14

Beth war schreiend aus dem Boot gesprungen, während die Beine ihres Mannes noch in der Luft schwebten. Als seine Schuhsohlen durch das Loch in der Mauer verschwanden, landete sie im Wasser, und Tropfen spritzten hoch.

»Nein!«, rief Greg ihr hinterher.

Sie kämpfte sich durch das brusttiefe Wasser, wedelte mit der linken Hand vor sich durch die Luft, während sie in der rechten die Taschenlampe hielt. Der Strahl ruckte, sprang über die Mauer und glitt zitternd um das Loch herum.

Sie hatte noch keine zwei Schritte gemacht, ehe Greg Darcy aus dem Weg schob und sich aus dem Boot warf. Darcy geriet ins Taumeln. Mit den Kniekehlen stieß sie gegen die Kante der Sitzbank. Sie fiel nach hinten, hielt sich am Dollbord fest, zog sich hoch und drehte sich gerade rechtzeitig auf die Seite, um zu sehen, wie Greg einen Arm um Beth schlang. Die andere Hand streckte er nach vorn. Er hielt ihren Unterarm fest, als fürchtete er, sie könne die Taschenlampe verlieren. Die Frau wehrte sich und versuchte, sich zu befreien.

»Jim! Jim! Komm zurück!«

»Hör auf!«, blaffte Greg. »Beth, er ist weg. Lass uns …«

Ihr Hinterkopf schlug gegen Gregs Kinn. Darcy hörte den Aufprall, hörte die Zähne aufeinanderschlagen, sah seinen Kopf rucken. Er fiel nach hinten. Als er unterging, erhob sich Darcy in die Hocke, um ins Wasser zu springen, und nahm seitlich von sich etwas wahr.

Etwas Blasses, das sich bewegte.

Sie blickte zu Beth, die weiter durch das Wasser watete. Der Strahl der Taschenlampe jagte über die Mauer, strich ruhelos über das Loch. Darcy sah etwas, das mit dem Kopf voran herausstürzte.

Einen Augenblick lang dachte sie, es wäre Jim, der zurückkam. (Es war nur eine Halluzination, dass er durch den Mund aufgespießt und ins Loch gezerrt worden war.) Es ging ihm gut. Und jetzt kam er zurück.

Es war nicht Jim.

Dieses haarige, bärtige Ding war auf keinen Fall Jim.

Als sie Greg an die Oberfläche kommen sah, sprang sie. Mitten in der Luft hörte sie Helen schreien und Carol sagen: »O großer Gott!« Dann landete sie im Wasser. Kälte umhüllte sie, doch es kümmerte sie nicht. Sie war noch unter Wasser, als ihre Hand gegen Greg stieß. Seine Hüfte. Sie stand auf und hielt sich an seinem Arm fest, während er Beth hinterherwatete. Er schüttelte den Kopf, offenbar noch benommen von dem Schlag.

Sie folgte ihm.

Beth, die einen Meter vor ihnen war, stieß ein Schnauben aus und klappte zusammen. Dann wurde sie hochgerissen. Einer ihrer zappelnden Füße streifte Darcys Stirn. Strampelnd und sich windend, wurde sie aus dem Wasser gehoben, während sich eine verschwommene bärtige Gestalt unter ihr aufrichtete. Der Mann berührte sie nicht. Er hielt sie mit einem Ding über seinem Kopf, das am Ende einen Knauf wie ein Baseballschläger aufwies (ein Knochen?). Dann riss er die Waffe heraus. Die Taschenlampe, die Beth noch immer in der Hand hielt, während sie sich überschlug, beleuchtete die Waffe – ein über dreißig Zentimeter langer Knochen, an einem Ende angespitzt und glänzend von Blut.

Beth fiel hinter dem Mann ins Wasser.

Die Taschenlampe ging mit ihr unter. Sie blieb eingeschaltet, doch die Höhle wurde plötzlich dunkel. Dunkel wie eine mondlose Nacht, aber nicht völlig schwarz. Darcy konnte fast erkennen, wie Greg mit dem Mann verschmolz. Sie hörte Grunzen, Knurren, Platschen und spürte, wie das Wasser um sie herum schäumte. Als Greg zurückstolperte, wurde sie zur Seite gestoßen. Die beiden Männer gingen unter.

Darcy watete zur Taschenlampe. Sie lag auf dem Grund des Sees, und der Strahl bohrte einen kurzen Tunnel durch das Wasser. Darcy bückte sich und packte den Griff. Kaum hatte sie die Lampe gehoben, als sie jemanden in dem Loch in Elys Mauer hocken sah.

Noch einer?

Ihr Magen zog sich zu einem Eisklumpen zusammen.

Die Gestalt hatte die Arme gegen die Ränder des Lochs gestemmt. Darcys Blick wurde von dem Knochen angezogen, den sie in der Hand hielt. Etwas Glänzendes am Ende.

Eine Schere.

Eine Nagelschere?

Sie war irgendwie am Ende des Knochens befestigt, die winzigen Schneiden bildeten eine Spitze für die bizarre Waffe. Langes Haar hing der Gestalt ins Gesicht. Die Haut war leichenblass. Die Zähne waren gefletscht. Und spitz zugefeilt. Kurz bevor die Gestalt lossprang, sah Darcy, dass sie einen blutbeschmierten weißen Rollkragenpullover trug. Jeans.

Große Brüste wackelten unter dem Pullover, als die Frau sich hinabstürzte.

Darcy schwang die Taschenlampe.

Ein Ruck ging durch ihren Arm, als der Kopf der Lampe das Gesicht der Frau traf.

Das Licht erlosch.

Der Körper fiel auf sie, warf sie zurück und drückte sie nach unten. Das Wasser schlug über ihr zusammen. Sie hatte mit einem wilden Angriff gerechnet, doch weder wurde sie von Händen gepackt, noch bohrten sich Scherenspitzen in Darcys Fleisch. Ihr wurde vage bewusst, dass der Schlag mit der Taschenlampe die Frau betäubt haben musste. Darcy drehte sich unter ihr weg. Schlang einen Arm um ihren Hals. Kam auf die Beine, zog den Kopf aus dem Wasser, drückte das nasse Gesicht an ihre Wange und hämmerte mit der Taschenlampe auf den Schädel ein. Bei jedem Schlag ruckte das Gesicht gegen sie.

Sie hörte, wie Greg neben ihr kämpfte.

Noch ein letzter Schlag.

Fünf.

Sicherheitshalber noch ein sechster. Dann ließ sie den Kopf der Frau los. Der Körper rutschte an ihr herunter. Sie stieß ihn mit dem Knie weg, drehte sich schwerfällig im Wasser um und watete auf die keuchenden, würgenden und plätschernden Geräusche zu.

Sie hörte ein kurzes Flüstern von der Seite. Helen und Carol.

Ein schwerer Aufprall und das Spritzen von Wasser hinter ihr.

Ein dritter Eindringling von der anderen Seite von Elys Mauer?

Sie hörte, wie ihr ein Wimmern entglitt. Kümmere dich nicht darum, dass noch mehr kommen. Kümmere dich um den, mit dem Greg kämpft. Gott sei Dank sind sie noch dabei.

Sie näherte sich dem Tumult.

Hörte neben sich etwas Platschen. Hatten Carol und Helen das Boot verlassen?

Etwas rammte ihren Oberschenkel. Darcy griff ins Wasser und packte ein Fußgelenk. Sie spürte einen Socken unter ihren Fingern. Greg trug keine Socken. Der Fuß strampelte sich frei.

Weil sie die Taschenlampe nicht verlieren wollte, stopfte sie sie unter den elastischen Bund des Anoraks, dann griff sie wieder ins Wasser. Sie bekam einen Hosenaufschlag zu fassen. (Greg trug nur seinen Schlüpfer.) Mit dem Gesicht im Wasser tastete sie sich an der Innenseite des Hosenbeins nach oben. Sie steckte einen Arm zwischen die Beine und rammte ihn hart in den Schritt. Die Beine klemmten ihren Arm ein. Sie spürte, wie der Körper zuckte. Dann befreite sie ihren Arm, griff nach dem Hintern des Mannes, hakte die Finger in seine Gesäßtaschen und versuchte, ihn von Greg herunterzuziehen.

Der zappelnde, sich windende Körper folgte ihr, als sie zurücktaumelte.

Sie hörte Wasser aufwallen. Husten. Greg musste aufgetaucht sein.

»Ich hab ihn«, flüsterte sie.

Greg antwortete nicht. Er hustete immer noch.

»Wo seid ihr?« Carols Stimme.

»Schwimmt zum Bootssteg!«, rief Darcy. »Verschwindet hier!«

»Welche Richtung?«

Woher soll ich das wissen?

»Haut einfach ab! Und seid leise! Da sind noch mehr von denen!«

Der Körper ruckte nach vorn. Darcy zog an den Hosentaschen und versuchte, ihn zurückzuhalten, dann begriff sie, dass die plötzliche Bewegung nicht von dem Angreifer ausgegangen war. Greg musste an ihm ziehen. Sie öffnete die Hände und spürte, wie der Körper nach vorne und oben schoss. Ihre Finger rutschten aus den Taschen.

Es ertönte ein weiteres Platschen hinter ihr.

Noch ein Wilder, der in den See sprang?

Leise plätschernde Geräusche von jemandem, der dort hinten schwamm oder watete.

Dieselben Geräusche vor ihr.

Ein Schreckensschrei von vorn.

»Ich bin’s nur.« Helens Stimme.

»Gott sei Dank.«

Darcy streckte den Arm aus und packte dickes, fettiges Haar. Sie tastete unter dem Anorak nach der Taschenlampe, um den Mann damit zu schlagen. Doch der Kopf wurde brutal gegen ihre Hand gestoßen, dann ging er unter.

»Okay«, keuchte Greg. »Okay.«

Darcy bewegte sich auf seine Stimme zu, die dicht vor ihr aus der Dunkelheit kam. Der untergetauchte Körper war im Weg. Er sank tiefer und rutschte zur Seite, als sie mit den Knien darauftrat. Dann schloss sie die Arme um Greg. Sie drückte sich an ihn, spürte seine sich hebende Brust, die feuchte Wange, den warmen Atem, der über ihr Ohr strich.

Hinter und vor ihr ertönte leises Plätschern. Und Atmen. Jemand wimmerte in der Nähe, wahrscheinlich Carol oder Helen.

Darcy zitterte heftig.

Sie versteifte sich, als sie bemerkte, dass jemand von hinten sehr dicht an sie herankam.

»Halt die Luft an«, flüsterte Greg.

Er zog sie hinab.

Sie ging in die Hocke. Das Wasser schloss sich über ihrem Kopf. Greg drückte sie sanft von sich, hielt jedoch ihren Arm fest. Er drehte sie um, zog an ihr. Sie ließ sich von den Füßen gleiten, und er schleppte sie hinter sich her. Das kalte Wasser strich über ihren Körper. Er konnte sie nicht ziehen und zugleich schwimmen. Darcy vermutete, dass er in die Hocke gegangen war und über den Grund watete, sodass er unter der Oberfläche blieb.

Das wird funktionieren, dachte sie. Wir entfernen uns.

Solange wir unter Wasser bleiben, werden sie uns nicht finden. Sie können nur ihrem Gehör folgen.

Wir hätten den Frauen raten sollen, das Gleiche zu tun.

Darcy brauchte allmählich Luft. Sie kämpfte gegen den Drang zu atmen an, doch bald begann ihre Lunge zu schmerzen. Dann brannte sie. Sie fragte sich, ob Greg zum Luftholen aufgetaucht war und sie vergessen hatte.

Greg blieb mit ihr stehen. Sie spürte, wie eine Hand auf ihren Mund gedrückt wurde. Er hob sie langsam nach oben. Als ihr Gesicht aus dem Wasser auftauchte, nahm er die Hand weg. Möglichst leise sog sie die Luft ein.

Sie erwartete, dass Greg sie schnell wieder untertauchen würde. Doch das geschah nicht.

Sie standen reglos da und hielten einander.

Darcy hörte ihren eigenen Atem und das schnelle Klopfen ihres Herzens. Auch Gregs hörte sie. Und das leise Plätschern der Tropfen, die von ihnen ins Wasser fielen. Sonst nichts.

Es war, als hätte jegliche Bewegung im Lake of Charon aufgehört.

Es war, als wären sie allein im See.

Was geht hier vor?

Sie wünschte, die anderen hören zu können.

Vielleicht schwimmen Carol und Helen unter Wasser, dachte sie. Vielleicht tauchen alle.

Oder vielleicht stehen sie reglos da, genau wie wir. Carol und Helen in der Hoffnung, sich so retten zu können. Die anderen in der Hoffnung auf ein Geräusch, das uns verrät, damit sie uns aufspüren und fertigmachen können.

Haben sie sich möglicherweise zurückgezogen? Sind sie zurück durch das Loch auf die andere Seite der Höhle gegangen?

Wir haben zwei von ihnen erwischt. Vielleicht haben wir sie getötet, vielleicht auch nicht, aber das könnte den anderen den Mut genommen haben.

Nein. Wir waren nicht lange genug unter Wasser. Sie haben keine Zeit gehabt, sich durch das Loch zurückzuziehen.

Greg berührte sie am Kinn, was sie als Zeichen betrachtete, wieder abzutauchen. Sie atmete tief ein. Seine Finger lagen noch auf ihrem Kinn, deshalb spürte er ihr Nicken.

Langsam und still tauchten sie unter.

Greg schleppte sie wie vorhin durchs Wasser.

Sie hatte den Eindruck, dass sie den Steg ansteuerten. Es musste so sein, denn ansonsten wären sie schon gegen eine der Höhlenwände gestoßen.

Wenn wir es nur bis zum Steg schaffen!

Mit einem kleinen Vorsprung auf ihre Verfolger würde sich alles zum Guten wenden. Vom Steg aus würden sie den Gehweg finden und könnten dem Geländer bis zur Hauptgruppe folgen. Dort wären sie in Sicherheit. Diese schrecklichen Dinger würden es nicht wagen …

Dinger? Menschen.

Doch sie sahen aus und benahmen sich wie geistlose Wilde, nicht wie richtige Menschen.

Was zum Teufel trieben sie hinter Elys Mauer? Lebten sie dort?

Das ist verrückt. Niemand kann überleben in …

Es sei denn, es gibt irgendwo eine Öffnung. Wenn sie rein- und rauskönnten, sähe die Sache anders aus. Eigentlich sollte es dort keine Öffnung geben, aber wer weiß?

Sie haben Jim und Beth getötet.

Hoffentlich geht es Carol und Helen gut.

Uns geht es gut, das ist das Wichtigste.

Darcy verspürte Schuldgefühle und fragte sich, ob sie für ihre Selbstsüchtigkeit bestraft werden würde, und dachte: Bitte, lieber Gott, sorge dafür, dass es Carol und Helen gut geht.

Gregs Hand bedeckte ihre Augen, rutschte dann tiefer und legte sich auf ihren Mund. Darcy nickte. Sie stellte die Füße auf den Grund und ließ sich von Greg an die Oberfläche führen.

Nun war es in der Höhle nicht mehr still.

Lautes Platschen. Aber weit entfernt. Hinter ihnen.

Und plötzlich wimmerte eine hohe, entsetzte Stimme: »Nein! Nein! Lass mich in Ruhe! Bitte! MEIN GOTT!«

Es war Helen. Ihre Stimme verstummte. Das Plätschern hielt an, doch weniger wild.

Sie haben Helen, dachte Darcy. O Gott, sie haben sie erwischt.

Darcy spürte Gregs Hand auf der Wange, atmete tief durch und nickte. Gemeinsam tauchten sie wieder unter.

Gregs Griff um ihren Arm war fester als zuvor, und er schien sie schneller zu ziehen.

Wegen dem, was mit Helen geschehen ist, dachte sie.

Warum töten sie uns?

Wir haben Elys Mauer aufgebrochen. Wenn wir bei den Aufzügen geblieben wären … Es ist meine Schuld. Jim und Beth und Helen würden noch leben, wenn …

Verdammt, das konnte ich nicht wissen. Wer konnte denn ahnen, dass sie ermordet würden?

Sie müssen uns hämmern gehört, sich auf der anderen Seite der Mauer versammelt und einfach gewartet haben.

Gott sei Dank war es Jim, der den Durchbruch geschlagen hatte. Jim, nicht Greg. Wenn es keine zweite Schicht Steine gegeben hätte, wäre es Greg gewesen.

Der arme Jim. Mein Gott. Dieser Knochen. Genau in den Mund. Und Beth. In den Bauch.

Durch das Wasser drang ein hohles Scheppern an ihre Ohren. Es kam von der Seite. Von dort, wo Greg war. Obwohl sie für einen Moment erschrocken und verwirrt war, begriff sie schnell, was der Ursprung des Geräuschs war: Greg war aufgetaucht, um Luft zu holen, und mit dem Kopf gegen den Rumpf des Boots gestoßen, das am Steg vertäut lag.

Hoffen wir, dass es dieses Boot war, dachte sie. Falls es das andere war, stecken wir tief in der Scheiße.

Ihr Galgenhumor überraschte Darcy. Es war die Erleichterung, vermutete sie, weil sie den Steg gefunden hatten.

Greg zog sie nach vorn, dann hob er sie hoch.

Als sie zuvor Luft geholt hatten, waren sie beide in der Hocke geblieben, sodass nur ihre Köpfe aus dem Wasser ragten. Nun richtete sich Darcy ganz auf. Das Wasser reichte ihr bis zur Unterseite der Brüste. Sie legte eine Hand auf Gregs Schulter. Er ließ ihren anderen Arm los, und sie streckte ihn nach links aus. Wie erwartet, stießen ihre Fingerspitzen gegen die metallene Seitenwand des Boots. Sie wusste, dass es eng am Steg festgemacht war. Als sie den Arm hob, ertastete sie die rauen Holzplanken über ihrem Kopf.

Hier werden sie uns nie finden, dachte sie. Wir sind unter dem Steg, und das Boot versperrt ihnen den Weg. Falls sie so weit kommen, werden sie um das Boot herumschleichen. Sie werden auf den Steg stoßen und eher hinaufklettern, als darunter nach uns zu suchen. Wenn wir still sind, werden sie uns nie finden.

Du hast mich hierhergeführt, Greg. Irgendwie hast du uns hierhergebracht.

Jetzt werden wir es schaffen.

Sie wusste, dass sie kamen, konnte die leisen gluckernden Geräusche hören, mit denen sie sich näherten. Aber sie waren noch ein Stück entfernt.

Sie legte beide Arme um Greg und zog ihn an sich.

Eng umschlungen standen sie in der Dunkelheit. Sie zitterten beide und atmeten schwer, und Darcy spürte das Hämmern seines Herzens. Das Gehäuse der Taschenlampe war zwischen ihren Bäuchen eingeklemmt. Nachdem sich ihre Atmung beruhigt hatte, schob er eine Hand unter Darcys Anorak und zog die Lampe heraus. Er reichte sie ihr. Sie hängte sie sich an den Gürtel, wo sie nicht im Weg war. Einen Augenblick lang erwog sie, den Reißverschluss zu öffnen und die Jacke aufzuschlagen. Es wäre so tröstlich, ihn auf ihrer nackten Haut zu spüren. Doch sie tat es nicht. Weil die, die hinter Elys Mauer hausten, näher und näher kamen. Sie drückte sich an Greg und lauschte.

Und hörte ein Plätschern hinter sich.

Großer Gott, nein!

Greg versteifte sich.

Er hielt die Luft an. Darcy auch.

Jemand war unter dem Steg. Es schien unmöglich, doch Darcy hatte das Geräusch gehört. So dicht hinter ihnen! Und es war keine Einbildung. Greg hatte es ebenfalls gehört.

Wenn wir uns ganz still verhalten …

Jemand berührte ihre rechte Schulter. Sie zuckte zusammen und drückte den Mund an Gregs Hals, um das Keuchen zu dämpfen.

Ihre Schulter wurde getätschelt, gedrückt. Ihr Haar gestreichelt.

Sie hörte ein schwaches Seufzen.

Carol?

Darcy ließ Greg los. Seine Umarmung lockerte sich. Er musste ebenfalls erraten haben, um wen es sich bei dem Eindringling handelte. Darcy wandte sich langsam und vorsichtig um, um das Wasser nicht aufzuwirbeln. Unter der Oberfläche ertastete sie Stoff. Sie erinnerte sich an das Strandkleid, das Carol getragen hatte, ließ ihre Hände daran hinaufgleiten und fand die Ärmelausschnitte. Sie berührte eine Achselhöhle, eine Brust, das tiefe Dekolleté des Kleids. Sie strich über den Hals und streichelte die feuchte Wange der Frau. Sie spürte, wie der Kopf eifrig nickte.

Und hörte ein leises Schluchzen.

Darcy legte Carol eine Hand um den Nacken und zog sie an sich. Die Frau schlang ihre Arme um sie. Greg bewegte sich lautlos zur Seite und umarmte sie beide.

Carol zitterte beim Weinen, und ihr Atem ging stoßweise.

Die anderen waren ganz in der Nähe. Sie schienen von vorn und von Darcys rechter Seite auf den Steg zuzukommen – wahrscheinlich waren sie irgendwo gleich hinter dem Bug des Boots.

Weil Darcy fürchtete, sie könnten Carols abgehackte Atemgeräusche hören, drückte sie sich ihr Gesicht an die Seite des Halses.

Sie hörte ein dumpfes Klopfen, gefolgt von einem »Uh!«. Jemand musste gegen die Kante des Stegs gestoßen sein.

»Was ist?« Ein Flüstern. Eine Frauenstimme.

»Ich bin irgendwo gegengeprallt.« Ein Mann.

Mein Gott, dachte Darcy, sie können sprechen.

Klopfende Geräusche auf dem Holz. »Ich weiß, was das ist. Es ist der Pier, an dem die Tourboote liegen.« Das war eine Frau. Sie musste zu denen von der anderen Seite der Mauer gehören, doch sie war mit dieser Seite ebenfalls vertraut.

Wer zum Teufel sind diese Leute?

Dann wallte das Wasser auf. Ein plötzliches Dröhnen, als wäre ein schwerer Gegenstand (oder ein Mensch) auf den Steg geworfen worden. Darcy zuckte zusammen. Carol versteifte sich und saugte an der Seite ihres Halses. Darcy spürte, wie Greg ihre Schulter fester packte.

Dann ertönten schwappende Geräusche, Tropfen, Klopfen und Rascheln.

Sie klettern auf den Steg, dachte Darcy. Gott sei Dank. Sie suchen uns nicht darunter.

Sie lauschte aufmerksam. Aus den Geräuschen, die sie machten, während sie sich hochstemmten und auf den Steg zogen, schloss sie, dass es mindestens vier Leute waren. Vielleicht auch fünf.

Sie gingen nicht weg.

Darcy wünschte, sie würden sich entfernen, doch sie schienen nirgendwo hinzugehen. Sie vermutete, dass sie sich setzten. Die Fremden hatten das Wasser ungefähr zwei Meter vor ihr verlassen und waren nicht näher herangekommen. Darcy hörte Wasser in den See tropfen; wahrscheinlich rann es von ihren Körpern und floss durch die Ritzen zwischen den Planken.

Sie sind so verflucht nah, dachte sie. Aber nicht so nah, dass sie ihren Atem hören konnte. Und sie können unseren nicht hören, dachte sie.

»Lass sie uns für später aufsparen«, flüsterte die Frau, »und die anderen verfolgen.«

Jemand lachte, als wäre das ein dummer Vorschlag.

»Ich meine es ernst. Wenn sie zu den Aufzügen kommen, fahren sie hoch und erzählen von uns. Sie werden verraten, was wir getan haben. Dann kommen Leute mit Gewehren runter und …«

Ein Klatschen. Ein Wimmern.

»Okay«, stöhnte die Frau.

Darcy hörte kurze ploppende Geräusche. Sachen klimperten auf das Holz, rollten darüber. Etwas fiel mit einem »Plipp« ins Wasser.

Knöpfe, dachte sie.

Lass sie uns für später aufsparen. Sie sparten sie nicht für später auf. Jemand hatte ihre Bluse aufgerissen, sodass die Knöpfe absprangen.

Dieses erste laute Dröhnen, ehe die anderen auf den Steg geklettert waren. Es war wirklich ein Körper gewesen, der auf das Holz geprallt war. Beth oder Helen, wahrscheinlich eher Helen, denn sie war diejenige, die erst vor ein paar Minuten gefangen worden war.

Carol, die offenbar zu demselben Schluss gekommen war, drückte sich enger an Darcy.

Die Geräusche setzten sich fort. Darcy wünschte, sie könnte ihre Ohren verschließen und von dem Wissen über das, was dort oben geschah, verschont bleiben. Doch sie hörte Klopfen, als Glieder angehoben und wieder fallen gelassen wurden, das Reißen von Stoff, das Klimpern einer Gürtelschnalle, das Ruckeln eines Reißverschlusses, und sie konnte geradezu sehen, wie sie dort im Kreis um den Körper hockten und ihn entkleideten.

Sie werden sie vergewaltigen, dachte sie.

Sie fragte sich, ob Helen tot war.

Sie hörte Seufzen und Stöhnen, leises Kichern. Sie überlegte, ob das Stöhnen von Helen kam.

Nein, Helen ist tot. Sie muss tot sein.

Wenn sie es nicht wäre, wie könnten wir dann einfach hier unten stehen und uns verstecken, während sie vergewaltigt wird?

Was, wenn Greg beschließt, sie zu retten?

So, wie er Darcys Schulter umklammerte, vermutete sie, dass er es erwog.

Dann ertönte ein feuchtes, reißendes Geräusch.

Wieder und wieder.

Etwas begann, vor Darcy ins Wasser zu prasseln.

Blut?

Schließlich erklang rhythmisches Schmatzen, Stöhnen, feuchtes Saugen – Geräusche, die Leute von sich gaben, wenn sie den Mund voll Fleisch hatten.

Kauen.