3.

»So was passiert auch nur dir, Pi.«

»Ich weiß«, sagte ich kleinlaut.

Moon verzog ihre makellose, blütenweiße Stirn zu einem klitzekleinen Runzeln. Sie betrachtete das überdimensionale Pflaster unter meinem Haaransatz. Lucky war zum Nachmittagssport verschwunden, und um diese Zeit machten Moon und ich normalerweise zusammen Hausaufgaben. Doch heute hatten wir die Schreib-Pads noch nicht mal ausgepackt.

»Es ist hübscher, wenn ich die Strähnen hier herunterziehe …« Moon biss sich auf die Zunge, während sie an meinen Haaren herumzupfte. »Ich habe richtig Lust darauf, dich mal wieder umzustylen!«

»Ich dachte, diese Frisur steht mir?«, fragte ich zaghaft.

Moon hatte ein Händchen für Haare und überhaupt für alles, was mit Schönheit zu tun hatte, dabei war sie diejenige, die es am wenigsten nötig hatte. Der Kontrast zwischen uns hätte nicht größer sein können. Sie war so wunderschön, wie man es selbst nach einer Behandlung der unvergleichlichen Dr. Grace Peters nur dann erwarten kann, wenn man ideale Voraussetzungen mitbringt. Obwohl meine Freundin es abstritt, wusste ich genau, dass die berühmte Schönheitschirurgin nur den winzigen Nasenhöcker beseitigt hatte, über den Moon untröstlich gewesen war. Ihr makelloses, absolut symmetrisches Gesicht, perfekt oval, die kleine, gerade Nase, die ausdrucksstarken dunkelblauen Augen, die sanft geschwungenen Lippen, dazu diese Fülle an geschmeidigem, seidig glänzendem Haar … ach! Da Dr. Peters sich nur um Gesichter kümmerte, war Moon natürlich auch noch bei Professor Love Frohsinn gewesen, die ihre Körpermaße auf Idealgröße zurechtgeschnippelt hatte – auch hier waren nur minimale Korrekturen nötig gewesen, wenn überhaupt.

Dagegen sah meine Wenigkeit, heute passend erbsengrün verfärbt, beschämend unscheinbar aus. Mein herzförmiges Gesicht war nicht einmal richtig symmetrisch. Da konnte Moon noch so oft behaupten, es würde gar nicht auffallen, ich sah es jedenfalls. Meine unterschiedlich großen Augen waren weder strahlend himmelblau noch mysteriös dunkelbraun, sondern von einem hellen Honigbraun und meine Brauen, wenn auch dunkler, ein bisschen zu kräftig. Meine Haare waren ebenfalls braun, allerdings nicht von dem edlen Mahagonibraun meiner Freundin, sondern hell und irgendwie pudrig. Unschlüssig zwirbelte ich eine Strähne zwischen den Fingern.

»Wie Erdnussbutter«, lachte Moon. »Ich könnte sie dir bei der Gelegenheit gleich färben. Sonst nenne ich dich demnächst nicht mehr Pi, sondern Peanuts.«

Mein Haar war sehr fein und weich und ließ sich schlecht frisieren, deshalb trug ich es recht kurz und zwirbelte die einzelnen Strähnen mit Gel hoch, sodass sie in alle Richtungen abstanden. Meistens gefiel es mir, aber heute lenkte das dicke Pflaster von meinen bescheidenen Vorzügen ab.

»Ach, Moon«, seufzte ich. »Dagegen würde auch keine andere Frisur helfen, glaub mir.«

»Du siehst das viel zu schwarz.« Moons gute Laune ließ sich nicht so schnell erschüttern. »Wir kämmen die Ponyhaare runter, dann merkt man kaum noch was. Und wenn wir deine Augen betonen, achtet keiner mehr auf das Pflaster. Lippenstift?«

Während ich mich kaum schminkte, besaß Moon die größte Sammlung an Make-up-Utensilien, die man sich vorstellen konnte. In dem mondänen Wohnblock, wo sie mit ihrer Familie lebte, hatte sie eine ganze Etage nur für sich, und darin nahm ihr Ankleidestudio mindestens ein Drittel des Raumes ein. Ihr Bruder durfte nicht einmal den Fuß dort hineinsetzen.

»Muss nicht sein«, sagte ich, aber gegen ihre fröhliche Tatkraft konnte ich mich nicht zur Wehr setzen.

»Warum bin ausgerechnet ich mit der griesgrämigsten Trantüte auf dieser Schule befreundet?«, fragte Moon, während sie beschwingt in ihrer Lippenstift-Kollektion wühlte.

»Keine Ahnung. Du hast ein gutes Herz?«

»Das muss es sein. Voilà. Mit Karibiktraum-Geschmack.«

Der Duft nach Kokos und Mango stieg mir in die Nase, als sie mir den Karibiktraum auf die Lippen schmierte. »Das müsstest selbst du mögen.«

»Na ja.«

»Amen. Aus deinem Mund ist das schon fast ein Lob.« Moon widmete sich ausgiebig meiner Verschönerung.

»Wenigstens muss ich heute nicht den toten Romeo spielen«, sagte ich matt.

»Nein, heute bist du meine Schminkpuppe.« Sorgfältig betupfte sie meine Augenbrauen mit Glitzerstaub. »Hast du mal mit Doktor Händel gesprochen? Ob er dir was für eine bessere Stimmung geben kann?«

Sie puderte meine Nase großzügig ein, sodass ich niesen musste. Sofort schmerzte mir der Kopf.

»Wirklich, Pi. Früher hast du sogar mal gelacht, weißt du noch? Wenn du nicht aufpasst, landest du noch bei den Wilden.« Sie biss sich erschrocken auf die Lippen. »Das – oh, vergiss es. Bitte.«

Ich war nicht so schockiert, wie sie glaubte, denn daran hatte ich auch schon manchmal gedacht. Natürlich sprach ich nicht darüber, aber hin und wieder überkam mich die Sorge, jemandem könnte auffallen, dass ich ein Problem mit meiner Stimmung hatte. Ich war nicht todkrank. Ich hatte auch keinen Defekt – zumindest hoffte ich das. Aber trotzdem fürchtete ich manchmal, wenn die Traurigkeit mich ganz besonders schlimm überfiel, dass Doktor Händel das als eine ansteckende Krankheit diagnostizieren könnte und die Gesundheitsbehörde alarmierte. Ganz bestimmt hatte ich nicht die Absicht, aus Neustadt hinausgeworfen zu werden und in der Wildnis zu landen, wenn ich hier bei Moon mit allem versorgt werden konnte, was das Herz begehrte.

»Fertig«, entschied sie und unterzog mich einer gründlichen Musterung. »Jetzt nur noch die passenden Klamotten und du bist ein neuer Mensch.« Sie lachte. »Wirklich, Pi, zieh mal die Mundwinkel hoch. Wie soll dich sonst irgendein Junge so toll finden, dass er dich auf seine Liste setzt?«

»An unserer Schule ist sowieso kaum noch jemand übrig«, sagte ich. »Sie werden mir jemanden zuweisen, den ich überhaupt nicht kenne. Das finde ich gruselig.«

»Gruselig? Im Gegenteil, das ist spannend. Es ist total aufregend!« Moon sprach darüber, als wäre es eine unumstößliche Tatsache, dass ich einen Freund zugeteilt bekommen würde, der von außerhalb war. »Stell dir vor, er kommt aus einem anderen Bezirk, vielleicht sogar aus der City – dann könnte man bei jedem Treffen gleich prima shoppen gehen!«

Typisch Moon. Sie war immer optimistisch, während ich schon damit rechnete, dass ich aus dem Partnerprogramm herausgenommen worden war. Oder dass mich einfach niemand haben wollte.

»Stell dir vor, du erhältst die Mitteilung auf deinem Tom! Sie springt dir ins Auge, und vor Schreck lässt du das Gerät fallen!«

»Ja, das würde mir ähnlich sehen«, stimmte ich ihr zu. Ich konnte mir gut vorstellen, dass ich es erst einmal gar nicht glauben würde. Auf meinem Tom, kurz für TOM – Telefon, Organisation, Messages –, gingen normalerweise nur Nachrichten der Schule oder von Moon selbst ein.

»Nein, sobald du sie hast, musst du mich anrufen. Und dann kriege ich raus, was das für ein Typ ist, versprochen!«

Ihre Familie hat alle möglichen Kontakte in ganz Neustadt und sogar über die Grenzen hinaus, Beziehungen nach Friedensreich und Glücksstadt. Obwohl sie wenig darüber sprach, was ihre Eltern taten, hatte sie einmal erwähnt, dass ihre Mutter daran beteiligt gewesen war, Paragrafen für ein Handelsabkommen mit Neu-Amerika zu formulieren. Dazu musste man schon ziemlich weit oben mitspielen.

»Dafür bin ich aber die Erste, die es erfährt, ja?«

»Klar«, versprach ich. Allein die Vorstellung, irgendwann den Namen eines Fremden auf dem Display zu lesen, jagte mir einen Schauer über den Rücken.

»Schluss mit dem Trübsalblasen!« Moon sprang auf und schnappte sich ihre geräumige Shoppingtasche. »Du brauchst was Neues zum Anziehen. Das hilft immer!«

Moon war davon überzeugt, dass meine Familie arm war. Nur weil wir uns weder Dr. Peters noch Professor Frohsinn leisten konnten, ging sie davon aus, dass wir am Hungertuch nagten. Dabei war mein Vater ein angesehener Forscher am Bio-Institut, und meine Mutter malte Duft-Blumenbilder, die in dieser Saison groß in Mode waren. Anders als die meisten anderen Künstler verwendete sie nicht den Duft, der zur gemalten Pflanze passte, sondern kreierte für jedes Bild ein ganz eigenes Aroma, das sich manchmal sogar mit den Farben biss. Die Leute liebten das, weil jedes Gemälde eine kleine Überraschung darstellte. So eklig und gefährlich echte Pflanzen auch waren, gemalt waren sie der Renner.

Wir waren nicht gerade reich, aber niemand in Neustadt war wirklich arm; schließlich waren wir nicht wie die Wilden jenseits des Zauns.

»Aber ich hab doch genug zum Anziehen«, protestierte ich.

»Ach komm, Pi, sei nicht immer gleich beleidigt.« Sie hakte sich bei mir unter und zog mich zur Tür.

Den anderen war ich nicht lustig und aufgedreht genug – ein Stimmungskiller, wie Charity mir erst neulich gesagt hatte. Sie konnte es gar nicht haben, wenn ich nur herumsaß und Löcher in die Luft stierte. Aber Moon war das egal. Sie hatte Pläne und Ideen für uns beide.

»Du wirst sehen, es macht Spaß.«

Lautlos glitt der Aufzug nach unten und entließ uns in die Tiefgarage, wo ihr kleiner pinkfarbener Flitzer bereitstand, den sie zu ihrem siebzehnten Geburtstag bekommen hatte.

»Hey, Irina, wie geht’s?«, fragte ich.

»Willkommen zur Ihrer nächsten Fahrt«, säuselte Irinas automatische Stimme. Das Modell hieß Ina, doch da es sich häufig mal irrte und Moon sich endlos darüber amüsieren konnte, hatte sie es Irr-Ina, genannt, und daraus war allmählich Irina geworden. Ich ließ mich auf den Beifahrersitz plumpsen und schnallte mich an.

Moon nickte mir aufmunternd zu. »Wir fahren zu Von-Kopf-bis-Fuß. Die haben immer die neueste Mode.«

In Läden dieser Art kaufte ich nur in meinen Träumen ein, aber wenn sie es so wollte, bitte schön.

»Willkommen, Moon. Ich wünsche eine gute Fahrt.« Die pinkfarbene Kugel erkannte ihre Besitzerin, sobald sie die Hände aufs Lenkrad legte, und spulte die Begrüßungsformel herunter. Moon legte den Gang ein und der Wagen rollte leise schnurrend los. Geübt fädelte meine Freundin sich in den fließenden Verkehr ein.

»Wann machst du denn endlich den Führerschein?«, fragte sie mich.

»Ähm … mal sehen.«

Moon warf mir einen prüfenden Blick zu, bevor sie schnell wieder nach vorne sah. Der Abstandsmesser hielt die Fahrzeuge in gleichmäßigem Abstand voneinander fern, aber ganz ausgereift war diese Technik noch nicht, wie Moon schmerzhaft festgestellt hatte – zum Glück hatte es nur ein paar Kratzer gegeben. Damals hatte Inas Abstieg zu Irina begonnen.

»Du verschweigst mir doch irgendwas.« Moon lachte und schüttelte den Kopf. »Ach, Pi, komm schon. Was ist los?«

»Ich hatte mich schon angemeldet.« Ich schaute sie lieber nicht an, sondern blickte nach vorne durch die Windschutzscheibe. »Leider bin ich beim Vortest durchgefallen.«

»Bei was für einem Vortest?«

»Soll das heißen, du hattest keinen?«

»Nicht unter diesem Begriff. Was war das denn für ein Test?«

Ich schluckte. Es war mir immer noch zu peinlich, darüber zu reden. »Sehen, Hören, Reaktionsschnelligkeit.«

»Ah.« Mehr sagte sie nicht.

»Tja.« Mehr gab es eigentlich auch nicht zu sagen.

»Du bist nicht dumm, Pi, auch wenn du manchmal etwas langsam bist.« So war Moon. Sie versuchte immer, mich zu ermutigen.

Der Wagen schoss auf die Ausfahrt. Ich traute meinen Augen kaum, als Moon die Hand ausstreckte und den Geschwindigkeitsbegrenzer abschaltete. »Lass dir das von niemandem einreden.«

»Moon …?« Meine Stimme schraubte sich etwas höher.

»Ich weiß«, meinte sie fröhlich. »Streng verboten.«

»Sie fahren zu schnell«, beschwerte sich die automatische Stimme, die sich leider nicht abschalten ließ. Moon drehte dafür die Musik lauter und sang mit.

Wir flogen förmlich dahin. Mein verschwommenes Sichtfeld wurde etwas klarer, während die Grenzpfähle an uns vorüberglitten. Die Straße führte uns über offenes Grasland direkt nach Bezirk Eins, dessen Wolkenkratzer sich wie überlange Zähne in den Himmel gruben. Das Zentrum von Neustadt, sein Herz und seine Seele, seine Krallen und sein Maul, bereit zum Zuschnappen: die City. Von uns in Bezirk Vier waren es schlappe dreißig Kilometer bis in die Randzonen der Einkaufsmeilen, doch Moon gab sich nie mit den billigeren Geschäften zufrieden.

»Der Verstoß wird gemeldet«, kündigte Irinas automatische Stimme missbilligend an. »Die Übertretung der Höchstgeschwindigkeit um fünfzig Stundenkilometer wird Sie dreihundert Mariolen kosten.«

»Macht nichts.« Moon ließ das Fenster hinuntergleiten. Der Wind fuhr in ihre Haare und trieb mir die Tränen in die Augen. »Das muss heute einfach sein. Dann bekomme ich halt nächsten Monat kein Taschengeld.«

Erst als wir auf die Zufahrt zum Zentrum einbogen, drosselte sie die Geschwindigkeit.

»Hu, ich kann diese freie Fläche nicht ausstehen«, meinte sie. »Das Ödland ist nicht so mein Fall. Ich stell mir immer vor, was ist, wenn wir liegenbleiben. Ist doch möglich. Bis der Abschleppdienst da ist, müssten wir dann da … warten. Da vergeht sogar mir die Lust zum Tanzen.«

Durch den hohen Zaun zu beiden Seiten der Straße sah man das Gras, das in unregelmäßigen Büscheln wuchs und in dem es mit Sicherheit von Insekten und Parasiten wimmelte. Der breite Streifen Grün machte Moon nervös, obwohl der Zaun einen liegen gebliebenen Autofahrer davon abgehalten hätte, durchs Gras zu wandern und sich mit sonst was anzustecken. In nördlicher Richtung, in ausreichender Entfernung von der Straße, lagen die großen Hallen mit den Gewächshäusern von Bezirk Sechs. Dort wurde das Grün natürlich im Zaum gehalten und gedieh unter strenger Aufsicht.

»Könntest du dir vorstellen, über Gras zu gehen?«, fragte Moon, die sich bei dem Gedanken schüttelte. »Stell dir vor, in der richtigen Wildnis haben sie gar keine Straßen und müssen dort immer über dieses Gestrüpp. Wie kann man nur so leben?«

Sie wurde langsamer, und Irina meldete sich zu Wort. »Fahren Sie bitte weiter.«

»Vielleicht haben die Wilden gar keine Schuhe und gehen barfuß durchs Gras?«, schlug ich vor, obwohl allein die Vorstellung einem den Magen umdrehte.

Moon rollte mit den Augen. »Kein Wunder, dass sie wie die Fliegen sterben. Ah, ein Parkplatz.«

»Ein Parkplatz frei«, verkündete Irina freundlich.

»Hab ich selber gesehen«, gab Moon zurück und quetschte sich in die Lücke. Sie setzte ihre Sonnenbrille auf, fuhr sich mit den Händen durch ihre glänzende Haarpracht und nickte mir zu. »Auf in den Kampf.«

»Militärische Phrasen sind verboten«, sagte ich, genauso automatisch wie Irina es getan hätte.

»Ich weiß.« Moons lieblicher Mund verzog sich zu einem Grinsen. »Aber heute ist mir danach, etwas Verbotenes zu tun.«

»Warum?«, platzte ich heraus. Meine Freundin hatte zwar immer wieder solche Anwandlungen, aber plötzlich kam mir der Gedanke, heute könnte es einen konkreten Grund dafür geben, dass Moon so aufgekratzt war. »Ihr habt doch nicht … ich meine, du und Lucky …?«

Sie schob sich die Sonnenbrille in die Stirn. »Was?«

War es nicht Moon, die immer wieder betonte, Freundinnen sollten keine Geheimnisse voreinander haben? »Feierst du irgendwas Besonderes?«

Sie boxte mich in die Schulter. »Ach, Pi, du bist mir eine!«

Selbst durch die Wolke, die mich wie immer umgab, fühlte ich den scharfen Stachel der Sorge, es könnte tatsächlich wahr sein.

»Du hast mit ihm geschlafen?«

»Dummerchen. Nein, natürlich nicht.«

»Aber … Ich meine, du bist doch der Traum eines jeden Jungen an der ganzen Schule. Und Lucky …«

»Lucky lässt nichts anbrennen, ich weiß. Pi, wir haben keinen Grund zur Eile. Lucky und ich, wir werden unser ganzes Leben miteinander verbringen. Da können wir es doch ruhig angehen lassen, findest du nicht?«

»Sicher.« Ich hätte gar nicht sagen können, warum ich so erleichtert war.

Wir schlenderten an der Zentrale der Gesundheitsbehörde vorbei, die von zwei hübschen Männern in weißen Uniformen bewacht wurde. Sie winkten uns und pfiffen Moon hinterher. Selbstverständlich standen sie nur als schmückendes Beiwerk dort, denn der neue Mensch zerstörte nichts und griff auch niemanden an. Auch die attraktiven Beamten nebenan vor dem VDNM-Ministerium – eine Abkürzung, die für »Vergehen des neuen Menschen« stand – hatten kaum etwas zu tun. Das in dunkelgrünen Marmortönen gehaltene Gebäude, das seinen Schatten über den Platz warf, stand meistens leer. In Neustadt brauchten wir keine Gefängnisse. Was das war, hatten wir erst neulich im Geschichtsunterricht durchgenommen: Anstalten, in denen aggressive Menschen aus Sicherheitsgründen von der Gesellschaft ferngehalten werden mussten – kaum vorstellbar. Aus diesem finsteren Zeitalter waren wir längst hinaus. Die Wächter nahmen höchstens mal albern kichernde Jugendliche fest, die die Wände öffentlicher Gebäude mit zweifelhaften Kunstwerken beschmierten, und ließen sie nach ein paar Ermahnungen wieder frei.

»Von-Kopf-bis-Fuß.«

Moon blieb vor einem Schaufenster stehen und bewunderte die Modepuppen, die alle eine gewisse Ähnlichkeit mit ihr aufwiesen. Kein Wunder – Dr. Peters Entwürfe waren in der ganzen Stadt verteilt, alle mit einem Schildchen versehen, von wem man sich das perfekte Gesicht zurechtschneidern lassen konnte.

»Die da sieht fast so aus wie ich – dann müsste mir das, was sie anhat, ja wohl auch stehen.«

Ich gab ihr recht. Mit mir würde die Verkäuferin jedoch noch Probleme bekommen. Wahrscheinlich würde ich zwanzig verschiedene Outfits anprobieren und kein einziges kaufen. Aber dafür würden Moon und ich nachher in einem hübschen Café sitzen und etwas Leckeres mit Eisgeschmack aus Strohhalmen schlürfen.

»Was mir gerade einfällt«, sagte Moon plötzlich, »ist der Aufsatz. Wir haben vergessen, den Aufsatz zu schreiben.«

»Stimmt.« Mir war das nicht so wichtig, meine Noten waren sowieso nicht die allerbesten, da ich meine Aufsätze immer irgendwie anfing und mich mittendrin im Thema verlor. Aber Moons Eltern erwarteten, dass sie Top-Leistungen erbrachte und nach dem Sommer in die Genie-Klasse wechselte. Wenn sie nicht so einen gefährlichen Hang zum Blaumachen gehabt hätte, wäre sie längst dort.

»Wir beeilen uns«, bestimmte sie. »Und dann ab ins Café. Ein guter Ort, um eine Abhandlung zu schreiben, findest du nicht?«

Ich stimmte ihr natürlich zu.

Wie immer brauchte meine Freundin nicht lange, um sich zu entscheiden. Sie bezahlte, indem sie die Summe auf ihrem Tom eingab, und führte mich dann eilig nach draußen, wo sie aus irgendeinem Grund hysterisch zu kichern begann.