7.
Die Tränen kamen in der Nacht. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich weinen würde. Dass ich weinen konnte. Zuerst war es wie ein Rückfall in die gewohnte Nebelwolke, in einen Zustand, in dem sich die letzten klaren Gedanken verabschiedeten, doch dann ging alle Vernunft flöten, und ich versank in einem schwarzen See aus Entsetzen.
Phil. Ein Zehnjähriger, zerschmettert auf dem harten Pflaster. Wie hatte ich es ausgehalten, hinzusehen? Wie hatte ich es geschafft, Dr. Händel anzulügen und ihm etwas von wegen Romeo und Julia vorzuspielen? Ich wusste es nicht. Ich wusste gar nichts mehr. Ich fühlte nur, wie ich stürzte, in ein schwarzes Loch hinein, das alles aufsog, woraus ich bestand, und es durcheinanderschüttelte. Phil. Das Blut. Lucky. Lucky mit dem blassen, entsetzten Gesicht, mit der Panik in der Stimme, als er versucht hatte, die Kinder vom Gerüst zu holen. Lucky, der aus dem Fenster stieg … Ich sah immer nur Lucky vor mir. Besser ihn als den zerbrochenen Jungen, aber irgendwann wusste ich nicht mehr, was schlimmer war, an Lucky zu denken oder an Phil. Oder an Star, wie sie weinte.
Auch das hatte ich nicht gewusst: dass Tränen nicht in den Augen entstehen, sondern von ganz tief innen kommen, aus dem Bauch, und dass das Schluchzen einen langen Weg durch den ganzen Körper nimmt und dabei alles verätzt, den Magen und die Luftröhre und die Kehle. Dass alles wehtut und man keine Luft mehr bekommt. Dass man nicht aufhören kann zu weinen, als wäre man eine eingeschaltete Maschine, die sich nicht selbst abschalten kann.
Das hier, irgendwie schlängelte sich ein Gedanke durch den Tränennebel, das hier ist das, wovor sie euch bewahren wollen.
Wilde Gefühle. Leid. Leidenschaft. Aggression. Daraus erwachsen Kriege. Das ist der böse Keim in der Seele eines jeden Menschen. Das sind die Altlasten, die wir abwerfen auf dem Weg zum neuen Menschen.
Ich fühle keine Aggression, hielt ich dagegen. Das ist nur … Trauer. Und ich will sie nicht. Ich will das nicht fühlen. Ich ertrage es nicht. Gleich morgen früh geh ich zu Dr. Händel und beichte ihm alles und empfange die Welle und tauche in den Glücksstrom … den Glücksstrom …
Und dann werfen sie uns in die Wildnis hinaus.
Am Morgen erwachte ich auf einem nassgeweinten Kissen.
Ich habe geträumt, dachte ich. Davon, dass ich eine unwirksame Welle bekommen habe und die Welt sich verändert hat.
Aber vielleicht hatte ich auch mein bisheriges Leben geträumt und war jetzt endlich wach.
Im Bad spritzte ich mir kaltes Wasser ins Gesicht. Aus dem Spiegel blickten mir die vertrauten hellbraunen Augen entgegen, denen man zum Glück die vielen Tränen nicht ansah. Die Pupillen kamen mir kleiner vor als sonst.
»Ja, Adlerauge«, sagte ich zu mir, »wie es scheint, siehst du endlich klar.«
Auf einmal freute ich mich auf die Schule. Das war … ungewohnt. Es war ein Gefühl, scharf und klar wie meine Augen, fast schmerzhaft. Du wirst Lucky dort sehen. Nein, ich freute mich gar nicht. Was, wenn er sich bereits überlegt hatte, zu Dr. Händel zu gehen? Was, wenn er bereits dort war?
Mein Tom piepte einmal kurz auf. Eine Nachricht von Lucky: Geht es dir gut? L.
Lucky schrieb mir sonst nie. Das war nicht gut – wir sollten uns lieber wie immer verhalten. Durch meine Vorfreude sickerte die Angst, jemand könnte etwas von unserem Geheimnis mitbekommen.
Könnte nicht besser sein. P., antwortete ich. Ich fahr gleich los.
Meine Mutter war in ihrem Atelier und malte. Sie stand häufig früh auf, um schon gegen sechs Uhr mit dem Malen anzufangen. Der Geruch der Farbe war so intensiv, dass ich mich dazu überwinden musste, den Kopf durch die Tür zu stecken. »Mam?«
Sie hatte ihr blondes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, einen Pinsel zwischen die Lippen geklemmt und nagelte gerade eine Leinwand auf einen hölzernen Rahmen. »Mmmh?«
»Ich … ich geh dann. Viel Spaß.«
Sie zwinkerte mir zu und widmete sich wieder ihre Arbeit. Auf einmal überkam mich das Bedürfnis, sie zu umarmen. Ich drängte die Gedanken, die mich daran erinnern wollten, um jeden Preis an der Routine festzuhalten, beiseite, und schlang meine Arme um ihren Rücken. Tief atmete ich ihren Duft ein, nach Lack und den diversen Zusatzstoffen, die sie der Acrylfarbe zufügte, nach dem Waschmittel, mit dem sie unsere Kleidung wusch, und vielleicht war sogar eine Spur ihrer Haut zu riechen zwischen all diesen starken Düften, warm und mütterlich. Ich wollte ihr sagen, was mit mir geschehen war, aber sie würde es nicht verstehen.
Niemand würde es verstehen, außer den beiden, die ich in der Schule treffen wollte: Lucky und Star. Den beiden, auf die ich mich freute und vor denen ich mich fürchtete.
»Auf Wiedersehen, Mam. Bis nachher.« Etwas Besseres fiel mir nicht ein. Etwas Bedeutungsvolleres. Etwas, das irgendwie dem, was in mir aufgeflammt war, Ausdruck verleihen konnte.
Es hatte keinen Zweck, es auch nur zu versuchen. Sanft öffnete ich die Tür und schloss sie behutsam hinter mir.
Vor der Schule stand Star herum. Sie hatte die Hände in den Taschen vergraben, den Kopf gesenkt, und die roten Locken wirkten wie ein blutiger Fleck gegen die hohe pfirsichfarbene Betonwand hinter ihr.
»Pi?« Moon wollte mich weiterziehen, aber ich stemmte die Füße in den Boden.
»Geh schon vor.«
»Ich halte dir einen Platz frei.« Moon zwinkerte mir liebevoll zu. Ich hätte sie so gerne eingeweiht, mich von ihr trösten lassen, aber ich widerstand der Versuchung. Wir durften Moon nicht mit hineinziehen.
Ich blieb einfach stehen, während der Strom der Schüler auf das Eingangstor zustrebte, um von dem Kasten, in dem wir jeden Tag viele Stunden zubrachten, verschluckt zu werden. Eine Weile sagte ich kein Wort. Ich traute mich nicht, Star zu fragen. War es nicht klar, wie es ausgegangen war?
»Er war zu schwer verletzt«, sagte ich schließlich. »Nicht wahr?«
»Nein, er lebt.« Sie hatte die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst.
»Ja? Aber das ist ja … oh Star, ich hatte nicht erwartet …«
»Kein Grund zum Jubeln.« Sie funkelte mich an. Trotzig. Beinahe feindselig. Eine andere Star als gestern, nicht mehr heulend und verstört, sondern … wild. Ich dachte: Das ist ein wildes Geschöpf. Unberechenbar. Sieh dich vor. Gleich fällt sie dich an, und dabei hast du überhaupt nichts getan.
Mich wunderte, woher diese Gedanken kamen, denn dieses Mädchen sah so klein und verwundbar aus.
»Aber …«
»Phil liegt im Koma«, presste sie heraus. »Er hat sich das Rückgrat gebrochen. Selbst wenn er aufwachen würde, wäre er gelähmt. Mit seinem Gehirn stimmt etwas nicht. Er wäre gelähmt und behindert. Und meine Eltern? Sie sagen nur die ganze Zeit: Ach, das wird schon wieder.«
Diesmal erkannte ich den Zorn ganz deutlich, einen Zorn wie eine blauweiße Flamme. »Ach, das wird schon wieder! Und wenn nicht, hat er ja nicht lange leiden müssen. Er hat keine Schmerzen, er spürt nichts. Also alles in bester Ordnung, nicht?« Star richtete ihre stahlblauen Augen auf mich. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn sie mit geballten Fäusten auf mich losgegangen wäre. »Alles in Ordnung«, wiederholte sie.
Die Schulglocke läutete. Mir fiel erst jetzt auf, dass wir die Letzten auf dem Vorplatz waren.
»Komm.« Ich legte ihr den Arm um die Schultern. »Gehen wir rein, bevor sich jemand wundert.«
»Dann soll ich tun, als wenn nichts wäre?« Sie blieb stehen und der Zorn glänzte in ihren Augen. »So wie gestern? Einfach stillhalten? Und es gibt nichts, was das irgendwie leichter machen würde?«
»Ja«, sagte ich, denn etwas Besseres konnte ich ihr nicht anbieten. »Und nein, es gibt nichts.«
Ihre harte Fassade zerbrach. »Ich halte das nicht durch.«
»Du musst. Es geht nicht nur um dich.«
»Ich hasse dich«, wisperte sie, und nachdem sie das gesagt hatte, schien sie sich wenigstens etwas besser zu fühlen.
Mit ganzem Herzen wünschte ich mich in mein Klassenzimmer. Zu meinen Freunden.
»Eine Woche«, sagte ich. Die klaren Gedanken übernahmen wieder das Kommando. »Wir müssen eine Woche durchhalten. Weniger, falls noch andere betroffen sind und sich auffällig benehmen. Falls es rauskommt. Aber wenn, dann sind wir nicht schuld daran, kapiert? Ich dachte, du hättest das verstanden.«
»Ich weiß nicht, ob ich das kann«, murmelte sie.
»Vielleicht …« Ein völlig verrückter Gedanke tauchte von irgendwoher auf. Alles andere als vernünftig, eher aus Träumen und Wolken geboren. »Wir könnten Phil besuchen. Würde dir das helfen?«
»Das würdest du tun?« Sie glaubte mir nicht, und ich konnte es ihr nicht verdenken. Ich wusste ja selbst nicht, wie ich es anstellen sollte.
»Ich spreche mit Lucky darüber, ja? Wir besuchen ihn im Genesungshaus, und bis dahin bist du brav und benimmst dich normal, klar?«
Sie schluckte, aber ich durfte kein Mitleid haben. Sie musste den Schmerz aushalten, so wie ich.
Ach, flüsterte die Stimme in mir, du hast auch einen Schmerz, so wie sie? Seit wann? Was hast du denn verloren außer deiner Tollpatschigkeit?
»Wo ist deine Klasse?« Ich schob sie durch den stillen Flur. »Du bist in der sechsten?«
»In der achten. Ich bin vierzehn.«
Sie war so klein und zart, dass ich mich glatt um zwei Jahre verschätzt hatte. »Hier.«
»Was soll ich sagen?« Hilfesuchend wandte sie mir ihr Gesicht zu. Von Feindseligkeit keine Spur. Nur diese unheimliche Gespensterblässe, nur dieses Wissen in ihren Augen: Phil wird sterben.
»Du machst das schon. Sag, du hättest deine Tasche liegen lassen und musstest noch mal umkehren. Wenn du einen Verweis erhältst, entschuldigst du dich und gehst an deinen Platz. Erzähl keinem was von Phil, außer sie fragen dich. Und dann sagst du dasselbe, was deine Eltern gesagt haben: dass es schon gut ausgehen wird.«
Sie nickte. Ich klopfte für sie und schob sie durch die Tür.
Jetzt kam ich natürlich selbst zu spät. Ich platzte mitten in die Stunde, stammelte etwas davon, ich sei die Treppe runtergefallen – das glaubte man mir immer –, und ließ mich auf meinen Platz sinken. Schaltete meinen Bildschirm ein und tat, als würde ich mitlesen. Meine Gedanken rasten und ließen sich kaum in Bahnen lenken. Sie waren bei Phil. Vor meinen inneren Augen lag er immer noch neben dem Gerüst, zwischen Maurerkübeln und Brettern. Ihn auf einem Genesungshausbett zu sehen, einen weißen Verband um den Kopf, war mir irgendwie nicht möglich. Ich schaffte es zwar, mir einen Patienten vorzustellen, so wie sie in den Filmen immer aussahen, aber er hatte nicht Phils Gesicht. Wieder war das Leben wie ein unfertiges Puzzle in einem Karton – nichts passte zusammen. Ich bekam Phils kleines Gesicht nicht in mein Bild des eingewickelten Patienten.
»Hm?« Die Lehrer waren es gewöhnt, dass sie mich mehrmals ansprechen mussten, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. Sie ahnten nichts vom Verschwinden der dunklen Wolke, sie wussten nichts von meinen Gedanken. »Ja?«
»Seit dem Zeitalter der Kriege, der finsteren Moderne, haben wir neue Methoden entwickelt, um dem Gefahrenpotential, das im Menschen lauert, zu begegnen.« Frieda, die Gesellschaftslehrerin, nickte mir hoffnungsvoll zu. »Nenne ein paar davon.«
»Der Glücksstrom«, sagte ich als Erstes, »sinnvolle Beschäftigung, niemand lebt auf Kosten der anderen, es gibt keinen Neid, keine Verbrechen, keine Gier …«
Sie unterbrach mich. »Du wirfst jetzt Ursache und Wirkung durcheinander, Peas. Bitte trenn das sorgfältiger.«
Wie immer war ich etwas durcheinander und erfüllte die Aufgabe nicht zur vollen Zufriedenheit der Lehrkraft. Niemandem fiel etwas auf. Doch ich spürte Luckys Blick, der sich von weiter vorne, wo er neben Merkur saß, einmal kurz umdrehte.
Erst in der Pause kam ich dazu, mit ihm zu reden. Er hatte wieder das Fenster geöffnet und saß auf dem Sims. Ein leichter Wind strich herein, Charity schrie: »Mach es doch endlich zu!«, und Jupiter und Schalom tanzten über Tische und Bänke, um Peace zu beeindrucken. Moon ordnete ihre Aufzeichnungen und ging ihren Terminkalender durch. Sie hob nicht einmal den Kopf, als ich aufstand und zu Lucky hinüberging.
»Warum warst du wirklich zu spät?«, wollte er wissen. »Ist etwas passiert?«
»Ich habe mit Star gesprochen.« Ich erzählte ihm, dass Phil im Koma lag und Star kurz vor dem Zusammenbruch stand. »Dummerweise habe ich ihr versprochen, dass wir ihren Bruder im Genesungshaus besuchen, damit sie sich zusammenreißt.«
»Das ist nicht dein Ernst, oder? Das ist völlig verrückt.«
»Hast du eine bessere Idee?« Der Einzige, der wusste, wie ich mich fühlte, ärgerte sich über mich. Das war wirklich das Letzte, was ich brauchte, nachdem schon Star mir unverblümt mitgeteilt hatte, dass sie mich hasste.
»Ich habe nachgedacht«, sagte er. »Wenn noch mehr Leute betroffen sind, haben wir keine Chance, das zu vertuschen.«
So weit war ich gestern schon gewesen, doch ich nickte bloß zustimmend. »Richtig.«
»Wir müssen unbedingt rausbekommen, wie viele es sind, und sie warnen.«
»Ich weiß. Aber wie willst du das anstellen?«
Er hatte einen Ausdruck im Gesicht, den ich so nicht an ihm kannte. Entschlossen. »Wir kennen zumindest die, die vor und nach uns bei Dr. Händel dran sind. Mit denen fangen wir an. Wir teilen uns auf und überprüfen so viele wie möglich. Und wir bleiben unauffällig.«
Er musste die ganze Nacht nachgegrübelt haben, während ich in mein Kissen geheult hatte. Dummerweise konnte ich es nicht leiden, dass er auf einmal den Anführer herauskehrte. Das hier war unser beider Problem, und er brauchte gar nicht so tun, als wenn ich zu beschränkt wäre, um das zu begreifen.
»Klar«, sagte ich und biss die Zähne zusammen.
»Wirklich? Und warum versprichst du Star dann so etwas? Sie schöpfen doch Verdacht, wenn wir uns so für ihren Bruder interessieren. Wir müssten ihn längst vergessen haben.«
»Ich muss dir wohl nicht erklären, was passiert, wenn Star durchdreht und redet.«
Er schüttelte unzufrieden den Kopf.
Auf einmal musste ich lachen. »Siehst du«, meinte ich, »unsere Lehrer haben recht. Kaum sind die wilden Gefühle da, fangen wir an zu streiten.«
Gegen seinen Willen musste er grinsen. »Ich streite nicht mit dir, Pi. Ich versuche nur, dich von Dummheiten abzuhalten.«
»Also gut«, sagte ich. »Eins nach dem anderen. Zuerst die anderen Kandidaten. Schickst du mir die Namen auf meinen Tom?«
Doch Lucky schaute mich wieder so an, als wäre ich vollkommen verblödet. »Die Liste befindet sich in meinem Kopf«, schnauzte er mich an. »Da ist sie sicher, und nur da. Wir schreiben nichts auf. Wir schicken einander keine Informationen. Stell dir vor, jemand anders ist betroffen und verrät sich und wird wie ein Einzelfall behandelt – dann müssen wir die Gesundheitsbehörde ja nicht darauf stoßen, dass wir mit drin stecken.«
»Ja, sicher«, sagte ich verdattert. »Das weiß ich doch.«
»Du nimmst dir die Mädchen vor. Kassiopeia und Mercy aus der neunten und Friedhilde aus der zehnten, und ich …«
»Halt«, unterbrach ich ihn. »Findest du das sinnvoll? Ich befrage die Mädchen und du die Jungen? Ich würde das genau umgekehrt machen.«
Es ärgerte ihn, dass ich ihm widersprach. »Ach ja?«, fragte er mit einem säuerlichen Lächeln.
»Natürlich. Kein Mensch denkt sich was dabei, wenn du die Mädels anbaggerst. Lauer ihnen auf und verteil Küsschen, wie du es sonst doch auch immer machst. Da wirst du schon merken, ob sie irgendwie anders reagieren als sonst.«
»Das ist nicht witzig«, sagte Lucky ungewöhnlich ernst.
»Doch, irgendwie schon«, widersprach ich. »Wir wollten uns normal verhalten, schon vergessen? Ich rede sonst nie mit diesen Schönheiten, ich komme viel besser mit Jungs klar.« Vorzugsweise mit Jungs, die schon eine Freundin haben, dachte ich, sprach es aber nicht aus. Dass ich ganz gut mit Jupiter konnte und mit Lucky mehr Zeit verbrachte als mit den Mädchen aus meiner Klasse, sagte natürlich wenig darüber aus, ob es mir gelingen würde, mit den Kandidaten auf Luckys geheimer Liste ein aufschlussreiches Gespräch zu führen.
Er seufzte.
Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Moon auf uns zusteuerte. »Schnell«, drängte ich. »Die Namen.«
Zum Diskutieren blieb keine Zeit. »Orion. Buddha aus der sechsten. Norm.«
»Welcher Norm?«, zischte ich, während Moon schon die Arme nach ihm ausstreckte. Es gab zig Norms an unserer Schule. Nach Norm Frühlingswetter, dem Ersten Minister von Neustadt, benannt zu sein, war eine weit verbreitete Ehre.
»Der aus unserem Jahrgang. Sitzt auf der Bank im Warteflur rechts von Star.«
»Was ist mit Star?«, fragte Moon, die sich wie selbstverständlich zwischen uns setzte.
»Ihr Bruder liegt im Genesungshaus«, erklärte Lucky und legte den Arm um ihre Schultern. Dadurch war seine Hand auf einmal ganz dicht vor meinen Augen, und ich musste sie zwangsläufig betrachten, während ich damit beschäftigt war, Moons fragendem Blick auszuweichen. Lucky hatte schmale und doch kräftige Hände, und ich stellte fest, dass sie mir gefielen.
»Ach, die Geschichte. Seid ihr immer noch damit beschäftigt? Wie findest du meinen Lippenstift, Pi? Passt der zum Lidschatten?«
»Wunderbar«, sagte ich, und sie drehte den Kopf zu Lucky, um ihn dasselbe zu fragen.
Orion, Buddha und Norm.
Jetzt musste ich mir nur noch eine Strategie überlegen, wie ich herausfinden konnte, ob ihre Gefühlswelt sich verändert hatte.
Als ich Buddha zufällig auf dem Schulhof traf, hatte ich immer noch keinen Plan. Trotzdem konnte ich die Gelegenheit nicht ungenutzt vorübergehen lassen. Ich hatte bereits Star erspäht, die zusammengesunken auf einer Bank hockte und gewiss bald ungewünschte Aufmerksamkeit erregen würde.
»Hoppla. Tschuldigung.« Ich sprang einfach vor und packte ihn am Arm.
Wer mich kannte, würde das für durchaus normal halten.
»Kann ich dir helfen, meine Süße?«, fragte Buddha und lächelte mich strahlend an. Er war einer der makellos schönen Sorte, mit langen, dunkelbraunen Haaren und breiten, muskelbepackten Schultern. So viel ich wusste, hatte er eine ebenso überragend attraktive Freundin mit glanzverstärkter Haarpracht.
»Mir ist nur gerade schwindelig«, log ich. »Kannst du mich zu der Bank da führen?«
»Aber natürlich, gerne, mein Sonnenschein«, sagte er und lud mich neben Star ab, dann entschwand er wieder, ohne sich auch nur einmal umzudrehen.
»Hm«, machte ich, halb zu mir und halb zu Star. »Der ist normal, glaube ich. Falls er nicht bloß so tut.«
Sie hob den Kopf und starrte mich einen Moment lang an, als hätte ich etwas Unanständiges gesagt. Dann sackte sie wieder in sich zusammen.
»Alles in Ordnung?«, fragte ich und hasste mich sofort für diese blödsinnige Floskel. Natürlich war überhaupt nichts in Ordnung.
»Ich will zu ihm«, flüsterte sie. »Ich will ihn sehen. Wann können wir endlich ins Genesungshaus?«
»Lucky war von dieser Idee nicht so begeistert«, sagte ich. »Wir sollten uns das gut überlegen.«
»Wir haben keine Zeit, lange darüber nachzudenken«, fuhr sie mich an. »Er kann jederzeit sterben!«
Ich war aufgewühlt und durcheinander und gleichzeitig so berauscht von der Klarheit meiner Gedanken, von der Welt um mich herum, die plötzlich eine ganz andere Art von Schärfe gewann – aber ob ich wirklich nachfühlen konnte, wie es sein musste wenn der eigene Bruder halbtot im Genesungshaus lag?
»Du wäschst dir das Gesicht«, sagte ich. »Und dann gehst du zu deinen Freundinnen und hörst dir ihre Witze an. Heute Abend gehen wir los, egal, ob Lucky mitkommt oder nicht.«
Ich wusste nur, dass ich Star unbedingt dazu bringen musste, sich normal zu verhalten. Ein paar Lehrer gingen an uns vorbei; Gandhi sah etwas zu lange zu uns herüber. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis jemand Star zum Arzt schickte.
»Wirklich?« Sie schluckte.
»Ja«, sagte ich und dachte: Dafür wird Lucky mich umbringen. Es war durchaus verheißungsvoll, ihn sich wütend vorzustellen, denn solange wir uns auch schon kannten – jedes wilde Gefühl würde etwas völlig Neues sein, für jeden von uns. In dieser einen Woche, die wir hatten, wollte ich so viel wie möglich erleben. Ich wollte atmen und fühlen, und ja, Lucky zum Ausrasten zu bringen, würde bestimmt einer der Höhepunkte sein.
Star versuchte in meinem Gesicht abzulesen, ob ich es ernst meinte, dann verwandelte sie sich von einem Häufchen Elend in eine beherrschte junge Dame, die ihre Gefühle tief in sich einschloss. Es war erstaunlich. Eben noch hatte ich geglaubt, der nächste Lehrer würde sie zu Dr. Händel schleppen, jetzt hatte ich eine Star vor mir, die aussah, als hätte sie nie in ihrem Leben geweint.
»Heute Abend.« Sie schien darauf zu lauern, dass ich einen Rückzieher machte.
Ich hatte nicht die Absicht. »Ich hole dich ab.«
»Okay. Bis dann.«
Sie tänzelte über den Hof auf eine Gruppe schwatzender Mädchen zu, und nur der Blick, den sie einmal kurz über die Schulter warf, teilte mir mit, dass sie schauspielerte. Und dass sie, falls ich sie angelogen hatte, zu einer gefährlichen Bestie mutieren würde.
Ha, mein lieber Lucky. Ich freue mich schon auf dein Gesicht.