34.
Venus, unsere Biologielehrerin, liebte Mikroskope. Sie war von Bakterien und Viren geradezu besessen. Falls sie irgendwelche heimlichen wilden Leidenschaften haben sollte, dann waren es Krankheiten. Ich konnte mich darauf verlassen, dass wir heute wieder etwas Ekliges untersuchen würden. Um in die finsteren Gefahren, die von unseren Tellern und Kühlschränken ausgingen, eingeweiht zu werden, begutachteten wir heute Lebensmittel, die zu lange aufbewahrt worden waren.
Ich meldete mich freiwillig, um mit in die Aufbewahrungskammer zu gehen und die Proben zu holen.
»Ach, Peas, wie nett von dir.« Sie strahlte mich an. Wenn diese Frau nicht im Glücksstrom schwamm, wusste ich auch nicht. »Aber du lässt so häufig Sachen fallen, und das wäre mir gar nicht recht.«
»Ich könnte aber doch …«
Sie wählte Moon und Jupiter aus, um ihr zu helfen.
Ich kam nicht einmal in die Nähe der Kammer.
Es würde mir nichts anderes übrig bleiben, als heute Nacht in die Schule einzubrechen.
Meinen Eltern sagte ich, es könnte spät werden, ich wäre noch mit Moon und Lucky unterwegs. Sie sollten nicht auf mich warten.
»Meine große Tochter«, sagte meine Mutter und wandte sich wieder ihren Bildern zu.
Ich blickte ihr über die Schulter. Sah eine Weile zu, wie sie malte. Es war ein Abschied, und dass sie nichts davon wusste, machte es schwer.
Da war eine Wildheit in den Farben, in der Art, wie sie den Pinsel über die Leinwand führte, ihn tanzen ließ, schwungvoll, dann wieder zärtlich, dann fast wütend. Da war so viel Liebe, so viel Gefühl. Selbst der Glücksstrom konnte unser Herz nicht völlig abtöten.
»Auf Wiedersehen, Mam«, sagte ich leise.
Von meinem Vater verabschiedete ich mich nicht, denn ich hatte Angst davor, dass er das Zittern in meiner Stimme richtig interpretierte.
Sanft schloss ich die Tür.
So spät abends war die Schule nicht weniger fremd und furchteinflößend als der Wald. Die Laternen warfen orangefarbenes Licht über den Hof, die Bänke und Säulen schufen schwarze Schatten. Irgendwo weiter an der Straße ging eine Gruppe Jugendlicher vorbei, Gelächter wehte zu mir herüber.
Mein Tom versuchte verzweifelt zu vibrieren und zu klingeln und diverse Melodien zu spielen, um mir mitzuteilen, dass eine weitere wichtige Nachricht eingetroffen war.
Einen Moment lang war ich irritiert, rechnete mit dem Schlimmsten.
War das Lucky, der meinen Plan erraten hatte und mir zuschrie: Tu’s nicht?
Der Name des Absenders sprang mir ins Auge, irritiert starrte ich auf den Namen Boyprince – wer sollte das denn sein? – und las die ersten Wörter, bevor ich meinen Tom vor Schreck beinahe fallen ließ.
»Man hat uns einander zugeteilt«, stand da, »wie wäre es mit einem ersten Treffen?«
Woher hatte er bloß meine Nummer? Über die Schule? Vom Arzt? Mindestens zehn Nachrichten waren inzwischen eingetroffen. Angewidert verschob ich die letzten Date-Bemühungen von Boyprince in die Mülltonne.
»Wusste ich doch, dass du was vorhast.«
Hinter mir war Moon aufgetaucht, sie lachte mich an. »Ich habe bei dir zu Hause angerufen, als du nicht an deinen Tom gegangen bist, und deine Mutter sagte mir, du seist mit mir verabredet. Also, was soll das?«
Moon liebte geheimnisvolle, verbotene Unternehmungen. Zuerst erwog ich, sie anzulügen, dann entschied ich, dass ich genauso gut die Wahrheit sagen konnte.
»Ich muss in die Schule. Weil ich krank werden will.«
Sie lachte ungläubig. »Du bist verrückt, Pi, weißt du das?«
»Wenn ich krank bin, werfen sie mich raus. So einfach ist das.«
Moons Gesicht wirkte im Laternenschein verändert. Wie von einer fremden, goldenen Sonne beschienen, das dunkle Haar umgab sie wie ein Schleier. Ich hatte sie immer geliebt. Bewundert. Ich hatte mir gewünscht, wie sie zu sein. Und dass unsere Freundschaft nie, nie enden sollte.
»Gut«, sagte sie. »Ich helfe dir.«
Wir schlichen uns über die Rückseite heran. Das Gerüst hatten die Arbeiter längst abgebaut. Die Fenster waren alle geschlossen; der Hausmeister achtete auf so etwas.
»Da ist noch Licht.«
Ein Raum war hell. Wir schlichen geduckt bis dorthin und spähten durch die Scheibe. Das Arztzimmer. Felix, der Assistent, ordnete den Inhalt der Schränke.
»Das trifft sich ja gut.« Moon klopfte an die Scheibe.
»Bist du verrückt?«, zischte ich. Ich zog sie weg, doch sie wehrte sich, und als Felix das Fenster öffnete und in den dunklen Hof hinausschaute, ließ ich sie schnell los und duckte mich.
»Hallo, Onkel Doktor«, sagte Moon zu ihm.
»Ich bin noch kein Doktor.« Er starrte sie an. Jeder Mann im ganzen Universum würde Moon anstarren, wenn sie so lächelte. Es war kalt und windig, und ihr dunkles Haar wehte ihr ins Gesicht.
»Soll ich nicht lieber reinkommen? Ganz schön frostig hier draußen.«
»Äh … ja, klar.« Welcher Mann hätte sie abgewiesen? »Ich räume hier bloß noch auf.«
Sie winkte mir. »Na los, Pi. Er hat uns eingeladen.«
Möglicherweise war er enttäuscht, mich zu sehen, doch er ließ sich nichts anmerken.
»Hallo, Peas. Auch so spät noch unterwegs?«
Felix half uns, durchs Fenster zu klettern. Seine Wangen glühten, als er Moon über das Sims hob. Mich dagegen fertigte er wie ein Gepäckstück ab.
»Wie aufregend«, sagte sie. Kaum waren wir im Zimmer, hatte sie schon auf der Patientenliege Platz genommen und wippte mit den Füßen. »Es muss toll sein, ein Mediziner zu sein. Menschen zu helfen.«
»Ja«, stammelte er. »Ich helfe immer gerne.«
Mühelos brachte sie das Gespräch auf Krankheiten. Überredete ihn dazu, uns alles zu zeigen, was damit zusammenhing. Folgsam trottete er hinter ihr her, als sie den Weg zur Aufbewahrungskammer einschlug. Vielleicht hoffte er auf einen Kuss.
Würde sie ihn wirklich küssen, nur um mich an die Wildnis loszuwerden? Ich hoffte nicht. Ein Teil von mir wollte unbedingt an das Präparat, aber ein anderer Teil war bloß traurig, dass sie sich so sehr wünschte, ich würde verschwinden. Sie verriet mich, indem sie mir half, und ich verriet sie, indem ich mir von ihr helfen ließ.
Felix schloss die Tür auf.
»Pi, würdest du uns einen kleinen Moment alleine lassen?« Moon schubste mich in die Kammer und blieb mit dem armen Assistenten draußen auf dem Flur.
Da stand ich nun. Vor Regalen mit Kisten und Gläsern, mit Schachteln und uralten Ordnern aus prähistorischen Zeiten. Und einem verschlossenen Schrank, in dem ich die Proben vermutete. Der Schlüssel steckte.
War es ein Zufall? Oder ließen sie ihn immer stecken? Ein altmodischer Metallschlüssel, kein Kartenschloss wie üblich.
Ich drehte ihn um.
Aus dem Flur ertönten eindeutige Knutschgeräusche.
Ich griff nach dem Glas mit dem Aufkleber »Morbus V«. Öffnete den Deckel. Was sollte ich damit tun? In die Adern spritzen? Einatmen? Trinken?
Ich schnupperte daran, roch nichts. Eine träge Flüssigkeit, leicht trübe und dicklich. Mein Instinkt riet mir davon ab, mich damit zu befassen. Riet mir dringend, ganz dringend zur Flucht.
Meine klaren Gedanken schwiegen vor Schreck. Aber ich hatte die Entscheidung längst getroffen, und so nahm ich einen kräftigen Schluck und stellte das Glas wieder zurück.
Schloss den Schrank mit zittrigen Fingern. Jetzt war mir erst recht übel.
Ich ging hinaus zu den beiden. »Seid ihr fertig?«
Die beiden lösten sich voneinander. Felix grinste dümmlich, Moon wischte sich über die Lippen. In ihren dunkelblauen Augen wohnte kein Glück. Eher noch Triumph.
»Du hast da drin doch nichts angestellt?«, fragte sie.
»Nein, natürlich nicht«, sagte ich und horchte in mich hinein. Begann die Krankheit schon? Musste ich husten? Ja, am liebsten hätte ich gehustet, mich übergeben, alles wieder ausgebrochen. Es hatte wie Wasser geschmeckt, aber mir war, als würde ich den bitteren, dumpfen Geschmack des Todes auf meiner Zunge spüren.
Ja, immer schön theatralisch bitte, sagten meine klaren Gedanken. Wie bissig sie sein konnten, wie mitleidslos. Stell dich nicht so an, sagten sie. Wie willst du sonst jemals wieder nach Hause? Das ist der einzige Weg. Du wirst wohl ein paar Tage husten und schmerzende Glieder ertragen können, oder? Pia, die in der Wildnis leben will, ha, du Weichei.
»Lass uns gehen«, sagte ich zu Moon. »Bevor du mit dem armen Felix sonst was anstellst.«
Der bedauernswerte Felix grinste erneut; er schien nichts dagegen zu haben, wenn Moon irgendetwas mit ihm anstellen wollte.
Mir war mittlerweile so schlecht, dass ich die Zähne zusammenbeißen und das Würgen unterdrücken musste.
Bevor Symptome auftraten, konnte ich nichts unternehmen, deshalb blieb mir nichts anderes übrig, als wieder nach Hause zu gehen.
»Willst du bei uns übernachten?«, fragte Moon. »Deine Eltern denken doch, du bist bei mir.«
»Hast du keine Angst?«, fragte ich sie.
»Es ist nicht über die Luft übertragbar«, sagte sie. »Sonst hätten sie uns niemals im Unterricht damit arbeiten lassen. Ich werde mich also nicht anstecken. Außerdem bekommst du nur die Symptome, stimmt’s? Du wirst also gar nicht richtig krank werden, es wird nur so wirken. Komm, lass uns ein letztes Mal zusammen abhängen. Schauen wir uns einen netten Film an, was meinst du?«
Meine Handflächen schwitzten. Begann es so? Jetzt juckte es an meinem Bein. Mein Rücken kribbelte. Jede noch so kleine Regung meines Körpers schien mir verdächtig. Verheißungsvoll. Erschreckend.
Moons Eltern waren wie immer nicht da, und wir verkrochen uns in ihre Etage und machten es uns gemütlich.
Sie wählte den Film aus, ich entschied, was wir essen wollten. Mit Decken und Kissen bauten wir uns ein Lager auf dem Sofa, ganz so wie früher. Allerdings fehlte mir der Appetit, und mein Mund war trocken. Schweiß perlte von meiner kalten Stirn.
»Du siehst furchtbar aus«, stellte Moon fachmännisch fest.
»Danke. Du nicht.« Du bist schön, fügte ich in Gedanken hinzu. So schön wie immer.
»Soll ich dich ins Genesungshaus bringen, wenn es los geht?«
»Lieber nicht«, sagte ich. »Sonst nehmen sie dich noch fest, zur Untersuchung.«
»Jetzt wirst du deinen neuen Freund gar nicht treffen«, bedauerte sie.
»Ja, wie schade.« Ich hatte auch die nächten zehn Nachrichten ungelesen gelöscht.
Wir schwiegen. Der Film lief jenseits meiner Wahrnehmung, Musik plärrte im Hintergrund.
Ich werde nicht sterben, sagte ich mir. Ich werde nicht einmal richtig krank werden.
Doch in mir war das tiefe, mir seit meiner Geburt anerzogene Entsetzen vor dem Kranksein.
Du wirst es überleben, kleine Erbse. Meine Gedanken bedienten sich Orions Stimme. Es wird hart, aber es geht vorbei.
Ich wollte mich in diese Stimme hineinschmiegen, sie um mich wickeln wie eine Decke gegen Regen und Kälte und Sturm.
Du hast gut reden, Soldat, antwortete ich ihm. Heute war ich zu krank, um mich gegen seinen Namen zu wehren und gegen sein Gesicht, das zu mir kam. Du bist gegen alle Widrigkeiten gewappnet, sagte ich. Ich will nur zurück an den See. Zurück zum Gras und dem Wasser, das an meine Füße schwappt, zurück zu dem Duft des Sommers.
Es ist Winter, hielt er dagegen. All das wirst du nicht finden.
Und ja, auch das wusste ich.
Um drei Uhr nachts schellte es an der Haustür.
»Das sind meine Eltern«, sagte Moon und seufzte. »Wahrscheinlich zu betrunken, um den Schalter zu finden.«
Sie wankte an die Tür. Überrascht fuhr ich auf, als ich Dr. Händels Stimme im Eingangsflur hörte.
»Tut mir leid, ich weiß, wie spät es ist. Aber Peas ist hier, nicht wahr?«
Er kam einfach so herein. Der Hauswächter unten hatte ihn bestimmt durchgelassen, weil er Arzt war. Niemand hielt einen Arzt auf.
Ich fiel mitsamt der Decke und den Kissen vom Sofa, als ich aufspringen wollte.
»Nicht so eilig.« Er lächelte, doch seine Augen blieben ernst. »Ich muss mit dir reden, ganz in Ruhe.«
Moon stand hinter ihm und wirkte irgendwie gar nicht überrascht.
»Hast du ihn angerufen?«, erkundigte ich mich und versuchte, mir mein Entsetzen nicht anmerken zu lassen. Wenn sie ihm alles erzählt hatte, würde er wissen, dass ich nicht richtig krank war.
»Ich musste sichergehen, ob es nicht doch gefährlich ist, in deiner Nähe zu sein«, sagte Moon mit einem reizenden Lächeln. »Und er hat sogar versprochen, dir zu helfen.«
Seine Hand fuhr in die Tasche, holte etwas heraus, etwas Kleines, das seine Finger verbargen. »Du warst immer eine meiner Lieblingspatientinnen«, sagte Dr. Händel. »Und als Moon mich um Rat gefragt hat … Nun, ich möchte dir etwas anbieten, Peas.« In seiner Hand lag ein Fläschchen. »Morbus Fünf. Ich arbeite neuerdings im Bio-Institut und habe Zugriff auf echte Viren.«
Mein Puls ging schneller. »Danke«, sagte ich. »Aber das ist nicht nötig.« Doch ich konnte nicht verhindern, dass meine Gedanken sich überschlugen. Das echte Morbus Fünf! Wenn ich das Alfred mitbringen könnte!
Trotzdem zögerte ich, denn immerhin ging es um eine schlimme Krankheit, und was, wenn ich die Damhirsche nicht rechtzeitig erreichte?
»Nun, wenn du es nicht willst«, sagte Dr. Händel munter, »nehme ich es eben wieder mit. Du solltest jedoch wissen, dass das veraltete Präparat aus der Schule überhaupt keine Wirkung hat und höchstens einen Schnupfen verursachen wird. Du wirst von diesen uralten Virenstämmen nicht mal Kopfweh kriegen.«
Er hielt mir immer noch das Fläschchen vor die Nase.
In meinem Mund ein trockenes Brennen. Es fängt bereits an, hätte ich am liebsten gesagt. Doch es waren nur die Symptome meiner Angst, die ich spürte. Meine Schwäche … nur Einbildung.
»Nimm es«, flüsterte Moon. »Keine Sorge, er hat auch das Gegenmittel.«
»Es gibt eins?«, fragte ich verwirrt. Aber das konnte nicht sein. Mein Vater arbeitete doch mit Morbus Fünf, er hätte darüber Bescheid gewusst!
»Natürlich. Du glaubst doch wohl nicht, ich hätte vor, dich umzubringen?« Dr. Händel lachte jovial und holte ein weiteres unscheinbares Fläschchen aus seiner Tasche. »Das ist unser neuestes Forschungsergebnis, noch streng geheim. Nur sehr wenige Leute wissen davon, wir haben den Behörden noch nichts mitgeteilt. Das bedeutet, dass sie dich für unheilbar krank halten werden. Zugleich ist das deine Lebensversicherung. Nimm es mit und verlier es auf keinen Fall. Trink es erst, wenn du durchs Tor bist, denn es wirkt sehr schnell, und du willst doch nicht, dass man dich vorher für geheilt erklärt. Aber innerhalb von fünf Tagen musst du es einnehmen, oder es ist zu spät.«
Moon griff danach, da ich mich nicht rührte. Auf einmal war mir alles zu viel. Ich hatte gedacht, ich hätte das Schlimmste schon hinter mir, diesen Moment der Entscheidung. Dabei hatte ich ihn noch vor mir, und ich wusste nicht, ob ich stark genug war.
Er log, oder? Denn wenn er nicht log … dann brachte mich dieses Mittel zwar durchs Tor, aber es würde Alfred in seinem Krieg gegen die Jäger nichts nützen. Dann reichte es, wenn ich mir nur die Symptome zuzog – aber wie, wenn die Präparate gar nicht so stark waren, wie Venus uns ständig hatte weismachen wollen? Ich hatte keine Wahl, so oder so. Entweder wollte Dr. Händel mich töten, dann musste Alfred mich retten. Oder er wollte mir tatsächlich helfen, und das hier war der einzige Weg zurück in die Wildnis, und sein Mittel würde mich heilen.
»Warum tun Sie das?«, fragte ich. »Dafür könnten Sie doch bestimmt mächtig Ärger kriegen.«
Er lächelte. »Ich kenne dich seit ein paar Jahren, Peas, und ich kann dir eins sagen: Du bist für das Leben hier in Neustadt nicht geschaffen. Früher oder später hätte dich ja doch dieses Schicksal ereilt, und sie hätten das Tor für dich geöffnet. Besser jetzt, als später, wenn du dich nicht mehr so gut an das Leben in der Wildnis anpassen kannst.« Leiser fügte er hinzu: »Ich bin Arzt geworden, um Menschen zu helfen – selbst wenn dafür eine radikale Maßnahme nötig ist wie diese hier.«
Ich nickte. Moon hatte den Verschluss schon abgedreht und hielt mir das Fläschchen entgegen. »Da, nimm.«
»Alles?«, fragte ich bang.
Dr. Händel nickte. »Ja«, sagte er streng, »alles. Spätestens wenn du Blut hustest, gehst du zu Dr. Aristoteles. Sie werden glauben, dass dein Vater aus Versehen Viren aus dem Institut mitgebracht hat. Die Behörden werden informiert werden, und alles nimmt seinen Lauf. Viel Glück.«
Du bist stark, sagten meine Gedanken, und wieder sprachen sie mit Orions Stimme, nicht mit meiner eigenen. Du bist so stark, wie du sein musst, weißt du das denn nicht? Du wirst tun, was immer nötig ist, um zurückzukehren.
»Weiß mein Vater von dem Heilmittel? Wird er nicht versuchen, mich zu retten?«
»Es muss sehr schnell gehen«, sagte er. »So schnell, dass du draußen in der Wildnis bist, bevor Dr. Friedrichs mitbekommen hat, was mit dir passiert ist.«
Weitere Fragen hatte ich nicht. Ich wünschte, mir würde noch eine einfallen, eine so gravierende Frage, dass die Antwort mich hiervon abhalten konnte.
Dann dachte ich an Star, an Phil in ihren Armen. An den Ausdruck in ihren Augen, das Wissen, dass alles möglich war, dass sie alles tun konnte. Alles. Denn es gab keine Angst mehr. Es war, als würde sie selbst aus dem Fenster springen und fliegen.
Ich konnte es auch, so sein wie sie.
Ich wollte nicht trinken. Aber ich trank, während sie mich beide beobachteten, Moon und Dr. Händel.
Er ging. Sie blieb.
Und ich wartete erneut auf das Ausbrechen der Symptome, auf die Krankheit. Diesmal war es die echte.
»Hast du das zweite Fläschchen?«, fragte Moon. »Pack es gut ein. Verlier es nicht. Oh Pi, ich kann nicht fassen, dass du das wirklich getan hast. Das ist solch ein Abenteuer!«
Sie rückte in die andere Ecke des Sofas, so weit wie möglich von mir fort, und zappte sich durch das Fernsehprogramm.
Fünf Tage.