11. KAPITEL
Es ist nur Sex. Vanda krümmte sich auf ihrem Stuhl zusammen und legte ihren Kopf in ihre Hände. Sie fühlte, wie schon wieder Tränen aufstiegen. Wie dumm sie doch war.
Es war nicht nur Sex. Es war unbeschreiblich. Der beste Sex, den sie je gehabt hatte. Ihr ganzer Körper vibrierte noch vor Restenergie. Und sie wollte mehr. Sollten drei beinahe erderschütternde Orgasmen nacheinander fürs Erste nicht ausreichen? Nein. Es war, als hätte Phil in ihr ein lüsternes Biest geweckt. Es hatte fünfzig Jahre lang geschlafen, und jetzt verlangte es nach Befriedigung. Es verlangte nach Phil.
Sie presste ihre Schenkel zusammen und genoss den Druck auf ihre empfindliche, noch immer erregte Scham. Oh Gott, Phil war in ihr gewesen. Er hatte sie berührt und geschmeckt. Er hatte sie zum Schreien gebracht.
Ja, sie hatte es darauf angelegt. Es sollte einer willkommenen Entladung all der Frustration und der Wut dienen, die sich in der letzten Woche angestaut hatte. Eigentlich war es ja auch eine gute Idee gewesen. Phil wurde von seinen Pflichten als Trainings-Sponsor und seiner Neugierde auf ihre Vergangenheit abgelenkt, und sie beiden hatten dabei noch etwas Spaß. Schließlich war es nur Sex.
Sie setzte sich auf und betrachtete den Tisch, die Stelle, wo es passiert war. Sie konnte es nicht zurücknehmen.
Verdammter Kerl. Er hatte genau gewusst, was er mit ihr anstellte. Sie hatte es ganz auf der körperlichen, unpersönlichen Ebene lassen wollen, aber er hatte verlangt, dass sie ihn ansah. Und bei jedem Blick in seine Augen war ihr Herz vor lauter Gefühlen fast übergelaufen. Sie konnte so tun, als wäre es Lust, Bewunderung oder Zuneigung, aber wem machte sie etwas vor?
Tränen flossen ihre Wangen hinab. All ihre Versuche, die Welt in sicherer Entfernung zu halten, waren umsonst gewesen. Phil war zurück in ihr Leben gestürmt und hatte sie in nur ein paar Tagen komplett überwältigt.
An ihm war irgendetwas anders. Sicher, er war hochgewachsen und muskulös, und er sah besser aus als je zuvor, aber da war noch etwas anderes, etwas, das tiefer ging und subtiler war. Er strahlte jetzt so viel Selbstvertrauen und Kraft aus. Rohe Energie und männliche Sexualität brodelten unter der Oberfläche, und das lockte sie. Es zog sie an, und sie konnte nicht widerstehen.
Mit dem Handrücken wischte sie die Tränen weg. Okay, dann war die körperliche Anziehung eben lodernd heiß. Und ihr Herz wurde immer schwächer. Aber sie besaß immer noch einen sturen Verstand und Willenskraft. Noch hatte sie ihm ihren Sarg des Schreckens, der in den hintersten Winkeln ihres Bewusstseins verborgen war, nicht geöffnet. Es hatte in den letzten Tagen immer wieder Störfälle gegeben, aber dem würde sie ein Ende machen. Sie weigerte sich einfach, weitere Informationen preiszugeben. Ihre Vergangenheit war Sperrzone. Ihr Herz war Sperrzone. Und um sicherzugehen und ihr Herz zu beschützen, würde sie auch ihren Körper zur Sperrzone erklären.
Kein Mann würde sie erobern. Nicht einmal Phil.
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Er würde Vandas Herz für sich gewinnen, egal, wie viel Widerstand sie leistete. Phil wusste, dass sie ihn wollte. Sie war so willig auf seine Liebeskünste eingegangen. Natürlich mochte er ihre Überheblichkeit ihm gegenüber nicht, aber ihm war doch klar, dass alles nur Fassade war. Sie versuchte, sich selbst zu schützen. Sie hatte Angst, sich zu verlieben, hatte Angst, verletzlich zu sein und wollte diesen unsäglichen Schmerz nie mehr fühlen. Aber Liebe war nichts, was man abstellen konnte wie einen Wasserhahn. Es passierte, ob sie es zugeben wollte oder nicht.
Das Sicherheitsbüro befand sich am anderen Ende des Gebäudes, und Phil nutzte die Gelegenheit, sich auf dem Weg dorthin in einem der Badezimmer ihren Duft abzuwaschen. Vampire hatten einen übermenschlichen Geruchsinn, fast so gut wie der von Werwölfen, und er musste seine Affäre mit Vanda geheim halten.
Sein Gang war leicht und lässig, als er jetzt durch den Ballsaal schritt. Die Band war schon gegangen und mit ihr Corky Courrant und die meisten Gäste.
»Phil.« Maggie kam auf ihn zu, in ihren Händen ihre eigene Abendtasche und die von Vanda. »Wo ist Vanda? Ich dachte, sie wäre bei dir.«
»War sie. Ich habe sie zu einer Lektion in Wutbewältigung bei Father Andrew gebracht, und dann haben wir... uns unterhalten. Sie wollte eine Weile allein sein, um nachzudenken.«
»Euch unterhalten?« Maggie sah ihn zweifelnd an und beugte sich dann vor, um zu flüstern: »Dein Reißverschluss ist offen.«
Mist. Phil drehte sich zu einer Wand und schloss den Reißverschluss schnell.
Taktvoll wendete Maggie sich ab. »Geht es ihr gut?«
»Ja.«
»Ich weiß, dass sie stark tut, aber sie ist in Wahrheit sehr zerbrechlich. Ich werde unglaublich wütend auf dich, wenn du ihr irgendwie wehtust.«
»Ich werde ihr nicht wehtun. Ich liebe sie.«
Maggie drehte sich zu ihm. »Hast du ihr das gesagt?«
»Nein. Ich glaube nicht, dass sie das im Moment verkraftet.«
Maggie nickte langsam. »Wahrscheinlich hast du recht.« Sie spähte durch den fast leeren Raum und trat dann näher auf ihn zu. »Ich muss dir etwas erzählen. Vorhin, als ich mich mit Shanna und Vanda unterhalten habe, habe ich aus Versehen verraten, dass einige meiner angeheirateten Verwandten Formwandler sind.«
Sein Atem beschleunigte sich. »Wie hat sie das aufgenommen?«
»Sie ist ganz blass geworden, und ich dachte zuerst, es wäre ein Schock für sie, aber dann hat sie gesagt, sie hat bereits von Formwandlern gehört. Ich dachte, das solltest du wissen.«
Sein früherer Optimismus verflog. Vielleicht würde es doch länger dauern, Vandas Herz zu gewinnen.
»Wo ist sie?«, fragte Maggie.
»Im Raum neben der Kapelle, am Ende des Korridors.« Er zeigte auf die Doppeltür hinter der Bühne. »Sie wollte nachkommen, aber vielleicht solltest du nach ihr sehen.«
»Das werde ich.« Maggie eilte davon.
Während Phil in die Eingangshalle trat, fragte er sich, wie viel Vanda von Formwandlern wusste.
Phineas zischte durch die Eingangstür und schloss sich ihm an. »Ich war gerade am Ende meiner Runde, als Connor angerufen hat«, sagte er mit rauer Stimme.
»Wie geht es dir?«, fragte Phil.
»Besser. Roman hat mir Blissky auf Eis gegeben, das hat gegen das Brennen im Hals geholfen.« Phineas legte eine Hand auf sein Herz. »Aber der Schmerz des Betrugs - wie konnte meine süße, engelsgleiche LaToya so grausam sein?«
»Gib ihr Zeit.« Phil ging mit ihm gemeinsam den Korridor hinab. »Sie muss dich erst kennenlernen.«
Phineas verzog das Gesicht. »Davor habe ich ja Angst. Was, wenn sie mein Vorstrafenregister findet? Ich kann mich wahrscheinlich glücklich schätzen, wenn sie nicht versucht, mich zu verhaften. Wie kann Liebe nur so grausam sein?«
»Ich weiß, was du meinst. Die Frau, die ich liebe, hat Todesangst vor Wölfen. Wie kann ich ihr da sagen, was ich bin?«
Phineas seufzte. »Das Schicksal kann so grausam sein.« Er sah Phil neugierig an. »Wen liebst du eigentlich?«
»Das ist... kompliziert.«
Phineas kicherte. »Du liebst ein das?«
»Sie ist ein Vampir. Ich glaube, ihr behauptet alle von euch, irgendwie menschlich zu sein.«
Phineas schnaufte. »Was ist dann das Problem, Alter? Lebt ihr großen, bösen Wölfe nicht auch ziemlich lange?«
»Sie ist... verboten.«
»Verdammt, Alter, das sind die Besten.«
»Wenigstens weiß sie schon von Formwandlern. Dann wird es kein vollkommener Schock, wenn ich ihr die Neuigkeiten überbringe.«
»Von wem reden wir?« Phineas senkte seine Stimme. »Doch nicht Vanda, oder?«
Phil blieb stehen. »Ist es so offensichtlich?«
»Nur für den Love Doctor. Ich bin voll eingestimmt auf die himmlischen Vibrationen der Liebe.« Phineas schüttelte den Kopf, als ihm eine Nacht in Vandas Club einfiel. »Aber ich muss dir sagen, Alter. Ich war in Vandas Club, als dieser Jedrek angegriffen hat, und Carlos hat sich in einen schwarzen Panther verwandelt... einen echten. Sie war deswegen total aufgebracht und wollte ihn nicht in ihrem Club haben. Ich glaube nicht, dass sie Formwandler besonders mag.«
Phil musste schlucken. »Danke für die Warnung.«
»Jederzeit, Alter.« Phineas seufzte. »Wir sind so was von am Ende. Vanda hasst Formwandler. LaToya hasst Vampire. Wie kann das Leben nur so...«
»Grausam sein?«, beendete Phil den Satz für ihn und wünschte sich, die Antwort zu kennen. Das Leben hatte an Vanda einige grausame Schläge ausgeteilt. Aber sie hatte überlebt, und er würde die Hoffnung nicht aufgeben. Er zog seinen Ausweis durch den Schlitz und legte die Hand auf den Scanner, um die Tür zum Sicherheitsbüro zu öffnen.
Im Raum gab es nur noch Stehplätze. Phil war überrascht, wie viele Leute anwesend waren, die nichts mit Sicherheit zu tun hatten, zum Beispiel Roman, Jean-Luc und ihre Frauen, aber offensichtlich wollten alle die letzten Neuigkeiten erfahren.
Connor nickte Phil und Phineas zu. »Ich habe gerade alle auf den neuesten Stand gebracht. Vor etwa dreißig Minuten haben Casimir und zwei seiner Anhänger sich in den Haupttempel von Apollos Ferienanlage in Maine teleportiert. Angus und sein Team haben sie überrascht, und ein Kampf ist ausgebrochen. Casimir hat seinen Männern befohlen, ihn zu verteidigen, und sich dann teleportiert, während sie um ihr Leben kämpfen mussten.«
»Typisch für den Bastard«, murmelte Jean-Luc.
»Aye.« Connor nickte. »Einem seiner Anhänger ist es gelungen zu entkommen, aber den zweiten haben wir gefasst. Alles, was wir von ihm wissen, ist, dass er den Decknamen Hermes benutzt. Er weigert sich, uns weitere Informationen mitzuteilen.«
Jack schnaufte. »Ich wette, Angus kann seine Meinung ändern.«
»Sie haben Hermes mit Silberketten gefesselt, damit er nicht flüchten kann«, erklärte Connor grimmig. »Angus will, dass wir ihn in den Silberraum hier bei Romatech bringen, wo die Sicherheitsvorkehrungen strenger sind, aber natürlich kann man ihn mit dem ganzen Silber nicht teleportieren. Also fahren sie ihn her.«
Der Weg von Maine hierher müsste etwa fünfhundert Meilen betragen, überlegte Phil im Stillen. »Ich glaube nicht, dass sie es vor Sonnenaufgang schaffen.«
»Nay, deshalb fahren Austin und Darcy den Wagen«, erklärte Connor. »Sie haben Hermes mit Ketten gefesselt und in eine Kiste im Laderaum gesperrt, damit er nicht entkommen kann, und um ihn vor der Sonne zu schützen. In der Zwischenzeit bleiben Angus und der Rest seines Teams in der Anlage, für den Fall, dass Casimir mit mehr Männern zurückkehrt, um Hermes zu retten.«
»Wie viele Vampire sind bei Angus?«, fragte Jack.
»Drei«, antwortete Connor. »Emma, Dougal und Zoltan.«
»Will er noch mehr?«, fragte Jean-Luc. »Ich kann sofort hinkommen.«
»Ich auch«, sagte Jack.
Connor lächelte. »Wenn ihr gehen wollt, wird Angus euch nicht zurückschicken. Aber es ist wahrscheinlich unnötig. Casimir war noch nie dafür bekannt, seine Anhänger vor irgendetwas zu retten.«
»Stimmt«, überlegte Jack. »Für ihn sind sie ersetzbar. Dennoch würde ich gerne hingehen, nur zur Sicherheit.«
Lara beugte sich zu ihm. Sie sah besorgt aus. »Soll ich mitkommen?«
»Du bist müde. Ruh dich aus.« Jack küsste sie auf die Stirn. »Warte im Stadthaus auf mich. Ich bin vor Sonnenaufgang wieder da.«
Auch Jean-Luc küsste seine Frau, bevor er und Jack ins Waffenlager am Ende des Büros gingen, um sich auszurüsten.
»Yo.« Phineas hob eine Hand. »Ich will auch mit.«
Connor sah den jungen schwarzen Vampir an. »Das weiß ich zu schätzen, aber für dich haben wir eine besondere Aufgabe.«
Phineas grinste. »Cool. Jede Menge Action, was?«
»Ich habe deine Hilfe angefordert.« Roman trat vor ihn. »Ich glaube, du hast den Malcontents früher Zutaten geliefert, aus denen sie Nachtschattendrogen herstellen konnten?«
Das Grinsen des jungen Mannes verblasste. »Ja, deshalb haben sie mich verwandelt. Sie wollten einen Drogendealer.« Er verschränkte die Arme und legte die Stirn in Falten. »Aber den Mist mache ich nicht mehr. Ich bin jetzt einer von den Guten.«
»Das weiß ich«, antwortete Roman, »aber wenn wir selbst Nachtschatten hätten, könnten wir Gefangene wie Hermes teleportieren. Als die Malcontents vor zwei Jahren Angus entführten, haben sie ihn mit Nachtschatten gelähmt und mussten keine Silberketten verwenden. Sie konnten ihn einfach teleportieren.«
»Ich weiß.« Phineas trat von einem Fuß auf den anderen. »Ich fühle mich echt schlecht, weil ich ihnen geholfen habe, aber die haben gesagt, sie bringen meine Familie um...«
»Wir machen dir keine Vorwürfe, Lad«, sagte Connor.
»Du würdest uns wirklich helfen«, bat Roman. »Leider weiß ich nicht, wie man es herstellt.«
»Oh, zu schade«, murmelte Phineas.
»Genau«, fuhr Roman fort. »Aber ich denke, ich kann die Formel herausfinden, wenn ich die richtigen Zutaten habe. Kannst du sie mir besorgen?«
»Ja, ich erinnere mich.« Phineas verzog das Gesicht. »Wir reden hier von richtig illegalem Zeug.«
Connor warf ihm einen trockenen Blick zu. »Wir haben jedes Vertrauen in dich.«
»Ja. Danke.« Phineas beugte sich zu Phil und murmelte: »Wenn LaToya das herausfindet, ist sie richtig angepisst.«
»Niemand muss davon erfahren.« Connor hatte ihn gehört. »Wenn du die Drogen erst in deinem Besitz hast, kannst du die Erinnerungen der Sterblichen löschen.«
»Sieh es einmal so«, sagte Phil zu Phineas. »Du sorgst dafür, dass weniger gefährliche Drogen in Umlauf sind.«
Die Augen des jungen Vampirs leuchteten auf. »Das stimmt. Ich tue der Welt damit einen Gefallen.«
Roman lächelte. »Danke. Das könnte eine wichtige Waffe im Krieg gegen die Malcontents sein.«
»Dr. Phang, stets zu Diensten«, prahlte Phineas wieder gut gelaunt.
»Dann los mit dir.« Connor sah ihn eindringlich an.
»Richtig.« Phineas nickte. »Erst muss ich ins Stadthaus, mich umziehen. So kann ich mich in meiner alten Gegend nicht sehen lassen.« Er teleportierte sich davon.
Connor winkte Phil zu sich. »Kannst du Heather und Lara ins Stadthaus bringen?«
»Sicher.« Phil legte die Stirn in Falten. »Aber ich würde lieber mit Jack gehen, dahin, wo etwas passiert.«
»Ich glaube nicht, dass heute in Maine noch viel passiert«, flüsterte Connor. »Und wenn Austin und Darcy den Gefangenen gebracht haben, dann passieren hier die wichtigen Dinge. Ich zähle auf deine Hilfe mit dem Gefangenen, also ruh dich jetzt aus, solange du noch kannst.«
****
Es war fast wie in alten Zeiten, mit einem vollen Haus, das es zu bewachen galt. Phil fuhr Lara Boucher, Heather Echarpe und Heathers Tochter Bethany ins Stadthaus. Dann entschuldigte er sich und ging in den Keller, um einige Stunden zu schlafen. Er musste tagsüber wachsam sein, wenn die Vampire schliefen.
Kurz vor Sonnenaufgang kam er wieder nach oben. Vanda, Cora Lee und Pamela teleportierten sich aus dem Nachtclub. Jack und Jean-Luc kehrten aus Apollos Anlage in Maine zurück. Glücklicherweise war es nicht zu weiteren Aktivitäten gekommen. Angus und der Rest des Teams hatten sich entschieden dortzubleiben. Phineas kam mit guten Nachrichten nach Hause. Es war ihm gelungen, alle Drogen zu beschaffen, die Roman brauchte, um die Formel der Nachtschatten-Droge herauszufinden.
Im Haus wurde es still, als die Vampire sich alle in ihre Zimmer zurückzogen, um in ihren Todesschlaf zu fallen. Gegen elf Uhr schleppten sich Austin und Darcy ins Haus.
Darcy, ein ehemaliges Mitglied von Romans Harem, war Austin Erickson begegnet, als er für das Stake-Out-Team des CIA gearbeitet hatte, die Spezialeinheit zur Bekämpfung von Vampiren. Jetzt waren sie verheiratet und wertvolle sterbliche Angestellte von MacKay S & I. Sie hatten den Gefangenen in den Silberraum bei Romatech gesperrt, ehe sie ins Stadthaus gefahren waren. Erschöpft legten sie sich sofort schlafen.
Howard Barr rief gegen sechs Uhr an. Phil und Austin sollten zu Romatech kommen und den Gefangenen auf ein Verhör vorbereiten. Da die Vampire immer noch in ihrem Todesschlaf lagen, übernahmen Darcy und Lara die Wache. Es war schade, dass er Vanda nicht sehen konnte. Er hatte keine Gelegenheit gehabt, sie zu sprechen, seit sie sich geliebt hatten. Sie konnte es »nur Sex« nennen, wenn sie wollte, aber für ihn war es Liebe gewesen.
Bei Romatech angekommen, ging er zusammen mit Austin direkt ins Sicherheitszimmer, das sich im Keller befand. Angus hatte den Raum entworfen, der vollkommen mit Silber ausgekleidet war. Für einen Vampir war es nicht möglich, sich hinein- oder hinauszuteleportieren. Auf dem Boden stand eine Holzkiste, in der sich Hermes befand.
Der Deckel war zugenagelt. Es befanden sich nur einige Luftlöcher darin. Ein Teil der Reise von Maine hatte in der Dunkelheit stattgefunden, und während dieser Zeit war der Malcontent lebendig und atmend gewesen.
Austin hatte sich bereits eine Brechstange bereitgelegt und öffnete jetzt den Deckel einen Spaltbreit. Phil griff danach und nahm ihn ab.
Der schlafende Vampir war in Silberketten gewickelt. Sein Alter schätzten sie auf etwa fünfunddreißig, er war groß und abgemagert. Die Blässe seines pockennarbigen Gesichtes wurde von tiefliegenden Augen, eingefallenen Wangen und dünn werdendem braunem Haar noch betont. Als Sterblicher war er wahrscheinlich schon sehr kränkelnd gewesen, und dieses Aussehen behielt er nach seiner Verwandlung bei. Aber seine bleiche Haut und sein schwacher Körper täuschten. Als Vampir besaß er dennoch übermenschliche Kraft und Geschwindigkeit.
Phil sah sich im Raum um. »Wo willst du ihn hintun?«
»Das Bett und der Sessel sehen zu bequem aus.« Austin holte einen Küchenstuhl aus der Küchenzeile und stellte ihn mitten in den Raum. »Das reicht.«
Phil half Austin dabei, den steifen Körper aus der Kiste zu heben. »Er ist etwas verkrampft.«
Sie lehnten ihn gegen den Stuhl, Hermes' Füße auf den Boden, seine Schultern gegen die Rückenlehne. Der Körper bog sich nicht, um sich dem Stuhl anzupassen, sondern blieb steif wie ein Brett.
Austin schnaufte. »Heilige Totenstarre.«
»Vielleicht sollten wir ihn auf den Küchentisch legen. Wir könnten ihn daran festketten.«
Kurze Zeit später hatten sie Hermes an den Holztisch gekettet und den Tisch hochkant gestellt.
»Wir könnten in der Zwischenzeit Messerwerfen üben«, schlug Austin vor. »Wie im Zirkus.«
»Gute Idee.« Phil grinste. »Aber ich glaube, das ist effektiver, nachdem er aufgewacht ist.« Er sah auf seine Uhr. »In etwa zehn Minuten dürfte es so weit sein.«
»Lass uns etwas essen.« Im Küchenbereich kramte Austin in den Schränken. Er fand einen Laib Brot und ein paar Chips.
Phil sah in den Kühlschrank. Darin befanden sich synthetisches Blut, Wasser und Aufschnitt.
Sie setzten sich in die Sessel und aßen zu Abend, während sie darauf warteten, dass Hermes aufwachte. Austin erzählte Phil von einigen Abenteuern, die er als ehemaliges Mitglied des CIA-Stake-Out-Teams erlebt hatte. »Einmal habe ich einen Malcontent voller Silberkugeln geschossen, und er konnte sich trotzdem noch teleportieren.«
»Wirklich?« Phil biss in sein Sandwich. »Das ist interessant. «
»Ich habe Angus deswegen gefragt, und er hat gesagt, Silber verhindert eine Teleportation nur dann, wenn es auf der Haut liegt. Es wirkt wie eine Grenze, die sie nicht durchbrechen können. Aber Silber in einem Vampir bereitet ihm nur höllische Schmerzen und bringt ihn schließlich auch um. Ich nehme an, Silberkugeln töten auch deine Art?«
»Ja. Innerlich ist Silber absolut giftig. Aber äußerlich ist es kein Problem, ich kann es anfassen, ohne verbrannt zu werden.«
»Roman kann auch Silber anfassen, aber er ist der einzige Vampir, den ich kenne, der das kann.« Austin biss herzhaft in sein Sandwich.
»Mir ist schon aufgefallen, dass die älteren Vampire Dinge tun können, zu denen die jüngeren nicht in der Lage sind«, meinte Phil. »Ich habe gesehen, wie Angus zwei Sterbliche auf einmal teleportiert hat. Und Jack und Ian ist es gelungen, mich zu teleportieren, obwohl ich mit silbernen Kugeln bewaffnet war.« Er erinnerte sich daran, dass Vanda ihn mit der Silberkette in seiner Tasche nicht teleportieren konnte.
»Ja, je älter sie werden, desto mächtiger sind sie. Ich frage mich, wie alt der hier ist.« Austin deutete auf den Gefangenen. »Oh, sieh mal. Er wacht auf.«
Der Körper des Gefangenen zuckte. Seine Brust hob sich und setzte, als er nach den ersten Atemzügen rang, die Silberkette unter Spannung. Er öffnete die Augen und blickte Phil und Austin voller Bosheit an. Seine Nasenlöcher blähten sich. Er wehrte sich gegen seine Ketten und schüttelte dabei den Tisch.
»Weißt du was?« Austin nahm sich eine Handvoll Chips aus der Tüte. »Ich glaube, der will uns beißen.«
Phil trank etwas Wasser. »Mir ist schon aufgefallen, dass sie sehr hungrig sind, so kurz nach dem Aufwachen.«
»Ja«, stimmte Austin zu. »Ich habe gehört, es kann wirklich schmerzhaft werden.«
Hermes starrte sie an. »Ihr seid unwürdige Kreaturen«, knurrte er mit einem starken Akzent. »Glaubt ihr, ihr könnt mich festhalten? Wohin habt ihr mich gebracht?«
Verwirrt blickte Austin zu Phil. »Stellt er uns Fragen?«
»Sieht so aus.« Phil verspeiste sein Sandwich. »Vielleicht ist ihm noch nicht klar, dass er der Gefangene ist und wir hier die Fragen stellen.«
Austin nickte. »Manchmal können sie unglaublich dämlich sein. Man könnte meinen, mit den Jahrhunderten sammelt sich ein gewisses Maß an Weisheit, aber nein...«
»Schweig, Sterblicher!«, knurrte Hermes.
Plötzlich drückte sich eine Welle kalter Luft gegen Phils Stirn. Hermes versuchte es tatsächlich mit vampirischer Gedankenkontrolle.
Du wirst mich sofort gehen lassen.
Mithilfe seines inneren Wolfes konnte Phil seinen Verstand problemlos schützen. Er sah zu Austin, der anscheinend ein Medium war, aber wie stark genau, wusste Phil nicht. »Alles in Ordnung?«
»Ja, sicher.« Austin hob eine Hand, und eine Wasserflasche flog von der Küchenanrichte in seine Hand.
Phil staunte. »Du bist telekinetisch? Du musst mehr mentale Macht haben als die Vampire.«
»Jepp.« Austin schraubte die Wasserflasche auf. »Es macht sie so richtig sauer, wenn sie merken, dass sie mich nicht kontrollieren können.«
»Ich lasse mich nicht ignorieren!«, donnerte Hermes. »Gehorcht mir.«
Er zischte sie an, und seine Fangzähne sprangen heraus.
»Das ist doch einfach nur eklig.« Austin trank von seinem Wasser.
»Aber wirklich.« Phil nahm sich noch mehr Chips. »Jemand sollte ihm von Zahnweißer erzählen.«
Noch eine Welle kalter Luft fuhr durch den Raum.
Komm zu mir, Sterblicher. Ich muss trinken.
Austin sah Phil zynisch an. »Sehe ich aus, als wäre ich Frühstück?«
Phil betrachtete den Gefangenen. »Ich glaube, der Hunger macht ihm zu schaffen. Er schwitzt schon.«
»Und seine Beine zittern«, fügte Austin hinzu. »Ich denke, er würde hinfallen, wenn wir ihn nicht angekettet hätten.«
Hermes zischte sie an. Seine Arme wehrten sich gegen die Ketten, und seine Hände ballten sich zu Fäusten.
»Wenn er nicht so unhöflich wäre, würde ich ihm einen Schluck synthetisches Blut anbieten.« Phil reichte Austin die Chips. »Davon ist jede Menge im Kühlschrank. Aber er hat uns noch nicht einmal seinen richtigen Namen verraten.«
»Von mir bekommt ihr keine Informationen«, fauchte Hermes. »Ich sterbe lieber, als diese synthetische Pisse zu trinken.«
»Anscheinend will er sterben.« Austin brachte die Chips zurück in die Küche.
»Na ja, theoretisch ist er schon einmal gestorben«, sagte Phil. »Er dürfte mittlerweile Übung darin haben.«
Die Tür zum Silberraum öffnete sich, und Phineas schlenderte hinein. »Was geht?«
Der Gefangene starrte ihn an. »Ich weiß, wer du bist. Der Verräter. Deine Zeit wird kommen.«
Phineas betrachtete ihn spöttisch. »Oh, sicher. Ich habe solche Angst.«
»Willst du Frühstück?« Phil ging zum Kühlschrank. »Wir haben Blutgruppe 0, A, AB, was du magst.«
»Ich nehme einmal AB negativ. Danke.« Phineas setzte sich in einen der Sessel. »Kannst du es mir warm machen, Alter?«
»Sicher.« Phil stellte die Flasche in die Mikrowelle.
Der Duft nach Blut füllte den Raum. Hermes' Körper bäumte sich zitternd auf. Sein Gesicht glänzte vor Schweiß.
»Da, bitte.« Phil reichte Phineas ein Glas, das bis zum Rand mit warmem Blut gefüllt war.
Phineas leerte das halbe Glas und leckte sich die Lippen. »Verdammt, ist das gut.«
»Wo ist Connor?« Austin setzte sich neben Phineas in den zweiten Sessel.
»Er ist im Sicherheitsbüro, mit Jack. Sie beobachten uns.« Phineas deutete auf die Überwachungskamera über dem Bett. »Connor sieht in der Malcontent-Datenbank nach, wer dieser Hermes-Typ ist.«
»Ich bin so weit«, verkündete Connor, als er in den Raum kam. Er sah den Gefangenen herausfordernd an und dann auf das Klemmbrett in seiner Hand. »Hermes stammt aus Polen, ist etwa vierhundert Jahre alt, und er hat im großen Vampirkrieg von 1710 auf der falschen Seite gekämpft.«
»Fick dich«, knurrte der Gefangene.
Connor hob eine Augenbraue. »Und wie ihr seht, sind seine Sprachkenntnisse etwas beschränkt.«
»Wie heißt er?«, fragte Phil.
»Sigismund.«