23.

Ich wünschte mir, zu verschwinden. Nach dem Marsch und der Flucht tat mein ganzer Körper weh, aber mich auszuruhen, war unmöglich, weil Benni unentwegt in diesem penetranten hohen Ton jammerte, der mich zur Weißglut trieb. Schließlich gab ich es auf und ging an den See, wo Orion im hohen Gras saß und Steine ins Wasser warf. Ich sah eine Weile zu, wie sie über die dunkle Oberfläche hüpften. Wolken waren aufgezogen und färbten den See dunkelgrau.

»Setz dich ruhig«, sagte er zu mir. »Es gibt hier Ameisen, aber ansonsten ist es sauber. Hörst du diese Geräusche vom See her? Enten. Teichhühner. Unglaublich, wie viel Leben sich hier versammelt.« Seine schwarzen Haare waren nass. Er duftete nach Wasser und Gras und Seife. Die Kleidung, die sie für ihn aufgetrieben hatten, passte ihm nicht – die Ärmel waren zu kurz und das grünbraune Tarnhemd hatte er vorne offen gelassen. Da er barfuß war und mit den Zehen im schlammigen Kraut grub, fiel es kaum auf, dass die Hosenbeine auf halber Höhe der Waden endeten.

»Haben sie nichts Besseres zum Anziehen für dich?«

»Meine eigenen Sachen hängen zum Trocknen in einem Baum«, sagte er. »Es geht ihnen gegen den Strich, aber ich bekomme sie wieder. Selbst Paulus musste zugeben, dass ich so nicht herumlaufen kann.«

»Der gute Paulus. Hat er sich endlich entschieden, was er mit dir macht?«

»Noch nicht. Seine Majestät überlegt noch.« Da war es wieder, ein Aufblitzen von … von was? Wut? Wahnsinn? Er lächelte, aber ich traute diesem Lächeln nicht.

»Hey«, sagte ich leise und griff nach seiner Hand. »Wenn er dich in eine andere Gruppe schickt, gehe ich mit, das ist dir doch klar?«

»Ich bin nicht hergekommen, um in eine neue Art von Gefangenschaft einzutreten«, sagte er leise. Da war diese Wildheit in seinem Blick, wie eine fremde Seele in seinen Augen. »Was ist daran so lustig?«

»Nichts«, sagte ich, doch ich konnte das Lächeln nicht bezähmen, das auf meinem Gesicht wuchs. »Ich bin nur erleichtert.«

»Erleichtert? Worüber?«

Ich ließ nicht zu, dass er mir seine Hand entzog. »Dass du so denkst wie ich. Keine Gefangenschaft. Kein aufgezwungenes Glück. Wir könnten noch weiter in die Wildnis gehen, wenn es nötig ist.« Doch während ich sprach, wurde mir bewusst, was dieses »Weiter« bedeutete – nicht nur noch mehr Wildnis (und reichte mir das hier nicht schon?), noch mehr Gefahr (und wir waren nur knapp entkommen, was wussten wir, was noch alles in diesen Wäldern lauerte?), noch mehr Hunger und Frieren, Nässe und Schmutz, sondern vor allem noch weiter weg von Lucky.

Ich sah auf den See hinaus und stellte mir vor, dass Lucky neben mir saß, gerade so nah hinter mir, dass ich seine Anwesenheit spüren konnte.

Was für ein fantastischer Anblick, sagte er. Ich blickte mich nicht um, weil ich die Illusion nicht zerstören wollte, aber ich wusste, sein Lächeln würde warm und verträumt sein. In seinen Augen würde so viel Glück liegen, dass es wie ein Funke war, der in meinem eigenen Herzen ein Feuer aus singender Zufriedenheit entfachte.

Findest du?, fragte ich zurück und tat trotzig. Alles ist grau und mir tun sämtliche Knochen weh und überhaupt sind hier alle viel unfreundlicher als zu Hause.

Aber Lucky lachte bloß. Ja, ich wusste, dass er darüber nur lachen würde.

In meiner Brust war ein merkwürdiges Ziehen.

»Es wäre dumm, jetzt schon zu gehen. Ich weiß noch zu wenig darüber, wie man hier überlebt. Also spielen wir erst einmal mit.« Orion beobachtete mich, aber er wusste nicht, dass ich nicht alleine hier war, sondern dass Lucky bei mir war wie ein unsichtbarer Schatten. »Sei froh, dass du gut untergekommen bist. Der liebe Doktor hat nicht einmal ein Zelt, und ich werde im Freien schlafen müssen. Das alte ist in Flammen aufgegangen. Wir müssen uns irgendwie anders behelfen, bis wir ein neues haben. Alles ist hier knapp.« Er zupfte an seinen Ärmeln.

»Hier seid ihr ja.« Jeska stapfte durchs Gras auf uns zu und rieb sich die dünnen Arme. Der Wind frischte auf und es begann zu nieseln. Winzige Punkte störten den glatten Spiegel des Wassers. »Habt ihr es schon gehört? Ein paar von den Männern gehen zurück ins alte Lager. Falls irgendetwas Nützliches das Feuer überstanden hat, werden sie es herbringen. Und das Beste ist: Sie wollen Bennis Spielsachen mitbringen! Dann wird er sich endlich beruhigen.«

»Was?«, fragte ich entsetzt. »Aber es heißt doch, dass die Regs zurückkommen, wenn jemand von ihnen gestorben ist. Die Jäger könnten im alten Lager sein!«

»Sie haben Bomben abgeworfen und eine Frau erschossen«, sagte Jeska. »Niemand von ihnen wurde getötet, also haben sie keinen Grund, nochmal dort aufzukreuzen. Sie haben einen Teil unseres Lagers zerstört und damit erreicht, was sie wollten. Und, die Hauptsache, sie haben Alfreds Zelt erwischt.«

»Der ganze Aufwand, nur für sein Zelt?«, fragte Orion. »Gönnen die Regs euch keinen eigenen Arzt?«

Mir machte etwas ganz anderes Sorgen. Gabriel hatte einen Jäger umgebracht. Wie konnten die Männer zurück zum alten Lager gehen, wenn dort vielleicht wütende Leute auf sie lauerten, die Rache wollten, Leute mit Hubschraubern und Bomben?

»Wo ist Gabriel?«, rief ich. »Was sagt er dazu?«

»Gabriel ist gar nicht da«, antwortete Jeska. »Paulus war sauer auf ihn und hat ihn losgeschickt, um die Fallen zu überprüfen.«

Was war mit den anderen, die dabei gewesen waren? Der hagere Mann, dessen Namen ich vergessen hatte. Die hübsche Lumina. Hatte denn keiner von ihnen Einspruch erhoben?

Ich musste sofort zu Paulus, damit er die Gruppe zurückholen ließ! Dann fiel mir ein: Das ging nicht, denn Gabriel hatte uns alle Stillschweigen schwören lassen.

Du kannst Gabriel nicht verraten, sagte Lucky zu mir.

Ich weiß, beruhigte ich ihn. Keine Sorge. Ich lasse mir was einfallen.

»Ich … hab was vergessen«, stammelte ich und hetzte zum Lager zurück, sehr zum Erstaunen von Orion und Jeska, die mir irgendetwas nachriefen.

Zum Glück war die Gruppe noch nicht aufgebrochen. Von Paulus war nichts zu sehen, aber ich fand Jakob vor, der sich gerade von Ricarda erklären ließ, was er für Benni mitbringen sollte.

»Kann ich mal kurz mit dir sprechen?« Ich vergaß meine Scheu vor dem finsteren Jakob und zerrte ihn am Ärmel von den Zelten weg, weiter unter die Bäume. »Ihr dürft nicht gehen!«

»Und warum nicht?«, erkundigte er sich.

»Weil die Regs da sein werden!« Nur mit Mühe dämpfte ich meine Stimme.

»Ach«, sagte Jakob bloß.

Er schwieg, und ich schwieg auch.

Es reichte nicht; ich musste deutlicher werden.

»Und wenn ich einen Jäger getötet hätte?«, flüsterte ich. »Wenn sie da wären, um auf mich zu warten?«

Über uns trommelte der Regen immer stärker auf die Blätter.

»Du?«, fragte er schließlich, eine Frage wie ein heiseres Lachen. Die Nachricht regte ihn nicht besonders auf. Im Gegenteil, mein Geständnis schien ihn zu amüsieren.

»Ja.«

»Wie denn?«

»Ich hab mich auf ihn gestürzt, und er ist unglücklich gefallen und hat sich das Genick gebrochen.«

»Wenn das wahr wäre, würde Paulus dich verbannen«, sagte Jakob gelassen. »Aber es ist nicht wahr, also geh mir aus dem Weg.«

Er schob mich einfach beiseite und ging.

Am Nachmittag war Gabriel immer noch nicht zurück. Ricarda schickte Jeska und mich zum Beerensammeln aus, was mir gar nicht recht war, denn Paulus hatte angekündigt, dass er heute endgültig über Orions Verbleib in der Gruppe entscheiden würde.

»Wahrscheinlich will er die Zeit nutzen, solange Gabriel aus dem Weg ist«, meinte Jeska fröhlich, während sie sich eine Handvoll Blaubeeren in den Mund stopfte.

»Die zwei sind sich nicht ganz grün, was? Warum tragen sie eigentlich die gleiche Plakette? Hat das was zu bedeuten?«

»Oh, das.« Ein Schatten flog über ihr Gesicht, gefolgt von einem Leuchten. »F steht für Freiwild. N für Neustadt. Die Regs haben Paulus diese Kette umgehängt. Sie haben ihm das Kreuz auf die Stirn tätowiert und ihn dann laufenlassen, zum Abschuss freigegeben.«

»Wie furchtbar! Sie hatten ihn erwischt?«

»Er war lange Zeit ihr Gefangener. Erst danach, als er zurückkam, wurde er unser Anführer. Denn er kennt die Jäger am besten. Sie wollten ihm Angst einjagen, aber sie haben sich einen Feind geschaffen. Die Kette hat er behalten. Er hat sie umbenannt. Jetzt steht das F für Freiheit und das N für die neue Welt, von der wir träumen. Eine Welt, in der sie nicht die Jäger sind und wir nicht das Wild.« Sie klang sehr erwachsen, als sie das sagte, und ich erriet, dass dieser Satz wie eine Art Lied war, etwas, das jeder hier auswendig konnte. Sofort sah ich wieder Star vor mir, die mit blutigem Rücken fiel … hörte die Schüsse …

Ich musste mich zwingen, in die Gegenwart zurückzukehren. »Und Gabriel? Warum hat der auch eine?«

»Die zweite Plakette trug Paulus’ Frau. Als die Regs sie erschossen haben, hat Paulus ihre Kette Gabriel gegeben, zum Andenken an seine Mutter.«

Ich blieb stehen. »Was? Gabriel ist Paulus’ Sohn?«

Vielleicht hätte mir die Ähnlichkeit schon vorher auffallen sollen. Das dunkelblonde Haar, die drahtige Statur. Aber Paulus hatte verboten, sich gegen die Regs zu wenden, um nicht ihre Rachegelüste zu wecken, und Gabriel hatte einen der Jäger erstochen.

»Das Problem ist bloß«, fuhr Jeska mit einem verschwörerischen Grinsen fort, »dass er auch Alfreds Sohn ist.«

Sie freute sich sichtlich über meine verblüffte Miene.

»Kein Mensch hat zwei Väter«, widersprach ich.

»Gabriel schon. Er war der Sohn von Paulus, aber wie gesagt, die Jäger haben sie beide erwischt, Paulus und seine Frau Jala. Alle dachten, seine beiden Eltern seien tot. Also hat Alfred Gabriel bei sich aufgenommen und angefangen, ihn auszubilden. Aber dann kam Paulus wieder und wollte Gabriel zurückhaben, und es gab einen bösen Streit. Gabriel wollte lieber bei Alfred bleiben, und schließlich musste Paulus ein Machtwort sprechen.«

Auf einmal gab dieser Satz einen Sinn: Du kannst mir nicht noch einen Sohn verweigern …

»Paulus wird Orion wegschicken, oder?«, fragte ich.

Das waren schlechte Aussichten. Wenn die Männer sich so hassten, wie konnte ich dann hoffen, dass Paulus dem Arzt einen Wunsch erfüllte?

»Keine Ahnung«, sagte sie. »Paulus ist immer für eine Überraschung gut.«

Erst als wir die Zelte unter den Netzen erreichten, ein paar Kinder uns lautstark ankündigten und eine groß gewachsene Gestalt mit Krücken auf uns zuhumpelte, konnte ich wieder richtig atmen.

»Orion!« Ich schlang die Arme um ihn. Atmete seinen Duft ein, nach Gras und See. Wahrscheinlich hatte er wieder stundenlang am Ufer gesessen. »Du bist noch da!«

»Und das Beste ist, ich bleibe auch«, sagte er. Stand wie ein Fels, trotz seines Beins, trotz seiner Schulter. »Ein paar Männer bringen Rightgood zu den Wildschweinen, und wir zwei gehören nun offiziell zu den Damhirschen. Na, wie gefällt dir das? Paulus hat seine Entscheidung getroffen, und Alfred hat wieder einen Helfer – einen ziemlich angeschlagenen, muss ich allerdings hinzufügen.«

Ich erinnerte mich an seine Verletzungen und gab ihn hastig wieder frei. Die Schüsse in meinen Ohren wurden leiser, so leise, dass ich das Schnattern der Enten auf dem See hörte, das Wispern der Blätter im Abendwind. Stars blutende Gestalt verblasste vor meinen Augen.

Wir sind angekommen, flüsterte Lucky.

Am nächsten Tag kamen Jakob und seine Begleiter schwer bepackt zurück, heil und gesund.

Das Brot war so hart, dass ich mir fast die Zähne daran ausbiss.

»Dummerchen. Du musst es im Tee einweichen«, erklärte meine neue Schwester mir. Sie hatte zwei Becher Tee von einer Familie ein paar Zelte weiter ergattert.

Niemand durfte einfach so ein Lagerfeuer machen, denn der Rauch konnte den Jägern verraten, wo wir waren.

»Ab und zu haben wir unser eigenes Feuer«, verriet mir Jeska. »Aber zurzeit ist es streng verboten. Paulus befürchtet, die Regs könnten Orion suchen.«

»Wirklich? Das hat er mir gar nicht erzählt.« Ich nippte von der heißen Flüssigkeit und verbrühte mir die Zunge. »Frühlingswetter! Ich dachte, wir haben kein Feuer!«

Meine neue Schwester lachte. »Frühlingswetter? Ich finde es einfach zu lustig, wie du fluchst.« Dann senkte sie die Stimme. »Wir haben eine Sonnenschüssel in unserer Gruppe. Du hast sie bloß noch nicht zu Gesicht bekommen. Sie ist wertvoll, und ein paar der anderen Familien sind immer noch etwas misstrauisch euch gegenüber.«

»Eine Sonnenschüssel?«

»Eine Schüssel, die die Sonnenenergie benutzt. Ich darf dir nicht zu viel verraten, falls du doch eine Spionin bist, aber wir haben ein paar Solargeräte, die wir verstecken müssen, damit sie nicht den Jägern oder anderen Gruppen in die Hände fallen. Wir haben sogar einen Computer und ein Radio.«

»Die Gruppen bestehlen sich gegenseitig?«

»Es gibt überall schlechte Menschen. Sogar hier in der Wildnis.«

Ich erwiderte ihr Lächeln. Dann hörte ich die klaren Gedanken in meinem Kopf sagen: Sieh an.

»Ich wette, ihr könnt sogar das Programm von Neustadt hören, stimmt’s? Habt ihr vielleicht sogar einen Fernseher?« Beantwortete das nicht endlich die Frage, woher die Damhirsche von der Öffnung des Tores wussten?

Jeska seufzte trübsinnig. »Wenn die Jäger nicht wären und die durchgedrehten Mörder, könnte das Leben hier echt schön sein.«

»Sogar das Brot schmeckt gut, wenn man es lang genug eintaucht«, fügte ich hinzu.

»Habt ihr noch was für mich übrig?« Der große Schatten, der über uns fiel, konnte nur Orion gehören.

»Bitte sehr.« Jeska starrte ihn beeindruckt an. Er war der Einzige, der sie dazu brachte, länger als eine Minute zu schweigen.

Orion setzte sich neben mich und verbreitete sofort eine Atmosphäre von Wohlbehagen und Sicherheit. Er legte seine Krücken neben sich ins Gras und streckte das Bein aus. Dann schnupperte er neugierig an meinem Becher. »Das riecht wie meine Arznei.«

»Du kannst ihn gerne haben«, sagte ich, denn Orion hatte ständig Hunger oder Durst. Er sah gut aus. Erholt. Auch wenn seine Augen vielleicht nie diesen wachsamen Ausdruck verlieren würden. »Die Wildnis hat viele Überraschungen parat«, meinte er gut gelaunt. »Eine davon ist, was für hervorragende Ärzte es hier gibt. Und wie jung der eine oder andere ist! Wenn Alfred nicht gerade jemanden behandelt, probiert Gabriel heimlich irgendeine neue Methode aus.«

»Wenn dir das alles zu viel wird, kannst du dich auch in unserem Zelt ausruhen«, bot ich ihm an, worauf Jeska glühend rot wurde.

»Ich muss wieder an die Arbeit«, sagte sie hastig. »Und du auch, Pia.«

Die Damhirsche waren erstaunlich gut organisiert; dafür, dass ihr voriges Lager vor wenigen Tagen erst in Flammen aufgegangen war, hatten sie alles gut im Griff. Es gab, soweit ich beobachten konnte, eine genaue Aufgabenverteilung, sodass jeder wusste, was er zu tun hatte. Die einen kümmerten sich um die Zelte, andere gingen Tiere erlegen oder fischen, einige Frauen und halbwüchsige Kinder waren am See, um Wäsche zu waschen.

Für mich hatten sie noch keine richtige Arbeit gefunden; erst wollten sie herausfinden, wofür ich begabt war. Heute sollte ich lernen, welche Kräuter man für Tee benutzen konnte.

Lumina ordnete gerade verschiedene Büschel von Blättern und welken Blüten, als ich auftauchte. »Diese hier trockne ich an den Ästen«, sagte sie, ohne aufzublicken. »Man muss sie zusammenbinden und einen Platz suchen, an dem sie vor Regen geschützt sind.«

Ich fühlte mich seltsam verlegen, als ich mich neben sie kniete. Sie kam mir so selbstsicher vor, so wissend. Ihr Haar hatte sie im Nacken zusammengebunden, und ich sah die feinen Schweißtröpfchen an ihrem Hals. Es war ein heißer Tag, bei dem man sich nicht bewegen mochte.

»Man muss sie früh morgens ernten, wenn der Tau schon getrocknet ist, die Sonne aber noch nicht im Zenit. Das hier ist Wegerich. Brennnesseln kennst du sicher.«

»Ja«, sagte ich und lutschte an meinem Daumen. »Jetzt schon.«

Sie grinste. »Am besten, ich erkläre dir den Aufbau der Blätter und Blüten, dann ist es leichter, sie auseinanderzuhalten. Ansonsten ist alles nur grünes Zeug.«

»Vor kurzem hätte ich es nicht mit der Zange angefasst, aber ich bin durchaus lernfähig.«

»Ja«, sagte sie und schenkte mir einen nachdenklichen Blick. »Ich glaube, das bist du.«

Der Nachmittag verging wie im Flug. Lumina verstand es, mir die Unterschiede deutlich zu machen, und bald konnte ich von den unterschiedlichen Blattformen und dem Aufbau von Stängeln fachsimpeln. »Wer weiß, vielleicht wirst du eine Kräuterfrau? Wir tun hier ein paar Dinge, die Alfred nicht so liegen. Er spricht nicht gerne mit Frauen … darüber.« Und dann sagte sie unvermittelt: »Es gibt Kräuter, die du einnehmen solltest, wenn du nicht schwanger werden willst.«

»Oh, aber wir …«, stammelte ich, »danke, das ist nicht nötig.« Jetzt wusste ich, warum Ricarda mich zu Lumina geschickt hatte. Wahrscheinlich sollte ich ihr noch dankbar sein, dass sie mich nicht danach gefragt hatte.

»Ansonsten hätte ich noch einen guten Tee gegen Menstruationskrämpfe anzubieten.«

In diesem Moment wurde mir klar, warum ich mich heute so schlapp fühlte. »Bei mir ist es nie besonders schlimm.«

»Das ist gut. Alle Arten von Krankheit sind hier draußen gefährlich. Immerhin sind wir fast ständig auf der Flucht. Am besten, du sprichst mit deiner Mutter darüber, was du tun musst, wenn du deine Tage hast.«

Na, wunderbar. Genau das Thema, über das ich mit Ricarda reden wollte. Aber mir blieb nichts anderes übrig. Morgen würde es wahrscheinlich losgehen, spätestens übermorgen.

»Tücher?«, fragte ich entsetzt. »Stoffstreifen? Und ich muss sie auch noch selbst auswaschen?«

»Meinst du etwa, ich sollte das tun?«, fragte Ricarda, ohne die Miene zu verziehen. »Du bist alt genug, um dich um deine eigene Wäsche zu kümmern. Wasch alles im See, im kalten Wasser. Du kannst die Streifen dort auch zum Trocknen aufhängen.«

»Wo alle sie sehen können?« Ich war kurz davor, loszukreischen.

»Sei froh, dass wir eine Frauenbadestelle haben, die den Männern verboten ist. Eine eigene Pia-Badestelle kann ich dir leider nicht anbieten.«

Wenn Lucky nur hier gewesen wäre.

Zusammen hätten wir darüber lachen können. Er hätte meine Hand genommen und mich angeschaut und gesagt: Du wirst doch nicht aufgeben, Pi, nur weil es hier kein abschließbares Badezimmer gibt? In seinen Augen hätte ich dieses Funkeln entdeckt, das den neuen, wachen Lucky auszeichnete, die unbändige Lust am Leben. Sammle jedes Gefühl, Pi, sagte er. Jeden Ärger, jede Regung Wut, jedes ehrliche Lachen. Für mich. Nimm alles mit, Pi, für mich.

Weil er nicht hier war, musste ich für uns beide fühlen. Aber etwas mehr, hm, Spaß hätte ich dem hier vorgezogen. Meine Hände waren aufgeweicht und rau vom Schrubben der unangenehmsten Sorte Wäsche, die es auf dieser Erde gab, mein Herz erfüllt von Groll über die Ungerechtigkeit, ein Mädchen zu sein. Vermutlich würde Ricarda mich als Nächstes dazu zwingen, Fische auszunehmen oder zu nähen.

Auf beides war ich nicht gerade scharf.

Danach hatte ich eine Pause verdient, fand ich. Statt nach meiner Tagesaufgabe zu fragen, ging ich weiter am Ufer entlang. Jede Bewegung meiner bloßen Fußsohlen auf dem Gras rief ein neues Gefühl hervor. Es kratzte. Juckte. War glitschig. Die oberen Halme dagegen waren schon getrocknet, sie waren hart und rund und besaßen fedrige Wedel.

Offenbar hatte ich den Bereich der Frauenbadestelle hinter mir gelassen, denn da saß Orion am Ufer.

»Hey, kleine Bohne.«

»Wie bitte?«, fragte ich und gab vor, ihn nicht zu verstehen.

»Erbse? Es waren Erbsen, stimmt’s? Also nochmal: Guten Tag, kleine Erbse.«

»Ich lache nicht«, sagte ich. »Hörst du mich etwa lachen?« Wenn er Jeska meinen richtigen Namen verriet, war ich erledigt.

»Du kannst mich Stern nennen«, schlug Orion vor, während er seine behelfsmäßigen Krücken gegen den Baumstamm lehnte, der morgens den Anglern als Sitzgelegenheit diente.

»Das hättest du wohl gerne. Meine Füße schließen gerade Freundschaft mit der Wildnis. Wag es nicht, mich zu stören.«

Orion streckte sein Bein lang aus. Er hatte den strikten Befehl, sein Fußgelenk zu schonen, egal ob er die Schmerzen für bemerkenswert hielt oder nicht. Solange war er ans Lager gefesselt. Das störte ihn sehr; im Gegensatz zu mir wollte er sich unbedingt überall beteiligen und hatte es daher eilig, schnell gesund zu werden.

»Jeska kam vorhin vorbei. Du sollst heute Pilze sammeln, soll ich dir ausrichten, falls ich dich sehe.«

»Nicht schon wieder Pilze!«

Sie auch nur anzufassen ekelte mich. Die Vorstellung, diese seltsamen, schwammigen Gebilde zu essen, erfüllte mich mit Graus. Dann lieber Kräuterkunde bei Lumina.

»Denk einfach nicht drüber nach«, empfahl mir Orion. »Tu das, was alle tun, und fertig. Gestern habe ich zwei Körbe voll Pilze in Stücke geschnitten. Ich habe es überlebt, wie man sieht.«

»Für dich ist alles so leicht«, beschwerte ich mich. »Das ist ungerecht. Macht es dir gar nichts aus, in diesem Dreck zu leben?«

»Dreck?«, fragte er verwundert. »Wo ist hier Dreck? Ich sehe einen See, über dem Nebelschwaden liegen. Dieses komische Schnarren hinter uns kommt von den Elstern, und ich hab heute Morgen auch ein paar Gänse gehört.«

Das hätte Lucky nicht schöner sagen können. »Gabriel hat mir verraten, dass es heute Mittag Gänsebraten geben wird, wenn unsere Schützen Erfolg haben.«

Alle vermieden es, von Jagd und Jägern zu sprechen. Jäger, das waren die Regs. Unsere Leute dagegen besorgten bloß das Mittagessen. Sie waren Angler, Schützen oder Fallensteller, je nachdem, auf welche Weise sie der Natur Lebensmittel abrangen. Manche waren richtige Experten für das Sammeln bestimmter Arten von Speisen. Es gab »Wurzelgräber«, und eine Frau im Lager bestand sogar darauf, »Kornpulerin« zu heißen. Auch ihr hatte ich schon helfen müssen. Sie war diejenige, die dafür sorgte, dass es immer Brot gab. Wenn kein wildes Getreide in der Nähe des Lagers wuchs, verarbeitete sie die Rinde bestimmter Bäume zu Mehl oder behalf sich mit Bucheckern oder den Samen wilder Gräser. Sie hatte mir erzählt, dass sie manchmal sogar Felder anlegte, in der Hoffnung, dass sie weder den Jägern auffielen noch von anderen Gruppen geplündert wurden.

»Gabriel will mir heute das Schießen beibringen«, sagte Orion. »Ich konnte ihn davon überzeugen, dass ich auch ein paar Gänse vom Himmel holen kann, wenn sie bald in Schwärmen in den Süden fliegen. Meinem Bein ist es egal, ob ich in einem Versteck hocke und warte.«

Es war mir ein Rätsel, wie er sich so einfach in diese Gemeinschaft einfügen konnte. Die Leute hier hätten Grund gehabt, ihn zu hassen, denn er hatte den verhängnisvollen Ortungschip eingeschleust. Doch sie liebten ihn, weil er Alfred, der bei der Explosion des Lagers von herumfliegenden Trümmerteilen und Splittern getroffen worden war, hergeschleppt hatte. Weil er zu jedem freundlich war, mit allen redete, und ich war mir ziemlich sicher, dass er jeden im Lager mit Namen kannte, während ich mich immer noch schwer tat, selbst die Leute auseinanderzuhalten, die ich täglich beim Mittagessen traf.

Das sind jetzt unsere Leute, sagte Lucky. Sein warmer Atem blies mir ins Ohr. Manchmal, wenn ich sein Gesicht vor mir sah, löste es sich langsam auf wie Frühnebel, wenn die Sonne höher steigt, und ich hätte nicht sagen können, welche Augenfarbe er hatte oder wie seine Nase geformt war. Ich konnte nie verhindern, dass er verschwand.

»Gänsebraten soll gut schmecken, habe ich mir sagen lassen«, meinte Orion. »Die Sonnenschüssel ist nicht heiß genug, um den Vogel im Ganzen durchzugaren, deshalb muss man ihn zerteilen. Aber Lumina hat noch ein paar Tricks auf Lager. Eine Glut in einem Erdloch. Gibt gar keinen Rauch, man muss nur aufpassen, dass die Belüftung funktioniert. Dann ist die Gans nach drei, vier Stunden gar. Und das Beste ist, man kann mehrere Gänse auf einmal in der Grube zubereiten!«

»Ah«, sagte ich, »klingt gut.«

Mein Magen war ganz wild auf Fleisch. Mein Magen war ja sogar bereit, Pilze zu essen und merkwürdige scharfe Wurzeln und herbe Blätter. Ihn störten keine Sorgen, dass man davon krank werden könnte. Er wollte nur immer mehr. Ich lebte mit einem ganz üblen Verräter zusammen, der stärker war als jedes kluge Argument.

»Ich muss zu Gabriel, kommst du nun mit oder nicht?«

Orion hatte gerade sein Gewicht auf den Krücken verteilt, als Paulus aus dem Wald kam und auf uns zumarschierte. Er ging schnell, und schon von weitem konnte man an seinem Gesicht sehen, dass etwas nicht stimmte.

»Was ist denn mit dem los?«, fragte ich.

»Hoffentlich kein Überfall«, meinte Orion. »Wenn ich jetzt fliehen muss, kann ich mit meinem Bein wieder von vorne anfangen.«

Aber es ging nicht um die Jäger. Paulus baute sich vor uns auf, und obwohl er ein ganzes Stück kleiner war als Orion, fand ich ihn ziemlich einschüchternd. Das Medaillon um seinen Hals fing die Sonne ein und blendete mich, dieses Medaillon, das für die Menschen hier wie ein Lied war, ein Traum von einer neuen Welt.

»Du wirst nicht lernen, wie man schießt«, sagte er sofort.

»Wie bitte?«, fragte Orion. »Aber …«

»Kein Aber. Ich weiß, dass ein paar Männer dich gefragt haben und dass du Interesse gezeigt hast. Aber sie hätten dich gar nicht fragen dürfen, ohne vorher mit mir zu sprechen. Hör mir zu.« Er sprach überdeutlich, als hätte er es mit einem störrischen Kind zu tun. »Du lernst es nicht. Du wirst nicht einmal ein Gewehr oder eine Armbrust in die Hand nehmen. Ist das klar?«

Ich war so verblüfft, dass mir gar nichts dazu einfiel, aber Orion blieb wie immer äußerlich völlig gelassen. Nur seine Hände verkrampften sich um die Krücken, und daran erkannte ich das Ausmaß seines Zorns.

»Darf ich auch erfahren, warum?«, fragte er.

»Weil ich es so will«, gab Paulus zurück. »Ich habe mich bereit erklärt, dich bei den Damhirschen aufzunehmen, obwohl wahrlich genug dagegengesprochen hat. Um euer kleines Glück nicht zu zerstören.« Wie verächtlich das klang, wie ironisch. »Und um Alfred einen Gehilfen zu verschaffen. Du wirst dieser Gehilfe sein. Alles andere braucht dich nicht zu kümmern. Falls du dich über dieses Verbot hinwegsetzt, werde ich dich verbannen. Du wirst zu keiner anderen Gruppe kommen, in der ich etwas zu sagen habe, sondern allein in die Wildnis gehen. Willst du das? Antworte mir!«

»Nein«, sagte Orion. »Das will ich ganz gewiss nicht.«

»Gut. Dann verstehen wir uns.« Paulus warf mir noch einen Blick zu. »Wenn dir was an ihm liegt, Mädchen, pass auf ihn auf, damit er sich dran hält.«

Er war fertig. Ohne meine Antwort abzuwarten, drehte er sich um und marschierte zum Lager zurück.

Wir blieben reichlich perplex am Ufer stehen.

»Was war das denn?«, fragte ich schließlich.

»Das war der Tod unseres Gänsebratens«, sagte Orion und lachte.