31.
»Ich will nach Hause«, sagte ich. »Sie können sich nicht vorstellen, wie müde ich bin.«
Ich war schon im Auto eingeschlafen, und obwohl ich mich krampfhaft darum bemühte, die Augen offenzuhalten, war mein Körper stärker als ich. Dabei wollte ich jede Minute, jede Sekunde, die ich noch ich selbst war, bewusst erleben. Ich hatte mir gewünscht, meine Eltern zu sehen. Wenigstens einmal, bevor sie mich wieder in meine Wolke tauchten. Mit meinem Vater zu sprechen, in Erfahrung zu bringen, was er wusste, was er fühlte.
Doch die Beamten – Happiness Zuckermann, die alles andere als fröhlich aussah, und der graue Mann, der sich nicht vorgestellt hatte, den sie jedoch mit Anders anredete – fuhren mich direkt zur Schule.
»Ich kann doch jetzt nicht am Unterricht teilnehmen!«, protestierte ich. Höchstwahrscheinlich würde ich vor Erschöpfung vom Stuhl fallen. Anderseits war die Vorstellung von einem Tisch, auf dem ich die Arme abstützen und den Kopf drauf betten konnte, überaus verlockend.
Und ich würde Lucky wiedersehen.
Wie müde ich war, sah man schon daran, dass mir das erst jetzt einfiel. Lucky!
Wenn er überhaupt hier war. Hatten die Regs ihn und Moon einfach wieder zurück in ihr altes Leben geschickt? Oder vegetierten sie hinter Eisentüren vor sich hin? Stiller hatte sich geweigert, mir irgendetwas darüber zu erzählen.
In der Schule herrschte der übliche Lärm. Es war gerade Pause, die Schüler strömten die Treppen hinunter und füllten die Flure. Happiness und Anders flankierten mich wie Leibwächter, und mir entgingen die neugierigen Blicke der Schüler nicht. Graugewandete Regierungsbeamte waren eine interessante Abwechslung.
»Da geht es zu unserer Klasse«, sagte ich und steuerte auf die große Treppe in der Eingangshalle zu, doch Happiness packte mich am Arm und dirigierte mich in die andere Richtung.
Da wusste ich, warum ich hier war. An dem Ort, an dem Minderjährige ihre Glücksgabe bekamen.
»Nein«, sagte ich. »Nein, oh bitte!« Ich bohrte die Füße in den Fußboden, aber es hatte keinen Zweck. Anders fasste nach meinem anderen Arm, und gemeinsam schleiften sie mich weiter. »Bitte! Ich möchte wenigstens meine Freunde vorher sehen. Lassen Sie mich einmal in meine Klasse! Und zu meinen Eltern. Geben Sie mir eine Stunde!«
»Hör auf zu zappeln«, sagte Happiness Zuckermann schroff.
Lass den Glücksstrom nie abreißen, stand groß an der Wand. Die übliche Traube an Schülern, die auf ihre Welle warteten, hatte sich vor der Praxis von Dr. Händel versammelt. Meine Begleiter marschierten ungerührt an der Schlange vorbei.
Frau Zuckermann öffnete die Tür, ohne zu klopfen. Wahrscheinlich legten die Regs es gerne darauf an, jemanden bei was auch immer zu ertappen.
Felix grüßte uns lächelnd. Dr. Händel war nicht da, und stattdessen saß ein Unbekannter auf seinem Drehstuhl. Er schob den Ärmel des Jungen, den er gerade behandelte, wieder über die Einstichstelle, dann erst wandte er sich den ungebetenen Besuchern zu.
»Oh, Sie sind’s. Es ist alles bereit.«
»Was ist mit Dr. Händel passiert?«, wollte ich wissen.
»Mein Vorgänger wurde versetzt«, erklärte der neue Arzt. Er war jünger, eifrig, und machte den Eindruck von Kompetenz und Effizienz. »Nach diversen Vorkommnissen, an denen du, junge Dame, nicht ganz unschuldig bist, wie ich hörte. Ich bin Dr. Aristoteles. Setz dich. Peas Friedrichs, ja?«
Happiness drückte mich auf die Patientenliege und setzte sich daneben. Wahrscheinlich befürchtete sie, ich könnte aufspringen und abhauen, direkt vor ihrer Nase. Aber wohin sollte ich fliehen? Selbst wenn es mir gelang, aus diesem Zimmer zu entkommen und durch ein Fenster zu springen und zu rennen, zu rennen, immer weiter … wohin dann?
Es gab keinen Ausweg.
Als ich die kühle Spritze an meiner Haut spürte, biss ich die Zähne zusammen, um mich gegen den Schmerz zu wappnen. Trotzdem liefen mir die Tränen die Wange hinunter. Vielleicht die letzten Tränen meines Lebens.
Die Beamten brachten mich bis vor die Haustür. Meine Mutter öffnete, und der überwältigende Geruch von Farbe und Lösungsmitteln stieg mir in die Nase, gemischt mit einem undefinierbaren Aroma. Apfel? Aber mittlerweile wusste ich, wie echte Äpfel rochen. Ich hatte den Geschmack noch auf der Zunge. Kleine, wilde Äpfel, so sauer, dass die Zähne davon stumpf wurden, und doch so saftig und aromatisch, dass man versucht war, zu viele davon zu essen. Jeska hatte mir den knorrigen Baum gezeigt, in dem sie hingen, und wir hatten den Frauen, die die Gänse zubereiteten, einen Korb voll davon mitgebracht.
»Pia?« Meine Mutter blinzelte überrascht. »Wo kommst du denn auf einmal her?«
Sie sah aus wie immer. Ein paar gelbe Farbtupfer auf der Stirn, auf ihrem Kopftuch, das sie immer zum Malen trug.
»Mama«, flüsterte ich. Ich wollte in ihrer Umarmung versinken, wünschte mir, dass sie mich tröstete.
»Guten Tag, Frau Friedrichs«, sagte Anders mit einem kühlen Lächeln. »Ihre Tochter ist von ihrem Schüleraustausch mit Glücksstadt zurück.«
Meine Mutter war immer noch etwas verwirrt, doch sie nickte strahlend. »Ach, dann bist du ja gar nicht tot. Aber solltest du um diese Uhrzeit nicht in der Schule sein, Pia?«
»Heute darf sie ausnahmsweise zu Hause bleiben und sich ausschlafen«, erklärte Happiness. Sie gab mir einen kleinen Schubs, sodass ich über die Schwelle stolperte. »Tja, dann. Man sieht sich.«
Ich sagte nicht Auf Wiedersehen. Sie würden wiederkommen, das war mir durchaus klar. Und mich befragen. Und ich würde ihnen alles sagen, was ich wusste.
»Wir hatten eine Einäscherungsfeier für dich«, sagte meine Mutter, sobald sich die Tür hinter den Beamten geschlossen hatte. »Das muss ein Irrtum gewesen sein, denn du lebst, wie man sieht. Was für eine nette Überraschung.«
Sie ging zu ihren Töpfen, ihren Leinwänden zurück, aber ich hielt sie auf. Ich schloss sie in die Arme, ich atmete den Farbgeruch und das künstliche Aroma der Äpfel tief ein.
»Nein«, sagte ich. »Ich bin nicht tot. Ich bin wieder da. Oh Mama, es tut mir so leid.«
Sie machte sich wieder frei. »Du, ich muss arbeiten. Geh in dein Zimmer, alles ist schön aufgeräumt. Wenn du Hunger hast, der Kühlschrank ist voll.«
»Ja«, sagte ich leise, »danke. Ich komm schon zurecht.«
Ich sah ihr eine Weile zu, wie sie mit dem Pinsel ein Muster vollendete.
Wunderte mich über meine Traurigkeit.
Wieder kamen neue Tränen.
Ich brauchte nichts zu essen. Im Wald hatte ich nicht genug bekommen können, doch jetzt hatte ich keinen Hunger mehr. Auf Zehenspitzen erkundete ich die Wohnung, mein Herz flatterte. Wie fremd alles war, wie vertraut in dieser Fremdheit. Kühl schien es mir, trotz der bunten Farben. Mein schönes Zimmer, das ich geliebt hatte, fühlte sich nicht an wie ein Zuhause, sondern leer und genauso künstlich wie der Apfelduft in der ganzen Wohnung.
Ich rollte mich unter der Decke zusammen und floh in den Schlaf.
»Hallo, Kleines.«
Mein Vater saß an meinem Bett. Er berührte meine Stirn, strich mir über den Kopf.
»Deine Haare sind gewachsen.«
»Ja«, sagte ich. »Ich bin auch gewachsen.«
Ich setzte mich auf. Am liebsten wäre ich auf seinen Schoß gekrochen, hätte seine Umarmung gespürt, doch das hatten wir nie getan, und ich brachte es nicht fertig, jetzt damit anzufangen.
»Sie haben uns gesagt, du seist tot. Wir haben eine Trauerfeier abgehalten in der Halle des Glücks. Du lagst im Sarg, ich habe dich mit eigenen Augen gesehen.«
»Es ist bloß ein Hologramm. So wie bei Phil. Der schien auch im Sarg zu liegen, und dann war es bloß Luther.«
»Wie bitte? Wovon sprichst du?«
»Luther lag im Sarg, bei Phils Feier«, wiederholte ich. »Dein Kollege. Der an Morbus Fünf gestorben ist.«
»Dein Anruf …« Er zögerte.
Ich würde ihm alles sagen, wenn er fragte. Oder? Besonders geschwätzig fühlte ich mich allerdings nicht. Eher vorsichtig. Es war seltsam, zu Hause zu sein, zu erwarten, dass alles war wie immer, und festzustellen, dass es nie wieder so sein konnte wie vorher. Eine Fremde zu sein.
Was war eigentlich mit mir los? Wo war meine graue Wolke? Wieso waren die Gedanken noch da, herrschte in mir eine Klarheit wie nie zuvor?
Ich konnte immer noch fühlen.
Traurigkeit, weil meine Mutter sich so distanziert verhielt. Weil es sie nicht besonders interessierte, ob ich lebte oder nicht. Sie nahm alles hin, wie es kam. Und mein Vater musterte mich … froh, ja, aber auch misstrauisch.
»Wo bist du gewesen?«, fragte er. »Ich war am Treffpunkt, aber es ist niemand gekommen.«
Die Beamten hatten mir eingeschärft, nichts über die Wildnis zu erzählen. Bei aller Fröhlichkeit und Gleichgültigkeit machte der Gedanke an Krankheit doch alle nervös, und sobald auch nur der Verdacht aufkäme, wo ich wirklich gewesen war, zwischen dreckstarrenden Menschen und unbehandelten Pflanzen, würde man mich für eine ansteckende Plage halten.
Es gab eine Grenze für die Lustigkeit in Neustadt.
»Ich war in Glücksstadt.« Dabei hätte ich ihm so gerne die Wahrheit erzählt. Ihn gefragt, was er darüber dachte. Ihn gebeten, mir Absolution zu erteilen für das, was ich getan hatte. Doch ich wagte es nicht, denn auch er zeigte mir nicht, ob und was er fühlte. Er nahm mich nicht in den Arm.
Ich musste vorsichtig sein. »Wir hatten eine wirklich schöne Zeit. Ich glaube, die Unterlagen sind irgendwie durcheinandergeraten, deshalb wurde ich gar nicht wieder abgeholt, und hier dachten sie offenbar, ich hätte einen Unfall gehabt.«
»Was war das für ein Anruf?«, hakte er nach.
Dafür hatte ich mir keine Geschichte zurechtgelegt, und auch die Beamten, die nichts davon wussten, hatten mich nicht mit vorgekauten Lügen versorgt.
»Ich war in Schwierigkeiten.« Ich musste auf die Schnelle improvisieren, doch meine klaren Gedanken ließen mich nicht im Stich. Sie waren wieder da. Sie waren strahlendweiß und kalt und schneidend, wie medizinische Instrumente. »Da waren so ein paar Typen … ich hab mir Geld geliehen und Schulden gemacht, die ich nicht zurückzahlen konnte.«
»Wofür?«
»Siehst du, was ich anhabe? Das ist alles von Kids-for-Freedom. Ich wollte Moon beeindrucken, wenn ich zurückkomme.«
Er nickte; das schien also glaubhaft.
»Sie wollten mit Morbus Fünf angeben, glaube ich. Leute erschrecken oder so.« Nein, ich würde nichts über Alfred sagen. Über Gabriel. Über einen Plan, der die Jäger noch erbitterter morden lassen würde.
»Damit spielt man nicht«, sagte mein Vater ernst.
Ich lachte ein bisschen, so wie Moon gelacht hätte. So zu tun, als stünde ich irgendwie neben mir, war nicht schwer.
»Krankheiten sind keine Spielsachen«, murmelte er, immer noch in Gedanken. Als wenn ich ihn nicht hören könnte. »Ich weiß wirklich nicht, was ich getan hätte. Hoch ansteckend. M Fünf! In den falschen Händen eine Waffe.«
Mein Verstand sagte mir, dass ich diese Gelegenheit unbedingt nutzen sollte. »Eine Waffe? Klingt lustig«, sagte ich. »Der neue Mensch benutzt doch keine Waffen mehr.« Ich grinste dümmlich. Wie hätte ich mich früher verhalten, in meiner Wolke? Wie musste ich mich benehmen, um keinen Verdacht zu erregen? Um seinen Argwohn zu zerstreuen, dass jemand einen Krieg plante, gegen die Jäger?
Vielleicht hatte er vergessen, wie ich mich sonst immer verhalten hatte. Vielleicht war ich unsichtbar gewesen in meiner grauen Wolke, sogar für ihn.
Er seufzte, rieb sich die Augen, starrte an die Wand. »Ich hätte ihnen die Probe nicht gegeben«, sagte er. »Sondern die Wachen gerufen und sie festnehmen lassen, bevor sie dumm genug sind, sich selbst zu schaden. Manche Halbstarken kennen keine Grenzen, Peas. Sie glauben, sie seien unsterblich. Von solchen Typen solltest du dich fernhalten. Am Ende hätten sie das Morbus Fünf ausprobiert, einfach um festzustellen, wie es ist, krank zu sein, und wir hätten sie in die Wildnis verbannen müssen.«
»So leichtsinnig wäre doch niemand«, sagte ich, obwohl mir ein kalter Schauer den Rücken hinunterlief.
»Aber jetzt genug davon. Es ist ja alles gut gegangen, denn hier bist du, und die Jugendlichen, die so einen schlechten Einfluss auf dich ausgeübt haben, sind in Glücksstadt, nicht wahr?«
Warum hatte ich mir eigentlich nie zuvor Gedanken über meinen Vater gemacht, woran er arbeitete und warum? Über den Zweck des Bio-Instituts? Wer war er? Was fühlte er, wenn er nach Hause kam und seine Familie ihn empfing – eine Frau im Glücksrausch und eine benebelte Tochter, die überall anstieß?
Meine Kehle war wie zugeschnürt, ich konnte kaum schlucken. Etwas stimmte hier nicht. Warum spürte ich das? Woher kamen die Angst und die brennende Erwartung und das Heimweh? Wie seltsam, von allen Gefühlen ausgerechnet Heimweh, hier zu Hause.
»Ich möchte Moon anrufen«, sagte ich, und auch diesem Wiedersehen sah ich mit gemischten Gefühlen entgegen. Warum? Wie konnte alles, woran ich dachte, einen Nerv berühren, der mir Schmerzen verursachte? »Aber ich hab keinen Tom mehr.«
Mein Vater seufzte schwer. Unvorhergesehene Anschaffungen versetzten ihn nie in Euphorie.
Es war sehr früh am Morgen; ich hatte den Tag und die halbe Nacht verschlafen. Mein Vater trank seinen Ersatzkaffee, sein Gesicht war wie ein Kunstwerk, das er vor langer Zeit modelliert hatte und das sich nicht mehr ändern ließ. Da begriff ich, dass es mehr als eine Art gab, ohne Gefühle zu leben.
Meine klaren Gedanken sagten: Sieh hin, so ist es, das ist Neustadt. Sie lügen, alle. Jeder hat Gefühle. Wir tun nur so, als hätten wir sie nicht.
Mein Herz nahm das alles nicht so gelassen. Wieder sammelten sich Tränen in meinen Augen. Es war sehr schwer, sie nicht zu weinen.
Meine Mutter überlegte laut, ob sie mir eine Entschuldigung schreiben sollte, weil ich keine Hausaufgaben hatte. Sie kam mir so naiv und verwirrt vor. Sich Sorgen wegen Hausaufgaben zu machen, wenn die tot geglaubte Tochter gerade aufgetaucht war – war das nicht verrückt? Ich versuchte, es lustig zu finden, während der Schmerz über ihre Gleichgültigkeit sich glühend auf mein Herz zubewegte wie ein tödliches Projektil aus der Waffe eines Jägers.
Da ich keinen Tom hatte, konnte ich niemanden vorwarnen. Die Schüler im Bus interessierten sich nicht für mich; vielleicht hatten sie mitbekommen, dass ich den Sommer über verschwunden war, aber dann hatten sie es wohl schon längst vergessen. Gestern war ich in der Schule gewesen – ob sich das herumgesprochen hatte?
Nein, hatte es nicht. Wie Moon mich anstarrte, als ich ins Klassenzimmer trat und meinen alten Platz ansteuerte, sprach Bände.
»Pi? Pi, du bist wieder da!« Sie sprang über Tische und Stühle und drückte mich an sich. Lachte.
Und sie war schön, so wunderschön, wie ich es in Erinnerung hatte. Moon, strahlend, Moon, in die jeder Junge verliebt war, soweit jemand aus Neustadt überhaupt verliebt sein konnte. Sie war schöner als Savannah mit den kalten Jägerinnenaugen, sie war ein Mädchen, das leuchtete. Ganz anders als Savannah, die aus derselben Schublade stammte. Wie hatte ich die beiden auch nur einen einzigen Augenblick lang verwechseln können?
»Wir haben dich vermisst«, rief Moon.
Wie viele es wohl noch von ihnen gab? Ein teures Modell, das sich nicht viele leisten konnten.
»Das bezweifle ich«, sagte ich freundlich. Und verstummte abrupt, denn vor mir stand derjenige, den ich am allermeisten vermisst hatte.
Lucky.