35.
»Du kannst ruhig hierbleiben«, sagte Moon am Morgen, während sie sich zur Schule fertig machte.
Ich hatte mich im Spiegel gesehen: blass, dunkle Ringe unter den Augen, trockene, aufgeplatzte Lippen. Dabei konnte es eigentlich noch gar nicht angefangen haben.
»Danke, aber ich komme mit. Du hast selbst gesagt, dass ich nicht ansteckend bin und es nichts zu befürchten gibt. Möchtest du mich schminken?«
»Dazu ist keine Zeit.« Sie war nervös, und ich konnte es ihr nicht verdenken. Heute hatte sie nicht die Absicht, mir zu nahe zu kommen. Objektiv gesehen war ich nicht gefährlich, aber das reichte nicht, um sie zu beruhigen. Sie wollte bloß weg von mir. »Sag mal, willst du wirklich den Bus nehmen? Mit all den anderen Schülern?«
Wenn später bekannt wurde, dass ich krank war, würde eine Panik ausbrechen. Ich zeigte mich einsichtig.
»Ich gehe zu Fuß. Du kannst Gandhi sagen, ich hätte heute Morgen so lange getrödelt, dass ich ihn verpasst habe.«
»Ja, mach ich.« Sie floh aus der Wohnung.
Ich blickte mich um und versuchte es merkwürdig und traurig zu finden, dass ich dies alles verließ, aber ich konnte nicht anders, als mich auf die Wildnis zu freuen. Bald. Bald bin ich wieder da …
Der Fußmarsch dauerte beinahe eine Stunde, und so war ich viel zu spät. Außerdem kostete mich die Anstrengung mehr Kraft als erwartet. War ich im Wald nicht stundenlang marschiert? Hatte ich mich nicht stark gefühlt dabei und gesund und unermüdlich?
Du bist nicht gesund. Siehst du? Jetzt hustest du sogar.
Der Unterricht hatte natürlich schon angefangen, und da ich nicht stören wollte, lungerte ich bis zur Pause im Flur herum. Moon wurde blass, als sie mich sah. »Warst du noch nicht bei Dr. Aristoteles?«
»Mach ich gleich.«
»Du hast Nasenbluten.«
Das hatte ich gar nicht gemerkt. Ich wischte es hastig weg. Fing es wirklich an? War dies real? Die Stunden meiner fünf Tage zerrannen.
»Ich geh schon in den Schulhof.« Moon drehte sich nicht nach mir um. Sie war fertig mit mir.
Doch Lucky zögerte, während der Strom der Schüler an uns vorbeizog. Er blieb stehen und wartete auf mich. Es war wie früher. Da hatte er häufig auf mich gewartet.
»Kommst du?«, fragte er. »Alles in Ordnung?«
»Ja«, sagte ich. Ich betrachtete sein Gesicht, das mir so lieb war. Die satte Bräune seiner Haare. Das helle Braun der Iris. Es war die Farbe der Hirsche.
»Lucky«, sagte ich.
Es würde keine weitere Gelegenheit geben. Nur diese. Wenn ich nicht sofort zum Arzt ging, würde Moon einschreiten, das wusste ich. Ich kannte sie ziemlich gut. Sie war ungeduldig, wollte mich endlich auf der anderen Seite des Tores haben.
Aber sie kannte mich nicht. Sie wusste nicht, wer ich war, wenn ich meine graue Wolke nicht um mich hatte. Von der Pia, die zwei Jäger getötet und mit der Gruppe der Damhirsche am See gelebt hatte, wusste sie rein gar nichts. Ich dachte an Lucky auf dem Dach. An den echten Lucky. Er wäre damit einverstanden, das wusste ich. Der echte Lucky, den ich liebte, der mich liebte. Hierin wären wir uns einig gewesen. Vielleicht hätte ich gezögert, hätte gesagt: Sollen wir wirklich? Und er hätte geantwortet: Tu es, Pi. Das ist der einzige Weg hier raus. Der einzige Weg zu mir selbst.
»Tut mir leid«, flüsterte ich. Und laut sagte ich: »Küss mich.«
Vor mir sah ich Orion im Wald, der Lumina küsste wie ein Ertrinkender.
Nein, sagten meine Gedanken.
Doch, sagten meine Gedanken.
Ich grub meine Hände in Luckys Haar. Streichelte seine Wangen. Hasste mich für das, was ich tat. So wie ich mich nach der finsteren Nacht der Jagd gehasst hatte. Es musste sein.
Meine klaren Gedanken sandten mir die Bestätigung: Es muss sein. Jetzt oder nie. Sie sprachen mit Orions Stimme. Wir sind im Krieg, kleine Erbse. Das hier ist dein Krieg, das ist deine einzige Chance.
Ich küsste Lucky. Er küsste mich. Sein Mund war weich und warm. Seine Arme, die sich um mich legten, stark und fest. Er war ein Mann, der frei sein wollte. Ich tat es für ihn.
Wir blieben eine Weile stehen, seine Stirn an meiner, sein Atem mischte sich mit meinem. Ich weinte lautlos. Dann hörte ich Moons Schreie.
»Pi!«, kreischte sie. »Pi, was tust du da? Oh Lucky, nein! Nein! Weg von ihr! Sie hat Morbus Fünf!«
»Oh Mannomannomann«, murmelte Felix vor sich hin, während er uns, die Hand vor dem Mund, mit Masken versorgte. »Dass es so schnell wirkt?«
Er legte mir die Hand auf die Stirn.
Ich putzte mir die Nase. Mein Taschentuch war voller Blut. Ein Hustenreiz quälte sich durch meine Lungen. Mir war kalt.
Aber das war mir egal. Die ganze Zeit beobachtete ich Lucky und seine Reaktionen. Wie betäubt war er mir in die Praxis gefolgt, blass und benommen saß er neben mir.
»Das ist ganz schön heftig«, sagte Felix, während Dr. Aristoteles draußen im Gang die Ambulanz anforderte. »Bist du sicher, dass du bloß die Probe aus dem Schrank oben im Aufbewahrungsraum genommen hast? Das sollte eigentlich keine ganz so üble Wirkung zeigen.«
Ich starrte ihn an. »Woher …«
»Ich habe es mir gedacht«, sagte er leise. »Es ist schwer genug, einfach so weiterzumachen, wenn man in den Geschmack der Freiheit gekommen ist.«
»Du auch? Du … du warst der Fünfte?«
»Ich habe gefühlt! Das echte Leben! Du weißt, wie es ist, nicht wahr?«
»Aber …« Ich suchte nach Worten. »Und jetzt? Fühlst du immer noch? Was ist mit dem Glücksstrom?«
»Oh, man kann da ein bisschen tricksen«, verriet Felix mir mit einem Lächeln. »Glaubst du, ich lasse mir meine Seele einfach so wieder stehlen? Ich tue bloß so, als würde ich mitschwimmen. Wenn man sich etwas auskennt, ist das kein Problem. Ich glaube, das tun viele. Wir sind nicht die Einzigen in Neustadt, Peas, glaub mir.«
»Dann … dann hast du meine Unterlagen modifiziert?« Ich war verwirrt, weil ich die ganze Zeit über gedacht hatte, es sei Dr. Händel gewesen.
»Als du wieder zurückkamst, tatest du mir so leid … Da Dr. Aristoteles dich nicht kennt, habe ich einfach deine Akten umgeschrieben, denn ich wollte wenigstens dafür sorgen, dass dir endlich mal ein Partner zugeteilt wird. Wenigstens etwas. Wir Wilden müssen zusammenhalten, nicht?« Felix nickte mir freundlich lächelnd zu und verließ den Raum.
»Wir Wilden?«, fragte Lucky. »Das ist ja lustig. Du bist eine Wilde?«
Ich holte das kleine Fläschchen mit dem Gegenmittel hervor. »Lucky?«, fragte ich vorsichtig. »Wenn du das doch nicht willst …«
»Spar dir die Mühe.« Moon war im Türrahmen aufgetaucht, hielt sich ein Taschentuch vor Mund und Nase. »Es ist nur Wasser.«
»Aber …«
Sie ließ das Tuch sinken. Ihr Lächeln war verschwunden, aus ihren Augen strahlte kein Glück. »Ich habe es weggegossen, Pi. Nachts, als du geschlafen hast. Ich habe das Gegenmittel weggekippt. Ich wusste doch nicht, dass du dazu fähig bist, Lucky so etwas anzutun.«
Sie sah ihn lange an, und er erwiderte ihren Blick, ohne sich zu rühren. Moon zuckte zusammen, als er den Arm um meine Schultern legte.
Ich spürte seinen warmen Atem an meinem Ohr. »Hey«, flüsterte er. »Das ist fast wie in einem Theaterstück.«
»Du bist nicht im Glücksstrom«, sagte ich zu Moon, und meine klaren Gedanken waren wie Ertrinkende, die in der reißenden Strömung nach Halt suchten.
Die alberne, fröhliche, verständnisvolle Moon war nie so schön gewesen wie diese hier. »Nicht mehr seit meinem Gespräch mit Truth Mozart«, sagte sie. »Ich sollte die Wahrheit über Savannah herausfinden, aber du bist wirklich ein zäher Brocken, Pi. Es schien keinen anderen Weg zu geben als diesen – dass du zurück in die Wildnis gehst.«
»Aber du wolltest verhindern, dass ich jemals zurückkomme.«
»Savannah ist mir egal«, sagte sie kühl. »Aber Lucky nicht.« Wie hart ihr Gesicht wirken konnte, wie tödlich ihr Blick. Auch sie hatte die Augen einer Jägerin. »Hör mir zu, Pi. Ich habe eben versucht, Dr. Händel anzurufen, damit er Lucky rettet, bevor die Behörden euch abholen. Aber ich konnte ihn nicht erreichen. Ich wollte dich reinlegen, aber wie es scheint, bin ich selbst reingelegt worden. Dr. Händel arbeitet im Bio-Institut, aber er ist gar nicht in der Forschungsabteilung. Er verpackt bloß die Proben. Sie haben ihn nach dieser Sache mit euch aus der Schule geworfen, und jetzt steht er am Fließband.«
Erst jetzt wurde mir das ganze Ausmaß des Betrugs klar. Die Präparate an der Schule hätten gereicht, ich hätte nie das echte Morbus Fünf nehmen müssen. Felix wünschte mir, dass ich entkam, aber Dr. Händel hatte sich nur rächen wollen. Hatte das zweite Fläschchen überhaupt je etwas anderes als Wasser enthalten?
Aber ich lächelte trotzdem tapfer weiter. Niemand wusste etwas von meinem Trumpf, von Alfred, der Lucky und mich heilen konnte. Fünf Tage hatten wir, um ihn zu erreichen. Für mich waren es noch viereinhalb.
»Das werde ich dir nie verzeihen«, sagte ich zu Moon, damit ihr nicht auffiel, dass ich keine Angst hatte. Luckys verschwitzte Finger verflochten sich mit meinen.
»Dies ist unser Abenteuer«, sagte er. »Du darfst uns jetzt gerne allein lassen, Moon.«
»Oh, so schnell entkommt ihr mir nicht«, sagte sie und verzog höhnisch die perfekt geformten Lippen. »Ich bin nicht Julia. Ich werde mir kein Messer in die Brust stoßen, weil mein Geliebter dem Tod geweiht ist. Wollt ihr nicht wissen, was ich stattdessen getan habe? Nachdem ich Dr. Händel nicht erreichen konnte, habe ich deinen Vater angerufen, Pi. Es gibt tatsächlich ein Heilmittel. Er ist schon unterwegs. Lucky gehört mir, und das wird auch so bleiben.«
Damit war mein Fluchtplan gescheitert – und ihre Hoffnung, mich loszuwerden, ebenso. Ich hob den Kopf und betrachtete Moons wildes, verzweifeltes Lächeln, das Gesicht der wahren Moon. Die fröhliche, alberne, glückliche Moon der vergangenen Wochen – nichts als eine Theateraufführung.
Wir hatten beide umsonst gekämpft. Erst in diesem Moment begann ich sie zu hassen.