8
»Das Gute ist«, sagte Greg, »dass es schön hell und warm ist.«
Nach dem ersten Durcheinander waren fast alle aufgestanden und hatten sich den brennenden Überresten der Aufzüge genähert. Darcy stand mit den anderen in einem Halbkreis davor, Greg an ihrer Seite. Einige streckten die Hände aus, als wärmten sie sich an einem Lagerfeuer.
»Hat jemand Marshmallows?«, fragte ein Mann.
Seine kleine Tochter sah stirnrunzelnd zu ihm auf. »Das ist nicht lustig, Dad.«
»Wie in Gottes Namen sollen wir jetzt hier rauskommen?«, fragte eine Frau.
Darcy machte sich darüber keine Gedanken. Nicht in diesem Augenblick. Sie starrte in die Flammen und konnte nur an ihre Mutter denken.
Oben war etwas Schreckliches geschehen. Ein Feuer oder eine Explosion. Vielleicht eine Atombombe, wie der Mann spekuliert hatte.
Mom geht es gut, sagte sie sich. Bitte. Es muss ihr gut gehen.
Greg legte einen Arm um sie. »Mach dir keine Sorgen«, sagte er.
»Meine Mutter.«
»Ich bin sicher, dass mit ihr alles in Ordnung ist. Wahrscheinlich hatte sie genug Zeit, sich in Sicherheit zu bringen.«
»Wie meinst du das?«
»Es war kein plötzliches Ereignis«, sagte er. »Was auch immer passiert ist, es muss begonnen haben, als das Licht ausgegangen ist. Es hat bis jetzt gedauert, bis die Aufzüge abgestürzt sind, also ist nicht die ganze Anlage auf einmal hochgegangen.«
Darcy dachte darüber nach. Greg hatte recht. Offenbar war der gesamte Komplex nicht in einer gewaltigen Katastrophe vernichtet worden. Das Feuer musste an anderer Stelle ausgebrochen sein und sich ausgebreitet haben, bis es die Aufzugskabinen zerstört hatte. Also hatten die Leute Zeit gehabt, zu entkommen. Vielleicht ging es Mom gut. Vielleicht war sie nicht einmal im Hotel gewesen, als es passierte.
Darcy sah Greg an. »Danke«, sagte sie.
Er nickte. Sein breites Gesicht leuchtete rötlich im Feuerschein, seine Augen glänzten. Aus der Vorderseite seines Sweatshirts stieg Dampf auf. Darcy legte den Kopf an seine Schulter.
Die Hitze der Feuer war fast zu stark. Eine Zeit lang hatte sie gedacht, sie würde nie mehr warm werden. Doch jetzt fühlte sich ihr Gesicht an, als würde es versengt. Die Haut brannte unter der engen, aufgeheizten Hose. Ihre Brüste schmerzten, wo sie den Anorak berührten. Schweiß rann an ihren Seiten hinab.
Sie drehte sich um und seufzte erleichtert, als die Hitze vorne nachließ und ihr Rücken sich aufzuwärmen begann.
Jemand schob sich durch das flackernde Licht seitlich vor sie. Der Mann mit der Peterbilt-Kappe. »Sie tragen hier die Verantwortung«, sagte er. »Was wollen Sie jetzt tun?«
»Beruhigen Sie sich einfach«, entgegnete Greg.
»Ich werde uns hier rausbringen«, sagte Darcy.
Diejenigen, die sie über die anderen Stimmen und das Tosen und Knacken des Feuers gehört hatten, kamen näher und sahen sie an.
»Sie werden uns hier rausbringen? Wie stellen Sie sich das vor?«
Er sprach mit Darcy, als wäre das alles ihre Schuld.
»Reg dich ab, Schnösel.«
»Halt dich da raus«, schnauzte der Mann mit der Kappe.
Der Kopf des alten Mannes streckte sich auf dem langen Hals vor. Bis auf ein paar weiße Fransen über den Ohren war sein Schädel kahl. Die kleinen Augen waren über der Hakennase zusammengekniffen. In Darcys Augen sah er aus wie ein glatzköpfiger Adler, der dem Mistkerl jeden Moment das Gesicht zerfetzen würde.
»Lass dich nicht von ihm provozieren, Calvin«, sagte die dralle Frau an der Seite des alten Mannes – vielleicht seine Tochter. Sie zog an seinem Arm. Er riss sich los.
»Ja, Calllllvin«, verspottete ihn der Mann mit der Kappe. »Nicht, dass du noch einen Herzinfarkt kriegst.«
»Du asoziales Arschloch, pass auf, was du sagst, oder …«
»Oder was, Calllllvin?«
»Schluss jetzt!«, rief Greg dazwischen. »Wir haben schon genug Probleme, ohne dass wir uns untereinander streiten. Darcy hat gesagt, sie würde uns rausbringen – warum hören wir ihr nicht einfach mal zu?«
Die Leute in der Umgebung rückten näher. Andere, die weiter entfernt standen, unterhielten sich noch miteinander.
»ALLE ZUHÖREN!« Das war der dicke Junge.
Die Stimmen verstummten. Darcy trat an dem finster blickenden Mann vorbei, klopfte seinem Sohn auf die Schulter und ging in den kühlen Schatten in einiger Entfernung vom Feuer. Als sie sich umdrehte, sah sie, dass Greg ihr gefolgt war. Sie hob die Arme.
Die Leute kehrten den brennenden Aufzügen den Rücken zu und blickten sie an.
»Offenbar«, sagte sie mit fester Stimme, »ist es viel schlimmer, als wir dachten. Über uns brennt es.«
»Erzählen Sie uns was, das wir nicht wissen.«
»Würden Sie bitte still sein?« Die Stimme einer Frau.
»Was machen wir jetzt?« Eine andere Frau.
»Wir werden sterben.« Eher ein weinerliches Kreischen als eine Stimme.
»Niemand wird sterben«, sagte Darcy. »Ich glaube immer noch, dass wir durch die Aufzugsschächte gerettet werden können, aber das wird viel länger dauern, als wir dachten. Und da wir nicht wissen, was dort oben vor sich geht, bin ich der Meinung, es wäre dumm, nur abzuwarten. Es gibt einen anderen Ausweg.«
»Der natürliche Zugang.« Das war wieder die Stimme des dicken Jungen.
»Richtig«, sagte Darcy. »Kurz bevor das Licht ausging, habe ich Ihnen Elys Mauer gezeigt und Ihnen erklärt, wie er die andere Hälfte der Höhle verschlossen hat. In der Nähe des Bootsstegs gibt es eine Spitzhacke. Ich bin sicher, dass wir damit die Mauer durchbrechen können. Von dort aus ist es nur ein knapper Kilometer bis zum natürlichen Zugang. Wir werden die Spitzhacke mitnehmen und die Mauer am Ende einschlagen. Dann haben wir es geschafft.«
»Scheiße. Das hätten wir gleich machen sollen.«
»Ja, dann wären wir jetzt schon draußen.«
»Los geht’s!«
Vor dem Licht des Feuers erschien Darcy die Gruppe wie ein Haufen Dorfbewohner, der sich begeistert auf eine tollkühne Mission begab. Filmstatisten. Gesichtslose dunkle Gestalten, die sich mit Gesten und Worten Mut machten. Eine Jagdgesellschaft, ein Lynchmob, Bauern, die sich für die Hetze auf Frankensteins Monster aufputschten.
»Worauf warten wir?«
»Setzen wir unsere Ärsche in Bewegung!«
»ALLE MAL DEN MUND HALTEN!«, rief Darcy.
Die Stimmen senkten sich zu einem Gemurmel.
»Das wird kein Spaziergang. Wir haben nur eine gute Taschenlampe, die andere ist fast am Ende. Hinter Elys Mauer gibt es keine Gehwege. Außerdem ist da die Spalte, in die Elizabeth Mordock gefallen ist. Mit anderen Worten, das Gelände ist zerklüftet und gefährlich. Wenn wir versuchen, alle da durchzumarschieren, werden die meisten von uns im Dunkeln gehen müssen.
Jetzt kommt mein Vorschlag. Ich glaube, dass höchstens sechs von uns versuchen sollten, auf diesem Weg rauszukommen. Eine Taschenlampe würde für eine so kleine Gruppe reichen, und wir könnten uns gegenseitig im Blick behalten. Alle anderen können hier warten, wo es warm und hell ist. Sobald wir draußen sind, sorgen wir dafür, dass der Rest so schnell wie möglich geborgen wird. Entweder werden Sie durch die Aufzugsschächte hochgezogen, oder ein Rettungstrupp mit reichlich starken Lampen kommt durch den natürlichen Zugang und führt Sie raus. So oder so werden Sie nicht viel länger hier drin sein als diejenigen, die in der ersten Gruppe mit mir gehen. Aber Sie werden auf viel sicherere Weise rauskommen.
Ich gebe Ihnen eine Weile Zeit, darüber nachzudenken. Entscheiden Sie sich, ob Sie hierblieben oder mit mir rausgehen wollen. Ich empfehle Ihnen hierzubleiben, es sei denn, es gibt einen sehr guten Grund, der dagegenspricht. Nachdem Sie Gelegenheit hatten, sich zu entscheiden, werde ich meine Gruppe aus den Leuten zusammenstellen, die gehen wollen.«
»Dann bin ich wohl nicht dabei«, murmelte der Mann mit der Peterbilt-Kappe.
»Genau«, sagte Darcy. Mit erhobener Stimme verkündete sie: »Sie haben fünf Minuten.«
»Ich muss auf jeden Fall zu den sechs Leuten gehören«, sagte Helen zu Carol.
»Ich bleibe bei dir.«
Helen schüttelte den Kopf. In ihren Brillengläsern spiegelte sich das Feuer. Sie legte eine Hand auf Carols Wange. »Du bist so süß. Aber es ist nicht nötig, dass du Kopf und Kragen riskierst. Außerdem, sieh doch mal, was du anhast.«
»Ich weiß, was ich anhabe«, sagte Carol. Die Wärme von den brennenden Aufzügen fühlte sich herrlich an, und sie wusste, dass sie es bereuen würde, von dort wegzugehen. »Verdammt, die Feuer werden nicht ewig brennen.«
»Ich lass dir meinen Pullover hier.«
»Ich gehe mit dir. Wenn sie mich lassen.«
»Bleib hier. Ich würde selber bleiben, wenn nicht der verdammte Diabetes wäre. Ich kann es einfach nicht riskieren, länger als nötig zu warten. Im Hotel muss es gebrannt haben.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich werde in die Stadt müssen, schätze ich.«
»Wir gehen beide, Helen.«
»Es könnte schrecklich gefährlich werden. Du hast doch gehört, was die Führerin gesagt hat. Es gibt keine Gehwege. Und diese Spalte. Es klingt einfach entsetzlich. Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn du wegen mir mitkommst und … dir etwas zustößt.«
»Mir wird nichts zustoßen. Außerdem, warum glaubst du, dass ich hierbleiben möchte? Ich kenne niemanden dieser Leute. Du bist meine beste Freundin. Auch wenn du manchmal eine Nervensäge bist.«
Helen stieß ein Geräusch aus, das eher einem Schluchzen als einem Lachen ähnelte, und umarmte sie.
»Ich würde wirklich gerne sehen, was auf der anderen Seite der Mauer ist«, sagte Wayne.
»Sei nicht albern«, entgegnete Jean. »Es ist auch nicht anders als auf dieser Seite.«
»Bis auf die Tatsache, dass der Bereich seit über fünfzig Jahren abgeschlossen ist. Und dass Elizabeth Mordock dort gestorben ist.«
»Daddy, sag nicht so fiese Sachen.«
»Es könnte dort spuken«, meinte er.
»So etwas wie Geister gibt es nicht«, erklärte Katie ihm.
»Wer sagt das?«
Sie schlug ihm gegen den Arm.
»Wenn du mich noch mal haust, junge Frau, dann schlage ich dich zu Brei.«
»Mommy.«
»Sprich nicht so mit ihr, Wayne. Das ist nicht lustig.«
»Stimmt.«
»Sie soll mich nicht ständig hauen.«
»Und du solltest sie nicht mit Geistern ärgern.«
»Wieso ärgern?«
»Wenn du wirklich glauben würdest, Elisabeth Mordocks Geist könnte auf der anderen Seite der Höhle lauern, könnte man dich nicht mal mit Gewalt dahin schleppen. Du bist die größte Memme, die ich kenne.«
Wayne lachte. Sie hatte natürlich recht. »Tja«, sagte er, »es liegt auf der Hand, dass ich nicht mit der ersten Gruppe gehen und euch beide allein lassen kann. Wir werden die andere Seite früher oder später sowieso sehen.«
»Ich will aber nicht«, sagte Katie.
»Andernfalls werden wir mit Seilen oder so hochgezogen. Ich persönlich würde mein Glück lieber bei Elizabeths Geist versuchen, als fallen gelassen zu werden.«
»Verdammt, Wayne!«
»Ich schätze, du willst lieber hier beim Feuer bleiben.« Calvin setzte sich und tätschelte Mavis’ beachtlichen Hintern.
»Erzähl mir nicht, dass du gehen willst.«
»Ich hab nicht vor, dich hier zurückzulassen, das ist ja wohl klar. Sobald ich weg bin, würde der alte Schnösel auf die Idee kommen, deinen Hintern zu poppen.«
»Calvin!«
Er lachte.
»Das ist überhaupt nicht witzig.«
»Reg dich nicht auf. Es wird nicht passieren. Ich bin bei dir und pass auf dich auf. Außerdem ist sein Pimmel bestimmt so winzig, dass er ihn im Dunkeln nicht findet.«
»Warum hörst du nicht auf, ständig auf ihm rumzuhacken? Wirklich, Calvin, du benimmst dich manchmal wie ein Baby.«
»Was denn nun, Baby oder Chauvi?«
»Beides.«
»Es macht dir echt Spaß, einen Mann zu beleidigen. Nicht, dass ich es dir vorwerfen würde. So seid ihr Frauen eben. Kaum seid ihr verheiratet, verwandelt ihr euch in Kratzbürsten.«
Er sah, wie sich ihre Mundwinkel herunterzogen. Jetzt habe ich es verbockt, dachte er. »Zum Teufel«, sagte er, »nimm’s nicht persönlich.«
»Wie soll ich es denn sonst nehmen? Du hast mehr oder weniger gesagt, dass du mich lieber nicht hättest heiraten sollen.«
»So etwas habe ich nie gesagt, May. Du bist genau richtig, genau richtig.«
»Du hast mich eine Kratzbürste genannt.«
»Tja, du bist eine Kratzbürste. Aber wie gesagt, es ist nicht deine Schuld. Du bist eben eine Frau, und das gehört nun mal zur Ausstattung dazu. Der Ehering löst es aus.«
Nun weinte sie. Im Feuerschein sah Calvin glitzernde Tränen über ihre Wangen rollen.
»Ach, verdammt«, murmelte er. Er klemmte seinen Stock zwischen die Knie und legte den Arm um sie. »Es tut mir leid, Zuckerschnecke.«
»Das will ich hoffen.« Sie drückte ihn fest an sich. Er spürte, wie sein Stock sich bewegte. »Bist du das, Calvin?«
»Wenn ich gehe«, fragte Paula, »kommst du dann mit?«
Kyle verspürte eine innere Kälte. »Du willst doch nicht gehen, oder?«
»Mein Dad … Ich habe Angst, dass er verletzt wurde. Und selbst wenn es ihm gut geht, macht er sich bestimmt schreckliche Sorgen um mich. Ich muss einfach so schnell wie möglich hier raus.«
»Wenn dein Vater hier wäre«, sagte Kyle, »würde er garantiert wollen, dass du bleibst und auf Hilfe wartest.«
»Warum?«
»Weil er nicht wollen würde, dass du so ein Risiko eingehst. Es wird … richtig schlimm sein auf der anderen Seite.«
Er wünschte, er könnte ihr sagen, wie schlimm. Er wünschte, er könnte es Darcy sagen und ihr die Idee ausreden, die Mauer zu durchbrechen.
Zuerst, nachdem die Aufzüge abgestürzt waren, war Kyle verblüfft gewesen, dass es sich bei dem Problem nicht nur um einen Stromausfall handelte. Die ganze Anlage oben musste abgebrannt sein, das Hotel, das Touristenzentrum mit dem Andenkenladen und der Snackbar, sein eigenes Zimmer und – das war das Schlimmste – Zimmer 115.
Der Verlust von Zimmer 115 tat weh. Der Gedanke, dass es verschwunden war, ehe er es noch einmal hatte nutzen können.
Dad wird das Gebäude wieder aufbauen, sagte er sich. Er wird ein anderes Zimmer schaffen, das genauso ist wie 115. Es wird sich nichts ändern, und eines Tages werde ich das neue Hotel führen und aussuchen, wen ich dort hineinstecke.
Durch die Gedanken an den Wiederaufbau fühlte er sich viel besser, doch dann begann Darcy, von dem Ausweg durch das andere Ende der Höhle zu reden, und Kyle spürte eine Welle der Furcht, die seine Knie weich werden ließ, und musste sich an Paula abstützen.
Er konnte das nicht zulassen!
Wenn sie Elys Mauer durchbrachen …
Wie konnte er sie aufhalten?
Warne Darcy.
Aber wie sollte er das tun, ohne die Wahrheit zu verraten?
Es musste eine andere Möglichkeit geben.
Schaff die Spitzhacke beiseite. Ohne Werkzeug können sie die Mauer nicht einschlagen.
Die Spitzhacke musste in der Grotte liegen, wo Darcy sich umgezogen hatte. Kyle hatte sie dort zwar nicht gesehen, doch er hatte den Blick auch nicht von Darcy abgewandt. Cubby Wales hatte daran gearbeitet, die Grotte zu vergrößern, und er musste sein Werkzeug liegen gelassen haben.
Während Darcy weiter zu der Gruppe sprach, stellte Kyle sich vor, wie er die Spitzhacke fand und in den Lake of Charon warf. Dort würden sie sie nie finden.
Er würde sich davonschleichen müssen. Vielleicht sollte er Paula zuflüstern, er müsse mal pinkeln, und dann zur Grotte eilen. Ohne Licht. (Am Geländer entlang.) Aber es würde verdammt lange dauern. Sie würden auf jeden Fall bemerken, dass er weg war. Wenn sie dann zur Grotte kämen und die Spitzhacke nicht dort wäre, würde Darcy wissen, wer sie genommen hatte. Dann würden sie ihn zwingen, ihnen zu zeigen, wohin er sie geworfen hatte, und trotzdem die Mauer aufbrechen.
Sie würden finden, was dort war.
Vielleicht auch nicht.
Aber wenn sie es täten, würden sie begreifen, dass Kyle davon wusste – warum hätte er sonst die Spitzhacke entwenden sollen?
Ich kann nichts machen, wurde ihm schließlich klar. Ich darf nicht zugeben, dass ich Bescheid weiß. Dann können sie mir auch nicht die Schuld geben, was immer auch passiert.
Wenn es eine Möglichkeit gäbe, nur Darcy aufzuhalten …
Vergiss es, sagte er sich. Du kannst nichts tun. Vielleicht passiert ihr nichts.
Aber jetzt will Paula auch noch mitgehen.
Kyle nahm Paula an der Hand und führte sie weg von den anderen. »Ich muss dir etwas erzählen«, sagte er. Sie gingen in die Dunkelheit hinein. Die Hitze der Feuer ließ nach. »Ich möchte nicht, dass jemand anders es erfährt, deshalb musst du mir versprechen, dass du nichts verrätst.«
»Worum geht es?«
»Versprichst du es?«
»Klar«, sagte sie. Ihre Stimme zitterte ein wenig.
»Es geht darum, wer ich bin.« Kyle hielt inne. Er sah sich um. Sie waren weit genug von der Gruppe entfernt. Er legte die Hände auf Paulas Schultern. »Ich bin Kyle Mordock.«
»Wie in Mordock-Höhle?«
Er nickte. »Meiner Familie gehört das alles. Meinem Vater, eigentlich.«
»O Kyle, das tut mir leid. Vielleicht ist es … nur ein kleines Feuer.«
Er zuckte die Achseln. »Das macht nichts. Es ist alles versichert. Mein Vater hat jede Menge Versicherungen. Wir bauen es wieder auf. Aber das Problem ist, es muss ein Geheimnis bleiben, dass ich der Sohn des Besitzers bin. Wenn die anderen das rausfinden, könnten sie … du weißt schon, Ärger machen. Sie könnten mir die Schuld geben.«
»Weiß Darcy es nicht?«
»Doch, aber das ist etwas anderes. Und ich glaube nicht, dass sie es jemandem erzählt hat. Du weißt doch, was ein Sündenbock ist?«
»Klar.«
»Ich wäre der Sündenbock, wenn es sich herumspricht. Deshalb hält Darcy es geheim. Ich bin hier aufgewachsen. Mein Vater und ich, wir haben Zimmer im Hotel. Deshalb weiß ich eine Menge über die Höhle – vielleicht am meisten von allen. Ich weiß ein paar Dinge, die die Führer nicht wissen.« Kyle zog Paula vorsichtig näher. Er spürte den sanften Druck ihrer Brüste an seinem Oberkörper. »Der andere Teil der Höhle … ein bestimmter Teil hinter Elys Mauer … war einmal eine indianische Grabstätte. Ich habe Elys Tagebuch gelesen. Als er den Bereich verschlossen hat, waren die Leichen noch da. Massenhaft. Und er hat auch geschrieben, er glaube, dass die Geister der toten Indianer seine Frau in die Spalte gestoßen haben. Das ist natürlich Quatsch. Ich meine, ich glaube das nicht. Aber die Leichen all der Indianer …« Er schüttelte den Kopf. »Ich hab schon Schiss, wenn ich nur daran denke.«
»Wurden sie nicht begraben?«, flüsterte Paula.
»Sie … liegen einfach da rum. Manche sitzen, andere lehnen an den Mauern. Das hat Ely zumindest geschrieben.«
»Mein Gott.«
»Deshalb finde ich, du solltest lieber nicht mit den anderen gehen. Ich will jedenfalls keinen Fuß auf die andere Seite von Elys Mauer setzen. Ich will das nicht sehen.«
»Ich auch nicht«, sagte Paula.
»Bleibst du dann hier?«
Sie nickte, und ihr Haar kitzelte Kyles Wange.
»Wenn wir Glück haben«, sagte Kyle, »werden wir durch die Aufzugsschächte geborgen. Dann müssen wir überhaupt nicht dort durchgehen.«
»Hoffentlich. Mein Gott. Sollten wir es nicht den anderen sagen?«
»Das geht nicht. Dann würden sie rausfinden, wer ich bin, und …«
»Okay«, rief Darcy, »diejenigen, die mit mir kommen wollen, sollen vortreten, damit ich die endgültige Auswahl treffen kann.«
Paula sah über die Schulter zu den anderen. Dann zog sie Kyle fest an sich.
Darcy war froh, dass es nicht viele Freiwillige gab. Für die meisten Leute war es offenbar attraktiver, hier im Licht und in der Wärme der brennenden Aufzüge zu bleiben, als sich in die kühle Dunkelheit des unbekannten und gefährlichen Bereichs der Höhle zu wagen.
Greg meldete sich freiwillig, wie sie es erwartet hatte.
Ebenso Jim und Beth Donner.
Tom.
Eine junge Frau und ein junger Mann, die sich an den Händen hielten. Die Frau trug ein Umstandskleid im Stil eines Matrosenanzugs.
Ein weißhaariger, fettleibiger Mann, der eine Zigarre rauchte und aussah, als wäre er mindestens sechzig.
Zwei schlanke Männer mit den gleichen karierten Hemden und Kinnbärtchen. Sie schienen um die vierzig zu sein.
Zwei Frauen, von denen eine einen Pullover, eine blaue Stoffhose und eine Brille trug und ziemlich steif wirkte, während die andere unschuldig und verletzlich aussah und mit einem ärmellosen Strandkleid bekleidet war, in dem sie gefroren haben musste, bis die Feuer herunterkamen.
Kyle nicht. Das war eine angenehme Überraschung. Vielleicht hatte er sie wegen dieses Mädchens – Paula – abgeschrieben. Darcys schlechtes Gewissen meldete sich erneut ein wenig, weil sie Paula Kyle zugeteilt hatte.
Vielleicht ist es keine so gute Idee, dachte sie, die beiden zusammen hier zurückzulassen.
Verdammt, ich bin keine Anstandsdame.
Sie betrachtete die Leute, die sich vor ihr versammelt hatten. »Leider kann ich nicht besonders demokratisch vorgehen. Tom, ich möchte, dass du hierbleibst. Erstens solltest du dich nicht anstrengen, und zweitens will ich, dass du die Verantwortung für die zurückbleibende Gruppe übernimmst.«
»Das ist für mich auch okay«, sagte er.
Darcy wandte sich an die schwangere Frau. »Es könnte eine ganz schöne Kletterei in der Dunkelheit geben. Ich möchte mir keine Sorgen darum machen müssen, dass Sie stürzen.«
»Ich bin sehr gut in der Lage, …«
»Bestimmt. Aber Sie bleiben hier, es sei denn, Sie liefern mir einen überzeugenden Grund, warum Sie schnell rausmüssen.«
»Sie sind ungerecht.«
»Ich bin pragmatisch. Sie bleiben.« Sie drehte sich zu dem schweren Mann mit der Zigarre. »Sie auch.«
»Sie sind der Boss«, sagte er.
Darcy lächelte. »Danke.« Sie ließ den Blick über die Übrigen schweifen. »Greg, ich möchte, dass du mitkommst. Jim und Beth – Sie waren auch eine große Hilfe, deshalb freue ich mich, wenn Sie sich uns anschließen … Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, warum Sie das möchten.«
»Ich vermisse das Sonnenlicht«, sagte Beth.
»Und wir wollten heute Abend essen gehen«, sagte Jim.
»Also, Sie sind dabei.« Darcy sah die verbliebenen vier an. »Ich will nur noch zwei weitere mitnehmen, und ich glaube, Männer …«
»Ich muss mit Ihnen gehen«, sagte die Frau mit der Brille. »Ich bin Diabetikerin. Ich habe mein Insulin im Hotel gelassen. Ich muss eine spezielle Diät einhalten, und ich habe nicht damit gerechnet, das Mittagessen auszulassen. Ich fürchte, wenn ich …«
»Okay. Sie sind dabei. Beide.« Sie wandte sich zu den beiden Männern. »Tut mir leid, Leute.«
»Für mich ist es schon in Ordnung«, sagte der eine. »Es war Brians Idee, ich würde sowieso lieber schön gemütlich hier am Feuer bleiben.«
»Du bist so ein Weichei«, sagte Brian.
»Das gefällt dir doch gerade an mir.«
Darcy erhob die Stimme. »Okay, meine Gruppe ist abmarschbereit. Ich lasse Tom mit einer der Taschenlampen als Verantwortlichen zurück. Wir werden uns beeilen. Es könnte sogar sein, dass Sie eher draußen sind als wir. Auf jeden Fall werden Sie nicht länger als ein paar Stunden hier drin sein.
Irgendwelche Fragen, bevor wir losgehen?«
Es gab keine Fragen. Ein paar Leute wünschten ihnen viel Glück. Jemand sagte: »Hals- und Beinbruch.«
»Das wollen wir nicht hoffen«, entgegnete Darcy.
Geduckt lief sie zu einem der brennenden Aufzüge. Die Hitze schlug ihr ins Gesicht. Sie spähte in die Trümmer, packte ein zerbrochenes Brett und zog es heraus. Das andere Ende brannte. Es würde für eine Weile eine gute Fackel abgeben, sodass sie die Taschenlampe erst später einschalten müsste.
Greg eilte an ihr vorbei und besorgte sich ebenfalls eine lodernde Fackel.
Jim tat dasselbe.
Die Zurückbleibenden standen schweigend da, als Darcy die kleine Gruppe mit hocherhobener Fackel in die Dunkelheit führte.