25.
Ich verschluckte mich fast und spuckte einen Schwall Tee auf meine Hose. »Ich bin aufgeklärt, ja.«
»Davon gehe ich aus. Aber so läuft es eben nicht. Ein Mann und eine Frau, die Sex haben und daraus wird ein Kind … nicht in Neustadt. In Neustadt kann man sich angeblich ein Kind nach seinen Wünschen zusammenstellen lassen. Und nach seinem Geldbeutel. Ein schönes Kind, ein kluges, ein sportliches. Oder alles zusammen. Und manche Kinder sehen daher fast gleich aus. Oder?«
Ich wusste nicht recht, worauf er hinauswollte. »Sie entnehmen das befruchtete Ei«, sagte ich. »Und behandeln es.«
»Wie?«, fragte er.
Das hatten wir tausend Mal in Biologie gehabt, aber ganz hatte ich es nie kapiert. »Krankheiten werden im Vorfeld geheilt. Unerwünschte Abschnitte der DNS werden deaktiviert und dafür andere aktiviert. Oder so ähnlich.«
»Was haben deine Eltern bei dir machen lassen?«
Wieder griff der alte Schmerz nach mir. Dass meine Eltern nicht genug Geld gehabt hatten. Dass meine Erbmasse nicht überprüft und gereinigt und verbessert worden war.
»Nichts«, sagte ich und senkte den Kopf. »Wir haben nicht so viel Geld.«
»Nichts?« Alfreds Leidensmiene löste sich auf. »Aber das ist ja fantastisch! Das macht es mir schon mal leichter, wenn du nicht betroffen bist.«
»Betroffen wovon? Ich konnte nie mit den anderen mithalten. Ich bin ein Fehlschlag. Die haben mich nicht mal ins Partnerprogramm aufgenommen!« Meine Bitterkeit lief über, die Worte sprudelten aus mir heraus, bevor ich sie zurückhalten konnte.
»Welche Ironie des Schicksals«, murmelte er. »Dass die Ärmeren irgendwann genauso frei sind wie die ganz Reichen.«
»Die Reichen würden nie ein Kind wie mich kriegen«, sagte ich.
»Oh nein, das stimmt nicht«, widersprach er. »Manche Regs bezahlen für das beste, schönste, vollkommenste Kind. Aber in einem unterscheiden sie sich von den gewöhnlichen Reichen in der Bevölkerung von Neustadt: Die Regs, die ganz oben mitspielen, haben die Wahl. Und daher entscheiden sich manche dafür, lieber ihr eigenes Kind zu bekommen, ganz gleich, was sie für ein Risiko damit eingehen. Hast du nicht die Geschichte von dem herzkranken Jungen im Genesungshaus erzählt?«
»Marty.«
»Ja, Marty. Und der Sohn eines Ministers. Wetten, er ist ein ganz normales Kind, das sie während der Schwangerschaft nicht einmal untersucht haben? Für die Frau eines so hochrangigen Reg ein Skandal … und ein Privileg. Diese Leute haben Gefühle, Pia. Sie nehmen keine Glücksgaben. Sie hoffen, sie lieben, sie hassen. Sogar der Glücksminister konnte der Versuchung nicht widerstehen, sein eigenes Kind in die Welt zu setzen. Deine Eltern hatten nicht die Wahl, glaubst du, aber vielleicht doch. Vielleicht haben sie sich dem Druck der Gesellschaft auf Perfektion einfach entzogen, indem sie behauptet haben, sie könnten es sich nicht leisten.«
»Aber …«
»Du hast ein Geschenk bekommen«, sagte er. »Du bist ein ganz normales Kind. Das ist selten geworden in Neustadt, wo alles immer nur noch perfekter und schöner werden soll.«
Während ich noch versuchte, zu erfassen, was das alles bedeutete, sprach Alfred schon weiter. »Man kann Embryonen nicht auf diese Weise verbessern, Pia. Man kann bloß fehlerhafte oder kranke aussortieren. Bei einer Auswahl an befruchteten Eizellen kann man die mit dem gewünschten Geschlecht wieder einsetzen. Oder die ohne die gefürchtete Erbkrankheit. Die Wissenschaft ist nicht so weit, wie man es bei euch an den Schulen behauptet. Es ist zwar prinzipiell möglich, aber dieses Verfahren ist dermaßen langwierig, kompliziert, teuer und fehleranfällig, dass man es wieder eingestellt hat.«
»Man kann einem Embryo nicht alle gewünschten Eigenschaften verpassen?«, fragte ich verwirrt.
»Nein«, antwortete Alfred. »Das Erbgut eines Menschen ist viel zu kompliziert, um daran herumzupfuschen. Es wurde versucht und ging meistens schief. Die wenigen Male, wo es klappte, wurden mit unzähligen Fehlschlägen erkauft.«
»Aber man kann sich doch aussuchen, was für ein Kind es sein soll. Und dann kriegt man es.«
»Ja«, sagte Alfred. »Aber man bekommt nicht sein Kind. Nicht das eigene. Der Embryo wird weggeworfen. Stattdessen pflanzt der Arzt der Frau einen anderen Embryo ein, der die gewünschten Eigenschaften hat. Pia, in den Laboren von Neustadt sind genug potentielle Kinder eingefroren, um diese Welt mit Menschen zu überschwemmen. Wer fragt schon danach, ob er sein eigenes Kind großzieht? Es ist das, was er gekauft hat.«
»Aber …«, setzte ich erneut an.
»Es gab Prototypen«, sagte Alfred. »Schöne Menschen. Kluge Wissenschaftler. Oder auch … Soldaten. Man hat versucht, Menschen in die Richtung zu züchten, die den Regs als der optimale neue Mensch vorschwebte. Die Manipulation am Erbgut … zusammen mit anderen Methoden. Es gab Experimente. Sie haben fürchterliche Dinge getan, die in den Archiven verschwunden sind. Aber der Versuch ging schief. Die schönen Menschen waren nicht liebenswürdig. Die Soldaten nicht gehorsam. Die Wissenschaftler und Mathematiker versanken in Schwermut … Es gab einen Preis zu bezahlen, immer. Sie haben es nicht geschafft, den perfekten Menschen zu züchten, aber sie waren verdammt nah dran. Dann gab es Streit und Krieg, und die perfekten Soldaten vernichteten die halbe Welt. Also wurde das Projekt beendet, und der neue Mensch verschwand in der Versenkung. Aber sie hatten Klone hergestellt, von ihren Prototypen. Unzählige Klone, befruchtete Eizellen, die hinter Eisentüren verschwanden.«
»Nein«, sagte ich.
»Doch«, sagte er. »Nach dem Krieg waren die Menschen wachsamer. Bestimmte Menschentypen zu züchten, kostet sehr viel Zeit, da Menschen so lange brauchen, bis sie geschlechtsreif sind. Doch warum weiterzüchten, wenn die Embryonen fertig in den Eisschränken lagern? Man brauchte immer noch Mütter. Wie sollte man die Frauen dazu bringen, die Klone auszutragen und als ihre eigenen Kinder aufzuziehen? Bis die Regs irgendwann die Idee hatten, damit Geld zu machen und den neuen Menschen auf diese Weise zu verbreiten. Niemand wird gezwungen. Im Gegenteil, es kostet Geld, viel Geld, ein besonders schönes oder kluges Kind zu bekommen. Oder ein sportliches Kind. In Kriegszeiten war für solchen Zeitvertreib kein Bedarf, aber da unten in den Schränken warten Zehntausende von Soldaten mit besonderen Fähigkeiten. Stärke, Ausdauer, Schmerzunempfindlichkeit. Fußsoldaten. Offiziere – die haben mehr Hirn als ihre Untergebenen. In den besten Versionen sogar mehr Hirn als die Regs selber. Arbeiter und Soldaten gibt es in allen möglichen Varianten. Es sind Hunderte, wenn nicht gar Tausende von Prototypen. Trotzdem sind sie insbesondere mit Soldaten vorsichtig, denn ohne die Glücksdroge, die sie zufrieden macht, sind sie zu gefährlich. Aber man kann die simpler gestrickten Soldaten als Wächter einsetzen, um Neustadt vor Feinden innen und außen zu schützen. Um den Regs zu dienen. Im Notfall kann man sie zusammenrufen und eine Armee aus ihnen bilden.«
»Orion ist also ein Soldat«, sagte ich dumpf. »Seine Eltern sind nicht seine Eltern. Sie haben einen irren Preis bezahlt, für ein Kind, das erfolgreich sein würde, und dafür einen Soldaten bekommen.«
»So ist es. Man muss ihn nur ansehen. Für einen einfachen Fußsoldaten ist er zu schlau, dann hätte er nie die Flucht nach draußen geschafft. Er ist mindestens ein Neunziger.«
»Was heißt das? Die Männer im Wald haben von Sechsundneunzig gesprochen. Von Siebenundneunzigeinhalb.«
Alfred pfiff durch die Zähne. »Weiter sind sie nie gekommen. Hundert Prozent wurden nie erreicht. Die Wissenschaftler mussten feststellen, dass es den hundertprozentigen Soldaten nicht gibt. Ist er zu dumm, hinterfragt er gar nichts, dann kann man ihn schlecht stoppen, wenn sich die Pläne ändern, und seine Brutalität macht ihn selbst für Verbündete untragbar. Also war das Ziel, ihn klüger zu machen. Er sollte strategisch denken. Das Kommando übernehmen können, Befehle hinterfragen, selber denken. Der Schuss ging nach hinten los. Der Sechsundneunziger bestand aus sechsundneunzig Prozent Perfektion, was Körper und Geist angeht, doch er war zu aufmüpfig. Ein Mann, der genug Verstand besaß, um seine eigene Haut zu retten. Also alles andere als der ideale Kriegsheld.« Alfred lächelte schmerzlich. »An der Stelle hätten sie aufgeben sollen. Man kann den Charakter eines Menschen nicht vorherbestimmen, selbst mit den besten Eigenschaften nicht. Aber sie haben immer noch weitergemacht. Haben ihm noch mehr Talente angezüchtet. Ein paar tierische Gene eingewoben. Das Ergebnis war ein Krieger, der alle Eigenschaften vereint, die man sich nur wünschen kann. Er ist schnell und stark. Er opfert sich für seine Leute auf. Er kann nahezu im Dunkeln sehen, seine Augen und sein Gehör sind unübertrefflich. Er trifft und tötet mit der Präzision einer Maschine. Aber … tja, diese zweieinhalb Prozent, die niemand beherrschen kann. Entweder dient er dem Regime mit dem Fanatismus eines Besessenen – oder er überlegt es sich anders und rebelliert.« Alfred nippte gedankenverloren an seinem Tee, der mittlerweile kalt sein musste. »Als sie diesen Klon freigegeben haben, was haben sie sich dabei nur gedacht?«
Ich dachte an Zeus und die anderen Jungs aus der Sportlerklasse. »Es gibt noch mehr«, sagte ich. »Aber sie ähneln einander nicht.«
»Natürlich nicht«, sagte Alfred. »Es gab natürlich immer mehrere Prototypen. Sie hätten ihre kostbare Zeit nie auf eine einzelne Abstammungslinie beschränkt. Die Mädchen aus dieser Serie sind besonders gefährlich, denn man sieht ihnen nicht an, was in ihnen steckt. Ohne die Glücksdroge wird aus diesen Kindern ein untragbares Sicherheitsrisiko. Sie hätten Orion töten müssen, nachdem er die fehlerhafte Injektion bekommen hat. Wer auch immer die Idee hatte, ihn zu uns rauszulassen, war sehr optimistisch, dass die Jäger ihn rechtzeitig erwischen, bevor er für uns arbeiten kann. Die Hälfte ihres Ziels haben sie immerhin erreicht: sie haben mein Zelt getroffen. Neustadt weiß, welche Gefahr ich darstelle. Einen Verletzten mit einem Ortungschip zu mir zu schicken, war ein genialer Schachzug.« Bei diesen Worten lächelte er, aber ich fragte nicht nach. Besiegt kam Alfred mir jedenfalls nicht vor. »Sie können nicht zulassen, dass wir jemanden wie ihn haben. Also müssen wir mit einem vermehrten Auftreten von Jägern rechnen, egal, ob wir sie angreifen oder nicht. Paulus wird rasen, aber wir haben keine Wahl. Die Regs selbst zwingen uns zu kämpfen.«
»Woher weißt du das alles?«, fragte ich. »Du sitzt hier in der Wildnis. Wie kannst du das alles wissen?«
Diesmal war sein Lächeln voller Wehmut. Gedankenverloren starrte er in seine Tasse. »Ich bin auch aus Neustadt, so wie du«, sagte er. »Ich habe dort Medizin studiert. Ich habe unzählige Kinder eingepflanzt. Alles ging gut, bis mir aufgefallen ist, dass es immer mehr Soldaten sind, die wir in die Öffentlichkeit entlassen. Dann habe ich die Archive entdeckt und die Wahrheit herausgefunden, die ich nie hätte wissen dürfen. Sie haben mich geschnappt, vors Tor gesetzt und die Jagd auf mich eröffnet. Ich bin bloß Arzt. Sie dachten, sie hätten leichtes Spiel mit mir, aber ich bin zäher, als ich aussehe.«
Sollte ich das wirklich glauben? »Die Glücksgabe hätte verhindert, dass es dich besonders kümmert.«
»Ab einer bestimmten Stufe bekommen die Laborärzte keine gefühlsmindernde Dröhnung mehr. Und ich war, mit Verlaub, ziemlich weit oben. In unserem Mittel sind nur Substanzen enthalten, die die Konzentration fördern, und auch das kann man umgehen, wenn man es darauf anlegt.«
»Mein Vater arbeitet im Bio-Institut in Bezirk Vier«, sagte ich. »Heißt das, er bekommt auch nichts? Er ist bei klarem Verstand?«
»Im Bio-Institut?« Alfred sah aus, als würde er gleich in Ohnmacht fallen. »Er arbeitet mit Krankheitserregern?«
»Ja, wieso?«
Er schluckte. »Später«, sagte er, mehr zu sich selbst als zu mir. »Eins nach dem anderen. Kümmern wir uns zuerst um den jungen Soldaten. Ich habe mit Gabriel darüber gesprochen. Wir halten es für das Beste, wenn du es Orion schonend beibringst.«
Ich hatte keine große Lust, irgendjemandem zu erzählen, dass er nicht das richtige Kind seiner Eltern war.
»Bitte«, sagte Alfred eindringlich. »Es ist wichtig. Wenn die Männer glauben, dass er ein Siebenundneunziger ist … Wie er es erfährt, kann entscheidend sein.«
»Entscheidend wofür?«
Er musterte mich streng. »Man muss kein mathematisches Genie sein, um die Wahl zu sehen, die vor Orion liegt: für wen er kämpfen wird.«
»Warum sollte er gegen euch kämpfen?«, fragte ich. »Wir sind hier gut aufgenommen worden bei euch. Und Neustadt hat uns gejagt. Neustadt hat ihn angeschossen.«
»Wie gesagt, den Charakter kann man nicht klonen«, sagte Alfred. »Und auch nicht die Entscheidungen, die ein Mensch trifft. Ein Soldat aus dieser Serie kann sich über eine Kleinigkeit so ärgern, dass er zum tödlichen Feind wird. Er hat die Fähigkeit zu hassen, wie du sie dir nicht vorstellen kannst. Paulus war der Meinung, dass wir es nicht riskieren können, Orion überhaupt hier aufzunehmen. Dass er einen Krieg gegen die Regs anzetteln könnte, der die Jäger dazu bringen würde, uns alle auszulöschen. Paulus’ Devise ist klar: Keine Gewalt gegen die Jäger.«
Jetzt verstand ich, warum Paulus Orion so gerne wieder weggeschickt hätte. Er war eine Bedrohung für die Sicherheit des Lagers – und dazu wahrscheinlich aller Gruppen ringsum. Und Gabriel und seine Freunde hatten ihm ein Gewehr in die Hände gelegt.
»Ich habe Paulus gesagt, dass das kriegerische Potential eines jungen Soldaten nicht in Erscheinung treten wird, wenn er sich mit der Pflege von Kranken beschäftigt. Gewalt weckt seine Aggressionen, also müssen wir ihn davon fernhalten.«
»Wirklich?«, fragte ich ungläubig. »Es scheint mir unmöglich, irgendjemanden hier in der Wildnis von Gewalt fernzuhalten.«
»Es war die einzige Möglichkeit, um Paulus umzustimmen. Eine … Notlüge, sozusagen.«
»Es stimmt also gar nicht?«
»Nein«, sagte Alfred. »Nicht Gewalt weckt seine Fähigkeiten auf. Schmerz. Es ist Schmerz, Pia. Du und ich wissen, was Orion in den letzten Wochen durchgemacht hat.«
»Paulus befürchtet also unseren Untergang«, sagte ich leise. »Und du? Warum lügst du für uns?«
»Jetzt habe ich zwei Söhne«, erklärte Alfred bestimmt, »auch wenn Paulus Anspruch auf den einen erhebt und den anderen fürchtet.« Sehr sanft fügte er hinzu: »Ich hoffe, durch ihren Kampf werden sie die Regs das Fürchten lehren. Ich hoffe, sie beide werden uns retten.« Er seufzte. »Orion ist jetzt mein Sohn. Gerade deshalb solltest du ihm sagen, was es mit seinen früheren Eltern auf sich hat. Und warum die Regs nie im Leben die Jagd auf ihn aufgeben werden. Finde die richtigen Worte. Er mag unglaublich stark sein, aber seine Seele ist so verletzlich wie jede andere. Und du bist die Frau, die ihn liebt.«
Der Nebel hatte sich aufgelöst. Goldene Strahlen fielen durch die Baumwipfel und erinnerten mich an das Flutlicht hinter dem Zaun, den Suchstrahl, der über das unwegsame Sumpfgelände hinwegglitt.
Meine Gedanken wirbelten davon, während meine Gefühle wild tanzten, sich überschlugen und verhedderten. Wütend stapfte ich über weiches Moos und knorrige Wurzeln. Zweige hingen mir ins Gesicht, krallten sich in meinen Haaren fest, an meiner Schulter, Blätter streiften meine Stirn wie eine zärtliche Berührung. Ein paar Enten stoben davon, als ich den See erreichte. Vor mir lag der Uferbereich. Schilf. Braune Rohrkolben standen Wache. Über der Wasseroberfläche hingen die letzten Nebelfetzen, und darüber breitete sich der Himmel aus, klar und blau und unendlich.
Niemand war hier.
Ich zwang mich zu atmen. Irgendetwas platschte, aber ich ließ mich nicht ablenken. Atmen. Ein und aus, ein und aus. Mein Herz klopfte immer noch wie wild, es tat mir weh, es raste, es hüpfte, es schrie: Du bist ein normales Kind. Du. Lucky auch. Jupiter, garantiert. Oder nicht? Hatten sie ihn aus der Schublade »Netter Junge, hochwertiger IQ, optische Beeinträchtigungen«?
»Hey, kleine Erbse, was ist los?«
Ich hatte Orion gar nicht gesehen. Er hockte in einer Astgabel, zwei Meter über dem Boden, die Armbrust bereit. Dabei war ich fast über seine Krücken gestolpert, die wie fremdartige Schilfhalme zwischen den Wurzeln feststeckten.
»Hast du mich erschreckt«, sagte ich.
»Dafür hast du die Enten verjagt. Ich schätze, ich hab eine erwischt, aber ich habe nicht genau gesehen, wo sie runtergefallen ist. Dahinten im Schilf, glaube ich.« Er kletterte behände vom Ast, indem er sich mit beiden Händen festhielt und mit dem gesunden Bein abstützte. Auch verletzt konnte er klettern wie ein Weltmeister.
»Hey, was ist?«, fragte er, während er nach seinen Krücken angelte. »Sag mir, wer dich zum Weinen gebracht hat, und ich sorge dafür, dass er es bereut.«
»Alfred.«
»Ach, der. Hm. Den würde ich eigentlich lieber nicht verprügeln.«
»Musst du auch nicht«, sagte ich leise. »Ach, Orion …«
Seine Augen waren grün wie ein Sommerwald. Kluge, scharfe Augen, die sehr viel sahen. Nicht die Augen eines Mörders.
Den Charakter kann man nicht klonen, hatte Alfred gesagt.
»Es ist meinetwegen, stimmt’s?«, stellte er fest. »Das Gewehr. Das Ziel. Und dieses lästige Gerede darüber, ich sei ein Soldat. Hat Gabriel dich geschickt, um mich endlich aufzuklären?«
Ich nickte. »Ja, so in etwa.«
»Ich hab schon überlegt, ob ich einen von ihnen packen und die Wahrheit aus ihm herausschütteln soll. Das ist dann ja wohl nicht nötig.« Er hüpfte ein paar Meter weiter, zu einem Baum, dessen unterster Ast eine bequeme Sitzgelegenheit bot. »Hier, machen wir es uns wenigstens gemütlich. Und danach holen wir die Ente.«
Er wartete. Ich setzte mich nicht neben ihn. Unschlüssig stand ich herum. Ich konnte nicht anders, als ihn zu betrachten. Er war mir ans Herz gewachsen, ich hätte ihm gar nicht sagen können, wie sehr. Um nichts in der Welt wollte ich ihm wehtun.
»Ich schätze, es stimmt«, sagte er. »Die Sache mit dem Soldaten, meine ich. Als ich das Gewehr in der Hand hielt … es hat sich angefühlt, als sei es ein Teil meines Arms, ein Teil von mir. Als hätte ich mein Leben lang darauf gewartet, dass mir jemand eine Waffe in die Hand legt. Ich hab auch schon in Neustadt gemerkt, dass mit mir nicht alles so ist wie bei anderen. Ich kann weiter sehen. Auch bei Dämmerung. Der Nebel hat mich gar nicht gestört. Wenn ich mich konzentriere, verschwindet alles, was meine Sinne behindert. Das beißt sich mit dem, was uns unsere Lehrer beigebracht haben, nicht wahr? Warum sollte der neue Mensch gut kämpfen können, wenn es doch keine Aggressionen mehr gibt?«
»Es steckt noch ein bisschen mehr dahinter«, sagte ich.
Er wartete.
Ich zögerte. Nun, ich war ja auch nicht auf Mut, Entschlossenheit und Strategie hin gezüchtet worden.
»Du brauchst kein Mitleid mit mir zu haben, Pi. Spuck’s aus. Ich werde es schon verkraften. Setz dich endlich.«
Ich ließ mich auf dem Ast nieder, neben ihn. Dann brauchte ich ihn wenigstens nicht anzusehen.
Also erzählte ich es ihm. Alles, was Alfred mir anvertraut hatte. Ich ließ nichts aus. Er stellte ein paar Fragen, hakte nach, nickte.
Ich fühlte mich erleichtert, als endlich alles raus war.
Wir schwiegen beide. Orion stocherte mit der Krücke in den Blättern herum.
»Tja, so sieht es also aus«, sagte er nach einer Weile.
»Ja«, sagte ich. »Tut mir leid. Wegen deiner Eltern, meine ich.«
»Wir haben uns sowieso nie besonders verstanden. Irgendwie habe ich immer gewusst, dass sie mich gekauft haben, damit ich werde, wie sie es wollten. Um Geld einzubringen, richtig viel Geld.«
»Jetzt ist ja auch klar, warum solche wie du ihre Welle brauchen«, sagte ich. »Lucky und ich, wir wollten einfach stillhalten und abwarten. Aber du, du musstest natürlich sofort losstürmen und fliehen. Du bist ein Rebell, Orion. Die Regs haben gewusst, dass sie dich selbst dann nicht mehr in die Schule zurückkriegen, wenn sie dir eine neue Glücksgabe verpassen. Es hätte nie mehr so gewirkt wie vorher.«
»Ich hab mir schon gedacht, dass das alles Schwachsinn ist«, sagte Orion. »Die Sache mit dem Glücksstrom, und dass die wilden Gefühle im Erbgut weitergegeben werden, wenn man einmal mit der Glücksgabe aussetzt. Das kam mir schon seit längerem frei erfunden vor.«
»Echt? Nun, ich hab’s geglaubt.«
»Neustadt hat uns alle nach Strich und Faden verarscht.«
»Ja«, sagte ich. »Trotzdem haben unsere neuen Freunde ein bisschen Angst vor dir.«
»Paulus befürchtet, ich könnte seine kleine Damhirschherde aufmischen, wie? Deshalb hat er mich hier gelassen, unter seiner Kontrolle, bevor ich in einer anderen Gruppe Unheil stifte.« Er grinste, aber sein Lächeln hatte etwas Verlorenes.
Ich legte meine Hand auf seine. »Du hast das beste Erbgut, das man sich wünschen kann. Du kannst stolz darauf sein.«
»Klar«, antwortete er. »Wissenschaftlich getestet, mit Prüfsiegel und Zertifikat.«
Meine Hände waren winzig gegen seine. Trotzdem nahm ich seine Pranke zwischen meine Finger.
»Du bist, wer immer du sein willst. Du musst nicht kämpfen. Nicht einmal auf Enten schießen, wenn du nicht magst. Wir könnten auch fortgehen.«
»Es liegt nicht in meiner Natur zu fliehen«, sagte er. Die Bitterkeit in seiner Stimme war süß und harsch zugleich. Er musste tapfer sein, er konnte nicht anders. Er wollte zusammenbrechen, aber nicht einmal das brachte er fertig. Das neue Wissen sollte ihn zerschmettern, aber jemand wie er war mit einem Panzer ausgerüstet, der selbst das nicht zuließ. Er wusste es, so wie ich es wusste, und unser beider Lächeln verschmolz zu einem einzigen.
»Wir sind auch aus Neustadt geflohen.«
»Jemand wie ich weiß, wann man kämpft und wann man das Weite sucht. Alles Instinkt.«
Ich hielt seine Hand fest, lehnte mich gegen seine Schulter. Er war so groß und stark. Wie ein Baum.
Aber er war viel mehr als das.
»Du bist Orion«, sagte ich. »Eines der hellsten Sternbilder. Der Schütze. Ist es nicht bemerkenswert, dass unsere Eltern die richtigen Namen getroffen haben? Als hätten sie unser Schicksal damit festgelegt. Du bist Orion. Und ich bloß eine kleine Erbse.«
»Nein«, widersprach er leise. »Erbsen sind klein und rund und grün und sehen alle gleich aus.«
»Rund und grün bin ich nicht«, kicherte ich, immer noch an ihn gelehnt. Seine Haut war warm. Selbst jetzt, wo er erschüttert war bis ins Mark, strahlte er eine größere Ruhe aus als ich. Ein Fels in der Brandung. Ein Soldat, mitten in der Schlacht, der nie die Nerven verlor.
»Hast du Alfred nicht zugehört, Pi? Du bist aus keiner Schublade. Du bist nicht wie die tausend Erbsen in Neustadt. Du bist das Kind deiner Eltern, das echte.«
Da weinte ich doch. Vielleicht, weil er nicht weinen konnte, weinte ich für uns beide.