17

»Lynn kann froh sein«, sagte Brad, »dass ihr das alles erspart bleibt.«

»So etwas habe ich noch nie gesehen«, murmelte Hank.

Chris löste sich von ihm, ließ jedoch eine Hand auf seinem Arm liegen und starrte auf seine Brust. »Lasst uns von hier verschwinden«, sagte sie.

»Ganz deiner Meinung«, meinte Brad. Er stand dicht hinter Chris, doch sie wandte sich nicht um, um ihn anzusehen. Wenn sie das getan hätte, hätte sie die Knochenskulpturen gesehen, die geschändeten Überreste der Frau. »Es schien eigentlich eine gute Idee zu sein, von dieser Seite aus einzusteigen, aber das … das ist echt übel. Es wäre verrückt weiterzugehen.«

»Ich meinte nicht, dass wir zurückgehen sollen«, sagte Chris und hielt den Blick weiter auf Hanks Joggingjacke gerichtet. »Ich will weitergehen, weg von … Wenn es aufhört. Vielleicht hört es nicht auf, aber …«

»Das ist nicht dein Ernst, oder?«

»Ich will zu Elys Mauer gehen.«

»Hank?«

»Ich kehre nicht um. Ich weiß nicht, was hier unten vorgeht, aber meine Tochter ist auf der anderen Seite.«

»Ja, okay, aber was ist auf dieser Seite? Das würde ich gern wissen – oder eigentlich lieber nicht. Ich meine, irgendein Irrer hat hier unten diese Schweinerei angerichtet. Ich will ihm nicht begegnen. Nein. Wie reden von einem vollkommen Wahnsinnigen. Auf so einen Scheiß sollte man sich nicht einlassen. Wollt ihr wie diese armen Leichen als Höhlendekoration enden? Ich nicht.«

»Gut, lass mir die Spitzhacke hier«, sagte Hank.

»Hast du den Verstand verloren? Willst du ermordet werden? Willst du, dass Chris ermordet wird? Komm schon, Mann! Was ist mit Chris? Ohne dich wird sie nicht weitergehen.«

»Du solltest mit Brad zurückgehen«, sagte Hank. »Er hat recht. Ich kann weitergehen und es bis zu den Mädchen schaffen. Wir müssen es nicht beide tun.«

»Ich gehe mit dir«, erklärte Chris. »Und ich finde, wir sollten aufhören zu quatschen und uns in Bewegung setzen.«

»Was wäre, wenn ich zurückgehen würde?«

»Ich glaube nicht, dass du das tust. Aber wenn, dann würde ich allein weitergehen.«

»Allein kann sie die Mauer nicht aufbrechen«, sagte Brad.

»Darauf würde ich mich nicht verlassen«, entgegnete Chris.

»Okay. Gut, ich habe nicht vor, hier rumzustehen und zu diskutieren. Wenn ihr beide die Helden spielen wollt, bitte.«

Chris nahm Hank die Petroleumlampe ab. Brad gab ihm die Spitzhacke. »Ich warte draußen. Viel Glück.« Er drückte im Vorbeigehen kurz Chris’ Arm. Sie blickte ihm über Hanks Schulter nach. Nach einem Augenblick verschwand er hinter einer Kurve im Flussbett. Das Platschen seiner Schritte verklang.

»Bist du dir sicher?«, fragte Hank.

Sie sah ihm in die Augen und nickte.

Hank lächelte. »Mehr Mut als Verstand.«

»Das gilt für uns beide.« Hank hob die Spitzhacke. Er hielt sie mit beiden Händen vor der Brust – wie ein Gewehr, dachte Chris.

Sie senkte den Blick zum Wasser zu ihren Füßen und wandte sich um.

Es funktionierte nicht ganz. Am Rand ihres Blickfelds nahm sie die makabren stillen Wachtposten zu beiden Seiten des Flusses wahr.

Sie ging schnell. Hank blieb an ihrer Seite.

»O Gott«, murmelte Hank. »Das hört nicht auf.«

Sie sah es. Aber der Schrecken war unbestimmt, nur vage Umrisse an der Peripherie ihrer Wahrnehmung.

»Wie ein gottverdammter Spießrutenlauf«, sagte Hank.

»Wer könnte das getan haben?«

»Niemand, der noch ganz richtig im Kopf ist.«

»Glaubst du, derjenige weiß, dass wir hier sind?«

»Wenn er hier ist, weiß er es wahrscheinlich. Dann hat er bestimmt gehört, wie wir die Mauer eingeschlagen haben. Aber ich kann mir nicht vorstellen … Es kann doch niemand hier drin leben. Es muss einen versteckten Eingang geben. Wer auch immer es ist, er bringt wahrscheinlich seine Opfer rein, macht sein Ding und verschwindet.«

»Ethan Mordock?«, fragte Chris.

»Mein Gott, natürlich. Wenn diese … Schweinerei da hinten Amy Lawson war …«

»Auch dann, wenn sie es nicht war. Mordock gehörte das Hotel und die Höhle. Er hatte Zugang – nicht nur zur Höhle, sondern auch zu den Hotelgästen. Und es ist ziemlich offensichtlich, dass er etwas mit dem Verschwinden von Amy Lawson zu tun hatte.«

»Die Gäste checken ein«, sagte Hank, »aber sie checken nicht aus. Einige jedenfalls nicht.«

»Wahrscheinlich junge Frauen, die allein anreisen. Sie enden hier unten.«

»Das könnte schon seit Jahren so gehen.«

»Und Mordock ist tot!« Chris packte Hanks Arm und wandte ihm ihr Gesicht zu. Sie sah dieselbe Erkenntnis und Erleichterung, die er wahrscheinlich in ihren Augen bemerkte. Und hinter seinem Kopf einen fleischlosen Schädel, der einen grünen Pillbox-Hut mit roter Feder trug.

Chris zuckte zusammen und senkte den Blick.

Sie gingen weiter.

»Wenn es Mordock war«, sagte Hank. »müssen wir uns keine Sorgen machen, dass irgendein Irrer über uns herfällt.«

»Gott sei Dank. Es ist so schon schlimm genug.«

»Wenn wir uns das ein bisschen früher überlegt hätten, wäre Brad vielleicht bei uns geblieben.«

»Wer braucht schon Brad«, meinte Chris.

Sie passierten eine Flussbiegung.

»Mordock war unheimlich«, sagte sie. »Schon an der Art, wie er Darcy und mich angesehen hat, habe ich gemerkt, dass mit ihm was nicht stimmt. Aber … Mein Gott, ich hätte nie geglaubt, dass er zu so einem Wahnsinn fähig ist. Man kann sich kaum vorstellen, dass irgendjemand Leichen nimmt und …«

»Wo wir gerade davon reden, ich sehe keine mehr. Ich glaube, wir haben sie hinter uns gelassen.«

Chris blickte auf. Der helle Schein der Laterne enthüllte einen Wald von Stalagmiten und Säulen auf beiden Seiten des Flusses. Gestein, sauber und glänzend, frei von Körperteilen. Sie schnüffelte. Der Verwesungsgestank war immer noch vorhanden, jedoch weniger erdrückend als zuvor. »Es geht aufwärts«, sagte sie.

»Ich glaube, es dauert nicht mehr lange, bis wir zur Mauer kommen. Was eine neue Frage aufwirft. Ich beginne zu überlegen, ob wir die Leute auf diesem Weg rausbringen sollen.«

Chris hatte gesehen, wie die Leute Schlange gestanden und auf Darcys Führung gewartet hatten. Sie erinnerte sich, dass Frauen und mehrere Kinder darunter gewesen waren. »Es waren Kinder dabei«, sagte sie.

»Eines davon ist meine Tochter. Ich will nicht, dass sie Mordocks Werk zu Gesicht bekommt. Mein Gott. Sie kann ziemlich mutig sein, aber das würde ich niemandem wünschen. Das würde sie für den Rest ihres Lebens nicht mehr aus dem Kopf bekommen.«

»Ich möchte das Zeug auch nicht noch einmal sehen.«

»Dann sollten wir uns etwas anderes ausdenken.«

»Wenn wir sie erst einmal erreicht haben, kommt es vielleicht nicht darauf an, sie sofort rauszubringen. Ich meine, das Wichtigste ist, zu Darcy und Paula zu kommen. Wenn wir bei ihnen sind und wissen, dass es ihnen gut geht, können wir einfach mit ihnen zusammen warten.«

»Ja. Die Feuerwehr wird früher oder später alle rausholen.«

»Es würde mir nichts ausmachen, selbst wenn es einen Tag oder noch länger dauert, solange ich bei Darcy bin.«

»Und wir haben die Schokoriegel«, erinnerte Hank sie.

»Ja. Niemand wird verhungern.«

Chris hatte plötzlich das Gefühl, ein schreckliches Gewicht würde von ihren Schultern genommen. Sie musste sich nicht länger mit dem drohenden Rückweg auseinandersetzen.

Hank und sie würden mit ihren Töchtern und den übrigen Touristen im sicheren Teil der Höhle bleiben und schließlich von der Feuerwehr oder einem anderen Rettungsdienst durch die Aufzugsschächte hochgezogen werden. Sie würde nicht noch einmal zwischen Mordocks Toten wandeln müssen.

»Vielleicht können wir den anderen Zugang finden«, sagte Hank. »Den, den Mordock benutzt hat.«

Ihre Erleichterung begann zu schwinden.

»Ich will nicht auf Erkundungstour gehen – du etwa?«

»Tja …«

»Ich glaube, wir sollten einfach zu den anderen gehen und …«

»Was ist das?« Hank nickte nach rechts.

Chris war sich nicht sicher, ob sie hinsehen wollte.

»Da drüben, bei dem großen Felsbrocken.«

Er klang neugierig, nicht angewidert oder argwöhnisch, deshalb blickte Chris hinüber. Über den Höhlenboden zog sich am Rand des Laternenscheins ein dunkler Schlitz, der parallel zum Fluss zu verlaufen schien.

»Eine Spalte?«, fragte Chris. »Vielleicht die, in die Elizabeth Mordock gefallen ist.«

»Willst du einen Blick hineinwerfen?«

»Nein. Lass uns einfach weitergehen, ja?«

»Vielleicht ist der versteckte Eingang …«

»Einer von uns könnte stürzen. Außerdem interessiert mich der versteckte Eingang nicht. Wenn ich Tageslicht sehe, dann interessiert es mich. Ansonsten sollten wir keine Umwege machen, okay?«

»Ich glaube, du hast recht.«

Sie gingen weiter.

»Seit wann bist du ein Höhlenforscher?«, fragte Chris. »Und was ist eigentlich aus deiner Klaustrophobie geworden?«

»Danke, dass du mich daran erinnerst. Das hatte ich ganz vergessen.«

»Wie kann man Klaustrophobie vergessen?«

»Ich werde meinen Seelenklempner fragen, falls ich jemals zu einem gehen sollte.«

»Spürst du überhaupt keine Symptome mehr?«

»Ganz leicht, allerhöchstens.«

»Der Schreck muss sie vertrieben haben.«

»Könnte sein.«

»Die ganzen schrecklichen Knochen und …«

Sie sah Tageslicht.

»Großer Gott«, flüsterte sie.

Ein fahler, diffuser Schein in der Dunkelheit jenseits der Reichweite der Laterne.

»Kaum zu fassen«, murmelte Hank. »Du hast gesagt, wenn du Tageslicht sehen würdest …«

»Stimmt, das habe ich gesagt. Und ich meinte es ernst. Gott, es wird immer besser.«

Sie folgten weiter dem Flusslauf, doch Chris behielt das ferne Licht im Blick. Es füllte eine Öffnung von der Größe einer Tür aus, die in der Nähe der rechten Höhlenwand lag. Manchmal verschwand es, wenn Felsformationen die Sicht versperrten. Dann tauchte es in geringerer Entfernung wieder auf.

Sie hoffte, dass der Fluss direkt dorthin führte.

Doch als sie auf einer Höhe mit dem schwachen Lichtschein waren, befand er sich immer noch rechts von ihnen. Sie blieben stehen und starrten zur Öffnung.

»Willst du hier warten, während ich es mir ansehe?«, fragte Hank.

»Du machst Witze.«

»Also, dann gehe ich wohl besser vor.« Er ließ den Kopf der Spitzhacke ins Wasser sinken und lehnte den Stiel gegen die Böschung.

Chris gab ihm die Laterne.

Er kletterte am Ufer hinauf. Chris nahm die Spitzhacke, schwang sie sich über die Schulter und folgte ihm. Als er zurückblickte, sagte er: »Ich dachte, wir lassen die Spitzhacke da liegen.«

»So müssen wir sie hinterher nicht suchen«, erklärte sie. »Außerdem …«

»Was?«

»Ich finde einfach, wir sollten sie mitnehmen. Man kann nie wissen.«

»Soll ich sie tragen?«

»Und die Laterne?«

»Hm, wir könnten tauschen.«

»Mir wäre lieber, wenn du vorgehst. Ich komme schon klar mit dem Ding.«

Hank zuckte die Achseln und ging weiter. Chris blieb dicht hinter ihm. Sie schlängelten sich durch die vom Höhlenboden aufragenden Felsformationen, die ihnen den Weg versperrten. Der Schein des blassen Lichts wurde größer. Chris sah, dass es aus einer Öffnung in der Höhlenwand drang.

Hank blieb vor der Öffnung stehen. Als er sich vorbeugte und die Laterne hindurchschwang, spähte Chris über seine Schulter.

Die Kammer vor ihnen hatte einen Durchmesser von ungefähr sechs Metern. Auf dem Boden lagen Klamottenhaufen: Kleider, Blusen, Pullover, Unterwäsche, Hosen, Nachthemden, Bademäntel und auch ein paar Jacken und Mäntel. Es schienen ohne Ausnahme Frauenkleider zu sein. An einer Wand entdeckte Chris Toilettenartikel: Föhne, Bürsten und Kämme, Lockenwickler, Zahnpastatuben und Zahnbürsten, Damenbinden. Daneben lag ein offener Koffer voller glitzerndem Schmuck, wie der Schatz eines Piraten.

»Das Zeug muss den Opfern gehört haben«, flüsterte Hank. »Logisch. Er musste es irgendwie loswerden. Er wollte bestimmt nicht, dass es im Hotel herumliegt, falls jemand dort rumschnüffelt.«

Er trat in die Kammer. Chris folgte ihm. Ihre Füße versanken in den Kleiderhaufen.

Die Kleider von toten Menschen.

Sie erschauderte.

Hank legte den Kopf in den Nacken. Chris blickte ebenfalls nach oben.

Das Tageslicht drang wie bleicher Nebel durch eine kaminähnliche Öffnung in der Decke der Kammer. Obwohl Chris direkt unter dem Loch stand, konnte sie den Himmel nicht sehen. Sie nahm an, dass der Tunnel, der offensichtlich an die Oberfläche führte, sich auf seinem Weg krümmte.

Die Decke der Kammer war mindestens doppelt so hoch, wie Hank groß war.

»Man könnte auf diesem Weg rein- und rauskommen«, sagte er, »aber dazu bräuchte man ein Seil. Das wird uns nicht weiterhelfen.«

»Glaubst du, das ist Mordocks geheimer Zugang?«

Er zuckte die Achseln. »Könnte sein. Vielleicht hatte er eine Strickleiter.«

»Lass uns zum Fluss zurückgehen, ja? Der Ort jagt mir Angst ein.«

»Okay.« Hank trat zurück, um einen besseren Blickwinkel auf das Loch in der Decke zu bekommen – und stolperte.

Chris keuchte erschrocken, weil sie befürchtete, die Petroleumlampe könnte die dicke Kleiderschicht auf dem Boden entzünden, doch Hank landete auf dem Hintern und hielt die Laterne hoch. »Alles in Ordnung?«, fragte sie.

Er nickte. »Komm her.«

Sie watete durch die Kleider.

»Halt mal.«

Sie nahm die Laterne entgegen. »Was ist?«, fragte sie.

»Ich will sehen, worüber ich gestolpert bin.« Er kniete sich hin und begann zu graben, warf Röcke, Bademäntel und Strumpfhosen zur Seite.

»Vielleicht solltest du das lieber lassen«, sagte Chris.

Er hob eine wattierte Bluse hoch und legte einen nackten Fuß frei. Chris versteifte sich. Schauder krochen wie kalte Würmer über ihre Haut.

Noch mehr Leichen, dachte sie.

Leichen unter uns. Vielleicht stehe ich auf einer!

Hank berührte das Fußgelenk, dann zog er schnell die Hand zurück. Er sah zu Chris auf. Seine Augen waren weit aufgerissen, der Mund stand offen.

»Verschwinden wir von hier«, flüsterte sie.

Hank schüttelte langsam den Kopf und warf weitere Kleidungsstücke aus dem Weg. Er legte einen zweiten Fuß frei. Schienbeine. Die Beine lagen nebeneinander, waren jedoch leicht gespreizt. Er befreite die Knie.

»Hank. Bitte. Ich will das nicht sehen.«

»Diese hier lebt noch«, sagte er.

Und mit einem Schrei richtete sie sich ruckartig in einem Wirbel von Kleidern auf.

Ein Mädchen mit wildem blondem Haar. Die Augen zusammengekniffen. Die angespitzten Zähne gefletscht. Chris rief eine Warnung. In dem Moment, als sie das Wort »Pass …« ausstieß, sah sie, wie das Mädchen einen weißen, mit Klingen versehenen Stock nach Hanks Gesicht schwang, sah seine offene Hand gegen die Seite ihres Gesichts schlagen und hörte ein Klatschen und das Zusammenklappen ihrer Zähne, als die Handkante ihr Kinn traf. Der Hieb warf den Kopf des Mädchens zurück. Der Schrei riss ab. Chris’ Stimme hallte durch die plötzliche Stille: »… auf!« Während sie ihre Warnung vollendete, fiel das Mädchen auf die Kleiderschichten. Hank stieß die offene Hand gegen ihre Brust und riss den anderen Arm hoch, als wollte er die Fingerknöchel in ihren Hals schlagen.

Er hielt inne.

Er kniete dort, bereit zum Schlag, und rührte sich nicht.

Das Mädchen lag reglos da.

»Hank?«

Er atmete tief durch, dann griff er über den ausgestreckten Körper und hob die Waffe auf. Er hielt sie in die Luft und untersuchte sie.

Kein Stock, bemerkte Chris. Ein Knochen. Vielleicht ein Armknochen. Die obere Hälfte war mit Rasierklingen gespickt, die in Kerben im Knochen steckten.

Hank schleuderte die Waffe zur Seite. Sie traf klappernd gegen die Wand der Kammer und fiel dann lautlos auf den mit Kleidern bedeckten Boden. Er sah auf das Mädchen hinab. »Was hat sie hier getan?«, murmelte er. »Und mit so einem Ding?«

»Vielleicht …« Chris rang um Atem. Ihr Herz klopfte wild. »… können wir sie fragen.«

Hank antwortete nicht. Er räumte weitere Kleider zur Seite, um das Mädchen freizulegen.

Sie trug ein blaues Satinnegligé mit Spaghettiträgern. Einer der Träger war heruntergerutscht, und eine blasse, blau geäderte Brust ragte hervor.

Das Negligé spannte sich eng um den runden Bauch.

»Schwanger«, flüsterte Chris.

Das Mädchen schien nicht älter als vierzehn oder fünfzehn Jahre zu sein.

Chris trat über sie und hielt die Laterne dicht vor ihr Gesicht. Ihre Augen waren offen, aber nach oben gedreht, sodass man nur das Weiße sehen konnte. Der Mund war geschlossen.

Hank öffnete den Mund des Mädchens und zog ihre Unterlippe herunter. Die gespitzten Zähne waren hellrot vom Blut ihres aufgeplatzten Zahnfleischs. »Diese Zähne – ist das nicht unglaublich?«, sagte Hank.

»Ich … ich glaub, ich drehe durch.«

»Wir haben uns die Geschichte falsch zusammengereimt. Es steckt mehr dahinter, als dass Mordock seine Opfer für irgendwelche kranken Spielchen hier runterbringt. Diese Zähne … und sie ist schwanger …«

»Ich begreife das nicht.«

»Ich auch nicht. Lass uns weitergehen.«

»Wir können sie nicht einfach liegen lassen. Sollten wir nicht versuchen, sie aufzuwecken und …«

Hank stieß das Kinn des Mädchens leicht an. Ihr Kopf fiel in Chris’ Richtung. Das Ohr war blutüberströmt.

»Was ist?«

»Sie ist tot«, erklärte er.

Chris spürte, wie Benommenheit sie erfasste. Sie hörte ihre eigene Stimme fremd und wie aus weiter Ferne sagen: »Nein. Das kann nicht sein. Du hast sie nur einmal geschlagen und …«

»Manchmal reicht einmal.«

»Aber …«

»Es tut mir leid, Chris. Es tut mir leid, dass du das mitansehen musstest.« Er stand auf und drehte sich zu ihr. »Sie war nur eine Jugendliche und schwanger, aber sie ist mit der Waffe auf mich losgegangen. In einem solchen Fall muss man handeln. Auch ein Mädchen kann einen töten. Komm, lass uns hier abhauen.«

Sie stand auf und sah auf die Leiche hinab.

Auf den geschwollenen Bauch des Mädchens.

»Ich habe sie getötet, okay? Ich habe sie und ihr Baby ermordet. So ist es nun mal. Sie hätte nicht versuchen sollen …« Plötzlich stürmte er an Chris vorbei, und die Schnelligkeit seiner Bewegung riss sie aus der Benommenheit, die Schock und Bedauern hinterlassen hatten, und sie fragte sich, ob er noch jemanden gesehen hatte, der aus den Kleidern emporschnellte. Sie wirbelte herum.

Hank schnappte sich an der Höhlenwand die Waffe des Mädchens. Als er damit zu ihr zurückrannte, schleuderten seine Füße Blusen und Röcke in die Luft.

»Was hast du …?«

»Halte die Augen offen. Wer weiß, ob es noch mehr von ihnen gibt.«

Hank ließ sich zwischen den Beinen des Mädchens auf die Knie fallen. Er klemmte den Knochen zwischen die Zähne, packte den Saum ihres Negligés und riss daran. Der Stoff teilte sich in der Mitte und entblößte den Schamhügel und Bauch des Mädchens.

»Was machst du?«

Er nahm den Knochen aus dem Mund. Während er eine der Rasierklingen herauszog, murmelte er: »Ich tue, was ich tun muss.« Dann schlitzte er das Mädchen auf. Schlingen von Eingeweiden quollen heraus und dampften an der kühlen Luft. Hank hob sie haufenweise heraus und warf sie zur Seite.

Chris taumelte zurück. Die Spitzhacke fiel von ihrer Schulter.

Sie wusste nun, was Hank vorhatte.

Kein Mörder.

Wunderbar.

In ihrem Kopf drehte sich alles, das Licht der Laterne verschwamm, und sie sah eine blaue Aura um Hank, während er das Mädchen ausweidete und mit der Rasierklinge aufschnitt. Schwankend stellte sie die Laterne auf den weichen Kleiderschichten ab, ehe sie stolperte und rückwärts in die Dunkelheit glitt.

»Wach auf. Komm schon.«

Sie öffnete die Augen.

Hank kniete mit einem Bündel im Arm neben ihr. »Es ist ein Junge«, sagte er. »Es scheint ihm gut zu gehen. Sie muss ziemlich kurz vor der …«

»Du hast ihn rausbekommen?«

»Jetzt, wo er keine Mutter mehr hat, muss sich jemand anders um ihn kümmern. Er gehört dir.« Er legte das Bündel zwischen ihren Brüsten ab.

Chris spürte seine Wärme. Er bewegte sich. Sie schlug den Pullover auseinander, der um den Jungen gewickelt war, und sah ein rundliches Gesicht mit halb geöffneten Augen.

»Gott«, flüsterte sie.

»Du bist nicht besonders gut als Hebamme geeignet«, sagte Hank, »aber wenigstens hast du die Grotte nicht in Brand gesteckt.«

Chris legte sanft die Arme um das Baby.

»Komm«, sagte Hank. »Lass uns weitergehen.«