19
Chris drückte das Gesicht des Babys sanft in ihre Halsbeuge, als sie die Leiche fanden.
Hank legte die Spitzhacke zur Seite. Er würde sie nicht brauchen; es hatte schon jemand ein Loch in Elys Mauer geschlagen.
Er ging vor der Leiche in die Hocke. Der Körper lag seitlich neben der Maueröffnung auf dem Rücken, ein Stück entfernt von dem Wasserlauf, der durch den schmalen Spalt unter der aufgebrochenen Steinwand floss.
Es war ein Mann. Sein Haar war ordentlich geschnitten. Er war glatt rasiert. Er trug nichts als hellblaue Boxershorts und Schuhe. Sein offen stehender Mund war bis zu den Lippen voller Blut. Die Wangen, das Kinn und der Hals waren damit beschmiert. Hank legte seine Hand an den Hals des Mannes. Das Blut war klebrig, und die Haut darunter verströmte noch ein wenig Wärme.
»Er ist noch nicht lange tot«, sagte Hank. »Wahrscheinlich weniger als eine Stunde.«
»Ich kenne ihn«, murmelte Chris.
»Was?«
»Ich meine, ich kenne ihn nicht. Aber ich habe ihn heute Morgen gesehen. Er hat darauf gewartet, dass Darcys Führung anfing.«
»Großer Gott.« Hank blickte zu Chris auf. Ihr Gesicht war verzerrt, die Nase gerümpft, die Zähne gefletscht, die Augenbrauen zusammengezogen. Ihre Augen wirkten fiebrig, ein wenig wild.
»Was …?« Sie schüttelte den Kopf.
»Ich weiß es nicht. Jemand hat ihn umgebracht. Wenn er bei der Führung dabei war … und auf dieser Seite der Mauer liegt …«
»Haben sie versucht, auf diesem Weg rauszukommen?«
»Und vielleicht sind sie umgekehrt, als der Mann getötet wurde. Oder vielleicht war er allein«, sagte Hank.
»Wer hat ihn getötet?«
»Das Mädchen, möglicherweise.«
»Oder … oder es gibt noch andere. Andere wie sie.«
Und wenn das stimmt, dachte Hank, wo sind sie dann?
Wo ist Paula? Was, wenn sie bei dem Mann war und … Es geht ihr gut. Gott, bitte. Ihr darf einfach nichts zugestoßen sein.
Er hatte das Gefühl, eisige Hände zerdrückten sein Herz.
»Wir müssen uns beeilen«, sagte er.
Hank wandte sich von der Leiche ab, stützte eine Hand auf den Mauersims und beugte sich durch das Loch. Er streckte die Laterne nach vorne.
Er hatte erwartet, auf der anderen Seite den schmalen, flachen Fluss fließen zu sehen. Stattdessen befand sich dort ein See, dessen ruhige Oberfläche im Umkreis einiger Meter im Laternenlicht glitzerte.
Er sah zwei Körper auf dem Bauch im Wasser treiben, die Köpfe und Beine unter der Oberfläche.
Einer trug einen weißen Pullover (Paula hatte ihren weißen Pullover angezogen, weil der Reiseführer vor den kühlen Temperaturen in der Höhle gewarnt hatte), und Hank verspürte einen Anflug von Panik, bis er bemerkte, dass die Beine in einer schwarzen Hose steckten, nicht in einem Rock.
Die andere Leiche trug ein kariertes Hemd und blaue Jeans.
Obwohl die Köpfe beider Leichen untergetaucht waren, konnte er durch das klare Wasser ihr treibendes Haar erkennen. Langes Haar. Das bewies nicht unbedingt, dass es sich um Frauen handelte, doch ihre Hüften waren ausladend, und die Hintern wirkten ebenfalls weiblich.
Frauen, eindeutig.
Doch keine von ihnen war Paula.
Und keine trug die blaue Uniform der Führerinnen.
»Was siehst du da?«, fragte Chris.
»Es sind nicht unsere Töchter«, sagte er sofort, um ihr den Moment des Zweifels zu ersparen. »Zwei Leichen. Frauen.«
»Mein Gott. Bist du sicher, dass …?«
»Darcy hat so eine Uniform wie Lynn getragen?«
»Ja.«
»Das dachte ich mir. Sie ist nicht dabei.« Er sah ein rechteckiges Metallboot ein Stück weiter links. Kleiderbündel lagen auf den Sitzen. »Und da schwimmt ein leeres Boot. Da drüben ist ein See«, fügte er hinzu.
»Der Lake of Charon«, sagte Chris.
»Wie kommt es, dass es hier einen See gibt?«
»Elys Mauer hat den Fluss aufgestaut. Mit den Booten fahren sie einen über den See.«
Von seiner Position hinter dem oberen Rand der Mauer konnte Hank in das Boot blicken. Er sah weder Ruder noch einen Motor.
»Wie groß ist der See?«, fragte er.
»Ich weiß nicht, vielleicht sind es fünfzig Meter bis zum Steg. Er ist aber nicht besonders tief. Ich glaube, Darcy sprach von anderthalb Metern.«
Das hätte er beim Anblick des steinigen Grunds auch geschätzt, doch er wusste, dass das klare Wasser die Perspektive verzerren und der See um einiges tiefer sein konnte, als es schien.
»Ich schätze, wir müssen ein kleines Bad nehmen«, sagte er.
Hank kletterte durch das Loch, setzte sich auf die Mauerkante und ließ seine Beine in den See hängen. Dann hielt er die Laterne hoch und rutschte hinab. Das Wasser stand ihm bis zur Brust. Die Kälte verschlug ihm den Atem. »Ahhh.«
»Alles in Ordnung?«
»Da friert man sich die … die Füße ab.«
Als er sich umdrehte, tauchte Chris in dem Loch auf. »Einen Moment«, sagte er. Er watete zum Boot. Über einem Sitz nahe dem Bug hingen ein kariertes Hemd und eine Jeans, ähnlich wie die tote Frau sie trug. An der Bank lehnte ein über einen Meter langes Brett, dessen obere Hälfte verkohlt war. Eine weitere Hose lag auf einem Sitz in der Mitte. Hank sah dort außerdem ein graues Sweatshirt. Und einen grünen Pullover (nicht Paulas).
Hank stellte die Laterne auf eine der Sitzbänke, kehrte zur Mauer zurück und streckte die Arme nach oben. Chris reichte ihm das Baby. Er drückte das kleine, sich windende Bündel an die Seite seines Gesichts.
Chris kletterte auf die Mauerkante. Während sie sich zum Sprung bereitmachte, starrte sie an Hank vorbei – einen angeekelten Ausdruck auf dem Gesicht. Dann blickte sie nach unten und sprang. Mit einem leisen Platschen landete sie im Wasser. Ihre Augen weiteten sich, und sie fletschte die Zähne.
»Kühl, was?«
»Allerdings.« Sie watete langsam zu ihm.
»Alles in Ordnung?«
Sie antwortete mit einem steifen Nicken.
»Willst du das Baby oder die Lampe?«
»Baby«, keuchte sie.
Hank übergab es ihr. Sie kuschelte es an ihre Wange. Es gab leise, gurrende Geräusche von sich.
Sie blieb an Hanks Seite, als er zurück zum Boot ging.
»Dieses Stück Holz da«, sagte er. »Es sieht aus, als hätten sie es als Fackel benutzt. Siehst du die Klamotten? Es müssen mindestens zwei Männer im Boot gewesen sein. Und diese Frauen.«
»Und Darcy«, murmelte Chris. »Sie wird bei ihnen gewesen sein.«
»Vielleicht auch nicht.«
»Sie ist die Führerin.«
»Sie könnte auch zurückgeblieben sein. Aber selbst wenn sie bei ihnen war … Wem auch immer die anderen Kleider gehören, er muss davongekommen sein. Wahrscheinlich sind auch noch andere entkommen.« Er hob die Laterne von dem Sitz. »Es könnte sogar die ganze Gruppe hier gewesen sein.«
»Dafür hätten sie zwei Boote gebraucht.«
»Tja, das andere Boot scheint nicht in der Nähe zu sein. Vielleicht sind die Übrigen damit geflüchtet.«
»Vielleicht.« Chris klang nicht überzeugt.
»Ich frage mich, wo die Ruder sind«, sagte Hank.
»Es gibt keine«, erklärte Chris. »Die Tropfsteine an den Wänden. Als ich gestern die Führung mitgemacht habe, ist Darcy aufgestanden und … hat das Boot von Tropfstein zu Tropfstein gezogen.«
»Seltsam.«
»So machen sie es immer.«
»Warum kletterst du nicht ins Boot? Ich kann dich schieben.«
»Meinst du nicht …? Laufen geht schneller.«
»Wahrscheinlich, aber …«
»Wir sollten uns beeilen.«
»Ja.«
Sie gingen dicht am Boot vorbei, damit Chris nicht in die Nähe der Leichen kam. Hank hätte gern einen Blick auf sie geworfen, um festzustellen, wie sie getötet worden waren, doch Chris zuliebe verzichtete er darauf. Außerdem hatte sie recht. Sie mussten sich beeilen. Es konnte auf jede Sekunde ankommen.
Er war sich sicher, dass jemand durch das Loch in Elys Mauer gekommen war und mindestens drei der Leute, die sich mit dem Boot genähert hatten, umgebracht hatte.
Vielleicht jemand, der mit dem Mädchen, das er getötet hatte, in dem seltsamen Nest gelebt hatte.
Er dachte daran, wie sie ihn grundlos angegriffen hatte. Mit einer Waffe aus Knochen und Rasierklingen.
Er dachte an ihre Zähne, die spitz zugefeilt worden waren.
Eine Art Wilde.
Was zum Teufel hat sie da gemacht?
Wohnten an diesem Ort noch andere?
War einer von ihnen für die schreckliche Zurschaustellung der menschlichen Überreste verantwortlich, die sie entlang des Flussbetts gefunden hatten?
Wie viele sind es?
Wo sind sie jetzt?
Er hörte nur seine und Chris’ Atemgeräusche, das leise Gurgeln und Gurren des Babys, das Plätschern ihrer Bewegungen im See.
Er wünschte, er würde etwas anderes hören.
Wilde, die aus der Dunkelheit auf sie zukamen.
Sollten sie doch angreifen.
Dann wüsste ich wenigstens, dass sie hier sind und nicht irgendwo Paula nachjagen.
»Ich habe Angst, Hank.«
»Ja, ich auch.« Er legte eine Hand auf ihren Rücken.
»Was, wenn Darcy und Paula …?«
»Ich bin sicher, dass es ihnen gut geht.« Klar, dachte er. Das Einzige, dessen er sich sicher war, war seine Hoffnung. Er wusste, dass Hoffnung nicht ausreichte. Man hoffte das Beste, man hoffte, dass das Schlimmste nicht eintrat, doch er hatte während zweier Einsätze in Vietnam gelernt, dass das Schlimmste geschehen konnte und manchmal sogar die Grenzen dessen überschritt, was man sich ausgemalt hatte, und in den dunklen Bereich des Unvorstellbaren hineinreichte.
Doch Hoffnung war alles, was er hatte, deshalb klammerte er sich daran.
»Selbst wenn sie hier waren«, sagte er, »bedeutet das nicht … Wie viele Leute waren bei der Führung?«
»Dreißig oder vierzig, schätze ich.«
»So viele können nicht … Wir haben erst drei Leichen gesehen.«
»Bis jetzt«, sagte Chris.
Nur Sekunden später, als sollte ihre Hoffnung zunichtegemacht werden, fanden sie eine weitere Leiche. Chris sah sie zuerst, keuchte und zuckte zurück.
Diese Leiche schwamm nicht. Sie trieb mit ausgestreckten Armen einen halben Meter unter der Oberfläche. Wie bei den beiden Frauen war das lange Haar ausgebreitet und schwebte um den Kopf herum wie seltsamer Seetang.
»Ein Mann«, sagte Hank. Er trat vor Chris, griff ins Wasser und packte das Haar. Es fühlte sich dick und fettig an. Er zog daran. Der Kopf hob sich tropfend aus dem Wasser, und Hank drehte das Gesicht zu sich.
Ein Blick, und er wusste, dass dieser Mann nicht zur Führung gehörte.
Buschige Augenbrauen. Ein dichter schwarzer Bart. Die Haut so weiß, als wäre sie nie mit Sonnenlicht in Berührung gekommen. Spitz gefeilte Zähne.
Als Hank ein kleiner Junge gewesen war, hatte ihm sein Vater manchmal mit Geschichten vom Wilden Mann von Borneo Angst eingejagt. Er hatte es gemocht und ihn angefleht, mehr zu erzählen, obwohl der Wilde Mann ihn manchmal in seinen Albträumen heimsuchte.
Während er in das Gesicht des toten Wilden starrte, hatte er das Gefühl, zurück in seine Kindheit zu gleiten.
Schauder krochen über seinen Rücken.
»Der Wilde Mann von Borneo«, murmelte er. »In Fleisch und Blut.«
»Ist es einer von ihnen?«, fragte Chris mit gepresster hoher Stimme.
»Genau wie das Mädchen.« Er tauchte den Kopf ins Wasser und schob. Die Leiche schwamm davon, mit den Füßen voran. Hank wischte seine Hand an der Jogginghose ab. Danach schien sie immer noch von einem öligen Film bedeckt.
Sie gingen weiter.
Er hielt die Hand unter Wasser, rieb sie weiter an der Hose.
Er wünschte, er hätte ein Stück Seife.
Vergiss es, sagte er sich. Der Mann hatte also schmutziges Haar. Und wenn schon. Vor fünf Minuten hast du noch bis zu den Handgelenken in den Eingeweiden eines toten Mädchens gesteckt.
Aber das hier. Eigentlich eine Kleinigkeit.
Als entdeckte man das Haar eines Fremden in der Suppe.
»Ich frage mich, wie viele andere …«, sagte Chris. Sie blickte sich um.
Falls noch welche unter Wasser treiben wie der Mann gerade, sehen wir sie nicht einmal, dachte Hank. Nicht, bis wir direkt über ihnen sind.
Diejenigen, die genügend Wasser in der Lunge hatten, würden unter der Oberfläche bleiben, bis sie zu verwesen begannen und die Gase ihre aufgeblähten Kadaver nach oben trieben.
»Wenigstens war es ein Toter von der richtigen Seite«, sagte Hank.
»Sie könnten überall um uns herum sein«, flüsterte sie.
»Je mehr von seiner Sorte und im gleichen Zustand, desto besser.«
»Es ist … fast noch schlimmer als der andere Ort.«
Hank wusste, dass sie die Galerie des Wahnsinnigen meinte. Sie hatte recht. Dort konnte man die Dinge wenigstens sehen.
Und dort war es Hank nie durch den Kopf gegangen, dass eine der Leichen seine Tochter sein könnte.
Sie könnte hier sein.
Nein!
Es geht ihr gut. Und Darcy geht es auch gut. Andere wurden getötet, aber nicht unsere Töchter. Der Horror endet hier. Es muss einfach so sein.
Hank ließ wie Chris den Blick über die Wasseroberfläche schweifen.
Und dann entdeckte er am Rand des Lichtscheins der Laterne das stumpfe Schimmern eines rechteckigen Boots. Noch ein paar Schritte, und der Steg kam in Sicht.
Chris stöhnte.
Sie sah es ebenfalls – eine weitere Leiche. Diese lag flach auf den Planken des Stegs.
Kaltes Grauen ergriff Hank.
Sie wateten näher heran.
Der Körper einer Frau. Nackt. Aufgerissen.
Gesichtslos aus der Ferne und im schwachen Licht.
Sie schien größer und dünner als Paula, aber …
Kleider lagen neben ihr verstreut.
Eine weiße Bluse und ein Kilt? Eine blaue Uniform?
Er konnte es einfach nicht genau erkennen!
Chris begann zu weinen.
Hank stürmte vorwärts, stemmte sich gegen das hüfthohe Wasser, versuchte zu rennen. Das Wasser drückte gegen ihn wie Hände, die ihn zurückhalten wollten. Doch er watete näher und näher, ließ Chris hinter sich zurück.
Die Kleider.
Eine blaue Stoffhose lag zerknüllt neben der Hüfte der Leiche.
Nicht Paulas Kilt. Aber eine Hose, wie Darcy sie trug.
O Gott, nein!
»Chris, bleib da!«
»Was ist?«
Er watete mühsam am Bug des Boots vorbei, knallte die Laterne auf den Steg und stemmte sich aus dem Wasser. Auf allen vieren kroch er zur Leiche hinüber. Im Fleisch klafften tiefe Wunden, als wären Stücke herausgebissen worden. Der linke Arm war ausgekugelt und teilweise angefressen.
Das Gesicht war unversehrt.
Ein Gesicht, das in einer Grimasse des Grauens erstarrt war.
Ein Gesicht, das niemals schön gewesen war – wie Chris’ oder wie das, das ihre Tochter von ihr geerbt haben musste.
Und es war das Gesicht einer Frau, die auf die vierzig zuging.
Hank stieß einen langen zittrigen Seufzer aus.
Er blickte über die Schulter. Chris war ein paar Meter entfernt, eine verschwommene Gestalt im schwachen Licht, das sie von der Laterne erreichte.
Hank war erleichtert – sie hatte getan, worum er sie gebeten hatte, und war stehen geblieben.
»Alles in Ordnung«, sagte er.
Alles in Ordnung? Die Frau ist tot. Sie haben sie gefressen. Und alles ist in Ordnung?
»Keine unserer Töchter«, erklärte er.
Chris nickte und kam näher. Da er nicht wollte, dass sie sah, wie die Leiche zugerichtet war, legte Hank den zerfetzten Arm an den Körper. Er bedeckte die Tote von der Hüfte abwärts mit der Hose und breitete die Bluse über dem Oberkörper aus. Er versuchte nicht, das Gesicht zu verbergen.
Dann kroch er zum Rand des Stegs und streckte die Hände nach unten. Chris reichte ihm das Baby. Aus den langsamen Atemgeräuschen schloss er, dass es schlief. Er wunderte sich, dass es in einer solchen Situation schlafen konnte.
Glückliches Kind, dachte er. Es hat nicht die leiseste Ahnung, was sich hier abspielt.
Wahrscheinlich hält es Chris für seine Mutter.
Chris stemmte sich hoch und kroch auf den Steg. Sie sah die Leiche an. Sie schniefte und wischte sich über die Augen. »Warum hast du sie bedeckt?«
»Sie wurde … zum Teil aufgefressen.«
»Sie haben sie gefressen?«
»Sie müssen eine Weile an ihr gearbeitet haben. Und ich glaube … es fehlt zu viel, als dass es nur einer gewesen sein kann. Ich schätze, es waren mehrere.«
»O Gott.«
»Auf eine gewisse Art haben sich die Aussichten verbessert.«
»Wie kannst du so was sagen? Sie …«
»Dieser Mann auf der anderen Seite der Mauer – er ist noch nicht lange tot. Höchstens eine Stunde. Dann hat hier im See ein Kampf stattgefunden. Das hat seine Zeit gedauert. Die Schweine sind den Überlebenden nicht sofort gefolgt. (Wenn es Überlebende gab, dachte er.) Sie sind eine Weile hiergeblieben und haben sich eine Mahlzeit gegönnt. Also haben sie wahrscheinlich keinen großen Vorsprung vor uns.«
»Glaubst du, wir haben eine Chance, sie einzuholen?«
»Könnte sein«, sagte er, obwohl er es kaum zu hoffen wagte.
Er nahm die Laterne. Sie standen auf und gingen schnell über den Steg.
»Wir haben noch einen anderen Vorteil«, sagte Hank. »Sie haben im Gegensatz zu uns wahrscheinlich kein Licht. Deshalb kommen sie nicht so schnell voran wie …«
Er verstummte.
Aus der Dunkelheit vor ihnen drang das entfernte Schreien und Kreischen menschlicher Stimmen.
Wir kommen zu spät!
Darcy trabte durch die Dunkelheit, eine Hand auf Gregs nackter Schulter, während die andere über den Metalllauf des Geländers glitt.
Der Gürtel um ihre Taille begann zu verrutschen. Ehe sie den Bootssteg verlassen hatten, hatte Greg das gefaltete Taschentuch mit dem Gürtel über der Wunde befestigt. Sie beklagte sich, der improvisierte Verband würde zu viel Zeit kosten, doch er bestand darauf.
»Wenn du so viel Blut verlierst, wirst du mir noch ohnmächtig«, erklärte er. »Das würde uns noch länger aufhalten, weil ich dich dann nämlich tragen müsste.«
»Es blutet nicht so stark.«
»Wir gehen nirgendwo hin, bevor ich dich verbunden habe.«
»Okay«, sagte sie.
Und so öffnete Darcy in der völligen Dunkelheit auf dem Steg ihren Anorak und zog den Gürtel aus. Sie zerrte ihr durchnässtes Taschentuch aus der Hosentasche und gab es Greg. Sie spürte, wie seine Finger forschend über ihre Haut strichen. Als er den Rand der Wunde berührte, zuckte sie zusammen.
»Wir haben schon so viel Zeit verloren«, flüsterte sie.
»Ein paar Minuten machen nicht viel aus.«
»Ein paar Minuten können entscheidend sein.«
»Begreif doch endlich, Darcy, wir werden sie nicht einholen.« Er legte das Taschentuch auf die Wunde. »Halt mal.« Sie gehorchte und reichte ihm den Gürtel. »Ihr Vorsprung ist zu groß«, sagte er. »Sie werden die anderen erreichen, ehe wir die Hälfte der Strecke zurückgelegt haben. Und wenn sie merken, mit wie vielen sie sich anlegen müssten, werden sie wahrscheinlich überhaupt nicht angreifen. Vielleicht beobachten sie sie eine Weile, oder sie kehren um. Und rennen uns in die Arme.«
»Wir müssen ihnen folgen.«
»Ich weiß.«
»Es sind schon so viele gestorben.«
Der Gürtel legte sich knapp unterhalb der Brüste um ihren Oberkörper. Greg berührte ihre Finger. »Hab es«, flüsterte er. Dann zog er den Gürtel stramm. Er schloss sich um sie wie ein Druckverband, und sie atmete scharf ein, als er auf das offene Fleisch drückte. »Wenn er zu locker ist, bringt es nichts.«
Darcy nickte, doch dann wurde ihr klar, wie nutzlos das in der völligen Dunkelheit war. »Schon okay.«
Sie tastete nach ihm, fand seine Schultern und zog ihn an sich. Nach einem Augenblick wurde seine kalte Haut warm, wo sie ihre Brust und ihren Bauch berührte. Sie spürte das Heben und Senken seines Brustkorbs und das Schlagen seines Herzens.
Greg streichelte ihr Haar.
Wenn wir gehen, dachte Darcy, könnte er getötet werden.
»Falls wir die Wilden nicht einholen können«, sagte sie, während sie ihn in den Armen hielt, »können wir zumindest rufen und die anderen warnen, dass sie kommen. Wenn wir auch dafür zu spät dran sind, können wir in den Kampf eingreifen.«
»Du hast genug gekämpft«, erklärte Greg.
»Wir könnten Leben retten. Selbst wenn wir nur ein Leben …«
Aber was, wenn es Greg das Leben kostet?
Vielleicht sollten wir ihnen doch nicht folgen.
»Was immer wir tun«, sagte Greg, »es hat keinen Sinn hierzubleiben.« Er löste sich von ihr. Seine Hände strichen leicht über ihre Brüste. Dann fanden sie ihre Wangen. Er zog sie nach vorn, küsste die Seite ihrer Nase, ihren Mund.
»Bereit?«, fragte er.
»Ja.«
Darcy hörte ein leises Schnalzen. »Was war das?«, fragte sie.
»Der Gummizug. Ich habe den Knochen aus meiner Shorts gezogen.«
Sie konnte es selbst kaum glauben, doch sie musste lachen. »Du hattest … das Ding wirklich in deiner Unterhose?«
»Genau neben dem anderen Knochen.«
»Uh.«
»Lass uns losgehen.«
Ihr Lachen erstarb.
Greg ging voran, und Darcy ließ eine Hand auf seiner Schulter liegen.
Irgendwie schafften sie es, über den Steg zu gehen, ohne in den See zu fallen. Als sie den Betonweg unter ihren Füßen spürten, führte Greg Darcy nach links, bis sie das Geländer erreichten. Nun, da sie dem metallenen Lauf folgen konnten, zog Greg das Tempo an.
»Schneller«, sagte Darcy.
Bald joggten sie durch die Dunkelheit.
Der Gürtel hielt, bis sie zu keuchen begann. Bei jedem Ausatmen rutschte er ein Stück tiefer herunter. Jetzt hing er um ihre Hüfte, und sie spürte warme Blutstropfen über ihren Bauch rollen.
Ich werd’s überleben, dachte sie.
Wir müssen mindestens die Hälfte geschafft haben.
Die Hälfte.
»Greg?«
Er blieb stehen.
»Lass uns rufen. Wir sind nah genug dran, dass sie uns hören sollten, wenn wir ihnen eine Warnung zurufen.«
»Meinst du?«
»Der Schall trägt weit hier unten.«
»Gut. Aber wir verraten damit unsere Position. Sobald wir es tun, sollten wir den Gehweg verlassen. Ich will nicht, dass diese …«
»Yeeeah!« Der entfernte Schrei einer Frau.
Andere Stimmen, zu leise, um sie auseinanderzuhalten.
Dann: »Lass mich los! Was willst du?«
Ein Schauder lief über Darcys Rücken.
»Ich dachte nicht, dass sie es wirklich tun würden«, flüsterte Greg.
Jemand kreischte.