13.
Der Weg kam mir unendlich weit vor. Wir schleppten uns vorwärts, aber trotz unserer Müdigkeit waren wir geistesgegenwärtig genug, um Haken zu schlagen, immer wieder abzubiegen und nie lange auf einer geraden Strecke unterwegs zu sein.
Einmal war mir, als würde ich eine helle Gestalt hinter uns sehen, vom Licht der Straßenlaternen in ein waberndes Glühen getaucht.
Orion sog scharf die Luft ein; auch er hatte den Verfolger bemerkt.
»Schnell ins Auto«, sagte Lucky. »Bloß weg hier.«
Auch diesen Lucky kannte ich nicht. Eine blutige Spur zog sich von seiner Nase bis zum Kinn, Erde und Blut formten seine sonst so glatten braunen Haare zu einem wüsten Wirrwarr, doch seine Augen leuchteten. Er sah aus, als würde er gleich vor lauter Lebendigkeit explodieren.
»Da bin ich ganz deiner Meinung«, sagte Moon. »Es gibt nur leider ein kleines Problem. Irina stand da vorne.«
»Bist du sicher?«
Auch ich erinnerte mich an die Stelle. Von der pinkfarbenen kleinen Straßenkugel war weit und breit nichts zu sehen.
»Die haben dich abgeschleppt!«
»Das kann ja wohl nicht wahr sein!«, ereiferte sich Moon. »Der Wagen ist auf die Familie Sternwald registriert. Das können die doch nicht machen!«
»Offensichtlich schon.« Lucky unterdrückte ein Stöhnen. Er musste sich bei seinem kurzen Kampf mit dem Wächter wirklich wehgetan haben. Dann blickte er sich zu Orion um. »Du bist verletzt. Du blutest!«
Auf Orions hellem Hemd breitete sich ein großer dunkler Fleck aus. Er war blass, doch seine grünlichen Augen brannten. »Darum kümmern wir uns später. Sie können uns immer noch einholen. Dieser Mann weiß, wie man tötet. Er war unglaublich schnell.«
Moons Gesicht leuchtete auf. »Ich werde wahrscheinlich ein Fahrverbot kriegen. Ach, es macht einen solchen Spaß, böse zu sein und verbotene Sachen zu tun!«
Sie verschränkte unternehmungslustig die Finger. »Wir müssen uns irgendwo verstecken und einen Plan schmieden. Einen richtig guten Plan. Sonst sind wir alle verloren.«
Vor allem der letzte Satz begeisterte sie – er sprach wohl direkt ihr Abenteuerzentrum an. Leider hatte ich sowas nicht im Gehirn. Womöglich ein weiterer meiner zahlreichen genetischen Mängel. Ich wollte bloß weg hier. Nach Hause.
»Hat denn schon jemand einen Plan, ihr Helden?« Moon lächelte hoffnungsvoll. Ich fand ihr Lächeln wunderschön und unwiderstehlich, und als Lucky sich vorbeugte, erwartete ich, dass er sie küssen würde. Doch stattdessen sagte er: »Kannst du mal einen Moment still sein, Moon? Wegen dir und deiner dämlichen Schuhe ist Orion heute fast gestorben.« Er wandte sich an den Verletzten. »Wo steht dein Wagen?«
»Mein Auto?« Orion lachte heiser. »Ich hab keins.«
»Aber wie bist du dann hergekommen?«, murmelte Lucky. »Man kann keine Autos klauen. Sie erkennen nur ihren Besitzer als Fahrer an.«
»Und jeden, dem dieser die Erlaubnis zum Fahren erteilt. Wenn man sich in den Fahrcomputer hackt, kann man sich selbst diese Erlaubnis geben.«
»Das kannst du?« Lucky war beeindruckt.
Diesmal lächelte Orion schief. »Ich nicht, aber ich hab einen Fan in eurer Klasse, der einiges auf dem Kasten hat. Ich dachte, wenn sie Untersuchungen anstellen, werden sie eher die Schüler in den Genie-Klassen befragen, nicht aus eurer.«
»Merkur?«, vermutete ich.
Wieder lächelte Orion. »Je weniger ihr wisst, umso besser. Wenn ihr Glück habt, hat dieser Oberwächter euch nicht so genau angeschaut wie mich. Nehmt euch ein Taxi, ich suche mir einen Unterschlupf irgendwo in der Nähe und warte auf den nächsten Transport in die Wildnis.«
»Verletzt?«, fragte Lucky.
»Mit blutigem Hemd? Kommt nicht in Frage«, sagte ich.
»Es ist nichts«, protestierte Orion. »Nachdem ihr die Wächter auf mich aufmerksam gemacht habt, komme ich jetzt gut alleine klar, danke.«
»Du brauchst dringend einen Arzt«, sagte Lucky. »Deine Schulter …«
»Erst mal müssen wir hier weg«, unterbrach ich ihn.
Mir fiel auf, dass wir schon seit einer geraumen Weile auf einer Stelle herumstanden und diskutierten. Jederzeit konnte unser Verfolger um die Ecke biegen.
Obwohl wir noch zu keiner Einigung gekommen waren, stolperten wir weiter.
Ich überlegte gerade, ob ich meinen Vater bitten sollte, sich um Orions Verletzung zu kümmern, als Moon sagte: »Da. Die Kids-for-freedom-Zentrale. Ich hätte nicht gedacht, dass wir so weit gerannt sind, und ihr?«
Ich folgte ihrem Blick zu dem lavendelfarbenen Hochhaus die Straße runter.
»Kommt«, sagte Moon entschlossen.
»Es ist schon spät«, wandte ich ein. »Wetten, die haben nicht mehr auf?«
Sie bedachte mich mit einem verwunderten Blick. »Die haben immer auf, rund um die Uhr. Ich muss mir neue Schuhe kaufen, und du brauchst ein neues Hemd, Orion.«
»Ich hatte eine Tasche mit Ersatzklamotten und Proviant mit«, sagte Orion. »Die ich leider in einem Versteck am Tor liegengelassen habe.«
»Lucky, warte mal.« Moon nahm ihren seidenweißen Schneeflockenschal ab und versuchte, ihm das Blut von der Nase zu tupfen. Ohne sich zu rühren, ließ er es geschehen, doch dabei sah er über sie hinweg in die Straßenschluchten, wachsam, und in seinen Augen war immer noch diese brennende Intensität, von der mir schwindelig wurde.
Für einen kurzen Moment durchfuhr mich der Wunsch, ich wäre diejenige, die ihm mit diesem Tuch über die Haut streichelte und meine Fingerspitzen an seinen Mund legte, nur durch den hauchdünnen Stoff von seinen Lippen getrennt. Diese Vorstellung brachte mich so durcheinander, dass ich mich abwenden musste.
»Weiter«, befahl Orion.
Zum Rennen waren wir mittlerweile nicht mehr in der Lage. Mit gebeugten Köpfen schlurften wir auf das Gebäude zu. Lucky stützte Orion, und ich ging neben Moon, die den blutigen Schal zu einem Ball zusammenrollte, während sie barfuß daherschritt wie eine Prinzessin.
»Wir werden uns ein Hotelzimmer nehmen«, sagte sie ohne Aufregung. »Du siehst sehr müde aus, meine süße Pi. Ich bin wirklich stolz auf dich, wie tapfer du bist! Heute bin ich mal gestolpert und nicht du«, und dabei lachte sie fröhlich.
»Das ist ein Laden für überteuerte Klamotten, kein Hotel«, sagte ich, während meine Verwirrung noch zunahm. Ich war überhaupt nicht tapfer gewesen, ich hatte nur dabei gestanden und Angst gehabt, Lucky könnte etwas zustoßen.
»Bei Kids-for-freedom kann man immer Zimmer zum Übernachten mieten«, stellte Moon richtig, während sie schon die Stufen zur Eingangstür hochmarschierte. »Schon wegen der Kundinnen aus Glücksstadt, die mit dem Flieger hier sind und ein ganzes Wochenende bleiben.«
»Und um Mitternacht Lust auf Socken haben«, fügte ich hinzu.
Lucky zuckte die Achseln, aber so wie ich folgte er Moon brav ins Gebäude. Orion zögerte, und ich dachte schon, er würde davonrennen, um sein eigenes Ding durchzuziehen, aber dann straffte er sich, setzte eine ausdruckslose Miene auf und kam doch mit.
Die Eingangshalle war eine gewöhnungsbedürftige Mixtur aus lavendelfarbenen Wänden und Stahlelementen. Am Tresen lächelte eine uniformierte Empfangsdame uns gewohnheitsmäßig entgegen. Als Moon entschlossen auf sie zutrat, verrutschte ihr professionelles Lächeln, einen Moment lang wirkte sie irritiert.
»Guten Abend«, grüßte Moon.
»Äh, guten Abend, Nova. Es ist mir eine Ehre.«
Moon freute sich sichtlich über die respektvolle Anrede. Der Titel »Neo« sowie das weibliche »Nova« waren den herausragenden Vertretern des neuen Menschen vorbehalten. »Oh danke, meine Liebe. Haben Sie noch Zimmer frei?«
»Sie belieben zu scherzen, Nova.« Die junge Frau, die ihr bernsteinbraunes Haar wie eine Kappe trug, blinzelte verstohlen zu uns herüber. »Benötigen Sie ein Appartement für vier oder zwei Doppelzimmer?«
»Was kostet das denn?«
»Oh nichts. Für Sie natürlich nichts, Nova.«
Jetzt war es an Moon, verwirrt zu sein. »Wirklich?«
Auch das Zwinkern der Empfangsdame stimmte sie ratlos, aber Moon wäre nicht Moon gewesen, wenn sie sich das hätte anmerken lassen. »Umso besser. Dann nehmen wir das Appartement. Muss ich … ich meine, können wir … ich will nicht, dass meine Eltern davon erfahren«, sagte sie leiser. »Wenn wir unsere Namen irgendwie raushalten könnten …«
»Aber selbstverständlich, Nova.« Erneutes Zwinkern.
Die junge Dame händigte Moon die Schließkarte aus. »Möchten Sie gleich nach oben fahren?«
Die Türen des Lifts gegenüber öffneten sich zuvorkommend. Wir stolperten hinein, wobei Orion darauf achtete, rückwärts zu gehen, sodass die Frau am Tresen den Blutfleck an seinem Rücken nicht sehen konnte.
Erst als die Türen sich schlossen, begann Moon haltlos zu kichern. »Versteht ihr das? Ich schätze mal, hier kommen öfter Kids her, die ihr ganzes Geld ausgeben, gegen den Willen ihrer Erzeuger. Wenn ich nur vorher gewusst hätte, dass es so einfach ist …«
Im grellen Schein der Liftbeleuchtung bemerkte ich den Schweiß auf Orions Stirn. Trotzdem lächelte er meiner Freundin zu. »Es war eine gute Idee, auf Namen zu verzichten.«
»Gern geschehen.« Sie nickte zufrieden. »Und hier sind wir schon.«
Der mit weichem Teppich ausgelegte Flur führte uns um ein paar Ecken zu der Tür mit der Nummer 3108.
Moon seufzte vor Glück, als das riesige Appartement vor uns lag – ein plüschiger Traum in Lavendel. Die Fensterfront schenkte uns einen grandiosen Blick auf die umliegenden Häuser, die beiden Doppelbetten befanden sich in zwei getrennten Räumen, eins ein halbes Stockwerk höher, durch eine gewundene Treppe erreichbar. Es duftete dezent nach Zitrone.
»Da«, sagte Moon. »Ein Friedrichs-Bild, ist das nicht fantastisch? Deine Familie ist berühmt, Pi.«
Tatsächlich, das Gemälde im Wohnraum stammte aus der Früchtekorb-Serie meiner Mutter.
Die beiden Jungen hielten sich nicht damit auf, die Einrichtung zu bewundern.
»Wir müssen was gegen die Blutung unternehmen«, sagte Lucky sofort, doch Orion hatte keine Zeit dafür. Kaum hatte er das Appartement betreten, hastete er schon ans Fenster.
»Man sieht die Straße nicht von hier aus.«
»Glaubst du, wir werden immer noch verfolgt?«
»Jedenfalls möchte ich nicht überrascht werden. Du siehst nach, ob jemand mit dem Aufzug hochkommt, Moon. Pi, kontrolliere bitte das Treppenhaus. Ich brauche ein Fenster zur anderen Seite hin, dazu muss ich in eins der Zimmer gegenüber. Und du, Lucky, kannst herausfinden, ob es einen Aufgang zum Dach gibt. Von dort müsste man einen guten Ausblick auf die Straße haben. Wenn die Empfangsdame die Wachen alarmiert hat, könnten wir möglicherweise über die Nottreppe entkommen.«
Moon stellte sich auf die Zehenspitzen und salutierte, wie die Soldaten in den Kriegskomödien, die zu Feiertagen im Fernsehen liefen, wobei sie eine glitzernde Schneeflocke aus ihren Haaren fegte. »Geht klar, Sportsfreund!« Ihre nackten Zehen verschwanden fast in dem üppigen Teppich, und mir fiel auf, wie schön ihre Füße waren und wie perfekt ihre Fesseln und Waden, und als sie mit einem kleinen Glucksen zur Tür tänzelte, wollte ich sie aufhalten, ich wollte rufen: Lieber nicht, es könnte gefährlich sein!, aber ich rief sie nicht.
Es verwirrte mich viel zu sehr, dass ich klarer sah als sie. Stattdessen gehorchte ich.
Wir verteilten uns, entsprechend unserer Befehle. Ich schlich auf den Gang hinaus. Lucky folgte mir zum Treppenhaus, doch während ich über das Geländer in die Tiefe spähte, stieg er die Stufen weiter hinauf. Wir befanden uns schon im zweitobersten Stockwerk, daher hörte ich seine Schritte über mir. Wir waren allein hier, und trotzdem zuckte ich zusammen, als er an eine Metalltür schlug.
»Sie ist auf«, rief er zu mir hinunter und verschwand.
Ich wachte darüber, dass niemand das Treppenhaus betrat, während er oben auf dem Dach war. Mit hämmerndem Herzen horchte ich auf jedes Geräusch. Das Gebäude war still. Doch nicht still genug. Wenn man lange genug wartete, schien es zu singen. Es knackte. Vibrierte. Dröhnte. Vielleicht der Lärm der Stadt? Nie zuvor war mir die Nacht so laut vorgekommen. Schritte hallten hinter mir auf dem Flur. Ich biss die Zähne zusammen, um nicht bei jedem Knistern nachzusehen, ob es einer von uns war oder jemand Fremdes.
Schließlich knarrte die obere Tür wieder, und wenig später stieg Lucky in unsere Etage hinunter.
»Wenn die Empfangsdame die Wachen gerufen hätte, wären die längst hier. Gehen wir ins Appartement zurück.«
Auch die anderen meldeten nichts Auffälliges, und diesmal widersetzte Orion sich nicht, als Lucky auf einer Untersuchung bestand.
»Frühlingswetter!«, keuchte Moon, als Orions blutüberströmter Rücken sichtbar wurde. Die Wunde befand sich oben an der Schulter, von da aus war das ganze Blut über seine Haut geflossen und hatte seine Sachen durchtränkt. »Warum haben sie eigentlich auf euch geschossen?« Sie stellte die Frage, die auch mir schon die ganze Zeit auf der Zunge lag.
In meinem Kopf formte sich bereits eine Antwort … aber noch war sie viel zu verschwommen, um sie auszusprechen.
»Ist es tief?«, wollte Orion wissen.
»Keine Ahnung«, meinte Lucky. »Kannst du ein paar Handtücher holen, Pi?«
Ich lugte ins Bad, das glücklicherweise in schlichtem Weiß gehalten war und kein einziges lavendelfarbenes Accessoire enthielt. Handtücher gab es jedoch auch keine.
»Lufttrockner«, stellte ich fest.
Während Moon sich über das in den Boden eingelassene Sprudelbecken freute – »Dabei kann man dann fernsehen, ist das nicht genial?« – halfen Lucky und ich Orion ins Bad und reinigten mit Hilfe von Kosmetiktüchern seine Haut. Die Wunde war kleiner, als ich befürchtet hatte, eigentlich nur ein winziges rundes Loch.
»Tut es nicht schrecklich weh?«, fragte ich.
Orion grunzte nur.
»Die Kugel ist bestimmt noch drin«, meinte Lucky. »Aber selbst wenn hier eine Pinzette wäre … das ist eine Nummer zu groß für uns.«
»Geht auch eine Nagelfeile?«, fragte Orion. »Moon hat doch eine.«
Bei der Vorstellung, in der blutigen Wunde herumzustochern, wurde mir leicht anders und ich musste mich am Waschbecken festhalten.
»Du solltest wirklich nach Hause fahren«, meinte Lucky gepresst. Die Niederlage in seinen Augen traf mich mehr, als ich wollte, es war wie ein Schlag ins Gesicht. Als wäre Orions Flucht auch seine, Orions Scheitern unseres.
Aber war es nicht schon immer so gewesen? Während die Athleten auf dem Spielfeld kämpften, sahen wir ihnen zu und jubelten.
»Wer spricht von nach Hause fahren? Ich werde auf die nächste Gelegenheit warten.« Orion erklärte die Untersuchung für beendet, indem er vom Hocker aufstand und damit seine Schulter aus unserer Reichweite brachte.
»He, ihr Süßen!« Moon erschien an der Badtür. »Das müsst ihr euch ansehen! Minister Mozart ist im Fernsehen, der Mann von Truth Mozart!«
Als Ehemann ihrer Lieblingsdesignerin war er für die meisten Jugendlichen automatisch ihr Lieblingspolitiker. Ich konnte die Regierungsmitglieder kaum voneinander unterscheiden, für mich sahen sie alle irgendwie gleich aus. Auch dieser hier hatte das faltenlose Gesicht eines erfolgreichen Mannes und die energische Sprechweise eines Politikers, der genau über alles Bescheid wusste und keine Zweifel kannte. Wie alle. Was er sagte, interessierte mich genauso wenig wie sonst, doch bei dem Wort »Verbrechen« horchte ich auf.
»Der neue Mensch sorgt für seine Mitmenschen und betrachtet sie als Geschwister«, sagte der Minister gerade. »Umso tragischer ist es, wenn in unserer Mitte Dinge geschehen, die nicht damit zu vereinbaren sind, dass wir uns als eine große Familie begreifen. Hin und wieder fallen Einzelne auf eine primitivere Stufe der Evolution zurück.«
Er meinte uns, oder?
»Dr. Jubel Mozart«, sagte Moon selig, mitten in die nächsten Sätze hinein. »Unser Glücksminister. Sieht ziemlich gut aus, was?«
»Was hat er gesagt?«, fragte Lucky.
»Achtet auf die Krawatte! Echtes Kids-for-freedom-Design. Er trägt immer die Entwürfe seiner Frau, exklusiv für ihn genäht.«
»Sei doch endlich still! Jetzt haben wir verpasst, was er gesagt hat. Suchen sie nach uns?« Lucky war sauer.
»Oh, das haben sie eben schon einmal gesendet, als ihr im Badezimmer wart«, meinte Moon ungerührt. »In ein paar Tagen schicken sie alle Verbrecher, die sie in den letzten Monaten eingesammelt haben, durchs Tor in die Wildnis.«
»Was?« Sogar Orion hing an ihren Lippen. »Sie tun was?«
»Da könntet ihr euch gleich einreihen.« Sie schien diesen Gedanken höchst amüsant zu finden. »Sie haben ein paar Bilder gezeigt, diese Kriminellen sahen echt irre aus, mit glühenden Augen und zerzaustem Bart und so. Das waren keine neuen Menschen. Unterschicht«, fügte sie weise hinzu. »Bei der Evolution bleibt immer ein gewisser Ausschuss auf der Strecke.«
»Aber in Neustadt gibt es doch gar keine Verbrechen.« Ich fühlte mich wie vor den Kopf gestoßen. »Das ist völlig unmöglich.«
»Wir sind nicht die Einzigen«, murmelte Lucky.
»Trotzdem seltsam«, meinte Orion stirnrunzelnd. »Wie oft haben sie uns gezeigt, wie Kranke ans Tor gebracht wurden?« Wir alle hatten durchs Fernsehen miterlebt, wie Kranke oder unheilbar Verrückte in die Wildnis geschickt wurden. Das Tor öffnete sich vor ihnen, sie marschierten durch, ein paar Leute standen da und winkten, und dann war es auch schon wieder vorbei. Nichts Spektakuläres. »Kein einziges Mal haben sie dabei Verbrecher erwähnt. Warum ausgerechnet jetzt?«
»Gut, dass wir die los sind. Solche Elemente passen nicht nach Neustadt«, fand Moon, die ihre schmutzigen Füße in den Whirlpool hielt und mit den Zehen versuchte, Luftbläschen zu fangen.
Orion, immer noch mit nacktem Oberkörper, war nicht mehr ganz so blass. Seine Augen leuchteten auf. »Das ist meine Chance.«
»Du kannst dich nicht einfach dazustellen«, widersprach ich. »Sie werden dich umbringen.« Beide Jungen sahen mich jetzt an. Es war viel zu schrecklich, diesen Gedanken auszusprechen, aber noch schrecklicher wäre es gewesen, ihn im Kopf zu behalten. »Das war kein Zufall, vorhin. Wisst ihr nicht mehr, der Schüler, von dem Jupiter erzählt hat? Der gestorben ist, nachdem er seine Glücksgabe verpasst hat? Nach dem heutigen Tag bezweifle ich, dass das bloß Herzversagen oder sowas war.«
»Warum sollten sie jemanden umbringen, nur weil er aus dem Glücksstrom fällt?«, fragte Lucky. »Dann wären wir ja alle dran.«
»Ich weiß nicht, ob es so ist.« Ich wollte diesen Gedanken nicht verteidigen. Ich wollte nicht, dass es stimmte.
»Ein Grund mehr, um so schnell wie möglich zu verschwinden«, sagte Orion leise.
»Im Gegenteil«, widersprach ich. »Das ist ein sehr guter Grund, um sich bis nächsten Dienstag unauffällig zu verhalten. Ich lege keinen Wert darauf, herauszufinden, was sie mit uns tun würden.« In die Wildnis verbannen? Umbringen? Oder aus dem Partnerprogramm nehmen? »Ich glaube, ich kann ganz gut damit leben, wenn ich es nie erfahre.«
Moon beteiligte sich nicht an der Diskussion. Sie badete ihre Füße und tippte auf ihrem Tom herum. »Ich habe uns was zu essen bestellt«, erklärte sie.
Ich fragte nicht nach, was. So wie ich Moon kannte, würde es eine Sojapizza mit Vitaminen sein.
»Und bis dahin gehe ich runter in den Shop und besorge dir was zum Anziehen, Orion. Kommst du mit, Pi? Über seine Maße weißt du sicher besser Bescheid als ich.«
»Dafür ist keine Zeit«, murmelte er.
Aber Lucky nickte. »Hab Geduld, Orion«, sagte er leise. »Moon hat recht – wenigstens in dieser Hinsicht. Wir müssen uns ausruhen. Und etwas zu uns nehmen. Sie werden das Tor nicht schon heute Nacht öffnen.«
»Und wenn doch?« Orion knirschte mit den Zähnen.
Nichts von dem, was ich gesagt hatte, war bei ihm angekommen. Er wollte immer noch weg.
Das hätte ich mir denken können. Sportler waren ja nun nicht gerade für ihre Gehirnmasse berühmt.
»Hast du in Erwägung gezogen, dass es eine Falle sein könnte?«, fragte ich. »Um uns wieder zurück ans Tor zu locken, wo sie uns festnehmen können?«
Orion musterte mich erfreut. »Natürlich«, sagte er. »Ich muss diese Information vorher überprüfen, das ist klar. Und wir werden verdammt vorsichtig sein müssen.«
Wir.
Luckys Gesicht verriet mir mehr, als ich wissen wollte. Seine Augen brannten, und um seine Lippen zuckte dieses fremde wilde Lächeln.
Die einzige Verkäuferin, die um diese Zeit noch arbeitete, versuchte gerade eine junge Frau, vielleicht zehn Jahre älter als wir, in Sachen Mode zu beraten. Der strenge farblose Hosenanzug, den die blonde Kundin trug, missfiel der Kids-for-freedom-Angestellten, und mit sanftem Druck versuchte sie, ihr Opfer dazu zu bewegen, etwas Gewagteres anzuprobieren – vorzugsweise in Rosa oder Lavendel.
Moon zog mich kichernd weiter. Die Verkaufsfläche, die sich über mehrere Etagen erstreckte, schien mir wie ein undurchschaubares Labyrinth, aber meine Freundin fand sich darin mit schlafwandlerischer Sicherheit zurecht.
»Hier. Das müsste Orion stehen, oder? Er ist wahnsinnig gut gebaut, an dem, was ich Lucky empfehlen würde, können wir uns nicht orientieren. Orion scheint immer alle Klamotten zu sprengen. Wie wäre es damit?«
Ein helles Hemd mit einem Stich in irgendeine Bonbonfarbe.
Ich dachte an Orions Wunde, an das Blut auf seiner glatten Haut. An das Tor und die Wildnis – Gras und Bäume. Verseuchtes Wasser. Gefährliche Menschen mit Krankheiten, die ihn angreifen könnten.
»Nein«, sagte ich und wählte Schwarz. Zu meiner Überraschung gab es tatsächlich zahlreiche Kids-for-freedom-Sachen in dunklen Farbtönen und ohne Glitzersteinchen.
Selbst wenn die Wunde wieder anfing zu bluten, würde man den Fleck auf diesem Stoff nicht sofort sehen. Und in der Dunkelheit dort draußen – ich konnte nicht anders, als mir die Wildnis dunkel vorzustellen, wie ein Zimmer, durch das man sich blindlings hindurchtastete, ohne an Wände zu stoßen –, würde es ihn quasi unsichtbar machen.
»Zwei davon.« Ich nahm die größten, die dort hingen, und hoffte, dass Orion hineinpasste. »Und er braucht eine Jacke.«
Hingerissen starrte ich auf die Jacken, die ein paar Meter weiter hingen. Keine Verzierungen, kein Schnickschnack. Schlicht und edel. Genau mein Geschmack.
»Hast du eine Ahnung, was so ein Teil kostet?« Der Preis erschütterte selbst Moons Gelassenheit. »Außerdem ist es warm draußen.«
»Ja, aber nachts kann es schon mal recht kühl werden.«
Da draußen in der Wildnis gab es keine Häuser, oder? Keine Autos. Keine Straßen. Keine Schule. Es gab nichts.
Mich schauderte bei der Vorstellung, dass Orion in dieses finstere Nichts hinausgehen wollte.
»Ich möchte keine Spielverderberin sein, aber das sprengt meinen Kreditrahmen«, sagte Moon. »Tut mir leid, Süße. Außerdem brauche ich noch Schuhe.«
Im Gang zwischen den Präsentierregalen erschien die Kundin, die sich zu einem langen, strassbesetzten Kleid in Orange hatte überreden lassen.
»Nehmen Sie das lieber in Braun!«, rief Moon zu ihr herüber. »Der Schnitt ist gut.«
Was konnte ich tun, um Orion aufzuhalten? Nichts. Er war wie ein Sturm, der über alle Argumente hinwegwehen würde. Aber vielleicht konnte ich wenigstens Lucky retten. Wie konnte ich es schaffen, dass er blieb?
Die blonde Frau kam ein paar Schritte näher. »Steht mir diese Art von Kleid wirklich? Ich bin eigentlich nur medizinische Assistentin in der Unfallabteilung, aber mein Chef gibt eine Party und da will ich nicht hinter den anderen zurückstehen.«
»Sie kennen sich mit Unfallopfern aus?« Moon setzte ihr breitestes Lächeln auf. »Das trifft sich aber gut. Ich kann Sie gerne beraten, wenn Sie möchten.«
»Das wäre lieb. An deiner Kleidung sieht man, dass du einen guten Geschmack hast.«
Bald plauderten die beiden wie die allerbesten Freundinnen. Ich wunderte mich über gar nichts mehr, als Moon ihre neue Bekannte anschließend mit in unser Appartement einlud, um sich »das Problem des Freundes der Kleinen da« anzusehen.
»Hältst du das für klug, sie da mit reinzuziehen?«, zischte ich Moon zu.
»Ich finde sie nett. Und Orion braucht nun mal einen Arzt.«
Happiness Zuckermann, so der Name unserer Bekanntschaft, war keine richtige Ärztin, doch ich musste Moon recht geben – vielleicht konnte sie uns wirklich helfen.
Lucky machte bei ihrem Anblick ein entsetztes Gesicht, das auch ihr fröhliches »Hallo, ich bin Happiness« nicht abmildern konnte.
»Seid ihr verrückt?«
Orion erschien, in einen flauschigen Bademantel gehüllt.
Happiness strahlte noch breiter. »Das ist der Patient?« Eine leichte Schärfe stahl sich in ihre Stimme, als sie ihm befahl, den Mantel abzunehmen und die Wunde zu zeigen.
»Oh, eine Schussverletzung! Wie abenteuerlich. Halten Sie still. Ich habe nur ein Betäubungsspray dabei.«
Immerhin hatte sie in ihrer geräumigen Tasche jede Menge interessanter Geräte. Und während sie fröhlich vor sich hin summte, brachte sie eine Art Pinzette zum Vorschein.
Ich sah rasch weg, während sie in Orions Fleisch herumstocherte.
»So macht man das in Neustadt«, trällerte sie. »Gute Freunde helfen einander, nicht wahr? Nie im Leben wäre ich darauf gekommen, dieses Kleid in Braun zu nehmen, wenn diese junge Dame mir nicht geholfen hätte. Du solltest dich bei dem Label bewerben, wenn du mit der Schule fertig bist. So, das ist ja der Übeltäter. Desinfizieren … das brennt, wie? Du bist mir aber ein tapferer Junge.« Sie seufzte leise, in den Anblick von Orions breitem Rücken vertieft. »Schade. Ich hätte nicht erwartet … Manchmal trifft es eben die Falschen.« Happiness schüttelte versonnen den Kopf. »So, machen wir noch einen Verband drum herum. Aber du solltest lieber doch zum Arzt gehen.«
»Ja, mache ich«, sagte Orion. »Vielen Dank.«
Moon begleitete unseren blonden Engel zur Tür. »Ich wohne auch hier auf der Etage. Man sieht sich, ja?«
»Ja«, sagte Moon. »Man sieht sich.« Sie wandte sich uns zu und strahlte über das ganze Gesicht. »Na, wie habe ich das gemacht? Jetzt müssen wir nur noch essen und schlafen, und die Welt ist wieder in Ordnung.«