9

»Mich bekommen Sie da nicht rein«, sagte Lynn, als Hank vom Parkplatz fuhr. Er warf im Rückspiegel einen Blick auf das brennende Hotel. »Ich meine, da liegt Elizabeth Mordocks Leiche drin.«

Chris blickte über die Schulter. »Sie müssen nicht hineingehen. Wir möchten nur, dass Sie uns zeigen, wo der Eingang ist.«

»Sie werden nicht reinkommen.«

»Wir werden reinkommen«, sagte Hank. Er sah Chris an. »Wir müssen einen Abstecher in die Stadt machen. Da gibt es ein Einkaufszentrum. Paula und ich haben dort heute Morgen Donuts gegessen. Ich glaube, da drin war auch ein Baumarkt.«

»Ja«, sagte Lynn. »Andy’s. Ich war ein paar Male da. Die haben eine gute Auswahl.«

Hank bremste, weil die Straße eine Kurve beschrieb, dann beschleunigte er wieder. Die Bäume am Straßenrand rauschten als verschwommene grüne Umrisse vorbei.

Wo zum Teufel bleiben die Löschwagen?, fragte er sich. Dann dachte er: Wer braucht die schon? Wenn sie rechtzeitig gekommen wären, um das Areal um die Aufzüge herum zu retten … Wie es im Moment aussieht, sind wir bei den Mädchen, ehe das Feuer gelöscht ist. Falls die Feuerwehr überhaupt auftaucht.

Vielleicht sind sie woanders im Einsatz.

Vielleicht hat der Typ mit dem Jeep es sich anders überlegt und den Brand doch nicht gemeldet.

Spielt keine Rolle mehr. Wir holen die Mädchen raus.

Hank erschauderte.

Ich kann nicht in diese Höhle gehen.

Er stellte sich die Dunkelheit vor, die Enge, die ihn zu erdrücken drohte.

Ich schaffe es, sagte er sich. Ich muss einfach. Ich kann Chris nicht allein hineinschicken.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Chris.

Sieht man es mir an?

»Ich mache mir nur Sorgen wegen Paula.«

»Ich habe es Ihnen doch gesagt«, meldete sich Lynn vom Rücksitz. »Die Leute sind da unten in Sicherheit. Gefährlich ist es hingegen, den ganzen Haufen durch die üble Seite rauszuführen. Ich glaube, Sie wissen nicht, worauf Sie sich einlassen.«

Hank raste um eine Kurve, sah ein Stoppschild vor sich und trat auf die Bremse. Während der Wagen langsamer wurde, hielt er auf der Hauptstraße nach Verkehr Ausschau. Kein Fahrzeug in Sicht. Er rollte an dem Verkehrsschild vorbei, bog auf die Straße und trat das Gaspedal durch. Der Wagen schoss nach vorn, und er wurde in den Sitz gedrückt.

»Was hat sich da eigentlich vorhin abgespielt?«, fragte Chris. »In der Lobby.«

»Und wie ist Mordock gestorben?«, wollte Lynn wissen.

»Ein Mann ist mit Eimern voller Benzin und einer Zigarre reingekommen«, sagte Hank. »Er hat sich aufgeregt, wegen einer Frau, von der er dachte, sie sei im Hotel zu Gast gewesen. Offenbar glaubte er, Mordock hätte ihr etwas angetan. Er hat Mordock mit Benzin übergossen, und Mordock fing plötzlich an, Blei zu spucken.«

»Womit fing er an?«, fragte Lynn.

»Auf ihn zu schießen. Der Mann hat seine Zigarre geworfen, und bumm

»O Mann«, murmelte Lynn.

»Was sollte Mordock ihr denn seiner Meinung nach getan haben?«, fragte Chris.

»Er soll sie verschwinden haben lassen. Ich glaube, der Mann hatte vorher schon mit Mordock darüber gesprochen. Er schien sich sicher zu sein, dass das Mädchen eingecheckt hatte, aber Mordock muss ihm die Gästekartei gezeigt haben, um das Gegenteil zu beweisen. Ihre Karte war nicht darin. Deshalb war der Mann überzeugt, dass Mordock hinter ihrem Verschwinden steckte.«

»Er muss verrückt gewesen sein«, sagte Chris.

»Das Mädchen war wahrscheinlich seine Schwester oder seine Frau oder so.«

»Ich frage mich, was Mordock mit ihr gemacht hat.«

»Wer sagt denn, dass er etwas gemacht hat?«, wandte Lynn ein. »Nur weil irgendjemand ihn beschuldigt …«

»Der Mann schien absolut sicher, dass sie eingecheckt hatte. Wahrscheinlich hat sie ihn aus dem Hotel angerufen.«

»Ich habe Mordock für einen widerlichen Typen gehalten«, sagte Chris. »Aber man kann sich kaum vorstellen … Glaubst du, er hat sie umgebracht?«

»Das hat der Mann mit dem Benzin garantiert geglaubt.«

»Ethan würde so was nicht tun«, sagte Lynn. »Er war ein netter Mann.«

»Ich hatte das Gefühl, er war zu nett«, erklärte Chris ihr. »Zumindest, wenn es um hübsche Frauen ging. Mir ist aufgefallen, dass Sie nicht besonders betroffen waren, als ich Ihnen gesagt habe, dass er tot ist.«

»Er ist mir ziemlich gleichgültig. Ich meine, es ist schlimm, dass er umgebracht wurde und alles. Aber ich glaube nicht, dass er ein Irrer war, der durch die Gegend lief und seine Gäste umgebracht hat wie dieser Typ in Psycho. Das ist verrückt. Und ich finde es nicht schön, schlecht von ihm zu reden, nachdem er ins Gras gebissen hat.«

»Jemand hat die Gästekarte der Frau verschwinden lassen«, erinnerte Chris.

»Vorausgesetzt, sie hat eingecheckt«, sagte Hank.

»Ich habe das Gefühl, dass es so war.«

»Ich auch.«

»Das heißt nicht, dass Ethan etwas damit zu tun hatte«, beharrte Lynn.

Sie setzt sich ganz schön für ihn ein, dachte Hank. Vielleicht hatte sie was mit ihm. Möglich. Es kann aber keine besonders ernste Beziehung gewesen sein, sonst hätte sein Tod sie mehr mitgenommen.

Geht mich nichts an, beschloss er.

Als sie auf das Heck eines Kombis zurasten, steuerte Hank über die Mittellinie. Einen Augenblick später überholte er den Kombi. Er lenkte zurück auf die rechte Spur. Der Kombi schrumpfte im Rückspiegel.

»Wenn hier jemand verrückt ist«, sagte Lynn, »dann dieser Junge, Kyle.«

»Wer ist das?«

»Ethans Sohn. Würde mich nicht besonders überraschen, wenn er versucht hat, irgendeinen Unsinn mit einem Gast anzustellen. Dem traue ich alles zu. Ein unheimliches Kind. Er hat Darcy wirklich in den Wahnsinn getrieben.«

»Er hätte Zugang zur Gästekartei«, sagte Hank.

Chris drehte sich auf ihrem Sitz um und sah zu Lynn. Dabei berührte ihr linkes Knie Hanks Bein. Er sah auf ihren glatten Schenkel. Eine Ecke der Bluse, die unten nicht zugeknöpft war, hing darüber. Der Badeanzug spannte sich eng zwischen ihren Beinen. Hank gönnte sich nur einen kurzen Blick, dann zwang er sich, wieder auf die Straße zu sehen.

»Was hat er Darcy getan?«, fragte Chris.

»Nicht viel. Ich meine, er hatte … er war interessiert an ihr. Er ging immer bei ihren Führungen mit und hat sie angestarrt. Sie würden überrascht sein, wie viele Männer sich auf diesen Führungen sehr für uns interessieren. Ich weiß nicht, vielleicht liegt es an der Uniform. Man kann geradezu sehen, wie den Jugendlichen das Wasser im Mund zusammenläuft. Es ist … einfach nur schmeichelhaft, sonst nichts … Sie machen die Führung mit und verschwinden, man sieht sie nie wieder. Aber bei Kyle ist es anders. Er ist immer da. Und er ist Ethans Sohn, deshalb wollte Darcy ihm nicht sagen, er solle sich verpi… verkrümeln.«

»Dieser Kyle …« Chris’ Stimme brach ab. Ihr Kopf wirbelte nach vorn.

»Das wurde aber auch Zeit«, sagte Hank, als er die Sirenen hörte. Er bremste nur leicht ab und fuhr scharf rechts. Die Reifen rumpelten über den Schotter auf dem Seitenstreifen.

Die Sirenen heulten lauter und lauter, dann schoss ein Polizeiwagen mit Blaulicht um die Kurve und an ihnen vorbei. Als Nächstes kam das rote Auto des Brandmeisters. Dann folgten ein Rettungswagen und ein Löschwagen. Sie rauschten vorbei, und der Lärm verklang allmählich. Hank steuerte zurück auf die Straße und trat aufs Gas. »Nichts, womit sie unsere Kinder rausholen könnten«, sagte er. »Dafür bräuchten sie wahrscheinlich einen Bulldozer. Und vielleicht einen Kran.«

Chris nickte. Ihr Gesicht wirkte grimmig. Sie wandte den Kopf, um Lynn anzusehen.

Hank sah wieder auf die Innenseite ihres Oberschenkels, den engen Badeanzug. Er spürte eine warme Welle von Erregung und Scham.

Behalte deine verdammten Augen auf der Straße, sagte er sich.

»Sie haben gesagt, dieser Junge, Kyle, war bei Darcys Führungen dabei.«

»Ja, und er hat sie die ganze Zeit angestarrt. Als wäre er in sie verknallt. Nur dass ›verknallt‹ nicht der richtige Ausdruck ist. Es klingt zu … ich weiß nicht.«

»Unschuldig?«, fragte Chris.

»Ja. Ich meine, er ist erst fünfzehn, aber er macht überhaupt keinen unschuldigen Eindruck. Er ist ziemlich unheimlich für ein Kind.«

»War er heute Morgen auch dabei?«, fragte Chris.

»Ja. Wir sind uns begegnet, wissen Sie. Darcy hat ihre Gruppe reingeführt, und ich meine raus. Ja, Kyle war gleich hinter ihr.«

»Na toll«, murmelte Chris.

Sie sah zu Hank. Er begegnete ihrem besorgten Blick, schüttelte den Kopf und legte eine Hand auf ihr Bein. Er hatte deswegen ein schlechtes Gewissen. Ich tröste sie nur, sagte er sich und ließ die Hand liegen. »Es ist bestimmt alles in Ordnung«, sagte er.

Sie legte ihre Hand auf seine.

»Ja«, sagte Lynn. »Er wird nicht …«

»Gerade haben Sie noch gesagt, Sie würden ihm alles zutrauen«, erinnerte Chris sie.

»Tja …«

»Chris«, sagte Hank, »da unten sind über dreißig Leute.« Einschließlich Paula, dachte er. Paula. Im selben Alter wie der Junge, und allein.

Kyle hatte Zugriff auf die Gästekartei.

Kyle könnte dafür gesorgt haben, dass das andere Mädchen verschwand.

Paula ist mit ihm dort unten eingeschlossen.

Aber es ist Darcy, auf die er scharf ist. Und da sind all die anderen Leute. Er würde nichts bei ihr versuchen.

»Darcy kann auf sich selbst aufpassen«, murmelte Chris, als wollte sie sich beruhigen.

Vor ihnen war eine Ampel. Sie zeigte Rot. Als Hank abbremste, sah er das Einkaufszentrum auf der anderen Seite der Kreuzung. Der Anblick hätte ihn erleichtern sollen. Stattdessen spürte er, wie sich sein Magen verkrampfte.

Es ist nicht mehr weit.

Wenn wir hier wegfahren, sind wir auf dem Weg zur Höhle.

Ich werde es schon verkraften.

Von wegen.

Hauptsache, Paula geht es gut, alles andere ist egal. Und Darcy. Wenn der kleine Scheißer irgendwas mit ihnen anstellt, wird er dafür büßen.

Die Ampel sprang auf Grün.

»Ihr beide geht zum Baumarkt«, sagte Chris, während sie über den Parkplatz liefen. »Ich gehe in den Sportladen und treffe euch beim Auto.«

»Bei Andy’s gibt’s wahrscheinlich auch Taschenlampen«, sagte Hank.

»Ich brauche was zum Anziehen. Wenn sie Petroleumlampen haben, nehme ich eine mit. Und ein paar Taschenlampen.«

»Wenn Sie wirklich in die Höhle gehen wollen«, sagte Lynn zu Hank, »sollten Sie ein Sweatshirt oder so dabeihaben. Sonst werden Sie frieren.« Sie fummelte an der Brust seines Polohemds herum.

»Ich bring dir was Warmes mit«, sagte Chris. »Das hatte ich sowieso vor.«

Er griff in die Gesäßtasche seiner Shorts und zog die Brieftasche hervor.

»Vergiss es«, sagte Chris. »Du kümmerst dich um die Spitzhacke oder was auch immer.«

Lynn ging mit Hank, was Chris sehr zupasskam. Sie hatte sich nicht viel aus Lynn gemacht, seit Darcy sie gestern vorgestellt hatte. Das Mädchen war ihr nicht nur ein wenig geistesabwesend, sondern auch verantwortungslos vorgekommen. Und vorhin im Auto hatte sie Partei für Mordock ergriffen, obwohl doch jeder sehen konnte, dass er ein Widerling war – er ist tot, erinnerte Chris sich.

Und vielleicht war sein Sohn genauso schlimm wie er oder sogar noch schlimmer. Er stand auf Darcy.

Diese erfreuliche Information verdanke ich Lynn.

Das Mädchen schien es genossen zu haben, ihr davon zu erzählen. Ein bisschen deftiger Tratsch.

Hey, wissen Sie was? Wenn Sie Ethan für einen Widerling halten, sollten Sie mal seinen Sohn kennenlernen. Ach übrigens, er steht auf Ihre Tochter und ist mit ihr in der Höhle. Weiß Gott, was er vorhat. Eines kann ich Ihnen sagen, dem würde ich alles zutrauen.

Genau das, was ich hören wollte.

Dann hat sie auch noch mit den Fingern über Hanks Brust gestrichen.

Nicht nur eine Dumpfbacke, sondern auch ein Flittchen.

Chris betrat das Sportgeschäft. Die Luft im Inneren war kühl an ihren nackten Beinen.

Ein Mann, der an der Kasse anstand, starrte sie an.

Was für eine Sensation. Hatte er noch nie Beine gesehen?

Chris schnappte sich einen Einkaufswagen und rollte ihn durch die Gänge, bis sie zur Bekleidungsabteilung kam. Sie fand Jogginganzüge in ihrer Größe, suchte sich einen blauen aus und warf ihn in den Wagen. Für Hank entdeckte sie ein einfaches graues Sweatshirt, doch dann entschied sie sich anders und wählte auch für ihn einen Jogginganzug. Schließlich, dachte sie, hat er nicht nur das Polohemd an, das Lynn unbedingt anfassen musste, sondern auch Shorts. Komisch, dass Lynn da nicht auch drübergestrichen hat, wo sie gerade dabei war.

Sie dachte daran, wie der Mann an der Kasse sie angestarrt hatte, und nahm für sich auch noch eine kurze Sporthose mit. Dann ging sie in die Schuhabteilung und warf ein Paar weiße Socken in ihren Wagen.

Als sie das Schuhregal durchsah, näherte sich ihr ein junger Mann mit Schnurrbart und dem muskelbepackten Körper eines Gewichthebers. »Kann ich Ihnen helfen?«

»Ich brauche Laufschuhe. Weiß. Größe sechsunddreißig.«

»Nehmen Sie Platz. Ich messe lieber nach. Besonders bei Sportschuhen ist es sehr wichtig, dass sie perfekt passen.«

»Ich hab’s eilig. Größe sechsunddreißig ist okay. Normale Breite.«

»Wie Sie meinen.« Es klang leicht tadelnd. »Was darf es denn für ein Stil oder eine Marke sein?«

»Wie die da«, sagte sie und zeigte auf ein Paar weiße Reeboks im Regal.

»Hervorragende Wahl.« Er nahm die Musterschuhe und inspizierte sie.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte ein älterer Mann, der von der Seite hinzukam.

Der muskulöse Mann hielt ihm die Schuhe entgegen. »Wir hätten gern diese in Größe sechsunddreißig, normale Breite.«

»Gern.« Er verschwand im Lagerraum.

»Sie arbeiten überhaupt nicht hier«, sagte Chris.

»Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel. Ich heiße Brad.« Er setzte ein Lächeln auf, das er offensichtlich für charmant hielt.

»Haben Sie einen Fußfetisch?«

»Und Beine und so auch. Ach, gucken Sie doch nicht so angewidert. Sie fühlen sich geschmeichelt, das wissen Sie doch selbst.«

»Sehr witzig.«

Er zog eine Braue hoch. »Sie sind eine sehr schöne Frau.«

»Danke. Aber ich bin auch sehr beschäftigt.«

»Sind Sie allein?«

»Nicht so allein, wie ich gern wäre.«

»Ha! Ich mag Frauen mit Humor.«

Die Flügeltür schwang auf, und der Verkäufer kam mit zwei Schuhkartons in den Armen zurück. »Vielleicht möchten Sie zuerst die hier anprobieren.« Er reichte ihr den oberen Karton. »Das ist Größe siebenunddreißig. Reeboks fallen oft klein aus.«

Chris setzte sich. Sie spürte das Kunststoffpolster des Stuhls an ihren Oberschenkeln. Die beiden Männer standen vor ihr und sahen zu, wie sie sich vorbeugte und in einen der Schuhe schlüpfte. »Fühlt sich gut an«, sagte sie und zog ihn wieder aus.

»Sie sollten es lieber mit Socken probieren«, schlug Brad vor. Er ging zum Einkaufswagen, nahm die Sportsocken heraus und reichte sie ihr.

»Danke«, sagte sie und wünschte sich, er würde verschwinden.

Sie zog eine Socke an und trat erneut in den Schuh.

»Wie ist das?«, fragte der Verkäufer.

»Gut.«

Er ging in die Hocke und begann, den Schuh zuzubinden. Sein kahler Kopf war von der Sonne verbrannt und schälte sich. Er machte eine Schleife, dann drückte er den Schuh an den Seiten und an der Spitze. Er nickte und murmelte: »Mh-hm. Mh-hm.« Chris konnte seine Augen nicht sehen. Doch sie spürte seinen Blick wie ölige Finger ihre Schenkel emporgleiten.

Ich hätte nie in diesem Aufzug hier reingehen sollen, dachte sie.

Der Verkäufer legte den Kopf in den Nacken und lächelte zu ihr auf. »Auf mich machen sie einen guten Eindruck«, sagte er.

»Vielleicht sollten Sie versuchen, damit zu laufen«, schlug Brad vor.

Klar. Ich veranstalte eine Parade für euch! »Die passen gut. Ich nehme sie.«

»Möchten Sie sie gleich anbehalten oder …«

»Nein.« Als der Verkäufer nach unten griff, um ihr den Schuh auszuziehen, zog sie den Fuß hoch. Sie legte ihn auf ihr Knie und streifte schnell Schuh und Socke ab. Während der Schuh in den Karton gepackt wurde, zog sie ihre Sandale an und stand auf. Sie war froh, dass die Bluse nun ihre Oberschenkel bedeckte.

»Wünschen Sie sonst noch etwas?«, fragte der Verkäufer.

»Ich sehe mich einfach um, danke.« Sie legte Socken und Schuhkarton in den Einkaufswagen und eilte davon.

Brad blieb an ihrer Seite.

»Haben Sie nichts Besseres zu tun?«, fragte sie.

Er grinste. »Wenn das so wäre, würde ich es tun.«

Chris steuerte den Einkaufswagen in einen Gang mit Campingausrüstung. Sie fand eine Petroleum-Starklichtlampe und stellte den Karton in den Wagen. Brad nahm eine Dreiliterflasche mit Brennstoff.

»Können Sie das gebrauchen?«

»Danke«, murmelte sie.

»Gehen Sie zelten?«

»So was in der Art.« Am Ende des Gangs hingen Rucksäcke an der Wand. Sie wählte einen kleinen roten aus.

»Da passt nicht viel rein«, teilte Brad ihr mit.

Sie ignorierte seinen Kommentar und legte ihn zu den anderen Sachen.

Sie kam zu den Taschenlampen. Manche waren so lang wie ihr Unterarm, andere nicht größer als ein Bleistift. Einige hatten Gehäuse aus geriffeltem Metall, einige aus rotem Plastik, andere waren gummiummantelt. Chris beschloss, dass die Plastiklampen ausreichen würden. Sie zählte sie, während sie sie in den Einkaufswagen legte.

»Sind Sie mit einer ganzen Pfadfindergruppe unterwegs?«, fragte Brad.

Acht. Mehr waren nicht vorrätig, doch es gab welche aus Metall in derselben Größe, deshalb begann sie, diese einzuladen.

»Das sind eine Menge Taschenlampen.«

Sie sah Brad an.

Er zog die Brauen hoch.

»Es sind ungefähr vierzig Leute in der Mordock-Höhle eingeschlossen. Ich gehe mit einem Freund rein, um sie rauszuholen.«

Er sah ihr in die Augen. »Sie wollen mich verarschen.«

»Genau. Ich schätze, ich brauche zwanzig Lampen.«

»Ich hole Ihnen die Batterien.« Er sah auf eine der Verpackungen. »Größe D«, murmelte er, trat einen Schritt zur Seite, bückte sich und begann, Zweierpackungen von Everready einzusammeln. »Wie ist es passiert?«

»Ein Feuer im Hauptgebäude. Die Aufzüge existieren nicht mehr.«

»Wie wollen Sie dann reinkommen?«

»Durch den natürlichen Zugang.«

»Der ist verschlossen.« Er warf eine Handvoll Batterien in den Wagen und bückte sich nach weiteren.

»Mein Freund kauft gerade Werkzeug.«

Brad stieß einen leisen Pfiff aus. »Sie steigen in Lizzys Grab«, murmelte er.

»Nennt man das so?«

»Hier in der Gegend, ja. Wow. Warum tun Sie das?«

»Meine Tochter ist da drin.«

»Großer Gott.« Er legte weitere Batterien auf den Stapel. »Ist das nicht eine Aufgabe für die Polizei?«

»Wahrscheinlich. Aber wir machen es trotzdem.«

»Sie, und wer noch?«

»Hank. Seine Tochter ist auch dort eingeschlossen. Und wir haben eine Führerin dabei, Lynn. Sie wird uns zeigen, wo …«

»Lynn Maxwell?«

Die Welt ist klein, dachte Chris. Doch es war nicht besonders überraschend, dass ein aufdringlicher junger Mann wie Brad Lynn kannte. »Sie kennen sie«, sagte sie.

»Eine Freundin eines Freundes. Wenn Lynn Ihnen den Weg zeigt, wer führt dann die Gruppe in der Höhle?« Er runzelte die Stirn. »Darcy Raines?«

Chris’ Herz schlug schneller, und sie spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. »Ja, Darcy.«

»Scheiße. Aber besser sie als Lynn.«

Chris starrte ihn an. »Was zum Teufel meinen Sie damit?«

»Sie ist viel besser als Lynn. Sie ist wirklich auf Zack. Wenn ich in der verdammten Höhle eingeschlossen wäre, würde ich wollen, dass sie diejenige ist, die die Verantwortung hat. Ich will niemanden beleidigen, aber Lynn ist eine Niete.«

Langsam fange ich an, den Typen zu mögen, dachte Chris.

Er warf noch eine Handvoll Batterien in den Wagen. »Okay, das sind jetzt zwanzig Packungen. Haben Sie zwanzig Taschenlampen?«

Sie nickte. »Woher kennen Sie Darcy?«

»Ich habe sie hier öfter gesehen. Habe ihre Führung mitgemacht. Ein paarmal waren wir was trinken. Sie kennen sie offenbar ebenfalls.«

»Ja, ich kenne sie.«

»Hören Sie, wenn sie in der Höhle eingeschlossen ist … Könnten Sie noch Hilfe gebrauchen?«

»Möchten Sie mitkommen?«

»Ich würde gern helfen.«

Chris blickte ihm in die Augen. Er begegnete ihrem Blick einen Moment, dann sah er zur Seite.

»Hey, mir ist schon klar, dass ich mich vorhin wie ein Idiot benommen habe. Das war nur Spaß. Ich bin nicht immer so.«

»Gott, das will ich hoffen.«

Er stieß ein kurzes Lachen aus.

»Ja, Sie können mit uns kommen. Eine zusätzliche Person könnte hilfreich sein.« Chris nahm eine Plastiklaterne. »Holen Sie mir eine Sechs-Volt-Batterie dafür?«

»Klar. Hey, da wir bei diesem Unternehmen Partner sein werden, könnten Sie mir verraten, wie Sie heißen.«

»Chris Raines.«

Lächelnd streckte er ihr die Hand entgegen. Als Chris sie schüttelte, runzelte er die Stirn. »Raines?«

»Darcys Mutter.«

»Jetzt verarschen Sie mich wirklich.«

Lynn verschränkte die Arme über der Lehne des Beifahrersitzes und sagte: »Die braucht aber ganz schön lange.«

»Sie muss einige Sachen kaufen.«

»Sind Sie an ihr interessiert?«

»Wir haben uns gerade erst kennengelernt«, sagte er.

»Na und? Sie sind an ihr interessiert, oder?«

»Spricht was dagegen?«

»Nein, das wollte ich nicht sagen. Ich bin nur neugierig. Für ihr Alter sieht sie nicht schlecht aus. Sie muss auf die vierzig zugehen, glauben Sie nicht? Ich meine, Darcy ist einundzwanzig, also …«

»Wenn es Sie so interessiert, warum fragen Sie sie nicht?«

»Geht mich ja nichts an.«

Das stimmt, dachte Hank und fragte sich, was mit Lynn los war. Sie hatte sich ziemlich vertraulich benommen, während sie im Baumarkt gewesen waren. Zurück am Auto, hatte Lynn vor der Beifahrertür gewartet und ihm einen stechenden Blick zugeworfen, als er ihr die Fondtür geöffnet hatte. Und jetzt versuchte sie, Chris schlechtzureden.

Er nahm an, dass Lynn sich einfach als fünftes Rad am Wagen fühlte und Chris’ Position einnehmen wollte. Schade, dass wir Lynn überhaupt dabeihaben müssen, dachte er.

Tja, sie hatte behauptet, sie werde nicht in die Höhle gehen. Wenn sie ihre Meinung nicht änderte, würde sie bald aus dem Weg sein.

»Das wird aber auch Zeit«, sagte Lynn.

Hank blickte aus dem Seitenfenster und sah Chris aus dem Sportgeschäft kommen. Ein Mann in Jeans und kariertem Hemd ging neben ihr und schob einen beladenen Einkaufswagen. Gleich vor dem Geschäft blieb Chris stehen und redete mit dem Mann. Sie griff in den Wagen, nahm eine rote Shorts heraus und zog sie an.

»Wie sittsam«, murmelte Lynn.

Hank verspürte einen Anflug von schlechtem Gewissen, als er überlegte, ob sie seinetwegen die Shorts gekauft hatte.

Chris ließ den Blick über den Parkplatz schweifen, entdeckte das Auto und ging los. Der Mann blieb bei ihr.

»Au, Mann, das ist Brad Dingsbums. Gottes Geschenk an die Frauen. Pech gehabt, Hank.«

Hank ignorierte ihre Bemerkung, stieg aus und ging zum Heck des Wagens. Er hatte den Kofferraum geöffnet, ehe sie ankamen.

»Hank«, sagte Chris, »das ist Brad.« Als sie sich die Hände gaben, erklärte sie: »Wir sind uns im Laden begegnet. Er kennt Darcy.«

»Ich würde gerne mitkommen und helfen, wenn Sie einverstanden sind.«

»Gut.«

Schnell luden sie die Jogginganzüge, die Petroleumlampe, den Brennstoff und eine Tüte voller Schokoriegel in den Kofferraum. Die Taschenlampen und Batterien warfen sie neben Lynn auf den Rücksitz. Chris nahm ihre Schuhe und die Socken mit ins Auto.

Brad stieg hinten bei Lynn ein. Während sie sich begrüßten, fuhr Hank vom Parkplatz. Chris schlüpfte aus ihren Sandalen und zog die Socken an.

»Ich dachte, es könnte nicht schaden«, sagte sie, »noch einen Mann dabeizuhaben. Besonders, wenn es darum geht, die Mauern zu durchbrechen.«

»Ja. Das wird helfen.«

Als sie ihre Schuhe angezogen hatte, wandte sich Chris um. »Gebt mir mal ein paar Batterien und Taschenlampen«, sagte sie.

Chris, Lynn und Brad bestückten die Lampen, während Hank, so schnell er es wagte, zur Mordock-Höhle fuhr.