole christlichen Glaubens, ein Spanier aus Navarra und der junge Bannerträger aus Marseille, ritten derweil über den Hof, immer näher an den Häusern vorbei. Gero und seinen Männern offenbarte sich wenig später, warum de Quily auf die Mitnahme des Morgensterns bestanden hatte. Unvermittelt schlugen de la Trentas Leute auf die inzwischen fest verschlossenen Holztüren ein, bis sie splitternd nachgaben und sich mit einem knarrenden Geräusch öffneten.

Johan erkannte sofort, dass die Sache eskalieren würde, wenn er |584|Gero nicht beistand, und auch Stephano war halb aus dem Sattel, als de la Trenta gegen Gero und die alte Frau mit dem Schwert ausholte.

Mit einem gewagten Sprung riss Johan den Kommandeur von seinem Pferd, während Stephano dem Portugiesen mit einem gezielten Hieb das Schwert aus der Hand schlug, so dass er entwaffnet auf dem Boden landete.

»Das wird ein Nachspiel haben!«, brüllte de la Trenta außer sich vor Wut.

Jack Tanner war ebenfalls abgestiegen. Er hielt die scheuenden Pferde am Zügel fest.

Bruder Xaviers Männer hatten inzwischen zwar sämtliche Türen beschädigt, aber angesichts der misslichen Lage ihres Kommandanten waren sie nicht sicher, was sie als Nächstes tun sollten. Johan und Stephano hielten sie mit gezogenen Schwertern auf Abstand, während Gero der alten Frau auf die Füße half. Sie jammerte immer noch und brabbelte irgendetwas von Allah und dass er Gero und seine Brüder segnen würde.

De la Trenta rief ein paar ruppige Befehle in Richtung seiner wartenden Männer, dann wandte er sich erneut Gero zu.

»Seid Ihr von Sinnen?«, brüllte er. »Das nenne ich Befehlsverweigerung, darauf steht der Ausschluss aus dem Orden und bei Euresgleichen lebenslange Kerkerhaft, wenn nicht sogar die Vollstreckung des zurzeit ausstehenden Urteils.«

Wutentbrannt stand er auf und klopfte sich den Staub aus der Chlamys.

Einer seiner Männer reichte ihm sein Schwert

Bevor Gero reagieren konnte, trieben de la Trentas Leute mehrere dunkel gelockte Dorfbewohner aus ihren Hütten. Wahrscheinlich hatten die Sarazenen zuvor ihre übliche Mittagsruhe gehalten oder waren von den Templern beim Gebet überrascht worden.

Ein spanischer Bruder eilte plötzlich mit zwei Säcken herbei und warf sie seinem Kommandanten vor die Füße. Nachdem de la Trenta den Befehl gegeben hatte, die Säcke zu öffnen, kamen frisch geschmiedete Krummschwerter zum Vorschein.

»Wahrscheinlich ein Lager für syrische Verbündete«, vermutete der Turkopole, der es wissen musste, weil seine Vorfahren aus Damaskus stammten.

»Sagte ich es doch«, stieß Bruder Xavier voller Genugtuung in Richtung |585|Gero hervor. »Das hier sind alles Verbrecher, die unsere Feinde unterstützen. Und Ihr wollt diese Leute verschonen?« Schnaubend wandte er sich an jene drei Brüder, denen er sein volles Vertrauen schenkte. »Durchsucht jeden Winkel!«, befahl er. »Wer sich wehrt, wird auf der Stelle enthauptet.«

»Ich weiß, was jetzt kommt«, murmelte Tanner, der dicht hinter Johan stand und die Situation interessiert beobachtete. »Ich habe so etwas schon Dutzende Male erlebt.«

»Du?« Johan warf ihm einen erstaunten Blick zu. »Wo denn?«

»Kosovo, Irak, Afghanistan«, raunte er, ohne den Blick von de la Trenta zu nehmen. »Unserem portugiesischen Freund bleibt gar nichts anderes übrig, als die Männer entweder alle gefangen zu nehmen oder an einem der Dorfbewohner ein Exempel zu statuieren, um bei der Bevölkerung den Respekt gegenüber seinen Truppen zu erhalten.«

»Los!«, forderte de la Trenta und warf einen Blick auf Tanner, der von den neuen Ordensbrüdern bisher den geringsten Widerstand gezeigt hatte. »Nimm die Stricke und fessele den Schurken Hände und Füße, damit sie nicht entkommen können!«

Tanner übergab Stephano die Zügel der Pferde und schickte sich an, Bruder Xaviers Befehl auszuführen.

»Warum tust du das?«, fragte Gero leise auf Deutsch, als Tanner an ihm vorbeimarschierte.

»Ich tue es für uns«, sagte Jack und ging zu seinem Pferd, das er zusammen mit den anderen Tieren an einem Pfahl angebunden hatte. »Und ich tue es, damit wir möglichst schnell wieder von hier verschwinden können. Denn meiner Erfahrung nach wird es nicht lange dauern, bis irgendeinem, dem die Flucht gelungen ist, auf dumme Gedanken kommt.«

Zügig fesselte er die Gefangenen mit den groben Hanfseilen, die zur Ausstattung eines jeden Templers gehörten. Dabei achtete er darauf, dass die Seile den Betroffenen das Blut nicht abschnürten und gleichzeitig fest genug saßen, damit sie sich nicht selbst befreiten.

Derweil brachten Xaviers Leute weitere Männer, Frauen und Kinder ans Tageslicht, wobei er von Gero und seinen Kameraden Beistand einforderte.

»Sperrt Frauen, Kinder und Alte in eines der Häuser, solange wir die Verhöre vornehmen!«, befahl er mit lauter Stimme.

|586|Widerwillig zogen Gero und Johan im Angesicht von weinenden Müttern, Kindern und Greisen ihre Schwerter und forderten die völlig verängstigten Menschen auf, in das nächstbeste Haus zu gehen. Deren verbliebenen Männer, Brüder und Söhne verharrten auf dem Hof. Da Gero nicht sicher war, zu welchen Methoden Bruder Xavier greifen würde, um etwas über die Herkunft der Krummschwerter zu erfahren, schloss er die Tür hinter den jammernden Angehörigen und schob einen Eselkarren davor.

De la Trenta und seine drei Verbündeten sonderten zwei junge Sarazenen aus und schleiften sie mitten auf den Dorfplatz. Die übrigen dreizehn männlichen Gefangenen blieben dort hocken, wo Tanner sie gefesselt zurückgelassen hatte, und verfolgten Bruder Xaviers weiteres Vorgehen mit versteinerten Gesichtern.

Der Kommandeur hatte seinen Morgenstern gezückt und bedrohte damit einen am Boden liegenden älteren Mann.

»Wo kommen die Schwerter her und für wen waren sie bestimmt?«, brüllte er auf Arabisch.

Stille.

Bruder Xavier schaute in die Runde und sah in die ängstlichen Gesichter. »Wollt ihr wirklich, dass dieser Mann nie wieder seinen Arm benutzen kann?«, begann er gefährlich leise. »Die Waffen wurden in einer Grube unter seinem Haus gefunden. Also müsste er eigentlich wissen, wer sie dorthin gelegt hat. Und wenn er es nicht war, so muss es einer von euch gewesen sein. Also …«

Niemand sagte etwas.

Noch einmal drehte er sich langsam zu den Gefangenen um und lächelte jedem einzelnen ins Gesicht.

Dann machte er eine blitzschnelle Bewegung mit dem Morgenstern und zertrümmerte dem Mann den Schädel. In Nu breitete sich eine Lache aus dunklem Blut um den Kopf des Getöteten aus. Ein Aufstöhnen lief durch die Gefesselten. Gero und seine Männer starrten auf den Toten, dessen Blut in der steinigen, ausgetrockneten Erde nicht einmal versickerte.

Geros entsetzter Blick fiel auf Xavier de la Trenta, der aufgestanden war und wie ein stolzer Stierkämpfer in einer Arena umherstolzierte und seine Trophäe, den blutbesudelten Morgenstern, in der erhobenen Faust präsentierte.

|587|»Wer will der Nächste sein?«, fragte er mit einem überheblichen Grinsen.

Niemand antwortete ihm, und Gero überlegte bereits fieberhaft, wie er diesen Wahnsinnigen von einem Massaker abhalten konnte, ohne selbst Hand an ihn legen zu müssen.

Xavier wandte sich unterdessen seinem nächsten Opfer zu. Einem braungelockten Kerl, kaum achtzehn Jahre alt, hielt er das Schwert in den Nacken.

Dem jungen Mann stand die nackte Angst ins Gesicht geschrieben. Krampfhaft versuchte er, ein Zittern zu unterdrücken.

»Eure Sturheit kann seinen Kopf kosten. Ein hoher Preis, findet ihr nicht?«

Gero hielt den Griff seines Schwertes fester. Er würde nicht zulassen, dass Xavier den Mann enthauptete.

Xavier sah sich suchend um, so, wie er es bei dem Mann zuvor getan hatte, doch plötzlich schien ihm eine bessere Idee zu kommen. Er senkte das Schwert und marschierte zu dem Haus, in das Gero und Johan die Dorfbewohner gesperrt hatten.

»Entzündet eine Fackel«, rief er einem spanischen Bruder zu. Sein Blick reichte aus, und Gero hatte plötzlich Gewissheit, dass de la Trenta vom Satan gelenkt wurde. Er würde nicht davor zurückschrecken, das Haus anzuzünden, in dem Dutzende unschuldige Menschen ausharrten, falls er nicht die Information bekam, die er hören wollte.

Ein Blick reichte aus, und Gero wusste, dass er sich auf seine Kameraden verlassen konnte. Bis auf Tanner, der kein hervorragender Schwertkämpfer war, würden sie es mit de la Trentas Verbündeten mühelos aufnehmen können.

Der spanische Bruder hatte bereits den Feuerschläger bemüht und eine Fackel entzündet.

»Was habt Ihr vor?«, rief Gero in de la Trentas Richtung, obwohl er genau wusste, was dem düster dreinblickenden Kommandeur im Sinn stand.

»Wir werden ihnen das nehmen, was ihnen am wertvollsten ist«, antwortete de la Trenta mit größter Selbstgefälligkeit. »Wenn sie uns nicht verraten, auf welchen Wegen die Waffen hierhergekommen sind und wann und von wem sie abgeholt werden, wird sie die gerechte Strafe ereilen.«

|588|»Das können meine Brüder und ich nicht zulassen!«, erwiderte Gero mit fester Stimme. »Wir sind Christen und keine herzlosen Barbaren.«

»Ihr seid Templer«, entgegnete Bruder Xavier beinahe amüsiert. »Und ihr habt eurem Kommandeur zu gehorchen.«

»Wir gehören zum Orden«, bestätigte Gero und machte einen Schritt auf ihn zu. »Aber das bedeutet nicht, dass wir den Versuchungen des Satans erliegen.«

Xavier hob sein Schwert, und sein Blick forderte Gero zum Kampf.

»Es sind Heiden, Bruder Gero …«, zischte er, »… und wir töten im Namen des Herrn. Offenbar hast du das in deinem Hochmut vergessen.«

Er gab einen Wink, und der Spanier warf die Fackel auf das mit Stroh gedeckte Dach. Doch Johan war schneller. Er sprang hoch und wehrte die Fackel mit seinem Schwert ab, so dass sie ihr Ziel verfehlte und stattdessen zu Boden ging.

»Nein!«, schrie Gero, der gesehen hatte, dass der Spanier es auf Johan abgesehen hatte. Im nächsten Moment musste er den Schlag des Portugiesen abwehren, der so hart kam, dass sein Schlagarm erzitterte.

Der Schlag des Spaniers sauste knapp an Johans Kopf vorbei. Johan reagierte sofort und versetzte dem Spanier einen kräftigen Hieb. Stahl prallte auf Stahl, und Johan parierte geschickt die Schläge des Gegners.

Stephano rannte dem Turkopolen hinterher, der mit gezogenem Schwert zu seinem Bogen eilte, mit dem er Gero und Johan aus der Entfernung ohne Mühe tödlich verletzen konnte. Doch bevor es dazu kam, schwirrte der Pfeil eines Unbekannten durch die Luft und rammte sich durch de la Trentas Kettenhemd mitten ins Herz. Ein zweiter Pfeil traf den spanischen Fackelträger in den Rücken. Beide Männer fielen zu Boden und starben einen schnellen Tod.

»Runter!«, brüllte Gero und sah sich verzweifelt nach einem Ort um, wo sie Schutz finden konnten. Ein dritter Pfeil bohrte sich durch die Kehle des Turkopolen. Der Mann packte sich in Panik an den Hals, aus dem das Blut in hohem Bogen pulsierte. Er ging zu Boden, nicht fähig, die Blutung mit den Fingern zu stoppen, während seine bernsteinfarbenen Augen sich im Todeskampf weiteten.

Dass es feindliche Bogenschützen waren, stand außer Frage. Die |589|Gefesselten hatten sich zwar ängstlich geduckt, aber keiner von ihnen war getroffen worden.

Gero erkannte die Gefahr für den jungen Ritter aus Marseille, dessen Blick panisch umherirrte. Im Vorbeilaufen riss er ihn zu Boden, stieß ihn hinter eine Mauer und befahl ihm, dort liegen zu bleiben, während er sich selbst einen Überblick verschaffen wollte, wo die Gefahr herkam und was mit seinen Brüdern geschehen war. Johan hatte inzwischen die Pferde hinter einer Scheune in Sicherheit gebracht, und Tanner hatte sich mit Stephano hinter einem Eselskarren verschanzt.

Wundersamerweise hatte der Pfeilhagel aufgehört. Auf einem Hügel erspähte Gero drei Reiter, von denen einer auf der Höhe zurückblieb und zwei auf ihn zutrabten. Der Kleidung nach mussten es Sarazenen sein.

»Warte hier und rühr dich nicht vom Fleck!«, befahl er dem jungen Bruder, dessen Namen er noch nicht einmal kannte.

Geduckt rannte er über den Hof. Hinter dem Stall traf er auf Johan, der ihm seinen schwarzweißen Schild übergab, der ihn vor weiteren Pfeilattacken schützen sollte. »Wir werden uns ihnen stellen müssen«, sagte er hastig, das Schwert fest in der Hand, und meinte damit die unsichtbare Sarazenenarmee, deren Krieger er hinter dem Hügel vermutete.

Tanner und Stephano waren hinter der Karre hervorgekommen und hatten dem toten Turkopolen den syrischen Bogen und einen Köcher voller Pfeile abgenommen. Stephano hatte bereits angelegt und die Sehne gespannt, als zwei Reiter in geduckter Haltung über die steinige Straße zum Dorfeingang einbogen. Beide trugen einen schwarzen Turban und hatten den Mundschutz entfernt. Einer von ihnen schwenkte ein weißes Tuch zum Zeichen, dass sie in friedlicher Absicht kamen. Seltsam …

»Warte!« Johan rannte zu Stephano. Als er bei ihm angelangt war, hielt er ihn am Arm fest. »Ich bin mir nicht sicher, aber …«

»Das ist Arnaud«, vollendete Gero den Satz. »Bei unserer Heiligen Jungfrau Maria, wie ist das möglich, dass er in der Kleidung eines heidnischen Soldaten hier auftaucht?«

»Und was ist das für ein Kerl, der ihn begleitet?« Johan hob verblüfft eine Braue.

»Der sieht aus wie ein echter Sarazene. Wir sollten also trotzdem vorsichtig sein.«

Zögernd traten sie aus ihrem Versteck hervor.

 

|590|Arnaud hatte Mühe, sich ein Grinsen zu verkneifen, als Khaled die überraschten Brüder mit einem »as-salāmu ’alaikum« begrüßte. Von »Friede sei mit euch« konnte angesichts der Leichen beim besten Willen keine Rede sein.

»Und mit euch«, entgegnete Gero, weil er gesehen hatte, dass der junge Bruder aus Marseille aus seiner Deckung aufgetaucht war und sie vermutlich belauschte.

Deshalb trat er hinter Arnauds prachtvollen, weißen Hengst, um mehr zu erfahren, ohne sein wahres Verhältnis zu dem vermeintlichen Sarazenen preisgeben zu wollen.

»Mit dir hätte ich am wenigsten gerechnet«, sagte er flüsternd und deutete auf den neugierigen Bruder. »Tu so, als ob wir uns nicht kennen.«

»Tja«, erwiderte Arnaud. »Wunder geschehen immer wieder …«

»Und welchem Wunder haben wir euren gelungenen Auftritt zu verdanken?«, fragte Gero leise.

Arnaud beugte sich vor. »Mein Assassinenfreund«, flüsterte er hinter vorgehaltener Hand, »hat euch zufällig schon eine ganze Weile beobachtet und war sich nicht sicher, ob er eingreifen sollte. Als ich dich und die anderen erkannt habe und sah, was euer seltsamer Kommandeur so treibt, war mir klar, dass Khaled in deinem Sinne handelt, wenn er seine Bogenkünste zum Einsatz bringt.«

»Assassinenfreund?« Gero schaute auf, um einen Blick auf den grimmig dreinschauenden Kerl neben Arnaud zu werfen.

»Pssst … nicht so laut«, mahnte Arnaud, »er mag dieses Wort nicht. Montbard hat uns mit Wissen von Melisende nach Askalon entsandt«, erklärte er weiter, »damit wir zusammen mit Struan und den beiden Frauen aus der Zukunft als verkleidete Sklavenhändler in die Festung gelangen können. Sie hoffen, dass wir vielleicht noch vor euch und den Templern an den Kelch herankommen.« Arnaud lachte spöttisch.

»Was soll das?« Gero fluchte leise. »Denkt ihr alle nur noch an diesen verdammten Kelch? Was ist mit Hannah, Freya und Amelie?«

»Ruhig Blut, Bruder.« Arnaud tätschelte beiläufig seinen Arm.

»Was denkst du, warum Struan und ich diesen Auftrag mit Freuden angenommen haben? Für uns ist einzig die Rettung unserer Mädchen wichtig. Danach wird man sehen.«

|591|»Dem Herrgott sei Dank!« Gero blickte zum Himmel. »Und ihr habt die beiden Frauen aus der Zukunft dabei?« Er war sichtlich überrascht. »Ist das nicht viel zu gefährlich?«

»Sie wollten es so«, raunte Arnaud. »Ich denke, auch sie sind an dem Kelch interessiert, weil sie hoffen, damit etwas zum Besseren wenden zu können. In jedem Fall werden sie uns hilfreich sein.« Er grinste breit. »Sie verfügen über magische Kräfte.«

»Vielleicht könnte ich mich euch anschließen?«, fragte Gero hoffnungsvoll.

»Und was wird dann aus den anderen?« Arnauds Blick richtete sich auf Tanner, Johan und Stephano, die in gebührendem Abstand die Umgebung taxierten. »Wo ist Anselm?«

»Er ist als Waffenknecht auf der Festung zurückgeblieben. Die anderen könnten Tramelay erklären, dass ich von Fatimiden gefangen genommen wurde. Später könnten sie zusammen mit Anselm versuchen zu fliehen.«

»Denkst du wirklich, Johan würde das wollen? Und was machst du mit dem Jungen? Montbard hat ihn zwar in seiner Obhut, aber solange er nur ein des Amtes enthobener Templer und noch kein Großmeister ist, kann Berengar von Beirut jederzeit die Oberhand gewinnen und den Jungen als Unterpfand für eure Untreue fordern.«

»Ich habe wahnsinnige Angst um Hannah.« Die Verzweiflung in Geros blauen Augen wollte so gar nicht zum harten, kantigen Gesicht eines Ordensritters passen. »Ich habe schon einmal eine Frau an den Tod verloren, und Hannah bedeutet mir mehr als alles auf der Welt. Der Gedanke, dass diese Heiden ihr Gewalt antun könnten …« Er machte eine wegwerfende Geste. »Ich darf gar nicht drüber nachdenken … Ich muss sie von dort wegholen!«

»Keine gute Idee, Christ.« Khaleds dunkle Stimme erhob sich kaum, und sein Blick streifte Gero, bevor er wieder zum Horizont zurückkehrte, um die Umgebung nach Feinden zu erkunden. »Du sprichst kein Arabisch und musst nur die Augen aufschlagen, und jeder weiß, dass er einen Franken vor sich hat. Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber wir haben unsere eigenen Pläne.«

Gero wollte protestieren, doch Arnaud kam ihm zuvor. »Khaled hat die letzten fünf Jahre im Kerker von Askalon verbracht. Er weiß genau, was dort vor sich geht. Wenn du Hannah, Freya und Amelie helfen |592|willst, tust du, was er sagt. Oder willst du ihre Rettung wegen deiner vermaledeiten Ungeduld aufs Spiel setzen?«

»Nein, natürlich nicht«, erwiderte Gero zerknirscht. »Du hast ja recht. Das Beste wird sein, wir bringen die Leichen nach Gaza zurück und erklären Tramelay, dass wir in einen Hinterhalt geraten sind, damit wenigstens das Dorf nicht seiner Rache anheimfällt.«

»Viel wichtiger ist«, bekräftigte Arnaud, »dass Tramelay in spätestens drei Tagen seinen Angriff auf die Festung unternimmt. Wir könnten den allgemeinen Wirbel, der dadurch in Askalon entsteht, nutzen, um das zu bekommen, was wir wollen.« Arnaud versuchte sich an einem ermutigenden Lächeln. »Ich habe mir gedacht, dass wir uns an der Bruchstelle der Festungsmauer treffen könnten, wenn alles so verläuft, wie die Geschichte es lehrt?«

»Hoffentlich übernimmst du dich nicht mit deinem Optimismus.« Gero seufzte.

»Tut mir einen Gefallen«, meinte Arnaud mit einem unfrohen Lächeln, »ganz gleich, was geschieht, haltet euch möglichst von Tramelay fern, sollten er und seine Leute tatsächlich den Kopf verlieren.«

»Worauf du dich verlassen kannst.« Gero klopfte seinem Kameraden beruhigend auf den Oberschenkel und warf dem Assassinen einen Blick zu. »Ma’a salama – auf Wiedersehen.«

»Insha’allah – so Gott will«, murmelte Khaled und wendete sein Pferd.

Johan, Stephano und Tanner standen immer noch da, wie vom Donner gerührt, als Arnaud und der fremde Sarazene wieder davontrabten.

Gero hatte seine Gefühle rasch wieder unter Kontrolle und forderte den jungen Bruder aus Marseille auf, ihm zu helfen, die toten Templer auf die Pferde zu hieven. Die anderen Kameraden bat er, die Fesseln der Dorfbewohner zu lösen und darauf zu achten, dass die Krummschwerter in den Säcken blieben.

Unter lautem Palaver befreiten die entlassenen Gefangenen ihre Angehörigen aus den Häusern, und die Frauen brachen in hysterisches Wehklagen aus, als sie den Mann mit dem zertrümmerten Schädel entdeckten. Immerhin war der junge Kerl, den de la Trenta hatte enthaupten wollen, am Leben geblieben. Mit seinen braunen Augen schaute er dankbar zu Gero auf.

|593|Der blonde Bruder aus Marseille mit dem noch kindlichen Gesicht half als einziger Überlebender aus de la Trentas persönlichem Gefolge beim Festzurren der Leichen. Die Hände des jungen Rekruten zitterten, und Gero vermochte nicht zu sagen, ob aus Furcht, Trauer oder Hass. »Werdet Ihr mich töten?«, wollte der junge Kamerad wissen.

Gero sah an seinen angespannten Gesichtszügen, wie sehr er sich hatte überwinden müssen, diese Frage zu stellen.

»Wie kommst du darauf?«

Der junge Templer zuckte mit den Schultern.

Gero legte dem bleichen Bruder eine Hand auf den Arm und zog ihn zu sich heran. »Wie heißt du?«

Der Junge war ehrlich bemüht, Geros Blick nicht auszuweichen. »Florentin«, antwortete er.

»Hör zu, Florentin«, begann Gero mit ruhiger Stimme. »Ich habe mit den beiden Sarazenen um unser Leben verhandelt.« Das war gelogen, und Gero bat den Allmächtigen sogleich um Vergebung, aber es ging nun mal nicht anders. »Sie sagten uns, dass hinter dem Hügel noch Dutzende andere Sarazenen lauern, die uns alle töten würden, wenn wir nicht sofort von hier verschwinden. Ich konnte erwirken, dass sie uns kampflos abziehen lassen, wenn wir den Menschen im Dorf ihren Frieden wiedergeben. Hast du verstanden?«

Florentin nickte beflissen. »Und was werden wir dem Großmeister sagen?«

»Wir sagen ihm nichts von den Geschehnissen hier im Dorf. Das könnte unnötige Fragen aufwerfen und uns selbst in einem schlechten Licht dastehen lassen, nicht wahr?«

Wieder nickte Florentin, doch sein Blick schien verwirrt.

Gero sah ihn immer noch durchdringend an. »Wenn man uns in Gaza nach dem Ablauf der Geschichte befragt und warum Bruder Xavier und die anderen sterben mussten, wie wirst du dann antworten?«

»Ich sage …«, der junge Bruder zögerte einen Moment, als ob er nachdenken musste, »… dass wir in den Bergen Salomons von Sarazenen überfallen wurden und dass Ihr uns mit Eurer Diplomatie vor dem Schlimmsten bewahrt habt.«

»Ich sehe, du bist ein verständiger Bursche.« Gero nickte zufrieden.

Johan, Tanner und Stephano waren inzwischen aufgesessen und abmarschbereit. Die Pferde mit den Toten hielten sie am Zügel. Die |594|Krummschwerter ließen sie zurück. Gero und Florentin folgten den anderen schweigend und ohne ein Wort des Abschieds an die Dorfbewohner.

 

Freya bebte vor Nervosität, als sie am Abend von Adiba wie gewöhnlich in die Gemächer des Wesirs geführt werden sollte. Es musste ihr gelingen, Malik al-Russak davon zu überzeugen, dass er ihre beiden Freundinnen auf der Festung behielt und nicht nach Ägypten verschiffte. Doch die Probleme begannen schon damit, dass Adiba ihr das mit Zitrone getränkte Schwämmchen verweigerte.

»Er will, dass du ein Kind von ihm empfängst«, zischte sie, als Freya ihr die übliche Unterstützung abverlangte. »Denkst du«, fuhr sie mit gereizter Stimme fort, »ich will wegen einer fränkischen Hure meinen Kopf verlieren? Wenn er herausbekommt, dass du seinen Samen verschmähst, werden wir es beide bitter bereuen.«

Freya war verzweifelt. Ein Kind vom Wesir? Falls sie Johan je wiedersehen sollte, würde er dafür kein Verständnis haben. Andererseits war es unmöglich, sich Malik al-Russak zu verweigern.

Mit einem unguten Gefühl folgte sie der Wächterin zu seinen Gemächern.

Der Wesir schien bester Laune zu sein, als Freya nach Jasmin duftend in ihrem neuen, durchscheinenden Gewand an sein Bett trat. Einladend streckte er die Arme nach ihr aus und bedeckte sie mit Küssen, nachdem er sie besitzergreifend an sich gezogen hatte. Voller Wonne löste er die perlenbesetzten Spangen aus ihrem Haar und fuhr mit seinen gepflegten Händen durch ihre rote Lockenpracht.

Mit einem genüsslichen Seufzen begann er, sie zu entkleiden.

Freya bemühte sich, ihre Verzweiflung zu unterdrücken, als er sie in die seidenen Kissen zog.

Maliks Hände ergötzten sich wie immer an ihren Brüsten, an ihrem schlanken, weißen Hals und ihrem prachtvollen Hintern. Freya blieb jedoch teilnahmslos, wohl weil sie sich plötzlich der Gefahr bewusst wurde, in der sie schwebte. Adiba würde sie kaum mit den passenden Kräutern versorgen, wenn es tatsächlich zu einer Schwangerschaft kommen sollte und sie das Kind wieder loswerden musste.

Der Wesir schien von ihren Bedenken nichts zu bemerken. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, seine Qualitäten als Liebhaber aufs |595|Neue unter Beweis zu stellen. Er liebte es, sie von hinten zu nehmen, wie ein Hengst seine Stute, wie er gerne lachend betonte. Dabei ging er so hart und kompromisslos zu Werke, dass ihre Brüste im Takt seiner Stöße erzitterten.

Freya biss sich auf die Lippen und nahm es klaglos hin, dass ihr Wesir sich offenbar prächtig amüsierte und sie selbst vor Angst fast verging.

Gott sei Dank, dauerte es nicht mehr lange, bis er sich in ihr ergoss. Keuchend sank er über ihr zusammen.

Danach überhäufte er sie mit Komplimenten, nachdem er sie an der Schulter gefasst hatte, damit sie sich auf den Rücken drehte und er ihren prachtvollen Körper erneut mit Küssen bedecken konnte.

Freya strich ihm über sein Haar, das ihm bis über die Schultern reichte.

»Du kannst alles von mir haben«, flüsterte er heiser. »Den Mond, die Sterne und die Sonne, wenn du danach verlangst. Alles, was ich besitze.« Er lächelte selig, während seine Finger über ihre Brüste glitten und mit den rosigen Knospen spielten.

»Ich würde mir nichts lieber wünschen, als wenn du meine Schwestern nicht nach Ägypten entsendest und ich sie hier bei mir behalten darf.« Freya setzte ein süßliches Lächeln auf.

Maliks Miene verfinsterte sich. »Das tut mit ausgesprochen leid«, erklärte er zerknirscht und küsste ihr Ohr. »Ich benötige die Frauen dringend, um den Kalifen zu überzeugen, dass er uns seine Truppen schickt, nicht nur auf Schiffen, sondern auf Pferden und Kamelen, ansonsten sind wir erledigt.«

»Was haben die Frauen mit fehlenden Soldaten zu tun?«

»Der Harem eines Mannes bedeutet Prestige. Nicht wenige dieser Frauen sind Geschenke eines bedeutenden Emirs oder eines Stammesoberhauptes der Berber. Wir sind auf die Unterstützung des Kalifen angewiesen. Mit was könnte ich ihm meine Gunst mehr bezeugen als mit meinem kostbarsten Besitz?«

»Mit Gold?« Freya startete einen letzten Versuch.

Der Wesir brach in schallendes Gelächter aus. »Wenn einer genug Gold und Edelsteine besitzt, dann ist es Az-Zafir bi Dinillah. Ich würde mich lächerlich machen, selbst wenn ich ihm alles Gold anböte, das ich besitze.«

|596|»An seiner Stelle würde ich mich außerordentlich freuen, wenn mir jemand noch mehr Gold und Edelsteine schenkt.« Freya setzte ein unschuldiges Lächeln auf.

Die Augen des Wesirs nahmen einen begeisterten Ausdruck an.

»Dann weiß ich, womit ich dir meine Liebe bezeugen kann«, verkündete er freudig. »Morgen Nachmittag werde ich dich in meine Schatzkammer führen, und dann darfst du dir aussuchen, was dein Herz begehrt.«