30.

Der zweite Tote wurde hoch in den Hubschrauber gezogen. Ich erreichte die Regs, als der starre Leichnam im Inneren der schwarzglänzenden Kabine verschwand. Die beiden Jäger warteten auf mich, sie lächelten erleichtert, als ich zwischen den Bäumen hervortrat. Sahen nicht gut genug hin, um die Täuschung zu erkennen. Menschen erblicken nur das, wonach sie Ausschau halten. Und welcher Neustädter hätte erwartet, dass die Wilden auf solche verrückten Ideen kamen?

Da senkte sich wieder etwas aus dem Hubschrauber herab, eine Art Gondel, die schwingend durch die Baumwipfel nach unten fuhr. Sie war klein, nur für eine Person gedacht.

Einer nach dem anderen wurden wir nach oben gezogen. Ich war als Nächste dran. Seltsamerweise war ich ganz ruhig, während die Erde sich unter mir immer weiter entfernte. Der See leuchtete wie ein Stück Himmel. Von oben waren die Bäume ein herbstgoldener Teppich, von roten und grünen Flecken unterbrochen.

Mein Herz klopfte etwas schneller, doch alle anderen Gefühle waren verschwunden, selbst meine klaren Gedanken versteckten sich. Falls ich auf intelligente Vorschläge gehofft hatte, wurde ich enttäuscht. Ich war völlig auf mich gestellt.

Das Innere des Hubschraubers rückte näher, der Lärm wurde ohrenbetäubend, und schon waren da ein paar starke Hände, die nach mir griffen und mich ins Innere der Kabine zogen. Ich landete auf dem Rücken, drehte hastig das Gesicht zur Seite. Streckte den Daumen in die Höhe, zum Zeichen, das alles glatt gelaufen war, und rettete mich auf einen Sitz, der möglichst weit vom Piloten entfernt war.

Vor mir lagen die beiden Toten, in Decken eingewickelt. Und mir gegenüber saß ein Kind in einem schwarzen Jägerkostüm. Weiches blondes Haar. Augen, blau wie der See unter uns.

Marty Mozart. Der Junge aus dem Genesungshaus, der Sohn des Glücksministers.

Während des Flugs saß ich da, stumm wie die anderen, und war dankbar für das Dröhnen, das es unmöglich machte, sich zu unterhalten. Ich hatte die Ellbogen auf den Knien aufgestützt und das Gesicht in den Händen verborgen. Trotzdem wusste ich, dass Marty mich beobachtete. Dass er mich erkannt hatte.

Er schwieg. Und so schwieg ich auch, wartete, wagte nicht zu hoffen, versuchte, nichts zu fühlen.

Nichts.

Mein Magen machte ein paar Sprünge, während die fliegende Höhle uns durch die Luft trug. Sich schließlich senkte. Durchs das Fenster sah ich Häuser, die auf der Seite zu liegen schienen. Rasch konzentrierte ich mich wieder auf meine Hände, das einzige Vertraute in dieser Umgebung. Mir war ein wenig übel, als ich schließlich feststellte, dass wir gelandet waren und sich nichts mehr bewegte. Die Toten wurden rausgetragen.

»Hallo? Savannah, schläfst du?«, rief jemand ungeduldig.

»Meine Schwester ist gleich so weit.« Martys Stimme.

Ich blickte auf. Seine blauen Augen waren ernst. Er wirkte verwirrt und verletzlich.

»Komm«, sagte er, und ich folgte ihm nach draußen.

In der Geschäftigkeit auf dem Platz gelang es uns, weiterzulaufen, obwohl jemand hinter uns unsere Namen rief. Seinen richtigen. Meinen falschen.

»Marty! Savannah!«

Doch Marty packte mich an der Hand und zog mich weiter, er rief: »Komm, komm mit«!

Mein aufgewühltes Gemüt brauchte eine Weile, um die Umgebung überhaupt wahrzunehmen. Über uns der weite Himmel, graue Wolken schoben sich über das Blau. Niedrige, flache Gebäude. Eine Straße vor uns. Und dort, wohin wir liefen, waren noch mehr Häuser. Häuser, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Nichts war hier so bunt wie in der City. Dunkle Klötze, schimmernd, schwarz wie die Nacht. Lichtmuster liefen über die Oberfläche. Fenster spiegelten den Tag. Grüner Rasen aus echtem Gras, dicht und weich wie ein Samtteppich, Büsche, doch nicht wie ich sie vom Wald her kannte, sondern akkurat in eckige Formen geschnitten. Mauern, so niedrig, dass man darüber springen konnte, aber ich war mir ziemlich sicher, dass hier niemand über den Rasen lief und auf den Mauern balancierte.

»Papa war da, auf dem Landeplatz«, sagte Marty. »Er hat uns gesehen, aber bis er hier ist, haben wir noch ein paar Sekunden. Wo ist meine Schwester? Was ist mit ihr passiert?«

Flehend starrte er mich an.

»Savannah ist deine Schwester?« Ich starrte zurück. Es fiel mir schwer, den kranken Jungen, der sich vor dem Sterben gefürchtet hatte, mit diesem kleinen Jäger in Verbindung zu bringen. Nur vom Anblick seiner dunklen Tracht wurde mir übel. Doch sein Gesicht war, obwohl blass und schmal, immer noch ein Kindergesicht.

»Was hast du in dem Hubschrauber gemacht?«, fuhr ich ihn an. Ich packte ihn bei den Schultern, schüttelte ihn. »Verdammt, Marty!«, schrie ich. »Was hast du in dem Hubschrauber gemacht, verflucht, was hast du mit den Jägern zu schaffen?«

»Wo ist Savannah?«, wiederholte er, seine Stimme wurde weinerlich.

Hinter uns öffnete sich eine Tür in einem der spiegelnden Quader.

»Was ist hier los? Marty, du bist zurück?«

Diesen jungen Mann kannte ich ebenfalls aus dem Genesungshaus. Damals schon hatte er mich nicht beachtet, und auch jetzt hatte er zunächst nur Augen für Marty. »Ist es gelaufen, wie du wolltest?« Doch diesmal war die Stimme des Blonden nicht freundlich, so wie im Genesungshaus, sondern scharf und zornig. »Ist es das?«

Dann wandte er sich mir zu. »Du machst mich krank, Savannah. Was hast du dir dabei gedacht, ihn mitzunehmen. Reicht es nicht, dass du …« Im selben Moment, während ich hastig zurückwich, bemerkte er seinen Fehler. »Du bist nicht … He, warte!«

Doch da rannte ich schon.

Waren wir wirklich in Neustadt? Nichts war mir hier vertraut. Eine Straße, geschwungen wie das Ufer des Sees. Gras, kurz und seidig glänzend wie ein Teppich aus Moos unter den Bäumen. Häuser wie Steine, wie mächtige Würfel, in Schwarz und Grau und Weiß, marmoriert, rötlich, Häuser aus Marmor oder Granit, mit kühlen, glatten Kanten. Ich lief, so schnell ich konnte, denn irgendwo musste ein Ausweg sein, musste es hinausgehen aus dem Labyrinth.

Wo waren die Türme der City?

Hinter den Häusern leuchtete Grün, Grün und nochmals Grün.

Das Agrarland.

Die Regs hatten ihre eigene Siedlung im Agrarland, inklusive Gras und Blumen.

Ich hatte keine Zeit, zu lachen oder zu weinen. Die Schritte hinter mir verstummten nicht, wurden nicht leiser. Mein Verfolger war schnell. Wieder rannte ich um eine Ecke, doch er sprang einfach über das Gras und die Mauern und packte mich. Wir gingen gemeinsam zu Boden, und er drückte mich auf die Straße, auf den harten Asphalt, und selbst jetzt, in seiner Wut, konnte er nicht damit aufhören, schön zu sein. So hübsch wie Moon, wie Savannah, wie eine männliche Variante der beiden, ein Kind aus einer Schublade hinter den Stahltüren, dachte ich vage, während sich seine eisblauen Augen auf mich richteten.

»Wer bist du? Was hast du mit …« Und dann erkannte er mich plötzlich. »Du bist das Mädchen aus dem Genesungshaus! Du warst bei denen, die den Spender besucht haben.«

»Lass sie los.« Marty schnappte nach Luft, sein Gesicht rot von der Anstrengung des Laufens. »Lass sie los, Ruben, habe ich gesagt! Sie ist meine Freundin.«

Aber sein Bruder ließ mich nicht los. Er kniete immer noch halb auf mir, sein Gewicht drückte mich auf die Straße, ich spürte jeden einzelnen Wirbel in meinem Rücken.

»Bitte, Ruben«, drängte Marty. »Da hinten kommen sie schon.«

Endlich reagierte der junge Mann. Er stand auf, ohne mich loszulassen, und zerrte mich an der Jacke, die seiner Schwester gehörte, hoch. »Ist Savannah tot?«

Hinter den beiden sah ich Leute, alle in Eile. Wahrscheinlich diejenigen, die Marty so nervös machten. Sie näherten sich rasch.

Ruben wirkte nicht mehr feindselig, sein Gesicht war von Sorge verzerrt. »Ist sie tot? Habt ihr sie da draußen umgebracht?«

»Nein«, sagte ich. »Sie lebt.« Und mehr konnte ich ihm nicht erzählen, denn nun waren die anderen da, Männer in grauen Anzügen, darunter ein paar grimmig dreinblickende Frauen. Den Mann, der mich von Ruben fortriss, kannte ich zu meiner eigenen Überraschung. Ich erinnerte mich sogar an seinen Namen.

Wart Stiller. Der bärtige Anzugtyp, der versprochen hatte, uns würde nichts geschehen, wenn wir nach Hause kamen.

»Warten Sie!«, rief Ruben. »Ich bin noch nicht fertig!«

»Wissen Sie nicht, wer wir sind?«, fragte Marty mit einer affektiert-arroganten Stimme, die ich ihm gar nicht zugetraut hätte.

»Tut mir leid, die Herren Mozart Junior«, sagte Stiller kühl. »Das fällt in unser Gebiet.« Ein grauer Wagen hielt neben uns. Auch die junge Frau, die mir die Tür aufhielt, kannte ich. Hatte sie für ihre naive Freundlichkeit schätzen gelernt.

»So sieht man sich wieder«, sagte Happiness Zuckermann. Stiller schubste mich auf die Rückbank. Die Türen schlossen sich, und wir brausten davon.

Der Raum war nahezu leer, und es gab keine Fenster. Nur einen Tisch, der am Boden festgeschraubt war, und zwei Stühle, die sich ebenfalls nicht verschieben ließen. Auf einem saß ich, auf dem anderen nahm Wart Stiller Platz. Happiness Zuckermann ging mit verschränkten Armen und einem strengen Lehrerinnenlächeln auf und ab. Ihre Absätze klapperten auf dem Betonboden, und auch wenn Moon mit ihrer Garderobe nach wie vor nicht zufrieden gewesen wäre, hätten wenigstens diese hochhackigen Schuhe ihre Zustimmung gefunden.

Stiller wollte alles wissen. Von unserer Flucht durch den Sumpf. Von Orion, ob der noch lebte. Immer wieder fragte er nach Orion. Wer uns in Empfang genommen hatte. Ob es eine von Paulus’ Gruppen gewesen war und ob sie einen Arzt hatten und wie der hieß. Wer die Jäger getötet hatte.

»Ich«, sagte ich immer wieder, und dann lachte er und zupfte an seinem Bart herum, bis ich irgendwann nur noch auf sein Kinn starrte und mit Entsetzen darauf wartete, ob er sich noch ein Haar ausreißen würde. Es hätte mich nicht kümmern sollen, und doch zuckte ich jedes Mal zusammen. Als ob ein einziges ausgerissenes Haar den Schmerz und das Blut und das Knacken von Knochen in sich trug, als wäre jeder Schmerz, so klein er auch war, das Samenkorn von noch mehr Schmerz, der die ganze Welt umfasste. Meine Dunkelheit war so groß, dass ich blind davon wurde. Dann musste ich mir auch die Bilder nicht ansehen, die er auf den Tisch legte. Bilder der Toten.

»Der Schädel wurde zerschmettert. Willst du mir wirklich erzählen, das seist du gewesen?«

Es tat gut, sich die Schuld ausreden zu lassen. Seine Worte strichen wie Balsam über die Wunde, die die Nacht des Schreckens in mir aufgerissen hatte. Er schrie mich an, aber es tat gut. Es machte mir nichts aus. In der Hinsicht war ich nicht nur blind, sondern auch taub. Fast überzeugte er mich davon, dass ich es nicht getan haben konnte, und so waren wir beide zufrieden, als ich endlich damit herausrückte, es sei Orion gewesen.

Womit? Mit den Waffen, die er den Jägern abgenommen hatte, natürlich. Nein, ich wusste nichts von anderen Waffen. Sie hatten Messer, zählte das?

Stiller stellte auch viele Fragen nach dem Anführer der Wilden. Dass ich Paulus nicht mochte, gefiel ihm, daher trug ich etwas dick auf, was meine Abneigung anging. Paulus und seine Gesetze. Er entschied, wer wen heiratete, wer welche verwaisten Kinder bekam. Man musste glücklich sein, und niemand sprach über seine Gefühle. Von Leidenschaft hatte ich nicht viel mitbekommen. Alles drehte sich nur ums Überleben.

Ich schilderte meine Abneigung gegen alles. Den Wald, das Gras, in dem es von Insekten wimmelte, die Parasiten, die in den Matten und Decken lebten.

Ob sie mir wohl glaubten, dass ich nur in den Hubschrauber gestiegen war, um dem Dreck und dem Hunger zu entkommen? Dass ich die Kleider der Jägerin gefunden und einfach angezogen hatte, weil ich es nicht mehr aushielt und endlich nach Hause wollte?

Was glaubte ich, was mit Savannah geschehen war? Dass die Wilden ihr die Kleidung vom Leib gerissen hatten, weil sie ein hübsches Mädchen war? Ich sagte, dass ich diesen fürchterlichen Menschen alles zutraute. Ich widersprach mir selbst und erinnerte daran, dass sie nach strengen Regeln lebten und es nicht wagen würden, die Regs zu verärgern.

Ich log, aber eigentlich log ich nicht – was wusste ich davon, was sie mit Savannah gemacht hatten, sobald ich weg war? Würden die Männer gnädig mit ihr verfahren, mit Jakobs Mörderin?

»Es reicht«, sagte Happiness, die mit ihrer Wanderung innehielt. »Das Mädchen fällt gleich vom Stuhl.«

Es erschreckte mich selbst, wie viel von dem, was ich sagte, keine Lüge war. Meine Abscheu vor dem Leben im Wald. Die Fremdheit, das Unglücklichsein, das Heimweh.

»Was ist mit meinen Freunden passiert?«, fragte ich mitten in eine Pause hinein, während Frau Zuckermann wieder auf und ab marschierte und Stiller sich zurücklehnte und seine Daumen umeinander kreisen ließ. »Was ist mit Moon und Lucky?«

Sein Gesicht hatte einen Graustich. Oder die ungünstige Beleuchtung war daran schuld. Jedenfalls fand ich, dass er furchtbar aussah, als er sich über den Tisch beugte, während sein Gesicht und sein zerrupfter Bart mir näherkamen. Ich sah die roten, blutenden Punkte an seinem misshandelten Kinn.

»Niemand weiß, dass du hier bist, Peas«, sagte er zu mir. »Weder deine Eltern noch sonst jemand, der dich kennt. Was sollte mich daran hindern, dich verschwinden zu lassen?«

Mein Herz setzte einen Moment aus. Er sprach nicht davon, das Tor zu öffnen und mich zurück zu den Wilden zu schicken. Er sprach von Eisentüren, die sich hinter mir schlossen, von Räumen ohne Fenster und ohne Hoffnung. Von Beton und grellem Licht und festgeschraubten Möbelstücken.

Seine Augen waren so kalt und schrecklich wie die eines Jägers, für einen Moment wurde er zu einer dunklen Gestalt, die vor meinem Versteck stehengeblieben war und mich fixierte.

Und auf mich anlegte.

Diesmal fand ich keine Kraft zum Kämpfen. Ich wurde klein und schwach vor seinem Blick, und die Finsternis in mir ballte sich zusammen zu einem Stein. Ich konnte nicht einmal darüber nachdenken, ihm irgendetwas an den Kopf zu werfen. Nur etwas in mir, geboren in der Nacht meiner Angst, in dem bitteren Geschmack auf meiner Zunge, dachte: Ich will ihn umbringen. Wenn ich ihn nur umbringen könnte. Wenn nur.

»Lass gut sein, Wart«, sagte Happiness, aber da klopfte es sehr offiziell an die eisenbeschlagene Tür, und sie ging hin und steckte den Kopf hindurch, tuschelte mit jemandem und verschwand.

»Meine kleine Peas«, zischte Stiller mich an, sobald wir allein waren. »Was sollte mich daran hindern, dich in einer Zelle verdorren zu lassen? Drei mal drei Meter, ein Metallbett, ein dünnes Laken. Immerzu frieren. Der Fraß, den man vorgesetzt bekommt, lohnt die Mühe der Verdauung nicht.«

Ich wollte nicht wissen, was in seinem Kopf vor sich ging, das Einzige, was ich mir wünschte, war, dass er mich in Ruhe ließ.

»Es ging um mein Kind«, sagte er, während auf dem Flur Stimmen laut wurden. »Mein Sohn. Calvin Stiller-Frühlingswetter. Es gab keine Niere mehr für ihn, weil du und deine dämliche Freundin den Spender aus dem Fenster geworfen haben.«

Ich wusste sofort, wovon er sprach. Die Liste. Die Namen. Calvin S Bindestrich Frühlingswetter.

»Ihr Sohn?«, fragte ich, ich versuchte, ein Kind vor mir zu sehen, einen Jungen mit den gleichen kalten, drohenden Augen. Aber ich sah nur Marty vor mir. Und Phil. Phil, klein und schmal auf dem Bett. Und Stars Tränen.

»Der Spender? Er hieß Phil, und er war Stars Bruder, und Sie hatten kein Recht …«, fing ich an, und dann begriff ich plötzlich. »Sie haben sie erschossen! Sie haben Star in den Rücken geschossen! Sie haben sie umgebracht!« Er war dort gewesen, am Tor. Ich hatte ihn nicht gesehen, aber Orion schon, Orion, der im Dunkeln sehen konnte wie eine Wildkatze.

»Wer sagt, dass sie tot ist?«

Wenn sein Lächeln nicht so kalt gewesen wäre, hätte ich Hoffnung geschöpft. Für Star. Für eine zauberhafte Vierzehnjährige mit wilden Gefühlen.

»Sie lebt?« Nein, ich legte keine Zuversicht in diese Frage, kein Verzeihen. Was immer sie mit Star gemacht hatten, es konnte nichts Gutes sein. Einen flüchtigen Moment lang erinnerte ich mich an Gandhi, der Straffreiheit für uns verlangt hatte, und gegen meinen Willen flammte die brennende Sehnsucht in mir auf, es könnte alles gut ausgegangen sein.

»Die Kleine hat den Spender beseitigt. Dafür, meine liebe Peas, ist sie selbst auf seinem Spenderbett gelandet. Eine Niere für meinen Sohn.«

»Ihr habt ihr eine Niere entfernt?« Mit einer Niere konnte man weiterleben.

»Ja«, sagte er. »Und das eine oder andere, was wir sonst noch gebrauchen konnten.«

»Sie Schwein!« Ich sprang über den Tisch, auf ihn zu. Bevor er wusste, was geschah, hatte ich ihm meine Fingernägel durchs Gesicht gezogen. Happiness stürzte zurück ins Zimmer, beide zusammen hatten Mühe, mich zu bändigen.

Sie zwangen mich auf meinen Platz zurück. Kaltes Metall legte sich um meine Handgelenke. Ich fauchte sie an.

Vorsichtig befühlte Stiller seine blutende Wange.

»Ich werde dafür sorgen, dass du ebenfalls in diesem Genesungshaus landest.« Er sprach immer noch mit gedämpfter Stimme, ließ sich von der Aufregung draußen nicht ablenken. »Du wirst dich in eine kleine, kalte Zelle wünschen, wenn du auf dem Bett liegst und sie dir ein Organ nach dem anderen entnehmen. Du wirst dir wünschen …«

Er wurde unterbrochen, als ein weiterer Mann ins Verhörzimmer platzte. Ich erkannte ihn sofort. Das kurze blonde Haar, das strenge Gesicht, den sportlichen Körper eines Marathonläufers. Dr. Jubel Mozart, der Glücksminister.

»Raus hier!«, herrschte er Stiller an. »Sie wurden von dem Fall entbunden.«

»Wurde ich nicht!«, schnappte Stiller.

»Dann sind Sie es hiermit! Raus! Sie sind voreingenommen.«

»Und Sie nicht?«, rief Stiller, während er den strengen Augen des Ministers wutentbrannt stillhielt. »Sie etwa nicht? Ihr Sohn hat das Herz bekommen! Das ist überhaupt nicht …«

»Raus!«

»Sie vergessen, mit wem Sie sprechen! Ich werde bei meinem Schwiegervater Beschwerde einlegen!«

»Gehen Sie einfach.«

Happiness zog ihren Kollegen am Arm zur Tür. Und der Mann, den jeder in ganz Neustadt aus dem Fernsehen kannte, setzte sich mir gegenüber an den Tisch. Eine junge Frau schlüpfte herein, offensichtlich eine Assistentin, denn er nickte ihr zu. »Nehmen Sie ihr die Handschellen ab und bringen Sie dem Mädchen ein Glas Wasser, Monia.«

Ich rieb mir die schmerzenden Handgelenke. Monia verschwand, dafür betrat eine ältere Frau mit eisengrauen Haaren das Zimmer. »Ist sie das?«

»Nicht«, befahl der Minister streng. »Geh, Truth. Ich habe dir gesagt, das ist zu früh. Wir wissen noch gar nichts. Geh!«

Aufschluchzend legte die Frau die Hand vor den Mund und eilte hinaus.

Ich sah ihr nach. »War das Truth Mozart? Von Kids-for-freedom?« Das musste ich Moon erzählen.

Meine Gedanken waren wirr, sprangen hierhin und dorthin. Ich hatte Mühe, den Blick auf den Minister zu lenken. Stillers Drohungen hallten noch in mir nach.

Eine Zelle. Eisentüren. Auf dem Bett liegen. Spender. Phil. Star und der blutende Fleck in ihrem Rücken.

»Ja, das ist sie«, sagte Dr. Mozart. Er seufzte.

Nahm das Glas Wasser entgegen, das Monia brachte, und reichte es mir.

Ich trank. Komisch, ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich durstig war.

Wie lange war ich schon hier? Meine Beine fühlten sich taub an, mein Rücken schmerzte. Lichtpunkte tanzten vor meinen Augen. Das Wasser schmeckte gut, süß und klar, und vertrieb die nachtdunkle Bitterkeit in meiner Kehle.

»Wie ist es für dich, zu fühlen?«, fragte er.

Ich antwortete nicht sofort. Er wartete, und mir schien, dass er wirklich eine ehrliche Antwort haben wollte.

»Erschreckend«, sagte ich schließlich. »Da ist viel mehr Unglück, als ich erwartet habe. Und«, fügte ich hinzu, »viel mehr Glück.«

Er nickte. »Du weißt, warum ich hier bin?«

»Ihre Tochter ist eine Jägerin.« Zum ersten Mal sah ich ihn richtig an. Er wirkte erschöpft, nicht so glatt wie im Fernsehen, und dennoch kam er mir noch mächtiger und stärker vor. Dagegen fühlte ich mich klein und unbedeutend. In seiner Nähe war nur Savannah wichtig. Ein Mädchen mit langen blonden Haaren, ein Mädchen, das fast so wie Moon aussah, das ihre Zwillingsschwester hätte sein können. Ein Mädchen, so schön, wie ich niemals sein würde.

Aber ich war das echte Kind meiner Eltern. Und seine Sorge war nicht mein Problem, denn Savannah war nicht einfach ein bildschönes Mädchen, das böse Männer gekidnappt hatten. Ich erinnerte mich an Orions große Hand auf ihrem Gesicht, an ihr Weinen und Japsen. Und ich dachte an Jakob.

Was mit Merton und Lumina geschehen war, ob die Jäger sie erwischt hatten oder nicht, würde ich wahrscheinlich nie erfahren.

»Ist sie tot?«

Jubel Mozart, einer der mächtigsten Männer von Neustadt. Und hier saß er mir gegenüber und wartete darauf, dass ich ihn von seiner Angst erlöste.

Trotzdem fühlte ich mich alles andere als stark. Nur traurig.

»Ich weiß nicht. Als ich weggegangen bin, hat sie noch gelebt.«

»Wie habt ihr sie überwältigt? Haben die Männer … wurde sie …?«

Orion und Gabriel, zwei Jungen in meinem Alter.

»Wir sind keine Wilden«, sagte ich. Im Gegensatz zu euch Regs, dachte ich dabei.

Er lächelte dünn, und in seinem Gesicht sah ich die ganze Verachtung, die er für die Menschen in den Wäldern empfand.

»Das sind alle da draußen«, sagte er. »Kriminelle. Kranke. Primitive, die in baufälligen Hütten hausen.«

»Wir beide wissen, warum das so ist«, sagte ich. Woher nahm ich den Mut? Ich dachte nicht darüber nach, wog meine Worte nicht ab. »Die Jäger zwingen sie, als Nomaden zu leben, immer auf der Flucht. Ihre Tochter hat Menschen umgebracht. Einen meiner Freunde.«

Das dünne, verächtliche Lächeln blieb. »Du trägst ihre Kleider und damit den Ortungschip. Wir wissen, wo der Hubschrauber gewesen ist, aber das reicht mir nicht. Wo ist die Gruppe hin? Wo verstecken sich die Entführer? Was haben sie mit ihr vor?«

Ich drehte das Wasserglas in meinen Händen. »Wie konnten Sie zulassen, dass Marty in dem Hubschrauber saß? Wie konnten Sie ein Kind mit auf die Jagd schicken?«

»Es war keine Jagd«, sagte er, ohne dieses vernichtende Lächeln abzustellen. »Nur ein Einsatz, um ein paar verschwundenen Jägern nachzuspüren. Ich hatte meinem Sohn versprochen, dass er demnächst mit darf, aber es schien mir in der Tat noch zu riskant, und so musste er sich mit dem Flug begnügen. Bist du jetzt zufrieden?«

Nein, war ich nicht. »Sie wollen ihn zu einem Jäger machen!« Das leugnete er nicht. Warum auch? Wir wussten beide, dass er stolz darauf war.

»Haben Sie ihn deshalb in ein Zimmer mit Phil gesteckt? Damit er lernt, seine Mitmenschen zu verachten?«

Seine Methoden waren wirkungsvoll, das hatte ich schon mitbekommen. Seine Tochter war eine Mörderin, und sein älterer Sohn blickte auf alle anderen Menschen herab. Was würde aus Marty werden?

»Wer ist Phil?«, fragte Minister Mozart.

Es hatte keinen Zweck. Er war wie jemand ohne Gefühle.

»Wir werden die Jäger losschicken«, sagte er. »Mehr als je zuvor. Du tust deinen Leuten einen Gefallen, wenn du mit uns zusammenarbeitest. Das ist die einzige Möglichkeit für dich, ihnen zu helfen. Willst du wirklich, dass wir in den Wäldern für Ordnung sorgen?«

Die Wildnis war riesig. Es war gar nicht so leicht, die richtige Gruppe zu finden. Und wahllos alle Menschen zu töten, die sich dort verbargen – ob er das wirklich riskieren würde, wenn Savannah irgendwo gefangen gehalten wurde?

»Sag es!« Er schlug mit der Faust auf die Platte, und in dem Moment, als er aufsprang und um den Tisch herumkam, warf ich mein Wasserglas.

Es prallte an ihm ab und zersprang auf dem Beton.

Lässig wischte er die Scherben mit der Schuhspitze beiseite.

»Eine Wilde«, sagte er. »Eine kleine Wilde.« Er hob den Kopf und betrachtete mich, als versuchte er, ein Rätsel zu lösen. »Mehr bist du nicht?«

Ein Fingerschnipsen, und Monia sowie ein fremder Mann im grauen Anzug traten ein.

»Lasst sie duschen und steckt sie in normale Kleidung. Meinetwegen stattet sie mit einer Garderobe meiner Frau aus. Ich will die Jagdtracht meiner Tochter haben. Dann bringt das Mädchen nach Hause.«

Er ließ mich einfach so gehen? Ich hatte mit allem gerechnet, nur damit nicht.

»Keine Einschüchterungen, keine Drohungen. Bringt sie zurück, gebt ein paar harmlose Erklärungen ab, verpasst ihr die Welle.« Jetzt endlich offenbarte die ruhige, autoritäre Stimme das ganze Ausmaß seiner Wut. »Lasst den Glücksstrom nicht abreißen.«

Auf dem Absatz drehte er sich um und verschwand.

Und ich begriff.

Die Strafe. Was er mir antat. Dass ich es mir vor kurzem noch voller Inbrunst gewünscht hatte, dass ich mit Herz und Seele darum gefleht hatte, nichts mehr zu empfinden, war vergessen.

Er nahm mir meine Gefühle.

Drohungen waren nicht nötig. Sobald ich in meiner Wolke dahinschwebte, würde ich ihm alles erzählen, was er wissen wollte. Dass sie zum Weißen Bach unterwegs waren, wo immer das sein mochte. Warum hatte Jeska es mir bloß gesagt? Denn bald würde es mich nicht länger kümmern, was mit Orion und meinen Freunden von den Damhirschen geschehen würde.

Was um alles in der Welt hatte mich geritten, in diesen verdammten Hubschrauber zu steigen? Ich würde alle verraten. Orion, an dem mein Herz hing. Gabriel. Alfred. Ricarda und Jeska und Benni. Paulus und Helm und Merton und Lumina.

Alle.

Und das Schlimmste war, es würde mir völlig gleichgültig sein.