19.
Irgendwie gelang es Orion, den Schuh über seinen geschwollenen Fuß zu zerren. Rightgood, dessen Wangen brannten, trug nun ebensolche grauscheckigen Kleider wie die beiden Wilden. Müde trotteten wir drei Neustädter hinter Helm her, während Jakob nun das Schlusslicht bildete.
Ich dachte an die beiden Kriminellen, die wir am Sumpfgebiet zurückgelassen hatten, an ihre Wut und ihr wahnsinniges Gelächter. Wenn ich ehrlich sein sollte, hatte ich damit gerechnet, dass es in der Wildnis von solchen verrückten, angriffslustigen Kreaturen wimmelte, die sich auf jeden Fremden stürzten, um ihn mit Zähnen und Fingernägeln zu zerreißen. Dagegen waren Helm und Jakob erfreulich normal. Sie waren nicht wie die Leute in Neustadt, nicht so freundlich und glücklich lächelnd, doch irgendwie gefielen sie mir, selbst Jakob.
Wieder marschierten wir stundenlang, bis es schließlich so dunkel war, dass wir kaum unseren Vordermann erkennen konnten. In dieser Nacht gab es weder Sterne noch einen Mond, der Himmel war bedeckt und der Wind roch nach nasser Erde. Helm befahl uns, kein Geräusch zu machen, erklärte noch einmal, dass es kein Feuer geben würde – als hätte einer von uns damit gerechnet –, und teilte Planen aus, in die wir uns einwickeln sollten. Sie hielten die Nässe ab, die aus dem Boden aufstieg, und schützten ein wenig gegen die Kälte. Gemütlich wurde es trotzdem nicht. Ich fühlte mich krank und schmutzig und so elend, dass mir alles egal war. Wir gönnten uns ein paar Schlucke aus der Flasche, knabberten an unserem Brot und wickelten uns dann nach Helms knappen Anweisungen in die Plane. Jakob hielt Wache. Ich wusste nicht, ob er uns immer noch misstraute oder ob er uns vor Gefahren schützen wollte, die in der Dunkelheit lauerten. Was konnte das sein? Ich stellte mir wilde Tiere mit riesigen Reißzähnen vor, und bei jedem Knacken, jedem Rascheln fuhr ich zusammen.
»Schläfst du schon?«, flüsterte Orion, der dicht neben mir lag. Kurz durchzuckte mich der Gedanke, dass es unter seiner Plane wärmer sein würde, doch wenn er nicht vorschlug, dass wir uns eine teilten, würde ich es erst recht nicht tun. Auf keinen Fall wollte ich ein Missverständnis riskieren. Ich wandte mich ihm zu und rückte etwas näher heran, sodass unsere Nasen fast aneinanderstießen.
Eine Weile schwiegen wir beide, ich hörte nur Orion atmen und fühlte die warme Luft auf meinem Gesicht.
»Hast du es auch gemerkt?«, fragte er leise. »Fünf.«
»Ja«, sagte ich. »Komisch, nicht? Wer es wohl war?«
Also war es ihm auch aufgefallen. Fünf Wellen, hatte Rightgood gesagt. An jeder Schule. Fünf. Unsere Verfolger hatten bestimmt geglaubt, sie wären hinter den fünf Schülern her, bei denen die Glücksdosis versagt hatte, doch Moon hatte anfangs gar nicht dazugehört. Das hieß, dass noch jemand betroffen war, jemand, den wir nicht gefunden hatten, der sich unauffällig verhalten hatte. Ob sie wohl nach diesem Schüler fahnden würden, wenn Moon ihnen alles erzählt hatte, was sie wusste?
Ich konnte mir nicht vorstellen, einzuschlafen, doch schließlich siegte die Müdigkeit, mein Körper, der diese Anstrengung nicht gewohnt war, schaltete kurzerhand den nervösen Geist ab, und ich fiel in tiefen, traumgetränkten Schlaf, in einen Schlaf voller Albträume.
»Renn, Pi!«, schrie Lucky, aber ich kam nicht vom Fleck. Ich wusste nicht, ob ich nach vorne rennen sollte, durchs Tor, oder zurück zu ihm, und so ruderte ich bloß mit den Armen. Da packte er meine Hand und riss mich zu sich, und Orion zog von der anderen Seite, und schließlich war der Schmerz so groß, dass ich meine Arme zurückließ und nach oben sprang und wie eine Wolke davonschwebte. »In den Glücksstrom«, sagte Dr. Händel, oder war es Gandhi? »Komm in den Glücksstrom.«
Helm weckte uns, als die Luft noch weich und kühl war. Ein Streif Dämmerung überzog den Horizont. »Weiter geht’s«, flüsterte er.
Mir tat alles weh, als ich mich mühsam aufrappelte. Um Orion stand es dagegen richtig schlimm. Er stieß einen unterdrückten Schrei aus, als er seinen Fuß belastete.
Auf Helms Frage schüttelte er jedoch den Kopf. »Es ist nichts.«
Jakob gab sich damit nicht zufrieden. »Zeig her. Wir müssen den ganzen Tag laufen, wenn wir die nächste Nacht im Lager verbringen wollen.«
Orions Fuß war mittlerweile bläulich verfärbt.
»Wie ist das passiert?«
»Ich bin umgeknickt, nichts weiter. Wenn ich ihn geschont hätte, wäre es längst verheilt, aber dazu war bis jetzt keine Gelegenheit.«
Helm drängte auf Aufbruch, aber Jakob nahm die Sache ernst. Er sammelte Blätter, zerkaute sie und zerrieb dann die eklige grüne Masse, von der ein aromatischer Duft aufstieg, in seinen Händen. Das Zeug schmierte er auf die entzündete Stelle, bevor er den Knöchel mit einem Tuch fest umwickelte. Was auch immer Orion über die widerlichen Blätter an seiner Haut dachte, er ließ es sich nicht anmerken. In seinen Schuh kam er nur mit Müh und Not hinein, schließen ließ er sich nicht. Dennoch tat er, als würde es gar nicht mehr wehtun. »Danke.« Sein Lächeln wirkte nicht einmal gequält.
Jakob dagegen blickte ziemlich grimmig drein. »Wir können es uns nicht leisten, dass du unterwegs schlapp machst. Soldaten sind auf Schmerzunempfindlichkeit gezüchtet, doch wenn du deine Verletzungen nicht ernst nimmst, wird sich das irgendwann rächen.«
»Soldaten?«, fragte ich. »Er ist Sportler! Und was soll das heißen, gezüchtet?«
Ich fand seine Äußerungen unverschämt, doch Jakob ließ sich auf keine Diskussion ein. Er wechselte einen Blick mit Helm. »Darüber sprechen wir ein andermal. Gehen wir.«
Also gingen wir. Zu Anfang dachte ich, dass ich dieses Marschtempo nie im Leben durchhalten würde, doch ich wollte mir nicht die Blöße geben, vor den anderen Schwäche zu zeigen. Unsere beiden Führer schienen uns sowieso zu verachten. Hin und wieder berieten sie sich leise und schlugen eine andere Richtung ein, sodass wir im Zickzack mehr schlecht als recht vorwärtskamen.
Wir machten zwei Mal eine kurze Pause, in der wir essen, uns in die Büsche schlagen oder einfach die Beine ausruhen konnten. Ich gab Orion mein Brot ab, weil ich den Eindruck hatte, dass ihm die mickrige Portion nicht ausreichte. Schließlich war er bestimmt doppelt so schwer wie ich, und ich hatte tatsächlich keinen Hunger und aß nur ein paar Krümel, um bei Kräften zu bleiben. Immer noch saß mir der Schreck im Nacken, und ich fragte mich, ob es jemals besser werden würde. Gab es überhaupt Glück in diesem neuen Leben, in dieser fremdartigen Welt?
Die Landschaft veränderte sich, während wir gingen. Die Bäume wurden größer und zahlreicher, die Stämme waren hier nicht mehr schlank und weiß, sondern graubraun und rissig, sie breiteten ihre Zweige über uns aus wie ein gigantisches Dach. Wenn sich Lücken darin auftaten, führte Helm uns am Rand der Lichtungen entlang statt mitten hindurch, als befürchtete er, jemand könnte uns von oben sehen. Vögel vielleicht, auch wenn ich noch keinem gefährlichen Exemplar begegnet war. Jedenfalls waren sie überall. Zuerst hatte ich das Hintergrundrauschen gar nicht beachtet, bis Rightgood leise fragte: »Was sind das für Tiere in den Bäumen?«
Helm drehte sich um und warf ihm einen unbeschreiblichen Blick zu, jenseits von Verachtung sogar.
»Meinst du die Vögel, oder waren da Eichhörnchen?«
»Neustädter«, knurrte Jakob, der auch heute wieder das Schlusslicht bildete. »Oh großer Gott.«
»He«, protestierte Helm, »du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen.«
»Du kannst mich mal«, sagte Jakob.
Danach wagte keiner von uns, Fragen zu stellen. Es war sowieso sinnvoll, sich den Atem zu sparen. Schweigend trotteten wir hinter Helm her.
Ich weiß nicht, was ich mir vorgestellt hatte. Mein ganzes Leben lang hatte ich nur Neustadt gekannt, und im Fernsehen gab es höchstens Bilder unserer Nachbarstaaten. Die Wildnis kam bloß am Rande vor, ein geheimnisvolles Gebiet voller Krankheit, ein Land, in dem es vor Raubtieren wimmelte, wo Parasiten jeden befielen, der auch nur einen Fuß hineinsetzte, wo irre Mörder die verfaulenden Kranken abschlachteten. Ein Lager … war das vielleicht eine Art Stadt mitten in der Wildnis? Unwillkürlich musste ich an die Lagerhalle denken, an Waggons, Lastwagen, Schienen, Wächter. Geschäftigkeit, Scheinwerfer, viele Menschen. Doch als Helm knapp verkündete: »Wir sind da« – war da gar nichts. Wir standen nach wie vor im Wald. Von anderen Menschen oder gar Häusern keine Spur.
Hatten wir uns so beeilt, nur um erneut in eine Plane gewickelt auf der Erde zu schlafen?
»Wie viele hast du mitgebracht?« Ein Mann trat zwischen den Bäumen hervor. Auch er trug Kleidung, die ihn mit dem Wald verschmelzen ließ. »So viele waren tauglich?« Prüfend ließ er den Blick über uns wandern. »Kinder? Auch das noch.«
Der Kerl war groß und schlank und wirkte trotz seines gestutzten Bartes sehr gepflegt, ganz anders als der zottige Helm. Sein dunkles, an den Schläfen angegrautes Haar verlieh ihm eine gewisse Würde. In Neustadt wäre er kaum aufgefallen, nur durch den Bart und die komische Haarfarbe. Graue Haare hatte bei uns eigentlich niemand. Trotzdem missfiel mir, wie er uns musterte, und dass er uns Kinder nannte, machte ihn mir nicht sympathischer. Schweigend stand Jakob hinter uns, doch ich spürte, wie die Atmosphäre sich veränderte. Ein unausgesprochener Vorwurf lag in der Luft.
»Der Junge braucht einen Arzt«, sagte Helm, als hätte er nichts davon bemerkt. »Alles andere muss warten.«
Er packte Orion am Arm und führte ihn zwischen die Bäume, auf ein dichtes Gestrüpp zu. Erst im letzten Moment stellte ich fest, dass es sich um ein großes Zelt handelte, nahezu unsichtbar unter Zweigen und Netzen verborgen. Helm klopfte an die Stoffwand, woraufhin sich eine behelfsmäßige Tür öffnete und ein Mann den Kopf herausstreckte, ein kleiner, hagerer Kerl mit erschreckend wenig Haar.
»Ein Patient, Doc«, erklärte Helm.
Bei Orions Anblick weiteten sich die Augen des Arztes vor Überraschung. »Ein Soldat, sieh an. – Und du bist auch krank?«, fragte er mich.
Der Gedanke, man könnte mich von Orion trennen, erschreckte mich bis ins Mark. Er war der Einzige hier, denn ich kannte, und mich mit irgendwelchen Wilden auseinanderzusetzen, ganz allein, überstieg meine Kräfte.
»Sie bleibt bei mir«, sagte Orion sofort.
»Na schön. Es ist nur ein wenig eng.«
Helm zögerte, ich merkte ihm an, dass er auch mit hineinwollte, doch der Arzt schenkte ihm ein mildes Lächeln. »Das geht schon. Es reicht, wenn du am Eingang wartest. Er ist nicht mein erster Soldat.«
In dem geräumigen Zelt sah es zu meiner Überraschung fast so aus wie in Doktor Händels Krankenzimmer in der Schule. Eine schmale Liege, statt Schränken mit vielen Schubladen standen etliche Kisten und Körbe fein säuberlich aufgereiht an der Wand, außerdem gab es ein paar beeindruckende Apparate mit unbekanntem Zweck.
Sogar der Geruch war ähnlich.
»Ich bin Doktor Mackintosh. Ja, setz dich hier auf die Liege. Du kannst mich Alfred nennen.« Er klang nett. Keine Bemerkung darüber, wie schlecht wir rochen, kein Naserümpfen über unsere schlammige Kleidung. Wahrscheinlich war er das gewohnt.
»Ich heiße Orion. Das Problem ist mein Fuß hier.« Er zog das Hosenbein hoch. »Und im Übrigen bin ich kein Soldat. Es gibt gar keine Soldaten in Neustadt, höchstens Wächter. Ich spiele bloß Joy.«
Mit einem sanften Lächeln beugte Alfred sich über den geschwollenen Knöchel. »Damit konntest du noch laufen? Natürlich bist du ein Soldat, Junge. Nicht alles in Neustadt ist so, wie es scheint. Wenn ich dich so ansehe …« Er musterte Orion kritisch. »Du hast Glück, dass sie deinen Eltern einen Offizier angedreht haben, keinen Fußsoldaten. Letztere haben ausgesprochen wenig Hirn.«
Orion schnappte nach Luft, während Alfred fachkundig seinen Knöchel abtastete, doch seiner Stimme war nichts anzumerken. »Woher wollen Sie wissen, dass ich Hirn habe? Meine Lehrer haben des Öfteren Zweifel daran geäußert.«
»Das macht die Glücksdroge«, sagte Alfred beiläufig. Er kramte in einer Kiste. »So, wo habe ich denn …«
Ich sah lieber weg, während Orions Knöchel behandelt wurde, und las die Beschriftungen auf den Kisten, seltsame Kürzel, aus denen ich nicht schlau wurde.
»Das wär’s dann.« Der Doktor betrachtete zufrieden den Verband, den er Orion verpasst hatte. »Oder gibt es sonst noch was? Ich kenne solche Typen wie dich. Immer Zähne zusammenbeißen und abwarten. Ihr würdet noch weitermarschieren, wenn euch die Zehen abfaulen. Also, was ist es?«
Orion zeigte mit der linken Hand auf seine rechte Schulter. »Ich bin angeschossen worden.«
Alfred wurde so weiß wie der Verband um Orions Fuß. »Was? Oh mein Gott! Steckt die Kugel noch drin?«
»Nein, sie wurde entfernt. Aber es tut immer noch weh.«
Der Arzt wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Sie wurde entfernt? Sicher? Von wem? Die Regs stecken die Sender gerne ins Fleisch.«
»Ausgeschlossen«, sagte ich. »Es war eine Genesungshelferin, und sie hat die Kugel rausgeholt.«
»Habt ihr genau gesehen, dass sie dafür nichts anderes in die Wunde reingetan hat? Wie gut kanntet ihr sie?«
»Pi?«, fragte Orion leise.
»Ich … ich weiß nicht. Wir haben alle weggesehen.«
Alfred sog scharf die Luft ein. »Helm!«, rief er. »Schnell!«
Der Gerufene stolperte ins Zelt. »Was? Alles in Ordnung?«
»Der Junge wurde angeschossen. Wir müssen sofort das Lager abbrechen. Wie lange wart ihr unterwegs? Die Jäger könnten schon hier sein. Benachrichtige Paulus!«
Helm wich zurück vor Entsetzen. »Du wurdest angeschossen?«, brüllte er. »Warum hast du das nicht gesagt, verdammt noch mal? Ihr habt uns erzählt, dass ein Mädchen erschossen wurde. Ihr habt kein Wort davon gesagt, dass du getroffen wurdest!«
Mit zitternden Händen riss der Arzt Orion das Hemd vom Leib. Unter dem blutgetränkten Verband, mit dem Happiness ihn versorgt hatte, war die Haut gerötet und geschwollen.
»Ist es noch drin?«, fragte Helm. Er schubste mich zur Seite, um besser sehen zu können.
»Evakuiert das Lager.« Während er sprach, untersuchte Alfred die Wunde und kramte dann in einer Schublade, aus der er eine glänzende Klinge herausfischte. »Sofort.« Seine Stimme klang lange nicht so panisch wie Helms, doch die sanfte, unerbittliche Ruhe darin tat ihre Wirkung.
Mich schauderte. Die Vorstellung, dass gleich etwas Schlimmes passieren würde, überwältigte mich, auch wenn ich keine Ahnung hatte, worum es überhaupt ging.
»Komm!«, rief Helm.
Ich wehrte mich gegen den harten Griff, mit dem er mich packte und kurzerhand aus dem Zelt hob. Ein merkwürdiges Vibrieren erfüllte die Luft.
»Der Hubschrauber kommt. Rennt!« Er hielt einen Jungen auf, der gerade an uns vorbeiwollte. »Gabriel, nimm sie mit. Lauft um euer Leben.« Er schubste mich in die Arme des Fremden und blies in eine Pfeife, die er an einem Band um den Hals trug. »Paulus!«, schrie er. »Wir müssen evakuieren!«