16

Das Kauen ging weiter. Darcy hörte Seufzen, Stöhnen, das Geräusch von reißendem Fleisch und knackenden Knorpeln. Manchmal plätscherte es leise, als würden ungenießbare Stücke in den See geworfen. Am liebsten wäre sie untergetaucht, um die Geräusche des Festmahls nicht länger hören zu müssen, doch sie wagte nicht, sich zu rühren. Sie stand in der Dunkelheit, umarmte Greg und Carol und wartete ab.

Dann erklang Geflüster.

»Bringen wir sie nach hinten?«

»Erst schnappen wir uns die anderen. Dann bringen wir sie alle nach hinten. Bewahren sie für später auf.«

»Wir müssen nicht zurückgehen.« Die Stimme der Frau. Diejenige, die von dem Bootssteg, den Ausflugsbooten und den Aufzügen wusste. »Wir sind frei. Vielleicht können wir raus.«

»Nach oben?«

»Ja, nach oben.«

»Nicht nach oben.«

»Hast du keine Eier in der Hose?«

Ein durchdringendes Klatschen. Die Frau keuchte.

»Feigling«, sagte sie mit zittriger Stimme. »Du hast Angst vor Mordock.«

»Ich habe vor niemandem Angst.«

»Dann komm mit mir. Wir verlassen die Welt. Wir töten Mordock und leben an der Sonne. Es ist wunderschön da oben, du wirst schon sehen. Aber wir müssen jetzt gehen. Wir haben Leute von oben getötet, und sie werden uns mit Gewehren jagen, wenn wir jetzt nicht rausgehen.«

Einen Augenblick lang herrschte Stille. Dann sprach der Mann. »Wir gehen. Wir töten die anderen. Wir nehmen sie mit zurück in die Welt, bewahren sie für später auf.«

»Aber du verstehst nicht …«

Wieder ein Schlag. Dieser klang nicht wie eine Ohrfeige; vielleicht war es ein Fausthieb ins Gesicht. Sie ächzte. Kurz darauf ertönte ein Pochen, als schlüge ihr Kopf auf den Bootssteg. Sie stöhnte eine Weile, dann kreischte sie wegen eines neuen lautlosen Schmerzes auf und begann zu wimmern. Kreischte noch einmal. Keuchte. »Nein, nicht. Bitte. Es tut mir leid.«

»Wir gehen«, sagte der Mann.

Darcy hörte eine Bewegung, dann direkt über ihrem Kopf sich entfernende Schritte. Die Frau wimmerte immer noch.

»Lana.«

Stöhnend rührte sie sich. Es gab scharrende Geräusche, das Knacken von Holz, leises Klopfen. Darcy stellte sich vor, wie die Frau sich auf den Bauch drehte und erhob. Dann ging sie offenbar davon.

Darcy lauschte den Schritten auf den Planken. Es dauerte nicht lange, bis sie verklangen.

Mein Gott, dachte sie, sie sind wirklich weggegangen. Sie sind jetzt auf dem Gehweg und entfernen sich.

Carol, die steif in Darcys Armen gestanden hatte, begann zu zittern und zu schluchzen. Darcy streichelte ihr Haar. Sie spürte, wie Gregs Arm den Griff um ihren Rücken lockerte.

»Okay«, flüsterte er. »Wir haben es überstanden.«

»War das Helen?«, fragte Carol mit leiser, bebender Stimme. »Meint ihr … es war Helen?«

»Ich glaube schon«, sagte Darcy. »Es könnte auch Beth gewesen sein, aber ich glaube nicht …«

»Sie haben sie gefressen. Sie haben sie gefressen, oder?«

»Es klang danach«, gab Greg zu.

»Iiiiiiiiii.«

»Carol, hör auf.« Darcy schüttelte sie.

»Iiiiiii.«

Darcy kniff ihr ins Ohr.

Sie keuchte und hörte mit dem irren Geräusch auf.

»Greg, was sollen wir …?«

»Sie war so prüde«, sagte Carol. »Frigide, versteht ihr? Sie wollte nichts mit Männern zu tun haben. Sie haben sie ausgezogen. Habt ihr gehört, wie sie sie ausgezogen haben? Mann, wäre sie angepisst gewesen. Ihr Stiefvater hat sie gefickt, deshalb.« Sie stieß die Worte hektisch und mit rauchiger Stimme aus. Eifrig wie eine Klatschtante. »Sie hat Männer gehasst. Sie hielt mich für schmutzig, weil ich sie mag. Nicht, dass ich häufig die Partner wechseln würde, weiß Gott nicht, aber sie hat mich die ganze Zeit gewarnt. Lass dich nicht von ihnen anfassen. Lass dich nicht von ihnen anfassen. Mann, jetzt wurde sie wirklich angefasst. Habt ihr gehört, wie sie sie ausgezogen haben? Das hat ihr bestimmt nicht gefallen, überhaupt nicht.«

»Carol.«

»Sie war so prüde. Sie hat sich immer im Bad umgezogen. Wenn ich mich umgezogen habe, ist sie weggegangen. Als wäre es eine große Sünde, seine Kleider abzulegen, versteht ihr? Gott, und sie haben sie einfach nackt ausgezogen. Ihr die Kleider vom Leib gerissen.« Carol begann sich zu winden, rieb sich mit dem Becken und den Brüsten an Darcy. »Sie haben sie bestimmt auch befummelt. Sie überall angefasst. Aber nicht gefickt, oder? Es hat sich nicht so angehört. Sie hätten es tun können, hätten sich alle abwechseln können, und richtig …«

Darcy schob die sich windende Frau von sich, löste sich aus der Umklammerung und drückte sie an den Schultern nach unten, sodass sie ein paar Sekunden untertauchte. Hustend kam Carol wieder nach oben und begann zu weinen.

»Es tut mir leid. O Gott. Ich …«

»Beruhig dich, ja?«, sagte Darcy. »Und sei still.«

»Sie haben sie gefressen. Sie haben Helen gefressen.«

»Pssst.«

»Was machen wir jetzt?«

»Wir sollten lieber nicht hierbleiben«, sagte Greg ruhig. »Sie kommen bestimmt zurück.«

»O Gott.«

»Da sie diese Richtung eingeschlagen haben«, sagte Darcy, »werden sie auf die anderen stoßen.«

»Dann kehren sie wahrscheinlich um.«

»Meinst du?«

»Sie wollen sich bestimmt nicht mit einer so großen Gruppe anlegen. Sie sind nur – wie viele? Vier?«

»Ich bin mir nicht sicher«, sagte Darcy. »Vier oder fünf, glaub ich.«

»Sie werden sich nicht mit dreißig Leuten anlegen.«

»Ich weiß nicht. Möglich ist alles. Sie könnten es versuchen. Falls es dunkel ist, wenn sie dort ankommen, könnten sie es wagen. Wenn die Feuer aus sind, könnten sie sich anschleichen. Niemand weiß, was hier passiert ist.«

»Und was willst du jetzt machen?«

»Ich bin verantwortlich für diese Leute, Greg. Ich habe schon drei verloren, und …«

»Es ist nicht deine Schuld.«

»Wenn wir nicht versucht hätten, durch die …«

»Es ist nicht deine Schuld.«

»Ich will nicht, dass noch mehr sterben. Wir müssen etwas unternehmen.«

»Okay.«

»Sollen wir sie verfolgen?«

»Nein!«, schrie Carol.

»Das sollten wir wohl. Aber nicht …«

»Nein, bitte! Sie werden uns auffressen!«

»Wartet hier«, sagte Greg.

»Was?«

»Ich hole die Spitzhacke. Wenn wir diese Schweine einholen, will ich etwas haben, womit ich mich wehren kann.«

»Findest du sie im Dunkeln?«

»Hoffentlich. Sie war direkt an der Mauer, als die Scheiße losging.«

»Okay. Aber beeil dich.«

Er ließ Darcy los und strich ihr über den Rücken.

»Lass uns nicht allein«, flehte Carol.

»Schon gut«, sagte Darcy. »Er wird nicht lange fort sein.«

»Was, wenn sie zurückkommen?«

»Wir sind einfach ganz still.« Sie wandte den Kopf in Richtung der plätschernden Geräusche, die Greg verursachte. »Sei vorsichtig.«

Es erklang ein leises Gluckern, dann war es still. Darcy vermutete, dass Greg unter dem Boot durchtauchte. Kurz darauf hörte sie ihn an die Oberfläche kommen. Aus dem schnellen Planschen schloss sie, dass er schwamm.

»Er wird schnell wieder hier sein.«

Darcy spürte, wie Carol die Arme um sie legte. Bei dem Gedanken daran, wie die Frau sich vorhin an ihr gerieben hatte, war sie versucht, sie fortzuschieben. Doch dieses Mal gab es keine Anzeichen einer erotischen Raserei. Carol umarmte sie nur wie ein verängstigtes Kind. Deshalb ließ Darcy sie gewähren, während sie darauf lauschte, wie Greg durch den See schwamm.

Wenn er die Spitzhacke findet, dachte sie, kann er auf dem Rückweg nicht schwimmen. Er wird waten müssen. Das dauert eine Weile.

Je länger es dauert, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, die Wilden einzuholen. Sie haben jetzt schon einen Vorsprung.

Besser, wenn wir es nicht schaffen.

Sie spürte, wie ihr schlechtes Gewissen sich regte. Unter den Touristen waren auch Kinder. Das kleine Mädchen, der dicke Junge, Paula, der Sohn des Ekels mit der Truckerkappe. Und Kyle.

Wenn sie den erwischten, wäre es kein großer Verlust.

Die schwangere Frau.

Aber auch ein paar Männer. Vielleicht würden die Männer mit ihnen fertigwerden. Aber wenn die Feuer in den Aufzügen erloschen waren …

Verwirrung. Niemand wüsste, was vor sich ginge, gegen wen er kämpfen sollte. Es könnte ein Gemetzel in der Dunkelheit geben.

Ich muss nicht auf Greg warten, dachte sie. Ich könnte losgehen und sie zu warnen versuchen.

Sie stellte sich vor, wie sie auf dem Gehweg gepackt und zu Boden geworfen wurde. Sie spürte die Hände, die an ihren Kleidern zerrten. Sie haben ihr die Kleider vom Leib gerissen … Sie überall angefasst. Sie fühlte die Hände auf ihrer nackten Haut. Sie kamen von allen Seiten. Griffen nach ihr, untersuchten sie. Fingernägel bohrten sich in ihr Fleisch. Dann Zähne. Zähne gruben sich in ihre Arme und Schenkel und den Bauch und die Brüste. Sie spürte, wie sie an ihr zerrten und rissen. Hörte die feuchten Kaugeräusche.

Es ist Helen zugestoßen, es könnte auch mir passieren.

Wenn ich allein losgehe und sie zu warnen versuche, könnte es wirklich geschehen.

Du schuldest ihnen den Versuch.

Aber nicht mein Leben. Gott, nein.

Es muss reichen, wenn ich auf Greg warte und wir ihnen mit der Spitzhacke folgen. So haben wir wenigstens eine Chance. Es würde niemandem helfen, wenn ich loslaufe und fertiggemacht werde.

»Agh!« Das Plätschern hörte auf.

Carol versteifte sich.

Darcy wollte rufen, doch sie fürchtete, die Wilden könnten sie hören. Man konnte nicht wissen, wie weit sie sich entfernt hatten, und in der Höhle setzten sich Geräusche über große Strecken fort.

Dann hörte sie, wie Greg weiterschwamm.

Vielleicht ist er gegen eine Leiche gestoßen, dachte sie. Eine widerliche Überraschung solcher Art könnte ihn dazu gebracht haben, aufzukeuchen und kurz innezuhalten.

Drei Leichen im See. Vielleicht. Die Frau, die sich auf Darcy gestürzt hatte, der Mann, der Beth getötet hatte, und Beth. Alle trieben in der Nähe von Elys Mauer herum.

»Er muss beinah da sein«, flüsterte Darcy.

Sie spürte, wie Carols Gesicht über ihre Wange strich, als sie nickte.

Die Schwimmgeräusche verstummten.

Carol, die eng an Darcy gedrückt dastand, rammte sie nach hinten, stieß explosionsartig die Luft aus und grub die Finger in Darcys Rücken. Darcy spürte einen brennenden Stich. Sie ging unter, Carol über ihr, an sie genagelt. Darcy zwängte eine Hand zwischen ihre Körper. Spürte den glitschigen Pflock, der sie verband: Er ragte aus Carol heraus und hatte sich kurz unter den Rippen auf der rechten Seite in Darcys Bauch gebohrt. Als sie ihn umklammerte, wurde der Pflock nach vorn gestoßen. Er drang tiefer in ihr Fleisch. Sie drehte sich weg, drückte Carol von sich und spürte, wie der Pflock aus dem Loch gezogen wurde und über ihre Haut rutschte.

Dann war sie frei. Sie rollte und rollte durch das Wasser und versuchte, Abstand zwischen sich und den Angreifer zu bringen.

Die Stelle, an der die Spitze sie gestochen hatte, brannte. Sie ist nicht sehr tief eingedrungen, dachte Darcy, sonst hätte man sie nicht so leicht rausziehen können. Ein Zentimeter, höchstens.

Eine Knochenwaffe wie die, mit der der andere Mann Beth angegriffen hat?

Er muss Carol durch den Rücken aufgespießt haben.

Darcy stieß mit der Seite gegen eine Wand. Sie drehte sich, drückte sich gegen den Fels und regte sich nicht mehr. Strömungen glitten an ihr vorbei. Sie hörte es in der Nähe plätschern und fragte sich, ob der Angreifer noch bei Carol war. Sie brauchte Luft. In der Hoffnung, alle Laute, die sie verursachte, würden in dem Tumult untergehen, bewegte sie sich langsam aufwärts, bis ihr Kopf durch die Oberfläche brach.

Als sie einen flachen Atemzug nahm, hörte sie in der Nähe ein Plätschern. Schweres Atmen. Grunzen. Der Wilde schien sich noch nicht in ihre Richtung zu bewegen.

Weiteres Plätschern in der Ferne. Diese Geräusche mussten von Greg stammen. Er wusste, dass sie in Schwierigkeiten war, und schwamm zurück.

Ein Seufzer unter dem Steg. Dann ein leises Platschen.

Er kommt mich holen.

Darcy hielt den Atem an.

Wenn er mich nicht hört, kann er mich nicht finden.

Ihr Herz klopfte. In der Wunde pulsierte Feuer.

Er schien direkt auf sie zuzukommen.

Vielleicht hört er meinen Herzschlag.

Riecht mein Blut.

Sie presste sich flach an die Wand und spürte die Taschenlampe an ihrer Seite. Greg, erinnerte sie sich, hatte sie in die Tasche ihres Anoraks gesteckt. Sie zog sie heraus.

Was nun?, fragte sie sich.

Soll ich herumwirbeln und versuchen, ihn damit zu schlagen?

Wenn er den spitzen Knochen hat …

Darcy wusste immer noch nicht, was sie tun sollte, und die watenden Geräusche waren jetzt nur noch einen Meter hinter ihr. Sie ließ sich rückwärts von der Wand wegtreiben und hob die Taschenlampe aus dem Wasser.

Sollte sie sie zur Seite werfen, so wie die Leute in den Filmen es immer taten, um die Bösen in die Irre zu führen?

Das sind nur Filme.

Aber es könnte funktionieren. Er könnte glauben, ich wäre dort drüben.

Ich setze mein Leben nicht auf einen verfluchten Trick aus einem Film.

Darcy wirbelte herum, sprang hoch, spürte, wie sie bis zur Taille aus dem Wasser fuhr, drückte das Kinn auf die Brust, in der Hoffnung, nicht mit dem Kopf gegen die Unterseite des Stegs zu schlagen, hörte sich selbst wie einen wütenden Hund knurren und warf die Taschenlampe mit aller Kraft nach vorn. Wenn sie getroffen hätte, hätte sie sofort den Aufprall gehört. Kein Geräusch. Sie drehte sich zur Seite. Als sie ins Wasser fiel, nahm sie ein Scheppern wahr und begriff, dass die Taschenlampe die Seite des vertäuten Boots getroffen haben musste.

Sie tauchte unter, strampelte mit den Beinen dem Grund entgegen, tat einen kräftigen Schwimmstoß, ließ sich nach vorne gleiten und hoffte, dass sie an ihm vorbeikam, ehe er Zeit hatte zu reagieren.

Ein plötzliches Klatschen. Etwas stieß zwischen ihre Beine und streifte sie an der Innenseite des Schenkels. Sie klemmte die Beine zusammen. Fing es ein. Überkreuzte die Füße. Drehte sich. Spürte einen Augenblick lang Widerstand. Dann löste es sich, und durch den Schwung der Drehung rollte sie herum. Sie griff nach unten. Packte das spitze Ende des Knochens, während ihr Gesicht aus dem Wasser auftauchte.

Darcy sog die Luft ein.

Sie legte die andere Hand auf den Schaft.

Als an ihrem Unterarm gezerrt wurde, verlor sie den Halt. Sie strampelte und wand sich, während der Angreifer sie an sich zog. Mit einem Ruck zwang er sie in eine aufrechte Haltung. Sie spürte seinen Atem im Gesicht, roch den Gestank. Sie riss ein Knie nach oben. Es traf ihn, doch der Schlag schien keine Wirkung zu haben. Er packte die Vorderseite ihrer Jacke. Mit der anderen Hand griff er ihr in den Schritt. Er grunzte, und Darcy wurde nach oben geschleudert. Ihr Kopf schlug gegen die Planken des Stegs.

Schmerz schoss durch ihren Körper. Sie sah helle Blitze. Hatte ein Klingeln in den Ohren. Nahm den seltsamen metallischen Geruch wahr, der sie an die Situationen erinnerte, wenn sie beim Eislaufen mit dem Kopf aufgeschlagen war.

Greg, dachte sie, vielleicht kommt Greg und …

Trotz ihrer Benommenheit bemerkte sie, dass sie wieder auf die Unterseite des Stegs zuflog. Sie riss die Arme nach oben. Ihre Fäuste landeten zwischen ihrem Kopf und den Planken und fingen den Aufprall ab.

Er zog sie erneut tiefer.

Darcy öffnete ihre tauben Finger. Streckte die Hände aus. Packte sein Haar. Riss daran und schob den Kopf nach vorne. Ihr weit aufgerissener Mund fand Fleisch. Sie biss zu. Ihre Zähne bohrten sich hinein, und der Mann brüllte auf. Sie presste mit aller Kraft die Kiefer zusammen. Etwas löste sich in ihrem Mund. Seine Nase? Er schrie und taumelte zurück, hielt sie jedoch immer noch an der Jacke und im Schritt fest. Sie spuckte das Fleisch aus.

Sie fielen beide ins Wasser.

Darcy rutschte an ihm hinunter und zog seinen Kopf an den Haaren nach hinten. Ihr Mund erspürte die Seite seines Halses. Sie schlug die Zähne hinein, biss und zerrte, und plötzlich fühlte es sich an, als wäre ihr ein Gartenschlauch in den Mund geschoben worden, aus dessen Düse warmes Wasser sprühte.

Erwischt, dachte sie.

Ich habe ihm die Schlagader herausgerissen.

Großer Gott.

Seine klammernden Hände zuckten und flatterten davon.

Sie schloss den Mund, ließ ihn jedoch nicht los. Mit den Händen noch immer in seinem Haar, schlang sie die Beine um ihn. Gemeinsam drehten sich Darcy und der Wilde unter der Wasseroberfläche um die eigene Achse. Sie spürte, wie er von spastischen Krämpfen durchgeschüttelt wurde und eine warme Strömung an ihrem Gesicht pulsierte. Sie brauchte Luft. Ihre Lunge schmerzte. Doch sie hielt ihn fest, bis er erschlaffte.

Dann stieß sie ihn von sich und richtete sich keuchend auf. In der Nähe hörte sie ein Plätschern.

»Greg?«

Das Plätschern stoppte. »Darcy? Mein Gott, was ist los?«

»Nichts. Jetzt nichts mehr.«

»Geht es dir gut?«

»Nicht besonders.«

»O Gott. Was ist passiert?« Aus den leisen, schlürfenden Geräuschen schloss sie, dass er auf sie zuwatete.

»Er hat Carol erwischt.«

»O nein.«

»Er … ist hinter den anderen zurückgeblieben, vermute ich. Hat gewartet, bis du weit genug weg warst. Dann … Ich glaube, Carol ist tot. Carol?«, rief sie.

Keine Antwort. Sie hatte auch nicht mit einer gerechnet.

»Was ist mit ihm? Wo ist er?«

»Irgendwo hier. Mit dem Bauch nach oben.«

»Du hast ihn getötet?«

»Ja.«

»Ich hätte euch nicht allein lassen sollen. Ich hätte nicht …«

Darcy streckte die Hand aus und berührte Greg. Er kam zu ihr. Seine Arme legten sich um sie. Sie presste sich an ihn und jaulte wegen des Drucks auf die Wunde unterhalb ihrer Rippen.

»Hat er dich verletzt?«

»Hier und da. Er hat … mich gestochen.«

»Mit einem Messer?«

»Er hatte einen dieser angespitzten Knochen. Wie der Mann, der Beth erwischt hat.«

»O Gott, wo hat er dich getroffen?«

»Es ist nicht so schlimm«, sagte sie. Die Oberschenkelverletzung tat nicht besonders weh. Es fühlte sich an, als wäre eine Furche in die Haut gekratzt worden. Die andere Wunde schmerzte dagegen ziemlich. Ungefähr so, als wäre ein Stück glühender Kohle hineingestopft worden. Und in ihrem Kopf brummte ein dumpfer Schmerz von dem Schlag gegen den Steg.

»Wir sollten lieber aus dem Wasser steigen«, sagte Greg, »und dich zusammenflicken.«

Darcy schüttelte den Kopf. »Wir müssen uns beeilen. Die anderen … sie werden die Gruppe erreichen.«

»Ich habe die Spitzhacke nicht mitgebracht. Ich habe sie gefunden, hielt sie bereits in den Händen. Dann habe ich gehört, dass hier irgendwas vor sich ging. Ich konnte nur noch daran denken, so schnell wie möglich zu dir zu kommen.«

»Als Kavallerie, die zur Rettung eilt«, sagte Darcy, »lässt du eine Menge zu wünschen übrig.«

Er lachte leise, dann küsste er sie auf den Mund. »Gott sei Dank geht es dir gut.«

»Wenn man das so nennen kann.« Sie löste sich von Greg. »Ich suche seine Waffe. Sie muss hier irgendwo sein.« Darcy stützte sich mit einer Hand an ihm ab, hob nacheinander die Füße und zog ihre Schuhe aus. Sie reichte sie Greg. Dann ging sie langsam umher und suchte mit den Füßen den Grund ab. Sie spürte Sand und Kies durch die Socken. Stein, Felsplatten.

Sie hörte, wie Greg sich in der Nähe bewegte, und vermutete, dass er sich der Suche angeschlossen hatte.

»Ein Oberschenkelknochen?«, fragte er.

»Ich habe ihn nicht gesehen, aber ich nehme es an. Er war lang genug, um durch Carol hindurchzugehen und mich zu stechen.«

Etwas Weiches wickelte sich um einen ihrer Füße und blieb daran hängen. Sie hob das Knie und befreite den Fuß. Das Ding war ein Stück Stoff. Sie untersuchte es mit den Händen und stöhnte.

»Was ist?«

»Carols Kleid.« Sie erinnerte sich an das Plätschern, das sie gleich nach dem Angriff gehört hatte, kurz bevor der Wilde ihr nachgestellt hatte. Das Grunzen und das schwere Atmen. Er hatte Carol das Strandkleid ausgezogen. Was hatte er sonst noch mit ihr angestellt?

»Mein Gott«, murmelte Darcy und schleuderte das Kleid ins Wasser.

»Vielleicht sollten wir es lieber …« Er keuchte und brach den Satz ab.

»Was?«

»… noch mal …« Schlürfende Geräusche. »Gefunden. Ich hab deinen … Gott!«

»Was ist denn?«

»Sein Gesicht, es ist …«

»Ja.«

»Hast du das getan?«

Darcy spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss, als hätte Greg ein schmutziges Geheimnis über sie erfahren. »Er hat versucht, mich zu töten«, sagte sie.

»Du …«

»Würdest du aufhören, an ihm rumzufummeln?«

»Entschuldigung. Ich wollte nicht …«

»Hör einfach auf, ja?«

»Ich will nachsehen, ob er etwas hat, das wir … Bäh.«

»Wenn das seine Kehle ist …«

»Nein.«

»Ich habe sie rausgerissen. Was sollte ich sonst tun?«

»Hey, schon okay. Ich wollte nicht … Das hast du gut gemacht. Ich bin froh, dass du dazu fähig warst.«

»Dann wäre es nett, wenn du aufhören könntest, dich lautstark zu ekeln.«

»Ich habe seinen Schwanz in der Hand gehabt.«

»Was?«

»Ich wollte seine Taschen durchsuchen. Er hat keine.«

»Er hat keine Hose an?«

»Und auch sonst nichts.«

»Mein Gott.«

Eigentlich keine große Überraschung, dachte sie. Nicht, nachdem ich Carols Kleid gefunden habe.

Wahrscheinlich hatte er sich schon ausgezogen, bevor er überhaupt angriff.

Die ganze Zeit nackt, weil er wusste, dass er hinter zwei Frauen her war.

Nackt, als er Carol erwischt hatte, nackt, als er Darcy gepackt und mit dem Kopf gegen den Steg gerammt hatte, nackt, als sie ihm in Gesicht und Hals gebissen, als sie die Beine um ihn geschlungen, als er sich in seinen Todeskrämpfen an ihr gewunden hatte.

Sie stand steif im Wasser, schlang die Arme um die Brüste und presste die Beine zusammen.

Sie hörte Greg in der Nähe leise plätschernd herumwaten, hörte ihn atmen.

Sie wusste, dass sie weiter nach der Waffe suchen sollte, doch sie konnte sich nicht dazu überwinden, sich zu rühren.

»Ich glaube, ich habe das Ding gefunden«, flüsterte Greg. Kurz darauf sagte er: »Ja, hier ist es. Gott, es ist wirklich ein Knochen. Ein Kugelgelenk an einer Seite. Das andere Ende fühlt sich an, als wäre es abgebrochen worden. Ziemlich spitz. Darcy?« Er watete näher an sie heran. »Darcy, alles in Ordnung?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Darcy?«

»Ich will, dass es aufhört.« Ihre Stimme klang seltsam in ihren Ohren – hoch und gepresst. »Greg? Ich kann nicht … Es ist … Ich will, dass es aufhört. Ich will, dass das alles aufhört.«