15.
Wie ein Model für Autowerbung lehnte Moon sich an die Beifahrertür und tauschte Nettigkeiten mit Frau Zuckermann aus.
Wir anderen hielten bereits im Laufschritt auf den Eingang des Genesungshauses zu.
»Wartet!«, rief Moon uns nach, als wir schon in die Empfangshalle stürzten. »Ich will auch mit!«
»Zum Lift«, sagte Lucky. »Star ist bestimmt wieder in Phils altes Zimmer gegangen.«
Leider waren wir hier keine Unbekannten. Die Schwester hinter dem Tresen rief uns, dann hörte ich die schweren Schritte von Wächtern. Moon schaffte es gerade noch, vor ihnen zu uns in den Fahrstuhl zu springen.
»Wie macht ihr das eigentlich, dass ihr immer und überall verfolgt werdet?«, fragte sie.
Gespannt beobachtete ich die Etagen-Anzeige über der Lifttür. Wir kamen zu spät, ich fühlte es. Obwohl Happiness zügig gefahren war, war seit Stars Anruf bereits eine Stunde vergangen.
Und wenn man sie längst festgenommen hatte? Ihr Blut untersucht? Die Unterbrechung des Glücksstroms festgestellt? Was, wenn sie geredet hatte? Vielleicht war es ein Fehler, dass wir hergekommen waren.
Die Absätze von Moons neuen Kids-for-freedom-Schuhen klapperten auf dem Gang, meine quietschten. Wir wechselten einen Blick und zogen jeder die Schuhe aus, und da es nichts gab, hinter dem wir sie hätten deponieren können, behielten wir sie in der Hand. Obwohl kaum jemand zu sehen war, hörten wir durch die offenstehenden Türen, wie sich zwei Genesungshelferinnen leise unterhielten und mit ihren Kaffeetassen klapperten. Wir schlichen vorbei und hofften, dass sie gerade woandershin geschaut hatten.
Phils Zimmer schien kilometerweit entfernt zu liegen. Wir brauchten endlos, und jeden Moment erwartete ich, eine der Schwestern würde auf den Gang hinauskommen, uns sehen und zu schreien anfangen. Aber wir hatten Glück.
Da war die richtige Tür, von der Farbe reifer Pfirsiche, sommerlich und sanft.
Lucky öffnete sie so leise wie möglich, trotzdem knarzte sie in den Angeln.
Star saß an einem Bett, in dem ein fremdes Kind lag, das an zahlreiche Schläuche und Kabel angeschlossen war. Es trug einen Verband über den Augen, und auf dem Monitor waberte eine piepsende Herzlinie. Die schlaffe Hand lag in Stars Griff.
Martys Bett war leer.
Ansonsten war niemand da, keine Ärzte, keine Helferinnen oder gar Wächter. Meine Erleichterung war so groß, dass ich erst gar nicht wahrnahm, wie furchtbar Star aussah. Wie blass sie war. Ihre großen Augen glänzten fiebrig. Da ich nicht wusste, was ich sagen sollte, platzte ich mit dem ersten Satz heraus, der mir in den Sinn kam. »Das ist nicht Phil.«
»Doch«, widersprach sie. »Schau genau hin. Er ist es.«
»Das ist er nicht. Phil hatte doch keine …« Augenverletzung, wollte ich sagen, aber im Nähertreten sah ich, dass er es doch war. Da war das Pflaster an seiner Wange, durch das die rote Linie durchschimmerte. Blonde Strähnen lugten aus dem Kopfverband. Die Abschürfungen an seinen Händen waren mir vertraut.
»Jetzt verstehe ich gar nichts mehr«, sagte Moon. »Soll das lustig sein?«
Star schlug die Bettdecke zurück. Ein großes Pflaster bedeckte Phils Bauch, ein weiteres seine Brust.
»Da haben sie ihm das Herz entnommen, für den anderen Jungen«, erklärte Star mit so lebloser Stimme, als würde sie in der Schule ein langweiliges Referat halten. »Seht ihr das Schild da am Bettende? Da steht alles. Das Herz für Marty Mozart. Sie sind noch lange nicht fertig mit ihm. Die Augen hat ein J. Freund bekommen. Morgen sind die Nieren dran. Die kriegt Calvin S.-Frühlingswetter.«
»Mozart?«, fragte Moon. »Mozart, so wie Truth Mozart? Wie Dr. Jubel Mozart? Au Mann, das gibt’s doch nicht! Das ist ja so eine Ehre, Star! Dein Bruder hat dem Kind der besten Designerin von Neustadt …«
»Sei still«, unterbrach Lucky sie schroff. »Kannst du nicht einmal im Leben den Mund halten?«
Ich bemühte mich, Star anzusehen. Ihr weißes, seltsam unbewegtes Gesicht, dem seine kindliche Schönheit abhanden gekommen war. »Das tut mir so leid«, sagte ich leise. »So ungeheuer leid.«
»Und es ist noch nicht vorbei«, flüsterte sie.
Orion überprüfte gerade die Liste. »Stimmt. Der nächste OP-Termin ist morgen.«
Star war bleich wie ein Leichentuch. Weiß wie die Wand. Klein und still und sah mehr denn je wie eine Porzellanpuppe aus.
»Du musst mitkommen«, sagte ich, ich versuchte, so sanft wie möglich zu ihr zu sprechen. »Bitte, Star. Komm bitte mit. Wir bringen dich nach Hause. Gleich sind die Wächter hier.«
»Die Zeit läuft uns davon«, sagte Orion und betrachtete den kleinen Jungen, den nur noch die Maschinen in diesem halb lebendigen, halb toten Zustand erhielten. »Nimm Abschied.«
»Ja«, sagte sie. »Das werde ich tun. Kannst du bitte das Fenster öffnen?«
Orion sah es kommen. Im Nachhinein war ich mir sicher, dass er es gewusst hatte. Denn obwohl wir es so eilig hatten, obwohl schon die lauten Schritte der Wachleute auf dem Flur hallten, riss er an den Fensterriegeln. Sie ließen sich nicht öffnen, und ohne zu zögern wuchtete er das metallene Nachttischchen vom Nachbarbett in die Höhe und zerschmetterte die Glasscheibe.
Die warme Luft des frühen Sommermorgens wehte herein. Blumig. Verheißungsvoll.
»Beeil dich«, sagte er ernst.
Star nahm Phil die Augenbinde ab. Sie legte die Hände über die leeren Augenhöhlen, küsste ihn auf die Stirn.
Trotzdem ahnte ich nicht, was sie vorhatte.
Hätte ich es geahnt, wäre mir der leiseste Verdacht gekommen – hätte ich nicht versucht, es zu verhindern?
Sie war schnell. Zog den Stecker, riss die Kanülen und Schläuche aus Phils Haut, bevor ich am Bett war. Die Maschine begann ohrenbetäubend zu piepen.
»Star!«, rief ich.
»Was tust du?«, rief Lucky.
Schon hielt Star den toten Jungen in den Armen. Sie war so klein und zierlich; diese Kraft hatte ich nicht in ihr vermutet. Dann war sie am Fenster, ihren Bruder eng an sich gepresst.
»Star!«
Schrie ich? Dachte ich daran, die Lautstärke zu dämpfen? Es spielte keine Rolle mehr. Die Wächter rissen die Tür auf, stürmten ins Krankenzimmer, doch da wuchtete Star Phil bereits über die Fensterbank.
Einen Moment lang schien die Zeit stillzustehen. Orion rannte mit ausgebreiteten Armen auf die Wächter zu, einen wilden Schrei auf den Lippen.
Lucky duckte sich unter dem Angriff des Vordersten. Moon drückte sich an die Wand, lachte auf und hieb mit ihren mörderischen Schuhen drauflos.
Und Star, auf dem Sims, lächelte nur. Sie lächelte wie ein Stern.
Und ließ Phil fallen.
»Frei«, flüsterte sie.
Dann ging alles im Chaos unter.
»Was tust du da?«, kreischte eine Genesungshelferin. Wächter. Schwestern. Schreie. Das Zimmer war voll, aber Orion war überall zugleich. »Lauf!«, rief er mir zu.
Ich stieß eine Helferin zurück, die gerade versuchte, Star zu packen, und dann liefen wir.
Hinter uns ein Lärm wie aus dem Tollhaus.
»Zur Treppe!«
Das Geschrei gellte hinter uns. Stars Gesicht war nass vor Tränen, aber als ich die Nottür aufriss und ein weiterer Alarm losschrillte, hatten ihre Augen etwas Hartes, Kühles, und in diesem Moment kam sie mir viel stärker vor als ich.
Eine Weile gab es nichts als die Notwendigkeit, sich am Geländer festzukrallen, während die Füße sprangen, ausglitten, rannten, sprangen. Nichts als unseren keuchenden Atem. Schreie von oben. »Bleibt stehen!«
Wir dachten nicht daran. Schon waren wir im Erdgeschoss, wo zum Glück keine Wächter mehr waren. Moon knallte gegen die Glastüren.
»Wir sind eingeschlossen!«
Schritte hinter uns. Die beiden Jungs. Lucky hatte ein blaues Auge, von seiner Lippe tropfte Blut. Orions Gesicht erinnerte mich an ein wildes Raubtier aus den Wäldern.
Er langte über den Tresen, wo die Empfangsdame schreiend aufstob und flüchtete, schnappte sich ihren Stuhl und schmetterte ihn mühelos gegen die Türen.
Das Genesungshaus war nicht als Festung gebaut. Das Glas zerbarst, und in einem Regen aus Kristallkügelchen rannten wir ins Freie.
Irgendwo auf dem Weg brach Star zusammen, und Orion trug sie. Ich ging hinter ihm und beobachtete, wie sich das neue Hemd über seiner Schulter einen Ton dunkler färbte.
»Kommt uns denn keiner nach?«, fragte ich Lucky, der seine Lippe mit Moons neuem Schal abtupfte.
»Nein«, sagte er. »Aber sie werden Verstärkung schicken. Wir sollten schleunigst untertauchen.«
»Zur Schule.« Orion keuchte nicht einmal. »Dort werden wir am wenigsten auffallen.«
Zum Glück war es nicht weit, aber was das Auffallen betraf, bezweifelte ich Orions Zuversicht. Wir waren viel zu spät dran, und die Wege rund um die Theodor-Frühlingswetter-Schule lagen leer und verlassen da.
»Da biegen gerade ein paar dunkelgraue Wagen um die Ecke«, sagte Moon, die sich immer wieder umschaute. »Wenn ihr keine Lust auf eine gemeinsame Party habt, sollten wir hier lang.«
Wir rannten über den leeren Schulhof zur Sporthalle. Hinter den Säulen ließ Orion Star auf den Boden gleiten. Sie atmete schwer, aber Moons Vorschlag, zu Dr. Händel zu gehen, wehrte sie vehement ab.
»Ruhig«, flüsterte Lucky. »Wenn das nicht unser Freund vom Tor ist.«
Direktor Soulman war offenbar bereits benachrichtig worden, denn er kam aus dem Gebäude und begrüßte den graugekleideten Herrn, mit dem wir am Vortag aneinandergeraten waren. Die beiden stritten miteinander, soweit wir das aus der Ferne beurteilen konnten. Jetzt rauschte auch noch Gandhi aus der Schule – mitten in der Unterrichtszeit! – und wedelte aufgeregt mit den Händen.
»Wenn die ahnen würden, dass wir hier sind«, sagte Moon, freudig erregt.
Eine Schar weiß uniformierter Wächter rückte an. Ich verkrampfte mich innerlich. Es waren so viele! Danach mussten vorne auf der Straße an die zwanzig Autos stehen. Wenn diese Kerle anfingen, das Gelände zu durchsuchen, hatten wir schlechte Karten.
»Was jetzt?«, fragte Moon, während Orion uns weiter ins Innere der Sporthalle winkte. Die vielen Säulen, die die Zuschauertribüne trugen, die Nischen und Treppen waren unser Revier. Trotzdem würden wir uns hier nicht allzu lange verbergen können.
»Wir brauchen ein Versteck«, sagte Orion. »Und wir müssen so schnell wie möglich herausfinden, wann die Verbrecher durchs Tor geschickt werden.« Er wandte sich an Star und Moon. »Sie haben uns gesehen. Die Genesungsschwestern, die Wächter. Zu viele. Es wird nicht lange dauern, bis sie unsere Namen haben.«
Mir wurde mit erschreckender Deutlichkeit klar, was das hieß. »Keiner von uns kann zurück.«
Nicht nur Orion, Lucky und ich. Star würde dabei sein.
Und Moon.
Wir würden zusammen mit Moon in die Wildnis fliehen.
Luckys Blick fing meinen ein. »Ja«, sagte er.
Star, die wie betäubt da saß, hob den Kopf. »Durchs Tor?« Etwas an ihr hatte sich verändert. Sie sah nicht mehr aus wie ein Püppchen, und würde ich je wieder ihre helle, süße Kaugummistimme hören? Ein wildes Wesen mit einer rauen, schroffen Stimme und brennenden Augen.
»Gut. Ich bin bereit. Und dass ihr’s nur wisst, ich bereue es nicht. Sie wollten Phil ausnehmen, bis nichts mehr von ihm übrig ist. Aber er ist tot! Er hat ein Recht darauf, tot zu sein, so tot, wie es nur geht. Er hat ein Recht auf das Feuer und den Glücksstrom. Wer wird ihn jetzt vom Pflaster kratzen, he? Sollen sie sehen, wie sie das erklären, wo er doch angeblich schon eingeäschert wurde.«
Ihre Wut machte uns alle eine Weile sprachlos.
»Also«, sagte Moon schließlich, die sich von der Qual in Stars Stimme nicht beeindrucken ließ. »Wenn ihr also partout nicht zurückkehren wollt, müssen wir feststellen, welches Tor geöffnet wird.« Selbst in ihrer rosa Wolke konnte sie erstaunlich klar denken. »Ich hoffe, ihr wollt nicht die Grenze abfahren und an allen Toren nachsehen.«
»Jupiter hat einen Onkel beim Sender«, sagte ich. »Er weiß immer alles, auch interne Dinge, die sonst kein Mensch mitkriegt.«
»Jupiter ist zwar nicht gerade ein Idiot … im intellektuellen Sinn«, meinte Lucky. »Aber würdest du wirklich Jupiter dein Leben anvertrauen?«
»Jupiter ist in mich verliebt«, sagte Moon. »Der würde mich garantiert in seinem Zimmer verstecken.«
»Schätzchen, alle Jungs sind in dich verliebt«, erinnerte Lucky. »Die haben sicher nichts dagegen, wenn ich aus dem Partnerprogramm genommen werde. Auch Jupiter könnte uns genau aus diesem Grund verraten.«
»Was meinst du, Pi?«, fragte Orion.
Wir mussten rasch eine Entscheidung treffen.
»Versuchen wir es bei ihm«, sagte ich. »Ich denke, er ist ganz in Ordnung. Immerhin hat er uns auch bei der Inszenierung im Genesungshaus geholfen. Den meisten ist es nicht besonders wichtig, was wir tun, daher machen sie sich auch nicht die Mühe, uns zu verraten. Wie man an Happiness sehen konnte.«
Und an Moon, dachte ich.
»Jupiter ist noch im Unterricht«, meinte Lucky. »Wir müssen bis nachmittags warten.«
»Gut«, sagte Orion. »Dann werde ich die Zeit dazwischen nutzen, um ein paar Dinge zu besorgen.«
»Was für Dinge?«, wollte ich wissen.
»Glaubst du, ich gehe so, wie ich bin, in die Wildnis? Wir brauchen Proviant. Wasser. Waffen – wenigstens ein Messer für jeden. Taschenlampen. Solche Dinge eben.«
»Du kannst nicht einfach einkaufen gehen. Sie werden dich erwischen«, prophezeite Lucky.
»Du hast kein Geld. Soll ich mitkommen?«, fragte Moon.
»Nein, lass mal.«
»Ich bin gut«, sagte sie leise. »Schnell. Unauffällig. Und weil ich aussehe, wie ich nun mal aussehe, schöpfen die Verkäufer nie Verdacht.«
Moon sah nicht direkt lieb aus. Aber reich.
Und Tatsache war, dass sie bei ihren kleinen Ladendiebstählen nie erwischt worden war.
»Nimm sie mit«, sagte ich. »Sie kennt sich damit aus.«
Orion musterte Moon eine Weile und nickte dann. »Gut«, sagte er. »Wir gehen zusammen. Ihr wartet hier, bis die Schule aus ist und der Hof und die Haltestellen sich füllen. Das sollte euch die beste Möglichkeit geben, zu verschwinden.«
Die beiden zogen ab.
Star setzte sich hinter eine der Vitrinen, in denen die dunkel angelaufenen, in die Jahre gekommenen Schulpokale aufbewahrt wurden, und starrte dumpf vor sich hin.
Es fühlte sich an, als wären Lucky und ich allein. Ich überlegte, ob es ein sehr schlechter Zeitpunkt wäre, ihn zu küssen.
»Da kommt wer«, flüsterte er plötzlich und drückte sich eng an die Wand.
»Sie können hier nicht einfach alles auf den Kopf stellen«, sagte Gandhi gerade. Der Mann neben ihm, unser alter Bekannter im grauen Anzug, verströmte eine Aura von Macht und Gefahr. Star neben mir begann zu zittern.
»Auch wenn Sie meine Schüler suchen, heißt das noch lange nicht, dass ich Ihnen dabei helfen muss.«
»Und ob Sie das müssen«, widersprach der Bärtige. »Wenn Sie bedenken, dass ich die Regierung vertrete.«
»Es sind Kinder. Was immer sie gesehen haben, sie werden es auch wieder vergessen.«
»Es geht nicht darum, was sie gesehen, sondern was sie getan haben.«
»Herr Stiller, das ist lächerlich. Sie tun ja gerade so, als ginge es um Verbrecher!«
»Menschen werden sterben«, sagte Herr Stiller. »Wegen eines dummen Streichs.« Seine Stimme hatte einen wilden, dunklen Klang. Sie bebte vor unterdrücktem Zorn.
Star stieß ein Wimmern aus. Der Mann von der Regierung fuhr herum, doch Gandhi schnaubte nur. »Da drüben liegen die Umkleidekabinen.« Was definitiv nicht der Fall war. »Niemand wirft einen Blick dort hinein!«
»Sie überschätzen Ihren Einfluss hier«, sagte Stiller kalt.
»Oh, ich glaube nicht«, gab Gandhi zurück. »Immerhin bin ich bereit, Ihre Lüge mitzutragen und den Schülern von der angeblichen Rallye zu erzählen, die der Grund für die Abwesenheit der fünf sein soll. Da Sie so offensichtlich kein Interesse daran haben, dass die Wahrheit ans Licht kommt, werden Sie einsehen, dass ich meinerseits Forderungen stellen kann: Die Kinder dürfen an die Schule und in ihr Leben zurückkehren, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen.«
»Straffreiheit?«, knurrte Stiller. »Es liegt nicht in meiner Macht, das zu gewähren.«
»Ich glaube doch, wenn man bedenkt, wer Ihr Schwiegervater ist. Soviel ich weiß, ist an den anderen Schulen bereits wieder Ruhe eingekehrt.«
»Dieser Junge ist ein Tier. Über die anderen können wir reden, aber nicht über ihn.«
»Alle«, beharrte Gandhi.
»Kommen Sie! Er ist nicht einmal in Ihrer Klasse. Der Junge ist speziell, und er wird sich nicht mehr integrieren lassen, nachdem er einmal geweckt wurde.«
»Also stammt er aus dem Programm?«
Stiller schnaubte verächtlich. »Sieht man das nicht?«
»Doch«, gab Gandhi leise zu. »Also gut. Aber die anderen vier. Meine drei und die Kleine. Ich bestehe darauf.«
Der Deal war abgeschlossen. Sie entfernten sich wieder, und Star ächzte. Sie bebte am ganzen Körper.
»Willst du das?«, fragte Lucky sie sanft. »Zurück? Ohne Konsequenzen?«
Man würde uns nicht in die Wildnis verbannen. Geschweige denn umbringen. Wir hatten nicht einmal zu befürchten, dass sie uns aus dem Partnerprogramm nahmen.
»Star?«, fragte ich. »Das ist das Beste für uns alle, findest du nicht?«
Dieser Albtraum konnte heute schon vorbei sein.
Ein Leben in heiterer Glückseligkeit.
Doch Star funkelte mich bloß verächtlich an. »Ein Kinderstreich«, sagte sie böse. »So haben sie es genannt. Ich habe Phil befreit. Ich habe den Tod über sie alle gebracht, diese Lügner und Heuchler! Es ist mir egal, wie viele sterben, weil ich Phils Körper zerstört habe!«
Nein, Star wollte definitiv nicht in ihr altes Leben zurück.
Lucky drückte meine Hand, und ich dachte an den Sonnenaufgang über den Dächern, an den Kuss. Ich erinnerte mich daran, dass er mich liebte. Und ich fragte mich, ob wir Moon davon erzählen sollten, dass es einen Weg zurück gab.
Im Strom der Schüler fielen wir nicht auf. Als wir in den Bus stiegen, bemerkte ich im Gedränge ein paar Wächter, aber wahrscheinlich hielten sie vor allem nach Orion Ausschau. Nach dem Einzigen, für den es nur die Flucht nach vorne gab. Während wir durch die Straßen fuhren, überkam mich ein merkwürdiges irreales Gefühl, als sei dies ein Film und nicht die Wirklichkeit. Seltsamerweise hatte ich das in meiner Wolke nie verspürt. Da hatte ich nie Zweifel an der Realität gehabt.