18

»Gib no ma ’n Schluck«, lallte Kyle, als wäre er betrunken. Paula drückte ihm die Flasche gegen den Bauch. Er nahm sie, hob sie an den Mund und kippte sie. Whisky schwappte gegen seine zusammengepressten Lippen. Er gab Schluckgeräusche von sich, dann seufzte er, sagte: »Gutes Zeuch«, und reichte ihr die Flasche zurück.

»Immer runter damit.« Er hörte, wie Paula trank. »Gut gegen die Sorgen«, sagte sie. »Das sagt mein Vater immer: ›Gut gegen die Sorgen.‹«

»Trinkt dein Dad viel?«

»Jaaa, er ist kein Säufer. Hast du das gemeint? Er ist kein Säufer, aber er trinkt. Ein paar vorm Abendessen, aber nur am Wochenende. Früher war er mal ein Säufer. Wegen Vietnam, hat Mom gesagt. Dann hat er das Auto mit mir und Mom drin zu Schrott gefahren. Das war das letzte Mal, dass er richtig blau war.«

»Is deine Mom da gestorben?«, fragte Kyle.

»Nein. Es wurde niemand verletzt. Ich war erst zwei oder so. Ich kann mich nich mal an den Unfall erinnern. Mom hatte ein Urinismus.«

»Ein was?«

»Ein Uri… ein Aneurysma. Ein Blutgefäß im Gehirn ist geplatzt. Sie ist einfach aus den Latschen gekippt.«

»Gott.« Kyle legte eine Hand auf ihr Knie. Sie saß mit überschlagenen Beinen neben ihm auf dem Schlafsack. Vor einer Weile hatte er den Reißverschluss des Schlafsacks geöffnet, den Stoff auf dem Boden ausgebreitet und über ihre Beine geschlagen. Paulas Knie war warm. Er schob die Hand bis zum Saum ihres Kilts und tätschelte den Oberschenkel.

Er hörte, wie Paula einen weiteren Schluck trank. »Wenigstens ging’s schnell, verstehse? Besser als Krebs oder so’n Scheiß. Oder Aids. Mein Gott. Wenn ich an so’n Scheiß wie Aids denk, krieg ich die Panik. Das reicht für mich, um Jungfrau zu bleiben

»Finde ich auch. Es ist einfach zu verdammt gefährlich.« Er hatte vergessen, zu lallen, doch er nahm an, dass es keine Rolle mehr spielte. Paula klang ziemlich betrunken – wahrscheinlich zu betrunken, um es zu merken. Er hatte am Anfang ein paar Schlucke genommen, doch sobald ihm klar geworden war, wie sehr sie ihm ausgeliefert wäre, wenn sie besoffen war, hatte er nur noch vorgegeben zu trinken.

»Du hast es … noch nie getan?«, fragte sie.

»Nein.«

Amy Lawson, dachte er, und plötzlich loderte Unruhe in ihm auf. Was, wenn Amy Lawson es hatte?

»Wie ist deine Mutter gestorben?«, fragte Paula.

»Sie ist nicht gestorben. Sie ist mit einem anderen Typen abgehauen.«

»Ah ja, stimmt ja. Abgehauen.«

»Schlampe.«

»Kommt sie dich besuchen?«

»Sie besucht mich nicht, und sie schreibt mir nicht mal eine beschissene Weihnachtskarte.«

»Das is krass.«

»Seit dem Tag, an dem sie abgehauen ist, habe ich nichts mehr von ihr gehört. Sie hat nicht mal tschüs gesagt. Nur ein Blatt Papier in der Schreibmaschine dagelassen, auf dem stand, dass sie die Nase voll davon hatte, ihr Leben im ›Hotel am Arsch der Welt‹ zu vergeuden, und dass sie mit einem reichen Mann, der am Tag davor ein Zimmer bei uns genommen hatte, weggehen würde. Sie hat geschrieben, wenn sie mich oder Dad niemals wiedersehen würde, wär das immer noch zu früh. Diese Schlampe. Ich hoffe, sie hat ein Aneurysma.«

»O Kyle. Das tut mir leid.«

»Ja. Gut. So viel zum Thema Mütter.«

Er hörte die Flasche leise klirren. Dann drehte sich Paula zu ihm, und ihr Knie stieß gegen die Seite seines Beins. Kyle ließ die Hand an ihrem Schenkel hinaufgleiten, ohne dass sie sich beschwerte. Er spürte die Weichheit ihrer Brust an seinem Oberarm. Ihre Hand fand sein Gesicht und streichelte es. Sie lehnte nicht so stark an ihm, dass er nicht hätte sitzen bleiben können, wenn er gewollt hätte. Doch er wollte nicht. Er ließ sich rückwärts auf den Schlafsack sinken und spürte ihre geschmeidige Haut über seine Hand gleiten, als sie die Beine ausstreckte. Der andere Schenkel berührte seinen Handrücken. Er fühlte den glatten Stoff ihres Schlüpfers. Hitze.

Ich habe es nicht mal selbst getan, dachte er. Nur ein Versehen. Sie war es, weil sie sich so ausgestreckt hat.

Gott.

Ein erregender Strom schien aus ihrem Leib in seine Hand und durch den Arm zu fließen – er prickelte durch seinen gesamten Körper, raubte ihm den Atem, ließ sein Herz rasen und den Penis zu einem dicken Knüppel anschwellen.

Dann legten sich ihre Finger sanft um sein Handgelenk und zogen seine Hand von dem seidenen Stoff, weg von der Hitze und unter dem Rock hervor.

Okay, dachte er. Okay, ich will sie nicht verschrecken.

Er legte den Arm unter ihren Kopf und drehte sich auf die Seite. Paula küsste ihn, doch es schien keine Leidenschaft darin zu liegen. Eher ein Gutenachtkuss, wie sie ihn ihrem Vater geben mochte. Dann lag sie still, bis auf eine Hand, die langsam seinen Rücken liebkoste.

Kyle schob eine Hand unter ihren Pullover und umfasste ihre Brust durch die dünnen Schichten der Bluse und des BHs.

»Lass uns einfach nur umarmen, ja?«, sagte sie.

Er strich über ihre Brust.

»Nicht.« Ihr Protest war schwach, träge. »Lass uns nur kuscheln.«

Er hatte die Bluse offen gehabt, bevor die Aufzüge abstürzten. Jetzt wollte sie nicht einmal, dass er sie durch die Kleider berührte. Der Schnaps hatte ihre Hemmungen lösen, sie vielleicht sogar geil machen sollen, aber nun benahm sie sich, als wollte sie überhaupt nicht mit ihm rummachen.

Vielleicht war es zu viel, dachte Kyle.

Vielleicht gehen ihr gleich die Lichter aus.

Ja.

»Wie du möchtest«, flüsterte er. Er ließ sie los, setzte sich auf und zog den Schlafsack über Paula. Dann legte er sich neben sie und deckte sich ebenfalls zu. Paula rutschte näher und drückte sich sanft an ihn.

»Gemütlich«, flüsterte sie.

»Ja.«

Kyle rührte sich nicht mehr, bis er aufgrund ihrer tiefen, langsamen Atemgeräusche ziemlich sicher war, dass sie eingeschlafen war.

Sie stöhnte leise, als er seine Hand auf ihre Brust legte, doch sie wachte nicht auf.

Er fand den obersten Knopf der Bluse, wollte ihn öffnen, doch dann überlegte er es sich anders. Wenn sie aufwachte und der Knopf offen war, würde sie wissen, was er vorgehabt hatte. Er ließ seine Hand nach unten wandern. Die Bluse hing lose über dem Rock. Er schob die Hand hinein. Es war viel Platz darin. Er spielte an beiden Brüsten herum und lauschte, ob ihr Atem sich veränderte.

Sie ist völlig weggetreten, dachte er.

Fantastisch.

Vorsichtig schob er einen BH-Träger von ihrer Schulter. Seine Hand passte problemlos unter das lockere Körbchen. Er hielt ihre nackte Brust. Die Haut war so warm, so weich. Er befummelte den Nippel. Sie wand sich ein wenig, wachte jedoch nicht auf.

»Mir gefällt das nicht«, flüsterte Katie. »Überhaupt nicht.«

»Hier ist nichts, wovor du Angst haben musst, Schätzchen«, erklärte Jean ihr.

»Ich stehe nicht so auf Dunkelheit.«

Von dort, wo Wayne Phillips mit seiner Familie saß, konnte er in beide Aufzüge blicken. Die Flammen in dem Aufzug zu seiner Linken waren schon vor einer Weile ausgegangen. Die in dem anderen hatten sich länger gehalten, doch gerade waren die letzten flackernd erloschen. Nun gab es dort nur noch rot glühende Asche.

Ich stehe auch nicht auf Dunkelheit, dachte Wayne.

Die Glut spendete nur wenig Licht. Es reichte gerade, um undeutliche Umrisse zu erkennen.

Sehr bald, dachte er, wird es damit auch vorbei sein. Es wird stockdunkel werden.

»Betrachte es von der positiven Seite«, sagte er, sowohl um sein eigenes Unbehagen zu besänftigen als auch um Katie zu beruhigen. »Ich mache ein Buch daraus, und wir bekommen eine Menge Geld. Dann fahren wir nach Disney World.«

»Ja, klar.«

»Ehrlich. Habe ich dich jemals angelogen?«

»Als du gesagt hast, unter meinem Bett würde ein Knochenfresser wohnen, der mir die Füße abbeißen wird. Als du gesagt hast, unter dem Haus wäre ein Troll. Als du gesagt hast, der wahnsinnige Murray würde jede Nacht zu unserer Haustür schleichen und versuchen reinzukommen. Als …«

»Das waren keine Lügen.«

»Fang gar nicht erst an, Wayne.«

»Das waren nur Geschichten.«

»Eine Geschichte ist eine Lüge«, sagte Katie.

»Das stimmt nicht ganz.«

»Doch.«

Wayne seufzte. »Jedenfalls lüge ich nicht, was Disney World angeht. Ich werde ein richtig gruseliges Buch über das alles schreiben, und wir werden haufenweise Geld bekommen und nach Disney World fahren. Das verspreche ich.«

»Wir nehmen dich beim Wort«, sagte Jean.

»Vergessen Sie nicht, mit ihnen auch ins Epcot Center zu gehen.«

Die sanfte Stimme der Frau erschreckte Wayne nicht, doch er war überrascht, dass jemand so dicht bei ihnen saß. Nah genug, um jedes Wort zu verstehen. »Ja«, sagte er. »Da gehen wir auch hin.«

»Das darf man nicht verpassen.«

»Ich habe gehört, dass es sehr gut sein soll.«

Direkt hinter mir. Gott. Ich sollte lieber aufpassen, was ich sage.

»Hat jemand was dagegen, wenn ich rauche?«, fragte sie.

Mehrere Stimmen in der Nähe ermunterten sie, ihre Zigarette anzuzünden, als Wayne sagte: »Nein, nur zu.«

Er hörte leise Geräusche; wahrscheinlich wühlte die Frau in ihrer Handtasche. Dann das Knistern von Zellophan. Er blickte gerade rechtzeitig über die Schulter, um winzige Funken sprühen zu sehen, als das Streichholz über die Reibefläche fuhr. Der Streichholzkopf entzündete sich. Die plötzliche Helligkeit stach Wayne in die Augen. Er blinzelte. Eine gelborangefarbene Aura umgab die helle Flamme und beleuchtete nicht nur die Frau mit der Zigarette zwischen den Lippen, sondern auch ein paar andere Leute, die in der Nähe saßen.

Die Frau war deutlich über fünfzig Jahre alt, brachte wahrscheinlich hundertfünfzig Kilo auf die Waage, trug ihr graues Haar in einem Topfschnitt und eine Brille, die so rund war wie ihr Gesicht. Sie hatte sich einen Strickschal mit Zopfmuster umgewickelt. Das verblichene Kleid reichte ihr lediglich bis zu den Knien. Die Waden, jeweils von der Größe eines Schinkens, steckten in Kniestrümpfen, die oben in ihr Fleisch schnitten, sodass Fettwülste über den Gummizug quollen.

Ein echter Hingucker, dachte Wayne.

Ihre Handtasche stand auf der schrägen Plattform ihres Kleids, das sich über die Oberschenkel spannte. Sie warf das Streichholzheftchen hinein. Dann schüttelte sie die Flamme aus und verschwand.

Nur die glühende Spitze der Zigarette blieb zurück.

Wayne dachte an die Grinsekatze aus Alice im Wunderland. Die Zigarette der Frau war wie das Grinsen der Katze, das zurückblieb, nachdem der Rest verschwunden war.

Das muss ich in mein Buch einbauen, dachte er. Die Sache mit der Grinsekatze.

Die Frau würde eine gute Figur abgeben. Eine Nebenfigur, aber grotesk genug, um den Leser zu beunruhigen. Erfinde ein gemeines Ende für sie.

Wayne wandte sich von ihr ab und blickte auf die Glut in den Aufzugskabinen.

Was für ein gemeines Ende?, überlegte er. Du zäumst das Pferd von hinten auf. Du hast noch nicht einmal festgelegt, wer oder was den Leuten an den Kragen geht. Sie sind in einer Höhle eingeschlossen. Etwas oder jemand beginnt, sie fertigzumachen.

Was wäre, wenn die Frau böse Kräfte hätte? Ist sie eine Hexe, die den Verstand der eingeschlossenen Leute manipuliert und sie gegeneinander aufbringt? Ich kann den Teil verwenden, wo Calvin auf dieses Arschloch losgeht. Gott, ich könnte die ganze Szene genauso einarbeiten, wie sie vorgefallen ist.

Aber das ist erst der Anfang. Dann geschehen richtig schlimme Dinge.

Vielleicht löst die dicke Frau sie mit ihrer Magie aus, oder das Böse in all den Leuten bricht hervor, weil sie müde und verängstigt sind. Ist es schwarze Magie oder die menschliche Natur, die das Gemetzel auslöst? Stell das in den Vordergrund, dann bekommt die Geschichte eine gewisse Tiefe und sieht nicht aus wie ein billiger Horrorroman.

Bringe einen Sündenbock ins Spiel. Sie geben der dicken Frau die Schuld, bezeichnen sie als Hexe, verbrennen sie auf dem Scheiterhaufen – verbrennen sie in einem der Aufzüge.

Mann, das entwickelt sich gut.

Wayne grinste.

»Wie geht’s, Katie?«, fragte er.

»Für mich ist das kein besonders schöner Tag.«

»Das ist es für niemanden, Schätzchen«, sagte Jean.

»Ach, mein Tag entwickelt sich langsam ziemlich gut«, meinte Wayne. »Ich glaube, hinter dieser kleinen Wolke sehe ich einen silbernen Streifen am Horizont, der uns alle sehr glücklich machen wird.«

»Du spinnst«, murmelte Katie.

»Mir ist ein bisschen kalt, Calvin.«

»Das geht vermutlich allen so. Möchtest du näher bei den Aufzügen sitzen? Da ist eine Menge Glut drin, die wahrscheinlich ordentlich Hitze abgibt, wenn wir dicht genug rangehen.«

»Ach, ich weiß nicht. Es ist so dunkel. Wir würden über die anderen Leute stolpern.«

Calvin fragte sich, warum sie sich über die Kälte beschwerte, wenn sie sich nicht die Mühe machen wollte, etwas dagegen zu unternehmen. Höchstwahrscheinlich nur, um sich selbst reden zu hören. »Soll ich mich auf dich drauflegen?«, fragte er.

»Pssst. Die Leute hören uns noch.«

»Ich schätze, ich könnte dich schnell aufwärmen.«

»Calvin.«

Grinsend tätschelte er ihren Oberschenkel. »Mach dir keine Sorgen, Süße, ich tue nichts, weswegen du dich schämen müsstest.«

»Dafür ist es ein bisschen spät.«

»Zum Teufel, jetzt geht das wieder los.«

»Du würdest dich freuen, wenn der Mann tot wäre.«

»Ich hätte ihn mit Freuden umgebracht, um ehrlich zu sein.«

»Das ist nicht dein Ernst. Calvin, dafür würdest du auf ewig in der Hölle schmoren.«

»Mavis, Süße, jeder Gott, der einen Mann auf ewig in der Hölle schmoren lässt, weil er die Welt von einem missratenen Hurensohn wie diesem Schnösel da drüben befreit – tja, ich schätze, der kann einfach seine Himmelspforten nehmen und …«

»Wage es nicht, so etwas zu sagen! Gott, du handelst dir mit Sicherheit Ärger ein.«

»Tut mir leid. Der Blitz wird mich … GROSSER GOTT!«, platzte Calvin heraus, als eine Explosion in seinen Ohren dröhnte und er dachte: Herr im Himmel, jetzt bin ich ein toter Mann!

Doch andere schrien ebenfalls durch den ohrenbetäubenden Lärm.

Calvin spürte einen kalten Dunst im Gesicht. Wassertropfen prasselten auf ihn herab.

Das Brausen schien von der Aufzugskabine ein paar Meter vor ihm zu kommen. Das rote Leuchten in der Mitte war verschwunden. Funken und Glutpartikel stoben in der Dunkelheit auf und erloschen. Innerhalb von Sekunden war jede Spur von Licht im Aufzug ausradiert.

Der Lärm verklang, dann ertönte er erneut.

Ein Feuerwehrschlauch, dachte Calvin. Sie mussten einen Schwall direkt in den Schacht gespritzt haben. Nun wurde das Feuer in dem anderen Aufzug gelöscht.

Kurz darauf wurde das Brausen leiser und endete schließlich ganz.

»Hey, ich bin klitschnass!«, beschwerte sich jemand.

Eine andere Stimme murmelte: »Alles auf mich.«

Nach Holzkohle riechender Dampf lag schwer in der Dunkelheit.

Hier und dort klatschten und jubelten Leute.

»Gut so!«

»Jetzt kann es nicht mehr lange dauern.«

»Sie haben auch lange genug gebraucht.«

»Offensichtlich«, sagte jemand, »hat es oben doch keinen dritten Weltkrieg gegeben.«

»Habe ich auch nie gedacht, du Schwachkopf.« Das war die Stimme des Schnösels. Calvin schüttelte den Kopf. Der Bursche hatte Schläge kassiert, und sein Haar war verbrannt, aber sein Temperament war nicht abgekühlt.

»Ich kann’s kaum abwarten, meine Zähne in eine dicke, saftige Rinderlende zu schlagen.«

»Ich brauche eine Flasche Bier zwischen den Lippen.«

»Ich werde die Freundschaft mit meinem alten Kumpel Jack Daniels auffrischen.«

»Ich will nur ein langes, heißes Bad.« Das war natürlich eine Frau.

»Wenn ich niemals wieder eine Höhle sehe, ist das immer noch zu früh.«

»Ach, sei doch nicht so ein Miesepeter, Brian. Es war ein fantastisches Abenteuer.«

»HALLO, HÖHLE!« Die Stimme dröhnte durch die Dunkelheit und brachte alle zum Schweigen.

Ein Megafon, dachte Calvin.

»Hier spricht Chief Richmond von der Feuerwehr von Pleasant Valley. Ist da jemand?«

In der darauffolgenden Stille hörte Calvin Schritte. Dann Knirschen und schmatzende Geräusche. Jemand, so vermutete er, trat in einen der Aufzüge. »Hallo, da oben!« Es klang wie Toms Stimme.

Die blecherne verstärkte Stimme sagte: »Das Feuer wurde gelöscht, und wir treffen Vorbereitungen, um Sie zu evakuieren. Braucht jemand medizinische Hilfe?«

»Es geht uns allen gut«, rief Tom.

»Blödsinn«, sagte der Schnösel. »Ich …«

»Halt’s Maul«, unterbrach ihn jemand.

»Wer war das?«

»Wie viele Leute sind mit Ihnen da unten eingeschlossen«, fragte Chief Richmond.

»Ungefähr dreißig«, antwortete Tom. »Wie lange dauert es noch, bis Sie uns rausholen?«

»Wir befreien Sie so schnell wie möglich. Es wurde schweres Gerät angefordert. Wir brauchen einen Bulldozer, um den Bereich hier oben freizuräumen. Dann werden wir die Evakuierung mithilfe eines Krans durchführen. Ich möchte, dass Sie in der Zwischenzeit ruhig abwarten und sich von den Aufzugsschächten fernhalten. Irgendwelche Fragen?«

»Warum kann ich da oben kein Licht sehen?«, rief Tom.

»Der Aufbau steht noch. Er ist ausgebrannt, aber … Ich erfahre gerade, dass die Geräte ankommen. Ich wiederhole, halten Sie sich von den Schächten fern, und warten Sie auf weitere Anweisungen.«

»Bitte ihn, uns ein paar Taschenlampen runterzulassen!«, sagte jemand.

»Ja!«

»Chief?«, rief Tom. »Chief Richmond?«

Keine Antwort.

»Scheiße.«

»Was soll’s«, sagte Tom. »Es dauert nicht mehr lange, bis wir hier raus sind.«

Calvin spürte, wie Mavis seine Hand drückte. »Tja«, sagte er, »ich nehme an, der Spaß ist so gut wie vorbei.«

Kyle, der sich wand und keuchte und Paula umdrehen wollte, um ihn in sie reinzustecken (scheiß drauf, wenn sie aufwacht), riss seine Hand aus ihrem Schlüpfer, als die Stille zerstört wurde. Ihre Finger, die er locker um seine Erektion gelegt hatte, wackelten ein wenig. Schnell nahm er ihre Hand weg und hielt sie fest.

Paula seufzte und stöhnte.

Der Lärm verklang. Genau wie die Stimmen und Schreckenschreie.

Vielleicht würde sie doch nicht aufwachen.

Dann schwoll das Brausen wieder an.

»Was?«, sagte Paula.

»Alles in Ordnung«, flüsterte Kyle.

Der Lärm endete. Leute sprachen, doch ihre Worte waren unverständlich.

»Was ist los?«, fragte sie.

Meinte sie die Geräusche? Oder hatte sie bemerkt, was Kyle mit ihr anstellte?

Sie kann es nicht wissen, sagte er sich.

Er hatte den BH-Träger zurück auf die Schulter gezogen, ehe er sein Knie zwischen ihre Beine geschoben, den Rock vorn angehoben und die Hand in ihren Schlüpfer gesteckt hatte. Kein Kleidungsstück war aufgeknöpft oder ausgezogen worden.

Aber vielleicht merkte sie, dass jemand sich an ihren Kleidern zu schaffen gemacht hatte.

Konnte sie spüren, wo er sie berührt hatte?

Wusste sie, dass es nicht Kyles Hand war, was vor ein paar Sekunden noch in ihrer gelegen hatte?

»Ich weiß nicht, was passiert ist«, sagte er. »Irgendein Tumult drüben bei den Aufzügen.«

Paula stöhnte.

Jeden Moment würden die Beschuldigungen losgehen.

»O Gott«, murmelte sie. »Mein Kopf.«

Eine hallende ferne Stimme sagte: »Hallo, Höhle.«

»Was ist das?«

»Ich weiß es nicht.«

»Lass uns nachsehen, was …« Sie ließ seine Hand los, als sie sich ächzend aufsetzte.

Kyle blieb bei ihr und hielt in der Dunkelheit ihren Arm. Sie stand auf und wandte sich den Stimmen zu. Während sie lauschten, befühlte er seinen Penis. Er war noch groß und aufgerichtet, aber nicht mehr so steif wie zuvor, deshalb konnte er ihn zurück in die Jeans stopfen. Den Reißverschluss ließ er offen. Trotz der Stimmen von den Aufzügen hätte Paula es hören können, wenn er ihn hochzöge.

Kyle hörte Tom etwas von Taschenlampen rufen.

Auch andere Leute sprachen, doch die Stimmen waren zu leise, um sie zu verstehen.

Er und Paula standen still da. Die Stimme von Chief Richmond meldete sich nicht mehr.

»Dann holen sie uns wohl raus«, flüsterte Kyle schließlich.

»Meinst du, wir sollten zurückgehen?«

»Es dauert bestimmt noch eine Stunde oder so, bevor sie anfangen, Leute rauszuholen.«

»Ja?«

»Ich finde, wir sollten hier warten«, erklärte Kyle.

»Wenn wir jetzt zurückgehen, können wir uns vielleicht einschleichen, und niemand merkt, dass wir überhaupt weg waren.«

»Wen interessiert’s, ob das jemand merkt?«, sagte Kyle.

»Hm, ja. Niemand kennt mich hier.«

»Außerdem haben wir nichts Falsches getan.«

»Wahrscheinlich werden sie glauben, wir hätten hier drüben rumgevögelt«, sagte Paula in leicht amüsiertem Tonfall.

Mann, sie hat keine Ahnung.

»Also«, flüsterte er. »Wenn sie uns das sowieso vorwerfen werden, sollten wir vielleicht wirklich …«

»Ha, ha, ha. Genau. Willst du, dass ich dir ins Gesicht kotze?«

»War nur ein Scherz.«

»Gott, ich hätte nicht so viel von dem Zeug trinken sollen.«

»Vielleicht sollten wir lieber noch etwas trinken. Ich habe gehört, das hilft.«

»Nein, danke. Vielleicht hat da drüben jemand ein Aspirin für mich.«

Kyle trat hinter Paula und begann, ihren Nacken und ihre Schultern zu kneten. »Das hat meine Mom immer bei mir gemacht, wenn ich Kopfschmerzen hatte«, sagte er. Vorsichtig zog er den Pullover von ihrem Rücken. Dann fuhr er mit der Massage fort.

Sie seufzte.

»Ist das angenehm?«

»Mhhh.«

Er bearbeitete die Seiten ihres Halses, ließ die Hände über ihr Schlüsselbein gleiten und drückte ihre Schultern. Ihre Haut fühlte sich durch die Bluse warm und weich an. Er wünschte, es befände sich nichts zwischen seinen Händen und ihrer Haut.

Immer mit der Ruhe, sagte er sich. Es dauert nicht mehr lange.

Sie begann, sich vor- und zurückzuwiegen. Als wäre sie halb eingeschlafen oder hypnotisiert.

Kyle hörte immer noch Stimmen von den Leuten an den Aufzügen. Er versuchte nicht einmal zu verstehen, was gesprochen wurde. Es interessierte ihn nicht. Und Paula schien nichts wahrzunehmen, außer dem rhythmischen Reiben und Drücken der Hände an ihrem Nacken und ihren Schultern.

Er rechnete fast damit, dass sie in seinen Armen zusammensackte.

Kyle beugte sich vor, schob ihr Haar aus dem Weg und küsste ihren Hals. Sie stöhnte. Sie sagte nicht, er solle aufhören.

Kyle ließ eine Hand über ihre Schulter nach vorn gleiten und öffnete den obersten Knopf der Bluse.

Sie sagte nichts.

Er löste den nächsten Knopf und spürte ihre Brust unter seinem Handgelenk.

»Hey«, murmelte sie.

»So geht es besser«, sagte er, befreite ihre Schultern aus der Bluse und fuhr mit der Massage fort. Zuerst war sie ein wenig steif, doch dann entspannte sie sich und wiegte sich wieder.

Kyle schob die Träger des BHs aus dem Weg.

Jetzt waren ihre Schultern nichts als glatte warme Haut, und er wusste, dass der BH lose herabhing und er die Hände in die Körbchen schieben konnte, wenn er wollte.

Sein Mund war trocken, das Herz raste. Er griff nach unten und zupfte an der Jeans, um seinen steifen Penis zu befreien, dann setzte er die Massage fort.

Er schob sich langsam näher an sie heran. Die weiche Wolle des Kilts strich über die Unterseite seines Schafts.

Er fuhr mit beiden Händen über ihre Schultern und an der Brust hinunter.

Paula zuckte zusammen und packte seine Handgelenke, ehe er ihre Brüste erreichte. »Hey, nicht«, flüsterte sie.

»Es schadet doch niemandem.«

»Kyle, nein. Außerdem wird mir kalt.«

»Bitte?«

»YEEEAH!«

Das kam nicht von Paula. Es kam aus der Dunkelheit vor ihnen.

»Was zum Teufel …?«

»LASS MICH LOS!«, schrie eine Frau. »WAS WILLST DU?«

»Scheiße, was ist hier los?«

»O Gott, er ist tot! Jemand …«

»HILFE! HILFE!«

Kyle zitterte vor Furcht und Freude.

Paula stand steif da und drückte seine Handgelenke. »Mein Gott«, flüsterte sie. »Was geht da vor?«

»Ich weiß es nicht.«

Kyle wusste es. Sehr gut sogar.

Die Wahnsinnigen waren gekommen.

Die, die er murmeln und kichern gehört hatte, als er nachts mit seinem Vater losgezogen war, um Amy Lawson in den Schacht zu werfen – die wilden, verrückten Nachkommen von Elizabeth Mordock.

Sie waren durch das Loch in Elys Mauer gedrungen, genau wie er es befürchtet hatte, als vor einer Weile der Schrei durch die Höhle gehallt hatte.

Wahrscheinlich hatten sie Darcys Gruppe abgeschlachtet.

Jetzt fielen sie über die anderen her.

Er hörte Rufe der Verwirrung und des Schreckens, Kreischen, Lachen.

Kyle drückte sich gegen Paulas Rücken. Sie war steif und zitterte. Ihre Hände umklammerten noch immer seine Handgelenke, als bekäme sie einen Krampfanfall.

Jetzt ist es so weit, dachte er.

Sie sind hier.

Die Ankunft der Wahnsinnigen bedeutete, dass es nicht mehr nötig war, sich zu verstellen, dass er nicht länger Zeit mit nutzlosen Versuchen, Paula zu verführen, vergeuden musste.

Sie gehört mir.

Was immer ich will.

Als wären wir in Zimmer 115.

Ich kann mit ihr machen, was mir gefällt.

Sie werden die Wahnsinnigen dafür verantwortlich machen.

»Keine Sorge«, flüsterte er. »Hier drüben sind wir sicher. Wir müssen nur still sein, bis es vorbei ist.«

Paula zitterte weiter.

»Wenn du ein Geräusch machst«, sprach er ihr leise ins Ohr, »werden sie uns holen.«

Sie stöhnte.

»Sie werden uns töten, wenn du ein Geräusch machst.«

»Ich …«

Er entwand eine Hand aus Paulas Griff und schlug ihr in den Bauch. Ihr Atem schoss heraus. Sie klappte nach vorn. Ein leises Klopfen. War ihr Kopf gegen den Stalagmiten geschlagen? Sie blieb gebeugt stehen und fiel nicht um. Vielleicht hielt sie sich am Fels fest.

Kyle riss die Bluse an ihrem Rücken herunter. Im Dunkeln fand er mit der linken Hand ihren Nacken. Er packte ihn fest, hielt sie unten und fuhr mit der rechten Hand über ihren Rücken zum BH-Träger. Ein kurzer Ruck, und der Verschluss sprang auf.

Ohne ihren Nacken loszulassen, riss er am Bund des Kilts. Etwas zerriss. Der Kilt löste sich. Er zerrte ihn an ihrem Hintern herab, ließ ihn los und strich über den glatten Stoff des Schlüpfers. Er zog den Schlüpfer runter. Ihre Hinterbacken waren straff und geschmeidig. Er schob seine Hand in der Mitte hinunter.

Ihre fest zusammengekniffenen Beine waren ihm im Weg.

Er grub die Finger in den Spalt dazwischen und drückte das Knie gegen die Rückseite ihrer Oberschenkel, um sie auseinanderzuzwingen.

Als er spürte, wie sie sich öffneten, wurde seine Hand in Paulas Nacken gepackt und zur Seite gerissen. Durch die Überrumplung musste er loslassen. Eine Hand zog ihn nach vorn. Er fiel gegen Paula. Sie drehte sich zur Seite. Er rutschte von ihrem Rücken, fiel mit den Rippen auf die stumpfe Spitze des Felsens und stieß sich die linke Achselhöhle.

Etwas schlug gegen die andere Seite seiner Brust. Der Schlag tat nicht besonders weh, aber er erschütterte ihn und rollte ihn von Paula weg. Er harkte mit der Hand durch die Dunkelheit und hoffte, ihr Haar, ihr Fleisch oder ihre Kleider zu erwischen, fand jedoch nur leere Luft. Dann rutschte er mit dem Rücken am Stalagmiten herab. Auf dem Boden drehte er sich um und sprang auf.

Er hörte Paula.

Trotz des Tumults auf der anderen Seite des Flusses hörte er sie.

Ihr schnelles, zittriges Keuchen. Ihr Schluchzen.

In der Nähe.

In Bewegung.

Er folgte den Geräuschen, spürte die weiche Matte des Schlafsacks unter seinen Füßen und wusste, wo er sich befand.

Paula war zu seiner Linken.

Lief sie zum Fluss?

Ist sie verrückt? Weiß sie nicht, was da drüben los ist?

Es ist ihr egal. Sie will nur weg von mir.

Kyle eilte ihr hinterher, tastete sich durch die Dunkelheit, geleitet von ihren entsetzten Lauten. Er wedelte vor sich mit den Armen durch die Luft. Stolperte, taumelte, blieb jedoch auf den Beinen. Hörte Paula nicht weit vor sich durch das Wasser platschen.

Er lief die Böschung hinunter. Trat gegen einen Stein, schrie vor Schmerz auf und flog mit dem Kopf voran durch die Dunkelheit. Er landete ausgestreckt im Fluss. Das kalte Wasser spritzte auf. Obwohl sein Fuß vor Schmerz brannte, richtete er sich auf und hörte Paula in der Nähe keuchen und wimmern. Er stürmte in Richtung der Geräusche, streckte die Hände nach ihr aus.

Und erwischte eine Handvoll Stoff.

Ihre Bluse?

Sein Arm wurde nach vorn gezogen. Er verlor das Gleichgewicht und fiel, hielt jedoch die Bluse fest, in der Hoffnung, Paula zu sich herunterzuzerren.

Der Zug ihres Körpers ließ nach, und er stürzte erneut ins Wasser. Er erhob sich auf alle viere. Alles, was er hatte, war ihre leere Bluse.

Er stand auf und stolperte hinter ihr her.

Warf die Bluse weg, grub eine Hand in die enge, nasse Tasche der Jeans und zog sein Messer.

Klappte die Klinge aus dem Griff.

Sie werden die Wahnsinnigen dafür verantwortlich machen.

Paula plätscherte nicht mehr. Aus ihrem abgehackten Atem und Schluchzen schloss Kyle, dass sie die andere Seite erreicht hatte und den Hang hinaufeilte.

Ich muss sie schnell erwischen.

Sonst laufen wir ihnen genau in die Arme.

Eine innere Stimme ermahnte ihn, Paula einfach zu vergessen.

Sie ist es nicht wert. Gott, nein. Geh zurück und verstecke dich, ehe sie dich kriegen!

Aber er wollte sie. Wollte sie zu Boden zerren, über sie herfallen, in ihre Titten beißen und sie ficken.

Er krabbelte den Hang hinauf.

Hörte ein leises Klimpern.

Paula war am Geländer!

Kurz darauf stieß Kyle mit der tastenden linken Hand gegen das Geländer. Er ergriff das kalte Metall, duckte sich darunter hinweg und eilte weiter durch die völlige Dunkelheit.

Jetzt mache ich sie fertig!

Er packte eine Faust voll Haar und zerrte daran. Ihr Körper prallte gegen ihn. Er stieß das Messer in ihren Rücken, zog es heraus, stach erneut zu.

Und wieder.

Sie erbebte und erschauderte jedes Mal, wenn er das Messer in ihren Rücken rammte.

Er spürte warmes Blut über seine Hand strömen.

Sie sackte zuckend gegen ihn.

Er fand ihre Kehle und schlitzte sie auf.