36.
Die Stunden ziehen sich qualvoll in die Länge. Ich hätte erwartet, dass sie schnell vorübergehen, wenn man nur noch so wenig Zeit hat. Womit ich nicht gerechnet habe, ist der Schmerz.
Er erfasst meinen ganzen Körper. Strahlt von meinem hämmernden Kopf bis in meine Füße, die sich nicht bewegen wollen, die mein Gewicht nicht mehr tragen können. Ich schwanke, stütze mich an der Liege ab, torkele zur Tür. Sie ist aus Metall, schalldicht. Draußen hört man nicht, wenn ich rufe. Die kleine Öffnung, durch die ab und zu ein Auge späht, ist seit Stunden geschlossen.
»Komm zurück«, sagt Lucky. »Es hat keinen Zweck.«
Er ist so gefasst. So ruhig. So tapfer. Kein einziger Vorwurf. Manchmal fasst er sich an den Mund, als könnte er dort noch immer den Kuss spüren. Vielleicht ist er aber auch bloß zu schwach, um zu kämpfen.
Mein Vater ist nicht gekommen. Vielleicht ist er nur ein paar Minuten später in der Schule eingetroffen als der Wagen des Glücksministeriums, vielleicht hat Moon ihn auch nie angerufen. Vielleicht war das ihre letzte Rache: Mir Hoffnung zu geben, ich könnte überleben. Ich werde nie erfahren, ob sie um Luckys Willen uns beiden die Rettung gegönnt hat, oder ob sie uns beide sterben sehen wollte. Ich werde nie erfahren, was größer war, ihre Liebe oder ihr Hass.
Moon weiß nichts von Alfred, nichts von meiner wahren Hoffnung, die mit jeder Stunde schwindet. Wir haben noch vier Tage. Ich einen halben Tag weniger als Lucky. Oder sind es nur noch drei? Und wir sind nicht draußen, nicht bei Alfred und seiner Arznei, die bis zum fünften Tag wirkt, sondern hier. Immer noch in Neustadt.
Sie machen keinerlei Anstalten, uns durchs Tor in die Wildnis zu entlassen.
Der Husten würgt mich, zwingt mich in die Knie. Blut tropft aus meinem Mund auf den Boden, sprenkelt die helle Marmorfarbe mit fröhlichen Tupfern. Meine Träume sind gleich hinter meinen Augen. Ganz nah.
Die Toten. Der See. Dunkle Gestalten schleichen unter den Bäumen umher, in denen die Vögel wispern. Orion sitzt am Ufer. Und die Schwäne fliegen. Jeska singt, und sie fliegen auf, in den Himmel. Sie fliegen und fliegen.
Der Minister kommt nicht selbst. Vor dem, was wir in uns tragen, schreckt sogar der ehrwürdige Dr. Jubel Mozart zurück. Er schickt Happiness Zuckermann, gehüllt in einen riesigen weißen Anzug, eine Atemmaske vor dem Gesicht.
»Es gibt ein Medikament gegen Morbus Fünf«, sagt sie als Erstes. »Es ist erst kürzlich entwickelt worden und streng geheim. Also ist noch nichts verloren. Du bekommst es, wenn du uns verrätst, wo wir Savannah Mozart finden.«
Ich habe es ihnen gesagt. Die drei Hügel, habe ich mit einem blutigen Schwall aus meinem Mund ausgespuckt. Da wollten die Damhirsche hin.
Das ist jetzt einen Tag her. Die Hubschrauber sind geflogen. Eine ganze Flotte, wetten? Aber sie haben nichts gefunden. Ich wusste nicht einmal, ob es da draußen irgendwo drei Hügel gibt. Aufs Geratewohl habe ich mir etwas ausgedacht. Selbst jetzt funktionieren die klaren Gedanken noch. Oder nicht? Plötzlich bin ich mir nicht sicher. Habe ich gesagt: drei Hügel? Oder habe ich vom Weißen Bach gesprochen?
Irgendwann habe ich die drei Hügel erwähnt, ich bin mir sicher, aber ich weiß nicht mehr, wann. Das Fieber, das mich schüttelt, ist wie meine alte graue Wolke. Die Gedanken sind träge geworden, auf sie ist kein Verlass, hin und wieder tauchen sie auf und geben sich den Anschein von Weisheit, aber was sie zu mir sagen, ist wirr und nicht immer verständlich.
Das Tor, sagen sie. Drängend. Immer lauter, sie schreien es mir ins Ohr. Du musst raus, durchs Tor! Du musst Alfred finden, solange noch Zeit ist!
Ich habe nicht damit gerechnet, dass die Regs mich so lange festhalten würden, dass man mich hier sterben lässt. Ich will rausgeworfen werden aus Neustadt, zusammen mit Lucky.
Die Tür geht auf, und hinter der Maske glänzen Happiness Zuckermanns Augen. »Du hast gelogen, Kind. Sag mir die Wahrheit. Willst du wirklich sterben?«
Es ist das Fieber, das meine Zunge lockert. Ich rede im Traum. »Drei Hügel.«
»Damit können wir nichts anfangen! Seit du es Frau Mozart gesagt hast, suchen wir danach. Wir brauchen mehr Informationen! Ich meine es gut mit dir, glaub mir. Ich will nicht, dass du stirbst.«
Wenn ich Truth Mozart eine Lüge erzählt habe, was habe ich dann hier verraten?
»Am Weißen Bach ist auch kein Lager. Verdammt, wo sind sie?«
»Ich weiß nicht«, flüstere ich.
Verdammt, hat sie gesagt. Oh Frühlingswetter, ich bin schockiert, und mitten in der Hitze und dem Fieber sitzen meine klaren Gedanken und lächeln über jeden, der seine wilden Gefühle offenbart.
»Der Glücksminister wird nicht zulassen, dass ihr geheilt werdet, solange er seine Tochter nicht wiederhat.«
Das Fieber wirft mich aufs Bett, neben Lucky, der den Arm um mich legt und mir ins Ohr hustet.
Wir werden sterben.
Etwas in mir ist besorgt. Was hast du alles erzählt? Vom Fluss? Vielleicht sogar von Alfred? Wie konntest du nur! Ich bin enttäuscht von mir, aber die Wolke dämpft den Schrecken.
Stimmen vor der Tür.
Die Klappe ist offen, daher höre ich alles. Ich erkenne Happiness, dann spricht eine Person, deren Stimme mir vertraut ist. Es ist die Stimme meines Vaters.
»Sie brauchen mehr Zeit? Tut mir leid, die kann ich Ihnen nicht geben«, sagt er, so ruhig, als würde er sich über die Qualität des falschen Kaffees am Frühstückstisch beschweren.
»Wir müssen die Kinder behandeln«, beharrt Happiness. »Peas weiß noch mehr, da bin ich mir sicher, aber die Zeit läuft uns davon. Sie fantasiert bereits. Sie sind der Einzige, der jetzt noch etwas tun kann, Dr. Friedrichs!«
»Nein«, widerspricht er ihr. »Weder ich noch sonst jemand kann den Kindern helfen. Das ist nicht Morbus Fünf. Aus meinem Labor ist eine Probe eines weiterentwickelten Virenstammes verschwunden. Morbus Sechs, Frau Zuckermann. Dagegen wirkt rein gar nichts. Sie können die beiden höchstens noch zum Sterben in die Wildnis schicken.«
Sie denkt nach. »Haben die zwei noch genug Zeit, um das Lager zu finden? Peas glaubt, Dr. Mackintosh könnte ihr helfen. Wäre es möglich, dass sie die Krankheit zu den Wilden bringt?«
Mehr höre ich nicht. Als Nächstes öffne ich die Augen und mein Vater beugt sich über mich. Ich erkenne seine Augen über dem Mundschutz.
»Peas«, sagt er eindringlich. »Hör mir gut zu. Man wird euch jetzt vors Tor bringen. Lucky geht es schlechter als dir. Du musst ihn zurücklassen, dann hast du eine Chance.«
»Ich komme mit«, sagt eine weitere Stimme. Noch jemand ist hier. Flüchtig erkenne ich einen Schimmer blonder Haare, das Aufblitzen arroganter eisblauer Augen.
Mein Vater dreht sich um.
»Was tun Sie hier, Herr Mozart? Raus! Sind Sie wahnsinnig?«
»Überlassen Sie das den Experten«, sagt Happiness Zuckermann. »Bitte, Herr Mozart, seien Sie vernünftig.«
»Ach, den Experten.« Wilder Hohn schwingt in den Worten mit. »So wie Sie?«
Es gibt ein Handgemenge, ein Poltern. Irgendwann tritt wieder Ruhe ein. Lucky seufzt in mein Ohr, und in seiner Umarmung falle ich immer tiefer in meine Träume hinein.
Wenn es doch ein geheimes Mittel gegen Morbus Fünf gibt, vielleicht ist Luther auch an Morbus Sechs gestorben?, fragen die klaren Gedanken. Sie sind leise geworden, manchmal kann ich sie kaum hören. Sie sprechen in vielen verschiedenen Stimmen, die mich verwirren. Aber das hier ist Orions Stimme, und sie trägt mich mit starken Armen, sie ist wie ein Helikopter, der mich über den Wald schweben lässt, dorthin, wo ich hingehöre. Seine Stimme ist da und sagt: Flieg, mein Schwan, flieg, aber ich habe keine Flügel, mit denen ich fliegen könnte.
Ich drehe mich um und berühre Luckys Wange. Seine Lippen sind aufgeplatzt und bluten. Seine Stirn ist feucht und kalt, und er zittert.
»Lucky«, sage ich.
Welcher Tag ist heute? Wie viel Zeit haben wir noch? Ich weiß es nicht. Ich weiß nichts mehr über die Zeit.
Hör auf zu rechnen, sagen meine Gedanken. Du hast keine fünf Tage. Luther ist nach zwei Tagen gestorben, schon vergessen? Vergiss alles, was du über Morbus Fünf weißt, das hier ist etwas ganz anderes, es ist viel tödlicher und gefährlicher. Alfreds Genialität nützt dir nichts. Du wirst sterben.
Mein Verstand weiß es. Auch mein Körper, zitternd und schwach und elend, weiß Bescheid.
Der Tod ist keine Krankheit. Er ist rein und sauber und hell, ohne Hitze oder Kälte oder Krankheit. Er ist dunkel wie die Nacht. Glänzend wie das Sonnenlicht.
Sieben wilde Schwäne, singt Jeska. Fliegen in den Himmel, sie fliegen in den Himmel.
Ich wünschte nur, ich hätte Lucky nicht geküsst.
Er öffnet die Augen. »Pi«, wispert er.
Das Fieber hat alles Glück aus seinen Adern gebrannt. Er hat den Strom verlassen. Er sieht mich durch Schmerzen und Fieber hindurch an, und doch ist sein Blick klarer als jemals zuvor.
»Wie schön, ein Abenteuer mit dir zu erleben.« Er lacht, es ist nur ein Röcheln, das in einem krampfartigen Husten endet.
Der Wagen ist geschlossen, hat keine Fenster. Niemand fasst uns an. Alle tragen Anzüge und Masken. Erst als wir aus dem Transporter stolpern und ich den Sumpf vor uns liegen sehe, weiß ich, wo wir sind. Es ist Nacht, der Suchscheinwerfer gleitet über die hügelige Landschaft aus Grasbüscheln und Tümpeln.
»Raus hier«, schreit jemand. »Geht! Na los, wird’s bald!«
Ich fasse nach Luckys Hand, und gemeinsam, einander stützend, taumeln wir durchs Tor.